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Berührende Miniaturen voller Poesie, Verzweiflung, Schicksal und echter Liebe Mit ein paar Crèmeschnitten, die anstatt im Abfallcontainer eines Grossverteilers in einem Obdachlosenheim landen, gewinnt die Autorin das Vertrauen der Bewohner. Sie erzählen von ihrer tiefen Sehnsucht, von Karriere und Ruhm und von dem Moment, in dem sie aus der Normalität gekippt sind. Hélène Vuilles Geschichten berühren und bringen zum Staunen: Wieviel Wärme und Weisheit lebt in diesen Menschen, die keine Erwartungen ans Leben mehr haben. Schier unglaubliche Schicksale aus der Welt auf der Rückseite des Bahnhofs. Die Menschen, die in diesem Buch portraitiert werden, haben so gar kein himmlisches Leben. Sie wünschen sich ins Paradies, müssen sich aber mit irdischen Kümmernissen herumschlagen. Gestrandet sind sie in einem Haus für Obdachlose, nach teilweise schlimmen Erlebnissen. Erlebnisse, von denen die meisten von uns verschont bleiben. Oder für deren Verarbeitung sie eine gute Ausrüstung mitbekommen haben, die den grössten Schaden verhindert. Psychologen und andere Fachleute nennen eine solche Ausrüstung Resilienz. Man weiss noch nicht genau, warum manche Menschen über mehr Resilienz verfügen als andere und damit etwa eine lieblose Kindheit relativ unbeschadet überstehen. Aber diese Kraft ist ausschlaggebend dafür, wie wir mit der Wirklichkeit zurecht kommen, und sie fehlt den Menschen, die uns in diesem Buch begegnen, zunächst. Ebenso fehlt ihnen die Erfahrung, dass ihre Geschichten überhaupt jemanden interessieren könnten. Dass jemand Anteil nimmt. Hélène Vuille nimmt Anteil und interessiert sich. Sie urteilt nicht und bewertet nicht. Sie öffnet uns die Tür in einen Teil der Welt, der für uns meist unsichtbar bleibt und der überhaupt nicht unserer Vorstellung vom Himmel entspricht. Die Namen der Menschen, des Heims und der Strasse(n) wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2017
Für René und Raphael.
Und für all die Menschen, dir mir ihre Geschichte erzählt haben.
Hélène Vuille
Im Himmelgestrandet
Menschen auf der Rückseite des Lebens. Portraits.
© 2012 Faro im Fona Verlag AG, CH-5600 Lenzburg
www.faro-buch.ch
Lektorat
Karin Hagemeister, Frankfurt
Gestaltung
FonaGrafik, Hiroe Mori
e-Book
mbassador GmbH, Luzern
ISBN 978-3-03781-042-2eISBN 978-3-03781-053-8
Inhalt
Vorwort
Mondostrasse 79
Lisa
Leo
Beni
Gerhard
Albert
Magnus
Tomi
Werni
Bella
Manuel
Gabriel
Ich
Zeno
Asad
Mauro
Luki und Norbu
Maurice
David
Reto
Nicanor
Fernando
Nima
Marion
Jan
Jan der Zweite
Hansli
Weihnachten
Der Anfang
Nachwort
Autorin
Vorwort
Im Himmel gestrandet – was für ein seltsamer Titel. Stranden tut man doch nicht freiwillig, und den Himmel stellen wir uns schön vor, oder nicht? Also das klingt zunächst paradox.
Die Menschen, die wir in den folgenden Geschichten kennenlernen, haben so gar kein himmlisches Leben. Sie wünschen sich ins Paradies, müssen sich aber mit irdischen Kümmernissen herumschlagen. Gestrandet sind sie in einem Haus für Obdachlose, nach teilweise schlimmen Erlebnissen. Erlebnisse, von denen die meisten von uns verschont bleiben. Oder für deren Verarbeitung sie eine gute Ausrüstung mitbekommen haben, die den grössten Schaden verhindert. Psychologen und andere Fachleute nennen eine solche Ausrüstung Resilienz.
Man weiss noch nicht genau, warum manche Menschen über mehr Resilienz verfügen als andere und damit etwa eine lieblose Kindheit relativ unbeschadet überstehen. Aber diese Kraft ist ausschlaggebend dafür, wie wir mit der Wirklichkeit zurecht kommen, und sie fehlt den Menschen, die uns in diesem Buch begegnen, zunächst.
Ebenso fehlt ihnen die Erfahrung, dass ihre Geschichten überhaupt jemanden interessieren könnten. Dass jemand Anteil nimmt.
Hélène Vuille nimmt Anteil und interessiert sich. Sie urteilt nicht und bewertet nicht.
Sie öffnet uns die Tür in einen Teil der Welt, der für uns meist unsichtbar bleibt und der überhaupt nicht unserer Vorstellung vom Himmel entspricht.
Die Namen der Menschen, des Heims und der Strasse(n) wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Mondostrasse 79
Ich biege ein in die Mondostrasse. An der Kreuzung steht Gabriel. Schon von weitem erkenne ich ihn an seiner Haltung. Mit Zeige- und Mittelfinger vor dem Mund bedeutet er jedem, der an ihm vorbei fährt, dass er ‹Stoff› zu verkaufen hat.
«Nur für meinen Tagesbedarf», hat er mir erklärt – und «dass ich für meine Kinder etwas zu essen kaufen kann.»
«Hast du Cremeschnitten oder Mohrenköpfe?» fragt er mich jetzt, bevor ich den Deckel meines Kofferraumes öffne. Ich habe, und seine Augen strahlen.
«Klar», sagt er auf meine Bitte – und jetzt ist seine Haltung die eines charmanten Kavaliers –, «klar helfe ich dir, all die grossen Schachteln und Plastiksäcke mit den leckeren Sachen ins Haus zu tragen.»
Wie jeden Dienstag und Donnerstag habe ich die Tagesfrischprodukte nach Ladenschluss an der Gourmessabar abgeholt, um sie an die Mondostrasse 79 zu bringen.
«Warte!», ruft Lisa, als sie uns sieht. «Hättest du vielleicht ein Birchermüesli für meinen Sohn?» fragt sie mich, bevor Gabriel die letzte Schachtel ins Haus trägt. «Du weißt», fügt sie hinzu, «er hat keine Zähne mehr.»
Lisa
Lisa kennt die Zeit, zu der ich komme, und meist wartet sie bereits. Sie hat mir die Geschichte ihres Sohnes erzählt, vom schlechten Einfluss seiner Freunde und wie sehr sie als Mutter gerade das unterschätzt habe. Sie hat mir erzählt, dass er eines Tages nicht mehr zurückgekehrt sei nach Hause – wie verzweifelt sie vergeblich nach ihm gesucht habe – und dass er dann doch wieder vor ihrer Tür stand. Abgemagert, schwach und gezeichnet von seiner Krankheit. «Seitdem lebt er bei mir», hat sie mir gesagt, «damit ich mich um ihn kümmern kann. Du weisst, Birchermüesli tun ihm gut wegen den Vitaminen, und dazu ein weiches Brötchen vielleicht», mehr wolle sie nicht, sagt sie, bevor sie sich wieder auf den Heimweg macht.
Sehr oft habe ich noch an Lisa gedacht, an ihre unvoreingenommene, ehrliche Art, an ihre grossen traurigen Augen, gezeichnet von ihrer eigenen Geschichte, und habe mich gefragt, wie viel sie mir wohl zu erzählen gehabt hätte. Eines Tages ist sie nicht mehr gekommen.
Leo
Die Bewohner der Mondostrasse 79 haben mich eingeladen, mit ihnen Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Leo freut sich, dass wir nebeneinander sitzen. Auch heute erzählt er von seinen Tieren und von seinem Zoo, und alle, die am Tisch sitzen, hören ihm aufmerksam zu. «Es ist schönes Wetter», meint er, «und mein Zoo ist geöffnet – ich lade dich gerne zu einer Besichtigung ein.»
Schon auf dem Weg in sein Zimmer beeindruckt er mich mit seinem unglaublich grossen Wissen über die Wirbeltiere, die ihn besonders interessieren. Er erklärt mir, dass Vögel und Säugetiere unabhängig voneinander aus den Reptilien hervorgegangen und dass gerade diese Arten in Intelligenz, Sinnesleistung und Versorgung ihrer Nachkommenschaft allen übrigen Tieren überlegen sind. «Wir gehören auch zu den Säugetieren», sagt er stolz, während er die Tür zu seinem Zoo öffnet, «doch jetzt müssen wir leise sein, damit sie sich nicht erschrecken.»
Aufgereiht in Reih und Glied und nach Arten getrennt, sehe ich Hunderte von Tieren, und alle schauen sie in dieselbe Richtung.
«Durchschnittlich sind Wirbeltiere viel grösser als wirbellose Tiere; die Fische sind die kleinsten, deshalb schwimmen sie auf dem Bettrand», sagt er, während er mir ihre Unterscheidungsmerkmale erklärt. Behutsam nimmt er einen Fisch aus der vordersten Reihe, um mir die Lage der Bauch-, Rücken- und Schwanzflossen zu zeigen. In der nächsten Reihe dann, ein wenig erhöht auf der Matratze, stehen, liegen oder sitzen sie alle, die verschiedenen Froscharten, Kröten, Salamander und Molche. «Mein Amphibienbereich», sagt er, «sie haben jenen wichtigen Schritt der Entwicklung vom Wasser aufs Land getan – sie werden im Wasser geboren und leben auf dem Land.» Und wirklich: In der hintersten Reihe auf dem Bettrand entdecke ich drei winzige Kaulquappen.
«Die Kriechtiere brauchen mehr Platz. Wenn du dich ruhig verhältst, tun sie dir nichts», sagt er, während ich aufpasse, wo ich mich hinstelle. «Meinen Reptilienbereich habe ich in Gruppen aufgeteilt», erklärt er mir, «vorne die Zaun-, Berg- und Mauerechsen – sie bevorzugen die Nähe des Wassers, und sie lieben Insekten. Deshalb wohnen sie direkt unter dem Bettrand.» In der zweiten Reihe, dicht und eng nebeneinander liegend und alle in dieselbe Richtung schauend, finden sich die Blindschleichen und Schildkröten, gefolgt von den Krokodilen und Schlangenarten.
«Die grosse Attraktion in meinem Zoo sind die Giftnattern, die Seeschlangen und die Vipern. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Sie sind gefüttert, und sie schlafen bereits unter dem Bett», beruhigt er mich.
Auf dem Vorhangbrett und auf den Regalen sehe ich überall Vögel. Leo liebt seine Vögel und er redet mit ihnen – und auch sie schauen alle in dieselbe Richtung. Er nimmt den einen oder anderen vorsichtig in seine Hand, um mir sein dichtes Federkleid, seine besondere Form oder seine prächtige Farbe zu zeigen – oder einfach deshalb, weil er so schön singen kann. «Ich liebe es, vor dem Einschlafen ihrem Gesang zuzuhören», sagt er.
Weil heute schönes Wetter ist, dürfen die grösseren Vögel auf das Fensterbrett – sie sind die einzigen, die in eine andere Richtung schauen.
Leo ist glücklich. Er fühlt sich wohl, wenn er all seine Tiere um sich hat. Vom Fenstersims nimmt er ein Vogelnestchen mit einer Blaumeise, die auf ihren Eiern sitzt und brütet.
Mit seiner roten Mütze, den immer gleichen, rot gestrickten Socken, den Hosenträgern, die seine viel zu grossen Hosen so zusammenhalten, dass sie gerade seine Knie verdecken, und mit seiner grau-grün-karierten Jacke dreht er sich nun zu mir um. Er streckt mir die kleine Blaumeise entgegen und fragt mich: «Würdest du mich heiraten? Das nächste Mal jedoch, wenn du kommst, müsstest du mir eine neue Hose bringen, Grösse 46, ein Bananen- und ein Mokkayoghurt – schliesslich bin ich Zoodirektor.» Ich bin gerührt und erkläre ihm, dass ich schon verheiratet bin. «Macht nichts», sagt er. «Du könntest deine Familie ja mitbringen – Hauptsache, du wohnst bei uns.»
Beni
Beni wartet. Wie so oft sitzt er draussen auf der Treppe, raucht eine Zigarette und wartet. Nur selten sitzt er drinnen. Er sitzt so, dass er mir den Rücken zukehrt. Ich weiss aber, dass er mich wahrgenommen hat, und ich weiss auch, dass er wartet, bis ich mich zu ihm setze, um mit ihm zu reden. Meistens trägt er schwarze Trainerhosen und eine rote Fleecejacke. Mit seiner direkten, ungefilterten Sprache ist er nicht zu überhören. Häufig ist es die Sprache der Verzweiflung. Doch immer wieder erlebe ich, wie Beni mit grosser Sensibilität auf Menschen zugeht und wie sehr er sich für seine Mitbewohner einsetzt, wenn es ihnen schlecht geht – so schlecht manchmal, dass sie nicht reden wollen oder können. Dann ist es Beni, der versucht, mit seiner beruhigenden Seite auf sie einzuwirken. Und wenn die sanfte Seite nicht hilft, nimmt er die energische. Aber heute ist er selbst traurig – darüber, dass er es nicht geschafft hat, Albert zu trösten. Er streckt mir einen kleinen Zettel hin und einen Bleistift.
«Albert ist weggegangen», sagt er, «schreib ihm bitte! Ich werde ihm deine Nachricht auf das Bett legen, damit er sich freuen kann, wenn er zurückkommt.» Nur bei schlechtem Wetter sitzt Beni drinnen mit den anderen – immer auf demselben Stuhl, am selben Tisch, wie an diesem einen Abend, an dem sie alle dagesessen sind und gewartet haben: Gerhard sitzt in einer Ecke. Er freut sich und fängt an zu singen, als er mich sieht. Er liebt Opern und singt eine Arie aus der ‹Entführung aus dem Serail›. Gleichzeitig versucht er, sich eine Zigarette anzuzünden, doch der Alkohol über all die Jahre hat seine Hände zittrig gemacht – so zittrig, dass er sich beinahe mit dem Zündholz verbrennt. Beni sitzt in der Ecke gegenüber und beobachtet, was geschieht. Er steht auf, nimmt Gerhard die Zigarette samt Zündholz aus der Hand, zündet sie an und sagt: «Gerhard sieht halt nicht mehr so gut.»
