Verlag: Heyne Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Im Kabinett des Todes - Stephen King

Eindringlich, unheimlich, unwiderstehlich – Stephen King in Bestform14 düstere Überraschungen, blutige und unblutige, die von der unbändigen Schaffenskraft eines Autors zeugen, der als Größter seines Faches anerkannt wird. Unter den preisgekrönten Storys befindet sich auch die Erzählung »Der Mann im schwarzen Anzug«, die mit dem O.-Henry-Preis ausgezeichnet wurde, dem renommiertesten Literaturpreis für Kurzgeschichten.

Meinungen über das E-Book Im Kabinett des Todes - Stephen King

E-Book-Leseprobe Im Kabinett des Todes - Stephen King

DAS BUCH

Stephen King schrieb seine erste Kurzgeschichte mit 21 Jahren. Seitdem hat er eine Vielfalt von Romanen veröffentlicht, die ihren Siegeszug in die Welt angetreten haben. Doch seine Story-Bände sind bei Kritik und Publikum nicht minder erfolgreich als seine Romane.

Das Kabinett des Todes umfasst vierzehn düstere Storys. Die atemberaubenden Geschichten dieser Sammlung ziehen den Leser in ihren Bann, egal, ob er sich mit Howard Cottrell als Scheintoter im »Autopsieraum vier« befindet oder in »Alles endgültig« mit dem jungen Dinky Earnshaw leidet, dessen Traumjob sich als höllische Sackgasse entpuppt. In »Der Mann im schwarzen Anzug« zeigt King seine literarische Meisterschaft; für diese Geschichte erhielt er auch den O.-Henry-Preis. Ob es sich nun um Begegnungen mit Toten und fast Toten oder um Ehekrisen und Albträume anderer Art handelt: Stephen King ist immer in Höchstform.

DER AUTOR

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. Bei Heyne erschien zuletzt sein Bestseller Doctor Sleep.

Inhaltsverzeichnis

Ich tat Folgendes: Aus einem Pokerblatt nahm ich alle Pikkartenund einen Joker heraus. Ass bis König =1 bis 13, Joker= 14. Ich mischte die Karten, und die Reihenfolge, in der ich sie dann aufdeckte, wurde zur Reihenfolge der Geschichtenin diesem Buch – ausgehend von ihrem Platz auf einer Liste, die mein Verlag mir geschickt hatte. Dabei entstand tatsächlich ein sehr schönes Gleichgewicht zwischen den literarischenGeschichten und den Horrorstorys. Dann fügte ich den einzelnen Geschichten auch noch ein paar erläuterndeAnmerkungen bei – entweder davor oder dahinter, je nachdem, wo mir es passend erschien. Bei der nächsten Sammlung müssen dann Tarotkarten ran.

Über den AutorWidmungEinleitung: Wenn man sich einer fast ausgestorbenen Kunstform widmetAutopsieraum vierDer Mann im schwarzen AnzugAlles, was du liebst, wird dir genommenDer Tod des Jack HamiltonIm Kabinett des TodesDie Kleinen Schwestern von EluriaAlles endgültigL.T.s Theorie der KuscheltiereDer Straßenvirus zieht nach NordenLunch im Gotham CaféDieses Gefühl, das man nur auf Französisch ausdrücken kann1408AchterbahnDer GlüggsbringerÜbersetzernachweis/CopyrightvermerkCopyright

Für Shane Leonard

Einleitung: Wenn man sich einer fast ausgestorbenen Kunstform widmet

Über die Freude am Schreiben habe ich mich schon des Öfteren geäußert und halte es nicht für nötig, dieses Haschee hier so spät noch einmal aufzuwärmen, aber ich muss Ihnen etwas gestehen: Auch den geschäftlichen Teil meiner Arbeit betreibe ich mit dem leicht wahnhaften Vergnügen eines Amateurs. Ich murkse da gerne rum, reize alle möglichen Dinge aus und fremdbestäube Medien. Ich habe es mit Drehbuchromanen versucht (Der Sturm des Jahrhunderts, Rose Red), mit einem Fortsetzungsroman (The Green Mile) und mit einem übers Internet vertriebenen Fortsetzungsroman (The Plant). Es geht mir dabei nicht darum, noch mehr Geld zu verdienen, und eigentlich auch nicht darum, neue Märkte zu erschließen; nein, das Ziel dabei ist, den Akt, die Kunst und das Handwerk des Schreibens einmal mit anderen Augen zu sehen, dadurch frischen Wind in das ganze Verfahren zu bringen und die Erzeugnisse – mit anderen Worten: die Geschichten – so interessant und lebendig wie möglich zu erhalten.

Eigentlich habe ich eben »so neu und originell wie möglich« geschrieben, aber das habe ich der Ehrlichkeit halber wieder gelöscht. Also bitte, Ladys and Gentlemen: Wem kann ich denn jetzt nach all den Jahren noch was vormachen – außer mir selbst vielleicht? Ich habe meine erste Geschichte verkauft, als ich einundzwanzig und im ersten Jahr auf dem College war. Jetzt bin ich vierundfünfzig und habe eine Menge Worte durch den 1,4 Kilo schweren organischen Computer/Textverarbeiter gejagt, auf dem meine Red-Sox-Kappe sitzt. Geschichten zu schreiben ist für mich schon lange nichts Neues mehr, aber das bedeutet nicht, dass es seinen Reiz verloren hätte. Wenn mir jedoch zu diesem Thema nichts Neues, Interessantes mehr einfiele, würden die Geschichten sehr bald lahm und dröge. Ich will nicht, dass das passiert, denn ich will die Leute nicht betrügen, die meine Sachen lesen (das wären dann Sie, lieber treuer Leser), und ich will mich auch nicht selber betrügen. Schließlich geht das uns beide was an. Wir haben eine Verabredung miteinander. Wir sollten uns vergnügen. Wir sollten tanzen.

Dessen eingedenk will ich Ihnen Folgendes erzählen: Meine Frau und ich besitzen doch diese beiden Radiosender. WZON-AM, ein Sportsender, und WKIT-AM, der klassische Rockmusik spielt (»The Rock of Bangor«, wie wir immer sagen). Rundfunk ist heutzutage ein knallhartes Geschäft, zumal auf einem Markt wie Bangor, wo es zu viele Sender gibt und zu wenige Hörer. Wir haben zeitgenössische Countrymusik, klassische Countrymusik, Oldies, klassische Oldies, Rush Limbaugh, Paul Harvey und Casey Kasem. Die Sender von Steve und Tabby King schreiben seit vielen Jahren rote Zahlen – keine tiefroten, aber doch so, dass es mich nervt. Erfolg ist mir wichtig, verstehen Sie? Und obwohl wir bei den Einschaltquoten immer vorne lagen, standen wir am Jahresende doch stets mit Miesen da. Mir hat man das so erklärt, dass sich in Bangor einfach nicht genug Werbeeinnahmen erzielen lassen und dass sich schon zu viele Sender den Kuchen teilen.

Da kam mir eine Idee. Ich würde ein Hörspiel schreiben, dachte ich, so ähnlich wie die Hörspiele, die ich als Kind immer mit meinem Großvater in Durham, Maine, gehört hatte. Ein Halloween-Hörspiel, bei Gott! Ich kannte natürlich Orson Welles’ berühmte – oder berüchtigte – Halloween-Hörspielfassung von »Krieg der Welten«. Welles hatte die Idee (die absolut brillante Idee), H. G. Wells’ klassische Geschichte über die Landung der Marsmenschen als Abfolge von Nachrichtenmeldungen und Reportagen zu bringen. Und es funktionierte. Es funktionierte so gut, dass es eine landesweite Panik auslöste und sich Welles (Orson, nicht H. G.) in der nächsten Sendung von Mercury Theatre öffentlich entschuldigen musste. (Ich wette, er tat es mit einem Lächeln  – ich jedenfalls würde lächeln, wenn mir je eine so durchschlagende und überzeugende Lüge gelänge.)

Ich dachte, was bei Orson Welles funktioniert hatte, würde auch bei mir funktionieren. Statt wie in Welles’ Hörspiel mit Tanzmusik anzufangen, würde ich mit Ted Nugents Car Scratch Fever beginnen. Dann unterbricht einer unserer allseits bekannten Radiosprecher von WKIT die Musik. »Hier ist JJ West von WKIT News«, sagt er. »Ich bin hier in der Innenstadt von Bangor, wo sich gut tausend Menschen auf dem Pickering Square eingefunden haben und zusehen, wie sich ein großes, silbriges, scheibenförmiges Objekt dem Erdboden nähert ... Warten Sie mal, wenn ich das Mikro hebe, können Sie es vielleicht hören.«

Und schon wären wir mittendrin in der Geschichte. Ich könnte unser eigenes Equipment dazu nutzen, die Toneffekte zu erzeugen, könnte für die Rollen hiesige Laienschauspieler engagieren, und das Beste? Das Beste von allem? Wir könnten das Ergebnis aufzeichnen und an Radiosender im ganzen Land verkaufen! Die sich daraus ergebenden Einnahmen, dachte ich mir (und mein Steuerberater hat mir da Recht gegeben), wären »Einnahmen des Radiosenders« und nicht »Einnahmen durchs Schreiben«. Es wäre eine Möglichkeit, die fehlenden Werbeeinnahmen auszugleichen, und am Jahresende könnte der Sender tatsächlich schwarze Zahlen präsentieren!

Die Idee mit dem Hörspiel war sehr reizvoll, und die Aussicht darauf, meine Sender mit meinen schriftstellerischen Fähigkeiten in die Gewinnzone zu bringen, war ebenfalls sehr reizvoll. Und was geschah? Ich kriegte es nicht hin. Ich versuchte es und versuchte es, aber alles, was ich schrieb, hörte sich wie eine Erzählung an. Nicht wie ein Drama, das man vor seinem geistigen Auge ablaufen sieht (diejenigen, die alt genug sind, um sich noch an Radiosendungen wie Suspense oder Gunsmoke zu erinnern, werden wissen, was ich meine), sondern eher wie ein Hörbuch. Wir hätten es trotzdem verkaufen und damit ein bisschen Geld verdienen können, aber mir war klar, dass diesem Hörspiel kein Erfolg beschieden sein würde. Es war langweilig. Es wäre Betrug am Hörer gewesen. Es war Murks, und ich wusste nicht, wie ich es besser machen sollte. Das Hörspiel ist, so scheint es mir, eine ausgestorbene Kunstform. Wir haben die Fähigkeit verloren, mit den Ohren zu sehen. Früher konnten wir das mal. Ich weiß noch, wie ich im Radio irgendeinen Geräuschemacher mit den Fingerknöcheln auf einen hohlen Holzblock klopfen hörte ... und ganz deutlich Matt Dillon vor mir sah, wie er in seinen staubigen Stiefeln zum Tresen des Long Branch Saloons ging. Perdu. Diese Zeiten sind vorbei.

Das Drama in Shakespeares Stil – Komödien und Tragödien in Blankversen – ist ebenfalls eine ausgestorbene Kunstform. Die Leute gehen zwar immer noch zu College-Aufführungen von Hamlet oder König Lear, aber seien wir doch mal ehrlich: Wie würden sich diese Stücke im Fernsehen schlagen gegen Weakest Link oder Survivor Five: Stranded on the Moon, selbst wenn Brad Pitt den Hamlet spielen würde und Jack Nicholson den Polonius? Und obwohl die Leute immer noch in elisabethanische Ausstattungsstücke wie König Lear oder Macbeth gehen, ist das Genießen einer Kunstform doch himmelweit von der Fähigkeit entfernt, selbst ein neues Beispiel dieser Kunstform erschaffen zu können. Hin und wieder bringt immer noch jemand am oder off Broadway ein Blankversstück auf die Bühne, und es wird jedes Mal zu einem Reinfall.

Lyrik ist keine ausgestorbene Kunstform. Der Lyrik geht es besser denn je. Es gibt da natürlich die übliche Bande von Idioten (wie sich die Mad-Redakteure immer selber nannten), Leute, die Prahlerei mit Genialität verwechseln, aber es gibt auch viele brillante Lyriker. Schaun Sie im Buchladen mal in den Literaturzeitschriften nach, wenn Sie mir nicht glauben. Auf sechs grottenschlechte Gedichte kommen da ein oder zwei gute. Und das ist, glauben Sie mir, ein höchst akzeptables Verhältnis von Müll zu Meisterschaft.

Die Kurzgeschichte ist ebenfalls keine ausgestorbene Kunstform, aber ich möchte mal behaupten, dass sie dem Aussterben weit näher ist als die Lyrik. Als ich in dem wunderbar antiken Jahr 1968 meine erste Kurzgeschichte verkaufte, beklagte ich schon das ständige Schrumpfen der Märkte: Die Groschenhefte gab es nicht mehr, die Digests gab es nicht mehr, und die Wochenzeitungen (wie die Saturday Evening Post) starben gerade aus. Seither habe ich den Markt für Kurzgeschichten stetig weiter schrumpfen sehen. Gott segne die kleinen Zeitschriften, in denen Nachwuchsschriftsteller gegen ein paar Belegexemplare immer noch ihre Kurzgeschichten veröffentlichen können, und Gott segne die Redakteure, die immer noch unverlangt eingesandte Manuskripte lesen (zumal nach der Anthrax-Panik von 2001), und Gott segne auch die Verleger, die hin und wieder grünes Licht für eine Anthologie neuer Kurzgeschichten geben, aber Gott muss nicht Seinen ganzen Tag – und nicht mal Seine Kaffeepause  – darauf verwenden, diese Leute zu segnen. Zehn, fünfzehn Minuten reichen auch. Ihre Zahl ist klein, und jedes Jahr werden es ein paar weniger. Die Zeitschrift Story, ein Leitstern für junge Schriftsteller (damals auch für mich, obwohl ich nie etwas in ihr veröffentlicht habe), ist nun auch eingegangen. Die Zeitschrift Amazing Storys gibt es nicht mehr, trotz mehrerer Versuche, sie wieder zu beleben. Interessante Science-Fiction-Magazine wie Vertex sind eingegangen und natürlich auch Horrorhefte wie Creepy und Eerie. Diese wunderbaren Zeitschriften gibt es schon lange nicht mehr. Ab und zu versucht mal jemand, ihnen neues Leben einzuhauchen, und zur Zeit kämpft sich Weird Tales durch so eine Neuauflage. Meistens scheitert das. Es ist wie mit den Blankversdramen, die im Handumdrehn wieder vom Spielplan verschwinden. Wenn so etwas ausgestorben ist, kann man es nicht wiederbeleben. Was verschwunden ist, bleibt im Allgemeinen auch verschwunden.

Ich habe all die Jahre weiter Kurzgeschichten geschrieben, zum einen, weil mir hin und wieder immer noch die Idee zu einer kommt – wunderbare, suppenwürfelartige Ideen, die sich geradezu anbieten, dreitausend, vielleicht auch neuntausend, höchstens fünfzehntausend Wörter darüber zu schreiben  –, und zum anderen, weil sie mir die Möglichkeit bieten, zumindest mir selbst zu beweisen, dass ich noch nicht abgewirtschaftet habe – egal, was die mir weniger wohlgesinnten Kritiker auch denken mögen. Kurzgeschichten entstehen immer noch in Stückarbeit; sie gleichen den Einzelstücken, die man in Kunsthandwerksläden erstehen kann – falls man Geduld hat und wartet, während sie im Hinterzimmer von Hand gefertigt werden.

Es gibt jedoch keinen Grund, warum man Kurzgeschichten, nur weil sie nach alter Väter Sitte entstehen, auch ausschließlich nach alter Väter Sitte vermarkten sollte, und es gibt ferner keinen Grund zu der Annahme (von der anscheinend viele Feuilletonfasler ausgehen), die Art und Weise, wie ein literarischer Text verkauft wird, habe irgendeinen schädigenden Einfluss auf ihn.

Ich spreche hier von »Achterbahn – Riding the Bullet«, einer Geschichte, mit der ich sicherlich die eigenartigsten Erfahrungen beim Verkaufen meiner Waren auf dem Markt gemacht habe, und einer Geschichte, die auch die Thesen veranschaulicht, die ich hier vorbringen möchte: Was tot ist, lässt sich nicht so einfach wieder beleben; sobald die Dinge einen bestimmten Punkt überschritten haben, sterben sie wahrscheinlich unweigerlich aus; wenn man aber einen bestimmten Aspekt des kreativen Schreibens – den kommerziellen Aspekt nämlich – unter einem anderen Gesichtspunkt betrachtet, kann man manchmal der ganzen Sache wieder neues Leben einhauchen.

»Achterbahn« habe ich nach Das Leben und das Schreibenverfasst, während ich mich immer noch von einem Verkehrsunfall erholte, der mich in einen Zustand fast permanenter körperlicher Qualen versetzt hatte. Das Schreiben half mir über die schlimmsten Schmerzen hinweg; es war (und ist immer noch) das beste Schmerzmittel in meinem beschränkten Arsenal. Die Geschichte, die ich erzählen wollte, war die einfachste Sache der Welt; wirklich kaum mehr als eine Gespenstergeschichte, wie man sie sich am Lagerfeuer erzählt. Es ging um einen Anhalter, der von einem Toten mitgenommen wird.

Während ich in der irrealen Welt meiner Fantasie an dieser Geschichte arbeitete, wuchs in der ebenso irrealen Welt des E-Commerce die Dot-Com-Blase. Ein Aspekt dessen war das so genannte elektronische Buch, das, wie manche versicherten, das Ende der Bücher bedeuten würde, wie man sie bis dahin gekannt hatte: geklebte oder gebundene Gegenstände, Seiten, die man von Hand umblättern konnte (und die manchmal, wenn der Leim schwach oder die Bindung alt waren, auch ausfielen). Anfang 2000 interessierte sich alle Welt für einen Essay von Arthur C. Clarke, der ausschließlich im Cyberspace veröffentlicht worden war.

Er war jedoch äußerst kurz (so wie man seine Schwester küsst, dachte ich, als ich ihn zum ersten Mal las). Meine Geschichte hingegen, als sie dann fertig war, war recht lang. Susan Moldow, meine Lektorin bei Scribner (als Akte-X-Fan nenne ich sie Agent Moldow), rief mich eines Tages auf Anregung von Ralph Vicinanza hin an und fragte, ob ich nicht irgendwas hätte, womit ich es auf dem elektronischen Markt versuchen könnte. Ich schickte ihr »Achterbahn«, und wir drei – Susan, Scribner und ich – schrieben damit ein klein wenig Verlagsgeschichte. Mehrere hunderttausend Menschen luden sich die Geschichte auf ihren Computer, und ich verdiente damit eine peinliche Menge Geld. (Nein, das war jetzt gelogen: Es war mir nicht im Mindesten peinlich.) Selbst die Audio-Rechte brachten über hunderttausend Dollar – ein abstrus hoher Preis.

Gebe ich hier etwa an? Prahle ich hier so richtig übel rum? In gewisser Hinsicht schon. Aber ich will Ihnen auch erzählen, dass mich »Achterbahn« fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Wenn ich in so einer piekfeinen Flughafenlounge sitze, werde ich von der übrigen Kundschaft normalerweise nicht weiter beachtet; die sind viel zu sehr damit beschäftigt, in ihre Mobiltelefone zu quasseln oder an der Bar irgendwelche Deals auszuhandeln. Und mir ist das nur recht so. Ab und an kommt einer von ihnen rüber und bittet mich um ein Autogramm für seine Frau. Seine Frau, so lässt mich dieser Aktenkoffer schwingende Kerl im schicken Anzug dann normalerweise wissen, habe alle meine Bücher gelesen. Er selbst hingegen kein einziges. Auch das lässt er mich wissen. Er hat einfach zu viel um die Ohren. Er hat Die sieben Wege zur Effektivität gelesen und Die Mäuse-Strategie für Manager und Das Gebet des Jabez, aber das war’s dann auch schon. Ich muss los, ich hab’s eilig, mir steht in vier Jahren ein Herzinfarkt bevor, und bis dahin muss ich zusehen, dass mit meinem 401(k)-Alterssparplan alles unter Dach und Fach ist.

Nachdem »Achterbahn« als eBuch herausgekommen war (mit buntem Cover, Scribner-Kolophon und allem Drum und Dran), änderte sich das. Da stürzten sie sich in den Flughafenlounges auf mich. Da wurde ich in Boston sogar in der Amtrak-Lounge von Menschen belagert. Auf der Straße drängten sie sich um mich. Eine Zeit lang lehnte ich, das muss man sich mal vorstellen, täglich drei Angebote für Talkshowauftritte ab (bei Jerry Springer hätte ich zugesagt, aber der rief einfach nicht an). Ich kam sogar auf den Titel des Time Magazine, und die New York Times dozierte ausführlich über den als solchen empfundenen Erfolg von »Achterbahn« und den als solchen empfundenen Misserfolg ihres Cyberspace-Nachfolgers »The Plant«. Großer Gott, ich war auf Seite eins des Wall Street Journal. Ich hatte es versehentlich zum Mogul gebracht.

Und was trieb mich dabei fast in den Wahnsinn? Was ließ das alles so sinnlos erscheinen? Na, dass sich niemand für die Geschichte interessierte. Verdammt noch mal, niemand fragte auch nur nach der Geschichte, und wissen Sie was? Es ist eine ziemlich gute Geschichte, wenn ich das mal so sagen darf. Schlicht, aber schön. Eine runde Sache. Wenn Sie ihretwegen auch nur einmal den Fernseher abgeschaltet haben, war sie (oder jede andere Geschichte der nun folgenden Sammlung), was mich betrifft, ein voller Erfolg.

Doch nach »Achterbahn« wollten die ganzen Schlipsträger immer nur wissen: »Wie läuft’s? Wie verkauft es sich?« Wie hätte ich ihnen sagen sollen, dass es mir scheißegal war, wie sie sich auf dem Markt schlug, und dass mich einzig und allein interessierte, wie sie sich im Herzen der Leser machte? War sie dort ein Erfolg? Versagte sie? Drang sie durch bis zu den Nervenenden? Löste sie jenen leichten Schauer aus, der die Existenzberechtigung jeder Gruselgeschichte bildet? Mir wurde allmählich klar, dass ich da das Welken einer weiteren Kunstform miterlebte, einen Niedergang, der letztendlich zu ihrem Aussterben führen mochte. Es hat etwas abstrus Dekadentes, dass man nur deshalb auf dem Titel einer wichtigen Zeitschrift erscheint, weil man einmal einen anderen Marktzugang versucht hat. Und noch abstruser ist es dann, wenn einem klar wird, dass die vielen Leser weit mehr am Novum der elektronischen Verpackung interessiert waren als an ihrem Inhalt. Will ich denn wirklich wissen, wie viele der Leute, die sich »Achterbahn« heruntergeladen haben, »Achterbahn« auch tatsächlich gelesen haben? Nein, das will ich nicht. Ich glaube, ich wäre schwer enttäuscht.

Das elektronische Publizieren mag nun der Trend der Zukunft sein oder nicht; das interessiert mich einen feuchten Kehricht, glauben Sie mir. Ich habe diesen Weg nur beschritten, weil er eine neue Möglichkeit darstellte, wie ich mich auch weiterhin ganz dem Schreiben von Geschichten widmen und sie möglichst vielen Menschen zugänglich machen kann.

Dieses Buch wird vermutlich eine Zeit lang auf den Bestsellerlisten stehen; ich habe in dieser Hinsicht viel Glück gehabt. Aber wenn Sie es dort sehen, fragen Sie sich doch mal, wie viele andere Kurzgeschichtensammlungen pro Jahr so auf den Bestsellerlisten auftauchen und wie lange man von den Verlagen noch erwarten kann, dass sie Bücher einer Art herausbringen, welche die Leser nicht sonderlich interessiert. Für mich jedoch gibt es kaum ein größeres Vergnügen, als an einem kalten Abend mit einer warmen Tasse Tee in meinem Lieblingssessel zu sitzen, dem Wind draußen zu lauschen und eine gute Geschichte zu lesen, die man in einem Zug durchbekommt.

Sie zu schreiben ist nicht so ein Vergnügen. Aus dieser Sammlung fallen mir nur zwei Geschichten ein – »Alles endgültig« und »L. T.s Theorie der Kuscheltiere« –, die nicht viel mehr Mühe gekostet haben, als das verhältnismäßig bescheidene Resultat erkennen lässt. Und doch glaube ich, dass es mir gelungen ist, meine Kunst frisch zu erhalten, und sei’s auch nur für mich selbst, vor allem, weil ich kein Jahr verstreichen lasse, ohne mindestens ein oder zwei Geschichten zu schreiben. Nicht des Geldes wegen und im Grunde nicht mal aus Liebe zu dieser Form, sondern gewissermaßen, um meinen Verpflichtungen nachzukommen. Denn wenn man Kurzgeschichten schreiben will, muss man schon mehr tun als nur darüber nachzudenken, welche zu schreiben. Das ist nicht wie beim Fahrrad fahren, sondern eher wie beim Training in einem Sportstudio: Dran bleiben ist alles.

Diese Geschichten hier gesammelt zu sehen, ist für mich eine große Freude. Ich hoffe, Ihnen geht es ebenso. Sie können es mich über www.stephenking.com wissen lassen. Und noch etwas können Sie für mich (und sich) tun: Wenn Ihnen diese Geschichten gefallen, kaufen Sie auch andere Kurzgeschichtensammlungen. Sam the Cat von Matthew Klam beispielsweise oder The Hotel Eden von Ron Carlson. Das sind nur zwei der vielen guten Schriftsteller, die da draußen ihrer Arbeit nachgehen, und obwohl wir nun auch offiziell im 21. Jahrhundert angelangt sind, tun sie es immer noch auf die alte Weise – sie schreiben ein Wort nach dem anderen. Die Form, in der diese Geschichten letztendlich erscheinen, ändert nichts daran. Unterstützen Sie sie, wenn Ihnen etwas daran liegt. Und die beste Methode dazu hat sich auch nicht groß geändert: Lesen Sie ihre Geschichten.

Nun möchte ich noch ein paar Leuten danken, die meine gelesen haben: Bill Buford vom New Yorker; Susan Moldow von Scribner; Chuck Verrill, der im Laufe all der Jahre so viele meiner Werke lektoriert hat; Ralph Vicinanza, Arthur Greene, Gordon Van Gelder und Ed Ferman vom Magazine of Fantasy and Science Fiction; Nye Willden von Cavalier und dem verstorbenen Robert A. W. Lowndes, der damals, ’68, der Erste war, der eine Kurzgeschichte von mir brachte. Außerdem – und vor allem – meiner Frau Tabitha, die mir immer noch die liebste treue Leserin ist. All diese Menschen haben daran mitgewirkt und wirken – wie auch ich – weiterhin daran mit, dass die Kunstform Kurzgeschichte nicht ausstirbt. Und Sie wirken durch das, was Sie kaufen (und damit finanziell unterstützen) und durch das, was Sie lesen, ebenfalls daran mit. Sie an erster Stelle, treuer Leser. Immer wieder Sie.

Stephen King Bangor, Maine 11. Dezember 2001

Autopsieraum vier

Es ist so dunkel, dass ich für einige Zeit glaube – wie lange genau, weiß ich nicht –, ich sei noch immer bewusstlos. Dann dämmert mir langsam, dass Bewusstlose nicht das Gefühl haben, sich durchs Dunkel zu bewegen, von einem leisen, rhythmischen Geräusch begleitet, das nur ein quietschendes Rad sein kann. Und ich spüre mich von meinem Scheitel bis zu meinen Fersen. Ich kann etwas riechen, das Gummi oder Vinyl sein könnte. Dies ist keine Bewusstlosigkeit, und ich fühle etwas zu ... zu was? Diese Empfindungen sind zu rational, um ein Traum zu sein.

Was erlebe ich also?

Wer bin ich?

Und was geschieht mit mir?

Der dämliche Rhythmus des quietschenden Rades verstummt, und ich höre auf, mich zu bewegen. Um mich herum knistert das nach Gummi riechende Zeug.

Eine Stimme: »In welchen sollen wir ihn bringen?«

Eine Pause.

Eine zweite Stimme: »Vier, glaub ich. Yeah, vier.«

Wir setzen uns wieder in Bewegung, diesmal etwas langsamer. Ich kann jetzt das leise Schlurfen von Füßen hören, vielleicht in Laufschuhen. Die Besitzer der Stimmen sind auch die Besitzer der Schuhe. Sie bleiben wieder stehen mit mir. Ich höre einen dumpfen Schlag, dem ein leises Zischen folgt. Das sind, vermute ich, die Geräusche einer mit Druckluft betätigten Tür, die geöffnet wird.

Was geht hier vor?, schreie ich, aber der Schrei erklingt nur in meinem Kopf. Meine Lippen bewegen sich nicht. Ich kann sie fühlen – und meine Zunge, die wie ein betäubter Maulwurf auf dem Boden meines Mundes liegt –, aber ich kann sie nicht bewegen.

Das Ding, auf dem ich liege, setzt sich wieder in Bewegung. Ein rollendes Bett? Ja. Mit anderen Worten, eine fahrbare Krankentrage. Damit habe ich vor langer Zeit – während Lyndon Johnsons beschissenem kleinem Abenteuer in Asien – einige Erfahrungen gesammelt. Mir wird klar, dass ich in einem Krankenhaus bin, dass mir etwas Schlimmes zugestoßen ist, etwas wie die Detonation, die mich vor dreiundzwanzig Jahren beinahe kastriert hätte, und dass ich operiert werden soll. In dieser Idee stecken viele Antworten, überwiegend vernünftige Antworten, aber ich habe keine Schmerzen. Von der Kleinigkeit abgesehen, dass ich in Todesangst schwebe, fühle ich mich heil und gesund. Und wenn das Krankenpfleger sind, die mich in einen Operationssaal rollen, warum kann ich nicht sehen? Warum kann ich nicht sprechen?

Eine dritte Stimme: »Hier herüber, Jungs.«

Mein rollendes Bett wird in eine neue Richtung geschoben, und die Frage, die in meinem Kopf dröhnt, lautet: In welchen Schlamassel bin ich geraten?

Hängt das nicht davon ab, wer du bist?, frage ich mich, denn das ist wenigstens etwas, das ich weiß, wie ich jetzt feststelle. Ich bin Howard Cottrell. Ich bin ein Börsenmakler, der bei einigen seiner Kollegen als Howard der Eroberer bekannt ist.

Zweite Stimme (spricht direkt über meinem Kopf): »Sie sehen heute sehr hübsch aus, Doc.«

Vierte Stimme (weiblich, eher kühl): »Es ist immer nett, das von Ihnen bestätigt zu bekommen, Rusty. Können Sie sich ein bisschen beeilen? Die Babysitterin erwartet mich bis sieben Uhr zurück. Sie ist bei ihren Eltern zum Abendessen eingeladen. «

Bis sieben Uhr zurück, bis sieben Uhr zurück. Es ist noch Nachmittag, vielleicht später Nachmittag, aber schwarz hier drinnen, rabenschwarz, schwarz wie ein Bärenarsch, schwarz wie Mitternacht in Persien, und was geht hier vor? Wo bin ich gewesen? Was habe ich gemacht? Warum habe ich nicht an den Telefonen gesessen?

Weil heute Samstag ist, murmelt eine Stimme tief aus meinem Unterbewusstsein. Du hast ... hast ...

Ein Geräusch: KLACK! Ein Geräusch, das ich liebe. Ein Geräusch, für das ich mehr oder weniger lebe. Das Geräusch von ... von was? Natürlich vom Kopf eines Golfschlägers. Der den Ball vom Tee abschlägt. Ich stehe da, sehe ihm nach, als er ins Himmelsblau davonfliegt ...

Ich werde an Schultern und Waden gepackt und hochgehoben. Das erschreckt mich furchtbar, und ich versuche zu schreien. Ich bringe keinen Ton heraus ... oder vielleicht ein einziges winziges Quietschen, viel leiser als das des Rades unter mir. Wahrscheinlich nicht einmal das. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein.

Ich werde in dem mich umgebenden Dunkel durch die Luft geschwungen – He, lasst mich nicht fallen, ich habe Rückenprobleme!, versuche ich zu sagen, und auch diesmal bewegen sich weder Lippen noch Zähne; meine Zunge liegt weiter auf dem Boden meines Mundes, der Maulwurf ist vielleicht nicht nur betäubt, sondern tot, und ich habe jetzt einen schrecklichen Gedanken, der Angst auslöst, die schon fast Panik gleicht: Was ist, wenn sie mich falsch hinlegen, wenn meine Zunge nach hinten rutscht und meine Luftröhre blockiert? Ich werde nicht mehr atmen können! Das meinen die Leute, wenn sie sagen, jemand habe »seine Zunge verschluckt«, nicht wahr?

Zweite Stimme (Rusty): »Der wird Ihnen gefallen, Doc, er sieht wie Michael Bolton aus.«

Ärztin: »Wer ist das?«

Dritte Stimme – scheint ein junger Mann zu sein, kaum älter als ein Teenager: »Das ist dieser weiße Schnulzensänger, der wie ein Schwarzer zu singen versucht. Ich glaube nicht, dass er’s ist.«

Das löst Gelächter aus, in das die weibliche Stimme einstimmt (etwas zweifelnd), und als ich auf etwas gelegt werde, das sich wie ein gepolsterter Tisch anfühlt, macht Rusty bereits den nächsten Witz – er hat anscheinend ein ganzes Repertoire. Ich verpasse diese neuerliche Heiterkeit, weil mich jähes Entsetzen befällt. Wenn meine Zunge meine Luftröhre blockiert, werde ich nicht atmen können, das ist der Gedanke, der mir eben durch den Kopf gegangen ist, aber was ist, wenn ich gar nicht atme?

Was ist, wenn ich tot bin? Was ist, wenn der Tod so aussieht?

Das passt. Das passt mit schrecklicher prophylaktischer Passform zu allem. Das Dunkel. Der Gummigeruch. Heutzutage bin ich Howard der Eroberer, ein erfolgreicher Börsenmakler, der Schrecken des Derry Municipal Country Clubs, ein häufiger Gast in den Räumen, die in Golfklubs in aller Welt als Neunzehntes Loch bekannt sind, aber im Jahr 1971 gehörte ich im Mekongdelta einer Sanitätseinheit an, ein verängstigter Junge, der manchmal mit feuchten Augen aufwachte, wenn er vom Familienhund geträumt hatte, und jetzt erkenne ich dieses Gefühl, diesen Geruch plötzlich wieder.

Großer Gott, ich bin in einem Leichensack.

Erste Stimme: »Unterschreiben Sie bitte hier, Doc? Aber gut aufdrücken – es sind drei Durchschläge. «

Das Geräusch eines Kugelschreibers auf Papier. Ich stelle mir vor, wie der Besitzer der ersten Stimme der Ärztin ein Schreibbrett hinhält.

O liebster Jesus, lass mich nicht tot sein!, versuche ich zu schreien und bringe keinen Ton heraus.

Aber ich atme doch ... stimmt’s? Ich meine, ich kann nicht spüren, dass ich’s tue, aber meine Lunge scheint in Ordnung zu sein, sie pocht nicht oder schreit nach Luft, wie sie’s manchmal tut, wenn ich zu lange getaucht habe, also muss alles mit mir in Ordnung sein, nicht wahr?

Wärst du tot, murmelt die Stimme in meinem Unterbewusstsein, würde sie nicht nach Luft schreien, stimmt’s? Nein, denn eine tote Lunge braucht nicht zu atmen. Eine tote Lunge kann es irgendwie ... langsamer angehen lassen.

Rusty: »Was machen Sie nächsten Samstagabend, Doc?«

Aber wenn ich tot bin, wie kann ich dann etwas fühlen? Wie kann ich den Sack riechen, in dem ich liege? Wie kann ich diese Stimmen hören, wie die Ärztin jetzt sagt, dass sie am nächsten Samstagabend ihren Hund baden wird, der übrigens Rusty heißt, was für ein Zufall, worauf wieder alle lachen? Wenn ich tot bin, warum bin ich dann nicht entweder gefühllos oder in das weiße Licht gehüllt, von dem sie bei Oprah immer reden?

Dann ist ein scharfes Reißen zu hören, und plötzlich bin ich in weißes Licht gehüllt; es ist blendend hell wie die Sonne, wenn sie an einem Wintertag durch die Wolkendecke bricht. Ich versuche meine Augen schützend zusammenzukneifen, aber nichts passiert. Meine Lider gleichen Jalousien, deren Mechanik defekt ist.

Ein Gesicht beugt sich über mich, verdeckt einen Teil des grellen Lichts, das nicht von irgendeinem gleißend hellen Himmelskörper, sondern von in Reihen angeordneten Leuchtstoffröhren an der Decke über mir kommt. Das Gesicht gehört einem jungen, auf konventionelle Weise gut aussehenden jungen Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren; er sieht aus wie einer dieser Muskelmänner, die in Baywatch oder Melrose Place die Strände bevölkern. Jedoch geringfügig intelligenter. Er hat eine Menge schwarzes Haar unter seiner achtlos getragenen Chirurgenmütze. Er trägt auch den dazu passenden Kittel. Seine Augen sind kobaltblau, genau die Farbe, auf die angeblich alle Mädchen fliegen. Seine Backenknochen sind mit kleinen Sommersprossen überstäubt.

»He, Mann«, sagt er. Ihm gehört die dritte Stimme. »Dieser Kerl sieht wirklich wie Michael Bolton aus! Vielleicht nicht mehr gerade der Jüngste ...« Er beugt sich tiefer über mich. Eines der flachen Bänder mit denen sein grüner Kittel am Hals zugebunden wird, kitzelt mich an der Stirn. »... aber yeah, ich sehe die Ähnlichkeit. He, Michael, sing uns was!«

Hilf mir!, ist es, was ich zu singen versuche, aber ich kann nur mit meinem starren Totenblick in seine dunkelblauen Augen sehen; ich kann mich nur fragen, ob ich tot bin, ob die Sache wirklich so abläuft, ob es jedem so ergeht, nachdem die Pumpe versagt hat. Wenn ich noch lebe, wie kommt’s dann, dass er nicht gesehen hat, wie meine Pupillen sich verengt haben, als das Licht sie getroffen hat? Aber ich weiß die Antwort darauf ... glaube sie jedenfalls zu kennen. Sie haben sich nicht zusammengezogen. Deshalb ist das grelle Licht der Leuchtstoffröhren so schmerzhaft.

Das Band kitzelt meine Stirn wie eine Feder.

Hilf mir!, kreische ich den Baywatch-Muskelmann an, der vermutlich ein Assistenzarzt oder vielleicht bloß ein Medizinstudent ist. Hilf mir, bitte!

Meine Lippen zittern nicht einmal.

Das Gesicht weicht zurück, das Band kitzelt nicht mehr, und all dieses weiße Licht flutet durch meine Augen, die nicht wegsehen können, und in mein Gehirn. Das ist ein höllisches Gefühl, eine Art Vergewaltigung. Muss ich noch lange hineinstarren, werde ich blind, denke ich, und diese Blindheit wird eine Erleichterung sein.

KLACK! Das Geräusch des Schlägers, der den Ball trifft, diesmal jedoch ein bisschen zu flach, und das Gefühl in den Händen ist schlecht. Der Ball fliegt ... aber er kurvt weg ... dreht ab ... kurvt in Richtung ...

Scheiße.

Ich bin im Rough.

Jetzt beugt sich ein weiteres Gesicht in mein Blickfeld. Darunter ein weißer Kittel statt eines grünen, darüber ein üppiger, zerzauster orangeroter Haarschopf. Ausverkaufs-IQ, das ist mein erster Eindruck. Das kann nur Rusty sein. Er trägt ein breites dämliches Grinsen zur Schau, die Art Grinsen, die ich als High-School-Grinsen bezeichne, das Grinsen eines Jungen, der auf einem vergeudeten Bizeps die Tätowierung GEBOREN, UM BH-TRÄGER ZU ZER-REISSEN tragen sollte.

»Michael!«, ruft Rusty aus. »Jesus, du siehst guuuut aus! Das ist echt ’ne Ehre! Sing für uns, großer Junge! Sing dir deinen toten Arsch ab!«

Irgendwo hinter mir erklingt die Stimme der Ärztin: kühl, nicht einmal mehr vorgebend, diese Possen amüsant zu finden. »Schluss jetzt, Rusty.« Dann in eine etwas andere Richtung: »Was ist mit ihm passiert, Mike?«

Mikes Stimme ist die erste Stimme – Rustys Partner. Ihm scheint es etwas peinlich zu sein, mit einem Kerl zusammenzuarbeiten, der wie Andrew Dice Clay sein will, wenn er erwachsen wird. »Ist auf dem Golfplatz Derry am vierzehnten Loch aufgefunden worden. Abseits der Bahn, tatsächlich im Rough. Hätte er nicht gerade durch den Vierer hinter ihm gespielt und hätten diese Leute nicht eines seiner Beine aus dem Unterholz ragen gesehen, wäre er jetzt ’ne Ameisenfarm.«

In meinem Kopf höre ich wieder das Geräusch – KLACK! –, nur folgt diesmal ein anderes, weit weniger angenehmes Geräusch: das Rascheln des Unterholzes, während ich mit meinem Schläger darin herumstochere. Es musste natürlich das vierzehnte Loch sein, wo es angeblich giftigen Efeu gibt. Giftigen Efeu und ...

Rusty starrt noch immer auf mich herab, blöde und fasziniert. Nicht mein Tod interessiert ihn, sondern meine Ähnlichkeit mit Michael Bolton. O ja, ich bin mir ihrer bewusst, bin nicht darüber erhaben gewesen, sie bei bestimmten Klientinnen auszunützen. Ansonsten ist nicht viel damit anzufangen. Und unter diesen Umständen ... Gott!

»Behandelnder Arzt?«, fragt die Ärztin. »Kazalian?«

»Nein«, sagt Mike und blickt dabei kurz auf mich herab. Mindestens zehn Jahre älter als Rusty. Schwarzes, an einigen Stellen grau meliertes Haar. Brille. Wie kommt’s, dass keiner dieser Leute sehen kann, dass ich nicht tot bin? »Tatsächlich hat zu dem Vierer, der ihn gefunden hat, auch ein Arzt gehört. Das ist seine Unterschrift auf Seite eins ... sehen Sie?«

Das Rascheln von Papier, dann: »Jesus, Jennings. Den kenne ich. Der hat Noah untersucht, nachdem die Arche am Berg Ararat gestrandet war.«

Rusty sieht nicht so aus, als habe er den Scherz verstanden, aber er lacht mir trotzdem schallend ins Gesicht. Ich rieche Zwiebeln in seinem Atem, ein kleiner Rest Mundgeruch vom Mittagessen, und wenn ich Zwiebeln riechen kann, muss ich atmen. Das muss ich, nicht wahr? Wenn ich nur ...

Bevor ich diesen Gedankengang zu Ende bringen kann, beugt Rusty sich noch tiefer über mich, und mich durchzuckt ein Hoffnungsstrahl. Er hat etwas gesehen! Er hat etwas gesehen und will mich mit Mund-zu-Mund-Beatmung wieder beleben. Gott segne dich, Rusty! Gott segne dich und deinen Zwiebelatem!

Aber das blöde Grinsen verändert sich nicht, und statt seinen Mund auf meinen zu drücken, ergreift er mit einer Hand meinen Unterkiefer. Jetzt hält er die eine Seite mit seinem Daumen und die andere mit seinen Fingern fest.

»Er lebt!«, plärrt Rusty. »Er lebt, und er wird für den Michael-Bolton-Fanklub von Raum vier singen!«

Seine Hand packt fester zu – das tut entfernt weh wie das Abklingen einer örtlichen Betäubung mit Novocain –, und er fängt an, meinen Unterkiefer so auf und ab zu bewegen, dass meine Zähne klappern. »If she’s ba-aad, he can’t see it«, singt Rusty mit grässlicher, atonaler Stimme, von der Percy Sledges Kopf wahrscheinlich explodieren würde, »She can do no rrr-onggg ...« Mein Mund öffnet und schließt sich unter dem groben Druck seiner Hand; meine Zunge steigt und fällt wie ein auf der Oberfläche eines schwankenden Wasserbetts liegender toter Hund.

»Schluss damit!«, faucht die Ärztin ihn an. Das klingt ehrlich schockiert. Rusty, der das vielleicht spürt, hört keineswegs auf, sondern macht fröhlich weiter. Seine Finger graben sich jetzt in meine Wangen. Meine unbeweglichen Augen starren blind nach oben.

»Turn his back on his best friend if she put him d...«

Dann ist sie da, eine Frau in einem grünen Arztkittel, deren Mütze an einem Band um den Hals und wie Cisco Kids Sombrero über ihren Rücken herabhängt, kurzes, aus der Stirn zurückgekämmtes braunes Haar, gut aussehend, aber ein wenig streng – eher apart als hübsch. Sie packt Rusty mit einer Hand, deren Nägel sehr kurz geschnitten sind, und zerrt ihn von mir weg.

»He!«, sagt Rusty empört. »Hände weg von mir!«

»Dann lassen Sie Ihre Hände von ihm«, sagt sie unüberhörbar verärgert. »Ich habe Ihre Dummejungenstreiche satt, Rusty, und wenn Sie nächstes Mal wieder damit anfangen, erstatte ich Meldung.«

»He, nur nicht aufregen«, sagt der Baywatch-Muskelmann  – ihr Assistent. Das klingt besorgt, als fürchte er, Rusty und sein Boss könnten ihren Streit auf der Stelle mit den Fäusten austragen. »Schluss jetzt, okay?«

»Warum ist sie so eklig zu mir?«, fragt Rusty. Er versucht noch immer empört zu wirken, aber tatsächlich winselt er jetzt. Dann in eine leicht andere Richtung: »Warum sind Sie so eklig? Haben Sie Ihre Tage, liegt’s daran? «

Doc, hörbar angewidert: »Schaffen Sie ihn hier raus.«

Mike: »Komm jetzt, Rusty. Wir müssen uns die Einlieferung quittieren lassen.«

Rusty: »Yeah. Und ein bisschen frische Luft schnappen.«

Ich höre mir das alles an, als käme es im Radio.

Ihre Schritte, die in Richtung Ausgang quietschen. Rusty, jetzt eingeschnappt und beleidigt, fragt sie, warum sie nicht einfach einen Stimmungsring oder irgendwas in dieser Art trägt, damit die Leute wissen, woran sie sind. Der Klang seiner Stimme wird plötzlich durch das Geräusch meines Schlägers ersetzt, der das Unterholz auf der Suche nach meinem gottverdammten Ball beiseite schlägt, wo ist er bloß, er ist nicht weit reingeflogen, das weiß ich bestimmt, wo ist er also, Jesus, ich hasse das Vierzehnte, hier soll’s giftiges Efeu geben, und in all diesem Bewuchs kann’s leicht welches geben  – und dann hat mich etwas gebissen, nicht wahr? Ja, das weiß ich ziemlich sicher. An der linken Wade, knapp über dem Oberrand meiner weißen Sportsocke. Eine rot glühende Nähnadel, ein stechender Schmerz, anfänglich exakt auf die Stelle konzentriert, dann sich rasch ausbreitend ...

... dann Dunkelheit. Bis zum Transport auf einer fahrbaren Krankentrage, in einem Leichensack mit Reißverschluss steckend, Mike (»In welchen sollen wir ihn bringen?) und Rusty (»Vier, glaub ich. Yeah, vier.«) zuhörend.

Ich möchte glauben, es sei irgendeine Art Schlange gewesen, aber vielleicht kommt das nur daher, dass ich auf der Suche nach meinem Ball an welche gedacht habe. Es konnte ein Insekt gewesen sein, ich kann mich nur an den jähen stechenden Schmerz erinnern, und welche Rolle spielt das schließlich? Hier ist die Tatsache wichtig, dass ich lebe und diese Leute das nicht wissen. Kaum zu glauben, aber sie wissen es nicht. Das ist natürlich mein Pech – ich kenne Dr. Jennings, erinnere mich daran, mit ihm gesprochen zu haben, als ich am elften Loch durch seinen Vierer gespielt habe. An sich ein netter Kerl, aber zerstreut, ein Fossil. Das Fossil hat mich für tot erklärt. Dann hat Rusty, der mit den blöden grünen Augen und dem Anstaltsgrinsen, mich für tot erklärt. Die Ärztin, Ms. Cisco Kid, hat mich noch nicht einmal angesehen, nicht richtig. Wenn sie’s tut, wird sie vielleicht ... »Ich hasse diesen Trottel«, sagt sie, nachdem die Tür sich geschlossen hat. Jetzt sind wir nur noch zu dritt, aber Ms. Cisco Kid glaubt natürlich, sie seien nur zu zweit. »Wieso kriege ich immer die Trottel, Pete?«

»Keine Ahnung«, sagt Mr. Melrose Place, »aber Rusty ist ein Spezialfall in den Annalen berühmter Trottel. Ein wandelnder Hirntoter.«

Sie lacht, und etwas klappert. Auf dieses Klappern folgt ein Geräusch, das mir eine Heidenangst macht: Stahlinstrumente, die aneinander klirren. Sie sind irgendwo links von mir, und obwohl ich sie nicht sehen kann, weiß ich, was die beiden vorbereiten: die Autopsie. Sie machen sich bereit, mich aufzuschneiden. Sie wollen Howard Cottrells Herz herausnehmen, um zu sehen, ob bei ihm ein Kolben durchgebrannt oder eine Pleuelstange gerissen ist.

Mein Bein!, kreische ich in meinem Kopf. Seht euch mein linkes Bein an! Dort fehlt’s, nicht an meinem Herzen!

Vielleicht haben meine Augen sich doch etwas an die Helligkeit gewöhnt. Am obersten Rand meines Blickfelds erkenne ich jetzt ein Gestell aus rostfreiem Stahl. Es sieht wie ein überdimensionierter Zahnarztbohrer aus, aber das Ding an seinem Ende ist kein Bohrer. Es ist eine Kreissäge. Aus irgendeinem Winkel meines Gedächtnisses, dort, wo das Gehirn die Art Bagatellen speichert, die man nur braucht, wenn man im Fernsehen Jeopardy spielt, taucht sogar ihr Name auf. Das ist eine Gigli-Säge. Damit schneiden sie einem die Schädeldecke auf. Natürlich erst, nachdem sie einem das Gesicht wie eine grausige Halloween-Maske heruntergezogen haben, mit Haaren und allem.

Dann nehmen sie einem das Gehirn heraus.

Klirr. Klirr. Klunk. Eine kurze Pause. Dann ein so lautes KLANK!, dass ich zusammenzucken würde, wenn ich dazu imstande wäre.

»Wollen Sie den Brustkorb öffnen?«, fragt sie.

Pete, vorsichtig: »Wollen Sie, dass ich’s mache?«

Dr. Cisco, freundlich und wie jemand, der eine Gunst erweist und Verantwortung überträgt: »Ja, ich denke schon.«

»Also gut«, sagt er. »Sie assistieren mir?«

»Ihre zuverlässige Kopilotin«, sagt sie und lacht. Sie unterbricht ihr Lachen durch ein Schnapp-schnapp-Geräusch. Das ist das Geräusch einer durch Luft schneidenden Schere.

Panik schwirrt und flattert jetzt in meinem Schädel wie ein Schwarm auf einem Dachboden eingesperrter Stare. Vietnam liegt lange zurück, aber ich hatte dort ein halbes Dutzend Autopsien im Felde gesehen – was die Militärärzte »Zeltschau-Obduktionen« nannten –, und ich weiß, was Cisco und Pancho vorhaben. Die Schere hat lange, scharfe Klingen, sehr scharfe Klingen, und große Öffnungen für die Finger. Trotzdem muss man kräftig sein, um mit ihr umgehen zu können. Die untere Klinge gleitet in den Bauch wie in Butter. Dann schnipp! durch die Nervenbündel des Sonnengeflechts nach oben und durch das kräftige Geflecht aus Muskeln und Sehnen darüber. Dann ins Zwerchfell. Wenn die Klingen diesmal zusammenkommen, tun sie es mit einem lauten Knirschen, während die Knochen sich teilen und der Brustkorb auseinander platzt wie zwei Fässer, die mit Stricken zusammengebunden waren. Dann weiter hinauf mit dieser Schere, die der Geflügelschere eines Supermarktfleischers täuschend ähnlich sieht ... schnipp-KNIRSCH, schnipp-KNIRSCH, schnipp-KNIRSCH, Knochen zersplittern und Muskeln durchtrennen, die Lunge freilegen und weiter zur Luftröhre hinauf, um Howard den Eroberer in ein Thanksgiving-Dinner zu verwandeln, das niemand essen wird.

Ein hohes, durchdringendes Surren – wirklich ein Geräusch wie von einem Zahnarztbohrer.

Pete: »Kann ich ...«

Dr. Cisco, deren Stimme tatsächlich etwas mütterlich klingt: »Nein. Damit.« Schnipp-schnipp. Als Demonstration für ihn.

Das können sie nicht machen, denke ich. Sie können mich nicht aufschneiden ... ich kann FÜHLEN!

»Warum?«, fragt er.

»Weil ich’s so will«, sagt sie, was erheblich weniger mütterlich klingt. »Arbeiten Sie später allein, Petie-Boy, können Sie machen, was Sie wollen. Aber in Katie Arlens Autopsieraum fangen Sie mit dieser Schere an.«

Autopsieraum. Da. Jetzt ist’s heraus. Mir ist nach einer Gänsehaut am ganzen Körper zumute, aber natürlich passiert nichts; meine Haut bleibt glatt.

»Denken Sie daran«, sagt Dr. Arlen (aber jetzt doziert sie tatsächlich), »jeder Dummkopf kann lernen, eine Melkmaschine zu bedienen ... aber Handarbeit ist immer am besten.« In ihrem Tonfall liegt etwas vage Suggestives. »Okay?«

»Okay«, sagt er.

Sie werden es tun. Ich muss irgendeinen Laut, irgendeine Bewegung machen, sonst tun sie’s wirklich. Quillt oder spritzt nach dem ersten Schnitt mit der Schere Blut heraus, werden sie wissen, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, aber dann ist’s sehr wahrscheinlich schon zu spät; dieses erste schnipp-KNIRSCH wird passiert sein, und meine Rippen werden an meinen Oberarmen liegen, während unter den Leuchtstoffröhren mein Herz in seinem von Blut glänzenden Beutel wie wild schlägt ...

Ich konzentriere mich ganz auf meine Brust. Ich drücke, oder ich versuche es zumindest ... und höre etwas.

Einen Laut!

Ich gebe einen Laut von mir!

Er bleibt größtenteils in meinem geschlossenen Mund, aber ich kann ihn auch in meiner Nase hören und fühlen – ein leises Summen.

Ich konzentriere mich erneut, gebe mir größte Mühe, wiederhole den Vorgang und bringe diesmal einen Ton hervor, der etwas lauter ist und wie Zigarettenrauch aus meinen Nasenlöchern quillt: Nnnnnnn ... Dabei muss ich an einen alten Fernsehfilm von Alfred Hitchcock denken, den ich vor langer, langer Zeit gesehen habe, in dem Joseph Cotten nach einem Verkehrsunfall gelähmt war und ihnen schließlich durch eine einzige Träne zeigen konnte, dass er noch lebte.

Und zumindest hat dieser winzige, an ein Mückensirren erinnernde Laut mir selbst bewiesen, dass ich lebe, dass ich nicht nur ein Geist bin, der sich noch in der irdischen Hülle meines eigenen toten Körpers aufhält.

Als ich meine gesamte Konzentration bündle, kann ich spüren, wie Luft durch meine Nase und meine Kehle hinunterströmt, um den Atem zu ersetzen, den ich jetzt verausgabt habe, und dann stoße ich sie wieder aus und arbeite schwerer, als ich je als Teenager im Sommer bei der Baufirma Lane gearbeitet habe, arbeite schwerer, als ich je in meinem Leben gearbeitet habe, weil ich jetzt um mein Leben arbeite, und sie müssen mich hören, lieber Jesus, sie müssen.

Nnnnnnnn ...

»Wollen Sie etwas Musik?«, fragt die Ärztin. »Ich habe Marty Stuart, Tony Bennett...«

Er gibt einen abwehrenden Laut von sich. Ich höre ihn kaum und ziehe keine unmittelbaren Schlüsse aus dem Gesagten, was vermutlich eine Gnade ist.

»Schon gut«, sagt sie lachend. »Ich habe auch die Rolling Stones.«

»Sie?«

»Ich. Ich bin nicht ganz so spießig, wie ich aussehe, Pete.«

»So war’s nicht gemeint ...« Das klingt leicht nervös.

Hört mir zu!, kreische ich in meinem Kopf, während meine unbeweglichen Augen zu dem eisig-weißen Licht aufstarren. Hört auf, wie Elstern zu schwatzen, und hört mir zu!

Ich fühle wieder Luft durch meine Atemwege strömen, und das bringt mich auf die Idee, was immer mir zugestoßen ist, könnte allmählich abklingen ... aber das ist nur ein schwaches Echozeichen auf dem Radarschirm meiner Gedanken. Vielleicht klingt es ab, aber eine Erholung wird jetzt sehr bald keine Option mehr für mich sein. Meine gesamte Energie ist darauf konzentriert, sie dazu zu bringen, mich zu hören, und diesmal werden sie mich hören, das weiß ich.

»Gut, dann die Stones«, sagt sie. »Es sei denn, Sie möchten, dass ich zu Ehren Ihrer ersten Autopsie schnell eine CD von Michael Bolton besorge.«

»Bitte, nein!«, ruft er, und sie lachen beide.

Der Ton beginnt herauszukommen, und diesmal ist er lauter. Nicht so laut, wie ich gehofft habe, aber laut genug. Sie müssen ihn hören, sie müssen!

Dann, als ich eben beginne, den Ton wie eine rasch erstarrende Flüssigkeit aus meiner Nase zu pressen, füllt der Raum sich mit dem Scheppern einer elektrischen Gitarre und Mick Jaggers Stimme, die von den Wänden widerhallt: »Awww, no, it’s only rock and roll, but I LIYYYYKE IT ...«

»Leiser!«, schreit Dr. Cisco komisch übertrieben laut, und bei diesem ganzen Krach ist mein eigener nasaler Laut, ein verzweifeltes kleines Summen durch die Nase, nicht besser zu hören als ein Flüstern in einer Eisengießerei.

Jetzt beugt ihr Gesicht sich wieder über mich, und mich erfasst neues Entsetzen, als ich sehe, dass sie eine Schutzbrille aus Plexiglas trägt und ihre Gesichtsmaske über Mund und Nase hochgezogen hat. Sie blickt über ihre Schulter zurück.

»Ich strippe ihn für Sie«, erklärt sie Pete, dann beugt sie sich mit einem glitzernden Skalpell in der Hand zu mir her, beugt sich, vom Gitarrendonner der Rolling Stones begleitet, über mich.

Ich summe verzweifelt, aber das ist zwecklos. Ich kann mich nicht einmal selbst hören.

Das Skalpell schwebt über mir, dann schneidet es.

Ich schreie in meinem Kopf auf, aber ich spüre keinen Schmerz, sondern nur, wie mein Polohemd in zwei Stücken zur Seite gleitet. Es fällt auseinander, wie mein Brustkorb es tun wird, wenn Pete nichts ahnend seine erste Brustkorböffnung an einem lebenden Patienten vornimmt.

Ich werde hochgezogen. Mein Kopf fällt nach hinten, und ich sehe einen Augenblick lang Pete von unten, der sich seine eigene Schutzbrille aus Plexiglas aufsetzt, während er an einem Stahltisch steht und ein erschreckendes Sortiment von Werkzeugen begutachtet. Ich sehe sie nur flüchtig, sehe den erbarmungslosen Satinglanz stählerner Klingen. Dann werde ich wieder flach hingelegt, und mein Hemd ist fort. Ich bin jetzt bis zur Taille nackt. In dem Raum ist es kalt.

Sieh dir meine Brust an!, kreische ich sie an. Du musst sehen, wie sie sich bebt und senkt, selbst wenn meine Atmung noch so flach ist! Du bist die gottverdammte Expertin, Herrgott noch mal!

Stattdessen sieht sie durch den Raum und spricht lauter, um die Musik zu übertönen (I like it, yes I do, singen die Stones, und ich stelle mir vor, wie ich diesen nasalen Idiotenrefrain in den Höllenfluchten bis in alle Ewigkeit hören werde.) »Worauf tippen Sie? Boxer oder Jockey?«

Mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen erkenne ich, wovon die Rede ist.

»Boxer!«, ruft er zurück. »Natürlich! Sehen Sie sich den Kerl bloß an!«

Arschloch!, würde ich am liebsten brüllen. Du denkst wahrscheinlich, dass jeder über vierzig Boxershorts trägt! Du denkst wahrscheinlich, dass du mit vierzig keinesfalls ...

Sie knöpft meine Bermudashorts auf und zieht den Reißverschluss herunter. Unter anderen Umständen wäre ich äußerst glücklich, wenn eine so hübsche Frau (ein bisschen streng, ja, aber trotzdem hübsch) das täte. Heute jedoch ...

»Sie haben verloren, Petie-Boy«, sagt sie. »Jockeyshorts. Dollar in die Kaffeekasse.«

»Am Zahltag«, sagt er und kommt herüber. Sein Gesicht gesellt sich zu ihrem; die beiden blicken durch ihre Plexiglasbrillen auf mich herab wie zwei Außerirdische, die einen Entführten begutachten. Ich versuche sie dazu zu bringen, dass sie meine Augen sehen, dass sie sehen, dass ich sie anstarre, aber diese beiden Dummköpfe haben nur Augen für meine Unterhose.

»Ooooh, und rot!«, sagt Pete. »Ein Swinger!«

»Ich würd’s eher ein verwaschenes Rosa nennen«, antwortet sie. »Heben Sie ihn für mich hoch, Pete, er wiegt eine Tonne. Kein Wunder, dass er einen Herzanfall gehabt hat. Lassen Sie sich das eine Lehre sein.«

Ich bin fit!, brülle ich sie an. Wahrscheinlich fitter als du, Miststück!

Meine Hüften werden plötzlich von kräftigen Händen hochgerissen. Mein Rückgrat knackt; dieses Geräusch lässt mein Herz erneut jagen.

»Sorry, alter Junge«, sagt Pete, und ich friere plötzlich noch mehr, als meine Shorts und die rote Unterhose heruntergezogen werden.

»Hoch das Bein zum Ersten«, sagt sie und hebt einen Fuß, »und hoch das Bein zum Zweiten«, während sie den anderen Fuß hebt, »runter mit den Mokassins, runter mit den Socken ...«

Sie macht abrupt Halt, und ich schöpfe erneut Hoffnung.

»He, Pete.«

»Yeah?«

»Tragen Leute normalerweise Bermudashorts und Mokassins, um darin Golf zu spielen?«

Hinter ihr (aber das ist nur die Schallquelle, tatsächlich umgibt uns der Krach von allen Seiten) sind die Stones bei »Emotional Rescue« angelangt. I will be your night in shining ahh-mah, singt Mick Jagger, und ich frage mich, wie irre er tanzen würde, wenn er ungefähr drei Stangen Hi-Core-Dynamit in seinen mageren Hintern gerammt bekäme.

»Wenn Sie mich fragen, hat dieser Kerl sich selbst in Schwierigkeiten gebracht«, fährt sie fort. »Ich dachte, sie hätten diese Spezialschuhe, sehr hässlich, sehr golfspezifisch, mit kleinen Stollen unter den Sohlen ... «

»Yeah, aber sie sind nicht gesetzlich vorgeschrieben«, sagt Pete. Er streckt seine Hände, die in Handschuhen stecken, über meinem Gesicht aus, legt sie aneinander und biegt die Finger zurück. Während seine Knöchel knacken, rieselt Talkumpuder wie feiner Schnee auf mich herab. »Zumindest noch nicht. Nicht wie Bowlingschuhe. Wird man ohne Bowlingschuhe beim Bowling erwischt, kann man im Staatsgefängnis landen.«

»Tatsächlich?«

»Ja.«

»Wollen Sie Temperaturmessung und Erstuntersuchung übernehmen? «

Nein!, brülle ich. Nein, er ist noch Student, was MACHST DU DA?

Er betrachtet sie, als sei er auch schon auf diese Idee gekommen. »Das wäre ... hmm ... nicht ganz legal, stimmt’s, Katie? Ich meine ...«

Während er spricht, sieht sie sich um, begutachtet übertrieben den Raum, und ich beginne Vibrations zu spüren, die Schlimmes für mich bedeuten könnten: Ob streng oder nicht, ich glaube, dass Cisco – alias Dr. Katie Arlen – scharf auf Petie mit den dunkelblauen Augen ist. Jesus, ich bin als Gelähmter vom Golfplatz in eine Episode von General Hospital transportiert worden, die diese Woche den Titel »Liebe blüht in Autopsieraum vier« trägt.

»He«, sagt sie mit heiserem Flüstern wie auf der Bühne, »ich sehe hier niemanden außer uns beiden.«

»Das Tonband ...«

»Läuft noch nicht«, sagt sie. »Und sobald es läuft, werde ich die ganze Zeit dicht neben Ihnen sein ... jedenfalls erfährt niemand etwas anderes. Und das werde ich auch die meiste Zeit sein. Ich will nur diese Dias und Diagramme hier einordnen. Und wenn Sie sich wirklich unbehaglich fühlen ... «

Ja!, schreie ich ihn aus meinem unbeweglichen Gesicht an. Fühl dich unbehaglich! SEHR unbehaglich! ZU unbehaglich!

Aber er ist höchstens vierundzwanzig, und was soll er zu dieser hübschen, strengen Frau sagen, die ihm auf die Pelle rückt, in einer Art auf die Pelle rückt, die wirklich nur eines bedeuten kann? Nein, Mami, ich traue mich nicht? Außerdem will er das selbst. Ich kann seine Begierde durch die Plexiglasbrille erkennen: Sie tanzt dahinter herum wie eine Bande überalterter Punkrocker, die zur Musik der Stones auf und ab hüpfen.

»He, solange Sie mir aushelfen, wenn ich ...«

»Klar«, sagt sie. »Sie müssen irgendwann ins kalte Wasser springen, Pete. Und wenn’s wirklich sein muss, spule ich das Tonband zurück.«

Er wirkt verblüfft. »Das können Sie?«

Sie lächelt. »Im Autopsieraum vier gibt’s viele Geheimnisse, mein Lieber.«

»Das glaube ich gern«, sagt er und erwidert ihr Lächeln, bevor er über mein starres Blickfeld hinausgreift. Als seine Hand zurückkommt, hält sie ein Mikrofon, das an einem schwarzen Kabel von der Decke herabhängt. Das Mikrofon sieht wie eine Träne aus Stahl aus. Sein Anblick macht diesen Horror auf eine bisher nicht existierende Weise real. Aber sie werden mich nicht wirklich aufschneiden, nicht wahr? Pete ist kein Veteran, aber er hat eine Ausbildung als Mediziner; er muss sehen, wo ich im Rough auf der Suche nach meinem Ball gebissen worden bin, und dann werden sie zumindest Verdacht schöpfen. Sie müssen Verdacht schöpfen.

Trotzdem sehe ich weiter die Schere – eine bessere Geflügelschere  – mit ihrem erbarmungslosen Satinglanz vor mir und frage mich, ob ich noch leben werde, wenn er mein Herz, tropfend, aus dem Brustraum hebt und es für einen Moment vor meinem starren Blick hochhält, bevor er sich abwendet, um es in die Waagschale plumpsen zu lassen. Ich könnte noch leben, so scheint es mir; das könnte ich wirklich. Heißt es nicht, das Gehirn könne nach einem Herzstillstand bis zu drei Minuten lang weiterarbeiten?

»Ich bin so weit, Doktor«, sagt Pete, dessen Stimme jetzt fast förmlich klingt. Irgendwo läuft ein Tonband mit.

Die Autopsie hat begonnen.

»Wenden wir diesen Pfannkuchen mal«, sagt sie fröhlich, und ich werde genauso schwungvoll umgedreht. Mein rechter Arm fliegt nach außen, fällt zurück und knallt seitlich ans Tischgestell, dessen erhöhte Kante sich in meinen Bizeps gräbt. Das tut verdammt weh, der Schmerz ist fast unerträglich, aber er macht mir nichts aus. Ich bete darum, dass die Metallkante meine Haut aufplatzen lässt, bete darum, zu bluten, was Bona-fide-Leichen nicht tun.

»Hoppla«, sagt Dr. Arlen. Sie hebt meinen Arm wieder hoch und lässt ihn neben meinen Körper auf den Tisch plumpsen.

Jetzt ist’s meine Nase, die mir die meisten Sorgen macht. Sie ist auf dem Tisch plattgedrückt, und meine Lunge sendet erstmals Notsignale aus – ein benommenes Gefühl von Sauerstoffmangel. Mein Mund ist geschlossen, meine Nase plattgedrückt und teilweise blockiert (wie sehr, kann ich nicht beurteilen; ich kann nicht einmal spüren, wie ich atme, nicht wirklich). Was ist, wenn ich so ersticke?

Dann passiert etwas, das mich völlig von meiner Nase ablenkt. Ein riesiger Gegenstand – er fühlt sich wie ein Baseballschläger aus Glas an – wird grob in mein Rektum gerammt. Ich versuche wieder zu schreien und bringe nur dieses schwache, elende Summen heraus.

»Thermometer drin«, sagt Peter. »Ich lasse den Timer laufen.«

»Gute Idee«, sagt sie und bewegt sich weg. Lässt ihm etwas mehr Freiraum. Lässt ihn dieses Baby Probe fahren. Lässt ihn mich Probe fahren. Die Musik wird etwas leiser gestellt.

»Der Untersuchte ist ein weißer Kaukasier, Alter vierundvierzig«, sagt Pete, der jetzt ins Mikrofon spricht, für die Nachwelt spricht. »Sein Name ist Howard Randolph Cottrell, wohnhaft 1566 Laurel Crest Lane, hier in Derry.«

Dr. Arlen, aus einiger Entfernung: »Mary Mead.«

Eine Pause, dann wieder Pete, der jetzt leicht nervös zu sein scheint: »Dr. Arlen teilt mir mit, dass der Untersuchte in Wirklichkeit in Mary Mead wohnt, das früher zu Derry gehört hat, aber seit...«

»Schluss mit der Geschichtsstunde, Pete.«

Lieber Gott, was haben sie mir in den Hintern gesteckt? Irgendeine Art Viehthermometer? Wäre es etwas länger, könnte ich die Kugel am vorderen Ende schmecken, glaube ich. Und sie haben mit dem Gleitgel nicht gerade übertrieben ... aber wozu auch? Ich bin schließlich tot.

Tot.

»Sorry, Doktor«, sagt Pete. Er fummelt in Gedanken nach der Stelle, wo er stehen geblieben ist, und findet sie endlich wieder. »Diese Angaben werden vom Vordruck der Sanitäter übernommen. Sie stammen von einem in Maine ausgestellten Führerschein. Der Tod wurde festgestellt von, äh, Dr. Frank Jennings. Der Untersuchte wurde am Auffindungsort für tot erklärt.«

»Als Todesursache kommt Herzschlag in Frage«, sagt Pete. Eine Hand gleitet leicht über meinen nackten Rücken bis zu meiner Arschspalte hinunter. Ich bete, dass sie das Thermometer herausziehen wird, aber das tut sie nicht. »Rückgrat scheint intakt zu sein, keine anziehenden Phänomene.«

Anziehende Phänomene? Anziehende Phänomene? Scheiße, für was halten sie mich eigentlich, für eine Insektenlampe?

Er hebt meinen Kopf hoch, wobei seine Finger auf meinen Backenknochen liegen, und ich summe verzweifelt – Nnnnnnnnn  –, denn ich weiß zwar, dass er mich über Keith Richards kreischende Gitarre hinweg unmöglich hören kann, aber ich hoffe, dass er den in meinen Atemwegen vibrierenden Laut vielleicht fühlen wird.

Das tut er nicht. Stattdessen dreht er meinen Kopf von einer Seite zur anderen.

»Keine offensichtliche Halsverletzung, keine Totenstarre«, sagt er, und ich hoffe, dass er meinen Kopf einfach fallen lassen, dass er mein Gesicht auf den Tisch knallen lassen wird – davon muss ich Nasenbluten bekommen, außer ich bin wirklich tot –, aber er lässt ihn sanft und rücksichtsvoll zurücksinken, sodass die Nasenspitze wieder plattgedrückt wird und der Erstickungstod erneut in den Bereich des durchaus Möglichen rückt.

»Keine sichtbaren Verletzungen an Rücken und Gesäß«, sagt er, »aber auf der Rückseite des rechten Oberschenkels befindet sich eine alte Narbe, die eine Kriegsverletzung sein könnte, vielleicht von einem Granatsplitter. Sieht schlimm aus.«

Sie war schlimm, und sie stammte von einem Granatsplitter. Damit war mein Krieg zu Ende gewesen. Eine Werfergranate hatte ein Nachschublager getroffen, zwei Mann tot, ein Mann – ich – hatte mehr Glück. Sie sieht vorn noch schlimmer aus und befindet sich an einer empfindlicheren Stelle, aber alles Equipment funktioniert ... oder hat es jedenfalls bis heute getan. Einen Viertelzoll nach links, dann hätten sie mich für intime Augenblicke mit einer Handpumpe und einer CO2-Patrone ausrüsten müssen.

Er zog endlich das Thermometer heraus – Gott, diese Erleichterung! –, und ich sah an der Wand seinen Schatten, der es hochhielt.

»Vierunddreißigkommafünf«, sagt er. »He, gar nicht übel. Dieser Kerl könnte fast noch leben, Katie ... Dr. Arlen.«

»Bedenken Sie, wo er aufgefunden wurde«, sagt sie von der anderen Seite des Raums aus. Da die Rolling Stones gerade eine Pause zwischen zwei Titeln machen, kann ich ihre dozierende Stimme deutlich hören. »Golfplatz? Sommernachmittag? Hätten Sie siebenunddreißig gemessen, hätte mich das nicht überrascht.«

»Genau, genau«, sagt er leicht zerknirscht. Dann: »Wird das alles auf dem Tonband komisch klingen?« Übersetzung: Werde ich auf dem Tonband dämlich klingen?

»Es wird wie eine Lehrsituation klingen«, sagt sie, »was tatsächlich der Fall ist.«

»Okay, gut. Großartig.«

Seine in Latexhandschuhen steckenden Finger spreizen meine Gesäßbacken, lassen sie dann los und gleiten über die Rückseiten meiner Oberschenkel nach unten. Wäre ich imstande, mich zu verkrampfen, würde ich mich jetzt verkrampfen.

Linkes Bein, suggeriere ich ihm. Linkes Bein, Petie-Boy, linke Wade, siehst du’s?

Er muss es sehen, er muss, denn ich kann es fühlen, es pocht wie ein Bienenstich oder vielleicht wie eine Spritze, die eine ungeschickte Krankenschwester gesetzt hat, bei der die Injektion statt in die Vene in einen Muskel geht.

»Der Untersuchte ist echt ein gutes Beispiel dafür, dass es wirklich keine gute Idee ist, in Shorts Golf zu spielen«, sagt er, und ich wünsche mir unwillkürlich, er wäre blind geboren. Teufel, vielleicht ist er von Geburt an blind, er benimmt sich jedenfalls so. »Ich sehe alle möglichen Insektenbisse, Hautabschürfungen, Kratzer ...«

»Mike hat gesagt, dass sie ihn im Rough gefunden haben«, ruft Arlen herüber. Sie klappert verdammt laut herum; man könnte glauben, sie spülte in der Cafeteria Geschirr, statt nur Zeug einzuordnen. »Vermutlich hat er auf der Suche nach seinem Ball einen Herzschlag erlitten.«

»Mhh-hmm.«

»Nur weiter, Peter, Sie machen Ihre Sache gut.«

Ich halte das für eine höchst fragliche Aussage.

Die Finger drücken und kneten weiter. Sanft. Vielleicht zu sanft.