Im Namen der Religion - Jochen Rabast - E-Book

Im Namen der Religion E-Book

Jochen Rabast

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Beschreibung

Dieses Buch beschreibt die Zusammenhänge der Religionen in ihrer Entstehung. Jede fundamentalistische Bewegung beansprucht für sich das 'Wahre' und 'Echte' aus der Ursprungszeit zu verwirklichen, so z.B. die Salafisten. Das Buch spannt den Bogen vom ersten Aufeinandertreffen der drei abrahamitischen Religionen in Spanien, den Kreuzzügen, über Luther zu dem langen Schatten des ersten Weltkriegs bis hin zu der krisenhaften Lage im Nahen Osten heute.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Fotos auf dem Einband:

Kreuzritter in einem Gefecht vor den Mauern Antiochias im Zuge der Belagerung der Stadt in den Jahren 1097 und 1098 - eine Miniatur aus dem 14. Jahrhundert.

- lizenzfrei im Wiki_public domain -

Der Autor ist approbierter Psychotherapeut und Theologe. Ihn interessiert die Kultur des alten Mesopotamien.

Sein früheres Buch zur Abrahamitischen Religion heißt 'Umbruch der Religion'.

Weiteres Buch 'Wie Engel in die Bibel kamen'

Jüngstes Buch 'Gefährlicher Islam', 2017

Inhaltsverzeichnis

Seit wann gibt es Religionen?

Seit wann gibt es den Glauben an einen einzigen Gott?

Abrahamitische Religion

Aus Palästina nach Babylon

Das Produkt des Exils: Eine neue Religion

Wie ist die neue Religion zu bezeichnen?

Das Schriftgut

Literarische Blütezeit

Der Mythos von der Sündenflut

Geschichte der Bibel versus Realgeschichte

Seit wann gibt es biblische Bücher?

Die politische Wende in Babylon

Die wichtigsten Kennzeichen des Gottesstaates

Das Ziel

Das heilige Land

Gesetze für das Zusammenleben

Der Name des einzigen Gottes

Das Volk Gottes

Sex in der abrahamitischen Religion

Übernahmen aus der Religionswelt Mesopotamiens

Esra der Staatsgründer

Der Niedergang der Abrahamitischen Religion

Das Judentum

Definition 'Judentum'

Die Theologie des Judentums

Der jüdische Kalender

Die einzelnen Feste

Das Christentum

Das Anwachsen der Jesus-Bewegung

Die Evangelien

Die Schriften der Christen

Der Beginn der Kirche

Die päpstliche Fälschung

Orthodoxe Kirche

Die Feste der Christen

Der Islam

Die religiösen Inhalte

Der KORAN

Der heilige Krieg

Der Nachfolger

Machtzentrum Damaskus (Umayyaden 661-750)

Machtzentrum Bagdad (Abbassiden 750-1258)

Andalusien

Das Christentum schlägt zu: die Kreuzzüge

Die Ideologie der Kreuzzüge

Martin Luther

Das Osmanische Reich (1299-1922)

Das Ende des Osmanischen Reiches (1918)

Der lange Schatten des 1. Weltkriegs

Ein Volk der Christen wird ermordet - Armenien

Das Verbrechen an den Juden

Der Staat Israel

Jerusalem heute

Der innerislamische Krieg

Der Krieg in Syrien

Auswirkung auf Europa

Meldungen zum Thema 'Islamischer Staat' (IS) sind fast täglich in den Massenmedien zu finden. Wer sich dabei die Augen reibt und verwundert fragt 'Was ist denn da los?' der hat den Faktor 'Religion' aus dem Auge verloren. Religionen prägen stärker die Geschichte der Völker als mancher glaubt. Dieses Buch beschäftigt sich mit der abrahamitischen Religion und den sich daran anschließenden Religionen Christentum, Judentum und Islam.

Religion ist nicht eine stille Meinung im Herzen eines Gläubigen. Das hatte sich der Pietismus im 19. Jahrhundert so vorgestellt. Der Gottesglaube prägt das gesellschaftliche Leben zu allen Zeiten durch Dominanz und Bekämpfung anderer Glaubens-Vorstellungen. Religiöse Kämpfe sind Teil der Geschichte.

Leider ist zu befürchten, dass Religionskonflikte auch in der kommenden Zeit von Bedeutung sein werden. Die Hintergründe wird man nur verstehen können, wenn man die geschichtliche Entwicklung kennt. Dazu will dieses Buch einen Beitrag leisten.

Seit wann gibt es Religionen?

Der Glaube an überirdische Mächte ist so alt wie die Menschheit selbst. Naturreligionen, Götterglaube im Allgemeinen, individualistische, multireligiöse Frömmigkeit, sowie Religionen aus dem afrikanischen und dem asiatischen Raum sind nicht Gegenstand dieses Buches.

In der vorliegenden Darstellung geht es um die monotheistischen Religionen, die sich als Nachfolger der Abrahamitischen Religion entwickelt haben: Christentum, Judentum, Islam.

Das Buch beschreibt die Geschichte des Monotheismus. Diese beginnt im fünften vorchristlichen Jahrhundert.

Die Abrahamitische Religion

Seit wann gibt es den Glauben an einen einzigen Gott?

Er beginnt mit Abraham, einem Nomaden aus dem babylonischen Ur (im heutigen Irak). Abraham ist eine Symbolfigur.

Die Tora (fünf Bücher Mose) berichtet, dass diesem Abraham in Harran (im Norden von Mesopotamien) Gott erschienen ist, der ihn auffordert, seine Heimat zu verlassen und in das Land Kanaan zu ziehen. Ihm wird versprochen, dass seine Nachkommen ein großes und mächtiges Volk bilden werden.

Im Gegenzug darf Abraham nur diesen einen Gott anbeten und keine anderen Götter anerkennen. Der Pakt (die Bibel nennt es 'Bund') gilt.

Abraham

Abraham handelt nach Gottes Anweisung und reist vom Zweistromland nach Palästina. Unglücklicher Weise herrscht dort gerade Hungersnot. So muss die Nomadenfamilie bis Ägypten weiterziehen.

Die fruchtbare Nilebene war von Alters her das Land der Hoffnung für die Kanaaniter in den Jahren der Dürre. Wandernde Aramäer, die mit ihrer Familie und ihrer Herde auf der Suche nach Weideplätzen unterwegs waren, gab es unzählige. Doch der biblische Abraham gilt als von Gott auserwählt. Ihm ist das Land für das spätere Volk Gottes versprochen.

Es fällt in diesem Bericht auf, dass das Alte Testament keine Angaben macht, welcher Zeit dieser Abraham zuzuordnen ist. Es fehlt die übliche Zeitangabe für Lebensdaten, wie etwa 'es geschah im Jahr x unter der Regierung des Königs y im Land z'.

Allein das Fehlen zeitlicher Zuordnung charakterisiert Abraham als eine Symbolfigur und nicht als eine historische Person. Abraham fügt sich in das Unvermeidliche und zieht weiter in der Fremde umher. Wegen einer Hungersnot nach Ägypten.

Saras erfolgreicher Seitensprung mit dem Pharao

Abrahams Frau hieß Sara. Sie machte sich keine Sorgen, in eine unbekannte Fremde zu ziehen. Sie vertraute ihrer weiblichen Ausstrahlung. Bisher hatte noch kein Mann ihrer Anziehungskraft widerstehen können, wenn sie es nur wollte. Das wusste sie nun einzusetzen. Kontakte zum Königshof wurden geknüpft. Alles ging ganz schnell. Aus Angst um sein Leben hatte Abraham seine Ehefrau Sara als seine Schwester ausgegeben.

Sara wusste den Schleier zu handhaben wie keine Andere, so dass er mehr zeigte als verhüllte. In den Grundregeln der Kosmetik kannte sie sich aus. Der Tanz war ihre Leidenschaft. Sie hatte auf Anhieb Erfolg beim Pharao, dem mächtigen Herrscher Ägyptens.

Hinter ihr schlossen sich die Türen der Verschwiegenheit. Sexuelle Details wurden damals noch nicht in Worten oder Bildern ausgebreitet. 'You tube' und Co. waren noch nicht erfunden. Die Effektivität des Geschehens konnte man am materiellen Lohn ablesen. Und Sara war sehr erfolgreich!

Als königliche Gegenleistung verließ Sara die pharaonische Residenz mit ganzen Herden von Schafen, Ziegen, Rindern und Kamelen samt zugehörigen Hirten. Und für den Ehemann Abraham kam noch eine ägyptische Sklavin hinzu. Er konnte damals noch nicht ahnen, wozu die eines Tages noch gut sein wird. Das ägyptische Abenteuer war ein wirtschaftlicher Erfolg. Mit Prostitution in ein neues Leben!

Gesättigt und zufrieden konnten Abraham und Sara aus Ägypten fortziehen. Abraham kehrte in das ihm als heilig versprochene Land zurück. Über Nacht war er ein reicher Mann geworden – dank Sara. Das Geld reichte sogar, in Kanaan etwas Grundbesitz zu erwerben.

Das war knapp

Das Leben ging dahin. Abraham ist alt geworden, und mit Nachkommen hat es nicht geklappt. Wo sollen die zahlreichen Nachfahren herkommen, die Gott versprochen hat? Sara weiß Rat. Sie stimmt zu, dass ihr Mann mit seiner ägyptischen Magd Hagar schläft; und das war erfolgreich. Hagar bringt einen Sohn zur Welt.

Sie nennen ihn Ismael. Im Islam gilt dieser Sohn Ihrahims/Abrahams als Urahn aller Moslems.

Doch auch für Abrahams Frau Sara sollte sich das Blatt noch wenden. Eines Tages sind Fremde im Haus zu Besuch. Abraham erkennt, dass es Gott selbst ist. Die Bibel gebraucht dafür das Wort 'Engel'. Obwohl Sara zu diesem Zeitpunkt schon 90 Jahre alt ist, wird sie schwanger. Nun bringt auch sie einen Sohn zur Welt und nennt ihn Isaak. Ohne diese Wendung wäre es wohl mit der angekündigten großen Nachkommenschaft nichts geworden.

Die Bibel erzählt im Folgenden das Werden des abrahamitischen Gottesvolkes als eine genealogische Abfolge, eine literarische Familiengeschichte.

Isaak bekommt einen Sohn, Jakob. Dieser Enkel Abrahams ringt eines Nachts mit Gott/Engel. Jakob kämpft mit aller Kraft und gibt nicht auf. Dafür bekommt er einen neuen Namen: Israel.

Dieser schafft es dann in der vierten Generation zu zwölf Söhnen.

Aus diesen entwickeln sich die zwölf 'Stämme des Volkes Israel'.

Die Heiratspolitik

Der Urahn des Gottesvolkes, Abraham, sucht für seinen Sohn Isaak eine Frau. Er beauftragt mit der Brautschau seinen Verwalter, und nimmt ihm den heiligen Schwur ab: Versprich mir beim Herrn, dem Gott des Himmels und der Erde, dass du für meinen Sohn Isaak keine Frau auswählst, die hier aus dem Land Kanaan stammt. Gib mir dein Wort, dass du in meine Heimat gehst und ihm eine Frau aus meiner Verwandtschaft suchst.

Der Brautwerber zieht nach Mesopotamien. Dort findet er Rebecca.

Sie ist bereit, mit ihm nach Juda zu ziehen.

In der nächsten Generation wiederholt sich die Brautschau in Mesopotamien. Isaaks Sohn Jakob holt sich seine Frau auch wieder von dort, genauer gesagt deren zwei.

Durch einen Trick in der Hochzeitsnacht werden ihm zwei Ehefrauen angedreht. Die Bibel berichtet:

Laban hat zwei Töchter, die ältere heißt Lea, die jüngere Rahel. Lea hat glanzlose Augen, Rahel aber ist ausnehmend schön. Jakob liebt Rahel und so sagt er zu Laban: 'gib mir Rahel, deine jüngere Tochter, zur Frau. Ich will dafür sieben Jahre bei dir arbeiten'. Nach Ablauf der sieben Arbeitsjahre wendet der Schwiegervater einen Trick an. In der Hochzeitsnacht legt er die ältere Tochter Lea ins Ehebett, und Jakob vollzieht mit ihr die Ehe.

Der Schwindel fliegt auf und hat zur Folge, das der willige Jakob noch einmal sieben Jahre für die andere Tochter bei seinem Schwiegervater arbeitet. Schlafen darf Jakob nun mit beiden Frauen und auch deren Mägden. Offenbar Zufriedenheit überall.

Der Vater hat beide Töchter verheiratet, und die Jugend ist auf ihre Weise glücklich. In den folgenden Jahren erblicken insgesamt zwölf Söhne von den vier Frauen das Licht der Welt. Das geschah in Mesopotamien, nicht etwa in Kanaan.

Die Urväter der sogenannten zwölf Stämme Israels sind von Geburt Babylonier.

Die Reise von Palästina nach dem Zweistromland und wieder zurück, ist ein auffälliges und erklärungsbedürftiges Merkmal in der biblischen Erzählung.

Die geografische Abhängigkeit der Familie Abrahams von Mesopotamien fällt auf. Was drückt sich in der erzählten Heiratspolitik aus? Hier schimmert der historische Kern für die Erzählungen durch. Die Menschen, die das Land Palästina nach und nach besetzen, kommen aus Mesopotamien. Doch es sind nicht irgendwelche Fremden, sondern die Nachfahren der einst im Jahre 587 v.Chr. aus Jerusalem Deportierten.

Die Josephsgeschichten

Im Rahmen der abrahamitischen Familiengeschichte bekommt auch Ägypten seinen Platz als Nahrungsreservoir eingeräumt.Die Überschwemmungen des Nil sorgten regelmäßig für gute Erträge beim Getreideanbau. So zogen die Bewohner Palästinas in Zeiten knapper Nahrung in die fruchtbare Nilebene, um dort Getreide einzukaufen oder auch längerfristig zu arbeiten. Palästina gehörte machtpolitisch zum Einflussbereich Ägyptens bevor die Großmächte Assyrien und Babylon es militärisch in ihre Gewalt brachten. Die biblische Erzählung gibt die Erinnerung an den Einkaufstrip nach Ägypten wider. Es sind die Geschichten um Abrahams Enkel Joseph. Thomas Mann hat daraus einen Roman in drei dicken Bänden gestaltet und unterstreicht damit, dass der Komplex der Josephsgeschichten im ersten Mosebuch ein Stück Weltliteratur ist.

Joseph war das Lieblingskind des Abraham-Enkels Jakob. Die Bevorzugung gegenüber den elf Brüdern erregte deren Neid und Wut. Als eines Tages die Karawane eines Sklavenhändlers des Weges daher kam, verschacherten sie kurzerhand ihren Bruder. Dem Vater wurde ein Unfall mit einem wilden Tier aufgetischt. Joseph indes verschwand nicht in der Anonymität eines Sklaven. Er beherrschte die damals angesehene Kunst der Traumdeutung. In dieser Eigenschaft wurde er vor den Pharao geführt, dessen Traum er als Vorhersage einer katastrophalen Hungersnot deutete. Daraufhin wurde Joseph zu einem königlichen Minister der Getreidebevorratung ernannt. Das Happyend liegt in der Luft der Erzählung. Vater Abraham und die elf Brüder feiern Wiedersehen in Ägypten, wohin sie eine Hungersnot in Palästina geführt hat.

Der Nahrungswohlstand der Ägypter hilft der Nachkommenschaft Abrahams zu einem großen Volk der 12 Stämme zu werden, zugleich ein Stück Erinnerung an die Urgroßmutter Sara.

Aus Palästina nach Babylon

Das Volk Gottes, von dem die Bibel erzählt, hat im Land Kanaan in zwei Staaten gelebt.

Israel hieß der Nordstaat, Juda der Südstaat. Beide Reiche fanden ein kriegerisches Ende.

Israel mit seiner Hauptstadt Samaria wurde im Jahr 721 v.Chr. durch die Assyrer vernichtet. Einem Teil der Bevölkerung gelang es, nach dem Süden in den Staat Juda zu fliehen. Eine erhebliche Anzahl der Einwohner Israels wurde von den Siegern verschleppt und im assyrischen Staatsgebiet angesiedelt. Die Deportierten gingen im Völkergemisch Assyriens auf.

Der babylonische König Nebukadnezar hat den Staat Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem im Jahr 597 v.Chr. erobert, weil dieser mit der feindlichen Großmacht Ägypten paktierte. In einer ersten Strafaktion wurde ein Teil der Bevölkerung nach Mesopotamien deportiert.

Diese Maßnahme erwies sich als nicht ausreichend. Die Armee der Babylonier zog 587 v.Chr. ein zweites Mal gegen Jerusalem. Die Stadt wurde nun verwüstet und der Staat Juda vernichtet. Die herrschende Oberschicht und ein Großteil der Bevölkerung wurden in die Gefangenschaft nach Babylon abtransportiert.

Die Bibel macht unterschiedliche Angaben über die Zahl der Deportierten. Nach Jeremia 52,28 sind es 4.600 Judäer. Laut 2.Könige 24,12 sind es 10.000 Deportierte. Zu den genannten Zahlen kommen jeweils die Familienangehörigen hinzu; denn gezählt wurden nur die 'Familienoberhäupter'.

Das Produkt des Exils: Eine neue Religion

Die Deportierten müssen sich in die Gegebenheiten eines Lebens im fremden Land fügen. Mehr noch: Die Judäer übernehmen den hohen Kulturstand Babyloniens. Im Laufe der Zeit entsteht eine eigene Bildungselite. Aus den Nachfahren von einst verschleppten judäischen Kriegsgefangenen ist in Mesopotamien eine neue Generation hervorgegangen. Diese entwickelt im babylonischen Völkergemisch eine neue Religion. Für sie soll es künftig nur noch strengen Monotheismus geben.

Der wird gepaart mit dem 'Seherischen' (ein Kriterium von Religion). Es ist die Vision, einen Gottesstaat zu gründen. Der Ort soll Jerusalem sein, das Land aus dem die Vorfahren verschleppt worden sind. Dort will man ausschließlich nach dem Willen Gottes leben, das Wort Gottes befolgen. Zukunftsvorstellungen sind immer dynamisch. Doch zunächst leben die Judäer als Unfreie im Exil. Werden sich ihre Zukunftswünsche erfüllen?

Wie ist die neue Religion zu bezeichnen?

Es ist ein seltsames religionsgeschichtliches Phänomen, dass dieser in Babylon entstandene Monotheismus keinen terminus technicus, keinen historischen Fachausdruck hat. Wie erklärt sich das? Und welcher Ausdruck bietet sich als treffend an?

Frühes Judentum

. Das würde verkennen, dass das Christentum diese Zeit ebenfalls als seine frühe Geschichte beansprucht. Zudem kann man erst seit der Synagoge und dem rabbinischen Judentum nach dem Jahr 70 von der jüdischen Religion sprechen.

Religion Jehudas

. Im persischen Großreich und der Zeit danach danach war 'Jehuda' die Bezeichnung für die Provinz um Jerusalem.

Religion Abrahams

geht zum einen nicht, weil sich der Islam als die 'Religion Abrahams' bezeichnet. Zudem ist Abraham nicht der Stifter einer Religion gewesen. Die Abrahamitische Religion ist von Menschen begründet worden, die weitgehend anonym geblieben sind. Es erscheint am sinnvollsten, den Namen Abrahams in der Charakterisierung dieser Religion terminologisch beizubehalten.Von den biblischen Persönlichkeiten wie Ezechiel, Esra, Nehemia wissen wir, dass sie maßgeblich beteiligt waren. Außer ihnen hat es sich um führende Männer des Priesterstandes gehandelt.

Religion Judas

differenziert nicht zwischen der Zeit der Vielgötterei bis 597 v.Chr. und dem strengen Monotheismus erst nach 525 v.Chr.

Religion Israels

ist mehrdeutig. Zum einen ist das eine Bezeichnung für den mythischen Verbund von zwölf Stämmen, den die Bibel als das 'Volk Israel' bezeichnet. Doch auch der Nordstaat (neben dem Staat Juda im Süden) trägt in der Bibel den Namen Israel.

Seit es ab 1948 wieder einen Staat Israel gibt, wäre eine Bezeichnung 'Religion Israels' sehr unpräzise.

Das spätere Judentum wie auch das Christentum betrachten die Zeit des Monotheismus als ihre Frühgeschichte. So erklärt es sich, dass für diese Zeit kein eigenständiger Begriff für den Ein-Gott-Glauben entstanden ist.

Das Schriftgut

Die Abrahamitische Religion fängt in Babylon an, ihre Religion in Geschichtsform aufzuschreiben.

Die 'Erzählungen der Großmutter' werden in die neue Religion eingebracht. Mündlich Überliefertes wird zu diesem Zeitpunkt aufgeschrieben und dabei in ein theologisches Konzept eingepasst. So verwundert es nicht, dass die späteren biblischen Schriften eine Synthese von den Traditionen in Babylon und dem Gottesbild der Judäer darstellen. Es wird eine Literatur hervorgebracht, die eine Mischung aus Althergebrachtem und der babylonischen Weltanschauung, vorwiegend der Religion des Zarathustra, darstellt. Das Geschriebene wird später zu den Schriften Tanach/=Altes Testament zusammengefasst.

Das babylonische Exil ist in literarischer Hinsicht eine sehr produktive Zeit. Hier wird von den gebildeten Judäern die hebräische Quadratschrift entwickelt. Sie entstammt der Zeit des Exils und wird zur Schriftsprache für die späteren gottesdienstlichen Lesungen im Tempel in Jerusalem.

Im Unterschied zu dieser kultischen Schriftsprache bleibt das Aramäisch die Umgangssprache der Judäer.

Ein Beispiel der literarischen Leistung: Neuinterpretation

Babylon ist nicht nur ein Vielvölkerstaat, sondern es gibt ebenso viele Religionen. Eine davon hat es den verschleppten Judäern besonders angetan. Es ist der Monotheismus des Zarathustra. Ahura Mazda ragt unter den Göttern Babylons neben dem Stadtgott Marduk heraus. Die Religion des Zarathustra wird später zur Staatsreligion des ganzen Persischen Reiches.

Der persische Großkönig Darius I. (522 – 486 v.Chr.) ist ein Anhänger und Förderer der Zarathustra-Religion. Darius sieht sich selbst als König von Ahura Mazdas Gnaden an. Der einzige Gott, Ahura Mazda, hat die Welt erschaffen Der zoroastrische Schöpfungsmythos lautet:1

Ich frage dich, Ahura Mazda, gib mir die wahre Antwort!

Wer bestimmt den Weg von Sonne und Sternen,

durch wen nimmt der Mond zu und ab?

Wer hält die Erde unten, das Himmelsgewölbe oben?

Wer erschuf die Gewässer, wer erschuf die Pflanzen?

Wer erschuf das Licht und das Dunkel,Morgen,Mittag,Nacht?

Warst du es, Ahura Mazda?

Du kennst alles, du Schöpfer der Dinge.

Dein heiliger Geist hat alles erschaffen. Und so ist es geworden.

Du gabst der Seele den Körper des Menschen.

Du bist der wirkliche Schöpfer.

Die zoroastrische Frageform, die einräumt, es hätte auch anders gewesen sein können, ist in der späteren alttestamentlichen Form nicht mehr zu finden. Die vorgefundene Form lädt ein, die gestellten Fragen zu beantworten und den Namen des eigenen Gottes 'Jahwe' einzusetzen. Das Ergebnis liest man auf der ersten Seite der Bibel (die Erschaffung der Welt).

Literarische Blütezeit

Man darf sich das babylonische Exil nicht als straff organisiertes Gefangenenlager vorstellen. Die Judäer haben Zugang zu öffentlichem Leben und Bildung. Aus einst verschleppten Kriegsgefangenen ist in Mesopotamien aus deren Nachkommen eine Bildungselite hervorgegangen.

Diese Elite der Judäer ist in der Lage, die Erzählungen ihrer Vorfahren aufzuschreiben. In Babylon selbst und in der Zeit nach der Rückkehr wird eine literarische Geschichte komponiert, die so nicht stattgefunden hat. Sie erweckt den Anschein, dieser Glaube an den einzigen Gott, bestehe seit dem Beginn der Welt.

In diese Geschichte fließen Anteile aus dem kulturellen Schmelztiegel Babylonien ein. Der Turmbau in Babylon, die zoroastrische Vorstellung von Teufel und Engeln, die große Flutkatastrophe ('Sintflut'), eine Geschichte über die Entstehung der Welt sind die bekanntesten Geschichten.

Bücher werden geschrieben, die später als die Büchersammlung Tanach/Altes Testament zum heiligen Buch werden. Es handelt sich um eine Zeit gewaltigen literarischen Schaffens.

Dazu zwei Beispiele.

Ein Beispiel zeigt eine Interpretation einer alten babylonischen Erzählung. In einem weiteren Beispiel wird eine Überlieferung aus Jerusalem aufgegriffen und literarisch bearbeitet.

Der Mythos von der Sündenflut

In der Bibel findet sich eine Erzählung einer großen Flutkatastrophe. Die Vorlage stammt aus dem babylonischen Kulturkreis. Es ist die Gilgamesch-Überlieferung. Man benennt sie nach dem Protagonisten des Epos, nach Gilgamesch. Eine noch ältere Erzählung wurde etwa