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»Was für eine sonderbare Familie sind wir! Man wird später Bücher über uns - nicht nur über einzelne von uns - schreiben«, ahnte Klaus Mann bereits 1936. Jetzt, da neben den Werken auch Briefe und Tagebücher von Thomas, Heinrich, Erika und Klaus Mann vorliegen, dazu die Erinnerungen anderer Familienmitglieder, ist dieses »Später« erreicht, um ihre erlebten und Literatur gewordenen Geschichten im Vergleich mit- und zueinander kritisch zu beleuchten. Die Soziologin und Familienforscherin Marianne Krüll folgte in ihrer, auf langjährigen intensiven Forschungen basierenden Biographie der Familie Mann den Fäden des Netzes, in dem sie alle verstrickt waren. Ihr Ausgangspunkt ist der Selbstmord von Klaus Mann, den sie vor dem Hintergrund des Generationen umspannenden Gewebes von Schuld, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Tod betrachtet. Sie legt dar, wie Erfolg und Scheitern, Selbstverwirklichung und Selbstvernichtung auf unterschiedlichste Weise von den Mitgliedern dieser Familie gelebt wurden.
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Seitenzahl: 757
Veröffentlichungsjahr: 2012
Marianne Krüll
Eine andere Geschichte der Familie Mann
»Was für eine sonderbare Familie sind wir! Man wird später Bücher über uns - nicht nur über einzelne von uns - schreiben«, ahnte Klaus Mann bereits 1936. Jetzt, da neben den Werken auch Briefe und Tagebücher von Thomas, Heinrich, Erika und Klaus Mann vorliegen, dazu die Erinnerungen anderer Familienmitglieder, ist dieses »Später« erreicht, um ihre erlebten und Literatur gewordenen Geschichten im Vergleich mit- und zueinander kritisch zu beleuchten. Die Soziologin und Familienforscherin Marianne Krüll folgte in ihrer, auf langjährigen intensiven Forschungen basierenden Biographie der Familie Mann den Fäden des Netzes, in dem sie alle verstrickt waren. Ihr Ausgangspunkt ist der Selbstmord von Klaus Mann, den sie vor dem Hintergrund des Generationen umspannenden Gewebes von Schuld, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Tod betrachtet. Sie legt dar, wie Erfolg und Scheitern, Selbstverwirklichung und Selbstvernichtung auf unterschiedlichste Weise von den Mitgliedern dieser Familie gelebt wurden.
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Marianne Krüll, geboren 1936, studierte Soziologie in Berlin und promovierte in Bonn. 1974-1998 war sie Akademische Rätin am Seminar für Soziologie der Universität Bonn. Sie hat zahlreiche wichtige Buchpublikationen vorgelegt: "Schizophrenie und Gesellschaft" (1977), "Freud und sein Vater" (1979), "Die Geburt ist nicht der Anfang" (1989), "Käthe, meine Mutter" (2001) u.a.
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2012
Foto: »Thomas Mann im kalifornischen Exil«
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ISBN 978-3-10-400928-5
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»Jeder Einblick in eine Familie eröffnet so viel Geheimnis, mir scheint, von allen möglichen menschlichen Gemeinschaftsformen ist die Familie die eigentlich mystische.«
Klaus Mann an Heinrich Kurtzig, 26. 6. 1927
»Ich weiß nicht, ob irgend Jemand seinem Mitmenschen ›leben helfen‹ kann; nur möge unsere Literatur ihm dann nie zum Sterben verhelfen!«
Heinrich Mann an Thomas Mann in einem nicht abgeschickten Brief vom 5. 1. 1918
Sie lassen mich nicht los, die Zauberer der Familie Mann mit all ihren Masken und Verkleidungen, die sie in der Realität ihres Seins und in der ihrer literarischen Werke angenommen haben. »Zauberer« wurde Thomas Mann von seinen Kindern genannt[1], und so wie sie sich von ihm und seinen Geschichten verzaubern ließen, haben sich Leserinnen und Leser vom Zauber seiner Werke einfangen lassen. Auch der Bruder Heinrich, der andere Schriftsteller dieser Generation der Familie, war ein Zauberer, der von vielen sogar für größer gehalten wird als der mehr gerühmte Bruder. Und Klaus – der mit weiteren Namen Heinrich Thomas hieß – wurde des Vaters und des Onkels »Zauberlehrling«, der vielleicht tatsächlich »die Geister, die er rief«, nicht wieder loswurde und sich in seinen und ihren Geschichten tödlich verstrickte. Mich haben von jeher nicht nur einzelne Werke von Thomas, Heinrich und Klaus Mann fasziniert, sondern das gesamte Netz, das sie woben, in dem sie sich tragen und hochheben ließen, aus dem sie aber auch hinabstürzten und dabei andere mit sich zogen.
Es ist ein Gewebe aus »wahren« und »erdachten« Geschichten, die für die Beteiligten eine einzige, unentwirrbar verwobene Wirklichkeit darstellten. So stand beispielsweise den Kindern Thomas Manns sein Roman Buddenbrooks näher als die eigene Familiengeschichte.[2] Die Werke gewannen auch für ihre Schöpfer ein Eigenleben, das auf sie zurückwirkte, so daß sie selbst in ihre eigenen Geschichten eingesponnen, eingeschlossen wurden. Wie weitgehend dies geschah und wie sehr sie sich dadurch ihrer Mitmenschen, ja ihrer eigenen Person entfremdeten, wieviel Verwirrung sie in das Netz der Familie brachten, davon soll hier die Rede sein.
Es geht mir darum, die vielen Geschichten der Familie – die zu Literatur gewordenen ebenso wie die nicht gedruckten und die verheimlichten – miteinander zu vergleichen und ihre Wirkung auf die Beteiligten zu betrachten. Dabei spielen ganz besonders auch Geschichten eine Rolle, die aus früheren Generationen überliefert sind. Vieles daraus haben Heinrich und Thomas Mann in ihre Werke einfließen lassen. Und es ist interessant zu sehen, wo sie etwas ausließen, wo sie die Dinge ein wenig verdrehten, mit anderen vermischten oder wo sie etwas hinzufügten.
Aufregend ist es auch, die Geschichten der beiden Brüder, Heinrich und Thomas, zu vergleichen oder die des Sohnes Klaus mit denen des Vaters Thomas. Es tauchen dabei merkwürdige Ähnlichkeiten, spiegelbildliche Verdrehungen, kontrapunktische Gegensätze auf, die dennoch deutlich ihre Herkunft aus demselben Grundgewebe bezeugen und zusammengenommen eine einzige Gestalt, ein dichtes Bild ergeben.
Dieses Bild kann wiederum vielerlei Formen annehmen, die von uns, der Betrachterin, dem Betrachter, abhängen. Wir selbst werden Teil dieses Gewebes, wenn wir es uns anschauen. Wir wählen aus, ergänzen Fehlendes, erkennen Muster und Zusammenhänge in einem Prozeß, der uns selbst und unseren eigenen Lebenskontext widerspiegelt. Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, »objektiv« zu bleiben, auch wir sind von dem Netz umspannt. Die Rollen von Frau oder Mann, Tochter oder Sohn leben auch wir in unseren jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhängen, eine Familie haben wir alle. Die Geschichte einer anderen Familie zu erzählen oder sich anzuhören heißt immer auch, sich mit der eigenen zu konfrontieren.
Anfangs näherte ich mich mit einer sehr kritischen, ja anklagenden Haltung der Familie Mann. Als ich 1982 mit dieser Studie begann, war ich ganz auf der Seite des Sohnes Klaus, dessen Selbstmord mich erschütterte. Ich klagte Thomas und Katia, die Eltern, an, die vielen Appelle, die der Sohn schon als Kind an sie gerichtet hatte, überhört zu haben und ihn dem Grauen des Verlassenseins, der Kälte ausgesetzt zu haben. Aber dann entdeckte ich die Trauer und Verlassenheit, die Thomas und Katia – beide auf verschiedene, aber auch wieder ähnliche Weise – selbst in ihrer Kindheit erleiden mußten. Ich suchte immer mehr nach Zusammenhängen in ihrem Leben, auch im Leben der Menschen aus früheren Generationen, und es ergab sich für mich ein Bild, in dem es keine geradlinigen, eindeutigen Beziehungen von Ursache und Wirkung gab, sondern eben Geschichten von Menschen, die sich für Klaus mehr oder weniger direkt zur Geschichte seines Freitods verdichteten. In jeder dieser Geschichten entdeckte ich Elemente, die auch ihm einen anderen Weg ermöglicht hätten, wenn er sie hätte aufgreifen und zu seiner Geschichte machen können.
Besonderes Augenmerk habe ich auf die Personen gerichtet, die im Schatten der drei Dichter standen. Es sind vor allem Frauen, deren Biographien sehr viel lückenhafter dokumentiert sind als die ihrer Ehemänner, Väter, Brüder und Söhne. Viel Material, vor allem in Form von Briefen, liegt noch unveröffentlicht in Archiven oder ist in Privatbesitz in aller Welt verstreut. Wie wichtig aber zum Beispiel die teilweise noch unveröffentlichten Briefe der Mutter von Thomas und Heinrich Mann für das Verständnis der Söhne ist, werde ich anhand mehrerer Beispiele aus dem Archivmaterial aufzeigen. Die Gestalten im Schatten zu erkennen ist sehr mühsam, und es verwundert nicht, daß sie meist gar nicht oder nur beiläufig erwähnt werden. Wie oberflächlich oder auch unverständlich dadurch die Biographik, aber auch die literaturwissenschaftliche Analyse mancher Werke sein kann, werde ich versuchen nachzuweisen.
Um in der Flut der Bilder, Geschichten und Strukturen nicht verlorenzugehen, werde ich mehreren roten Fäden folgen: Es soll zunächst um die Geschichte von Klaus Manns Selbstmord gehen, den er mit 42 Jahren beging. Dabei frage ich nicht in erster Linie nach Ursachen oder Gründen, ich interessiere mich nicht für seinen »Todestrieb« oder seine »charakterliche Labilität«, die man für seine Selbsttötungsneigung herangezogen hat. Mein Interesse gilt Geschichten, die Ereignisse, Figuren, Erlebnismuster aus der Vergangenheit von Klaus, aber auch aus der Vorvergangenheit, also aus der Vergangenheit seiner Eltern und Voreltern, mit dem Muster Selbstmord verbinden. Das heißt auch, daß ich nicht nur nach Selbstmorden in anderen Generationen Ausschau halte, sondern auch nach Themen suche, die mit Schuld, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Haß und Tod zusammenhängen und sich in verschiedenartigsten Familienereignissen konkretisieren. Derartige Muster im Familiennetz – so meine Hypothese – liegen Klaus’ Tat zugrunde, auch wenn sie ihm selbst weitgehend nicht bewußt waren.
Die literarischen Werke von Klaus, Thomas und Heinrich Mann sind für meine Betrachtung eine ebenso wichtige Quelle gewesen wie Briefe, Tagebücher, autobiographische Aufzeichnungen, Notizbücher und anderes mehr, das von ihnen selbst oder von anderen Mitgliedern der Familie überliefert ist. Daß ich in meinen Schlußfolgerungen oder Hypothesen dabei nicht immer der herkömmlichen Biographik oder literaturwissenschaftlichen Deutung folge, versteht sich von selbst.
Bei der Fülle des von mir herangezogenen Materials ist es allerdings unvermeidlich, daß mir trotz aller Sorgfalt Fehler unterlaufen sind. Für entsprechende Hinweise bin ich dankbar.
Vielen Menschen bin ich für Anregungen, für Materialsuche und -bereitstellung sowie für konkrete technische Hilfe zu Dank verpflichtet. Roland und Eva Hermann gaben mir den ersten Anstoß, mich mit der Familie Mann zu beschäftigen, sie lockten mich auf die Fährte. Friederike Koch stellte mir den unveröffentlichten Stammbaum der Familie Bruhns und wichtige, ebenfalls unveröffentlichte autobiographische Schriften von Familienmitgliedern zur Verfügung. Die Gespräche mit ihr und ihrer Tante, Marie Riebeling (die eine Halb- oder Stiefkusine von Thomas und Heinrich Mann ist), gaben mir Einblicke in die Geschichte der Familie Bruhns, die bislang in der Biographik unbeachtet geblieben ist. Dank auch an Hermann Grabe, der mir Familienfotos überließ. Günther Mann steuerte interessantes Material aus seinem Zweig der Familie Mann bei, der ebenfalls bisher kaum Beachtung gefunden hat. Klaus Hubert Pringsheim, Tamara Marwitz und Claudia Reuter-Meyns gaben mir Informationen über die Familie Pringsheim. Johannes Kempf und Heike Brandt stellten mir Material über die Familie Hedwig Dohms zur Verfügung. Elisabeth Mann Borgese, Frido Mann und Jindrich Mann ergänzten die Angaben über ihre Familien. Von Rosemarie Alder erfuhr ich bislang Unbekanntes über die Familie Löhr.
Die Mitarbeiter im Thomas-Mann-Archiv in Zürich, im Heinrich-Mann-Archiv der Akademie der Künste in Ost-Berlin, im Erika- und Klaus-Mann-Archiv in München, im Archiv der Hansestadt Lübeck sowie im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck waren mir bei der Materialsuche behilflich. Vor allem danke ich der – leider verstorbenen – Anita Naef für ihre unschätzbare Hilfe bei meinen Recherchen.
Dankbar bin ich auch allen, die mein Manuskript in verschiedenen Stadien seiner Entstehung ganz oder in Teilen gelesen und mich auf Schwächen oder Ungenauigkeiten hingewiesen haben: Sibylle Krüll, Rom; Heidrun und Theo Meier-Ewert, Bonn; Klaus Jodeit, Lübeck; Marga Monheim-Geffert, Bonn; Ilse Henle, Bonn; Friederike Koch, Hamburg; Günther Mann, Göttingen. Anderen, die mir beigestanden haben, sage ich ebenfalls Dank.
Ganz besonders danke ich meiner Lektorin Claudia Schlottmann und meiner Verlegerin Elisabeth Raabe, die es ermöglicht haben, daß das Buch so erscheinen kann, wie ich es mir gewünscht habe.
Ich widme dieses Buch Echi Behrens, die sehr viel dazu beigetragen hat, daß es DIESE Geschichte wurde. Und ich widme es allen Menschen, die diese ANDERE Geschichte der Familie Mann auch als unsere kollektive Geschichte – im Sinne von Historie – lesen wollen, eine Geschichte, die uns alle, Frauen und Männer, geprägt hat, in die auch wir, so wie die Manns, unschuldig-schuldig verstrickt sind.
Ich danke allen aufmerksamen Leserinnen und Lesern für Hinweise auf sachliche und interpretative Fehler, die ich, soweit ich sie nachvollziehen konnte, korrigiert habe. Vor allem war es möglich, Korrekturen und Ergänzungen in den Familientafeln einzufügen, die von Anita Naef recherchiert wurden (s. Peter de Mendelssohn 1992). Auch João Silvério Trevisan half mit mir vielen Hinweisen).
Andere, ergänzendes Material enthaltende Werke über die Familie Mann, die nach der Erstveröffentlichung meines Buches erschienen sind, habe ich in mein Literaturverzeichnis aufgenommen: Die Memoiren der Julia Mann (1991), der Briefwechsel Thomas Mann – Agnes E. Meyer (1992), die Notizbücher Thomas Manns aus den Jahren 1893–1937 (1992), die Aufsatzsammlungen Erika Manns (1996 und 2000), die Autobiographie von Klaus Pringsheim Jr. (199), der Katalog der Ausstellung über Julia Mann (1999), die Biographien über Erika Mann von Irmela von der Lühe (1993), über Elisabeth Mann Borgese von Kerstin Holzer (2001), über Katia Mann von Inge und Walter Jens (2003) und von Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck (2003). Ein geradezu sensationeller Fund sind etwa 400 Zeichnungen Heinrich Manns, die im Nachlaß von Lion Feuchtwanger entdeckt wurden. 150 davon sind in einem großen Bildband (2001) veröffentlicht worden.
Vor allem aber ist die beeindruckende Fernsehfilm-Trilogie »Die Manns« von Heinrich Breloer und Horst Königstein zu erwähnen, durch die die Manns sozusagen zur »Familie der Nation« wurden. Ich muß zugeben, daß ich mir nicht vorstellen konnte, wie ein Spielfilm über die Familie gelingen könnte. Doch die gute Mischung aus Dokumentation und Spielfilm, die hervorragenden Schauspieler und nicht zuletzt Elisabeth Mann Borgeses zauberhafte Begleitung durch das Geschehen haben ein grandioses Werk entstehen lassen, für das den beiden Autoren verdientes Lob zuteil wurde.
Daß mein Buch durch Breloers Verfilmung wieder ins Rampenlicht geriet und nun sogar noch einmal in einer Hardcover-Auflage erscheinen kann, freut mich. Denn in der Tat bietet meine »andere« Geschichte der Familie Mann eine hervorragende Ergänzung und Vertiefung für Themen, die in dem Film nur angedeutet wurden oder gar keinen Platz fanden.
Die »andere« Geschichte der Mann-Familie lebt weiter: Im Oktober 1997 fand in Paraty/Brasilien, der Geburtsstadt von Julia Mann da Silva Bruhns, der Mutter von Heinrich und Thomas Mann, ein Festival zur Gründung des Eurobrasilianischen Kulturzentrums ›Julia Mann‹ statt, das von Frido Mann, dem Enkel von Thomas Mann, im Verbund mit dem Goethe-Institut São Paulo/Brasilien organisiert wurde. Julia war niemals in ihre Heimat zurückgekehrt, auch ihre Kinder und Enkelkinder besuchten Brasilien nie. Doch nun saßen Julias Urenkel Frido, sein Bruder Toni und auch Ludvik Mann, ein Enkel Heinrich Manns, in der Halle von Boa Vista, dem Haus, in dem Julia ihre kurze, glückliche Kindheit verbrachte, und ehrten sie! Es war für mich ein großes Erlebnis, mit dabeigewesen zu sein, hatte doch mein Buch in gewisser Weise den Anstoß für dieses schöne Projekt gegeben. – Und sicher würde sich Julia Mann freuen, wenn sie wüßte, daß ihre Ur-Ur-Urenkelin, Frido Manns 1996 geborene Enkeltochter, Julia Mann heißt. Und auch ein anderer Urenkel Julias hat seine brasilianischen Wurzeln wiederentdeckt: Saranam Ludvik Mann, der Enkel Heinrich Manns, hat auf einer eigenen Insel vor der nordbrasilianischen Küste mit Gleichgesinnten ein ökologisch-tantrisches Projekt begründet. Es ist für ihn vor allem ein Vermächtnis seines Großvaters, der in seinem frühen Roman »Die Göttinnen« für die Gründung von »Wunderbaren Inseln der Lust« eintrat, »wo die Menschen ohne Not und beinahe ohne Sehnsucht vergessen dürfen, daß es einen Staat, eine Kirche und eine Menschheit gibt, die leidet.«
Bonn, 1991, 1999, 2004
Es war 1949, am 21. Mai, als Thomas Mann, der sich gerade auf einer Vortragsreise in Stockholm befand, per Telegramm erfuhr, daß sein Sohn Klaus in Cannes an der Côte d’Azur Selbstmord begangen hatte. Thomas Mann, der zu der Zeit noch in den USA lebte, war zum zweitenmal nach dem Krieg wieder in Europa, diesmal, um in Frankfurt und Weimar den Goethe-Preis entgegenzunehmen. Er hatte in London und Stockholm Station gemacht und Vorträge gehalten. Seine Frau Katia und Erika, die 43jährige Tochter, begleiteten ihn. Thomas Manns Tagebucheintragung vom Tag darauf lautet:
»Bei Ankunft im Hotel schwerster Chock. Telegramm, daß Klaus in der Klinik von Cannes in verzweifeltem Zustand liege. Bald darauf Telephonat von seiner u. Erikas Freundin dort: Mitteilung seines Todes. Langes Beisammensein in bitterem Leid. Mein Mitleid innerlich mit dem Mutterherzen und mit E. Er hätte es ihnen nicht antun dürfen. Die Handlung offenbar von ihm selbst unerwartet geschehen, mit Schlafkapseln, die er aus einer New Yorker Drogerie bezog. Sein Aufenthalt in Paris verhängnisvoll (Morphium). Viel über ihn und den von langer Hand unwiderstehlich wirkenden Todeszwang. Das Kränkende, Unschöne, Grausame, Rücksichts- und Verantwortungslose. Beratung auch über unsere Reisezukunft, ob alles abzubrechen und direkte Heimkehr geboten. In völliger Erschöpfung gegen 2 zu Bette.«[3]
Welch seltsam vorwurfsvoller Klang! Das »bittere Leid« ist überdeckt von dem »Kränkenden«, dem »Rücksichts- und Verantwortungslosen«. Wieso ist für ihn, den Vater, der »Todeszwang« des Sohnes »kränkend«? Wieso hätte Klaus »es« nur dem »Mutterherzen« und der Schwester »nicht antun« dürfen? War sein Vaterherz nicht berührt? Fühlte er nur »Mitleid« mit Frau und Tochter, nicht mit ihm, dem Sohn, nicht mit sich selbst, dem Vater?
Thomas Mann unterbrach seine Reise nicht, um zu Klaus’ Begräbnis zu fahren. Auch Katia und Erika fuhren nicht nach Cannes, Erika wollte »der Eltern wegen, oder doch unserer Mutter wegen« nicht von Stockholm wegfahren.[4] Sie besuchte im Juni sein Grab. Michael, der jüngste Sohn Thomas Manns, damals auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer, kam zur Beerdigung und spielte am Grab des Bruders auf seiner Bratsche ein Largo.[5]
Es war nicht der erste Selbstmordversuch von Klaus. Ungefähr ein dreiviertel Jahr zuvor war er nur knapp gerettet worden. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten und den Gashahn aufgedreht. Da man aber das Gas im Haus gerochen hatte, fand man ihn noch rechtzeitig. Weniger spektakuläre und weniger ernsthafte Suizidversuche waren diesem vorletzten vorausgegangen.
Die Eltern, die Geschwister, die Freunde waren also auf seinen Tod vorbereitet, waren gewarnt. Sie sorgten sich um ihn, dafür sprechen Briefe, die sie mit ihm und anderen austauschten. Aber zwischen den Zeilen hat es den Anschein, als hätten sie ihn eigentlich schon aufgegeben, als hätten sie sich von ihm zurückgezogen.
Nach dem mißglückten Selbstmordversuch von 1948 schrieb der Vater an einen Bekannten:
»Ich grolle ihm etwas, weil er seiner Mutter das antun mochte. Er ist verwöhnt durch ihr Alles verstehen – und durch meines. Die Situation bleibt gefährlich. Meine beiden Schwestern haben sich getötet, und Klaus hat viel von der Älteren. Der Trieb ist in ihn gelegt und wird durch alle Umstände begünstigt – außer allein von einem Elternhaus, auf das er sich immer verlassen kann, auf das er aber natürlich nicht angewiesen sein will.«[6]
Und nach Klaus’ Tod:
»Mein Verhältnis zu ihm war schwierig und nicht frei von Schuldgefühl, da ja meine Existenz von vorn herein einen Schatten auf die seine warf. […] Wann der Todestrieb sich zu entwickeln begann, der so rätselhaft mit seiner augenscheinlichen Sonnigkeit, Freundlichkeit, Leichtigkeit, Weltläufigkeit kontrastierte, liegt im Dunkeln. Unaufhaltsam, trotz aller Stütze und Liebe hat er sich selbst zerstört und sich zuletzt jedes Gedankens an Treue, Rücksicht, Dankbarkeit unfähig gemacht.«[7]
Wenn man an einen »Trieb« zum Selbstmord glaubt, kann eigentlich nichts im Leben eines solcherart gefährdeten Menschen diese Tat verhindern. Eine Familie steht dann dem Schicksal des Angehörigen hilflos gegenüber, kann nur dabeistehen und zusehen, wie sich das »Triebgeschehen« weiterentwickelt. Seltsam allerdings und eigentlich völlig im Widerspruch zu dieser Triebvorstellung ist es, wenn Thomas Mann seinem Sohn »grollt«, denn was konnte Klaus gegen seinen »Trieb« tun? Später wird sichtbar werden, daß Thomas Manns Reaktion auf den Tod seines Sohnes die Gefühle spiegelt, die er nach dem Selbstmord seiner Schwester Carla fast vierzig Jahre zuvor empfunden hatte. Auch ihr machte er den Vorwurf, rücksichtslos gehandelt zu haben.
Ein Jahr nach dem Tod von Klaus stellte seine Schwester Erika eine Sammlung von Nachrufen zusammen, zu der Thomas Mann das Vorwort schrieb. Nach einem Dank an Erika heißt es:
»Sie hat um das Bleiben des Abgeneigten, Fortstrebenden gerungen, wie außer ihr nur noch seine gute Mutter; und durfte sie nicht immer wieder hoffen, den Weggenossen zu halten? Er wollte ja brav sein, wollte seinen Mann stehen in diesem Leben und hat es getan in einem Maß, das ich heldenhaft nenne bei Einem, dem Todessehnsucht früh im Herzen keimte. Seit wann? Wahrscheinlich seitdem seine Kindheit endete. Sie endete, diese spielerisch-übermütige und begabte Kindheit, eigentlich erst mit dem Exil.«[8]
Wieder die Hervorhebung, daß die Schwester und die Mutter um ihn »gerungen« hätten – war er, der Vater, nicht am »Bleiben« des Sohnes interessiert? Ein seltsamer Widerspruch entsteht, wenn Thomas Mann an dieser Stelle meint, Klaus’ »Todessehnsucht« habe sich erst nach dem Ende der Kindheit, erst mit dem Exil entwickelt. Denn im nächsten Satz fährt er fort:
»Dieses [das Exil, M. K.] machte ihn zum Mann; die Erfahrung des Bösen rief seinen Ernst auf, reifte in ihm, einem Weltläufigen mit der Affinität zum Tode, den Entschluß, dem Guten, also dennoch dem Leben zu dienen.«[9]
Demnach hatte Klaus doch schon vor dem Exil eine »Affinität zum Tode«. Warum dieser eigenartige Widerspruch in der Darstellung des Vaters? Warum der Versuch zu leugnen, daß Klaus auch schon vor 1933 Todeswünsche hatte? Er wußte doch davon aus den Werken des Sohnes, wahrscheinlich sogar aus direkten Äußerungen. Noch irritierender in ihrer Widersprüchlichkeit sind Thomas Manns Bemerkungen über die Schwierigkeiten, die Klaus mit ihm, dem überdimensionalen Vater, hatte. Er berichtet über Klaus’ Leistungen als Soldat in der US-Armee und schreibt dann:
»Damals war es auch, daß er für das Heft der ›Neuen Rundschau‹, das meinem 70. Geburtstag gewidmet war, den kleinen Aufsatz schrieb, der […] mir teuer ist, nicht nur weil er so sehr den Stempel trägt der Anmut seines Geistes, sondern vornehmlich, weil er in ganz bestimmter Hinsicht ebenfalls ein Dokument ist seines guten Willens: des ehrlichen Willens nämlich, den Schatten zu leugnen und sein Gefühl nicht von ihm verdunkeln zu lassen, der wie ganz und gar ungewollt! von meinem Dasein fiel auf das seine, und ihm, wie sehr meiner Liebe entgegen! das Leben erschwerte. Seine Sohnschaft mag ihm in der Frühe Spaß gemacht haben; später hat sie ihn belastet. Aber wie zeugt seine reizende Art, von der Tröstung und Stärkung zu sprechen, die ein väterliches Buch, der letzte Band der Josephsgeschichten, ihm […] gewährt habe, von seiner ›innigen Vertiefung‹ in dieses Buch, – wie ergreifend zeugt sie für den reinen Willen, Verwünschungsgefühle seiner Seele fern zu halten! Auch das ist Tapferkeit, und wenn niemand sie anerkennt, ich will sie rühmen.«[10]
Thomas Mann lobt Klaus für die Verleugnung des »Schattens«, der von ihm, dem Vater, auf den Sohn fiel. Wieso sieht er nicht, daß gerade der Versuch, die Wirkung seines Schattens zu verleugnen, Klaus in den Selbstmord trieb? Und hat er bemerkt, daß er mit der Aussage, Klaus habe den »reinen Willen« gehabt, »Verwünschungsgefühle seiner Seele fernzuhalten«, zugibt, daß Klaus ihn verwünscht hat? Er rühmt Verdrängungsleistungen des Sohnes, durch die ein Symptom wie die Selbsttötungstendenz verstärkt, wenn nicht sogar hervorgerufen wird. – Und warum lobt er Klaus dafür, daß dieser ein Buch des Vaters gelobt hat? Vielleicht, weil er selbst so große Mühe hatte, die Werke des Sohnes anzuerkennen? Dies fällt ihm auch im Nachruf schwer:
»Ich will auch seinen Fleiß rühmen, der außerordentlich war. Im Verhältnis zu der kurzen Spanne seines Daseins und zu der Unrast seiner Lebensführung ist der Umfang seines Werkes enorm. […] Ein solcher Fleiß ist nach meiner Meinung etwas mehr, als eben er selbst. Kein Mensch ist so fleißig ins Blaue hinein, ohne drängende Begabung, ohne das Bewußtsein eines Auftrags. Und wievieleRaschheiten und Leichtigkeiten seinem Werk, all diesen Romanen, Reisebüchern, biographischen und autobiographischen Produkten, Theaterstücken und unzähligen, in zwei Sprachen geschriebenen Aufsätzen abträglich sein mögen, ich glaube ernstlich, daß er zu den Begabtesten seiner Generation gehörte, vielleicht der Allerbegabteste war. […] Ich wollte wohl, unter seinen Papieren fänden sich noch einige Briefe, die ich ihm im Laufe der Jahre über seine Hervorbringungen geschrieben habe, und die eingegeben waren von dem väterlichen Wunsch, ihn zu stützen und zu stärken, ihn durch ehrliche Anerkennung und Freude zum Dableiben anzuhalten.«[11]
»Fleißig« nennt man jemanden, dessen Arbeit man geringschätzt. »Raschheiten und Leichtigkeiten« findet er in Klaus’ Werk und sagt, sie seien seinen »Produkten« »abträglich« gewesen. Die im selben Satz betonte »Begabung« ist damit wieder abgeschwächt. Und wenn Thomas Mann die »Hervorbringungen« des Sohnes nur anerkannte, um dessen Selbstmord zu verhindern, dann war dies nicht viel und für den Sohn gewiß nicht das, was er vom Vater wünschte. Der Nachruf schließt mit einem Satz, der nicht ganz aufrichtig ist, wie wir aus der oben zitierten Tagebuchnotiz und aus Briefen wissen:
»Mein Herz ist ohne Bitterkeit, weil er zum Schluß nicht mehr unser gedenken konnte. Es fehlte nur, daß man von Undank spräche für ein so zweideutiges und schuldhaftes Geschenk, wie das des Lebens.«[12]
Thomas Mann hat seinem Sohn »Undank« vorgeworfen, er hat ihm vorgehalten, nicht mehr an sie gedacht zu haben, und er war bitter enttäuscht über die »Rücksichtslosigkeit« seiner Tat. Sich selbst und Freunden gegenüber konnte er es eingestehen, der Öffentlichkeit gegenüber nicht.
Auch die Frauen, die Klaus am nächsten standen, die Mutter Katia und die Schwester Erika, sind ihm mit widersprüchlichen Gefühlen begegnet. Wie der Vater haben auch sie ihn einerseits als hoffnungslosen Fall gesehen und seine Drogenabhängigkeit, seine Homosexualität als unveränderliche Natur oder Krankheit betrachtet. Andererseits haben sie diese Grundüberzeugung zu überdecken versucht mit einem verharmlosenden Mitleid, das aber letztlich einer Verurteilung gleichkam. In Katias letztem Brief, den Klaus wahrscheinlich am Tag seines Todes erhielt, tritt die Hilflosigkeit und die fehlende Hoffnung der Mutter überdeutlich zutage. Sie nennt seine Drogensucht »das Kleinbürgerliche« und schreibt:
»Lieber Aissisohn! Ja, das war doch ein leichter Schreck, als wir Deinen Brief hier vorfanden, und es ist schade, daß Du so garnicht auf Dein armes altes Mielein [so wurde Katia in der Familie genannt, M. K.] hörst, die so treffende Ansichten hinsichtlich des Kleinbürgerlichen hat. Den nächsten Tag kam dann der Brief der offenbar vortrefflichen Doris und wirkte natürlich beruhigend, schon durch das Bewußtsein, sie in Deiner Nähe zu wissen. Das Sümmchen habe ich dann gleich […] an Dich abgehen lassen, bist hoffentlich in seinem Besitz und dem normalen Leben zurückgegeben. Aber das sage ich Dir: wenn es mit dem Arbeiten nun vorerst nicht ganz das Wahre ist, so liegt das nicht am Mangel an Stimulantien, sondern am Abklingen ihrer Entziehung, und es wäre der größte Fehler auf sie zurückzugreifen! Das weißt Du ja alles selbst, was soll das müßige Gerede?! […] Möchte sich doch alles nach Wunsch entziffern! Es könnte doch alles sehr nett sein […] Immer Dein treuestes Mielein.«[13]
Dies sind wohlgemeinte Ratschläge, die aber eher nach einem Vorwurf klingen, dem Vorwurf, daß er sich nicht genug zusammennimmt. Das Geld ist keine echte Hilfe, sondern kann ihn nur wieder eine Weile über Wasser halten, kann sogar dazu beitragen, seine Drogensucht weiter zu unterstützen. Ihre Hoffnung, daß eine Freundin ihn vom Schlimmsten abzuhalten vermag, ist nicht mehr als ein frommer Wunsch. Und ihre Bemerkung, daß alles doch wieder »nett« sein könnte, mag für Klaus möglicherweise ein letzter Anstoß gewesen sein, sich endgültig das Leben zu nehmen. Denn das, was die Mutter von ihm erwartet, kann er nicht mehr erfüllen, das weiß sie genausogut wie er.
Nicht viel anders schreibt die Schwester in einem Brief, den er ebenfalls wenige Stunden vor seinem Tod erhielt:
»Habe jedoch nicht vor, viel zu reden, in Bezug auf Deine mich so sehr betrübende Erkrankung [gemeint ist seine Drogenabhängigkeit, M. K.]. Nur, daß ich froh bin, weil Du Dich relativ früh entschlossest und zu allen mir erinnerlichen Göttern bete, Du möchtest es jetzt genug sein lassen, des grausamen Spiels, sei statuiert. Hat ja doch, mein sehr Lieber, nicht den gerüngsten Sinn und ist nur dazu angetan, größt’ Ungemach zu bringen über Dich und die Deinen und über die auch, die gerne mal was Hübsches lesen. […] Laß uns doch recht bald zusammenfahren, uns zusammensetzen und ein wenig gesunden fun haben, damit Du Dich erholst.«[14]
Sie hat sicher selbst nicht daran geglaubt, ihrem Bruder mit ein bißchen »fun« aus seiner Verstrickung zu helfen. Es ist ein Strohhalm, den sie ihm reicht.
Wie der Vater gingen auch die Mutter und die Schwester davon aus, daß Klaus’ Situation hoffnungslos war, weil ein »Trieb« ihn in den Tod drängte. In einem Brief an Pamela Wedekind, die ehemalige Verlobte von Klaus, schrieb Erika:
»Diese Depressionen kamen über ihn und waren umnachtend, – so sehr, daß er, bei aller Umsicht in dem, was er tat, kaum wußte, daß er es tat und ›warum‹. Natürlich entstammten sie der tiefsten, der entscheidenden Schicht seines Wesens, so wie es nach allem, was ihm widerfahren, schließlich war. Und nämlich war sterben zu dürfen sein sehnlichster Wunsch. Da er aber wußte, daß er nicht ›durfte‹, hätte er, der so bemüht, so brav, so treu war, es nicht über sich gebracht, wäre er wirklich Herr seiner Sinne gewesen. Man hat in Cannes alles nach Abschiedsbriefen, nach irgendeinem ›letzten Wort‹ abgesucht. Aber mir stand völlig fest, daß man nichts – keinen Zettel, keinen Gruß, – gar nichts finden würde. Hätte er unser, – unserer Mutter und meiner auch nur gedacht, oder hätte er uns gar angeredet, er hätte es nicht vermocht. – So mischt sich in meinen Jammer kein Vorwurfstropfen und keine Bitterkeit.«[15]
Wie der Vater, so meinte auch Erika, daß Klaus nicht mehr an sie und an die Mutter gedacht hatte, und auch von ihr wird der Vater ausgelassen. Anders als der Vater macht sie dem Bruder jedoch keine Vorwürfe, sondern bleibt bei der Triebvorstellung, nämlich daß er nicht mehr »Herr seiner Sinne« gewesen sei. Auch für sie stellt diese Vorstellung eine Entlastung dar. Sie braucht sich keine Vorwürfe zu machen, denn alle, einschließlich Klaus, haben ihr Bestes getan. Sein Tod war »sinnlos«, weil vom Trieb bestimmt.
Daß Klaus in seinem Unbewußten sehr wohl »bei Sinnen« gewesen sein könnte, daß seine Tat sogar gezielt gegen den Vater, die Mutter, die Schwester gerichtet war, das sah keiner von ihnen – trotz aller Psychologie, die ihnen vertraut war, trotz aller tieferen Einsicht, die auch in ihren eigenen Worten aufscheint.
Und Klaus selbst? Er hat sich ohne Frage auch als hoffnungslos gegen seinen Trieb ankämpfenden Menschen gesehen, der diesen Kampf verlieren mußte. Nach dem vorletzten Selbstmordversuch schrieb er an einen Freund:
»I am ashamed of my weakness, disgusted with the indiscretion of a ›free‹ but irresponsible press which cruelly publicizes one’s most intimate, most painful failures.«[16]
»Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie greulich mir diese ›publicity‹ ist. Was den melancholischen und blamablen Zwischenfall selbst betrifft, so ersparst Du mir wohl weitere ›Erklärungen‹ – deren es ja übrigens, angesichts der furchtbaren Weltlage und meiner eigenen nicht eben einfachen Verhältnisse (um nicht zu sagen ›Veranlagung‹) kaum bedürfen sollte. Solange ich arbeiten kann, ist alles erträglich. In den letzten Jahren, und vor allem in den letzten Monaten, gab es aber auch auf diesem Gebiet Schwierigkeiten.«[17]
Er schämt sich, ekelt sich wegen der Tat, mehr aber noch wegen der Publizität, die sie ihm ungewollt eingebracht hat. Es ist ein »Zwischenfall«, den er sich mit widrigen politischen und persönlichen Umständen und mit seiner »Veranlagung« erklärt. In einem seiner letzten Essays, den Erika in den Nachruf-Band aufgenommen hat, liefert Klaus noch eine – wie ich meine – Pseudo-Erklärung für seine Selbsttötungsneigung, die unter anderem von Thomas Mann aufgegriffen wurde. Klaus entwickelte die Idee, daß sich alle Intellektuellen Europas umbringen müßten, um der Welt ein Zeichen zu setzen, das alle aufrütteln würde. Diese abstruse Idee war mit Sicherheit kein ernsthaftes Motiv für seinen Suizid, denn Klaus hat wohl nie geglaubt, daß ihm die Intellektuellen Europas in den Tod folgen würden.
Die letzte Entscheidung fiel offenbar spontan und hing mit einer Sendung Schlaftabletten zusammen, die er aus New York erhalten hatte. In seinen wahrscheinlich letzten Zeilen, die er am Tag zuvor an Mutter und Schwester richtete, deutete er mit keinem Wort seine Absicht an, sich zu töten. Er berichtet vom ungewöhnlich schlechten Wetter in Cannes, von Freunden, von Plänen für den Sommer, schlägt Erika vor, sich im Juni mit ihm in der Schweiz zu treffen, berichtet von seinen Sorgen wegen des Geldes, von dem er aber weiß, daß es an ihn unterwegs ist, und schließt:
»Alles Liebe, Treue, Schöne dem Papa und Euch vom lieben, treuen, schönen K. H.«[18]
Betrachten wir nun das Familiennetz, in das Leben und Tod von Klaus Mann eingebettet, eingesponnen, verstrickt waren. Da sind zunächst die Familien Bruhns und Mann auf der Seite des Vaters, dann die Pringsheims und Dohms auf der Seite der Mutter. Überall führen von einzelnen oder von Gruppen von Personen Fäden zu Klaus und seinem Schicksal, Fäden, die sich an der Oberfläche zu schönen, bunten, aber auch erschreckenden Bildern zusammenfügen, und versuchen wir auch, das Verborgene zu erkennen, die Grundmuster des familialen Unbewußten, die nicht nur für Klaus, sondern auch für viele andere vor ihm, mit ihm und nach ihm zur tödlichen Verstrickung wurden.
Julia da Silva Bruhns, die Mutter von Thomas und Heinrich Mann, kam 1851 während einer Reise ihrer Eltern »im Urwalde« an der Küste Brasiliens zur Welt. Die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend bis zu ihrer Verheiratung hat Julia im Jahre 1903 aufgeschrieben. Erst lange nach ihrem Tod, und erst nach dem Tod ihrer fünf Kinder, wurden diese Memoiren 1958 unter dem Titel Aus DodosKindheit veröffentlicht. Diese in einem recht sentimentalen, teilweise kitschigen Stil geschriebenen Aufzeichnungen sind ein wichtiger Schlüssel für das Verständnis der Familie Mann/Bruhns. Julia Mann erscheint hier als außergewöhnlich phantasievolle Frau, deren Grundstimmung von der Sehnsucht geprägt war, Verlorenes wiederzugewinnen. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie stark ihre suggestive Kraft auf die eigenen Kinder gewesen sein muß. Ihre Geschichte hat nicht nur Themen und Inhalte für die Romanwelten der Söhne geliefert, sondern auch die tiefe Sehnsucht ihrer Kinder nach einem anderen, glücklicheren Leben bestimmt.
Ob die Geschichten »aus Dodos Kindheit« immer ganz den Tatsachen entsprechen oder ob ihr Vater Julia einiges nur der Romantik wegen erzählte, scheint sie selbst nicht gewußt zu haben. Auf jeden Fall wuchs sie auf einem Gut zwischen Meer und Urwald auf, an das sie sich beim Schreiben ihrer Memoiren noch lebhaft erinnerte:
»[Das Kind] lief im Hemdchen, das durch einen Gürtel gehalten wurde, barfuss umher; einmal vornhinaus an den Meeresstrand, um von den mächtigen Steinen die Muscheln und kleinen Austern zu lösen, die sie zum Rösten in’s Haus an den Herd brachte; dann wieder hinter das Haus an den Rand des Urwaldes, wo sie herabgefallene Cocosnüsse und Bananen sammelte. […] Und wie reizend war es im Garten, wenn die Kleine zwischen den reichfarbigen, wie pontische Azaleen duftenden Blumen stand, und an ihr vorüber, wie goldene Fünkchen, die ›Beija-flor‹ (Colibri) schossen; wie herrlich, wenn sie an der anderen Seite des Hauses auf dem Bache in einer Art Waschzuber Kahn fuhr, wie so schön und ernst die schwarz-grau gefiederten und krummgeschnäbelten Urubu auf den Büschen am Bachesrand sassen und hoheitsvoll auf Dodo schauten, wenn sie an ihnen vorüberfuhr. Und vom Urwalde her ertönte fast ununterbrochen das wilde Geschrei der Brüllaffen und Papageien.«[19]
Julias Vater war der große, blonde Johann Ludwig Bruhns aus Lübeck, der sich in Brasilien João Luiz Germano nannte. Er war mit neunzehn Jahren ausgewandert, hatte eine Exportfirma gegründet und war damit so erfolgreich, daß er sich eigene Pflanzungen an der Küste bei Parati kaufen konnte und in Boa Vista und Angra dos Reis, in der Nähe von Rio de Janeiro, eigene Zuckermühlen besaß. Es heißt, er habe dem brasilianischen Kaiser Pedro II. ähnlich gesehen und sei deshalb von ihm gefördert worden. In weniger als zehn Jahren wurde er zu einem reichen und sehr angesehenen Mann. So gab er einen passenden Schwiegersohn für den ebenfalls sehr reichen und angesehenen Manoel Gaetano da Silva ab, der eine Insel vor dem Festland von Rio besaß. Ludwig heiratete mit 26 Jahren die sieben Jahre jüngere bildschöne Maria Luiza da Silva. Aller Wahrscheinlichkeit nach ließ er sich katholisch taufen, seine Kinder jedenfalls wuchsen im katholischen Glauben auf und sprachen Portugiesisch.
Von den fünf Kindern war Julia das vierte; sie hatte zwei ältere Brüder, Manoel und Luiz, eine ältere Schwester, Maria, genannt Mana, und einen jüngeren Bruder, Paolo, den man Nené (Baby) nannte. Julia war blond wie ihr Vater, ihre Geschwister waren dunkelhaarig. Sie erinnert sich an die Schwarzen auf der Plantage, an ihre schwarze Kinderfrau, an die Besuche bei den Großeltern ihrer Mutter auf deren Plantage, an den Umzug in die Hauptstadt Rio, den Karneval, den sie vom Balkonfenster aus beobachtete, an die Kirchenbesuche mit ihrem Pai, dem Vater.
Doch diese heile Welt war plötzlich zerbrochen: Mit noch nicht einmal fünf Jahren verlor Julia 1856 ihre Mutter, die im Kindbett starb.
»Dann kam eines Tages der Pai, ernster noch als sonst, und führte die sich sträubende Dodo und Nené – die älteren Geschwister waren fort im Pensionat – in das Zimmer nebenan: da lag ihre schöne Mai, ihre Mai! mit tief geschlossenen Augen, ganz bleich, ganz starr und kalt, umgeben von hohen, flammenden Kerzen; Haar und Körper mit Blumen geschmückt, und im Arm ein ganz kleines totes Kind. Dodo empfand Grauen, sie drängte weinend zur Türe zurück und hat nicht einmal zum Pai aufgeschaut, ob auch er weine.«[20]
Versetzen wir uns in das vierjährige Kind und stellen uns das Grauen vor, das sie empfand, so ist es verständlich, daß Julia noch als Erwachsene beim Anblick eines Toten Angst hatte und fürchtete, »die Leiche könnte plötzlich die Augen aufschlagen oder ein Glied rühren«, daß für sie »der Scheintod und alles, was damit verbunden ist, etwas so Grausiges ist, wie es kaum sonst noch etwas gibt«.[21]
Wie Julias Geschwister den Tod der Mutter erlebten, wissen wir nicht. Wenig ist von ihnen überliefert.[22] Ein Jahr nach dem Tod von Julias Mutter brachte Ludwig Bruhns seine Kinder in seine Heimatstadt Lübeck. Julia erinnert sich an die Schiffsreise, die ihr und ihren Geschwistern offensichtlich großes Vergnügen bereitete. In Lübeck fielen die fünf Kinder mit ihren gelben Kleidern und den großen Panamahüten, begleitet von Anna, ihrer schwarzen Kinderfrau, sehr auf. Keines der Kinder sprach Deutsch, sie konnten sich mit den Großeltern, Onkeln, Tanten, Vettern und Kusinen nicht unterhalten, verstanden wohl auch gar nicht, was ihnen bevorstand. Der Vater hatte beschlossen, daß Julia und ihre Schwester in dem Mädchenpensionat der Therese Bousset leben, Therese ihre Ersatzmutter werden sollte, während die Jungen bei Nachbarn von Verwandten untergebracht wurden.[23] Julia erinnert sich:
»Vorerst blieben die Kinder noch einige Wochen bei der Grossmai, die im Sommer ein Gartenhaus vor dem Tore bewohnte. Es mögen wohl 14 Tage vergangen sein, da trat ein zweiter schwerwiegender Tag in Dodo’s und ihrer Geschwister Leben: Ganz früh im Morgengrauen, als sie noch fest schliefen, trat ihre Anna leise, aber heftig weinend an die Betten der beiden Kleinsten, die gleich aus dem Schlaf fuhren und erschraken. Anna sagte weinend, dass Pai heute mit ihr die Rückreise nach Rio antreten werde; er habe ihr zwar verboten, Abschied von den Kindern zu nehmen, sie könne aber nicht so von ihnen fort; sie sollten nur stille sein und sie nicht verraten. Trotzdem entstand unter den Kindern grosses Geschrei und Gejammer, sie wollten Anna nicht loslassen und wollten nicht, dass Pai fortginge. Darauf trat Pai herein und schalt die arme Anna, weil sie ungehorsam gewesen war. So weit dahinten, jenseits des grossen Meeres lag das Land, aus welchem sie gekommen waren, – dahin wollte Pai ohne sie zurück? Und ihre treue Pflegerin, die bis dahin alle kleinen und grossen Leiden und Freuden der Kinder geteilt hatte, sollte mit ihm fort? So weit fort! Pai wird sie mit dem einzigen Trost beruhigt haben, dass sie wiederkommen würden, – aber Dodo hat ihre Anna nie wiedergesehen.«[24]
War es wirklich gefühllos von dem Vater, seine Kinder so zurückzulassen, oder hat er nur sein Mitgefühl unterdrückt und geglaubt, mit einem abrupten Einschnitt ihren Abschiedsschmerz zu verkürzen? Warum hat er die Kinder nicht mit Anna in Brasilien behalten? Julia meint, er wollte, daß aus seinen Kindern Deutsche würden. Welche Zerrissenheit dadurch in sie alle gelegt wurde, hat er wohl nicht bedacht.
Therese Bousset war zweifellos eine herzensgute Frau, und sie half Julia, ihren Verlust zu überwinden. Sie war sehr klein, verwachsen und hatte einen Buckel. Wir finden sie in Thomas Manns Buddenbrook-Roman als Sesemi Weichbrodt porträtiert. Sie betreute vor und nach Julia und Mana noch weitere Töchter der Familie. Zusammen mit ihrer alten Mutter führte Therese die Pension und hatte in der Sorge für die beiden Mutterwaisen offenbar die Erfüllung ihres kinderlosen Lebens gefunden. Sie brachte ihnen die deutsche Sprache bei, war ihre engste Vertraute. Es ist rührend, wie die kleine Julia sich bemühte, ihre Ersatzmutter zu lieben:
»An Therese hing Dodo bald so sehr, dass sie dieselbe zuweilen ›Mama‹ nannte. Abgesehen davon, dass die Kleine fühlte, es würde der treuen Pflegemutter Freude machen, hatte sie auch das Bedürfnis, jemanden recht Guten dieses Wortes zu würdigen; und namentlich dies liebste Wort eines Kindes, nach so langer Zeit, in der es nicht über ihre Lippen mehr gekommen, wieder einmal zu sprechen. Sie tat es also, fühlte aber instinktiv, dass der Gegenstand, wenn auch noch so lieb mit Dodo, doch zu verschieden von ihrer Mai war, und dass ihre kleinen, Theresen erwiesenen Zärtlichkeiten sie nicht befriedigten, abgesehen von der Freude, die treue Pflegemama beglückt zu haben.«[25]
Sonntags ging man zur Großmutter, wo sich auch die Brüder einfanden. Allerdings scheinen die Kinder dort wegen ihrer »Negerherkunft« ausgelacht worden zu sein. Julia erinnert sich, von ihrem Onkel sogar geschlagen worden zu sein, weil sie immer noch an den »diabo«, den Teufel, glaubte. Die Kinder durften kein Wort Portugiesisch mehr sprechen. Als Manu, der älteste Bruder, sich mit elf Jahren umtaufen ließ und protestantisch wurde, wurden auch die anderen Geschwister getauft. Immer betont Julia in ihren Memoiren, wie sehr sie ihre Großmutter und sogar den prügelnden Onkel geliebt hatte, wie sie überhaupt bemüht ist, alles in ein rosiges Licht zu tauchen.
Aus anderen Erinnerungen, die sie schildert, kann man jedoch schließen, daß Julia ihre Treue für die verlorene Welt bewahrte. Sie färbte sich ihre blonden Haare dunkel, damit sie so aussahen wie die ihrer Geschwister und ihrer brasilianischen Mutter. Einem italienischen Drehorgelmann, der ein »hübsches, trauriges Gesicht« hatte und »glutäugig, schwermütig« aussah, schenkte sie all ihre Ersparnisse. Sie war stolz auf den Bruder Manu, der »mit seinem südländischen Typus, dem kleinen Anflug von Bartflaum auf der Oberlippe und seinem etwas frühreifen Wesen viel älter erschien« als fünfzehn und den Mädchen aus der Pension ausnehmend gut gefiel.[26]
Julias Erinnerungen an die Pension sind voller Leben. Sie beschreibt ihre Lehrer, die Streiche, die sie ihnen mit den anderen Mädchen spielte, Freud und Leid des Alltags mit Therese. Ein Erlebnis scheint sie tief bewegt zu haben, weil es an das schreckliche Erlebnis des Todes ihrer Mutter anknüpfte, diesmal aber mit eigener Schuld verbunden war:
»Mana und Dodo hatten zum Weihnachtsfest einen Canarienvogel bekommen […] Sie fütterten ihn gemeinschaftlich, – aber oft verliess sich eine auf die andere, wenn sie meinte, keine Zeit mehr für Hans’ Fütterung zu haben. So kam es, dass man der Pflicht immer unregelmässiger nachgekommen war, und das arme Tierchen tagelang weder Futter noch frisches Wasser bekam; […] dann lag er eines Morgens im Käfigsande auf dem Rücken […] – tot! Wie traurig! Dodo’s Gewissen klagte sie fürchterlich an; sie kam sich wie eine Verbrecherin vor und begriff garnicht, wie ihr so etwas Schreckliches passieren könne!«[27]
Julia lernte Klavier spielen und brachte es dabei offenbar zu beachtlicher Perfektion – ihren Kindern hat sie später mit ihrem Spiel und ihrem Gesang die Welt der Musik nahebringen können. Besonders liebte sie es, sich zusammen mit den anderen Mädchen zu verkleiden oder herauszuputzen; und sie schwärmte für den Tanzunterricht in der Pension. Äußerst eindrucksvoll waren für sie gelegentliche Besuche im Theater oder in der Oper. Sie beschloß, »Theaterdame« zu werden, sang und spielte die gesehenen Stücke vor ihren Mitschülerinnen oder allein in der Gartenlaube. Doch Therese billigte diesen Wunsch nicht:
»Therese aber hat ihr kurz den Gedanken abgeschnitten, gesagt, sie dürfe keine Lust zu so etwas haben, sonst würden Pai und Grossmai, Therese, Oncles und Tanten sehr traurig. Von da an betrachtete Dodo die Sache als für sie unmöglich und erledigt.«[28]
Erst Julias Tochter Carla wird es wagen, diesen Wunsch der Mutter auszuleben. Und als wirkte Thereses Drohung fort – zerbrach Carla daran.
Je älter Julia wurde, desto mehr drängte sie aus der Pension heraus. Es war für sie schrecklich zu sehen, wie die anderen Mädchen an den Wochenenden zu ihren Eltern heimkehrten, mit der eigenen Familie in die Ferien fuhren. Julia und Mana dagegen mußten mit Therese verreisen, manchmal nach Travemünde an die See, manchmal auch zu Verwandten der Kinder. Nur selten klingt in Julias eigenen, stark beschönigenden Worten durch, wie sie das enge Zusammenleben mit der Frau aus »niederem Stand« haßte und wie sie Therese deshalb verachtete. In mehreren seiner frühen Romane hat sich Heinrich, der Sohn, in dieses Kind hineinversetzt, das seine Mutter einmal war. Er schildert, wie sie sich fühlte, wenn sie mit der buckligen Therese auf Reisen war, die mit ihrem Kapotthut, ihren schwarzen Zwirnhandschuhen, ihrem alten Mantel, der schief von ihrer zu hohen Schulter hing, nicht zu ihr, Julia, paßte:
»Waren sie beide nicht ein lächerliches Paar? [Sie] sträubte sich gegen die Verwechslung mit [Therese], und dabei mußte sie gestehen, man könnte sie äußerlich ganz gut zur gleichen Klasse rechnen: sie, die nicht von [Therese] nur, nein, von allen so weit Getrennte!«[29]
Es ist übrigens interessant, wie anders Thomas Mann die Beziehung zwischen Therese und Julia in den Buddenbrooks verewigt hat. Er hat die traurige Geschichte seiner Mutter an dieser Stelle nicht realitätsgetreu wiedergegeben. Gerda Arnoldsen lebt zwar in der Pension der Sesemi Weichbrodt, die ebenfalls verkrüppelt und Therese genau nachgezeichnet ist, sie kommt jedoch zu einem späteren Zeitpunkt in die Pension als Julia und steht nicht in einer so großen Abhängigkeit von der Pensionsmutter. Überhaupt ist Gerda nur eine blasse Kopie der Mutter von Thomas Mann – wie an anderer Stelle noch gezeigt wird.
Julia sehnte sich danach, endlich das großbürgerliche Leben zu führen, das ihrer Herkunft entsprach. Sie wollte dazugehören, wollte ein Zuhause haben und nicht nur als bemitleidete Verwandte eingeladen werden. Als die Großmutter gestorben war, scheint das Haus ihres Onkels Eduard und ihrer Tante Emma für Julia und ihre Schwester Mana zu einem solchen Zuhause geworden zu sein: eine prächtige Villa »Auf der Parade«, einer Straße im Herzen von Lübeck, die Eduard, der Bruder von Ludwig Bruhns, und seine Frau Emma bewohnten. Emma war eine Kusine von Eduard und Ludwig, sie hatte auch mit Mädchennamen schon Bruhns geheißen. Eduard und Emma waren jung verheiratet und hatten kleine Kinder. Julia und Mana wurden in ihrem Haus in die Gesellschaft eingeführt, das heißt, es wurden Bälle für sie veranstaltet. Und noch ehe Mana konfirmiert war, hatte schon ein junger Mann aus bester Familie, Heinrich Stolterfoht, um ihre Hand angehalten. 1867 heirateten sie.
Bei der Hochzeit ihrer Schwester verliebte sich Julia in den jüngeren Bruder des Bräutigams. »Aber Pai trennte sie«, schreibt sie in ihren Memoiren. Warum? War der Bruder aus irgendeinem Grund kein angemessener Partner für Julia? Hatte Ludwig Bruhns eine andere Partie für Julia in Aussicht? Erschien ihm Julia noch zu jung? Sie war schließlich noch nicht einmal sechzehn Jahre alt. Jedenfalls kam er aus Rio nach Deutschland und unternahm mit Julia eine Reise in die Schweiz, um sie ihre »festgefasste Neigung vergessen zu machen«. Doch sie konnte »den Gegenstand ihrer schönen ersten Liebe« auf dieser Reise nicht vergessen, fand alle anderen Reisebekanntschaften uninteressant, nur der Vorname eines jungen Mannes, »Paul«, gefiel ihr. Aber, so schreibt sie, der Plan ihres »lieben Pai« gelang, denn »der Bewusste« mußte ins Ausland gehen. Julia sah ihn erst als verheiratete Frau und Mutter wieder.[30]
Peter de Mendelssohn vermutet in seiner Biographie Thomas Manns, daß Julias erste Liebe Carl Eduard Philipp Stolterfoht war. Da Julia jedoch den Namen Paul so deutlich betont, nehme ich an, daß es Paul Stolterfoht war, der Kaufmann in Riga wurde, wie aus einem Stammbaum der Familie Stolterfoht zu entnehmen ist.[31] Sie erwähnt ihn auch auf einer Postkarte aus dem Ersten Weltkrieg, die sie an Thomas Mann schickte. Darin heißt es:
»[ …] Schade, daß Paul Stolterfoht jetzt gerade nach Riga gereist ist, es wird ihm sicher leid tun, Dich nicht zu sehen, da er immer großes Interesse für Dich und Dein Werk bezeigte.«[32]
Und noch eineinhalb Jahre vor ihrem Tod erwähnt sie Paul Stolterfoht in einem Brief an den Sohn Heinrich: »Gestern hatte ich Brief von Stolterfoht aus Riga.«[33] Dieser Mann spielte also bis zu ihrem Tod eine Rolle für sie. Ich glaube, daß diese Geschichte für Julias Leben eine große Bedeutung hatte. Sie wirft einerseits ein Schlaglicht auf ihre Beziehung zu ihrem Vater, andererseits macht sie aber auch deutlich, daß Thomas Johann Heinrich Mann, den sie zwei Jahre später heiratete, nicht ihre »erste Wahl« war, so wie auch er vermutlich in Julia nicht die große Liebe seines Lebens fand.
Wie mag Paul Stolterfoht ausgesehen haben? Ob er dunkelhaarig und »glutäugig« war wie Julias Brüder und nicht blond und blauäugig wie ihr späterer Mann und ihr Vater? Was mag das Bild des Paul Stolterfoht für Julias Kinder, besonders für ihre Söhne, bedeutet haben? Kinder erspüren die tiefsten Gefühle ihrer Eltern, auch wenn darüber nie gesprochen wird.
Nach der Reise mit seiner Tochter fuhr Vater Ludwig wieder nach Brasilien und ließ Julia in der Obhut von Tante Emma und Onkel Eduard zurück. Nun wurde auch sie – wie ein Jahr zuvor die Schwester – in die Gesellschaft eingeführt, wurde auf Bälle eingeladen, bei denen sie »immer viel tanzte und überhaupt durch Blumen etc. sehr ausgezeichnet wurde«. Sie war also kein »Mauerblümchen«. Die größte Angst war für sie, »nur nicht ledig, nicht ›alte Jungfer‹ bleiben«, Schlimmeres konnte einem Mädchen damals nicht zustoßen.[34]
Doch auch der Gefahr, als loses Mädchen zu gelten, mußte sie entgehen. Davor warnte besonders der Vater. In einem Brief schrieb er:
»Von den Vergnügungen, welche Oncle und Tante Dir bereiten, habe ich Notiz genommen, doch was mir am meisten gefallen hat, ist die Erzählung von der Suppe, die Du für die Dienstboten bereitet hast! Ich muß also glauben, daß Du anfängst, Dich um das praktische Hauswesen zu bekümmern. Die vollkommene Bildung eines jungen Mädchens besteht nicht allein im guten Musizieren, in der Sprachkenntnis und im Anzuge. Ein Mädchen, welches einmal selbständig zu werden wünscht, muß auch ein Haus ökonomisch zu leiten wissen, und der Ruf einer guten Haushälterin und praktischer Tätigkeitssinn nützt einem jungen Mädchen in den Augen der Welt mehr, als der Ruf des gefälligen Äußeren und der Gabe, in der Öffentlichkeit zu glänzen. Nimm diese Worte von Deinem Vater mit Liebe auf, glaube auch nicht, daß ich mit dergleichen Ermahnungen, Dich von unschuldigen und mäßigen Vergnügungen abhalten will. Es ist, und kann ja nur mein einziger Wunsch sein, Dich glücklich und zufrieden durchs Leben schreiten zu sehen. – Nun Gott befohlen, meine liebe, liebe Tochter, halte Dich gesund an Körper und Geist, auf daß wir ein fröhliches Wiedersehen haben mögen.«[35]
Der Vater brauchte sich nicht lange zu sorgen: Es war bei einem dieser Bälle, die sie nun so oft besuchte – sie trug vielleicht ihr »rosa Kleid mit Rosenknospen« oder ihr »weisses Mull-Kleid mit Ponceau-Schärpe, leichtem seidenen Unterkleid, über welches sie weiss Tüll anzog und es nochmal mit einem farbigen darüber trug, mit Atlasröllchen garniert« –, als sie »ihren künftigen Gatten« traf. Da war sie siebzehneinhalb Jahre alt, und – wie sie selbst sagt – ihr »Schicksal war besiegelt«[36].
Es war nicht die große Liebe wie bei Paul Stolterfoht, sondern besiegeltes Schicksal! Gab Julia Thomas Johann Heinrich Mann ihr Jawort nur, um endlich ein richtiges, eigenes Zuhause zu haben wie ihre Schwester? Nach dem Brief des Vaters Ludwig aus Rio am 4. Februar 1869 kann man es vermuten:
»Meine liebe Tochter Julia! Diese Post brachte mir die frohe Nachricht Deiner Verlobung mit Herrn Heinrich Mann; – für mich ist es die beste Entschädigung für alle Sorgen welche mir meine Kinder verursachten wenn ich sie glücklich weiß. Du hast, liebe Julia oft Gelegenheit gehabt Deinen Bräutigam zu beurtheilen und da Du sogar selbst Deine Hand an Heinrich vergeben hast, so darf ich annehmen daß Du mit ihm Dein Glück zu finden hoffst.
Meines Segens zu Deiner Verbindung mit Heinrich Mann sei versichert, mein liebes Kind, Gott wolle euch beschirmen und euch den Lebenspfad ebenen! Onkel Eduard und Tante Emma schreiben sehr vergnügt über das Ereignis und wir alle hegen die Hoffnung daß ihr eine glückliche Ehe führen werdet. Dein Bräutigam hat alle Eigenschaften ein Mädchen glücklich zu machen und wird es auf Dich ankommen seine treue Liebe zu vergelten.
Bei Deiner großen Jugend fehlen Dir manche Erfahrungen und Kenntniße des praktischen Lebens, ohne welche kein Glück im Häuslichen zu finden ist; aber ich bin gewiß daß die aufrichtige Liebe zu dem Manne Deiner Wahl Dich anspornen wird Ordnung, Sparsamkeit und Häuslichkeit bestens auszuüben, was jeden Mann in jedem Verhältniße die Frau schätzen macht. In der Ehe, liebe Tochter, giebt es Sonnenschein und Stürme aber letztere gehen um desto schneller vorüber je mehr die Frau vernünftig ist und einen guten Charakter zeigt.
Über Deine Hochzeit und meine Ankunft dort habe ich an Onkel Eduard geschrieben und somit schließe ich, Dich als meine innig geliebte Tochter an mein Herz drückend. I. Luiz G. Bruhns.«[37]
Offenbar glaubt der Vater selbst nicht so ganz daran, daß Julia diesen Mann wirklich liebt, sonst würde er vielleicht nicht so eindrücklich betonen, daß es auf sie ankomme, dem Mann seine »treue Liebe zu vergelten«, um glücklich zu werden, und daß sie häuslich und vernünftig sein solle. Sicher dachte er daran, wie heftig sie um Paul Stolterfoht gekämpft hatte. Doch nun war er erleichtert, denn die »Sorgen«, die er sich um seine lebenshungrige, vergnügungssüchtige Tochter gemacht hatte, war er los. Nun war nicht mehr er, sondern Thomas Johann Heinrich Mann für Julia verantwortlich. Zur Hochzeit schenkte Ludwig ihr ein Gemälde der so jung verstorbenen Mutter, das Julia fortan wie ein Heiligtum hütete.
Ob sich schon zur Zeit von Julias Hochzeit die Fäden zwischen Emma und ihrem verwitweten Schwager Ludwig gesponnen hatten, die vier Jahre später zur Ehe zwischen der frisch verwitweten Emma und Ludwig führten? Die salbungsvollen Worte an die Tochter zu ihrer Verlobung hätten dann noch einen zusätzlich falschen Klang!
Emma Bruhns[38] muß eine faszinierende Frau gewesen sein, die sich erstaunlich weit von den Zwängen des bürgerlichen Lebens befreien konnte. Sie nahm in Kauf, dafür von ihrer Verwandtschaft und sogar von ihren eigenen Kindern verurteilt zu werden. In unserem Zusammenhang ist es wichtig, daß Emma ihrer Nichte und Stieftochter Julia vorlebte, was diese Jahre später in geradezu verblüffender Ähnlichkeit wiederholen sollte.
Emma wurde 1840 als älteste Tochter des Carl Bruhns geboren, eines Stiefbruders von Peter Gottlieb Bruhns, dem Vater ihrer beiden späteren Ehemänner, Eduard und Ludwig.[39] Als Kind litt sie vermutlich sehr unter der zerrütteten Ehe ihrer Eltern. Ihr Vater, ein erfolgreicher Lübecker Geschäftsmann, der die Handelsfirma seines Vaters übernommen und zu einem Wein-Großhandel ausgebaut hatte, verliebte sich, nachdem seine erste Frau gestorben war, in Julie Herrmann, Emmas Mutter. Sie war die schöne Tochter eines Künstlers. Julie Herrmanns Bruder, ein Musiker, heiratete eine Schwester von Carl Bruhns, so daß also Bruder und Schwester mit Schwester und Bruder verheiratet waren.
Sei es, daß sie nicht vertraut war mit dem Leben in einem Geschäftshaushalt, sei es, daß sie andere Erwartungen an die Ehe gehabt hatte – Emmas Mutter wurde den Anforderungen, die an sie als Ehefrau des Kaufmanns Carl Bruhns gestellt wurden, nicht gerecht. Die Enkelin Ella, Tochter von Emma und Eduard, schreibt in ihren »Jugenderinnerungen«:
»Großmama war allzu jung und unerfahren aus dem stillen Sondershausen aus dem Künstlerhaus herausgerissen, in ihrer Schönheit geliebt und verehrt von ihrem Mann, – der ihr alles gern zu Füßen gelegt hätte, was sein Wohlstand vermochte. Aber sie war den Anforderungen nicht gewachsen, die der Frau eines Lübecker Kaufmanns, der im lebhaft geschäftlichen und geselligen Leben stand, gestellt waren – noch weniger konnte sie Hausstand und Kinder und Dienstboten leiten, wie es sein mußte – ihrem Unverstand mußte man es wohl auch zuschreiben, daß der Sohn Hermann im besten Jünglingsalter nicht gut tun wollte in seines Vaters Geschäft und nach Brasilien geschickt wurde. Er war der Lieblingssohn Großmamas gewesen und die Ärmste muß ja entsetzlich bei seinem Verbannen gelitten haben, und man versteht, wie die Kluft zwischen den Gatten durch solch Geschehen immer größer wurde.«[40]
Das Motiv der Verbannung oder Verstoßung eines von der Mutter vielgeliebten Sohnes durch den eifersüchtigen Vater tritt noch an mehreren anderen Stellen des »Familiennetzes« auf und wird schließlich auch zum Thema von Klaus Mann. Die Enkelin Ella berichtet über das weitere Schicksal von Emmas Mutter:
»Ich erinnere, daß Großmama nur auf kurze Momente vorne in die großen Zimmer schlüpfte und dort nicht auftrat wie eine Herrin, sondern wie eine Geduldete – meist lag sie in ihrem Flügelzimmer im halbdunklen auf dem Bett oder Chaiselongue mit allerlei Speisen und Getränken um sich herum. Alles lag in den Händen Großpapas und eine Mamsell hauste in der Küche. Im Jahre 69 oder 70 muß das Leben beider Ehegatten so traurig geworden sein, daß Papa veranlaßte, daß Großmama nach Ratzeburg kam in die wunderschön gelegene Probstei, wo sie in jeder Weise an Leib und Seele gut aufgehoben war. Und im Travehaus ging es ja leider auch ohne sie, ja besser.«[41]
Emmas Mutter wurde also von ihrem Schwiegersohn Eduard, dem ersten Ehemann Emmas, in ein Heim abgeschoben. Sie lebte dort noch 22 Jahre bis zu ihrem Tod. Ihr Mann, Emmas Vater, heiratete nicht noch ein drittes Mal. Seine Tochter stand ihm sehr nahe, wie aus den Memoiren Ella Kloses hervorgeht.
Emma scheint aus dem Schicksal ihrer Mutter eine Lehre gezogen zu haben. Vermutlich mit Unterstützung des Vaters, der von Emma die Stärke erwartete, die seine Frau nicht besaß, setzte Emma ihre Pläne durch und erreichte ihre Lebensziele: Sie heiratete ihren Vetter Eduard, der in das Geschäft ihres Vaters einstieg. Sie bauten ein großes Haus an der »Parade«, im Herzen von Lübeck, und hatten zusammen fünf Kinder. Wie bereits erwähnt, kümmerten sie sich auch um die Nichten und Neffen, die Eduards Bruder Ludwig in Lübeck zurückgelassen hatte. Der »große Ludwig« – im Gegensatz zum »kleinen Ludwig«, dem jüngsten Bruder Emmas – kam hin und wieder aus Brasilien zu Besuch. Ella erinnert sich:
»Ungefähr alle zwei Jahre kam der ›große‹ Onkel Ludwig (Papas Bruder) von Brasilien nach Lübeck. Er brachte nach dem Tode seiner Frau seine Kinder nach Deutschland. Die Knaben: Manuel, Luiz und Paulo zu von Bippens nebenan, die Mädchen Maria und Julia zu Therese Boußet. Die Knaben kamen sonntags zu uns und spielten mit uns, sie turnten wie Affen auf unserer hohen Laube im Garten herum und Fratzenpaul, wie wir ihn nannten, schnitt furchtbare Gesichter, damit wir lachten. Onkel Ludwig wohnte stets bei uns in den zwei Fremdenstuben rechts von der Haustür. Er rauchte aus einer langen Meerschaumpfeife und holte den Schnupftabak aus einer goldenen Dose. Er hatte rote seidene Taschentücher und einen Rock mit Frangen wie wir ihn nannten. Wenn er diesen etwas zerfetzten Rock anhatte, freuten wir uns; es waren Bonbons darin, und Anna [Ellas jüngere Schwester, M. K.], sein Liebling, durfte sie herausholen und unter uns verteilen. Die Hochzeit seiner Tochter Maria mit Heinrich Stolterfoht, wie Julias Verlobung mit Heinrich Mann wurden bei uns gefeiert.«[42]
Im Mai 1870 wurde Emmas und Eduards jüngster Sohn Carl Ludwig, genannt »Lute«, geboren. Sie nannten ihn nach seinem Onkel Ludwig und nach Emmas Vater Carl. Wenige Monate darauf erkrankte Eduard – offenbar erneut an einem Lungenleiden, das ihn schon zu Beginn seiner Ehe geplagt hatte – und starb im August 1872. Er war gerade 39 Jahre alt geworden. Die damals zehnjährige Tochter schildert, wie sie und ihre Schwestern aus den Ferien heimgeholt wurden:
»Es war alles so seltsam feierlich zu Hause. Auf unsere Bitten, zu unserem Papa zu können, erhielten wir den Bescheid: ›Morgen‹. Mama und Tante Johanna brachten uns zu Bett. Sie waren besonders zärtlich. Wir beteten für unseres Vaters Genesung und schliefen selig ein. Wieder daheim. Am anderen Morgen war Tante Johanna fort, aber Mama erzählte uns, daß Papa gestorben sei, daß er uns aber grüßen ließe und daß wir Papa noch sehen dürften. Unser Vater hatte während seiner letzten Krankheit nicht in der Schlafstube unserer Eltern, sondern in der Fremdenstube gelegen, da lag er auch im Tode. Er schlief so ruhig mit gefalteten Händen und doch kam er uns so fremd vor, und vor dem Totenbild hatte ich doch jahrelang ein kleines Grauen.«[43]
Und dann fügt Ella eine Bemerkung hinzu, die sehr weitreichende Schlußfolgerungen zuläßt:
»Denselben Tag beobachtete ich, wie Mama dem Folgemädchen einen Brief an Onkel Ludwig in Brasilien und das Porto einen Taler in die Hand gab, den sie zur Post tragen sollte.«[44]
