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Udo Lielischkies kennt Russland wie nur wenige ‒ seit Wladimir Putin 1999 an die Macht kam, berichtete er für die ARD aus dem riesigen Land. In seinem Buch schreibt er über die Politik des Kreml, das Leben in der atemlosen Metropole Moskau, vor allem aber ‒ mit viel Empathie ‒ über beeindruckende Menschen in den Weiten der russischen Provinz: Den kämpferischen Landarzt im Ural, den todesmutigen Reporter in Togliatti, die Bauern im südlichen Krasnodar, denen Agrarkonzerne die Ernte stehlen, und den gefangenen Soldaten im Tschetschenienkrieg. "Im Schatten des Kreml" ist ein bestechender, authentischer Blick auf das heutige Russland. "In diesem Buch wird die ganze Wahrheit des heutigen Russlands lebendig. Aus vielen kleinen Details und ihren Zusammenhängen entsteht ein authentisches Bild des Landes. Udo Lielischkies verbindet aufrechte Zuneigung den russischen Menschen und ihrer Kultur gegenüber mit Kritik am autoritären Regime - und beides begründet er glaubhaft." Viktor Jerofejew
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Seitenzahl: 682
Veröffentlichungsjahr: 2019
Udo Lielischkies
Unterwegs in Putins Russland
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Udo Lielischkies kennt Russland wie nur wenige – seit Wladimir Putin 1999 an die Macht kam, berichtete er bis 2018 regelmäßig für die ARD aus dem riesigen Land. In seinem Buch schreibt er über die Politik des Kreml, das Leben in der atemlosen Metropole Moskau, vor allem aber über beeindruckende Menschen in den Weiten der russischen Provinz: den kämpferischen Landarzt im Ural, den todesmutigen Reporter in Togliatti, die Bauern im südlichen Krasnodar, denen Agrarkonzerne die Ernte stehlen, und den gefangenen Soldaten im Tschetschenienkrieg. »Im Schatten des Kreml« ist ein bestechender, authentischer Blick auf das heutige Russland und zugleich eine Kritik am »System Putin«.
Widmung
Vorwort
1 Helsinki: Das Rätsel im Geheimnis
»Unser Mann«
Die Machtübernahme der Geheimdienstler
In der Wagenburg
»Russki Mir« – ein höllischer Brei
Nur eine Metamorphose?
2 Anfänge
Mit Pfefferminz auf Wohnungssuche
Moskau unter Schock
Jagd auf Tschetschenen
Ein furchtbarer Verdacht
Der Fall Pinjajew
3 Tschetschenien: Ein Krieg als Steigbügel für den neuen Mann im Kreml
Genialnik
Exodus aus Grosny
Tote, die es nicht geben darf
Der Soldat Falikow
Ein schmutziger Krieg
Mord in Moskau
Im Gespräch mit den Kidnappern
»Ich kann jetzt töten«
Die Wahrheit im Krieg
Einer aus dem Heer der Traumatisierten
4 »Moskwa! Moskwa!«: Arche Noah und Disneyland
Lebenskünstler Schenja
Atemloses Moskau
Die Reichen und Schönen
Im Rausch der Sinne
Garik und Sakir
Der Sklavenmarkt von Moskau
Katias Datscha
24/7
5 Das Dorf Jugytydor
Am Ende der Welt
Salzgurken mit Elchfleisch
Auf der Jagd
Stirbt der Wald, stirbt das Dorf
6 Beslan: Wer Gewalt sät
Mord statt Musical
Tod in der Turnhalle
Hassans Schuh
Giftiger Tee
Heimliche Helfer oder nur Korruption?
Bildteil 1
7 Die Medien: Zwischen Gleichschaltung und Lebensgefahr
Bodyguards für den Chefredakteur
Treibjagd auf Olga Kitowa
Prozess ohne Zeugen
Die geraubten Söhne
Das Ende des kritischen Journalismus
Medienkrieg mit dem Westen
8 Justiz: Im Zweifel für den Staatsanwalt
Von »Werwölfen« und geschönten Statistiken
Im Frauenarbeitslager von Orel
Freiheit macht hungrig
Zuckerbrot und Peitsche
Hilflose Helfer
Folter im Vollzugssystem
9 Ukraine: Der nicht erklärte Krieg
Eine gekaufte Revolution?
Alltag auf dem Maidan
Die Suche nach den Scharfschützen
Zu viel Blut für einen Kompromiss
Die Annexion der Krim
Krim, Kosovo und der Streit ums Völkerrecht
Gewalt und gewaltige Lügen
Säuberung auf der Krim
Ein russisches Rollkommando
Die Machtübernahme in Donezk
Die Präsidentschaftswahl
Der Fehler
Raketenwerfer im Garten und ein mysteriöser Absturz
Das Freiwilligen-Bataillon
Die Falle
Awdijiwka
10 Propaganda: Die schärfste Waffe des Kreml
Informationskrieger
Kampf gegen die Wahrheit
Fiktion wird Historie
Bildteil 2
11 Wirtschaft: Der große Raubzug
Der ungeliebte Sanierer
Der perfekte Sturm
Spurensuche
»Tickling Giants«
Der Fall Magnitski
Die Panama-Papiere
Der Fall Chodorkowski
Das Leben in einem feudalen Staat
12 Die Opposition: Leere Klappstühle im Regen
Schauprozess gegen Alexei Nawalny
Wahlkampf auf dem Land
Provokationen
13 »Der Don Quijote von Suojarwi«
Wölfe in der Stadt
Die Inspektion
Das Ende des Stadtrats
14 Das Gesundheitswesen: Jeder stirbt für sich allein
»Wegoptimiert«
Proteste im Ural
15 Das gestohlene Kornfeld: Bauernproteste in Krasnodar
Leere Ställe
Eine mutige Bauernfamilie
Operation Ernteklau
»Tote Seelen«
Der Bock als Gärtner
Protest-Konvoi
Putin, der gute Zar
»Blühende Landschaften«
Made in Russia
16 Die Matriza: Bahnfahrt in den Putin-Feudalismus
Kuschinka verfällt
Die Abgelegene
»Mondlichtung«
Das doppelte Russland
Ungebremste Talfahrt
Nachwort
Für Mitschka und Pius, die mich mit viel Liebe ziehen ließen.
Für Katia, Julia und Natalia, auf dass sie ihre Heimat finden.
Für den kleinen Ljoscha, der immer dabei ist.
Donnerstag, der 24. Februar 2022: Ich bin wieder einmal viel zu früh wach und greife zu meinem Smartphone. In der Nacht habe ich noch mit Freunden und Familienangehörigen in Russland telefoniert. Seit Moskau drei Tage zuvor die Volksrepubliken der Separatisten im Osten der Ukraine anerkannt hat, stellen wir alle uns die immer gleiche Frage: Wie weit wird Wladimir Putin gehen? Seine gewaltige Streitmacht steht seit Wochen einsatzbereit an den Grenzen der Ukraine. Wird Putin tatsächlich das riesige Nachbarland mit seinen über 40 Millionen Menschen angreifen und zu besetzen versuchen?
Noch genau diese drei Tage zuvor habe ich das in der ARD-Talkshow »Hart aber fair« für äußerst unwahrscheinlich gehalten. Zu viele Militärexperten haben überzeugend dargelegt, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt wäre. Russische Truppen in den Separatisten-Gebieten stationieren: Ja, das wäre möglich. Die besetzten Donbas-Gebiete mit militärischer Gewalt auszudehnen: auch das nicht undenkbar. Aber die gesamte Ukraine? Wohl kaum.
Jetzt aber sitze ich aufrecht im Bett und lese, dass Putins Verbände gleich aus drei Richtungen in die Ukraine einrücken. Im Süden von der längst annektierten Krim, im Norden aus Belarus, und im Osten aus den Separatisten-Gebieten. Er greift tatsächlich das gesamte Nachbarland an! Ich koche mir einen Kaffee und verfolge in der Küche die ersten Sondersendungen. Meine Kinder machen sich für die Schule fertig und verstehen nicht, warum ihr Vater kein Auge für sie hat. Doch meine Gedanken sind bei meinen ukrainischen Freunden.
Zum Beispiel bei Goscha und Iwan, von denen in diesem Buch die Rede sein wird. Junge Männer, Mitarbeiter der ARD, mit denen ich 2014 den Kriegsausbruch in der Ost-Ukraine verfolgt habe. Nur mit wahnsinnigem Glück überlebten sie im August 2014 die Flucht aus dem eingeschlossenen Städtchen Ilowajsk, beschossen von Separatisten und russischen Truppen. Seit diesem Tag feiern sie zweimal im Jahr Geburtstag. Doch nun rücken die weit überlegenen russischen Truppen auch auf Kiew vor, die Hauptstadt. Putin hat als Kriegsziel die »Entmilitarisierung« und »Entnazifizierung« der Ukraine formuliert. »Werden Goscha und Iwan in Kiew noch einmal einen Schutzengel haben wie 2014?«, frage ich mich jetzt Tag für Tag. Ich erreiche beide, ihre Nachrichten klingen zuversichtlich, sind geprägt von Kampfgeist. Und tatsächlich: Die ukrainische Armee und ein wachsendes Heer von Freiwilligen leisten den russischen Truppen schnell erbitterten Widerstand. Deren Vormarsch stockt.
Doch als auch nach Wochen der geplante »Blitzkrieg« nicht zu einem Erfolg führt, beginnen Putins Artillerie und Luftwaffe mit der massiven Bombardierung eingeschlossener Städte wie Mariupol und Charkiw. Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten werden genauso dem Erdboden gleichgemacht wie Wohnblocks, Theater und Museen, in denen Menschen Schutz gesucht haben. Die schrecklichen Bilder lassen mich an das syrische Aleppo denken, vor allem aber an den zweiten Tschetschenienkrieg. Das war mein erster Einsatz als neuer Moskau-Korrespondent damals, im Herbst 1999. Ich habe die völlig zerstörte Hauptstadt Grosny noch vor Augen, erinnere die Grausamkeiten gegen tschetschenische Zivilisten durch russische Soldaten. Verrohung, Korruption, Lügen über die eigenen Verluste – es fühlt sich wie ein Déjà-vu an, was jetzt, zweiundzwanzig Jahre später, in der Ukraine passiert.
Allein der erlogene Kriegsgrund: »Tschetschenische Terroristen sprengen Wohnhäuser in Russland«, hieß es damals. »Ukrainische Faschisten verüben einen Genozid im Donbas«, heißt es jetzt. Damals wie heute sollte ein Krieg begründet werden, den Wladimir Putin wollte. Schon 1999, noch russischer Ministerpräsident, machten seine markigen Kriegsreden im Fernsehen, durchsetzt mit Straßenjargon, Eindruck auf viele Russen. Und auch jetzt, vor 80000 Zuhörern im riesigen Luschniki-Stadion, scheint die Zustimmung gewaltig, als Putin sein Volk weiter auf den Krieg gegen die »Faschisten« einstimmt, und letztlich gegen den gesamten Westen. Doch wie die Mehrzahl der Bevölkerung tatsächlich über den Krieg gegen das »Brudervolk« in der Ukraine denkt, bleibt verborgen. Zu tief sitzt die Angst inzwischen, zu laut sind Putins Drohungen gegen sogenannte Verräter, gegen die sogenannte »Fünfte Kolonne«. Das sind Vokabeln aus der Zeit Stalins. Bei allen Parallelen zu Putins Anfängen 1999: Dieser Mann hat sich in 22 Jahren weiterentwickelt zu einem totalitären, kriegsbereiten Herrscher.
Dieses Buch ist eine Zeitreise. Sie führt vom Russland des Jahres 1999 bis ins Jahr 2022. Von einem blassen, weitgehend unbekannten Ministerpräsidenten Putin zu einem Mann, den mittlerweile fast die gesamte Welt fürchtet. Von einem chaotischen, wilden, aber halbwegs demokratischen Russland am Ende der Neunzigerjahre hin zu einem eiskalt durchorchestrierten Polizeistaat. Von einem abenteuerlustigen Brüssel-Korrespondenten der ARD mit großen, staunenden Augen hin zu einem desillusionierten Chronisten des Niedergangs. Meine Reisebegleiter waren unzählige einfache russische Menschen, alte und junge, fröhliche und deprimierte, kämpferische und resignierte, warmherzige und zynische. Wladimir Putin hat meine Reise vom ersten Tag an ständig begleitet.
Ich erinnere mich noch gut an diesen 25. September 2001. Putin hält, nur eineinhalb Jahre nach seiner Wahl zum russischen Präsidenten, eine Rede im Deutschen Bundestag. Diese Ehre ist noch keinem russischen oder sowjetischen Staatsoberhaupt zuteilgeworden. »Der Kalte Krieg ist endgültig vorbei«, sagt Putin. Auf Deutsch. Die Abgeordneten stehen auf und applaudieren lange.
Sein Auftritt schürt Hoffnung in den Köpfen vieler Deutscher. Putin wird Russland weiter demokratisieren, glauben viele, es weiter aus seiner sowjetischen Vergangenheit herausführen, in Richtung Westen, Europa. Die deutschen Unternehmer wittern gute Geschäfte: moderne Technik gegen russisches Öl und Gas, eine lukrative Partnerschaft. Die deutschen Bürger hoffen auf exotische Reisen und erlebte Seelenverwandtschaft. Und auf Frieden. Ein vernünftiger Technokrat scheint dieser Putin zu sein. Etwas blass, mit KGB-Vergangenheit zwar, aber dem Westen und dessen Werten zugewandt. Rechtsstaat, Pressefreiheit, Zivilgesellschaft, faire Wahlen – all das ist bei diesem Wladimir in guten Händen, glauben die deutschen Abgeordneten.
Jetzt, im Frühjahr 2022, ist nichts von dieser Illusion übrig. Russland ist ein autoritärer Geheimdienst-Staat, in dem sich eine Putin-treue Elite schamlos bereichert. Presse- und Meinungsfreiheit sind abgeschafft, das Parlament gleichgeschaltet, die Gerichte williges Unterdrückungsinstrument. Das Verhältnis zum Westen ist offen feindselig, er wird mit aggressiver Propaganda, Cyberkriegern und militärischen Drohgebärden destabilisiert. Schlimmer noch: Bis zum Ausbruch des Ukraine-Krieges zeigt er sich völlig überfordert mit Moskaus aggressiver Außenpolitik.
Seit ich im Sommer 2019 mit meiner Familie von Moskau nach Deutschland gezogen bin, beobachte ich ungläubig, wie jedwede Opposition in Russland immer unverhohlener bekämpft wird. Ein Höhepunkt: Der Mordversuch an Alexei Nawalny, dem prominentesten russischen Putin-Gegner. Seine freiwillige Rückkehr und sofortige Inhaftierung machen weltweit Schlagzeilen. Für viele russische Jugendliche ist Nawalny jetzt erst recht schlicht ein Vorbild – ihr »Held«.
Doch es gibt viele »Helden« in Russland, und dieses Buch soll von ihnen erzählen. Ich muss nur den Stapel meiner früheren Manuskripte und Aufzeichnungen aus der Zeit, als ich in Moskau war, zur Hand nehmen, um sie wiederzufinden. Schnell stoße ich auf einen Hefter mit der Aufschrift »Russische Treibjagd«. Und auf einmal bin ich wieder in Belgorod, im Jahr 2002. Ich sehe mich einen Schritt zurücktreten und an die Wand lehnen, als könne diese mir Halt geben. Vor mir eine Frau, der in diesem Moment alles entgleitet, was sie bisher so sorgsam zu bewahren versuchte: ihre Haltung, ihren Stolz, ihre Scham. Natascha, die Lehrerin mit den schulterlangen Haaren, stets sorgfältig geschminkt und auch in schwierigen Momenten um Fassung bemüht, geht vor unserer Kamera auf die Knie. Tränen, vermischt mit Wimperntusche, ziehen dunkle Linien über ihr von tiefem Schmerz gezeichnetes Gesicht. Neben ihr fallen zwei weitere Frauen auf die Knie. Alle drei sind Mütter und alle drei falten ihre Hände wie zum Gebet. Ein Gebet, gerichtet an die Zuschauer in Deutschland, in der »ganzen zivilisierten Welt«, die sie anflehen, ihre Söhne zu retten, die ein Richter kurz zuvor zu acht Jahren in russischen Straflagern verurteilt hat.
Ich spüre, wie auch mir die Tränen in die Augen steigen. Ich kenne die Söhne dieser Frauen. Ich weiß, dass sie unschuldig sind. Ich habe lange genug die Gerichtsakten gelesen, mit Zeugen gesprochen. Ich habe gesehen, wie der Staatsanwalt die erlogene Anklage herunterleierte, wie der Gouverneur mit gesenktem Blick eilig unserer Kamera entfloh. Ich weiß, dass hier ein Urteil angeordnet wurde. Wie so oft. Ich weiß, dass russische Gerichte über 99 Prozent aller Angeklagten schuldig sprechen. Dass Verteidiger mit Staatsanwälten zusammenarbeiten und ihre Mandanten betrügen. Doch dieser Augenblick, in dem drei russische Mütter um Gerechtigkeit für ihre unschuldigen Söhne flehen, hat sich eingebrannt in mein Gedächtnis.
Fast zwanzig Jahre lebte und arbeitete ich in einem Land, das viele solcher Momente hervorbringt: Augenblicke voller Wut, Leid und Resignation. Aber auch rauschhafte voller Lebenslust und stille, getragen von menschlicher Nähe. Vor allem aber beschert Russland mir so viel Rätselhaftes, Unverständliches und Widersprüchliches. Eine Sprache, die gefühlt mehr Ausnahmen als Regeln hat. Gesetze, die auf kafkaeske Art nicht zu befolgen sind. Wundersame Auswege aus Situationen, die ausweglos erscheinen. Aber auch das Gegenteil. Unzählige Reisen, Begegnungen, Interviews und Reportagen haben sich in den vergangenen Jahren zu einem Eindruck verformt, festgehalten in Tagebucheinträgen, Stapeln von Manuskripten, Filmen für ARD-Reportagen, Analysen, Kommentaren. Die Suche nach Fakten und Zusammenhängen ist journalistischer Alltag. Jenseits der konkreten »Story« waren meine Recherchen aber auch eine ständige Suche nach der verborgenen Textur der russischen Gesellschaft, nach der viel zitierten »russischen Seele«.
In meinem Bücherregal haben Analysen zu Russland und dessen Präsident Wladimir Putin längst die Oberhand gewonnen. Viele Kreml-kritische Bücher stehen da, vereinzelt auch wohlwollende. Deren Autoren geben die Sicht auf Russland und Putins Politik aus der Perspektive des Präsidenten und seiner loyalen Umgebung wieder. Es ist längst nicht mehr die meine. In einschlägigen sozialen Netzwerken werde ich seit einigen Jahren manchmal als »Russland-Hasser« bezeichnet. Sich dagegen zu wehren ist schwierig. Die Logik dieser Angreifer ist so schlicht wie falsch: Sie setzen journalistische Kritik an der Regierung Putin mit einer Verteufelung Russlands und seiner Menschen gleich.
»Russland-Hasser«? Meine russische Familie, Katias Eltern und Großeltern, ihre Schwester, Tanten und Onkel schüttelten ungläubig den Kopf, als ich ihnen von diesem Vorwurf berichtete. Inzwischen ist es über 21 Jahre her, dass ich zum ersten Mal in die Familien-Datscha eingeladen wurde. Dort saß ich bald mit drei ehemaligen Obersten der Roten Armee schwitzend in der kleinen Banja, der russischen Sauna: mit dem Vater, dem Onkel und dem Großvater meiner Frau Katia. Mir war etwas mulmig zumute. Aber niemand zeigte Vorbehalte gegenüber dem neuen deutschen Familienmitglied. »Wir haben doch nicht gegen die Deutschen gekämpft, sondern gegen die Faschisten«, hörte ich damals zum ersten, aber längst nicht zum letzten Mal, während Großvater Alexei von den Schlachten der Roten Armee erzählte. Beerdigt haben wir ihn in seiner Uniform. Er hielt mich nicht für einen Russland-Hasser.
Meine russische Familie kennt, so wie die Mehrzahl der Fans, die zur Fußball-WM 2018 in dieses riesige Land kamen, Russland vor allem aus der Perspektive der großen Städte, allen voran Moskau: ein vom Rest des Landes abgekoppeltes Raumschiff, das Zentrum strahlend, glitzernd, ein filmreifes Panoptikum neureicher Selbstdarstellung. Bis in die Moskauer Peripherie strahlt der Glanz des großen Geldes. Metrolinien werden verlängert, immer neue Autobahnzubringer betoniert, gesichtslose Wohnsiedlungen schieben den Stadtrand unermüdlich vor sich her. Der Moloch Moskau wächst und wächst, der Rest des Landes entvölkert sich. In Moskau und Umgebung wird ein Viertel des russischen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Die Stadt hat im Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft 1,3 Milliarden Dollar in die Verschönerung von Parks, Straßen und Trottoirs gesteckt – mehr als das Gesamtbudget jeder anderen russischen Stadt mit Ausnahme Sankt Petersburgs. Moskau ist nicht Russland. Moskaus Zentrum ist Russlands Disneyland für das opulente Leben einer kleinen Elite.
Das Russland, das ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereist habe, kennt meine russische Familie nicht. Auch, weil es im russischen Fernsehen so gut wie ausgeblendet wird. Es ist ein kaltes und dunkles Russland, vernachlässigt, verkommen, weitgehend vergessen. Ein riesiges Land, das den Preis bezahlt für das Leben einer kleinen, sehr reichen und sehr zynischen Elite. Vor allem von diesem Russland und seinen Menschen möchte ich in diesem Buch berichten: Von den Bauern in Krasnodar, denen mächtige Agrarkonzerne mit roher Gewalt die Ernte stehlen. Von Walentina, die für den Diebstahl von fünf Gläsern Eingemachtes viele Jahre ins Straflager ging. Vom Soldaten Sergei, der Tschetschenien überlebte und doch zugrunde ging. Von sterbenden Industriestädten, Dörfern im Ural und einer Beerdigung in Jekaterinburg. Von Schenja, dem Moskauer Lebenskünstler, und Bo Andersson, dem Automobilmanager in Toljatti.
Mein Herz hängt an den Geschichten der beeindruckenden Menschen, die in ausweglosen Situationen einfach weiterkämpfen, für das Überleben ihrer Betriebe, ihrer Nachbarn, ihrer Freunde. Und oft auch nur für das Überleben von Gerechtigkeit. Sie sind die stillen russischen Helden, die niemand im fernen Moskau kennt, die mich aber bei meinen Reisen so faszinierten. Fast nie endeten ihre Geschichten mit einem Triumph der guten Sache. Fast immer behielten zynische Geschäftsleute, Lokalpolitiker, Geheimdienstler, Richter oder Staatsanwälte die Oberhand. Denn diese Menschen leben im Russland Wladimir Putins. Ein eng gewirktes Netz von Abhängigkeiten, Drohungen, Erpressung und Korruption hat das Land in eine Putin-Matrix verwandelt, die die Selbstbedienung jener unersättlichen Elite absichert, die dem Präsidenten loyal zur Seite steht.
Es gibt inzwischen nur noch wenige russische Journalisten, die es wagen, über dieses System zu berichten. In meinen Filmen waren sie noch lebendig: der Chefredakteur Waleri zum Beispiel, der auf dem Stuhl seines gerade ermordeten Vorgängers Alexei schon ahnte, dass auch er nicht mehr lange die kriminellen Vorgänge im riesigen Automobilwerk von Toljatti würde recherchieren können.
Oder Anna Politkowskaja, meine russische Kollegin von der Nowaja Gaseta, die ich im September 2004 am Flughafen traf. Wie ich war sie auf dem Weg zur dramatischen Geiselnahme in Beslan. Sie hätte vermitteln können zwischen den Terroristen und dem Kreml. Wohl darum kam sie nie in Beslan an, wurde im Flugzeug vergiftet, überlebte aber. Bei einem Abendessen in Moskau 2005 wollte sie darüber nicht reden. Aber sie lachte viel an jenem Abend. Ein Jahr später, am 7. Oktober 2006, wurde sie im Aufzug ihres Wohnhauses in Moskau erschossen.
Jede Begegnung, jede Recherche, jede Reise erzeugte über die vielen Jahre hinweg einen kleinen Tupfer auf dieser großen Leinwand von Russland. Wenn ich einen Schritt zurücktrete, werden Konturen, Strukturen und Motive sichtbar. Aber es ist schwierig, dieses Land systematisch zu beschreiben. Denn in dieser Putin-Matrix greift vieles ineinander, und ein Teil ihrer Bausteine ist unsichtbar.
Waren es vielleicht Russlands Bürger selbst, die sich ahnungslos ein neues Herrschaftssystem bescherten, das sie schließlich schon wieder zu unmündigen Untertanen macht, ihre Bürgerrechte mit Füßen tritt? Eine Art Stockholm-Syndrom eines Volkes, seit Jahrhunderten unterjocht und gedemütigt von Zaren, dann siebzig Jahre gefangen im großen Menschen-Experiment der Sowjets, dann ausgeplündert und enteignet von den Raubtierkapitalisten der Neunziger? Wollten die russischen Menschen unbewusst einen autokratischen Führer, wenn er denn nur Stabilität verspricht, und ebneten Putin freiwillig den Weg?
Oder war es andersherum? War es dieser unbekannte KGB-Spion Wladimir Putin, dem das Schicksal die Macht übergab und der dann blitzschnell ein immer dichteres Netz von loyalen Geheimdienstlern und Militärs um sich spann, die Medien unter Kontrolle brachte, Parlament und Justiz zu treuer Gefolgschaft zwang, bis das Volk, selbst wenn es denn einen anderen Herrscher bevorzugte, keine Chance mehr hätte, ihn zu finden und zu wählen?
Oder waren es die Seilschaften des mächtigen KGB, diese Kaste der Geheimdienstler, die in der Jelzin-Zeit nur kurz abtauchten, ihre Vermögen in Sicherheit brachten, ihr Firmenschild in »FSB« umschrieben, um dann, mit der Inthronisierung eines der ihren, wieder die alten Geschäfte aufzunehmen? Sind sie die wahren Kreml-Herrscher? Ist Putin nur der Dompteur mit der schicken Zirkus-Uniform, der so schön mit der Peitsche knallen kann, aber in Wahrheit haargenau den eisernen Regeln seiner Raubtiere folgen muss, vor allem was die Fütterungsintervalle angeht?
Oder ist es vielleicht all das zusammen?
Und welche Rolle spielen die Superreichen aus Putins Umgebung? Ehemalige Vertraute, Leibwächter, Judopartner, die zu Milliardären wurden oder Führungsposten in Wirtschaft und Regierung erhielten? Wie genau funktioniert das Tribut-System, das Loyalität und gelegentliche Großzügigkeit der Günstlinge im Tausch gegen lukrative Staatsaufträge mit hohen Margen vorsieht?
Wie viele Spekulationen habe ich an unzähligen Abenden mit russischen und europäischen Freunden diskutiert. Politik in Russland wird seit vielen Jahren in kleinen Küchenkabinetten gemacht, von einer Handvoll Männer, fast alle mit Geheimdienst-Vergangenheit. Auch russische Experten räumen ein, dass sie kaum noch Zugang haben zum Zentrum der Macht. Umso schöner blühen die fantasievollen Thesen, Theorien, Prognosen, die Erklärungen, wie aus dem chaotischen Jelzin-Russland die straff organisierte »Putin-AG« werden konnte.
Natürlich spielt Putin auch in diesem Buch eine große Rolle. Aber nicht als zentrale politische Figur, von deren Motiven, Entscheidungen und Handlungen sich alles Weitere ableitet, sondern eher als eine stilisierte Projektionsfläche für Erwartungen und Hoffnungen seiner Bürger, als geschickt inszenierter »guter Zar«, der sich immer wieder medienwirksam von den Niederungen der Tagespolitik absetzt. Er ist die Schlüsselfigur dieser virtuellen russischen Welt, des »Russki Mir«, dieses »höllischen Breis«, wie ein kritischer Kommentator es nennt. Patriotismus, Nationalstolz, Sowjet-Nostalgie, Orthodoxie, Familienwerte und vieles mehr werden von den willfährigen Medien zu einem kruden Weltbild gefügt, USA und Europa zu Feindbildern stilisiert, um eine Wagenburgmentalität und Opferbereitschaft zu erzeugen.
All das hat sich in den 22 Jahren, seit ich nach Russland kam, systematisch entwickelt. Wladimir Putin bezog fast zeitgleich mit meinem Start in Moskau den Kreml. Und er ist immer noch dort, inzwischen als isolierter, bitterer, rachedurstiger Kriegsherr, der einen Bruderstaat überfällt und dessen Zivilbevölkerung gnadenlos durch Bombardierung zum Aufgeben zwingen will. Was Putin mit seinem Propaganda-Apparat in diesem Zeitraum in den Köpfen der Menschen anrichtete, ist beachtlich. Ein Teil seiner Bürger bejubelt seine imperialen Visionen von Groß-Russland, ein anderer Teil duckt sich ängstlich weg, nur relativ wenige wagen es, sich der repressiven Nationalgarde entgegenzustellen und zu protestieren. Inzwischen haben die meisten Menschen schlicht Angst, überhaupt noch vor einer Fernsehkamera aus westlichen Ländern über Missstände zu reden, geschweige denn über Politik. Nur wenige wagen es noch, gegen Putins Krieg, gegen Unrecht, Schikanen, Enteignung, gegen lokale Beamte, Staatsanwälte und Richter offen Position zu beziehen.
Sie sind wenige, aber es gibt sie. Etliche dieser standhaften, kämpferischen, mutigen Menschen habe ich getroffen. Auch wenn sie fast immer unterlagen: Sie sind meine wahren Helden in diesem Land, mal kämpferisch, mal still, mal tragisch, so wie Natascha, die vor unserer Kamera in die Knie ging und weinte.
Helsinki: Das Rätsel im Geheimnis
Es ist ungewöhnlich heiß in Helsinki an diesem Montag, den 16. Juli 2018. Die meisten der 2000 Journalisten aus aller Welt sitzen in der klimatisierten Finlandia-Halle, in der das Pressezentrum eingerichtet wurde, und warten auf erste Informationen aus dem nur wenige Kilometer entfernten Präsidentenpalast. Dort treffen sich Wladimir Putin und Donald Trump. Zwei Staatsmänner, die die Welt in Atem halten. Hier, in Helsinki, wo 1975 Gerald Ford und Leonid Breschnew mit 33 weiteren Staats- und Regierungschefs die KSZE-Schlussakte unterschrieben. Wo 1990 George Bush und Michail Gorbatschow über die Golfkrise berieten. Wo 1997 Bill Clinton und Boris Jelzin die Zukunft der NATO diskutierten. Jetzt sind die Akteure andere.
Wir haben unsere Kamera auf der Wiese vor dem Kongressgebäude aufgebaut, an den Masten davor hängen finnische, amerikanische und russische Fahnen schlapp herab. Mein Kollege Olaf hat einen großen Reflektor auf mich gerichtet, um mein Gesicht während des Live-Berichts aufzuhellen, was die Hitze nur noch unerträglicher macht. Darja geht mit ihrem Handy immer wieder die Agentur-Meldungen durch. Aber es gibt keine neuen Informationen. Nichts. Ich schildere Hintergründe, spekuliere über denkbare Ergebnisse und bin doch so ratlos wie die übrigen Journalisten vor Ort.
Ich habe in 24 Jahren als ARD-Korrespondent viele Gipfeltreffen erlebt. Doch dieser ist anders. Putin und Trump sprechen zwei Stunden lang ohne ihre Delegationen, unter vier Augen, nur die Dolmetscher sind dabei. Nicht nur der Rest der Welt, auch Trumps eigene Berater im Weißen Haus, seine Geheimdienste, Militärs und der Kongress werden später keine Einzelheiten dieses Gesprächs erfahren. Von Wladimir Putin erwartet ohnehin niemand, dass er seine Karten offenlegt. Ein ganzer Kosmos von Spekulationen umgibt diese beiden Männer, die sich hier gegenübersitzen – getrennt durch offene geopolitische Rivalität, verbunden durch gewaltige Macht und eine Grauzone vermuteter geheimer Kumpanei.
Da ist Wladimir Putin: Groß geworden in der bitteren Armut der Leningrader Hinterhöfe. Putin ist »street-smart«, weiß, wann er als Erster zuschlagen muss. Halt findet er in verschwitzten Kampfsportclubs, einem Männerkosmos mit chronischer Nähe zu Kriminalität. Dann das Jurastudium, die ersehnte Aufnahme in den KGB. Putin ist ehrgeizig, diszipliniert, ausdauernd. Er wird Geheimdienstler in Deutschland, erlebt den Mauerfall als Trauma: Der Staat, zu dessen heimlicher Elite er sich zählt, ist verschwunden. Er wird Vizebürgermeister in seiner Heimatstadt, die nun wieder Sankt Petersburg heißt. Medien und Buchautoren schreiben über dubiose Finanzdeals und Mafiakontakte. Später, in Moskau, wird Putin Ziehsohn Jelzins, dann folgt der sagenhafte Aufstieg zum Dauerherrscher Russlands. Putin gilt als kühler Machiavelli, als geschickter Taktiker, doch auch als einer, der keine Wirtschaftsstrategie hat für seinen kleptokratischen Petro-Staat.
Ihm gegenüber Donald Trump: Aufgewachsen in dem Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein, vom Vater als »König« bezeichnet und dazu ermuntert, bei allem, was er tue, ein »Killer« zu werden. Schon als Kind so aggressiv, dass der Vater ihn auf ein Privatinternat schickt, das bekannt ist für militärischen Drill. Mit vielen Millionen Startkapital ausgestattet, wird er nach dem Wirtschaftsstudium ein New Yorker Immobilienhai mit umstrittenen Geschäftspraktiken. Großspurig, selbstverliebt, unbelesen, ungebildet. Sein Biograf gesteht ihm eine Aufmerksamkeitsspanne von wenigen Minuten zu. Dafür gilt Trump als machtbesessen, empathielos, beratungsresistent, ungezügelt. Einer, der die große Bühne liebt und sich politischer Weggefährten genauso schnell entledigt wie »unfähiger« Kandidaten seiner TV-Show »The Apprentice«.
Dem russischen Präsidenten dagegen begegnet Trump mit Respekt, beinahe Zuneigung. Den offensichtlichen Grund dafür nennt Michael McFaul, ehemaliger US-Botschafter in Moskau: »(…) Trumps ideologische Orientierung überschnitt sich mit Putins Ideen. Seit Jahren schon wetterte Putin gegen die liberale Weltordnung und das, was er die dekadenten westlichen Kulturerscheinungen nannte. Trump machte dasselbe. Putin schimpfte auf amerikanische Einmischung und Hegemonie. Trump tat das auch.«1
Doch diese gemeinsame Weltsicht erklärt nicht alles. Längst ist das sogenannte Steele-Dossier bekannt, kursieren andere Motive für Trumps auffälliges Wohlwollen Putin gegenüber: Es geht um kompromittierendes Material, Filme mit Prostituierten, aufgenommen bei einem früheren Moskau-Besuch des Amerikaners. Um finanzielle Verstrickungen und schmutzige Deals, russisches Geld für Trumps Immobilien. Über allem aber schwebt der Verdacht, gemeinsam mit Moskau die Präsidentschaftswahl manipuliert zu haben, ein Herrscher von Putins Gnaden zu sein.
Nach Stunden des Wartens beginnt am Nachmittag in Helsinki schließlich eine bizarre Pressekonferenz, die in die Geschichtsbücher eingeht. Der US-Präsident stellt sich klar gegen die Position seiner eigenen Geheimdienste, die übereinstimmend behaupten, Russland habe die amerikanische Präsidentschaftswahl manipuliert. Auf die Frage, ob er sich diese Analyse zu eigen mache, sagt Trump: »Ich sehe keinen Grund, warum es Russland gewesen sein sollte.«
Erst als nach seiner Rückkehr in die USA die landesweite Empörung wächst, wird er einen Rückzieher machen und von einem »Versprecher« reden: »Der Satz hätte eigentlich lauten sollen: Ich sehe keinen Grund, warum es nicht Russland gewesen sein sollte.« Doch nur wenige glauben an die Theorie vom »Versprecher«. Kurze Zeit später wird Trump einem Journalisten gegenüber auch die Gefahr weiterer russischer Hackerangriffe leugnen – obwohl selbst sein eigener Geheimdienst-Koordinator, Dan Coats, Russland als aggressivsten ausländischen Cyber-Angreifer bezeichnet.
Dass sich die Pressekonferenz vor allem um die »Russland-Affäre« dreht, hat einen Grund. Während Trump einige Tage vor dem Helsinki-Gipfel bereits in Europa war, leitete das US-Justizministerium Strafverfahren gegen zwölf Mitglieder des russischen Militärgeheimdienstes GRU ein. Es war ein weiterer Paukenschlag, Ergebnis der Recherchen von Sonderermittler Robert Mueller. Laut Anklageschrift hatten Putins Geheimdienstler Serverräume in Arizona und Computer in Illinois gemietet, mit Bitcoins Server gekauft, um dann erfolgreich die Daten von 500000US-Wählern zu stehlen, Mitarbeiter des demokratischen Wahlkampfkomitees zu überwachen und Interna abzuzapfen.
In der Pressekonferenz macht Wladimir Putin dann das, was Trump Minuten später ein »unglaubliches Angebot« nennen wird: Er bietet an, seine zwölf in den USA angeklagten Geheimdienstler in Gegenwart amerikanischer Offizieller befragen zu lassen. Im Gegenzug erwarte Moskau, amerikanische Justizbeamte und Geheimdienstmitglieder, die man illegaler Aktivitäten auf russischem Gebiet verdächtige, verhören zu können.
Trumps Worte vom »unglaublichen Angebot« schlagen nicht nur in Washington ein wie eine Bombe. Denn zu den Verdächtigten zählt unter anderem der ehemalige US-Botschafter in Moskau, Michael McFaul. Ihn hatten die Kreml-nahen Medien während seiner Amtszeit von 2012 bis 2014 regelrecht gehetzt: McFauls Kontakte zur russischen Zivilgesellschaft und zu Oppositionellen waren als Vorbereitung eines »russischen Maidan« diffamiert worden, eines Volksaufstandes also, wie in der Ukraine. Russische Behörden unterstellten ihm gar Gesetzesverstöße, die allerdings als unglaubwürdig und konstruiert gelten.
Dass Trump nun, vor der gesamten Weltöffentlichkeit, ein Verhör des Diplomaten durch russische Offizielle überhaupt in Erwägung zieht, schockiert nicht nur mich: »Ich werde Helsinki nie vergessen«, schreibt Ex-Botschafter McFaul. »Putin wollte mich verhören lassen, und Trump nannte es ›ein unglaubliches Angebot‹. Warum? Wenn Außenpolitik im wörtlichen Sinne persönlich wird …«2
In Washington lässt Trump das Angebot tatsächlich eine Zeit lang prüfen, obwohl das US-Außenministerium den Putin-Vorschlag als »absurd« zurückweist. Aber erst als sich der US-Senat einstimmig gegen ein Verhör ehemaliger US-Diplomaten durch Moskau ausspricht, gibt Trump die Idee auf.
Nach der denkwürdigen Pressekonferenz gehe ich vom Medienzentrum zum ARD-Übertragungswagen. Er steht am Hafenbecken Eteläsatama, nur 300 Meter vom Präsidentenpalast entfernt. Die Hitze hat endlich etwas nachgelassen, die Limousinen der beiden Delegationen sind abgefahren, Kampftaucher des finnischen Grenzschutzes, die im Hafenbecken das historische Treffen absicherten, werden von einem Schlauchboot eingesammelt, neben uns räumen Polizisten die ersten Absperrungen ab. Zum Abschluss dieses Tages sollen Stefan Niemann, der Washington-Korrespondent, und ich ein gemeinsames Live-Gespräch mit den »Tagesthemen« führen.
Der Gipfel selbst war schon ungewöhnlich genug, das Schaltgespräch ist es für mich erst recht: Es wird mein letztes sein für die ARD. Und natürlich werden wir mit der Frage konfrontiert, die sich jedem Beobachter aufdrängt: Was treibt diesen US-Präsidenten, sich vor der ganzen Welt gegen seine eigenen Geheimdienste zu stellen, ihnen weniger zu glauben als dem Mann im Kreml? Was hat Wladimir Putin gegen Trump in der Hand? Ich fühle mich unwohl, als ich in der ARD über die »Pee-tapes« spekulieren muss, jene kompromittierenden Videos über Geldwäsche und Wahlbeeinflussung. Es klingt alles zu sehr nach einem schlechten Kriminalfilm, zu sehr nach Hollywood.
Als ich nach dem Live-Bericht endlich in meinem Hotelzimmer ankomme, schalte ich den Fernseher ein. Die russischen Sender zeigen die immer gleichen Bilder: Putin und Trump, Trump und Putin. Für ihn, der den Auftritt sichtlich genießt, ist es allein schon ein Triumph, dass er auf Augenhöhe mit dem US-Präsidenten verhandelt hat. Russland ist zurück auf der großen Bühne, als Weltmacht, sagen diese Bilder, respektiert, vielleicht auch gefürchtet, egal. »Trump ist unser Mann«, höre ich den Moderator sagen. Ein Satz, der Raum für Interpretationen lässt.
Wie sehr Trump Putins Mann ist, wird schnell deutlich. Im Januar 2019 verkündet er völlig überraschend den Rückzug der US-Truppen aus Syrien – eine alte Forderung Putins. Angekündigte US-Sanktionen gegen Russland verzögern sich, die gegen Firmen des Putin-nahen Oligarchen Oleg Deripaska werden aufgehoben. Noch im Januar 2019 bekommen die Spekulationen weitere Nahrung: Die Washington Post meldet, Donald Trump habe nicht nur in Helsinki die Notizen seiner Dolmetscherin an sich genommen und Stillschweigen angeordnet, sondern sei auch bei mehreren vorherigen Treffen mit Putin so verfahren. Zweiergespräche, die zur Geheimsache werden, selbst Mitgliedern der eigenen Regierung gegenüber? Ein völlig ungewöhnliches Verhalten für einen US-Präsidenten.3
Hat Putin Trump tatsächlich in der Hand? Ist das jetzt die Krönung der unglaublichen Karriere dieses Mannes, der schon seit Jahren den Westen mit Militäreinsätzen, Desinformation und Cyber-Angriffen aus dem Tritt bringt, wenn nicht destabilisiert? Ich muss an Winston Churchill denken: »Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium.« Der Satz beschreibt recht treffend den verwirrenden Kosmos an Mutmaßungen, Ahnungen und Befürchtungen rund um die Macht des Ex-Spions Wladimir Putin.
Als Putin die Weltbühne betritt, ist er für viele Berichterstatter, die internationalen zumal, ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Am 31. Dezember 1999 war ich mit meinem Team auf dem Weg zum Flughafen im ossetischen Mineralnie Wodi, von wo aus wir nach Moskau zurückfliegen wollten. Ich hatte über den Tschetschenienkrieg berichtet, der Putins Weg an die Spitze vorbereitete. Als Ministerpräsident unter Boris Jelzin hatte er sich durch eine harte, unbarmherzige Rhetorik den tschetschenischen Rebellen gegenüber profiliert. Man werde sie bekämpfen, wo immer es möglich sei, notfalls vernichte man sie auf dem »Scheißhaus«. Seine Wortwahl erinnerte an den Jargon der Straflager.
Was wir während des mehrstündigen Fluges nicht mitbekommen sollten: An jenem letzten Tag des ausgehenden Jahrtausends saß ganz Russland vor dem Fernseher und lauschte der Neujahrsbotschaft Boris Jelzins. Was er sagte, ging sofort als Blitzmeldung um die Welt – und würde sie stärker verändern, als die allermeisten Menschen ahnten. Der 68-jährige russische Präsident sprach mühevoll, stockend, sichtlich bewegt. Er kündigte an, zur Jahrtausendwende zurückzutreten und seinem Ministerpräsidenten die Amtsgeschäfte zu übergeben. Wenige Stunden später, nach dem riesigen Millenniums-Feuerwerk, mit dem Moskau das Jahr 2000 begrüßte, war Wladimir Wladimirowitsch Putin amtierender Präsident der Russischen Föderation.
In den Tagen nach unserer Rückkehr aus Tschetschenien diskutierten wir im ARD-Studio stundenlang: Wer war dieser Wladimir Putin, was bedeutete seine Präsidentschaft für Russland? Ich argumentierte vorsichtig: Ein Präsident Putin könnte dem Land nach Jelzin doch vielleicht guttun. Jelzin, ein vorzeitig gealterter, vom Alkohol gezeichneter Mann mit schwammigem Gesicht und schwerfälliger Aussprache, hatte sich eher tapsig durch offizielle Anlässe bewegt, viele Russen hatten sich mit der Zeit für ihn geschämt. Die wilden Neunziger, in denen er das Ruder übernommen hatte, empfanden die meisten Russen nicht als demokratischen Aufbruch, sondern nur als chaotisch: Bankencrash, der zweimalige Verlust aller Ersparnisse, Raubtier-Kapitalismus, ungebremste Bereicherung weniger Oligarchen im Zuge der überstürzten Privatisierung einstiger Staatsbetriebe.
Putin, der oft fast schüchtern wirkende Ex-KGB-Agent, machte dagegen einen sachlichen und überlegten Eindruck auf mich. Für die meisten Russen war es vor allem Putins Versprechen, energisch für Ruhe und Ordnung zu sorgen, für Stabilität und Sicherheit, das nach vielen chaotischen Jahren wie eine Verheißung erschien. Selbst Garri Kasparow, der Schachweltmeister, der später ein prominentes Mitglied der russischen Opposition wurde, schreibt, er sei damals zwar besorgt gewesen über die KGB-Vergangenheit des neu gewählten Präsidenten, »aber so wie die meisten Russen war ich anfangs widerwillig bereit, Putin eine Chance zu geben«.4
Jetzt, über zwei Jahrzehnte später, herrscht Wladimir Putin noch immer im Kreml – und ist längst ein anderer Präsident. Das unter ihm entstandene Russland macht vielen meiner russischen Freunde Angst. Es ist ein manchmal geradezu surreales Land. Geheimdienste, Militärs und ein enger Zirkel von Putin-Vertrauten regieren nach Gutsherrenart. Es gibt kaum noch »checks and balances« wie in den USA, keine Kontrollinstanzen, Institutionen und Behörden, die dem als nationale Führungsfigur stilisierten Wladimir Putin ernsthaft widersprechen würden. Statt demokratischen Wettbewerbs beherrschen Mitglieder der übermächtigen Regierungspartei »Einiges Russland« die Duma und den Föderationsrat. Sie regieren auf Anweisung Putins mit weitgehend gleichgeschalteten Massenmedien, einer willfährigen Justiz und einer schlagkräftigen Exekutive inklusive Nationalgarde.
Ein Job beim Inlands-Geheimdienst FSB gilt wieder als Grundstein für eine steile Karriere. Vor allem junge Russen träumen davon, denn er verspricht Vermögen und Macht. Ihre Aufnahme in die elitäre FSB-Kaste feiern sie gerne mit Auto-Korsos, in schwarzen SUVs, die als Kolonne durch Moskaus Straßen brettern. Die Fahrer fühlen sich als Mitglieder eines neuen Adels, als Bewahrer der »Macht-Vertikale«, als unangreifbar. Längst ist der FSB Primus inter Pares, mächtiger als Staatsanwaltschaft, Untersuchungskomitees oder Gerichte, frühere Zuständigkeitsgrenzen zwischen den Behörden sind ausgelöscht: »Einfach gesagt, kann der FSB heute so ungehindert wie nie gegen jede beliebige Person in der Russischen Föderation ein Strafverfahren mit garantierter Festnahme und Verurteilung einleiten«,5 analysiert Pawel Tschikow.
Wiktor Solotow, ein ehemaliger Leibwächter Putins, ist in diesem System schon ziemlich weit gekommen. Der Herr über 340000 Mitglieder der Nationalgarde, die auf Putins Anordnung hin geschaffen wurde, ist mir mit einem denkwürdigen Auftritt im Gedächtnis geblieben: Der Mann im Generalsrang sitzt mit Uniform, Ehrenzeichen und großer Schirmmütze vor einer Kamera und bedroht fast sieben Minuten lang per Videobotschaft den populären Oppositions-aktivisten und Blogger Alexei Nawalny. Nawalny, der kurz zuvor Korruption bei der Nationalgarde angeprangert hatte, sei ein Klon »aus einem amerikanischen Reagenzglas«, ein »oppositioneller Wadenbeißer«, der die Lage in Russland destabilisieren wolle. Solotow fordert Nawalny ernsthaft zum Duell und droht, »Hackfleisch« aus ihm zu machen. Der General klingt eher wie ein Mafiaboss, nicht wie der Kommandierende einer Armee von Ordnungshütern. Erschreckender ist vielleicht nur noch die Reaktion von Putins Pressesprecher. Zwar sei der Auftritt nicht mit dem Kreml abgesprochen gewesen, aber: »Manchmal muss man gewissenlose Verleumdung auf jede mögliche Weise bekämpfen.«6 Die »gewissenlosen Verleumdungen«, das waren Nawalnys Enthüllungen.
Solche Warnungen, teils in Form von bizarren Inszenierungen, kennt auch die Kreml-kritische Zeitung Nowaja Gaseta. Zuerst ist es ein teures in die Redaktion geliefertes Beerdigungs-Arrangement. Ein abgeschnittener Ziegenkopf verleiht der anonymen Sendung Nachdruck. Dann steht ein knappes Dutzend Schafe auf der Straße vor der Redaktion. Eingesperrt in Eisenkäfige, trägt jedes Schaf eine Weste, auf der in großen Lettern »Presse« steht. Das Schweigen der Lämmer …
Aktionen wie diese erfordern deutlich mehr Aufwand als das Versenden eines toten Fisches in Zeitungspapier. Ihre Urheber wären wohl auch zu ermitteln, wenn das gewollt wäre. So aber müssen die Journalisten der Zeitung, die bereits etliche Kollegen durch Morde verloren haben, die Inszenierung ernst nehmen.
Wiktor Solotows Nationalgarde trainiert vor den Toren Moskaus in großem Stil die Niederschlagung von Massendemonstrationen, ausgerüstet mit neuen, modernen Gerätschaften: Schutzschilde, die mit akustischen Signalen Protestler lahmlegen, ein neues multifunktionales Wasserwerfer-Modell. Der Kreml lässt aufrüsten, nicht ohne Grund. Im Land gibt es zunehmend Proteste, denn die Bevölkerung soll den Gürtel noch enger schnallen: Das Silvesterfeuerwerk 2019 läutet eine Erhöhung von Rentenalter, Mehrwertsteuer und Kommunalgebühren ein. Gegen die Ankündigung dieser Maßnahmen waren Anhänger Nawalnys auf die Straßen gegangen, Solotows Männer hatten auf die Demonstranten eingeschlagen, mehr als tausend Menschen waren festgenommen worden. Unmittelbar danach folgte die »Hackfleisch«-Tirade des Generals.
Tatsächlich ist die Ökonomie die Achillesferse von Putins Macht-Vertikale. Loyalität und Selbstbereicherung sind eng miteinander verwoben. Vor allem Vertraute aus Putins Petersburger Zeit werden mit Staatsaufträgen Milliardäre, Kleptokratie und Kapitalflucht ersetzen Reformen in diesem rohstoffreichen Land. Die Kehrseite: Seit vielen Jahren sinken die Realeinkommen. Selbst der Putin-Vertraute Alexei Kudrin, über viele Jahre respektierter Finanzminister, prognostiziert jetzt Wachstumsraten von nur noch einem Prozent – das bedeutet für ein Schwellenland Stillstand.
Als Wladimir Putin im Jahr 2000 Präsident wurde, hieß die stillschweigende Vereinbarung mit seinem Volk: Ihr akzeptiert weniger Demokratie, bekommt dafür aber mehr Stabilität und Wohlstand. Das ging ein paar Jahre gut, weil die Ölpreise sich nach Putins Amtsantritt auf wundersame Weise fast versechsfachten. Als sie vor einigen Jahren einbrachen und der Westen nach der Annexion der Krim Sanktionen verhängte, konnte Putin diesen »Deal« nicht mehr erfüllen. Und so wurde er umgeschrieben. An die Stelle von »mehr Wohlstand« trat »mehr Patriotismus«. Stolz auf das Vaterland. Darauf, dem Westen militärisch Paroli zu bieten.
Die Siegesparaden am 9. Mai sind schon seit Jahren machtvolle Demonstrationen militärischer Schlagkraft. Vor Moskau kann die Jugend jetzt im »Patrioten-Park« einen nachgebauten deutschen Reichstag stürmen. 2019 wird ein neuer Fernsehkanal angekündigt: »Pobeda« (»Sieg«) soll ausschließlich den Zweiten Weltkrieg thematisieren und damit die Erinnerung an den Sieg der Roten Armee hochhalten. Die Vergangenheit wird glorifiziert, Stalin rehabilitiert, NATO und Washington werden dämonisiert. Die Talkshows im russischen Fernsehen strotzen vor bizarren Anschuldigungen und Drohgebärden.
Gleichzeitig treibt die Militarisierung des Landes immer seltsamere Blüten. Als ich am »Tag der Vaterlandsverteidiger« in den Kindergarten meiner Tochter komme, steht die Sechsjährige da in stilisierter Marine-Uniform. Ihre Spielkameraden tragen braune Kampfanzüge mit Käppi, marschieren zu Militärmusik und müssen dann Begriffe raten: »Wie heißen die Fahrer der Panzer?« – »Tankisti!« Die Augen der Kinder leuchten.
Stolzen Glanz entdeckte ich aber auch in den Augen der Zuhörer, die im März 2018 Putins Rede zur Lage der Nation lauschen. Der Präsident stellt den atomgetriebenen Überschallgleiter »Avantgarde« und andere futuristische Waffensysteme vor. Sie können alle Abwehrsysteme der Amerikaner überwinden, sagt Putin, während hinter ihm auf zwei Leinwänden entsprechende Video-Animationen zu sehen sind. Der Applaus will einfach nicht aufhören.
Die künstlich erzeugte Wagenburg-Mentalität soll die Bevölkerung hinter Putin und seinem System vereinen und Kritiker gleichzeitig als Vaterlandsverräter abstempeln. Dazu kommen Ansätze von Paranoia: Schon ist es Millionen Angestellten des Innenministeriums verboten, in die USA zu reisen, zwei Millionen dürfen das Land überhaupt nicht mehr verlassen: Sicherheitsbedenken.
Die Feindbilder wirken: In Sankt Petersburg nennt sich ein Geschäft für Militärzubehör »Freundliche Menschen« – nach dem populären Synonym für die russischen Spezialkräfte, die die Annexion der Krim vorbereiteten. Man ist offenbar stolz auf den Völkerrechtsbruch. Aber auch stolz auf einen Mordversuch? Der Anschlag auf den russischen Ex-Spion Skripal und dessen Tochter mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok ist noch jung, als mehrere Alltagsprodukte in Russland trotzig unter dem Namen »Nowitschok« registriert werden. Die Palette reicht vom Sonnenblumenöl bis zum Waschmittel. Und der russische Staatssender RT scheut sich nicht, zu Neujahr eine Schokoladen-Nachbildung der Salisbury-Kathedrale zu verschenken. Die der Tat verdächtigten russischen Geheimdienstler hatten angegeben, die Stadt, in der der Anschlag auf Skripal verübt worden war, wegen der berühmten Kathedrale besucht zu haben.
Diese Art von Zynismus, der Stolz darauf, vom Westen gefürchtet zu werden, ist ein Reflex der neuen russischen Welt, in der ich jetzt lebe. Ein anderes Wesensmerkmal ist die ständige Täuschung. Selbst der Präsident nennt die beiden Skripal-Attentäter »Touristen«. Die Chefredakteurin von Rossija Sewodnja interviewt die beiden Männer und gibt sich dabei ebenfalls alle Mühe, sie als unbedarfte Salisbury-Touristen durchgehen zu lassen. Gegen die zahlreichen peinlichen Enthüllungen setzt Russland eine Desinformationskampagne. Sie arbeitet gleich mit mehreren widersprüchlichen Legenden: Es war in Wahrheit der britische Geheimdienst, sagt die Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Es war die Ukraine, sagt ein Ex-FSB-Direktor. Das Gift kam aus einem britischen Kampfstofflabor, sagt die russische Botschaft in London. Es war gar nicht Nowitschok, sagt der russische Außenminister.
Als die beiden Attentäter schließlich von russischen und westlichen Journalisten und Internet-Rechercheuren als Militär-Geheimdienstler enttarnt werden, ist das eine gewaltige Blamage für den Geheimdienst GRU und den Präsidenten. Der GRU-Direktor Igor Korobow wird zu Putin zitiert und stirbt kurz darauf – »nach langer schwerer Krankheit«, wie das Verteidigungsministerium mitteilt.
Das Dementi als Teil der Regierungskunst ist in zahlreichen Staaten traditionsreich. Das Dementi trotz überwältigender Indizien oder Beweise allerdings ist inzwischen fast ein Markenzeichen Moskaus. Der Polonium-Mord am übergelaufenen FSB-Agenten Alexander Litwinenko in London etwa. Trotz radioaktiver Spuren im Überfluss und einer akribischen Rekonstruktion des Tatverlaufs: Dementi. Der mysteriöse Absturz des Malaysia-Airline-Fluges MH-17 über dem Donbas, den Hunderte Experten der internationalen Untersuchungskommission akribisch als Abschuss durch eine russische Flugabwehrrakete nachwiesen: Dementi. Die Existenz russischer Soldaten und Waffensysteme aufseiten der Separatisten in der Ost-Ukraine: Dementi.
Das Dementi wird allerdings beinahe zur Kunstform, wenn die Sprecherin des Außenministeriums über einen Bericht der OSZE-Sonderbeobachtungsmission (SMM) im Donbas redet. Dort war am 27. Oktober 2018 eine Langstreckendrohne der SMM abgeschossen worden. Vor dem Treffer hatte die Drohne Bilder eines russischen Konvois gesendet, der nachts ein Boden-Luft-Geschütz über die Grenze in die Ukraine brachte. Frankreich und Deutschland protestierten energisch gegen den Abschuss. Dank der Bilder schien die Sachlage eindeutig: in flagranti ertappt. Doch Maria Sacharowa, die Sprecherin des Außenministeriums, bezeichnete die Vorwürfe trotz allem als unbegründet. Man fordere eine transparente Untersuchung. Und dann, als Pointe: Hatten die Separatisten nicht gefordert, solche Aufklärungsflüge mit ihnen abzusprechen und zudem die Drohne mit Blinklichtern auszustatten?7 Im Klartext: Überwachung mit Ankündigung, damit sie wirkungslos wird.
Es war ein bitterer Witz, der in Journalistenkreisen schon 2014, nach dem Abschuss von MH-17, die Runde machte: »Wenn es aussieht wie ein Pferd, wiehert wie ein Pferd, galoppiert wie ein Pferd, dann ist es höchstwahrscheinlich ein Pferd. Wenn das Pferd dann sagt: ›Ich bin kein Pferd‹, ist es mit Sicherheit ein russisches Pferd.« Der Witz hat auch in den Jahren danach nichts an seiner Aktualität eingebüßt.
Der Schriftsteller Viktor Jerofejew nennt dieses neue Russland »eine einzigartige Mischung aus Dilettantismus, Frechheit, Zynismus und Atavismus. (…) Die groteske Logik der Autokratie wird zur Karikatur, der gebrochene Damm überflutet unser Land mit Lügen, (…) archaische Formen wie Vergiftung tauchen wieder auf als Beruhigungsmittel der Autokratie«.8
Es sind oft trügerische Scheinwelten, die im Kreml mithilfe seiner Medien inszeniert werden, und häufig reibe ich mir verwundert die Augen. Auch an Menschen in meinem direkten Umfeld perlen Argumente inzwischen einfach ab wie an einer unsichtbaren Folie, die sich über ihre Wahrnehmung gelegt hat. Diese Folie filtert die trübe Realität beim Blick in den halb leeren Kühlschrank und erzeugt eine andere, strahlende, optimistische: das stolze Russland, das seinen angemessenen Platz in der Welt endlich wiedergefunden hat. Es ist der Glaube an den »Russki Mir«, die »russische Welt«, definiert durch die Strahlkraft der »russischen Seele«, die immer tiefer in das Bewusstsein der Bevölkerung eingepflanzt werden soll.
Schon Gogol beschreibt in seinem Buch »Tote Seelen« Russlands Rolle als »Erlöser des Westens«. Zwar verbinden die meisten Europäer oder Amerikaner wohl wenig Angenehmes mit der Vorstellung, durch Moskau in irgendeiner Form erlöst zu werden – in Russland wirken diese Visionen von der moralisch überlegenen »russischen Welt« jedoch inzwischen stärker, als ich mir das je hätte vorstellen können. (Um fair zu sein: US-Bürger sind ähnlich anfällig für Selbstüberhöhung. Ihr fester Glaube an den amerikanischen Exzeptionalismus hat mich in meiner Washington-Zeit ebenfalls befremdet.)
Warum diese Verheißung solch starke Wirkung entfaltet, ist für Westler schwer zu verstehen. Statt demokratischen Wettbewerbs, statt Toleranz, Individualität und Selbstbestimmung propagiert das russische Gegenmodell offenen Führerkult und patriotischen Gehorsam, verdammt Liberalismus und Homosexualität, beschwört Familienwerte und die spirituelle Kraft der Orthodoxie, fordert die Bereitschaft, das eigene Schicksal dem großen Ganzen zu opfern. Es ist eine für mich schwer verdauliche Gegenwelt mit Wurzeln in düsterer Zeit: Der konservative Philosoph Iwan Iljin (1883–1954) gilt als Vordenker der neuen Staatsideologie. Putin veranlasst über Vertraute die Überführung der Gebeine Iljins nach Russland, erwähnt ihn in einer wichtigen Rede, das russische Fernsehen zeigt ihn als moralische Autorität. Iljin war beeindruckt von Adolf Hitler, hielt das russische Volk für unfähig, eine demokratische Wahlentscheidung zu fällen. Er teilte Stalins Urteil über die ansteckende Perversion des Westens und pries die russische Rechtlosigkeit als Tugend. Wahlen hielt er nur für eine Geste der Unterwerfung dem überlegenen Führer, dem »Erlöser« gegenüber. »Mit Iljins Konzepten könnte kein russischer Staat errichtet werden. Aber sie halfen Räubern, sich selbst als Erlöser zu präsentieren«,9 meint Timothy Schneider.
So absurd das für mich als Europäer auch klingt: Die erfolgreiche Stilisierung Putins als nationaler Erlöser funktioniert – spätestens seit der Annexion der Krim. Der wichtigste Klebstoff, auf den Putin und die Propaganda-Strategen im Kreml dabei zurückgreifen, heißt Nationalstolz. Es sind diese unzähligen kulturellen Gemeinsamkeiten, Gewohnheiten, die kollektiven Ängste und Minderwertigkeitsgefühle, die zahlreichen Rituale und Konventionen, die russische Bürger so stark an ihr Land binden, die auch dem erbärmlichsten russischen Alltag noch einen vertrauten Rahmen verleihen. Die gemeinsame »Hafterfahrung« hinter dem Eisernen Vorhang verbindet dabei genauso wie die gefühlte gemeinsame Überforderung mit der Außenwelt nach dessen Öffnung.
Wie stark die Anziehungskraft dieser gemeinsamen kulturellen Matrix ist, beschreibt der Historiker Orlando Figes in seiner Kulturgeschichte Russlands am Beispiel der russischen Emigranten, die sogar freiwillig aus dem sicheren Westen in Stalins Zwangsherrschaft zurückkehrten: »Im Wissen – oder mit der Ahnung –, dass ihnen ein Leben in Sklaverei bevorstand. Es war kennzeichnend für ihre verzweifelte Situation im Westen und für ihre Sehnsucht nach einem gesellschaftlichen Kontext. (…) Das Heimweh verdrängte ihren Überlebensreflex.«10
Klaus-Helge Donath, langjähriger Moskau-Korrespondent und Russlandkenner, verweist auf den jahrhundertealten russischen Zwiespalt, das ständige Ringen zwischen »Westlern« und »Slawophilen«. Peter der Große etwa habe seinem Volk die Öffnung dem fortschrittlichen, aufgeklärten Westen gegenüber verordnet, damit jedoch einen Keil in sein Volk getrieben: »Er steckte die Aristokratie buchstäblich in westliche Zwangsjacken mit dem Ergebnis, dass sie ihres Selbstverständnisses verloren ging. (…) Hätte man frank und frei ›Verspätung‹ oder ›Rückständigkeit‹ zugegeben, wäre dies in Europa als ein Eingeständnis der Schwäche aufgenommen worden, das den Großmachtaspirationen zuwiderlief. So war die russische Idee geboren.«11
Natürlich drängen sich Parallelen mit den Neunzigerjahren auf: Das eigene Modell Sowjetunion ist krachend gescheitert, ein Heer westlicher Berater und Glücksritter stürzt sich auf die Konkursmasse, mit all der subtilen Überheblichkeit und Arroganz, die in solchen Phasen vielleicht unvermeidbar sind. Und sehr schnell erkennt Wladimir Putin seine Chance, die alten, tief sitzenden Reflexe für sich zu nutzen. Sein ideologischer Vordenker dabei heißt Wladislaw Surkow. In einem Vorlesungszyklus nennt der durchaus offen die Ingredienzien des russischen Gegenmodells zum Westen: »Synthese kommt vor der Analyse, Idealismus vor Pragmatismus, die Bildhaftigkeit vor Logik, die Intuition vor der Vernunft und das Ganze vor dem Einzelnen.«12
Es ist die endgültige Absage an alle Werte von Aufklärung, Rationalität und Demokratie. Surkows Traktate werden in den russischen Medien breit diskutiert, denn er ist kein bedeutungsloser Spinner im staatsideologischen Elfenbeinturm: Surkow gilt als Chefdesigner des riesigen Propaganda-Apparats.
Es ist Surkow, der Putins Russland als viertes Staatsmodell nach denen Iwans des Dritten, Peters des Großen und Lenins historisiert und damit den Putin-Kult befeuert, der inzwischen für Westler fast komische Ausmaße angenommen hat: Buchhandlungen sind voll mit Putin-Büchern, Bildbänden, Kalendern, Fotos, lange Fernseh-Dokumentationen zeigen Putin als nachdenklichen, besorgten Verteidiger Russlands. Die makellose Projektion eines großen klugen Führers beschert Putin, der nie in seinem Leben Wahlkampf machte, der jede kontroverse öffentliche Diskussion mit Kritikern vermied, hohe Umfragewerte und konkurrenzlose Machtfülle.
Der »Russki Mir« als Gegenmodell zum dekadenten, konsumfixierten Westen ist ein seltsamer Kosmos, ein ideologischer Alleskleber mit teils bizarren Widersprüchlichkeiten. Der Stolz auf neue militärische Stärke ist nur ein Baustein. Ein zweiter ist die Sowjetnostalgie, die allerorten neue Stalin-Denkmäler hervorbringt. Der Sieg über Hitlers Faschisten überlagert Erinnerungen an Millionen GULAG-Opfer. Die Organisation »Memorial«, gegründet, um an sie zu erinnern, wird als »ausländischer Agent« gebrandmarkt.
Als gäbe es da keinen Widerspruch, wird gleichzeitig die orthodoxe Kirche instrumentalisiert. Der Präsident steigt zum Epiphania-Fest vor laufenden Kameras ins eiskalte Wasser des Seligersees. Der Präsident küsst folgsam Reliquien, angeleitet von Patriarch Kyrill. Ex-KGB-Spion Putin vergleicht den einbalsamierten Lenin mit Reliquien christlicher Heiliger. Das Verteidigungsministerium verkündet, vor den Toren Moskaus eine gewaltige Kathedrale bauen zu wollen. Priester segnen im Gegenzug neue Raketenmodelle.
Es ist dieselbe orthodoxe Kirche, die von den Sowjets siebzig Jahre lang unterdrückt, verfolgt, förmlich ausradiert wurde, der jetzt Kirchen und Liegenschaften zurückgegeben werden. Der Klerus erlebt eine finanzielle Blüte. Patriarch Kyrill wird mit einer teuren Luxusuhr fotografiert, ein Pope prahlt im Internet mit seinen Gucci-Schuhen, ein anderer macht mit einem Maserati-Unfall auf sich aufmerksam. Ihre Gläubigen sind eher alte, bettelarme Rentner, die um Vergebung beten.
Die Kirchenführer revanchieren sich für die unerwartete Rehabilitierung: Massiv greifen sie ins kulturelle Leben ein, loben laut die Abkehr von westlicher Verderbtheit. Ihre Gläubigen demonstrieren gegen freizügige Filme oder Theaterstücke, Staatsanwälte und Richter nutzen die »Verletzung der Gefühle Gläubiger«, um oppositionelle Freigeister abzustrafen.
Noch folgenschwerer ist der Feldzug der erstarkten Kirche gegen Sexualaufklärung und Kondom-Gebrauch. Russland erlebt eine HIV-Epidemie: 71 Neuinfektionen pro 100000, gegenüber gerade 3,2 in Mitteleuropa. Bis zu 1,2 Millionen Infizierte sind ein hoher Preis für die Rückkehr zu traditionellen Familienwerten. Willenskraft und Enthaltsamkeit vor der Ehe heißen die kirchlich propagierten Verhütungsmaßnahmen. Eine Hilfsorganisation wird als »ausländischer Agent« eingestuft und muss die Arbeit einstellen, weil die sauberen Spritzen und Kondome, die sie an Drogensüchtige verteilt hat, auch mit Geldern aus dem Ausland finanziert wurden. Weil die Verteilung von Spritzen und Kondomen der staatlichen Politik im Bereich Drogen- und Aids-Prävention widerspreche, sei dies »kein humanitäres, sondern ein ideologisches und sogar politisches Projekt«,13 so der Staatsanwalt in seiner Begründung.
Gleichzeitig mit der Kirche soll auch die Jugend eingebunden werden in das »Solidaritätskonzert«: Als Provinzbehörden reihenweise Konzerte russischer Rapper mit durchaus frevlerischen Texten absagen, führt das zu wütenden Protesten der jungen Fans. Die aber sind die Sorgenkinder des Kreml, eher Putin-kritisch. Also warnt der Präsident, ganz erfahrener Analytiker von Macht und Möglichkeiten, vor zu viel Gesetzeshärte gegen Rapper.
Eher folkloristisch eine weitere Zielgruppe: die gesamtrussische Kosakenvereinigung, deren Gründung von 5000 Delegierten in der Moskauer Erlöserkirche beschlossen wurde. 200000 Mitglieder könnte diese Vereinigung demnächst umfassen. Präsident Putin, so wollen es die Kosaken, wird per Dekret ihr Oberhaupt, den sogenannten Ataman, bestimmen. Schon jetzt patrouillieren Kosaken mit Fellmütze und Peitsche gerne gemeinsam mit der regulären Polizei. Manchmal schlagen sie auch auf Demonstranten ein, um sie auseinanderzutreiben.
Und dann sind da noch die Biker: Der Präsident fährt gern in Lederjacke mit den »Nachtwölfen« spazieren, ihr Anführer, Alexander Saldostanow, genannt »Chirurg«, »inszeniert sich selbst als eine phantastische Kreuzung aus ›Mad Max‹ und Fürst Wladimir. (…) Die Mischung aus Orthodoxie, Kraftmeierei und Korpsgeist darf als Keimzelle für die vom Kreml anvisierte Gesellschaftsordnung für Russland gelten. Putin selbst schenkte Saldostanow eine Nationalflagge, die den Anführer der Biker immer auf Auslandsfahrten begleitet.«14
Ihre Berlin-Fahrten zum Siegestag der Roten Armee über Hitler stilisieren die Nachtwölfe zu einer patriotischen Expedition, auf ihrem alljährlichen Krimfestival existieren Sowjetwappen und zaristischer Doppeladler friedlich nebeneinander. Alles, was irgendwie an nationale Größe erinnert, wird genutzt, vermischt zu Patrioten-Klebstoff.
Es ist eine seltsame Allianz, die der Kreml da aus Stalin-Nostalgikern und Nationalisten, aus Rappern, Motorradgangs, Popen und Patrioten, aus Geheimdienstlern und befreundeten Milliardären zusammenfügt. Der Journalist Andrei Loschak bringt diese so bizarre Koalition, geschmiedet von Putin und seinen Kreml-Ideologen, auf einen kurzen Nenner: »Eine Dekonstruktion von Bedeutungen läuft da, eine Verwandlung von für sich genommen starken Ideen in einen postmodernen Trash-Zirkus, das Lieblingswerk von Putins Ideologen. Und mit diesem elenden Sud wird man in den nächsten Jahren der Bevölkerung das Hirn durchspülen.«15
Bemerkenswert sind auch die Hauptfiguren dieser farbigen, loyalen Truppe. Da ist zum Beispiel Jewgeni Prigoschin, genannt »Putins Koch«. Der Imbiss-Unternehmer darf inzwischen das Catering großer Kreml-Events organisieren. Er gilt als enger Vertrauter des Präsidenten und steht im Verdacht, die Petersburger Troll-Fabrik gegründet zu haben: eine Schreibwerkstatt, in der Hunderte Willige gegen Tagessatz im Akkord die sozialen Netzwerke manipulieren, vor allem im Westen, um die Botschaft des »Russki Mir« zu verbreiten.
Ein ehemaliger Mitarbeiter berichtet, dass zum Aufgabenbereich auch die Einschüchterung Putin-kritischer Blogger gehört. »Einmal mit dem Werkzeug gegen den Arm und fertig. Mit was für einem Werkzeug? Einem Eisenstab.«16 Ein Autor der Nowaja Gaseta macht diese Enthüllungen öffentlich, ihm ist wenig später der abgeschnittene Ziegenkopf nebst Kranzgebinde gewidmet.
Prigoschin sitzt auch schon mal mit Generälen am Tisch, während sie mit ausländischen Militärs verhandeln. Warum? Das hat mit einem weiteren Aufgabengebiet zu tun: Prigoschin gilt in den russischen Medien als Organisator der Söldnertruppe »Wagner«, die in der Ost-Ukraine und später in Syrien gekämpft haben soll. Russlands Verfassung verbietet Legionäre. Doch Wagner-Söldner werden auch in der Zentralafrikanischen Republik gesichtet. Drei russische Journalisten, die dieser Story im Auftrag von Michail Chodorkowski nachgehen, werden mit ihrem Fahrer unterwegs gestoppt und erschossen. Wahrscheinlich von einfachen Straßenräubern, so die Kreml-Version. Prigoschin steckt dahinter, sagen andere. Es ist eine dieser unzähligen Episoden mit tödlichem Ausgang, die vielleicht nie aufgeklärt werden. Doch eine Bergbaufirma, die mit Prigoschin zusammenhängt, hat Förderrechte für Gold und Diamanten in der Zentralafrikanischen Republik erworben. Russland will in Afrika wieder eine größere Rolle spielen.17 Und im Januar 2019 sollen Wagner-Kämpfer nach Venezuela geflogen worden sein, um den Volksaufstand gegen Nicolás Maduro abwehren zu helfen. Moskau hat viel Geld investiert in dessen Kleptokratie.
Fakten sind rar in diesem Russland Wladimir Putins. Intransparent, doppelbödig, zynisch, manchmal surreal geht es zu. Heerscharen von Journalisten, Analysten und Experten rätseln, wohin Putins Reise führt. Sein Rückhalt schwindet, nur noch 32 Prozent der Bevölkerung vertrauen ihm. Die Einverleibung der Krim, die Abtrennung der Volksrepubliken von der Ukraine, die Bombenteppiche über syrischen Städten, die hypermodernen Waffen als Drohgebärde den USA gegenüber – all das hat seine Zauberkraft verloren, so scheint es. Putin steckt in einer Legitimitätskrise, sein Volk spürt schmerzhaft den Verfall der Reallöhne seit fünf Jahren. Patriotismus macht nicht satt. Der Kreml sucht nervös nach einer neuen Legende und legt vorsichtshalber schon einmal neue Folterinstrumente bereit: Dank neuer Gesetze kann jetzt schon Respektlosigkeit den Regierenden gegenüber zu Haftstrafen führen. Und die Medien spekulieren aufgeregt, wie Putin sich nach Ende der regulären Amtszeit als Dauerherrscher etablieren könnte.
Ist dieser Präsident heute ein grundsätzlich anderer als der, der vor knapp zwanzig Jahren in den Kreml einzog? Oder habe ich nur »die Metamorphosen des Wladimir Putin« beobachtet, wie Michail Sygar sein Buch »Endspiel« untertitelt, lediglich einen Wechsel der äußeren Gestalt? War der heute so zynisch-kühle Machtpolitiker bereits angelegt im Kokon des jungen, aufsteigenden Geheimdienstlers? Wenn ich heute meine Tagebücher und Manuskripte aus den ersten Russlandjahren lese, wird mir klar: Putins Kurs war schon frühzeitig abgesteckt – und damit der Weg seines Landes.
Anfänge
Spätsommer 1999, Anflug auf Moskau. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich in Russland sein und als Korrespondent über dieses riesige, mir so fremde Land berichten. Einen vierwöchigen Sprachkurs, eine Handvoll Bücher über mein neues Berichtsgebiet und viele kluge Ratschläge habe ich im Gepäck. Und einen Vierzeiler, den mir ein gut meinender Freund in einem Brief mit auf den Weg gegeben hat:
»Verstand wird Russland nie verstehen,
Kein Maßstab sein Geheimnis rauben,
So wie es ist, so lasst es gehen,
An Russland kann man nichts als glauben.«
Es ist ein Vers des russischen Lyrikers Fjodor Tjuttschew aus dem 19. Jahrhundert, der auch in einigen Artikeln zitiert wurde, die ich gelesen hatte. »Welch ein Unfug«, denke ich, als ich den Brief weglege und beim Landeanflug neugierig auf die Moskauer Vororte hinunterblicke. Warum sollten die Menschen da unten so unbegreiflich anders sein als die, die ich auf meinen vielen Reisen zuvor getroffen hatte? Mal leidenschaftlich, mal faul, auf der ständigen Suche nach Liebe oder Sex, Sicherheit oder Abenteuer, Geld oder Erkenntnis, Macht oder Seelenfrieden? Und warum sollte ich nicht in der Lage sein, dieses Land mit meinem Verstand zu erfassen?
Zugegeben, ich bin ein wenig nervös. Außenstehende haben vermutlich eine eher idealtypische Vorstellung vom Rüstzeug angehender Moskau-Korrespondenten: ein Slawistik-Studium, gute Sprach- und Landeskenntnisse. Die Realität ist: Viele starten, so wie ich, mit eher bescheidenem Wissen. Mein Russisch ist rudimentär, ich bin weder Slawist noch Historiker. In den zurückliegenden fünf Jahren habe ich für die ARD aus der europäischen Hauptstadt Brüssel berichtet: über verschlungene Pfade innerhalb der Eurokratie, Tauschgeschäfte, Hinterzimmer-Deals. Mag sein, dass all das nur eine harmlose Fingerübung war, verglichen mit dem, was mich nun erwartet. Aber ich bin entschlossen, Russland zu verstehen.
Wo heute ein hochmoderner Flughafen das Reisen geradezu zum Vergnügen macht, empfängt mich am 5. September 1999 in Scheremetjewo ein eher feindselig wirkender Kosmos. Lange Schlangen vor den Glaskabinen der Grenzschützer, an jeder Ecke Uniformierte, die hin und wieder einen der Reisenden vom Schalter abholen und, offenbar für eingehendere Befragungen, wegführen. Ich habe mich in der kürzesten Schlange angestellt, merke aber schnell, dass dies meine Wartezeit nicht reduzieren wird: Immer wieder winkt ein Familienmitglied seine Angehörigen aus anderen Warteschlangen zu sich herüber, weil es hier vermeintlich schneller geht. Die Rochade-Technik sorgt nicht nur bei mir für schlechte Stimmung.
Über eine Stunde dauert es dann, bis ich die strengen Fragen der uniformierten Beamtin beantwortet habe. Anschließend geht es durch das Spalier der Zollbeamten, die mich offen misstrauisch mustern, aber nicht, wie so viele andere, zum Öffnen des Koffers auffordern. Endlich schließt sich die automatische Glastür der Ankunftshalle hinter mir – und ich bin in einer anderen Welt.
»Taxi? Nje dorogo, cheap!« Die Männer, die sich auf mich stürzen, haben offenbar einen untrüglichen Instinkt entwickelt für das Erkennen zahlungskräftiger Ausländer, die nicht sofort von ihren Unternehmen oder Gastgebern abgefangen werden. Zwei Dutzend Männer halten uns Ankommenden Pappschilder mit Firmennamen entgegen, Abkürzungen mit lateinischen und kyrillischen Buchstaben.
»Jest, spasibo – ich habe schon eines«, versuche ich, einen Taxifahrer loszuwerden, aber nur, um zwei andere Männer an meinen Fersen zu haben. Was sie genau anpreisen, bleibt mir verborgen, dafür reden sie zu schnell auf mich ein. Sie geben sich aber alle Mühe, sämtliche Kriterien zu erfüllen, die einen Westeuropäer ohne Russlanderfahrung wie mich instinktiv misstrauisch reagieren lassen: Der eine entblößt mit servilem Lächeln zwei Reihen goldener Schneidezähne, zwischen denen ein intensiver Knoblauchgeruch seinen Weg zu mir findet, der andere kommt mir viel zu nah, und meine Unwilligkeit scheint ihn regelrecht aggressiv zu machen.
Heute ist mir klar, dass die beiden vermutlich sehr nette Kerle waren, die jeden Tag zwölf Stunden auf Moskaus Straßen schufteten, um in diesem Moloch irgendwie ihre Familien zu ernähren, im Würgegriff von Taxi-Mafia und korrupter Miliz, in einer misstrauischen Stadt: Für die meisten Moskowiter sind Dagestaner, Inguschen, Tschetschenen, Georgier, Osseten, Abchasen, Tadschiken, Usbeken, Kirgisen oder Aserbaidschaner schlicht »Tschornie«, »Schwarze«, ein Riesenheer rechtloser Arbeitssklaven, verachtet und ausgebeutet.
Doch 1999
