Im Sturm des Lebens - Susanna Schebesch - E-Book

Im Sturm des Lebens E-Book

Susanna Schebesch

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Beschreibung

Es ist die Geschichte ihres mittlerweile siebenundsiebzigjährigen Lebens, die Susanna Schebesch hier erzählt. Unaufgeregt, authentisch und berührend. Sie erzählt von den Herausforderungen ihrer Zeit als Deutsche in Siebenbürgen, ihrer Krankheit, ihrer Familie, ihrem Umgang mit Schicksalsschlägen und von freudigen Momenten. Sie erzählt von der Erfüllung eines Traums, den sie und ihr Mann geträumt haben. Es ist ein Hof in Brandenburg, die Rückkehr zu einem einfachen, guten Leben in Freiheit. Allgegenwärtig ist ihr Glaube an einen Gott, den sie, trotz aller Tiefschläge, für einen gütigen hält. Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand, lautet ihr unerschütterliches Credo, das sie auch in den dunkelsten Stunden nicht aufgeben lässt. Es ist eine ergreifende Geschichte, eine die Mut macht und Hoffnung gibt. Eine starke Botschaft in einer Zeit, die uns allen viel abverlangt.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Für meine Familie

Zu diesem Buch

In meinen jungen Jahren war ich sehr krank, war sozusagen mit einem Bein schon im Grab. Die Ärzte machten mir keine Hoffnung. Sie sagten, meine Lebenserwartung sei verschwindend gering und somit sagten sie zu mir ganz direkt: „Sie werden sterben.“

Diese Aussage der Ärzte war für mich ein Ansporn, um mein Leben zu kämpfen. Ich fand, ich war zu jung zu sterben und ich hatte noch gewisse Pflichten zu erfüllen auf dieser Welt.

Jetzt, 50 Jahre später, möchte ich mit diesen niedergeschriebenen Zeilen meine Erinnerungen und Erfahrungen erzählen. Ich möchte allen, die sie lesen, aufzeigen, wie mich Gottes Hand in meinem Leben beschützt und geleitet hat.

Susanna SchebeschEmmendingen, im Oktober 2022

Inhaltsverzeichnis

Mein Ursprung, meine Wurzeln

Nun zu meiner Mutter und mir

Mein Einstieg ins Leben

Gute Nachrichten… oder?

Mein Vater und ich

Die Enteignung der Bauern

Die Zeit schreitet voran

Der Winter und ich

Verhältnisse in meiner Kindheit

Meine erste Bekanntschaft mit dem Krankenhaus

Meine Jugendzeit

Der Anfang meiner großen Liebe

Obwohl wir im selben Dorf wohnten, sahen wir uns sehr selten

Im Sommer kamen wir uns näher

Der Traum vom Glück meiner Zukunft zerbrach

Ein großer Einschnitt in meinem Leben

Brauch der christlichen Gemeinschaft im Kirchenjahr

Apropos andere Heiratsbewerber

„Das lasse ich mir nicht nehmen“

Meine Ausbildungszeit

Wie eine Nierenkolik und die erste Hose meines Lebens den Wandel brachten

Gelernt ist gelernt

Meine erste Arbeitsstelle als Krankenschwester

Mein Zuhause in diesem rumänischen Dorf

Das Jahr 1967 ging zur Neige

Mein Frieren bescherte mir ein Malheur

Mein verloren geglaubter Traum wird wahr

Unser Anfang in der Stadt

In der Zahnarztpraxis

Meine neue Arbeitsstelle als Zahnarzthelferin

Das Gerede störte mich nicht, bis eines Tages...

Unser Haus in der Stadt

Unsere kleine Tochter landete bald bei ihren Großeltern

Eigentlich sollte ich nicht schwanger sein

Wo meiner Meinung nach der Husten herkam

„Die Lunge wie die Lunge, aber das Herz...“

Mein Bett in der Kardiologie

Mit Liebe, Beistand und Geduld

Mein innerer und äußerer Kampf

Mein Weg bis zur Herzoperation

Man will mich unverrichteter Dinge nach Hause schicken

Die Prozedur beginnt

Ein Wochenende zu Hause bei meiner Familie

Die neuen Blutergebnisse

Tot oder lebendig

Und jetzt wird operiert

Wir schreiben das Jahr 1972/1973

Wie geht das Leben jetzt weiter?

Nach der OP - ein neues Leben und wie ich damit zurechtkomme

Unsere kleine Familie wird vervollständigt

Unser großes Mädchen war nicht sehr glücklich

Die Anwendung der Sprachen – damals und heute

Unsere Mädchen und ich

Berührung und Wandlung

Nach dieser Gotteserfahrung

Mein Glaube an Gott festigte sich

In Wahrheit bin ich heute besser dran

Die geistige Nahrung

Ich wurde aktiv

So verging die Zeit

Sommerurlaub am See

Eine Postkarte bringt die nächste Veränderung

Digitalis und die medizinisch fundierte Überlebens-Prognose

Meine Begegnung beim Elternabend

Der Herzwein wird zum Ausweg

Der Kontrollbesuch bei meinem Hausarzt, Herrn Dr. R.

Kindermund tut Wahrheit kund

Auf dem Weg, von den Medikamenten frei zu werden

Ein kalter Entzug

Meine Strategie

Leichte Kost

Das Jahr 1981

Reisevorbereitungen

Nun wurde der lang gehegte Wunsch Wirklichkeit

Wohl war es Gottes Wille

Der Anfang in der neuen Heimat

Die berufliche Entwicklung für meinen Mann, den Familienvater

Das Jahr 1983

Bald lassen wir Rumänien ganz hinter uns

Die Entwicklung meiner persönlichen Zukunft

Gott prüft mich und uns ein weiteres Mal

Neues Eigentum

Unsere Tochter Edith

Unsere Tochter Karin

Erneute Besinnung auf Gott

Unser neu erworbenes Hab und Gut

Womit wir nicht gerechnet hatten

Der Umzug in den Norden

Ein kleiner Einblick in die Vergangenheit dieses Hofes

Unser Garten und Hof

Unsere Bienen

Zurück in unseren Hof

Der Bienenfreund

Eine zweite Herz-OP wird notwendig

Meiner Mutter geht es nicht mehr gut

Die kirchliche und christliche Gemeinschaft

Die Vorweihnachtszeit und das Weihnachtsfest

Die geistliche Gemeinschaft hat ein großes Einzugsgebiet

Die Bibelabende

Die Fastenzeit mit den Pilgerwegen

Der Palmsonntag in Brandenburg und in Siebenbürgen

Karfreitag und Ostern in Rumänien

Französische Kartoffeln

Karfreitag und Ostern im Norden

Christi Himmelfahrt

Das kirchliche Sommerfest

Die Erntedankzeit

Der Seniorenkreis in Walsleben

Die Neuruppiner Volkshochschule

Andere Freunde im Norden

Unser Abschied von den Menschen im Norden

Unser Lebensabend

Alexander und Klara

Johanna und Loris

Meine Erkenntnis und Dankbarkeit

Die Krankheit – ein Ruf Gottes

Vom Beten, Bitten und Danken

Nachwort: Heilung durch Gottes Wort

Mein Ursprung, meine Wurzeln

Am Anfang waren unsere Vorfahren katholische Christen. Sie waren deutsche Siedler, welche im 12. Jahrhundert dem Ruf des ungarischen Königs Géza II. folgend, sich in einer vorgegebenen Region, dem damaligen Transsylvanien, niederließen. Es waren insgesamt nur etwa zweieinhalbtausend Menschen: Bauern und Handwerker, Kreuzzugrückkehrer, Handelsleute und Bildungsadel. Diesen Kolonisten wurden zu der Zeit von der Krone wertvolle Vorrechte gewährt. Im Gegenzug versprach sich das Königreich durch deren Anwesenheit und Arbeitseinsatz großen wirtschaftlichen und politischen Nutzen.

Die Bewohner dieser neuen Dörfer sollten die Grenzen gegen kriegerische Einfälle aus dem Osten sichern und Verteidigungslinien für das ungarische Reich geben. So waren, insbesondere um die Kirchen, hohe Schutzmauern gebaut worden, sodass deren große Innenhöfe bei Gefahr den Siedlern als Zufluchtsorte dienen konnten. Im Laufe der Zeit entstanden dann auch Städte, die als Schild eine mächtige Festung hatten.

Etwa ab der Mitte des 14. Jahrhunderts wurde dieses Gebiet, welches südöstlich der Karpaten liegt, erstmals „Siebenbürgen“ genannt.

Nach der Reformation durch Martin Luther, im Jahre 1517, breitete sich sein Gedankengut schnell aus und erreichte die Menschen in Siebenbürgen, noch vor Mitte des 16. Jahrhunderts. Auf diese Weise wandelte sich der christliche Glaube.

So sind meine Ahnen von deutschsprachiger Abstammung und evangelisch-lutherischer Konfession. Die Kirchendokumente und Gesangbücher waren in deutscher Sprache verfasst. Im Kinder-Religionsunterricht und auch im Konfirmandenunterricht wurde Deutsch gesprochen. Die zehn Gebote – der ganze Katechismus von Luther – alles wurde in deutscher Sprache gelehrt. Bücher und Briefe wurden in deutscher Sprache geschrieben und gelesen.

Beeinflusst durch die geschichtliche Entwicklung im Laufe der letzten Jahrhunderte ist Siebenbürgen ein dreisprachiger Landesteil von Rumänien, in welchem bis zum heutigen Tag, verschiedene Volksgruppen leben. Dazu zählen Rumänen, Ungarn und Menschen unterschiedlicher deutscher Herkunft und Abstammung. Auch ethnische Gruppen der Sinti und Roma leben dort.

Wir sind Siebenbürger Sachsen. Unsere Muttersprache – das Siebenbürgisch-Sächsische – ist eine der ältesten noch erhaltenen deutschen Siedlungssprachen, ein alter Dialekt, der dem Luxemburgischen sehr ähnlich ist.

Viele der mittelalterlichen Bauwerke sind erhalten geblieben und so steht die alte Kirche auch heute noch mitten im Dorf meiner Herkunft. Ebenso die hohe, massive Burgmauer, welche sie großzügig umgibt und von Vergangenem zeugt.

Dort, auf dem Land, wurde ich im März 1945 geboren.

Meine Eltern waren Bauern, jung und frisch verheiratet. Sie hatten 1944, noch während des zweiten Weltkriegs, geheiratet. Mein Vater war mit einem verdrehten Fuß geboren worden, der in seiner Kindheit operiert und ausgerichtet wurde. Wegen seines kranken Beins war er vom Militärdienst freigestellt worden und musste auch nicht in den zweiten Weltkrieg ziehen. Anfang 1945 belagerten russische Soldaten unser Dorf. Für die Arbeitslager in Russland musste damals in den Dörfern eine vorgegebene Anzahl von Personen ausgewählt werden. Im Januar und Februar wurden die meisten kräftigen Männer und Frauen für den Wiederaufbau nach dem Krieg nach Russland deportiert. Somit ereilte viele Familien in unterschiedlicher Ausprägung ein grausames Schicksal.

Mein Vater zählte damals 27 Jahre – er war jung und arbeitsfähig. Auch er musste nach Russland. Meine Mutter war mit mir hochschwanger und durfte zu Hause bei den Schwiegereltern bleiben. Die Schwester meines Vaters und die Schwester meiner Mutter, waren damals noch unverheiratet und wurden ebenfalls mit vielen anderen fortgebracht. Wirklich unbegreiflich war, dass junge Mütter von ihren kleinen Kindern, die sie noch stillten, rücksichtslos weggerissen wurden. Sogar ältere Männer, bei denen die Aussicht auf eine Rückkehr sehr gering war, mussten mit. Das Ganze war sehr tragisch.

Aus einer verwandten Familie meiner Mutter wurden vier jugendliche Kinder verpflichtet: zwei Jungen und zwei Mädchen. Der Vater dieser Kinder wollte sie nicht alleine wegziehen lassen. Deswegen begleitete er sie und ging freiwillig mit nach Russland.

Letzten Endes kehrten zwei dieser jungen Menschen fünf Jahre später nach Hause zu ihrer Mutter zurück. Den anderen beiden wurde die Heimkehr verwehrt. Sie wurden an der rumänischen Grenze abgewiesen und nicht ins Land gelassen. Also gingen sie nach Ostdeutschland, wo sie einreisen und verbleiben durften. Beide gründeten dort, getrennt von der Ursprungsfamilie, jeweils eine eigene Familie.

Der Vater überstand die schwere Zeit in Russland nicht und starb dort, so wie viele andere.

Nun zu meiner Mutter und mir

Im Dorf war russisches Militär stationiert. Meine Mutter war, im siebenten Monat hochschwanger, bei den Schwiegereltern verblieben. Einer der Soldaten kam auf den Hof, sah meine Mutter und wollte sie vergewaltigen. Voller Schreck konnte sie sich in einen leerstehenden Bottich retten. Das war ein großes Holzfass, in welchem man im Herbst Obst einlegte, um daraus später, wenn das Obst vergoren war, Schnaps zu brennen.

Dass meine Mutter sich in diesen Obstbottich gerettet hatte, war ihr Glück.

Der Schwiegervater, mein Opa, war offenbar im Hof. Er hatte alles aus der Ferne mitbekommen und war dermaßen empört, dass er zum Stützpunkt ging und dem Kommandanten den Vorfall meldete. Ihm wurde gesagt, meine Mutter solle dazukommen und den betreffenden Soldaten identifizieren.

Das tat sie. Die Soldaten mussten sich alle in Reih’ und Glied aufstellen, und meine Mutter sollte nun sagen, welcher von ihnen sie bedrängt hatte. Sie erkannte ihn und zeigte auf ihn. Der Übeltäter wurde auf der Stelle bestraft, mit Schlägen, Demütigungen und unglaublicher Gewalt. Meine Mutter wurde geheißen, dort zu bleiben und das alles mit anzusehen.

Als ich erwachsen war, erzählte sie mir dieses Erlebnis. Im Nachhinein, sagte sie, habe sie mit dem jungen Soldaten Mitleid, wie unmenschlich und grob er zur Strafe geschlagen wurde. Wenn sie das vorher gewusst hätte, dann hätte sie lieber geschwiegen und den jungen Mann ungeschoren davonkommen lassen. Allein der Anblick des Geschehens muss erschütternd gewesen sein. Meine Mutter meinte, es täte ihr immer noch leid.

Dieses Ereignis habe ich hier aufgeführt, um verständlich zu machen, wo die Erkrankung meines Herzens herrührt. Aus medizinischer Sicht kann ein schockierendes Erlebnis, besonders im ersten und letzten Drittel einer Schwangerschaft, in hohem Maße gesundheitsgefährdend für das ungeborene Kind sein.

Dieses frühe Erlebnis im Bauch meiner Mutter ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Ärzte sagten später, dass der Schaden an meinem Herzen kongenital gewesen sei. Das bedeutet, dass er vor meiner Geburt vorhanden war. Jedoch wusste lange niemand etwas davon.

Mein Einstieg ins Leben

Ich wurde als erstes Kind meiner Eltern, am 24. März 1945 geboren. Mein Vater war noch fort. Während meiner ersten Lebenstage zeigten sich keine Auffälligkeiten. Meine Mutter stillte mich. Ich schien gesund zu sein, trank die Milch und war wie jedes andere Baby. Nach einer Woche meines jungen Lebens, so wurde mir erzählt, wollte ich nichts mehr trinken und lag ganz apathisch mit blassem Gesicht in meinem Bettchen.

Meine Mutter sorgte sich sehr und wandte sich an die Schwiegereltern und ihre eigene Mutter; doch sie alle wussten keinen Rat. Die Dorfhebamme wurde gerufen. Sie soll mich angesehen und gesagt haben: „Das Kind muss sofort getauft werden.“ Offenbar sah ich so schlecht aus, dass sie annahm, ich bliebe nicht am Leben. Und dann sollte ich nicht ungetauft beerdigt werden.

Sogleich wurde alles für meine Taufe vorbereitet. Ich wurde gebadet und sauber angezogen.

Der Schulrektor aus dem Dorf vertrat in der Kriegszeit den Pfarrer und wurde für diesen dringlichen Akt gerufen. Man nannte das Tischtaufe, weil sie nicht in der Kirche am Taufbecken stattfand. Die Schwester meines Vaters und die Schwester meiner Mutter, die eigentlich meine Taufpaten hätten sein sollen, waren zu dem Zeitpunkt in Russland. So begab es sich, dass zwei Cousinen meines Vaters als meine Patinnen auftreten mussten. Dann wurde die Taufe vollzogen.

Ich hatte mich währenddessen beruhigt und war eingeschlafen.

Gute Nachrichten… oder?

Man legte mich ins Bettchen und ich schlief ungefähr zehn Stunden am Stück. Währenddessen beteten meine Mutter, die Taufpatinnen und meine Großeltern. Meine Mutter schaute immer wieder nach, ob ich noch atmete. Alle fürchteten, ich würde nicht mehr aufwachen.

Als die Zeit voller Bangen verstrichen war, soll ich mein Köpfchen auf dem Kissen suchend hin und her gedreht haben, als wollte ich trinken. Meine Mutter legte mich an die Brust und ich trank. Von diesem Moment an war der ganze Spuk vorbei. Ich hatte Appetit und entwickelte mich ohne weitere Auffälligkeiten.

In diesem ersten Sommer meines Lebens ging meine Mutter zum Versorgen der Tiere jeden Mittag auf den Hof ihrer Eltern. Alle anderen Erwachsenen, auch ihre Mutter, arbeiteten auf dem Feld. Unter anderem holte meine Mutter das Futter für die Tiere vom Heuboden. Ich lag in ihrer Nähe im Korb. Während sie auf die Leiter hoch zum Heuboden stieg, redete sie mit mir. Sobald sie dort verschwunden war und ich sie nicht mehr hören konnte, soll ich zu weinen angefangen haben.

Meine Mutter verrichtete ihre Arbeit. Und als sie dann wieder zu mir kam, schrie ich völlig außer mir und war im Gesicht blau angelaufen. Sie deutete das so, als ob ich ein sehr egoistisches Kind sei und sie durch dieses auffällige, aufgeregte Weinen eng an mich binden wollte. Und so ließ sie mich öfter weinen, bis ich erschöpft einschlief. Dies sind die Worte meiner Mutter.

Nachdem meine Herzkrankheit zum Ausbruch gekommen war, erzählte sie es mir. Sie fühlte sich schuldig, so an mir gehandelt zu haben. Da erkannte sie, dass ich doch nicht so ein egoistisches Kind gewesen war. Ich erinnere mich nicht, dass ich gelitten hätte. Aber ich weiß eines: dass ich meine kleinen Kinder nicht weinen ließ. Ich nahm sie in die Arme und beruhigte sie. Irgendwie musste das unbewusst mit meiner Kindheit zusammenhängen.

An einem dieser heißen Sommertage begegnete meine Mutter unterwegs dem Schulrektor, der mich getauft hatte. Er fragte nach meinem Befinden. Sie konnte ihm sagen, dass ich wohlauf sei, mit gutem Appetit gesegnet und die Sorge um mich verflogen sei.

Worauf der Rektor gesagt haben soll:

„Ich wollte dich nicht betrüben. Aber ich hatte nicht erwartet, dass dein Kind am Leben bleibt.“

Doch ich lebte, wuchs und entwickelte mich, wie jedes andere Kind.

Mein Vater und ich

Man schrieb das Jahr 1948. In diesem Jahr kam mein Vater mit seiner Schwester aus dem Arbeitslager nach Hause. Er erzählte, dass sie beide auf der Heimreise von Russland mit dem Zug zuerst in die Ostzone nach Deutschland gebracht worden seien. Dort hätte er mit seiner Schwester auf einem Gut in der Landwirtschaft gearbeitet – immer mit dem Gedanken an die Heimat, an seine junge Ehefrau und seine Tochter, das heißt an mich. Meine Mutter hatte ihm ein Foto von mir nach Russland geschickt, und er habe es immer bei sich getragen. Dieses Bild anzusehen habe ihm stets Kraft verliehen, wenn er niedergeschlagen gewesen sei. Es habe ihm Mut und Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner Familie gemacht. So verlor mein Vater den Glauben daran nicht.

Zusammen mit seiner Schwester machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Sie brauchten drei Monate, um von Ostdeutschland zur rumänischen Grenze zu gelangen. Bei dem Versuch, illegal einzureisen, wurden sie gefasst, eingesperrt und verhört. Erst nach drei Monaten wurden sie freigelassen und konnten endlich zur Familie nach Hause gehen. Es soll eine große Freude gewesen sein, die verloren geglaubten Lieben wieder in die Arme zu schließen.

Nur ich konnte mit diesem fremden Mann, der mein Vater war, nichts anfangen. Ich soll ihn weggestoßen haben und gesagt haben, die Grillen sollten ihn fressen. Er selbst habe sich große Mühe gegeben, mein Herz zu gewinnen. Es soll etwas länger gedauert haben, bis seine Mühe sich ausgezahlt habe und ich doch seine Vaterliebe annehmen konnte. Danach erkannte ich, dass er mir immer ein fürsorglicher und liebevoller Vater war.

Die Enteignung der Bauern

Im Laufe der ersten Jahre nach dem Krieg änderte sich manches in unserem Dorf. Die Bauern wurden enteignet und zwei sozialistische Betriebe wurden gegründet: die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, abgekürzt LPG genannt, und der Gostat, in welchem die Bewirtschaftung der Weinberge und Obstbaumplantagen zusammengefasst waren.

Die LPG war in mehrere Brigaden unterteilt, welche untereinander konkurrierten. Das sollte die Menschen anspornen, noch härter zu arbeiten, um den Ertrag zu steigern. Die Bauern mussten in Gemeinschaft die Äcker bewirtschaften. Darunter waren Kartoffel- und Maisfelder, Gemüse- und Getreideflächen. Ein großer Teil der Ernte musste an den Staat abgegeben werden. Dann erst wurde der Rest unter den Mitgliedern der Gemeinschaft verteilt. Jeder erhielt seinen Teil, berechnet nach den Arbeitstagen, die er abgeleistet hatte.

Der Vater und die Schwester meines Vaters arbeiteten zusammen mit anderen in der Genossenschaft auf einem solchen Feld. Sie bekamen dafür geerntete Naturalien, nach den Regeln der LPG.

Meine Eltern waren beim Gostat angestellt. Wer in die Weinberge arbeiten ging, wurde mit Geld entlohnt und 14-tägig bezahlt. Jeder erhielt seinen Lohn nach der Anzahl der Tage, die er an Arbeit geleistet hatte.

Die Zeit schreitet voran

Im Jahr 1949 wurde mein Bruder geboren. Nun war ich nicht mehr das einzige Kind meiner Eltern. Ich freute mich, dass er auch da war und hatte ihn schnell liebgewonnen. Als kleine Kinder spielten wir und hatten zusammen viel Freude.

Ich und die anderen Kinder, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs geboren worden waren, wurden 1951 eingeschult. In unserer ersten Klasse waren sechs Mädchen und drei Jungen.

Mit diesem ersten Schuljahr fingen die Pflichten an. Anders als bisher, prasselte viel Neues auf uns ein. Es hieß Lernen und Hausaufgaben machen. Erst danach durften wir wieder ans Spielen denken.

Ich traf mich gern mit meinen Freundinnen. Wir wohnten alle ganz nah beieinander und spielten oft zusammen. Wenn ich mit ihnen unterwegs war, hatte ich keine Lust, auf meinen kleinen Bruder aufzupassen. Trotzdem musste ich das manchmal tun.

Der Winter und ich

Etwas außerhalb unseres Dorfes, neben dem Friedhof, gab es einen Hügel. Im Winter gingen die Kinder gern dorthin zum Rodeln. Doch ich war selten mit dabei, denn ich war sehr verfroren. Der Winter war für mich eine einzige kalte Katastrophe. Auch wenn ich nur bis zur Schule ging, welche von meinem Elternhaus dreihundert Meter entfernt stand, war ich so gefroren wie ein Eiszapfen. Oft fühlte ich meine Füße nicht mehr und trat auf den Boden, als seien meine Füße Holzklötze. Auch in der Schule war es nicht viel wärmer als draußen. Die Fenster und Türen schlossen nicht gut.

Nach dem Unterricht ging es den gleichen kalten Weg zurück. Zuhause angekommen, wärmte ich meine Füße im offenen Backrohr. In der kalten Jahreszeit hatte man stets Feuer im Ofen. Er musste ja die ganze Stube heizen.

Meine Mutter hatte mir dicke Wollsocken gestrickt. Ich hatte gutes Schuhwerk, aber ich fror weiter. Es wurde nicht besser. Dann sollte ich Zeitungspapier um die Füße wickeln und die Schuhe mit diesem Papier-Wärme-Puffer anziehen. Auch das half nicht. Ganz im Gegenteil, es war noch schlimmer, denn meine eingeengten Füße wurden dadurch schlechter durchblutet.

Meine Eltern wunderten sich zwar und fragten: „Wie kann man denn so verfroren sein?“ Aber da ich sonst nicht ernstlich krank war, dachte sich niemand etwas Schlimmes dabei. Viele Jahre fror ich jeden Winter und keiner konnte sich erklären, warum ich so kälteempfindlich war. Im Nachhinein betrachtet, kann man sagen, waren dies Anzeichen für meine Herzerkrankung.

Verhältnisse in meiner Kindheit

Zu der Zeit hatte ich den vier Jahre jüngeren Bruder und eine acht Jahre jüngere Schwester.

Meine Mutter war nach der Geburt meines Bruders eine längere Zeit krank. Erst als sie meine Schwester bekam, besserte sich langsam ihr Gesundheitszustand. Als Älteste musste ich mithelfen, auf meine Geschwister aufpassen und so manches in Haus und Hof erledigen. Das ärgerte mich sehr, denn ich durfte nur selten mit meinen Freundinnen spielen. Und wenn, dann musste ich oft meinen Bruder im Schlepptau mitnehmen. Meine Freundinnen waren freier. Sie waren selbst die Jüngsten und hatten viel mehr Freizeit. Ihre älteren Geschwister halfen ihren Müttern bei der alltäglichen Arbeit zuhause.

Ich schreibe hier nur Mütter, nicht Eltern, weil sie alle ohne Väter waren. Ihre Väter waren im Krieg gestorben, vermisst oder sie lebten in der damaligen DDR, weil sie aus Russland dorthin gebracht worden waren und von dort nicht nach Hause zurückkehrten.

Es war Frühling, Ostern nahte. Meine Freundinnen erzählten mir, sie bekämen für das Osterfest ein neues Kleid. Auch ich wollte gern ein neues Kleid haben. Aber der Mut fehlte mir, meine Eltern darauf anzusprechen.

Einmal bot sich die Gelegenheit beim Wäschewaschen im Hof. Ich fasste mir ein Herz und fragte meine Mutter, ob ich auch, wie meine Freundinnen, für das Osterfest ein neues Kleid haben könnte. Da sagte meine Mutter: „Hör zu, mein Kind, alle deine Freundinnen haben ältere Geschwister. Die gehen arbeiten und verdienen. Da ist mehr Geld im Haus. Bei uns verdient dein Vater allein das Geld. Ich kann nicht arbeiten gehen. So kann ich auch nichts zu unserem Einkommen beitragen. Vielleicht später, wenn wir die Möglichkeit haben. Du hast doch schöne Kleider. Wenn sie jetzt auch nicht ganz neu sind, kann man mit so einem Kleid doch Ostern feiern. Es kommt nicht auf die neuen Kleider an, sondern auf unsere Einstellung zu Ostern.“

Bald, es stand bestimmt ein Fest bevor, fragte mich meine Mutter, ob ich nun ein neues Kleid haben wollte. Ihre Worte waren mir zu Herzen gegangen und ich sagte ihr, dass ich jetzt doch kein neues Kleid bräuchte. Meine Kleider seien noch gut. Das war keine böswillige Ablehnung, sondern ich hatte eingesehen, dass man auch ohne ein neues Kleid glücklich und zufrieden sein kann.

Ich glaube, dass diese Begebenheit aus meiner Kindheit, mich für mein ganzes Leben geprägt hat. Im Nachhinein betrachtet, bin ich genügsam und ein glücklicher, zufriedener und dankbarer Mensch geworden.

Meine erste Bekanntschaft mit dem Krankenhaus

Bis auf die Kinderkrankheiten und gelegentliche Ohrenentzündungen war ich als Kind gesund. Einmal, im Alter von ungefähr zwölf Jahren, war die Entzündung eines meiner Ohren und die damit einhergehenden Schmerzen sehr schlimm. Ich musste ins Krankenhaus, welches in der nächstgelegenen Stadt war, zwölf Kilometer von unserem Dorf entfernt. Doch damals gab es noch keine Busverbindung, um in die Stadt zu gelangen.

Meine Eltern hatten an diesem Tag Glück, denn ein Lastwagen, der etwas in den Lebensmittelladen geliefert hatte, fuhr in die Stadt zurück. Auf Bitten meines Vaters nahm der Fahrer uns beide ins Krankenhaus mit.

Es war Nachmittag, und im Krankenhaus war nur ein diensthabender Arzt. Nachdem er mich untersucht hatte, wurde ich stationär aufgenommen. Der Arzt erklärte meinem Vater, ich müsse im Krankenhaus bleiben. Die Ohrenentzündung sei fortgeschritten und mein Schädelknochen hinter dem Ohr sei gerötet und entzündet. Man gebe mir alle vier Stunden Antibiotika. Wenn sich über Nacht keine Besserung einstelle, müsse man mich operieren und den Eiter entfernen. Es wurde Rumänisch gesprochen, doch hatte ich alles verstanden. Nachdem mir ein freies Bett in einem Krankenzimmer zugeteilt worden war, musste mein Vater gehen. So war das damals. Er durfte nicht bei mir bleiben, verabschiedete sich und vergewisserte mir, er komme am nächsten Tag wieder. Im Zimmer waren schon drei andere Patientinnen, sodass ich nicht ganz allein geblieben war. Als ich nun dort auf dem Bett saß, gingen mir die Worte des Arztes durch den Kopf, nämlich, dass ich operiert werden müsse. So stellte ich mir vor, dass ich sterben müsse, wenn man mich am Kopf operierte. Ich fing zu weinen an, ohne aufhören zu können.

Meine Nase fing zu bluten an und hörte ebenfalls nicht auf.

Die Frauen im Zimmer waren sehr besorgt. Sie konnten mir nicht helfen und holten die zuständige Krankenschwester. Diese tat ihr Möglichstes, um mein Nasenbluten zum Versiegen zu bringen. Sie legte einen mit kaltem Wasser getränkten Lappen in meinen Nacken, stopfte mir die Nasenlöcher zu, aber nichts brachte eine Besserung. In dieser Nacht war kein Arzt mehr im Dienst und so war die Schwester auf sich allein gestellt.

Ich bekam alle vier Stunden eine Penicillin-Spritze. Jedoch konnte ich mir in meinem kindlichen Bewusstsein nicht vorstellen, dass mich in der kurzen Zeit die Spritzen retten sollten. Alle redeten auf mich ein, doch ich weinte unaufhaltsam. Irgendwann sagte die Schwester dann zu mir, wenn ich mich jetzt nicht beruhigte und die Nase so stark weiter blute, würde ich an dem furchtbaren Nasenbluten auch ohne Operation sterben, noch bevor der Morgen käme. Anscheinend erreichten mich diese Worte dann doch, sodass ich mich beruhigte und die Nase zu bluten aufhörte. Bis dahin hatte ich so viel Blut hinuntergeschluckt, dass ich drei Tage später immer noch Blut in meinem Mund schmeckte.

Als die Ärzte in der Früh wieder da waren, wurde ich zur Sprechstunde gerufen und mein Ohr wurde untersucht. Der Arzt war mit dem Befund sehr zufrieden und teilte mir mit, dass ich nicht operiert werden müsste. Ich freute mich über diese gute Nachricht und konnte die Wiederkehr meines Vaters kaum erwarten. Er musste am Tag vorher irgendwie nach Hause gelangt sein und dann wieder zurück; er besuchte mich, wie versprochen. Uns beiden wurde gesagt, ich müsse lediglich weitere fünf Tage im Krankenhaus bleiben, bis die Entzündung ganz abgeklungen sei.

Heute glaube ich, dass das unaufhaltsame Nasenbluten neben der Gabe von Antibiotika mit dazu beigetragen hat, mich vor der gefürchteten Operation zu bewahren. Doch nach diesem Krankenhausaufenthalt ahnte ich nicht, wie viele noch folgen sollten.

Meine Jugendzeit

Damals gab es bei uns das Sieben-Klassen-Schulsystem. Ich lernte leicht und war stets eine gute Schülerin, obwohl ich nicht viel dafür tat. Nun hatte ich die 7. Klasse abgeschlossen.

Nach der Abschlussprüfung kam der Schuldirektor zu meinen Eltern und wollte mit ihnen sprechen. Er sagte ihnen, ich sei eine gute Schülerin, sie sollten mich in die Stadt aufs Gymnasium schicken. Ich sollte studieren. So wie er mich kannte, sei das Lernen für mich eine leichte Sache.

Meine Eltern sagten ihm, sie wollten es sich überlegen und darüber nachdenken.

Kaum war die Tür hinter dem Direktor ins Schloss gefallen, mahnte mich mein Vater mit harten Worten und meinte: „Hör jetzt gut zu. Deine Mutter ist krank. Du musst ihr hier im Haushalt helfen und sie auch sonst unterstützen und ihr beistehen. Oder willst du, dass sie stirbt?“ Meine Mutter sagte nichts dazu.

Nein, das wollte ich nicht, dass sie bald sterben würde. Somit hatte es für mich keine Weiterbildung gegeben. Ich blieb bei meinen Eltern zu Hause, half der Mutter und dem Vater in der Not. Ich hatte sie doch alle lieb und wollte meine Mutter nicht verlieren.

Die Sorgen um meine Mutter waren begründet, obwohl ich als junges Mädchen nicht viel davon verstand. Wie schon erwähnt, war es nach der Geburt meines Bruders um die Gesundheit meiner Mutter schlecht bestellt. Wegen starken Schmerzen im Unterleib musste sie mehrmals im Krankenhaus behandelt werden. Dort rieten die Ärzte meinen Eltern, sie sollten versuchen, noch ein Kind zu bekommen. Man ging davon aus, dass meine Mutter durch eine weitere Schwangerschaft genesen konnte. Die Eltern befolgten den Rat und meine Schwester wurde geboren.

Ob sich dadurch eine Besserung für die Gesundheit meiner Mutter ergeben hatte, weiß ich nicht. Doch eines weiß ich, dass ich froh und dankbar bin, diese meine Schwester zu haben. Später hat sie mir in der Not sehr zur Seite gestanden. Ich werde dies noch weiter erörtern.

Auch meinem Bruder verdanke ich so manches.

Damals war nur eine meiner Freundinnen auf eine weiterführende Schule gegangen. Wir anderen arbeiteten von Frühjahr bis Herbst zusammen in den Weinbergen. Im Herbst wurden die Rebstöcke in die Erde eingegraben, damit sie nicht erfrieren konnten. Im Frühling grub man sie wieder aus. Dann fing die Arbeit im Weinberg von Neuem an.

Im Winter war man im Warmen zu Hause. Neben dem Ofen, mit einer Handarbeit in der Hand – Stricken, Nähen, Häkeln, Sticken – und beschäftigt mit allem, was sonst zu tun war. Am meisten wurde gestrickt: Jacken, Westen, Socken, warme Kleidung für die kalte Jahreszeit. Die aufgeführten Arbeiten habe ich bis zu meinem 19. Lebensjahr intensiv gepflegt.

Der Anfang meiner großen Liebe

In meinen jungen Jahren habe ich meine große Liebe gefunden, die nicht weit entfernt war. Er und ich wohnten im selben Dorf. Sein Name ist Michael. Wir heirateten später und sind zusammen alt geworden, obwohl es in unserem Leben auch Zeiten gab, wo es nicht danach aussah. Gott, der Herr hat unsere Liebe gesegnet.

Wir kannten uns von Kindesbeinen an, wobei uns sechs Jahre Altersunterschied voneinander trennen. Er sagt, dass er mich zum ersten Mal wahrgenommen hat, als meine Großmutter ihn und andere Jungen zu uns nach Hause eingeladen hatte.

In den sächsischen Dörfern von Siebenbürgen gab es einen alten Brauch. Am Ostermontag gingen die jungen Burschen von Haus zu Haus und besuchten die Mädchen, um sie mit Parfüm einzusprühen. Zum Dank bekamen sie ein rot gefärbtes Ei.

Michael, damals neun Jahre alt, folgte der Einladung meiner Großmutter. Ich war an dem besagten Tag krank und lag im Bett. Später erzählte er mir oft von dieser Begegnung. Es habe ihn ungemein beeindruckt, wie ich dort mit roten Wangen, zugedeckt gelegen hatte. Dieses Bild habe er nicht mehr vergessen.

In der Jugend hat Michael sich große Mühe gemacht und hartnäckig um mich geworben. Am Anfang machte ich mir nicht viel daraus. Doch mit der Zeit habe ich ihn sehr liebgewonnen. Michael war stets höflich und zurückhaltend. Mit Geduld und Muße ließ er mir Zeit, bis ich ihn auch ins Herz geschlossen hatte. So wie er mich.

Obwohl wir im selben Dorf wohnten, sahen wir uns sehr selten

Michael wurde 1939 geboren und ist der Jüngste von vier Geschwistern. Sein Vater war im letzten Kriegsjahr gefallen und seine Mutter war allein mit vier Kindern geblieben – drei Jungen und einem Mädchen. In den schweren Nachkriegsjahren hatte sie keine Hilfe und zog alle ihre Kinder eigenständig groß. Großeltern, gab es in Michaels Familie nicht. So wie sein Vater, lebten auch sie nicht mehr.

Nach dem Abschluss der siebenten Schulklasse ging Michael in die Lehre in die Stadt. Diese Stadt war von unserem Dorf 100 km entfernt. Hin oder her zu reisen, dauerte fast einen ganzen Tag. Man musste mehrmals umsteigen und Stunden lang auf den Anschlussbus warten.

Bis auf die Besuche bei seiner Mutter blieb Michael als junger Mann dort in der Ferne. Erst nach dem Abschluss der Lehrjahre und ein paar Arbeitsjahren, nahm er Verbindung mit mir auf.

So wie das damals war, blieb uns Verliebten, wegen der Entfernung, nur der Briefwechsel. Die modernen Möglichkeiten – Handy, SMS, E-Mail und wie sie alle heißen, gab es noch lange nicht.

Kontakt zu halten, war für mich anfangs schwierig. So jung, wie ich war, wusste ich gar nicht was ich antworten sollte. Mein Liebster, der heute mein Mann ist, schrieb mir ein-zwei Briefe, eine schöne Ansichtskarte, aber ich antwortete nicht.

Meine Mutter bemerkte das. Sie sprach mich darauf an und fragte, warum ich nicht zurückschriebe. Ich meinte, ich wüsste gar nicht was ich schreiben sollte. Da sagte sie zu mir, sie würde mir helfen, wenn ich antworten wollte. Dadurch, dass meine Mutter mir helfen wollte, hatte sie ein Zeichen gesetzt. Es bestätigte mir, dass meine Eltern an Michael nichts auszusetzen hatten. Und so fasste ich mir ein Herz und fing an, seine Briefe zu beantworten.

Er hatte in der Stadt seinen festen Arbeitsplatz und wir sahen uns selten. Es blieb bei den regelmäßigen Besuchen seiner Mutter – alle ein bis zwei Monate. Michael sah seine Zukunft in der Stadt und nicht auf dem Dorf in der Landwirtschaft. Aufgrund einer Kinderlähmung war und ist er im Gehen und Laufen eingeschränkt. Er sagte, es strenge ihn an, auf dem Feld zu arbeiten und über Ackerschollen zu gehen und zu stolpern. Wegen dieser Kinderlähmung war er auch vom Militärdienst freigestellt worden.

Im Sommer kamen wir uns näher

Die Familie meines Mannes war und ist musikalisch. Seine Mutter konnte sehr schön singen. Sein Vater spielte Klarinette. Seine Geschwister waren ebenso begabt. Der älteste Bruder, Hans, spielte ebenfalls Klarinette. Der mittlere Bruder, Andreas und mein Mann, spielten Akkordeon. Alle konnten, wie ihre Mutter, gut singen. Die Schwester Katharina sang im Kirchenchor. Es gab keinen Musikunterricht. Sie hatten sich alles selbst beigebracht.

Ich bewundere jeden, der eine gute Stimme hat und schön singt. Ich selbst singe zwar gern, doch fehlt mir jegliches musikalische Gehör und Talent.

An den Sonntagen wurde im Dorf bei schönem Wetter getanzt und musiziert. Die Jugendlichen gingen singend durch das Dorf, von einem Ende zum andern. Das gefiel den älteren Leuten sehr gut. Sie saßen auf der Bank vor dem Haus oder machten die Fenster auf und hörten zu. Die Tanzabende fanden immer im Hof, eines Jugendlichen statt. Da wechselten sich Michael und sein Bruder Andreas mit dem Akkordeon-Spiel ab, so dass einmal der Eine und einmal der Andere mit den Mädchen tanzte.

Michael war ein guter Tänzer und wenn er mich zum Tanzen aufforderte, tanzte ich sehr gern mit ihm. Dabei sang er mir romantische Liebeslieder ins Ohr und ich fühlte mich bei der wunderschönen Musik wie im siebten Himmel.

Unsere Liebe wuchs. Wir verstanden uns. Michael sprach von Heirat, doch hatte er noch einen Wunsch, den er sich erfüllen wollte. Er hatte vor, noch zwei Jahre Abendschule zu machen, um einen Gymnasial-Abschluss zu haben. Er fragte mich, ob ich auf ihn warten wollte. Das bedeutete, wir hatten uns einander versprochen und schauten nicht nach einem anderen Partner. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden, und so schrieben wir uns weiterhin Briefe und blieben in Liebe in Verbindung.

Der Traum vom Glück meiner Zukunft zerbrach

Zu dieser Zeit kam ein Bus ins Dorf. Morgens um sechs fuhren die Arbeiter in die Stadt und nachmittags 18 Uhr brachte der Bus sie wieder nach Hause. Nun kam eines schönen Tages im Dorf die Rede auf, dass Michaels Brüder in die Stadt gefahren seien und für dessen Verlobung Wein in Krügen mitgenommen hätten.

Das Gerede wurde meinen Eltern zugetragen, welche mir daraufhin die Verbindung mit Michael untersagten. Ich erwiderte, dass ich den Tratsch nicht glaubte, denn ich war überzeugt davon, dass Michael mir treu war. Aber meine Eltern glaubten, was die Leute im Dorf erzählten. Sie meinten, man habe seine Brüder doch gesehen, als sie mit den Weinkrügen in den Bus gestiegen seien. Mein Vater kommentierte: „Andere Städtchen, andere Mädchen“.