Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Am 9. Juli 1848 betritt Otto Wuppermann in Galveston zum ersten Mal texanischen Boden. Auf dem Schiff hat er zwei andere Deutsche kennengelernt. Gemeinsam kaufen und bewirtschaften die drei eine Farm in der Nähe von Seguin. Im folgenden Jahr verliebt sich Otto in Elise, älteste Tochter der Familie Tips von der Nachbarfarm. Ihre Heirat im September 1850 wird überschattet vom Tod von Elises Vater und Schwester. Auf dem "Wupperhof" betreibt das Paar fortan eine eigene Farm. 1851 kommt die älteste Tochter Clara zur Welt. Bis 1865 folgen sechs weitere Kinder, von denen zwei Im Säuglingsalter sterben. Ottos Gesundheit ist den Strapazen der Farmarbeit auf die Dauer nicht gewachsen. Er nimmt Arbeit in einem Store an und eröffnet 1852 ein eigenes Geschäft in Seguin. Als umtriebiger und ideenreicher Geschäftsmann ist er nun ganz in seinem Element. Er ist viel auf Reisen, während Elise Haus, Kinder und Store hütet und nachts gegen mögliche Gefahren durch Rowdies und Indianer den Sixshooter unter dem Kopfkissen bereithält. Mitte der 1850er Jahre breitet sich in den USA fremdenfeindliche Stimmung aus. Anhänger der Partei der "Know-Nothings" schrecken nicht vor gewalttätigen Angriffen auf Einwanderer zurück. Otto sieht sich und die Seinen in Seguin bedroht. Im Gebirge am Rio Blanco gründet er die neue Stadt "Middletown" und zieht mit seiner Familie dorthin. Die letzten Jahre in Texas stehen im Zeichen des Sezessionskrieges. Otto meldet sich zur Kavallerie, wird aber wegen Rheuma freigestellt. Als "transportation agent for the county of Guadalupe" wird er für die Armee tätig. Elise und Otto hatten den Gedanken an eine Rückkehr nach Deutschland nie aufgegeben. 1865 ist es so weit. Sie verkaufen ihren Besitz, vermieten ihre beiden Sklavinnen und brechen auf. Eine abenteuerliche Reise bringt sie nach Matamoros (Mexico). Von dort bringt sie der Segler "Willy" zurück nach Europa. Im vorliegenden Band berichten Elise und Otto Wuppermann, beider Tochter Clara sowie Elises Bruder Julius Tips in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen vom abenteuerlichen Leben im "Wilden Westen", vom tückischen und lebensgefährlichen Klima, von den kulturellen Differenzen zwischen Deutschen und Amerikanern, von Zusammenhalt, Hilfbereitschaft und Geselligkeit, aber auch Streit unter Verwandten, von deutscher Kultur in amerikanischer Diaspora, von Landwirtschaft und Handel und nicht zuletzt von gefährlichen Schlangen, Rowdies, Mexikanern und Indianern.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 741
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorbemerkungen des Herausgebers
Otto Wuppermann
Elise Wuppermann geb. Tips Briefe aus Texas 1848 - 1864
Julius Tips
Briefe an seinen Oheim Joh. Herm. Braun in Elberfeld
Clara Wuppermann verh. Tafel
Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Texas
Elise Wuppermann geb. Tips
IV. Tagebuch angefangen den 2. März 1865
Namensverzeichnis
Familie Otto und Elise Wupperman geb. Tips
Ottos Herkunftsfamilie
Elises Herkunftsfamilie
Dank
Anfang Mai 1848, wenige Wochen nach den revolutionären Ereignissen in Wien und Berlin und gut zwei Wochen bevor die Verfassunggebende Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zusammentreten sollte, wartete Otto Wuppermann in Bremerhaven darauf, dass der Dreimaster „Uhland“, auf dem er sich eingeschifft hatte, endlich mit Ziel Texas in See gehen würde. Der Kapitän zögerte, denn als Antwort auf die Erhebung der Herzogtümer Schleswig und Holstein gegen die Einverleibung in einen dänischen Nationalstaat, die von Staaten des Deutschen Bundes unterstützt wurde, blockierten dänische Kriegsschiffe die deutschen Häfen. Sie kreuzten vor der Wesermündung und sollten Gerüchten zufolge schon mehrere Schiffe aufgebracht haben. Nach Rücksprache mit der Reederei beschloss der Kapitän das Risiko einzugehen und gab Befehl zum Auslaufen. Die sechswöchige Überfahrt nach Texas begann.
Es waren nicht die politischen Ereignisse des Jahres 1848, die Otto Wuppermann bewegten, Deutschland zu verlassen. Die gründlichen Vorbereitungen, die er für die Reise getroffen hatte, reichten viel weiter zurück. Was also trieb ihn an? Eine Portion Abenteuerlust darf man wohl voraussetzen. Darüber hinaus soll nach einer familiären Überlieferung, von der Dr. Dietz in seiner Chronik der Familie Wuppermann von 1965 berichtet, eine unglückliche Liebe eine Rolle gespielt haben.
Texas war im Wesentlichen durch die Spanier kolonisiert worden. Als Ergebnis des mexikanischen Unabhängigkeitskrieges gegen Spanien wurde es 1821 zum Teil des unabhängigen Staates Mexiko. Schon während des Krieges waren viele Abenteurer aus dem Norden ins Land gekommen. Nach dem Krieg verstärkte sich die angloamerikanische Einwanderung – zunächst mit Genehmigung der mexikanischen Zentralregierung. Bald kam es jedoch zu Spannungen zwischen den Siedlern und der Regierung, die einen Höhepunkt erreichten, als Mexiko die Sklaverei verbot. Die USA, deren damalige Regierung eine Vermehrung der Sklavenstaaten anstrebte, zeigten sich interessiert an Texas und boten an, es zu kaufen. Daraufhin verbot die mexikanische Zentralregierung 1830 die weitere Einwanderung. Von Landspekulanten aus dem Norden angeheizt breiteten sich separatistische Bestrebungen aus. Im Vertrauen auf den Beistand der Vereinigten Staaten erklärten deren Parteigänger im Oktober 1835 die Loslösung von Mexiko und riefen im März 1836 die unabhängige Republik Texas aus. Die militärische Antwort der mexikanischen Regierung führte in Alamo zunächst zu einer vernichtenden Niederlage der Separatisten, die jedoch in der Folge einen texanischen nationalen Mythos begründete. Das Kriegsglück wendete sich und der Versuch der Rückeroberung durch die mexikanische Zentralregierung scheiterte. Die anschließende innertexanische Auseinandersetzung zwischen Befürwortern der staatlichen Selbständigkeit und Befürwortern des Anschlusses an die USA beendeten die USA, indem sie Texas 1845 annektierten.
In den 1830er Jahren war Texas zum Ziel deutscher Auswanderung geworden. Gefördert wurde sie durch die Gießener Auswanderungsgesellschaft. In den 1840er Jahren brachte der Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas viele Menschen ins Land. Das wegen der ausschließlich hochadligen Mitglieder auch Mainzer Adelsverein genannte Unternehmen führte durch organisatorisches Unvermögen und finanzielle Unregelmäßigkeiten viele deutsche Auswanderer in den Ruin und zum Teil in den Tod durch Seuchen und Hunger. Nach der Revolution in Deutschland 1848 kamen schließlich die Fourty-Eighters, unter ihnen auch Otto Wuppermann.
Schon von Bremen aus schickte Otto einen brieflichen Bericht an seinen Vater Reinhard Theodor Wuppermann in Barmen, den ersten in einer langen Reihe bis zum Tod des Vaters im Jahre 1858. Der Ton von Ottos Briefen bezeugt den tiefen Respekt aber auch die liebevolle Anhänglichkeit, die den Sohn mit dem Vater verbanden. In diesen Ton stimmten dann auch die Briefe ein, die Ottos Frau Elise, eine geborene Tips, seit der Verlobung im Jahre 1850 an ihren Schwiegervater schrieb. Beider Briefe, die den größten Teil des vorliegenden Bandes ausmachen, geben ein lebendiges Bild des abenteuerlichen Lebens im Wilden Westen. Sie sind immer auch Rechenschaftsberichte über das Tun und Lassen des Sohnes und der Schwiegertochter.
Ottos und Elises Schilderungen werden in diesem Band ergänzt durch die Briefe, die Elises Bruder Julius Tips an seinen Oheim Joh. Herm. Braun in Elberfeld geschrieben hat. Sie schildern die Auswanderung der zehnköpfigen Familie Tips aus dem preußischen Elberfeld im September 1849, sowie ihre Niederlassung und ihre ersten Jahre in Texas. Elises und Ottos Heirat im September 1850 machte dann aus zwei Geschichten eine.
Nach dem Tode von Reinhard Theodor Wuppermann versiegen die brieflichen Berichte von Otto und Elise fast vollständig. Über die Geschehnisse der folgenden Jahre geben Elises „Texanische Tagebücher“ Auskunft, die im Jahre 2013 als Buch erschienen sind. Sie werden in diesem Band ergänzt und vervollständigt durch die „Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Texas“, die Clara Tafel, geborene Wuppermann, die älteste Tochter von Elise und Otto für ihre eigenen Kinder aufgeschrieben hat.
Als ich 2013 die Texanischen Tagebücher von Elise Wuppermann veröffentlichte, lag mir das letzte Tagebuch nicht vor. Ich glaubte es verschollen. Nach dem Tode meines Bruders Klaus im Jahre 2015 fand es sich in seinem Nachlass. In ihm schildert Elise die letzten Wochen in Texas und die Reise zurück nach Deutschland. Dann brechen ihre Eintragungen ab und werden erst zehn Jahre später für einige Jahre wieder aufgenommen. Ihr Bericht über das Ende des texanischen Abenteuers bis zum 21. Juli 1865 bildet den Abschluss dieses Bandes.
Bremen, Montag Abend 1. Mai 48.
Mein theurer Vater!
Gestern Nachmittag kam ich glücklich hier an, und fand meine Begleiter, Bechem aus Elberfeld und Krochmann aus Osnabrück hier in „Stadt Frankfurt“ an. Ich fand in der Cajütte den mir offen gehaltenen Platz, noch bereit für mich; es wär der letzte! Außer jenen 3 Geistlichen sind in der Cajütte 2 verheirathete Herren mit ihren Frauen und eine junge Dame und noch ein junger Mann. Mehrere Zöglinge des Barmer Missionshauses gehen ferner auch mit bis New-Orleans.
Fr. M. Victor Sne sind ganz charmante Leute; diesen Mittag war ich mit Bechem zum Essen dort. Sie gaben mir ein accreditif auf Warneken u. Kirchhoff in New Orleans von Ld'r: Th. 500 vista und vom Tage der Vorzeigung an mit 5 % Zinsen Vergütung; ohne weitere Provisions Berechnung! Den Rest von cr. Th. 1000 Prss. Crt. nehme ich besser in Gold mit, in einem Geldgurt um den Leib geschnallt.
Wenn Sie nun cr. Th. 500 Gold für mich zusammengebracht haben, so senden Sie solche gef. besser an Victor, und bitten Sie dagegen um ein accreditif auf New Orleans, und beziehen sie sich dabei nur auf meine mündliche Unterhaltung mit ihnen. Das Haus ist reell, solide, bedeutend (eigene Schiffe u. Etablissement in New York) und vermögend. Wahrscheinlich werden Victor dann Provision berechnen, was diesmal bei mir nicht der Fall war (aus Freundschaft gegen Frickenhaus, der mich empfohlen); solche vergüten Sie dann nur gef. genau nach Aufgabe.
Um indessen ganz sicher zu gehen und nicht alles an einen Nagel zu binden, wollen Sie auch einen Brief von dem amerikanischen Vice-Consul Aug. Krönig in Hamburg (augenblicklich fungierender, da der wirkliche todt ist) abwarten, dem ich derhalb heute schrieb. Hat auch er eine günstige Gelegenheit, woran ich nicht zweifeln kann, so könnten Sie das erste Geld, was Sie mir remittiren, durch Krönig gehen lassen, und die zweite Remittierung durch Victor. Krönig muss Ihnen dann schreiben, welches Geld Sie ihm am vortheilhaftesten senden. Victor senden Sie am besten ausländ. Ld’r; und keinesfalls Frd’r. Preuß., die hier nicht mehr wie ausländ. Ld’r gelten. Englisches, französisches oder holländisches Gold können Sie indessen auch an Vic tor senden, wenn Sie keine ausländ. Ld’r sollten bekommen können; ausländ Ld’r sind aber am vortheilhaftesten für hier.
Können Sie von Theodor mit einem Mal gleich mehr wie Ld’r Th. 500 bekommen, so ist dies natürlich für mich [von] Vortheil, und dann Porto, Spesen u. ectr. gespart werden, und wenn Sie etwa bis ult. Mai die ganzen Th. 3000 resp. Th. 2000 für mich, weil Th. 1000 an Hohrath gezahlt werden müssen, bekommen können, so senden Sie nur gleich die Hälfte an Krönig, die andere Hälfte an Victor, um accreditifs auf New-Orleans dafür kommen zu lassen. Solche senden Sie mir an die Adresse: Consul D. H. Kläner in Galveston, Texas und zugleich ein Duplikat Ihres Briefes. Welche Seehäfen Sie zur Absendung Ihrer Briefe an mich in jetziger Jahreszeit am besten benutzen, auch darüber erwarten Sie nur gef. von Krönig Nachrichten. Auf dortiger Post werden Sie leicht erfahren, ob und wie weit Sie Briefe für Galveston francieren müssen.
Und nun mein lieber Vater muß ich Ihnen adieu sagen, es ist schon Mitternacht vorüber. Die Sternlein funkeln am klaren Himmelszelt, der Wind ist diesen Abend nach Ost herumgegangen und möglicher Weise kommen wir binnen 24 Stunden in offene See. Meine Aufregung hat sich gelegt; die Schlaflosigkeit der letzten Nächte hat mich sehr abgespannt und ich hoffe, dies wird einen wohltätigen Einfluß auf die ersten Tage der Fahrt üben - doch darf ich nicht daran denken, der Seekrankheit zu entgehen!
So leben Sie denn recht wohl! Möge es dem allgewaltigen Lenker der menschlichen Schicksale gefallen, Sie binnen einigen Jahren vergnügt und gesund wiederzusehen! Wenn es mir gut geht, dann gedenke ich binnen 2, 3 Jahren eine Reise in die Heimat zu machen; geht’s mir schlecht, nun so bin ich schon früher wieder da!
Also Gott befohlen, bis auf vergnügtes Wiedersehn! Viele Grüße auch an meine Geschwister!
Mit inniger Liebe Ihr treuer Sohn
Otto
Wie Sie wissen, ist es mir von sehr großer Wichtigkeit, baldigst in Besitz der accreditifs zu kommen.
Ich bitte freundlichst, über alle Briefe, die für mich ankommen, mit Gustav zu sprechen, und nur solche Briefe nicht an mich abzusenden, wo Sie und Gustav dies für ganz überflüssig halten.
Es bleibt mir keine Zeit mehr, an Hohrath zu schreiben; grüßen Sie ihn herzlichst.
Von New-York soll man jetzt in 8 Tagen nach New-Orleans reisen können.
Meine Bagage versicherte ich für Ldr. Th. 500 1 1/4 %, mein baar Geld nicht.
Bremerhafen, an Bord des Dreimasters „Uhland“ 3. Mai 48.
Lieber Vater!
Unser Schiff wird wohl erst in der kommenden Nacht segeln; so ergreife ich denn nochmals die Feder Ihnen zu schreiben. Gestern Abend kamen mit einem mal Gleichmann und Ernst aufs Schiff! Wir waren den Abend sehr vergnügt zusammen; Gleichmann reiste diesen Morgen nach Bremen zurück, Ernst blieb noch.
Das Schiff macht erst seine 2te Reise und ist von prima prima Qualität. Meine Cajüte ist zwar sehr klein, aber äußerst freundlich, weil man von da mit einer Treppe direkt aufs Hinter-Deck steigen kann. Ein Raum 6’ lang 1 1/2’ hoch und 2’ breit ist mein Bett; über mir liegt ein anderer, mir ganz fremder Herr, mit dem ich die Cajüte theilen muß. Die große Cajüte ist sehr geräumig.
Meine Sachen sind in der Eile nicht fest genug emballiert worden, das Packtuch ist an einigen Stellen schon zerrissen und auch nicht Stroh genug dabei. Machen Sie aber Garmann keine Vorwürfe deshalb, die Schuld liegt mehr an mir wie an ihm.
Reinhard Theodor Wuppermann
Einl. mein Paß; lassen Sie gef. für 1 Jahr verlängern, geht dies nicht, dann nehmen Sie einen Auswanderungsschein....
Viele Grüße an alle meine Geschwister, auch dem alten Herrn Teschemacher, den ich gerne vorher noch einmal gesehen hätte.
Ich hoffe, daß es Theodor gelingt, Sie in den Stand zu setzen, mir das Geld schon binnen einigen Wochen ganz zu senden; hieran ist außerordentlich viel gelegen für mich wegen dem Einkauf, der binnen der ersten 6 Wochen nach meiner Ankunft gemacht werden muß. Augt. Krönig schreibt Ihnen binnen 8 Tagen.
Ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich 2 Flaschen Cognac mit an Bord genommen habe, um ihn beim Wasser trinken mit diesem zu vermischen, auch später noch meine Gesundheit zuweilen einen Schluck zu genießen verlangen wird. Ob es nun nicht angemessen sein wird, mich aus dem Mäßigkeitsverein zu streichen, überlasse ich Ihnen mit W. Matthäi, welcher Vorsteher war, als ich seinerzeit eintrat, zu überlegen. Keinesfalls kann ich mich jetzt auch mehr so streng an mein früheres Versprechen binden.
Danken Sie doch meinen Schwestern nochmals herzlich für die viele Mühe, welche sie sich in den letzten Tagen für mich gegeben ....
Einen herzlichen Gruß auch von mir, lieber Vater! Ein Schlaf, der mir nach einiger Unruhe sehr gut that, hat mich diesen Mittag verhindert, Ihnen noch einige Worte zu schreiben. Otto’s Begleiter gefallen mir recht; mehrere Colonistenprediger aus dem Barmer Missionshause, sowie ein Freund von mir, ein bair. Kandidat gehen mit demselben Schiff. Leben Sie wohl! Otto freut sich sehr, nach aller Unruhe jetzt endlich in Ruhe zu sein, und es schien mir, daß er auch auf G. Gleichmann, der in dieser Beziehung sehr fürchtet, denselben Eindruck gemacht hat. Morgen früh gehe ich wieder zurück, da ich nicht länger wegbleiben kann.
Ihr treuer Ernst.
Samstag Nachmittag 3 1/2 Uhr an Bord des „Uhland“ 6. Mai 48.
Lieber Vater!
Diese Nacht passierten wir Texel, dann näherten wir uns mehr der englischen Küste, gingen südlich und jetzt befinden wir uns etwa, wenn Sie von Rotterdam nach London eine gerade Linie ziehen in der Mitte. Der Wind hat sich seit heute früh leider gedreht, so daß er jetzt contrair ist und wir nur 3 Knoten zurücklegen, während wir gestern Abend 7 Uhr 7 - 8 Knoten machten. So werden wir möglicher Weise einige Tage im Canal kreuzen müssen, was gerade nicht zu den Annehmlichkeiten gehört.
Ernst verließ uns Mittwoch Abend spät, als wir im Begriff waren auf die Rhede zu gehen. Sehr beunruhigende Gerüchte wegen Dänischen Kriegsschiffen, die vor Elbe und Weser kreuzen und schon 4 Schiffe, Bremer und Hamburger genommen haben sollten, circulirten in Bremerhafen, und setzten selbst den Capitain so in Verlegenheiten, daß wir anstatt gleich in See zu gehen, die Anker warfen, und pr. Telegraaf bei den Rhedern des „Uhland“ angefragt wurde, was geschehen soll. Die Antwort lautete, unser Capitain möge thun, was er für gut halte. Daraufhin wagte der Capitain auszulaufen. Bald darauf kam ein Lootse zurück aus See und berichtete, soeben sei wieder ein Schiff genommen worden! Einen Augenblick war unser Capitain unschlüssig; eine einzige Ladung hätte unser Schiff, das als Kauffartei-Schiff keine doppelten Schiffswände hat, in Grund gebohrt! Unser Capitain fuhr!
Es war Nachmittag geworden; wir verbrachten mit einiger Besorgnis den Abend, die Nacht und den andern Morgen. Der Wind war günstig, wir flogen dahin, ohne jedoch eine unruhige See zu haben. Helgoland bekamen wir gegen Abend zu sehen, dann die Inseln Wanger Ogge, Spieker-Ogge, endlich Norderney und Borkum; dann verschwand das Land ganz und wir sahen bis jetzt keines mehr. Bei dem jetzt ungünstigen Wind, Südwest gen West, kommen wir wohl schwerlich vor Morgen Abend auf die Höhe von Dover; bei gutem Nord-Ost Wind hätte dies schon binnen einigen Stunden geschehen können. Dort hoffe ich Gelegenheit zu haben, diese Zeilen zu expedieren, weil da wohl Fischerboote an Bord kommen. Morgen, Sonntag, werden unsere Geistlichen Gottesdienst veranstalten, und Kandidat Birkner, ein Freund von Ernst, eine Predigt halten.
Denken Sie lieber Vater, fast 3 Tage sind wir in See, und noch hatte ich keine See-Krankheit! Wie dies zusammenhängt, weiß ich nicht, doch bin ich nicht wenig damit zufrieden! Bis jetzt war freilich die See nicht stürmisch, doch unruhig genug mich unwohl machen zu können. Ich glaube, es liegt an der Lebensweise der letzten 8 Tage, daß ich bis jetzt von dieser Plage verschont blieb; sind wir aber erst durch den Kanal und bekommen stärkeren Wind und später Passat-Wind, dann werde ich wohl anfangen, das See fahren auf den Blocksberg zu wünschen!
Eben fliegt der „Washington“, von New-York kommend an uns vorüber. In der Weserzeitung werden Sie wahrscheinlich lesen können, daß er uns gesehen, denn wir haben mit ihm Zeichen gewechselt. An die Entbehrungen des Schiffslebens gewöhne ich mich jetzt so nach und nach, doch wird dies noch schlimmer werden, wenn alles frische Fleisch, alles Brot u. ct. auf sein wird; Milch haben wir schon jetzt nicht mehr. Einige Tauben, die der Capitain zu seinem Vergnügen auf dem Deck in einem großen Kasten hält, machen mir viel Vergnügen; ich erinnere mich dabei der Meinigen, die ich so gerne mitgenommen hätte.
Nun für heute Adieu, mein theurer Vater, bevor ich diesen Brief abgebe, füge ich wohl noch einige Zeilen bei, wie es mir bis dahin ergangen; übrigens werde ich Ihnen jetzt schwerlich wieder schreiben können vor cr. 2 Monaten.
Viele Grüße an Alle.
Mit herzlicher Liebe Ihr treuer Sohn Otto
Wegen Theodor wüßte ich weiter nichts beizufügen als nochmals wiederholen, daß es mir höchst angenehm sein wird, in New-Orleans baldigst mein Geld in accreditifs zu haben, schon um meiner Begleiter willen, die Th. 3000 und Th. 2000-2500 drüben nach Ankunft haben werden, während mir kaum Th. 1500 bleiben. Zudem, muß ich gestehen, sind die Zeitverhältnisse so, daß ich mein Geld für viel sicherer in Amerika halte, als wie in Deutschland und jetzt in Theodors Geschäft.
Sonntag Morgen. 7. Mai.
Herrliches klares Wetter! Die See ist wie ein Spiegel. Leider haben wir keinen Wind und machen nur 2 Knoten bei S. W. gen West, so daß wir nur sehr langsam voran kommen. Soeben wurde Gottesdienst gehalten, Kandidat Birkner (Freund von Ernst) und Beisle, der ziemlich viel Teilnehmer fand, nicht nur unter Zwischendeck-, sondern auch unter Cajütten-Passagieren.
Sonntag Abend 10 Uhr.
Sie müssen sich durch Gustav helfen lassen am Lesen dieses Briefes, es ist mir nicht gut möglich, deutlicher zu schreiben. Gott sei Dank befinde ich mich bis zu diesem Augenblick sehr wohl; es wird jetzt Wind erwartet, und dann wird die Seekrankheit wohl beginnen!
Die Kost ist nichts weniger wie fein hier an Bord, aber recht gut und kräftig. Morgens gibts Kaffee, Käse, Fleisch, Mittags gegen 2 Uhr Suppe, Kartoffeln, ein enorm großes Stück Fleisch und Gemüse, oder gekochtes Obst; heute als am Sonntag gabs einen 2 Fuß hohen Pudding. Abends 7 oder 8 Uhr trinken wir Thee, und dazu gibts Butterbrod, Käse und Fleisch oder sogenannte Lap chaos, ein famoses Essen, ein Gemisch von Fleisch, Zwiebeln, Kartoffeln (zerdrückte) u. A., stark gepfeffert und überhaupt piquant. Ich esse mit großem Appetit, und verschaffe mir denselben durch tüchtige Bewegung, wie man sie gegen Seekrankheit anempfiehlt. Seilchen springen und Springen überhaupt, z. B. Bock-Springen, in die Höhe und weit springen, ferner exerzieren, ringen u. s. w. Der größte Teil der Cajüten-Passagiere nimmt daran Theil. Haben wir erst den Kanal passiert und die Schiffsmannschaft hat mehr Ruhe, so werden wir uns im Pistolen-Schießen üben.
Mein zweiter Begleiter, H. Krochmann gefällt mir ganz gut; auch von den Geistlichen sind 2 ganz genießbare Menschen, und unterhalte ich mich viel mit ihnen. Der eine, Beisle, war früher Provisor bei Rosier u. [?], der andere, Freund von Ernst, ist ein ganz charmanter junger Mann.
Doch nun muß ich schließen, es ist möglich, daß der Brief morgen ganz früh abgeht, darum adieu.
Leben Sie recht wohl!
Ihr treuer Sohn Otto
16. Mai 48. An Bord des „Uhland“
Lieber Vater!
Ich will versuchen, mich etwas mit Ihnen zu unterhalten, obgleich die Schwankungen des Schiffes ziemlich stark, und mein Befinden gerade nicht das liebenswürdigste ist! Seit cr. 14 Tagen sind wir jetzt in See, und befinden uns augenblicklich etwa auf der Höhe von Lissabon; ziehen Sie eine gerade Linie von Madrid nach den azorischen Inseln, so befinden wir uns etwa in der Mitte. Der Capitain nennt dies eine gute Brise und meint, bei ähnlichem Fortgang würden wir binnen 6 Wochen in New-Orleans sein, möglicher Weise schon binnen 5 Wochen. Sie werden meinen Brief aus dem Kanal erhalten haben. Wir kamen viel schneller hinaus, als ich damals dachte, indem sich bald ein günstiger Wind erhob, der uns im Flug bei Brighton, Portsmouth, Insel Wight vorbei trieb. Andern Tags Abends sahen wir auf Cap Lizaro in Cornwall und somit zum letzten Mal Land. Es ist ein wunderschöner Anblick, die englische Küste von Dover bis Falmouth! Überall Kreidefelsen, die sich an einigen Stellen bis 900 Fuß hoch direkt aus der See erheben, schneeweiß oder gelblich und oben mit schönen grünen Fluren bedeckt. Auf den Felsvorsprüngen sind Leuchtthürme, Castells, Telegrafen angebracht, und wo die Küste seicht ist, sieht man in den Buchten Städte und Dörfer, reinlich wie alles in England. Von der schönen Insel Wight sahen wir leider nur wenig, der Nebel verdeckte sie uns, als wir vorbei kamen.
Seit dem bietet nun die Reise wenig Abwechslung, ausgenommen die Folgen der Schwankungen des Schiffes! Im Zwischendeck sind von den 300 Passagieren die Hälfte seekrank, nicht nur Weiber und Kinder, sondern auch Männer. Auch die meisten Cajütten-Passagiere klagen und wollen nicht mehr essen, oder kommen auch wohl Tage lang nicht zum Vorschein. Unsere Tischgesellschaft mindert sich täglich, besonders bleiben die Damen aus. Die Schwankungen sind der Art, daß auf den Tisch besondere Vorrichtungen kommen, um Teller, Gläser, Schüsseln vor Herunterrutschen zu sichern; die Wasserflaschen und Saucen-Kümpchen müssen aber noch extra fest gehalten werden, wenn sie nicht fallen sollen. Sonntag Mittag rutschte ein ganzer Präsentierteller mit Kaffee-Näpfen meinem Nachbar in den Schoß. Auf Stühlen kann man nicht sitzen, ohne sich ganz fest zu halten, so daß wir uns nur der an den Boden befestigten Bänke bedienen. Seit heute Morgen früh geht es etwas besser mit den Bewegungen des Schiffes, nachdem wir passenderen Wind bekommen haben.
Was mich betrifft, so kann ich bis jetzt nur zufrieden sein! Zwar litt ich 8 Tage lang an heftigen Kopfschmerzen, auch etwas Übelkeit, indessen war ich noch nicht seekrank, und versäumte noch keine Mahlzeit; es setzt mich dies um so mehr in Erstaunen, da ich bei früheren Gelegenheiten immer einer der ersten Kranken war. Ich glaube, der Grund liegt in meiner mäßigen Lebensweise. Kommt mal erst ein wirklicher Sturm, dann wird sich die Seekrankheit schon einstellen. Meine Begleiter Bechem und Krochmann gefallen mir bis jetzt ganz gut; Kr. ist ein Mensch, ähnlich den Bielefelder jungen Leuten, die Sie mehrere Jahre hindurch auf Ihrem Comptoir hatten.
Donnerstag 18. Mai 48
18
o
westlich von Greenwich
Eben zwischen den
39
o
nördlich Breite
Azoren u. Madeira
Lassen Sie sich von Gustav in seinem großen Atlas diese Grade aufschlagen. Seit ca. 24 Stunden fahren wir sehr schnell, mit 12 - 14 Knoten pr. 14 Sekunden, oder 12 bis 14 englische Meilen pr. Stunde; bis vor einigen Stunden ging die See sogar hoch, und Wellen spritzten zuweilen über Bord.
Sie wissen, auf den Schiffen muß man sich mit wenig Platz begnügen. Mit einem andern Herrn bewohne ich eine Cajütte, die 2 Schritt lang und 2 Schritt breit ist, und darin steht nun noch Waschtisch und mehrere Koffer, so daß man sich buchstäblich kaum herumdrehen kann! Leider ist mein Gefährte, ein lieber junger Mann, Ökonom aus Holstein, sehr angegriffen von der Seekrankheit, und leidet heftig an Kopfschmerzen, Fieber u. ct., so daß wir zuweilen ernstlich für ihn fürchten. Auch eine Dame aus Berlin, die zu ihrem Mann nach St. Louis (am Missisippi) geht, befindet sich sehr leidend. Diesen armen Leuten gegenüber kann ich nicht zufrieden genug sein mit meinem Befinden!
Gestern sahen wir Fische von 30 bis 50 Fuß Länge an unserem Schiff; mit Harpunen wurde Jagd auf sie gemacht, indeß erfolglos.
Dienstag 23. Mai 48
30o nördliche Breite
25o westliche von Greenwich.
Bisher, v. H. seit 4 Tagen, fuhren wir mit sehr frischem Wind, daß wir die südliche Gegend in der wir uns befinden, an der Temperatur nicht merkten. Seit gestern ist nun leider Windstille eingetreten die sich in dieser Gegend des Meeres nicht selten findet, und damit große Wärme. Beim Aufschlagen der Karte werden Sie finden, daß wir uns so südlich befinden, wie die Wüste Sahara, wie Suez in Aegypten und wie der nördlichste Punkt des persischen Meerbusens.
Die Tage werden kürzer. Um 5 Uhr erscheint die Sonne am östlichen Theil des Meerespiegels mit ihren ersten Strahlen. Ganz kurze Zeit, viel weniger wie in Deutschland, reicht hin und sie ist ganz zu sehen. Die Zeit von 5 bis 7 Uhr bringe ich gerne auf dem Verdeck zu; die Luft ist dann äußerst angenehm. Ich gehe auf und ab oder sitze am Steuerruder und lese; Bechem und Krochmann sind gewöhnlich auch schon aufgestanden, die anderen Passagiere erscheinen aber erst später. Vor 8 wird selten gefrühstückt, weil der Capitain nicht früh aufsteht. Er ist kein gebildeter Mann, was mancherlei nicht angenehme Sachen mit sich bringt. Abends spielt er oft bis 12, 1 Uhr Karten, und dabei fehlt es dann nicht an Unruhen mancherlei Art, so daß es schon zu Klagen von Seiten einiger Passagiere gekommen ist. Ich habe einen so guten Schlaf hier auf dem Schiff bekommen, daß ich nichts von dem höre, was in der anstoßenden großen Cajütte vorgeht, wenn ich mich um 10 Uhr in meine Koje lege.
Von 10 Uhr Morgens bis Nachmittags gegen 5 Uhr hatten wir in den letzten Tagen etwa 25o Wärme. Wir sitzen dann meist unter einem großen Zelt von Segeltuch, was auf dem Deck aufgeschlagen ist, lesen, spielen Schach, Dame, Domino u. ct. oder plaudern. Übrigens glaubt man kaum, wie enuyant eine längere Seereise ist. Selbst bei kompletter Windstille schwankt unser Herr Uhland fortwährend, und dies erzeugt bei uns allen eine Befangenheit des Kopfes, die wenig aufgelegt macht zu längeren geistigen Beschäftigungen. Wenn ich eine halbe Stunde gelesen oder geschrieben habe, so muß ich aufhören.
Die Abende sind äußerst angenehm. Punkt 7 Uhr wird soupiert, mit Thee, Butterbrod, kalt Fleisch und Käse. Gegen 1/2 8 Uhr verschwindet die Sonne ebenso plötzlich, wie sie gekommen. Dieser Moment ist bei klarem Wetter äußerst majestätisch. Das Meer wird für kurze Zeit ganz feurig. Gestern Abend erschienen eine Menge Fische von 4 - 14 Fuß Länge und machten gar lustige Sprünge aus dem Wasser heraus, gleichsam als wollten sie auch den Sonnenuntergang feiern.
Kaum ist der letzte Sonnenstrahl verschwunden, so erscheinen die Sterne, und zwar in solcher Fülle und solchem wunderbaren Glanz, wie ich sie in Europa nie gesehn! Die Beschreibungen des Firmaments in der Bibel fallen mir dann wohl ein, und es ist mir jetzt erklärlich, daß die alten Aegypter, Syrer, Indier u. a. sich so viel mit Sternkunde beschäftigten.
Ihr schöner blauer Kittel, den ich während des Tages getragen, wird mir um diese Zeit zu kalt; ich muß ihn mit Weste, Rock und Halstuch vertauschen, und bleibe so bis Schlafengehen auf Deck.
Sonntag Nachmittag 28. Mai.
35o von Greenwich; 26o nördliche Breite.
Mein Schlafkamerad ist leider so unwohl geworden, daß wir anfangen ernstlich besorgt zu werden; wir glauben, daß er das kalte Fieber hat. Auch die eine unserer Damen leidet sehr unter der Seekrankheit.
Wir schwimmen so recht inmitten der alten und neuen Welt. Bekommen wir nur für einige Tage tüchtigen, günstigen Wind, so werden wir nicht mehr sehr fern von Havannah sein. Gern möchte ich dann mal Freund Mertens besuchen, aber das geht nicht. Wie ich höre, segeln wir zwischen den Inseln Cuba und Haity durch, dann zwischen Cuba und Jamaika, längs Jucatan in den mexikanischen Golf und dann hinauf nach dem Ausfluß des Missisippi und New-Orleans.
Heute Morgen sahen wir die ersten fliegenden Fische, und gestern Abend spät zwei Schildkröten. Auf letztere pflegt man emsig Jagd zu machen, da sie ein ausgezeichnetes Fleisch liefern. Hoffentlich sehen wir deren nächstens zu günstigerer Tageszeit, und machen dann einen glücklichen Fang.
Vor einigen Tagen sind auch Haifische erschienen, jedoch zu weit von unserm Schiff um sie harpunieren zu können. Delphine sehen wir in Menge dicht bei unserem Schiff, ebenso Schweinsfische; ferner die Rückenfloßfedern von Fischen, die bedeutend groß sein müssen, da sie aber nie ganz zum Vorschein kommen, so blieb uns das Nähere unbekannt.
Ich bitte Sie, lieber Vater, die Cölner Zeitung vom 1. Mai an für mich zu sammeln, um sie mir später gelegentlich zu senden. Ohne Zweifel gibt es jemand in der Familie oder Bekanntschaft, der sie Ihnen für eine Kleinigkeit überläßt. Wir leben in einer politisch sehr merkwürdigen Zeit und ich bin höchst gespannt zu vernehmen, was sich seit meiner Abreise zugetragen. Sollte es Ihnen nicht gelingen, die Cölner Zeitung zu acquiriren, so bitte ich um die Elberfelder, obgleich mir diese bei weitem nicht so angenehm wäre.
Es ist heute der 4. Sonntag, den wir in See zubringen. Wie früher, so wurde auch heute wieder Predigt gehalten von unsern Geistlichen, heute von Kandidat Birkner aus Erlangen, Freund von Ernst, einem höchst liebenswürdigen jungen Mann, an den ich mich sehr angeschlossen habe, und manche Stunde mit ihm verplaudere. Er geht im Auftrag des Langenberger Vereins nach St. Louis und weiter in den Staat Missouri, um da bei einer deutschen Gemeinde angestellt zu werden. Der Abschied von ihm und seinem Landsmann Krönlein aus der Gegend von Würzburg, der als Landwirt sich am Missouri ansiedeln will, wird mir sehr schwer werden. Beide verbinden mit einem wahrhaft christlich frommen Herzen Persönlichkeiten, die mich sehr anziehen!
Himmelfahrtstag 1. Juni 48 Abends 9 Uhr
40o von Greenwich. 25o nördliche Breite
Eben komme ich von einem Begräbnis. Vor 8 Tagen wurde hier auf dem Schiff ein Kind geboren, das aber schon heute morgen starb, und nun dem Schoos des Meeres übergeben wurde. Einer unserer Geistlichen, der Missionar Grote hielt ihm die Grabrede, die nicht ohne tiefen Eindruck auf manche der Passagiere blieb.
Mit unsern Kranken gehts so ziemlich; im Zwischendeck leiden verschiedene Leute entsetzlich an der Seekrankheit, z. B. gibt es da Frauen, die seit 10 - 15 Tagen keine Oeffnung gehabt haben, und jeden Bissen, den sie genießen, wieder ausbrechen müssen. Doch ist die Zahl im ganzen nur gering, und was die oben erwähnte Wöchnerin betrifft, so geht’s ihr den Umständen nach gut. Unter den Kajütten-Passagieren geht’s allen besser, bis auf meinen Schlafkameraden, der leider das kalte Fieber bekommen hat.
Heute habe ich viel an Sie gedacht, lieber Vater! Sie werden gewiß, wenn Sie dort nur halb so schönes Wetter hatten, wie wir hier, eine größere Promenade gemacht haben. Und da habe ich dann recht gewünscht, Sie begleiten zu können, anstatt auf dem großen Ocean herumzutreiben und mich entsetzlich zu ennuyiren! Zu den bisherigen Beschäftigungen, Lesen, Schreiben, Schach spielen u. ct., Seilspringen u. andern körperlichen Bewegungen, die man auf dem Schiffe nie unterlassen sollte, habe ich jetzt noch eine neue hinzugefügt, nämlich Zeichnen und Malen. Indessen, was hilft das alles! Langeweile kann unmöglich ausbleiben bei so langen Reisen, auf denen man nichts sieht als Himmel und Wasser. Seit 8 Tagen haben wir viel mit Windstille zu schaffen gehabt, so daß es sehr wahrscheinlich ist, unsere Reise wird 2 Monate im ganzen dauern, wo sie dann keine schnelle genannt werden könnte. Mit meinem Wohlsein kann ich bis jetzt nicht zufrieden genug sein, nur Kopfschmerzen plagen mich zuweilen, besonders wenn ich Morgens länger wie 5 Uhr im Bett bleibe.
Jedem, der eine längere Seereise macht, empfehle ich dringend an, sich gutes getrocknetes und frisches Obst (Äpfel), ferner Wein, Limonadenpulver und Himbeeressig mitzunehmen; er kann sich und Anderen dadurch große Annehmlichkeiten verschaffen. Das Seeleben erzeugt bei den meisten Verstopfung infolge der mangelnden Bewegung, der Schiffskost und mancherlei Anderem. Obst etc. genießen ist dann höchst wohltätig. Wein und andere Getränke sind ferner höchst wünschenswert zur Vermischung des Wassers, was für denjenigen, der an schönes, frisches, klares Wasser gewöhnt ist, bald ungenießbar wird ohne Vermischung.
Pfingsten 12. Juni 48
61o von Greenwich, 23o nördliche Breite
Seit ich zuletzt an Sie schrieb, habe ich recht gesehen, wie wenig der Mensch auf die nächste Zukunft etwas bestimmen kann! Windstille und contrairer Wind ist nämlich seit 14 Tagen eingetreten, so daß wir nur sehr wenig voran gekommen sind, und wenn der günstige Wind anhält, den wir nun endlich seit gestern haben, können doch noch 4 - 6 Tage bis Cuba hingehen. Eben habe ich mir noch Farbe angemacht zum Schreiben, damit Sie den Brief besser lesen können. Übrigens muß ich im allgemeinen um Entschuldigung bitten, wegen der schlechten, unleserlichen Schrift, aber es ist mir nicht besser möglich bei den bedeutenden Schwankungen des Schiffes.
Heute möchte ich bei Ihnen in Barmen sein, um das schöne Pfingstfest mit Ihnen zuzubringen. An solchen Tagen erinnert man sich mehr wie je der Heimat, besonders wenn man einmal, wie wir jetzt, seit ca. 6 Wochen auf dem Ocean herumtreibt! Nun, so Gott will, ist der längste Theil der Reise hinter uns, und nach abermals 6 Wochen sind wir in Seguin bei Rhodius und haben schon bestimmtere Pläne gebildet für die Zukunft!
Der Wendekreis ist gestern passiert, die Sonne steht Mittags fast senkrecht über uns, man sieht kaum mehr seinen eigenen Schatten. Die Hitze ist jetzt groß, besonders von 9 Uhr an bis 4 Uhr Nachmittags, doch kann ich sie gut ertragen, nur Nachts wird’s mir entsetzlich, wenn in meiner engen Schlafkajütte, in der ich mich, um nicht bei den Schwankungen des Schiffes fortwährend von einer Seite zur andern geworfen zu werden, mit einem Reisesack komplett feststauen muß, man gewöhnt sich auf dem Schiffe an viele Sachen, die man früher nicht für möglich hielt durchzumachen! Eine wahre Erquickung habe ich morgens früh. Auf unserem Schiffe herrscht große Reinlichkeit, das Vordeck wird jeden Morgen mit ca. 30 Eimer voll Seewasser übergossen; da stelle ich mich dann gewöhnlich hin und lasse mir einige Eimer über den Körper schütten. Jeder, der in eine heiße Zoone geht, sollte nicht versäumen, baumwollene Hemden mitzunehmen, die größere Annehmlichkeit beim Schwitzen ist bedeutend. Leider bin ich mit den meinigen, die ich in Bremen kaufte, nicht zufrieden, sie sind zu unsolide gemacht.
Die See ist hier wunderschön klar und blau, fliegende Fische sieht man weit, sie sind nur eben 1 Fuß lang und weiß, fliegen zuweilen 50 Schritt weit über dem Wasserspiegel hin, jedoch nicht höher wie ca. 10 Fuß. Auch sehen wir hier große Seevögel mit langem Schweif; sie sollen nie an Land kommen und auf dem Wasser ihre Eier ausbrüten, woran ich indeß noch nicht glaube.
Gestern starb wieder jemand an Bord, ein alter Mann, der schon krank aufs Schiff gekommen, und zu seinem Sohn nach New-Orleans wollte; heute Morgen versenkte man ihn in sein nasses Grab.
Gestern und heute hielten unsere Geistlichen Morgengottesdienst. Mittags feierten wir den Festtag durch eine gebratene Gans.
Unser Wasser wird jetzt so schlecht, daß ich es unvermischt gar nicht mehr trinken kann. Besonders der gerne frisches, kaltes Wasser trinkt, wie Sie und ich, empfinden dies sehr bitter, besonders wenn man einen Kapitain hat wie wir, der aus Caprice und Bequemlichkeit uns erst das schlechte Wasser geben läßt, bevor er das gute austheilt, obgleich von diesem genug an Bord ist. Wir haben nämlich zweierlei Wasser an Bord, das eine ist Missisippi Wasser, im Jan. (auf der früheren Reise) in New-Orleans eingenommen; das andere wurde im April in Bremerhafen geschöpft. Die Quantitäten sind sehr groß in Folge der außerordentlich strengen Schiffsgesetze Amerikas, die verlangen, daß jedes Auswanderer-Schiff, was aus Europa ankommt, doppelt und 3fach soviel Lebensmittel und Wasser einnehmen muß, als für die möglichst längste Reise erforderlich ist.
Sonntag 18. Juni 48.
Angesichts der Caymann’s Inseln, südlich unter Cuba in Westindien
Mit unserm Kapitain, Johann Horstmann wird es von Tag zu Tag schlimmer. Er ist nicht nur ein ganz grober, ungebildeter Mann, wie ich noch keinen auf viel kleineren Schiffen gefunden habe, geschweige auf einem so großen, bedeutenden, wie unser „Uhland“ ist, sondern wirklich ein ganz miserables Subjekt, dessen Betragen verdiente, in allen Blättern Deutschlands bekannt gemacht zu werden. Während er zu Hause eine ganz charmante, gute Frau hat (ich lernte sie in Bremerhafen kennen), lebt er hier auf dem Schiff mit einem liederlichen Hafenmädchen aus Berlin. Dieselbe präsidiert bei Tisch, und sucht uns andere Cajütten-Passagiere, die wir uns natürlich von ihr fern halten, wo sie kann. Die beiden Stewards (Aufwärter für die Cajütte), ein paar ganz ordentliche Leute, maltraitiert der Kapitain so, daß der eine mir gestern Abend zu verstehen gab, bei Ankunft in New-Orleans wollten sie ihren Lohn im Stich lassen und weglaufen. Die Kranken, deren es es natürlich unter cr. 350 Menschen manche gibt, werden schlecht von ihm versorgt, und wenn ihnen nicht unter der Hand von den Cajütten-Passagieren und den 2 Steuermännern manche Erleichterung verschafft würde, sähe es gar übel um sie aus. Sein Benehmen gegen uns Cajütten-Passagiere ist in hohem Grade roh, ungebildet und ungefällig, während er doch dafür sorgen sollte uns möglichst Annehmlichkeiten zu verschaffen, wie dies jedes Kapitains Pflicht und Interesse erfordert. Die anderen Cajütten-Passagiere, außer Krochmann und Bechem noch 2 Herren aus Bremen, 4 Geistliche und ein Oekonom aus Bayern, sind entschlossen, sich über den Kapitain in Bremen zu beklagen und auch ich habe Lust dazu. Die beiden andern Offiziere an Bord, nämlich der erste und zweite Steuermann, sind dagegen sehr ordentliche Leute, mit denen wir uns viel unterhalten.
Eine interessante Woche liegt hinter mir. Nehmen Sie gef. die Karte von Westindien zur Hand, so werden Sie bald die große Insel Haity oder St. Domingo, zwischen Portoriko und Cuba sehen. Mit gutem Wind segelten wir 2 Tage lang längs der Nordküste von Haity, und erfreuten uns an dem herrlichen Anblick ihrer hohen Gebirge, ihrer felsigen Ufer, wo sich die Wellen schäumend brachen. Einmal kamen wir so nahe, daß sich das Grün der Wälder genau unterscheiden ließ. Es gibt auf Haity Berge von 8000 m Höhe. Bekanntlich ist hier Republik, Neger haben das Ruder in Händen, verwalten aber das Land schlecht, so daß nur 1/2 soviel wie früher dem Boden abgenommen wird. Diese Insel gehört zu den fruchtbarsten und schönsten von ganz Westindien, die Einwohner (freie Neger) sind aber faul und arbeiten nur so viel, wie der Lebensunterhalt knapp erfordert, wozu hier sehr wenig gehört.
Nachdem wir noch die Insel Tortue von weitem gesehen, liefen wir durch den Canal zwischen Haity und Cuba durch und dann westlich über Jamaika nach den Caymanns Inseln. Von Jamaika sahen wir leider gar nichts, und Cuba kamen wir ebenfalls nur bis auf ca. 20 engl. Meilen nahe, so daß wir nur die Umrisse der Berge undeutlich sahen. Wir sind, wie sie sehen, seit 8 Tagen ein sehr großes Stück vorangekommen; bleibt der Wind, wie er ist, so können wir in abermals 8 Tagen in New-Orleans sein, so daß wir dann also 7 1/2 Woche unterwegs gewesen wären. Die Hitze nimmt zu, heute Morgen 7 Uhr im Schatten 25o, in der Sonne 32o, diesen Mittag 37o R.
Seit einigen Tagen sehen wir Schiffe, englische und nordamerikanische, besonders aber spanische. Bei dem bewegten Wasser ist es sehr interessant andere Schiffe zu beobachten, wie sie bald oben auf den Wogen schweben, bald halb in ihnen begraben erscheinen, dabei mit den Spitzen der Masten fast das Wasser berührend. Auch sehen wir hier viele große Raubvögel.
Donnerstag 22. Juni 48.
Ist alles so gegangen wie beabsichtigt, so hat Gustav heute Hochzeit. Um so schmerzlicher es mir ist, dies Fest nicht bei Ihnen zubringen zu können, um so mehr habe ich mich bemüht, es hier zu feiern, um in Gedanken bei Ihnen zu sein. Diesen Mittag habe ich mit meinen beiden Begleitern, ferner 2 der Geistlichen, mit denen ich auf sehr angenehmem Fuß stehe, und dem ersten Steuermann einige Flaschen des mitgenommenen Weins geleert, auf des jungen Paares Wohl, und dabei viel an Gustav und Sie gedacht. Auch Sie mein theurer Vater denken gewiß am heutigen Tag an mich, und fragen sich, wo ich wohl sein möge, und wie es mir geht. Darauf kann ich Ihnen nun zu meiner Freude erwidern, daß es mir gerade heute ausnehmend wohl geht und heiter über die frische Brise, die sich heute, nachdem wir seit Sonntag fast nur Windstille gehabt, erhoben hat und uns frisch hintreibt in die Mündungen des Missisippi. Ich kann Gott nicht genug danken, über das nur geringe Unwohlsein, was ich in den heute hinter mir liegenden 50 Tagen der Seefahrt erfahren habe, über das Abwenden der vielen Gefahren, denen man auf solch einer Reise ausgesetzt ist. Möge es nun dem lieben Gott gefallen, mich auch glücklich bis nach Seguin im Innern von Texas zu geleiten. Wenn wir nun in einigen Tagen nach New-Orleans kommen, ist es möglich, daß mir keine Zeit bleibt, Ihnen weitläufig über meine Ankunft zu schreiben. Ich gebe dann diese Zeilen zur Post, via New-York zur Beförderung an den Steamer, dem schnellsten Weg, wenn auch dem theuersten, was Sie sich gef. für später bemerken wollen.
Unterdessen erwarte ich nun auch Briefe von dort in Galveston bei Consul Klaener. Die Zeit in der ich auf See war, ist so merkwürdig in politischer Beziehung, daß ich ängstlich gespannt bin auf Nachrichten aus Deutschland.
Heute muß ich schließen, die Hitze ist stark, in der Sonne 45o R., im Schatten 30o R. Man ist den ganzen Tag wie in Schweiß gebadet, doch befinde ich mich wohl dabei, und hoffe, die Hitze wird mir auch später nicht schaden.
Mittwoch 28. Juni 48.
Gegen 5 Uhr Morgens erwachte ich durch das Geräusch eines D’Bootes. Ich sprang auf und lief auf Deck und sah zu meiner nicht geringen Freude ein amerikanisches Kriegs-D’boot dicht an unserm Bugspriet liegen. In der Entfernung sahen wir ebenfalls D’Boote. Die Nacht hatte uns endlich, nach fast 8tägiger Windstille in die Nähe der Missisippi-Mündungen gebracht - wir befanden uns wirklich in der Nähe des Landes. Die veränderte Farbe des Wassers, schmutzig gelb anstatt klar blau, und die Strömungen in demselben, ließen auf ein nahes Ufer schließen. Auf einen unvergleichlich schönen Sonnenaufgang, wie ich deren nur in diesen südlichen Meeren gesehen, folgte ein erquickender Regen.
Gegen 8 Uhr näherte sich uns eines jener großen D’Boote, die dazu bestimmt sind, alle Segelschiffe, die den Missisippi hinauf wollen, über die Barre vor den Mündungen des Flusses zu schleppen. Bald waren die großen Taue befestigt und alle Segel unseres Schiffes eingerefft, und mit rasender Schnelligkeit ging’s voran, dem Missisippi zu. Endlich um 11 Uhr hatten wir den unbeschreiblich entzückenden Anblick - nach so einer langen Seereise - von grünem Land ganz nahe an unserem Schiff. Freilich nur schön für Augen, die seit 2 Monaten kein Land so nahe sahen, denn die Ufer des Flusses sind hier morastig, sumpfig, mit hohem Schilf bewachsen, in denen 1000de von großen Aasgeiern hausen. Nachdem wir ein kleines Lootsendorf passiert, ändern sich nach Tisch die Ufer. Wir sehen kleine Bäume, dahinter elende Hütten mit Plantagen voll der üppigsten Gewächse. Dicht am Ufer liegen herabgetriebene Holzstämme, in denen Alligatoren bis zu 10’ Länge hausen; mehrere werden vom Schiff aus geschossen.
Abends 6 Uhr passierten wir 2 Forts, auf jeder Seite des Flusses eins, von denen aus der Fluß beherrscht wird. Die Gegend ist höchst malerisch, große Waldparthien mit undurchdringlichem Dickicht von Schlingpflanzen, große Plantagen, Zuckerbau, Baumwollen Stauden, Citronen- und Feigenbäume; dazwischen, lieblich zwischen Gebüschen versteckt, die Wohnungen der Plantagenbesitzer.
Donnerstag. 29. Juni 48.
Nachdem uns Nachts die Musquitos nicht wenig geplagt, bemerken wir Morgens gegen 7 Uhr die Thürme von New-Orleans! Heftige Hitze, die immer zunimmt. Gegen 9 Uhr sind wir an der Stadt, die sich auf beiden Seiten des Flusses ausdehnt, und deren Straßen theilweise tiefer liegen wie der Fluß. Unser D’Boot schleppt uns bis über die Stadt, und wir legen endlich am nördlichsten Theil derselben, Lafayette genannt, dem prachtvollen städtischen Hospital gegenüber an. Beide Ufer des Flusses, die Stadt entlang, dienen zum Anlegen der Schiffe, und bilden so den schönsten Hafen; die größten See- und Kriegsschiffe können bis hier hin kommen! Allerlei Menschen kommen sofort nach unserer Ankunft an Bord, vom schwarzen Afrikaner und Mulatten, bis zum feinen weißen Amerikaner; Franzosen, Deutsche, Engländer. Der eine bietet Brod an, der andere frische Milch, Butter, Früchte, frisches Fleisch etc., etc; alles neue Dinge für den Ankömmling! Viele suchen Gäste für ihr Wirtshaus, oder erkundigen sich, wo die Emigranten hin wollen, um auf eine oder andere Weise dabei zu verdienen, denn nur das Interesse treibt alle diese Leute an Bord.
Wir hören hier so schlechte Nachrichten über Texas, daß uns ganz ängstlich zu Muth wird. Viele andere Leute aus dem Zwischendeck, die nach Texas wollten, werden dadurch von ihrem Plan abgebracht und gehen den Missisippi hinauf nach St. Louis. Die große Hitze und die schlaflose Nacht machen mich so unwohl, daß ich erst gegen Abend das Schiff verlasse und an Land gehe, dessen Anblick mich aber keineswegs erfreut, denn ich sehe nur sumpfige Ufer und Wasserpfützen zwischen Häusern und in den Straßen schlechte Baracken und Branntweinschenken und Baumwollen Pressen in Lafayette.
Im Hafen von New Orleans. Freitag 30. Juni 48.
Lieber Vater.
Gestern sind wir endlich nach 2monatlicher Reise hier angelangt und eilen nun, so viel wie möglich, weiter nach Galveston zu kommen. Gott sei Dank befinde ich mich wohl; das gelbe Fieber herrscht noch nicht in der Stadt, Sie können sich also beruhigen. Es bleibt mir keine Zeit Ihnen mehr zu schreiben. Viel 1000 Grüße an Alle.
Ihr treuer Sohn
Otto
Bis Freitag 7. Juli müssen wir in New-Orleans verweilen; die Regierung hat alle D’Boote, die zwischen New-Orleans und Galveston gehen, engagiert, um Truppen aus Vera-Cruz zurück zu holen. Der Kapitain des „Uhland“ erlaubt uns, so lange auf dem Schiff zu bleiben, was für uns sehr vortheilhaft ist, denn in New-Orleans ist das Leben sehr theuer. Die Stadt ist groß und reich, hat ungeheure Schiffahrt; der ganz Handel des Westens von Nord-Amerika geht über hier! Im Sommer wird alles bedeutend stiller, des gelben Fiebers halber verläßt dann 1/3 aller Einwohner die Stadt und flüchtet an gesundere Ufer. Dennoch sah ich jetzt täglich 30 - 40 D’Boote an der Stadt liegen, die nur zwischen hier und St. Louis fahren und 600 Menschen und 600 Last Güter laden können; im Winter soll deren Zahl doppelt so groß sein.
Hafen von New Orleans 1840
Nie machte eine Stadt einen unangenehmeren Eindruck auf mich, als wie diese! Man sieht jedem an, daß er nur hier lebt des Gewinnes halber, und die Stadt wieder verlassen wird, sobald sein Vermögen es ihm erlaubt. Neben prachtvollen Stores, in de nen alle Luxusgegenstände unseres verfeinerten Europa’s zu haben, sieht man oft ganz elende Holzbaracken von armen deutschen Handwerkern. Branntwein Schops an allen Ecken, und immer gefüllt von Leuten jeder Gesichtsfarbe, denn es gibt hier auch viele farbigte Freie. Hitze fortwährend 25 - 30o. Nachts nicht unter 23o, viele Musquitos und Flöhe, wogegen uns die Musquito-Netze indessen gut schützen. Mir sind Flöhe noch unangenehmer wie Musquitos. Das Pflaster in den Straßen ist ganz entsetzlich schlecht und hat oft 2 Fuß tiefe Löcher, in denen Wasser steht; dennoch fährt man mit dem Omnibus im Galopp darüber, muß sich dann aber wohl festhalten, will man nicht Arm und Bein zerbrechen. Das Trottoir ist aus Backsteinen, doch liegt kein Stein ganz fest, das Wasser kommt zwischen durch hervor! Häuser sind entsetzlich liederlich gebaut, oft ohne Fundament 3 Stock hoch; fällt ein Haus ein, so läßt man’s liegen, bis es jemand anderem einfällt, da ein neues Gebäude hinzusetzen.
Der 4. Juli ist in den United States of North-Amerika der größte Festtag, als Tag ihrer Unabhängigkeits Erklärung. In New-Orleans sahen wir an diesem Tag einen großen Umzug von Militair zu Fuß und zu Pferd, Artillerie, Nationalgarden, aus Mexiko zurückgekehrte Truppen mit General Taylor und Buttler (den jetzigen Kandidaten für den Präsidentenstuhl in Washington), Feuermannschaften, Corporationen und etc., etc. Mittags waren große Diner’s und Abends Feuerwerke. Bei unseren Empfohlenen, Schmidt u. Cie, das größte deutsche Haus in New-Orleans, Cramer, Warneke u. Kirchhoff wurden wir gut aufgenommen.
Endlich, am 7. Juli gingen wir von New-Orleans ab, für $ 20 à Person pr. D’Boot „Globe“; wir hatten die Tage und Stunden gezählt! Denselben Weg, den wir den Missisippi hinauf gemacht, fuhren wir auch hinunter und waren nach 12 Stunden wieder in den blauen Gewässern des mexikanischen Meerbusens. Nach glücklicher Fahrt in 5, 6 Std. landeten wir
Sonntag. 9. Juli 48.
gegen Mittag in Galveston und betraten zum ersten Mal texanischen Boden! Die Stadt hat ca. 2000 Einwohner und freundliche, sauber angestrichene Häuser, alle von Holz, leicht gebaut, mit Gallerien, auf denen man gerne den angenehmen Wind genießt, der beinahe während des ganzen Tages in Texas weht und das Clima gesund macht. Bei einem Deutschen, Beißler, logieren wir recht gut für $ 1 1/2 pr. Tag, und die H. Frederik Jockusch u. Co., an die wir div. Empfehlungsbriefe hatten, nahmen uns freundschaftlich auf. - Herrliches Seebad mit Wellenschlag.
Montag 10. Juli mußten wir liegen bleiben, das D’Boot nach Huston geht nur Dienstag. Wir lernen Consul Klaener kennen, Oettig, Steil u. Co., die bekannten Herren Müller u. Fischer aus Huston, die nach Deutschland wollen, um ihr Geld vom „Verein“ zu holen, und hören außerordentlich viel hier über die sog. Schlechtigkeiten, Betrügereien, Nachlässigkeiten u. ct. des „Deutschen Vereins zum Schutz der Auswanderer nach Texas.“
Dienstag Morgen 11. Juli 48
pr. D’Boot „Beliance“ für $ 1 1/2 ab nach Huston; Abends 6 Uhr sind wir da, logieren bei einem Berliner, Cannabis, recht gut für $ 3/4. Die Fahrt war recht interessant; nachdem wir die Galveston-Bay passiert, kamen wir in die Buffalo-Bay, und sahen sehr schönes bottom Land mit Cedern, verschiedenen Eichen Arten, Lorbeer, Pecannuß, Pfirsich-Bäumen u. ct., dazwischen merkwürdige Schlingpflanzen und Moos, das von den Bäumen herabhängt.
Im Fluß Schildkröten, Fische u. ct., am Ufer kleine Ansiedelungen. Die Gegend hier ist ungesund wegen ihrer tiefen Lage, gerade so wie Galveston, doch nicht so, daß hier etwa das gelbe Fieber im Sommer herrscht wie in New-Orleans; nur das kalte Fieber quält hier oft die Leute, besonders frische Einwanderer, ohne gefährlich zu sein.
Von Huston geht wöchentlich zweimal eine Post nach La Grange, Bastrop, Austin und Gonzales, Seguin, N. Braunfels ab, Donnerstag und Montag Morgens 7 Uhr. Nach La Grange (2 1/2 Tag) kostet es $ 10, nach Seguin (4 Tage) $ 18 pr. Person, mit 30 [?] Gepäck frei. Theils um dies Geld zu sparen, größtentheils aber auch, um das Land unterwegs näher kennen zu lernen, nahmen wir einen nach La Grange zurückkehrenden leichten Frachtwagen mit 4 Mauleseln und fuhren für $ 12 in 5 Tagen nach La Grange, hatten auf dem Wagen unsere Sitze und Koffer, Reisesäcke und Mantelsäcke bei uns, was auf der Post viel Uebergewicht gekostet haben würde. Unsere emballierten Kisten bleiben in Galveston.
Nachdem wir uns mit
2 Pfd. Kaffe
$ -.20.
4 Pfd Zucker
-.40
1 Fl. Essig
-.20
$ 6.80
1/2 Buschel
Kartoffeln
-.40
1 Schinken
1.95
10 Brodte
-.75
Salz
-.05
5 1/2 Pfd. Käse
-.55
5 Pfd Aepfelschnitz
-.40
2 Fl. Wisky
-.70
Blech. Kaffekanne
-.50
Kochtopf
+3 Näpfe zum Trinken
-.70
ferner Rhabarber, Sennisblätter [?] und Castorol zum gurgieren, falls einer etwa plötzlich krank werden sollte, versehen hatten, ging die Reise vor sich, durch die sog. Huston Prairie in der Richtung von St. Felipe de Austin am Brazos. Die ersten Tage waren entsetzlich langweilig; große Hitze, so daß wir nur Morgens und Abends fuhren, und von 10 - 5 Uhr unter einem Baum liegen blieben. Dabei ganz flache Prairie, oft 5, 6, 10 Meilen weit ohne Haus oder Wald. Zur Bereitung des Essens wurde Feuer angemacht, und dann gekocht und gebraten, soviel es unsere Vorräthe erlaubten. Waren wir in der Nähe von Farmen, so holten wir uns Milch und Eier, und lebten dann wirklich sehr gut! Zuweilen hatten wir Wassermangel, was freilich sehr unangenehm war, besonders auch für die Pferde.
Am dritten Morgen, nachdem ich sehr gut auf meinem Mantel unter dem klaren Sternenhimmel geschlafen, kamen wir in den Brazosbottom; ich ging dem Wagen 1/2 Std. weit voraus, um mit größerer Ruhe diese nie gesehene Natur zu bewundern. Auf beiden Seiten des Weges war prächtiger Urwald mit mächtigen Elmen, Cedern, Eichen, Pecanen, wilden Pflaumen Bäumen etc., dazwischen undurchdringliches Dickicht, Schlingpflanzen von Baum zu Baum, zum Beispiel wilde Weinreben so dick wie mein Schenkel. Zwischen dem Allen dicke Bäume umgestürzt, theils vom Blitz zerstört, theils vom Alter umgeworfen. Vielerlei Vögel mit herrlichem Gefieder, auch Eichhörnchen, Wild, Hirsche, Rehe, Hasen ließen sich sehen; für das Mittagessen schoß ich einen Hasen. Schlangen, Bären, Wölfe bemerkte ich gar nicht, obwohl sie wohl hier hausen, aber den Menschen immer fliehen, so daß man in Texas entsetzlich ausgelacht wird, wenn man von Furcht vor ihnen spricht.
Nachdem ich 3 Stunden immer voran gegangen war, und noch einige Vögel geschossen hatte, kam ich an die orangegelben Gewässer des Brazos, die Ufer sind sehr steil und waren jetzt wohl 30 - 40 Fuß hoch, so daß, nachdem der Wagen mich eingeholt, wir Mühe hatten, ihn hinunter auf die Fähre zu bringen. Augenblicklich ist der Fluß nur halb so breit wie der Rhein bei Cöln. Am entgegengesetzten Ufer fanden wir wieder Deutsche, u. a. einen Schmidt, der zugleich einen Store hat, wo wir ein gut Glas Bordeaux tranken. Nachdem wir an einem prächtigen Brunnen unser Wasserfäßchen gefüllt, ging’s bei starker Hitze weiter, und so kamen wir endlich Abends 9 Uhr, nach einem sehr ermüdenden Tage in Cattspring an, wo 25 deutsche Farmer und 7 amerikanische friedlich zusammen wohnen.
Sonntag 16. Juli 48
Heute blieben wir in Cattspring und logierten einmal wieder in einem Haus bei einem Berliner Namens Mücke, aßen bei ihm das erste Maisbrod, texanische Pfirsiche, beaken, und rauchten den ersten texanischen Tabak, alles zu unserer großen Zufriedenheit. Seitdem bin ich sogar ein großer Verehrer des texanischen Maisbrods geworden, und ziehe es dem deutschen Weizenbrod vor! Das Land hier ist ganz hügelig, hat sehr gutes Quellwasser, schöne Waldungen und fruchtbare Prairie, ferner Wild, auch Bären, deren Fleisch man dem Hirschfleisch noch vorzieht, Beuteltiere, Stinktiere, große Eulen, Wölfe (nur den Schafen gefährlich), Taranteln, Skorpione, Schlangen, von denen der Biß der Klapper-, Kupfer-, Mocassin- und Cotton-Mouth-Schlange giftig ist. Amster aus dem Schinzach-Thal in der Schweiz, der älteste Ansiedler in Cattspring, wußte mir nicht einmal zu sagen, was man gegen den Biß einer giftigen Schlange thut, so selten kommen dergleichen Fälle vor. Fast 3 Wochen habe ich in Texas auf bloßer Erde in Wald und Feld auf meinem Mantel unter freiem Himmel geschlafen, und bin noch von keinem Thier belästigt worden.
Montag gings weiter, durch schöne hügelige Gegend und Dienstag kamen wir nach der Stadt La Grange am Coloredo Fluß. Hier besuchten wir einen Herr Rhode, Kaufmann, der früher einige Jahre in Elberfeld war, und auch Sie, lieber Vater, Jung’s in Elberfeld und viele Andere kannte.
Hier und in der Gegend wohnen wieder viele Deutsche, wie man denn überhaupt in ganz Texas mehr Deutsche trifft, wie einem lieb ist, denn durchschnittlich sind sie nicht so gute Nachbarn, und meinen es nicht so redlich mit neuen Ankömmlingen wie die Amerikaner. Wir blieben hier zwei Tage.
Von La Grange fuhren wir mit einem ähnlichen Fuhrwerk für $ 18 in 4 Tagen zu Rhodius bei Seguin. Wir passierten ganz liebliche Gegenden und Flußtäler, fruchtbar und hügelig und schön bewaldet oder Weideland. Nachdem wir den Hieronimo-Bach passiert, der hier eine Mahl- und Sägemühle treibt, kamen wir 1 engl. Meile jenseits, 2 Ml. von dem Städtchen Seguin am
24. Juli, Montag Abends
bei Rhodius an. Möglichst bald versahen wir uns mit Reitpferden, und machten dann Touren zu Pferd in die Umgegend um uns das Land anzusehen. Wir waren in Plum-Creek (Bach) 26 engl. Meilen von Seguin, wo 600 acres à $ 1 zu verkaufen sind; dann in New-Braunfels, wo 1500 Deutsche wohnen, u. a. auch Herr Stahely aus Elberfeld, der 800 acres à $ 1 1/4 hier gekauft hat, alles natürlich ganz rohes Land ohne Haus und Feld und Einzäunung u. ct. Er hat wie so viele vor ihm den dummen Streich gemacht, Leute aus Europa frei mitzunehmen unter der Verpflichtung, daß sie einige Zeit bei ihm arbeiten. Aber kein mündlicher oder schriftlicher Contrakt in Europa gemacht, hat hier Gültigkeit; sein Schlosser und Maurermeister und andere Arbeitsleute liefen ihm alle davon, nachdem sie erfuhren, daß sie anderswo höheren Arbeitslohn bekommen konnten, nur ein Schreiner blieb bei ihm.
Will jemand deutsche Arbeitsleute mitbringen, und von solchen Leuten machen gewiß unter 100 99 hier ihr Glück, so nehme er nur solche, die sehr ordentlich sind, besonders die nicht saufen, die ihr Handwerk verstehen (Tischler, Zimmerleute, Schlosser, Maurer u. ct.) und die die Reise selbst bezahlen können, Pr. Th. 50, oder 40 Gold von Bremen nach Galveston im Zwischendeck und von da noch höchstens 30 $ oder 45 Th. prs. bis hier. Nach Ankunft hier in Texas, schon in Galveston, mache er einen schriftlichen Contract mit ihnen, wenn auch nur auf 1 oder 2 Jahre, und verpflichte sie gegen den und den Lohn pr. Monat und freie Kost und Logis, so gut wie die Umstände es erlauben, bei ihm zu arbeiten, und zwar, wenn es die Umstände erforderten, auch andere Arbeiten, als wie in ihr Fach gehörten, z. B. Arbeiten beim Hausbau, Holz dafür herbeifahren und behauen und aufrichten etc. und daß es ferner frei steht, den Lohn in Vieh auszuzahlen. So unvortheilhaft dies vielleicht manchem Handwerker erscheinen mag, so ist dies de facto doch nicht der Fall, denn er hat dadurch den sehr großen Vortheil, sofort nach Ankunft im Lande eine gesicherte Existenz zu bekommen, und nicht zu risquieren, Hab und Gut durch Speculanten, denen er so leicht bei Unkenntnis der Sprache und Verhältnisse in die Hände fallen kann, zu verlieren! Denn, wenn ich auch vorher sagte, daß die persönliche Sicherheit hier groß ist, daß Diebstahl selten ist und mit Auspeitschen oder gar dem Tod bestraft werden soll, so muß man sich doch sehr hüten, nicht betrogen zu werden, und zwar sind es leider meistens Deutsche, die ihre Landsleute hier über’s Ohr zu hauen suchen.
Ich habe besonders viele Leute in und bei N. Braunfels gesprochen, die durch den „Verein“ um alle ihre Habe gekommen sind, denen es aber jetzt, nachdem sie sich tüchtig an’s arbeiten gegeben, wieder gut geht, und die nun nach hiesigen Begriffen ganz gut leben, und eigenes Häuschen, Garten, Land und Vieh haben.
Den Faulenzern und Trunkenbolden aber, und davon gab es noch in diesem Jahre viele in N. B., geht’s allerdings nicht gut; nachdem sie alles durchgebracht, mußten sie sich als Tagelöhner, Viehtreiber, Fuhrleute vermiethen, und es soll besonders manchem adeligen jungen Herrn so ergangen sein!
Der „Verein“ scheint allerdings viel, sehr viel verschuldet zu haben. Er machte Versprechungen, die er nicht erfüllen konnte, wegen Unkenntnis des Landes und seiner Verhältnisse, und weil er unpraktische Leute an die Spitze stellte. Er hätte Deutschland unendlich viel nützen können und Tausenden unbemittelten Deutschen hier ein sorgenloses wenn auch einfaches Leben verschaffen. Anstatt dessen brachte er Texas in Deutschland nur in Verruf, wie es dies Land nicht verdient. Nach Ankunft der Vereins-Schiffe in Galveston und Indianpoint ließ er die armen Emigranten dort Wochen, ja Monate campieren, ohne Nahrungsmittel, ohne gutes Wasser, ohne Schutz gegen Sonne und Regen, und dies in Gegenden am Meere, die allerdings ungesund sind! Er hatte die erforderlichen Transportmittel nicht überschlagen! Endlich wurden sie herbeigeschafft à tout prix, und dadurch große Summen verschwendet! - Hier nur ein Beispiel der vielen Dummheiten des „Vereins“.
Enfin, die Geldverhältnisse wurden bald der Art, daß niemand der vielen Leute, die in Deutschland größere oder kleinere Summen baren Geldes bei der Direction deponirt hatte, auch nur einen Pfennig davon hier wieder bekommen konnte. Und die Schulden des „Vereins“ hier im Land sind ferner so groß, daß alle seine Ländereien mit Beschlag belegt sind, und verschiedene seiner Creditoren, die 5, 10 ja 20 000 $ an ihn zu fordern haben, nach Deutschland gereist sind, um die hohen Mitglieder desselben, Prinz v. Preußen, Herzog von Nassau, Fürsten und Grafen von Leiningen, Castel, Solms etc. etc., gerichtlich zu belangen.
Wir wollten noch eine Tour von einigen Tagen den Guadelupe hinauf über Braunfels machen, aber unsere Pferde bedurften einiger Ruhetage, und ich hatte bei einer Fahrt, wo uns die Pferde durchgingen, einen Schlag an’s Schienbein bekommen, der durchaus verlangte, daß ich mich einige Wochen schonte. Leider ist die Wunde immer noch nicht wieder in Ordnung, obgleich 3 Wochen seitdem verstrichen sind. So kehrten wir zu Rhodius zurück, wo sich unterdessen andere Aussichten für uns eröffnet hatten. Unter anderem wurde uns die Farm „Willow Spring“ angeboten, 300 acr., 50 acr. cultiviert, mit Mais bebaut und eingezäunt zum Schutz gegen Vieh und Wild, ein Garten mit 1 acr. Kartoffelland, vollkommen hinreichende Wohngebäude und Scheune für $ 1000. Die Sache schien aus doppelten Gründen vortheilhaft, wir schlugen zu und sind nun Besitzer und Bewohner von „Willow Spring“ 2 Meilen von Seguin.
Auf die Dauer, wenn wir später 3 Haushaltungen bilden wollen, wird diese Farm uns schwerlich mehr genügen. Ich gehe darum jetzt schon darauf aus, mir irgendwo einen uncultivierten Streifen Landes etwa am Guadelupe über N. Braunfels oder anderswo auszusuchen und zu kaufen, wenn die Gelder, die ich von Ihnen erwarte, ankommen. Das Geld ist augenblicklich sehr rar hier im Land in Folge der „Vereins“ Angelegenheiten, und man kann mit Cash billig und vortheilhaft ankommen.
Ich hoffe, lieber Vater, Gustav wird Ihnen helfen, meine unleserliche Schrift zu entziffern. Ich bin so entwöhnt vom Schreiben, daß es mir schwer wird.
Willow Spring (Weiden Quelle) 2 engl. Ml. von Seguin 13 engl. Ml. von N. Braunfels. 2 engl. Ml. v. Rhodius 12. Aug. 48
Mein lieber theurer Vater!
