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Lebenserinnerungen des berühmten Malers Hans Thoma. Von ihm selbst verfasst.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
In seinem letzten Buche: »Feierabend« schreibt der Pfarrer Hansjakob gar lieb über mich und gedenkt unserer kurzen Altersfreundschaft. Er sagt auch, daß er mich ermuntert habe, meine Lebensgeschichte vom Wälderbübli bis zur Exzellenz zu schreiben, ein Hans-Thoma-Büchle für das Volk; daß, wenn er jünger und öfters um mich wäre, er mir keine Ruhe lassen würde, bis ich dies Volksbüchlein schriebe.
Ich lernte Hansjakob nicht früher als im August 1911 persönlich kennen, und zwar zufällig, indem wir uns im Gasthaus St. Blasien trafen; ich besuchte ihn dann im Pfarrhaus in Freiburg, wo er mich und meine Schwester im Kreise einiger Freunde und Freundinnen gar gastlich köstlich am Mittagstisch bewirtete, er war von warmer Herzlichkeit gegen mich – wie sie nur ein tieferes Seelenverständnis – eine Wesensverwandtschaft, die über dem persönlich Trennenden Verschiedenen der eignen Art eine Brücke schlägt, hervorbringen kann –, eine Freundschaft, wie sie zwischen in hohem Alter stehenden Persönlichkeiten ganz besonders schön sein kann.
Hansjakob hat mit großer Bedächtigkeit sich sein eigen Grab gebaut, ja, man könnte fast sagen, daß er mit einer gewissen Behaglichkeit um die ihm werdende Ruhestätte herumgeflattert ist. Wenigstens hat er mir ernstlich zugeredet, ich solle mich doch nicht in der Stadt begraben lassen, sondern ich soll mir eine Ruhestätte auf dem Bernauer Gottesacker gründen – der allerdings sehr schön liegt. Nun mußte ich gestehen, daß ich nie viel Sinn hatte dafür, was mit meinem Staubleib nachher geschieht. Wenn man achtzig Jahre die Unruhe des Lebenswillens mitgemacht hat, so soll man froh sein, wenn man zur Ruhe kommt – beim Abschied den Staub abschüttelt, ihn irgendwo wieder der Erde zurückgibt. Hansjakob war eine Kämpfernatur und hatte eine Künstlerseele – er war eine tiefempfindende von reichem Leben bewegte Natur, kein Wunder, daß er sich in Sehnsucht nach Frieden sein Grab baute.– Nun ruht er dort!
Sein Wort: »Schade! Wenn ich jünger wäre und öfters um den jungen Altmeister, würde ich ihm keine Ruhe lassen« – kommt jetzt aus dem Grabe. Haben nicht auch die abgeschiednen Seelen noch Macht über die noch im Leibe wandelnden? »Ich würde ihm keine Ruhe lassen« klingt mir gar merkwürdig, so daß ich es jetzt noch unternehmen will, schon nahe an des Grabes Rand stehend, eine Art von Lebensbild zu entwerfen – geb’ Gott, wie weit ich damit komme. Aus alten Erinnerungen will ich es weben, auch aus alten noch vorhandenen Aufzeichnungen, die ich spärlich besitze. Ich habe meine Tagebuchaufzeichnungen fast immer, wenn ich sie später durchsah, als unnötiges Zeug vernichtet. Ob ich nun an ihrer Ehrlichkeit zweifelte oder auch manchmal an ihrer ungeschminkten Ehrlichkeit mich ärgerte – warum soll man denn Sachen ausbreiten vor andern, die man selber gern vergessen möchte? Da ich mich aber einmal entschlossen habe zu schreiben, muß ich halt meine Worte so mischen, wie es mir notwendig scheint, um andern verständlich zu sein.
Hansjakob hat es gut erraten und in seinem »Feierabend« auch verraten, daß ich auch jetzt noch die Schüchternheit des Wälderbüblis nicht ganz abgelegt habe.
Schüchternheit ist gewiß keine Tugend, sie ist eine Schwäche, der Schüchterne leidet unter dem Gefühl, daß er durch sein Dasein andre belästigen könnte, und er meint leicht, daß er sich entschuldigen müsse, daß er auch da ist und Platz beanspruchen muß.– Schüchternheit ist aber doch eine schöne Seeleneigenschaft, aus der die zarte Rücksichtnahme auf die andern erwächst – sie ist somit ein guter Nährboden für die Gewissenhaftigkeit.
So ein Büble, welches in der Einsamkeit eines abgelegnen Schwarzwalddorfes aufgewachsen ist, ist gar oft ein rechter Fürchtebutz, er sieht leicht Gespenster, und vor fremden Menschen hat er eine natürliche Scheu, er fürchtet von ihnen eine Störung seines friedlichen Seins, er traut der Sache nicht – er ahnt, daß es nicht so ganz sauber ist in den Zuständen, die im Menschenleben herrschen – denn die Menschen sind in ihrer Begehrlichkeit stets bereit, einander den Frieden zu rauben im Kleinen wie im Großen – das ist der Weltlauf –, das ist das Leben.
Je einsamer so ein Wälderkind aufwächst und je mehr es zu seinem Schutze an der Schürze der Mutter hängt, um so scheuer wird es den Menschen gegenüber sein, ja manchmal empfindet es schon den Vater als Menschen. Ich entsinne mich noch gut, welchen Eindruck mir das Wort Mensch gemacht hat, als ich es als Kind in einem Gespräch zwischen Erwachsenen das erstemal hörte, sie sprachen von hinterlassenen Spuren, die nicht von einem Tier, sondern von einem Menschen herrührten. Ein Mensch, das war in meiner Vorstellung etwas seltsam Unheimliches, mit dem ich nicht zusammenkommen möchte. – Es ist lange gegangen, bis ich erfuhr, daß auch ich ein Mensch sei; auch später im Leben war es mir immer am wohlsten, wenn ich gar nicht daran dachte, daß ich ein Mensch sei. Doch man gewöhnt sich an alles – nur beschleicht mich jetzt ein ähnlich unheimliches Gefühl, wenn ich von Übermenschen höre.
Ein Stadtkind, ein Bürschlein aus einer Industriegegend mag wohl diese Schüchternheit nicht haben, der Umgang witzigt es, es muß bald wehrhaft werden, und so wird es frech und hat keine Furcht vor den Menschen – so wird auch das Gefühl, das wir Ehrfurcht nennen, es nicht leicht übermannen, ja, es kommt wohl dazu, als Zeichen seines Widerstandes, als Symbol selbstbewußter Ichheit seinem Gegenüber die Zunge auszustrecken.
Aber beide Bürschlein müssen sich durch das Leben hindurcharbeiten – sie müssen Lehrlinge werden, was bekanntlich auch der Teufel, der alle Stände ausprobierte, als einziger nicht aushielt – da ändern sich gar oft die Verhältnisse – man weiß, daß Schüchternheit gar leicht in trotzig tapfern Mut umschlagen kann, daß so ein Hasenfuß auf einmal seinen Mann stellt – so daß man sagt: Stille Wasser sind tief – auch da noch, wo manchem Frechdachs das Herz weit hinunterfällt. Der Wind des Lebens wirbelt eben gar seltsam Korn und Streu durcheinander. Die Romanschreiber haben es da gut, sie brauchen nur hineinzugreifen in den Wind des vollen Menschenlebens.
So will auch ich nun tun und will dir, du alter Schwarzwäldergeist, der jetzt vom Grabe her mahnt, nun folgen, will auch alle Schüchternheit ablegen, will erzählen und sagen, daß auch ich noch da bin. – Sich erinnern, erzählen, auch ein wenig fabulieren darf doch das Alter – die Kinder hören es gerne, diese Zuversicht muß das Alter haben, sonst schweigt es und setzt sich still auf die Ofenbank und zwirbelt die Daumen übereinander.
Das Leben ist keine freiwillige Sache, es ist Zwang, wie es uns gegeben, wie es uns genommen wird – darum sagen wir: »Unser Leben steht in Gottes Hand«.
Ich will mich nun bestreben, in dem was ich über mich und mein Leben sage, so wahrhaftig zu sein – wie es mir paßt. Ich will mich auch bestreben, nicht in den immerwährenden Fehler zu verfallen, der manchem Deutschen anhängt, wenn er sich in der Öffentlichkeit bemerklich macht – daß er meint, in gesteigertem Wahrheitsgefühl auf dies und jenes schimpfen zu müssen, was ihm im Wege steht – oft auch auf das, was er nicht kennt; er müßte jetzt so recht einmal seine Meinung sagen etwa nach einer Formel, die so lauten könnte: Im Deutschen schimpft man, wenn man die Wahrheit sagt. Das ist aber freilich nicht immer der Fall, daß der, welcher schimpft, die Wahrheit sagt.
Ich werde nun sicher nicht in solchen Fehler verfallen, schon deshalb nicht, weil ich ja über mich selber schreibe und ich mich doch nicht selber herunterputzen will, indem ich mir schimpfend die Wahrheit sage – die Gefahr, die näher liegt, mich selber heraufzuputzen, will ich so gut, als ein Rest von Eitelkeit, der mir vielleicht im achtzigsten Lebensjahr noch geblieben sein sollte, es erlaubt, entgegenarbeiten. Beruf, andern die Wahrheit zu sagen, habe ich nie in mir gespürt.– Ich hatte immer zu viel Respekt vor der Wahrheit, als daß ich sie dem und jenem an den Kopf werfen möchte. Wo ich nur kann, werde ich die Bravheit der Deutschen loben, die freilich mancher Urdeutsche Philistrosität nennt, ich habe jederzeit sein treuherziges Micheltum gern leiden mögen, ich habe sogar manchmal gemeint, daß er die festen Grundlagen seiner Kultur auf sein Micheltum aufbauen könnte, auf seine Treue und Ehrlichkeit, auf seine Gutmütigkeit und Gerechtigkeit, auf seine Deutlichkeit d. h. Deutschheit, so recht aus seinem Volkstum heraus.
Bernau, wo ich am 2. Oktober 1839 zur Welt gekommen bin, ist um den Johannestag herum ein von Blumen- und Honigduft erfülltes hochgelegenes Wiesental, von braunen Forellenbächlein durchzogen, die alle als Alb nach Osten ziehen, es liegt südlich vom Herzogenhorn, ein Kranz von Bergen, so gelagert, daß sie das Tal nicht einengen, umgibt es mit dunkeln Tannen. An das Herzogenhorn schließt sich das Spießhorn an, dann östlicher der Kaiserberg und der Steppberg, dann das Albtal St. Blasien zu, südlich der Rechberg, dann der Oren, der Farnberg, dann die Todtmooserstraße, der Hochkopf, im Westen der stattliche Blößling, zwischen dem und dem Herzogenhorn die Wacht, die Wasserscheide der westlich ziehenden Wiese und der östlich ziehenden Alb; über die Wacht führt die Straße nach Schönau.– Durch das stundenlange breite Tal reihen sich die mit Schindeln gedeckten braunen Holzhäuser, bilden in dem grünen Tal einzelne Dorfgruppen, in deren mittleren sich die Kirche befindet. Bei der etwa 900 Meter Höhe, in der sich das Tal befindet, ist der Winter recht lang und sehr schneereich. – Schön sind die zahlreichen Kuh- und Ziegenherden, welche den Sommer über an den Berghalden hin weiden – die Viehzucht spielt im Erwerbsleben eine Rolle neben der Holzwarenindustrie, die in fast allen Häusern betrieben wird.–
Das ungefähr ist die Örtlichkeit, in der sich mein Kindheitsparadies abgespielt hat – die für Rinder dort geschaffenen Paradiesesfrüchte sind die Heidelbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Preiselbeeren; von denen wir alle essen durften, das war gut! Zwischen hinein sangen wir unsre Beeriliedli. Z. B.
Beereli, Beereli hei goh ’s
Beerimännli isch zu ins cho
’s hat is alle Beeri gno
’s Böuchli voll, ’s Gratteli leer,
Weil Gott, daß i daheim war.
Aber auch neckisch klang eines, das es auf den Bannwart, den Bammert, den von den Rindern gefürchteten Feld- und Waldhüter, abgesehen hatte.
Beeri Beeri Tschare
De Bammert goht go jage
Er hocket hinter de Hecke
Er möcht is d’Ohre strecke.
Gar gern möchte ich nun dem geneigten Leser einen schönen Wiesenblumenstrauß pflücken oder eine Handvoll duftiger Beeren reichen aus meinem Kinderheimattal, welches oft noch in meiner Erinnerung wie ein goldenes Glück vor mir schwebt. Ich möchte damit den Leser bestechen, daß er mir gerne folgt vom Blumengeruch angelockt, daß er auch mitgeht, wenn er merkt, daß es nicht immer so durch Blumenauen geht im Lebenslauf, sondern manchmal auch durch Sorge, Not und Leid und Schmerzen und Dunkelheit, aus denen eben auch alle Himmelschlüsselblumen hervorwachsen müssen, wie die natürlichen aus dem moderbraunen Akkergrund. Aus dem Modergeruch der Verwesung ziehen die Blumen und Beeren ihr Wachstum und bereiten mit der Gnade des Himmelslichtes durchaus ihre Wohlgerüche und Süße – auch die Pflanzen haben ihre Seele, welche jede nach ihrer Art zu Form, Farbe, zu Blüte und Frucht sich gestaltet – so hat auch die göttliche Seele aus Erdenmasse das vergängliche Gehäuse des Menschen gebildet. Nun ist es wohl Aufgabe der Seele, dies ihr Haus durch alle Fährlichkeiten des Daseins zu erhalten, vor den unheimlichen Mächten zu schützen, die ihm Vernichtung drohen. Das ist des Lehens Lauf.
Nun will ich aber in sachlicher Art und, so viel ich es kann, der Zeitfolge nach erzählen, und da meine ich, daß ich einen guten Anfang finde, wenn ich meine Gedanken nach der Mutter hin wende, daß, wie mein Leben von ihr seinen Ursprung genommen auch diese Erzählung von meinem Leben in ein richtiges Geleise kommen könnte, wenn ich bei der Mutter anfange.
In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1839 kam ich zur Welt. Meine Mutter starb am Vorabend ihres dreiundneunzigsten Geburtstages, den 23. Februar 1897 in Frankfurt – sie ist geboren am 24. Februar 1804 – ich stand also etwa 60 Jahre unter ihrem Schutz – denn sie betrachtete mich, als ich schon einen weißen Bart hatte, noch immer als ihren Bub, den sie gerne auf Schritt und Tritt behüten wollte. Sie hat erzählt, daß ihr dies hohe Alter von Nachbarsleuten prophezeit worden sei. Infolge eines Falles, den sie durch Unaufmerksamkeit einer sie hütenden Person als einjähriges Kind machte, wurde sie schwer krank und lernte erst im vierten Jahre gehen. Weil sie das überstanden, prophezeite man, daß sie ein steinaltes Weiblein würde. – Weiblein, denn sie ist recht klein geblieben. Ihre Eltern waren Franz Joseph Maier, der aus Menzenschwand nach Bernau kam, und Agathe Langenbacher, die Ochsenwirtstochter von Höchenschwand. Ihr Vater war Uhrenmacher, ein stiller frommer Mann, an dem seine zahlreichen Kinder mit inniger Liebe hingen.– Meine Mutter hat viel von ihm erzählt – von seiner friedlichen Art und dem glücklichen Familienleben.– Am Abend, wenn er den Werktisch aufgeräumt hatte, so drängten sich die Kinder um ihn auf die Ofenbank. Er mußte dann Geschichten erzählen vom ägyptischen Joseph, von der Genoveva, er wußte gar viel Geschichten, er spielte auch Geige und Klarinette – er ging nie ins Wirtshaus, außer wenn er dort zum Tanz aufspielte, wobei ihm seine heranwachsenden Söhne mit Klarinette und Baßgeige Beistand leisteten. – Meine Mutter erzählte gern, wie auch sie einmal in Stellvertretung für einen Bruder die Baßgeige spielen mußte, wie sie, fast noch Kind, auf einem Schemelchen stehend, eine weiße Schürze umgebunden, den Brummbaßtanztakt strich. – Am Tanze hatte sie große Freude auch in ihren alten Tagen noch, sie wußte auch, was gut tanzen heißt. Meine Frau, die eine vorzügliche Tänzerin war, gewann sehr an Ansehen in den Augen der Mutter, als sie dieselbe einmal tanzen gesehen. Und sie sagte voll Bewunderung, so habe sie den Walzer lang nicht mehr tanzen sehen – aber sie sei in ihrer Jugend auch eine der besten Tänzerinnen gewesen – und wenn sie mit ihrem Bruder, dem Franzkarle, getanzt habe, habe der Schwanenwirt die anderen Paare zurückgehalten und gesagt, da seht lieber einmal zu und seht was Tanzen ist.–
Ein fröhliches Gemüt war ihr eigen, und das half ihr durch alle die Mühseligkeiten, welche das Leben ihr gebracht hat; sie ließ sich nicht niederdrücken, sie hatte eine Naturfrömmigkeit, und sie durfte auf ihre große Arbeitskraft, die keine Mühe scheute, vertrauen.
Die Familie der Großeltern war arm; die Großmutter trug die Uhren, die der Mann machte, hausierend ins Land hinunter, wie man die Gegend im Breisgau und im Markgräflerland zum Unterschied vom Wald oben nannte. – Schwere Hausarbeit und Sorge um jüngere Geschwister lag nun auf der ältesten Tochter, und ihre mütterliche Sorge bewährte sich da schon, als sie etwa 12 Jahre alt war. Es kamen die Hungerjahre 1816 und 1817, da versuchte sie oft den jungen Geschwistern durch Geschichtenerzählen über den Hunger hinwegzuhelfen.
Mein Großvater starb frühe, ich habe ihn nicht mehr gekannt. An die Großmutter erinnere ich mich noch, ich war etwa 5 Jahre alt, als sie starb.
Mein Vater Franz Joseph Thoma war Nachbarsohn meiner Mutter – er hat das Müllerhandwerk gelernt und war lange in der Fremde, hauptsächlich im Elsaß –, er erzählte öfters vom Krieg, so z. B. sehr lebhaft, wie ein paar ungarische Husaren in die Stadt Thann eingeritten seien und sie in Besitz genommen haben. Er war geboren im Jahre 1794. – Seine Eltern Jakob Thoma und Martha sind, wie ich hörte, wohlhabend gewesen, sie seien ein gar schönes Paar gewesen, flott und leichtlebig, und man erzählte noch meist lustige Geschichten wie übermütig er mit seinem Gelde umgesprungen ist; so z. B., als der Abt vom Kloster St. Blasien nach kirchlichem festlichen Umzuge Geldmünzen unter die Leute werfen ließ – sei mein Großvater hinterher auch über den Platz und habe nach links und rechts Geldstücke geworfen, indem er sagte das kann ich auch.– Freilich konnte er mit dem Fürstabt nicht wetteifern und so kam es, daß er seinen Kindern nicht viel hinterlassen konnte, soviel ich weiß, war er Schweine- und Viehhändler. – So hatten denn meine Eltern kein eigenes Haus, geschweige denn eine Mühle – sie wohnten in dem Hause, das den älteren Brüdern gehörte – sie gründeten einen kleinen Brot-, Mehl- und Spezereiwarenhandel. Der Vater wurde, wie es die meisten Einwohner sind, Holzarbeiter, und so spaltete er aus Tannenholz Schindeln, wie sie im hohem Schwarzwald zur Dachdeckung gebraucht werden.
Mein Bruder Hilarius war mehrere Jahre älter als ich – er kam mit 15 Jahren als Kaufmannslehrling nach Freiburg, er geriet dort in leichtsinnige Bubengesellschaft, entfloh aus der Lehre nach Straßburg und wollte zur Fremdenlegion, da er aber noch nicht 16 Jahre alt war, wurde er ohne Einwilligung der Eltern nicht angenommen – er kam bei Nacht und Nebel heim. – Später wurde es meinen Eltern möglich, ihn ins Lehrerseminar nach Meersburg zu schicken, er wurde Lehrer in kleinen Schwarzwalddörfern, in Schönau, Herrenschwand, Stadel, Ehrsberg, Müggenbrunn, Adelhausen – man setzte Hoffnung auf ihn, auf eine schöne Zukunft, in die er hineinwachsen würde.– Als er in Herrenschwand als Hilfslehrer bei einem alten, mir sehr ehrwürdig erscheinenden Schulmeister war, besuchte ich ihn öfters – er unterrichtete mich. Ein etwa zwei Stunden langer Weg, meist durch Wald, führte nach Herrenschwand – ich war etwa elf Jahre alt, und eine nicht unangenehme Bangigkeit vor dem Waldesdunkel und den in ihm möglichen Begebenheiten begleitete mich.– Mein Bruder war ein frischer lebhafter Mensch – blondhaarig und blauäugig – er war ein eifriger Turner – er hatte auch dichterisches Talent – er sehnte sich aber sehr aus der Enge des Schulmeistertums hinaus, er wollte voll Wagemut in die Welt hinaus und hatte eine Zeitlang den Plan, durch Basler Beziehungen veranlaßt, Missionar zu werden. Es kam aber anders, er hatte schon längere Zeit Schmerzen in der linken Hüfte, die wurden nun so arg, daß er seine Stelle aufgeben mußte, er kam im August 1851 heim und lag dann an einer Hüftgelenkentzündung unter meist fürchterlichen Schmerzen zu Bett – bis ihn am Sonntag, 20. Juni 1852, der Tod erlöste.– Wir standen um sein Sterbebett, als gerade an einem sonnighellen Nachmittage die Nachbarsleute vor dem Kreuz vor unserem Haus, wie es an Sonntagen gebräuchlich war, ihren Rosenkranz beteten.
Was meine Mutter gelitten hat die ganze Krankheit hindurch, will ich nicht beschreiben.– Sie kam die ganze Zeit über nie mehr ins Bett – sie war seine Pflegerin –, und so legte sie sich auf die Ofenbank in der Stube des Krankenlagers. Dabei gerieten wir in die drückendste Armut. Während seiner Krankheit wurde er zum Hauptlehrer ernannt. Die Hoffnung meiner Eltern war zerstört.–
Zur nähern Kennzeichnung dieses tiefveranlagten Jünglings möge hier die von ihm auf seinem Schmerzenslager selbst verfaßte Grabschrift Platz finden. – In seinen schmerzfreien Stunden las und schrieb er, so ist außer dieser Grabschrift noch manch anderes Gedicht entstanden. Die Schrift wurde auf eine Tafel geschrieben und an einem Holzkreuz auf sein Grab gesetzt:
Pilgrim hier steh und lies, glaub es, es ist gewiß
Was dir aus dieser Gruft ein Heimgegangner ruft,
Es lebt ein Gott in Ewigkeit. Auch du wirst ewig leben,
Dem Guten wird dort hohe Freud, dem Bösen
Angst und Beben. Sieh in die Gruft, beschau mich nur. Was ich bin, wirst du werden;
Mein Geist ist höherer Natur mein Leib nur Staub und Erden.
Was hilft jetzt Schönheit mir und Geld? Was Ehre, Macht im Grabe?
Das braucht man nicht in jener Welt, ist alles fahrend Habe.
Ach Mitmensch, werde klug, denk an den schnellen Flug
Von aller Erdenfreud, denk an die Ewigkeit.
Leb fröhlich rein und still, tu nur was Jesus will,
Den Nächsten lieb in Gott trotz allem Hohn und Spott.
Geschwistern, Eltern, Freunde weint nicht über mich,
Wein, jedes über sich; ihr lebt ja noch im Lande,
Wo Tod und Sünde ist. Geht stets den Pfad der Tugend,
Übt Recht, das ihr ja wißt.– Schnell ist der Lauf der Zeit,
Bald komm ich euch entgegen, führ euch zur Ewigkeit.
Ostern 1853 kam ich aus der Schule – ich war ein guter Schüler, war in allen Fächern immer der Erste –, nur Lehrers August wetteiferte im Range hier und da mit mir. Der Lehrer hieß Joseph Kraft, und er waltete eifrig seines Amtes. Freude machte es ihm, daß ich Sinn hatte für deutsche Sprachlehre – die für die andern Kinder etwas sehr Überflüssiges schien, an Prüfungen bestritt ich die Kosten dieses Faches meist ganz allein; mit meinen Aufsätzen war man auch sehr zufrieden. Wir hatten, wie es sich gehört, alle Achtung vor dem Lehrer, der ein mildes Regiment führte, nur wenn er seine Geige holte und uns das Singen einübte und uns vorsang, konnten wir das Lachen kaum zurückhalten, er sang nämlich ganz unglaublich falsch.
Das Revolutionsjahr 1848 ist mir noch gut in Erinnerung. Mein Vater hoffte, wie alle armen Leute, viel Gutes von der Revolution. Der Name Hecker war in aller Munde. An Fastnacht wurde im Herrschaftswald eine hohe Tanne geholt, und mit Musik wurde auf dem Platz im Oberlehn die Freiheitsfahne aufgerichtet; sie wurde später von den Württemberger Soldaten umgehauen.
Hecker mit seiner Schar zog durch Bernau vom Bodensee herunter. Wir Buben spielten Freischärler und Soldaten und zogen im Tal herum, schmarotzten wohl auch an den Wirtshäusern, wo besonders der Adlerwirt uns Wein spendete. Die erwachsene Mannschaft schmiedete in der Schmiede ihre Sensen gerade an die Stiele. Einer der gutmütigsten Menschen, der Sägerkarle, machte die grausigste Waffe, er machte an einem langen Schaft die Sense aufgerichtet und dahinter links und rechts zwei scharfe Sicheln, dabei erklärte er uns Buben, wie er zuerst in die Feinde hineinstechen und dann mit den beiden Sicheln noch andere Feinde links und rechts mitten durchschneiden wolle. Wir bewunderten den Held. Mein Vetter Alisi hämmerte ein wenig an seiner Mistgabel herum, machte einen langen Stiel daran und meinte, das sei auch genug, die Feinde abzuhalten und ihnen Schaden zu tun. Was der Karle übriglasse, das wolle er besorgen. Auf dem Platz fanden Exerzierübungen statt; einmal rückte auch ein ganzer Zug Sensenmänner von Bernau unter Trauern und Weinen der Frauen ab nach Todtnau – dort erfuhren sie, daß es in Kandern mißlich gegangen sei. Da kamen in der Nacht alle wieder einzeln und still nach Hause.
1849 wurden Gewehre an das Volk verteilt, und da ging erst recht das allabendliche Exerzieren los.
Es ging aber nicht lange, da ritt ein preußischer Ulan ins Tal, und alle Waffen mußten abgeliefert werden; ich besaß ein Gewehr mit einer Feder, die einen Pfropfen vorn herausschleuderte und einen blechernen Säbel mit einer Scheide – dieser Besitz hatte mich berechtigt, bei unsern Spielen jederzeit den Hecker vorstellen zu müssen. Auf dem Heuboden fand ich ein Versteck für meine Waffen, die wohl kein Preuße entdeckt haben würde, aber ich sah täglich nach, ob meine Waffen noch vorhanden seien.
Gezeichnet habe ich, solange ich mich zurückerinnern kann, als Kind schon lange ehe ich in die Schule ging, ich saß am Boden und kritzelte auf einer Schiefertafel herum, dann lief ich zur Mutter, die mußte es mir sagen, was all das sei, was ich da gemacht habe, sie war unermüdlich mit ihrem Erklären; bald sah sie in den Strichen ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, einen Has, einen Hahn, der auf dem Gartenzaun krähte – das sah ich dann auch, und so wurde mein Gekritzel nach und nach etwas Gewolltes, so entstand ein Pferd, das sich deutlich von dem Schwein, das mir vorher gelungen war, unterschied. Allerdings kam der Nachbar Kritikus, ein Mann, der ganz mit seiner Tabakspfeife verwachsen schien – ein Mann, der für eine Schwarzwälderseele sehr frivol war, da er aussprach, es sei ihm ganz recht, wenn er in die Hölle komme, man dürfe doch dort jedenfalls rauchen – dieser Kritiker fand, daß das, was ich gezeichnet habe, kein Pferd sei, sondern ein Esel, weil es zu lange Ohren habe. Das hat mich tief gekränkt. Ich war also nicht so unempfindlich gegen Kritik, wie man später oft behaupten wollte. Als ganz kleines Kind saß ich oft still in einem Stubenwinkel und schnitt mit der Schere aus zusammengelegtem Papier Ornamente, deren Regelmäßigkeit mich sehr erfreute. Ein ängstlicher Hausierer schimpfte, daß man so unvorsichtig sei, einem so kleinen Kinde eine Schere zu lassen. Dieser Eingriff in meine Liebhaberei brachte mich ganz aus der Fassung. Zum Josephstag, dem Namenstag meines Vaters, zeichnete ich für ihn eine Spielkarte ab, den Hündlebub, einen der vier Buben aus der deutschen Karte, der einen Hund neben sich hat – das wird in meinem fünften Lebensjahr gewesen sein, ich weiß es nach einem bald nachher stattfindenden Wohnungswechsel. Mein Vater hatte überhaupt große Freude an meinem Zeichentalent, das ich auch während der Schulzeit fortsetzte. Sonntagnachmittags steckte er die Zeichnungen zu sich, um sie den Nachbarn zu zeigen, so kann ich mir ihn jetzt noch lebhaft vorstellen, wie er nach dem Nachbarhaus hinschritt; er trug eine weiße Zipfelkappe, was damals ziemlich gebräuchlich war. Er soll auch bei den Nachbarn prophezeit haben, daß aus seinem Johannesle einmal etwas Rechtes werde.
Als die Schulzeit vorbei war, kam die Frage, was nun aus mir werden solle – meine Eltern waren mittellos –, ein wenig Hoffnung baute man auf mein Zeichentalent. Das ist ja meist eine schwere Sorge für Eltern, was nun aus dem Schulentlassenen werden soll.
Eine Schwester meiner Mutter war als Krankenwärterin im Spital in Basel, sie war protestantisch geworden und stand mit der Baseler Mission in einiger Verbindung. Sie kam, wie so viele Schwarzwälder Mädchen, nach Basel in die Fabrik. Dort wurde ein Arzt auf sie aufmerksam, da sie sich so tapfer hilfsbereit benahm, als einer Mitarbeiterin von der Maschine der Arm weggerissen wurde und alle anderen entsetzt wegliefen. Dieser Arzt veranlaßte sie, Krankenwärterin zu werden. Sie war eine bibelgläubige, fromme Seele, dabei in ihrem Wesen nicht weichlich, ja eher hart zu nennen – ihr jahrzehntelanger Dienst, auch bei der Irrenanstalt, war auch gar hart, und so lernte sie das Leben fast nur von der Seite des Leidens, der unerbittlichen Pflichterfüllung kennen.
Sie war keine unbedeutende Persönlichkeit. Davon zeugen ihre hinterlassenen Aufzeichnungen, in denen sie einen Lebensabriß gibt und besonders ihre religiöse Verfassung schildert. Sie war eine tief religiöse Natur, vielleicht weil so etwas Familienerbteil war – es war innerliche Frömmigkeit, der die gewohnten Formen nicht mehr genügten, so daß ihre suchende Seele im Evangelium ihren Halt fand. Es ist übrigens die gleiche unbefriedigte Seelenunruhe, die auf religiösem Sinn beruht, welche auch Mitglieder protestantischer Konfession zum Übertritt zum Katholizismus bewegt.
Das Büchlein der Marie Maier habe ich erst vor ein paar Jahren vom Hausvater des Hardthauses bekommen. Marie hatte dort ein Altersasyl gefunden und hat wohl ihr Büchlein dort geschrieben. In ihrem christlichen Eifer war sie bemüht, die Glaubensruhe, die sie beglückte, auch ihren Geschwistern zuteil werden zu lassen. Sie schickte Bibeln und andere Schriften an sie, die nicht ohne Einfluß auf ihr religiöses Leben geblieben sind.
Ein Bruder meiner Mutter, der mit zahlreicher Familie in einem kleinen Häuschen wohnte, zog sich seiner evangelischen Gesinnung wegen, die er gar nicht verheimlichte, Verfolgungen zu, so daß er von Bernau wegzog. Er war Uhrmacher, Mechaniker, hatte viel Sinn für Musik, er wurde Klavierstimmer, reparierte auch Orgeln, machte Versuche im Holzschnitzen und Malen. Er war von hartköpfiger lutherischer Bibelgläubigkeit, und wenn er später Bernau besuchte, kam er jedesmal in heftige Diskussion mit dem älteren Bruder, dem Franztoni, der war mehr eine Philosophennatur – freigeistig gerichtet –, der dann dem Franzsepp und seinem starren Bibelglauben stark zusetzte. Ich als Bub hörte dem Streit immer mit großem Interesse zu, gab aber meist im stillen den Vernunftgründen des Philosophen recht. Franztoni in seinem milden Sinn wollte es nicht begreifen, daß Gott die armen Sünder von Menschen, die er ja selber so erschaffen hat, für ihre Fehler der ewigen Verdammnis überliefern sollte, so verteidigte er die katholische Lehre vom Fegfeuer, einem Läuterungsort der Seele. Da wurde aber Franzsepp sehr heftig: Ein Mittelding gibt’s nicht, da heißt’s: entweder uffe oder abe! Er hatte einen bedeutenden Kopf, der bei dem Ausbruch solchen Eifers einen starken Ausdruck hatte und viel Eindruck auf mich Buben machte, so daß das »uffe oder abe!« oft die philosophischen Erwägungen hart bedrängte.
Es wurden auf der Ofenbank um den großen Kachelofen herum beim flackernden Schein des Buchenspanes von diesen ernsthaft ehrlich suchenden Brüdern gar schwere tiefe Gedanken herumgewälzt, und wenn sie einmal beisammen waren, so dauerten die Gespräche bis tief in die Nacht hinein. Ich war immer dabei bis zum Schluß der Unterredung.
Franztoni, der älteste Bruder meiner Mutter, war Uhrenschildmaler, da aber Bernau ziemlich weit von dem Schwarzwälderuhrenbetrieb entfernt ist, so verlegte er sich später auf die Unterglasmalerei von Heiligenbildern; auch malte er auf Glas Kruzifixe, das Glas wurde dann auf Holzkreuze aufgekittet. Die »Ware« wurde meist an Wallfahrtsorten von armen Leuten verkauft und gekauft. Seine heranwachsenden Söhne halfen mit und machten Muttergottestäfelchen hinter Glas mit Goldschaumflitter; auch Schachteln wurden bemalt. So fand im Uhrenmacherhaus eine Art von Tätigkeit statt, die doch so weit mit Kunst verwandt war, daß sie den bäurischen Schmuck herstellte, wie auch die ärmste Hütte ihn gerne mag. Die Unterglasheiligenbilder in ihrer Farbigkeit sahen auch sehr schmückend aus an den braunen holzgetäfelten Wänden, es waren immerhin Handmalereien, wenn auch unbeholfner Art; sie wurden aber von der Stadt her von der Farbendruckindustrie verdrängt. Neuerzeits werden sie wieder für Museen gesucht.
