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In eindrucksvollen Worten, unterstützt durch Bilder und Dokumente, schildert der Autor die Stationen seiner Alkoholkrankheit: Straffälligkeit, Obdachlosigkeit, Suizidversuche. Die Beschreibung seines Weges in die Trockenheit und seines neuen Lebens als stolzer, trockener Alkoholiker macht deutlich, dass keine Situation hoffnungslos bleiben muss. Der Weg aus dem Alkohol zurück ins Leben lohnt sich. Dieses Buch macht Mut!
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Der jetzt 34jährige ledige Angeschuldigte Hermann Gebhardt hat nach dem Abschluß der Volksschule den Beruf eines Quartiersmannes erlernt. Der Angeschuldigte ist arbeitslos und bezieht ca. 600,--DM Arbeitslosenhilfe. Der Angeschuldigte ist wie folgt vorbestraft:
Am 31. 1. 1974 wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis zu einer Geldstrafe von 200,-- DM oder 10 Tagen Freiheitsstrafe.
Am 7. 3. 1973 wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung durch Trunkenheit am Steuer zu einer Geldstrafe von 600,-- DM oder 40 Tagen Freiheitsstrafe.
Am 28. 2. 1978 wegen Fahrgeldhinterziehung in 3 Fällen zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je 20,-- DM.
Am 3. 12. 1979 wegen Beförderungserschleichung in 3 Fällen zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 20,-- DM.
Am 8. 1. 1981 wegen Unterschlagung zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 50,-- DM.
Am 29.4. 1982 wegen versuchten Diebstahls zu einer Geldstrafe zu 70 Tagessätzen zu je 15,-- DM.
Am 18. 11. wegen fahrlässiger Trunkenheit im Verkehr zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 20,-- DM.
Am 25. 5. 1983 wegen Betruges in 3 Fällen zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 18,-- DM verurteilt. Datum der (letzten) Tat: 21. 3. 1982
Der Leidensweg
Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, wie ich leide.
Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht in den Griff bekommen
Freitag, 27. April 1984, nachts
Stroh- oder Korn-Blumen
Leserbriefe
Rückmeldung oder: Ich bin immer noch trocken
Der Stand der Dinge
Angekommen
Und er gab mir die Kraft
Nur eine Flasche Bier
Ein Ziel oder: Ich will nach Hause
Eindeutige Symptome?
Wehe, wenn du kommst!
Unglaublich aber wahr, Hermann ist Vater geworden!
Outing
Ein Löffel Fencheltee
Fahrgemeinschaft
Liebe ist ...
Ich bin dankbar für mein Zuhause, ich liebe wieder.
10 Jahre trocken
Mein Sohn
Meine Tochter
Führungszeugnis
Erwachsen
Heute, Juni 2011
1978 bekam ich endlich wieder, durch die Hilfe meiner Mutter, eine neue Wohnung. Sie war in Hamburg-Osdorf, wo auch meine Mutter wohnte und meine Großmutter. Ich war mal wieder arbeitslos und hatte einen neuen Anfang. Lehrgeld hatte ich nun genug bezahlt.
Nach der Scheidung meiner Eltern bekam ich auf St. Pauli eine Wohnung zum Neuanfang.
Nachdem Kalle mir beim Umzug geholfen hatte, blieb er gleich dort mit wohnen. Es war eine Einzimmerwohnung, ein bisschen eng, aber wir kannten uns schon lang. Seine Eltern hatten ihn rausgeworfen, weil er sein ganzes Geld vertrank und nicht zur Arbeit ging. Bei mir war es anders, ich hatte keine Arbeit. Aber ich besorgte uns welche. Am ersten Tag hatten wir beide verschlafen, weil wir unseren Sieg wohl zu lange gefeiert hatten. Aber man verzieh uns. Es ging gut bis zum ersten Lohntag. Da haben wir ordentlich einen draufgemacht. Zwei Tage später haben wir uns wieder in der Firma gemeldet und bekamen eine Verwarnung. Aber wir wurden nicht entlassen. Das war wirklich ein Grund zum Feiern. Am nächsten Tag waren wir krank, dann kam die Kündigung. Bald danach flog ich wegen Mietschulden aus der Wohnung. Aber jetzt Osdorf.
Nach ein paar Tagen zog Michael zu mir. Er kam gerade aus dem Knast und war zu Hause rausgeflogen. Wir kannten uns aus der Rockerzeit. Er arbeitete auf dem Bau, ohne Papiere, und ich im Hafen. Ich musste jeden Morgen um 6.00 Uhr am Baumwall in einer Kneipe sein, zur Einteilung. Es gab täglich Geld. Viele der Arbeitsleute wohnten direkt in der Kneipe. Ich lernte sie alle kennen und bedauerte sie. Mir imponierte nur, wie sie zusammenhalten konnten.
Durch meinen Alkoholkonsum landete ich öfter nach der Arbeit dort und blieb gleich bis zum anderen Morgen. Das Lokal hatte rund um die Uhr geöffnet. Als ich eines Morgens nach Hause kam, war meine Wohnung total zertrümmert. Es lagen ungefähr zehn Zentimeter hoch Scherben von Flaschen und Fensterscheiben auf dem Fußboden. Als ich Michael zur Rede stellte, wusste er angeblich von nichts.
In der letzten Zeit hatten wir fast täglich getrunken. Alles, was saufen wollte, landete bei mir. Im Imbiss war ich täglich, wenn ich zu Hause war. Dort trafen sich morgens um 10.00 Uhr alle Durstigen.
Ich hatte zwar täglich Geld, habe mich aber um Miete und ähnliches nicht gekümmert.
Mit Michael war es dasselbe wie mit Kalle. Er beteiligte sich nicht an den Kosten, sondern er schleppte alle möglichen Leute zum Saufen an. Mir wurde es zu bunt, und ich schmiss alle raus. Zu Michael sagte ich, er müsste sich morgen eine neue Bleibe suchen. Zum Abschied wurde einer getrunken. Micheal ging in die Küche, und ich wunderte mich, war er dort so lange machte. Nach einer Weile schaute ich nach: Die Küche war leer. Das Fenster stand offen, Michael hing nach außen, mit den Fingern krallte er sich in die Fensterbank. Wir brauchten nichts zu sagen, ich sah die Todesangst in seinen Augen. Ich konnte ihn nicht mehr reinziehen. Ich drückte ihn krampfhaft gegen die Wand, dann riss die Haut an meinen Armen in Fetzen, und er landete ein Stockwerk tiefer auf dem Balkon. Ich trug ihn in die Wohnung zurück und rief einen Notarztwagen. Als wir in meine Wohnung wollten, gab es Widerstand an der Tür. Wir drückten sie gemeinsam auf. Michael lag hinter der Tür, beide Pulsadern aufgeschnitten. Er konnte gerettet werden.
Ich hatte vom Saufen die Schnauze voll. Ein Bekannter besorgte mir neue Arbeit im Hafen, mit Papieren. Es gefiel mir, ich machte viele Überstunden.
Oma lieh mir etwas Geld. Ich ließ mir Telefon legen und kaufte mir einen VW-Bus. Das Trinken wurde weniger, die Arbeit machte Spaß. Ich kümmerte mich um die Miete.
Wenn bloß morgens das Zittern nicht gewesen wäre. Ich musste morgens immer zwei bis drei Biere trinken.
Über Pfingsten wollten wir mit mehreren Leuten nach Dortmund, zu einem Rockfestival. Für die Fahrt nahmen wir ordentlich Bier mit, aber ich musste fahren. Wir wollten in Dortmund Ordnerdienst machen und hatten dort einen Schlafplatz. Die Verpflegung war umsonst. Da einige Ordner ausgefallen waren, haben wir am Tag gesoffen und nachts Dienst geschoben. Am ersten Tag kam ich mit einem jungen Mädchen ins Gespräch. Sie war auch aus Hamburg und wusste nicht, wo sie schlafen sollte. Ohne Hintergedanken überließ ich ihr meinen Schlafplatz und meine Verpflegung. Seitdem kam sie sehr oft vorbei und brachte mir am Saaleingang immer Kaffee vorbei. Ich war verliebt. Bevor sie zurückfuhr, gab sie mir ihre Adresse und Telefonnummer.
Wieder in Hamburg, zwei Tage später als geplant, rief ich bei ihr an. Ich wurde eingeladen. Die Eltern bedankten sich bei mir, dass ich auf Sylvia aufgepasst hatte. Aus der Freundschaft wurde Liebe. Da ich jede Sekunde mit ihr zusammen sein wollte, verlor ich mal wieder meine Arbeit. Es ergab sich öfter, dass ich bei ihr schlief.
Ich trank weniger und hatte jeden Morgen Entzug, sodass ich keine Tasse halten konnte. Dies blieb den Eltern nicht verborgen. Ich erklärte es durch zu viel Arbeit und zu wenig Schlaf. Die Eltern änderten wohl ihre Meinung über mich. Ich war verzweifelt, ich wollte nicht mehr trinken und musste es doch tun.
Ende August trat Sylvia ihr Studium im Ausland an. Wir schworen uns, die Wahrheit zu sagen, falls jemand einen anderen Partner kennenlernt. Kurz vor Weihnachten kam der letzte Brief. Wir würden uns ja im Urlaub sehen und nach dem Studium wollten wir eine Familie gründen. Ich sah Sylvia nie wieder und hörte nie wieder etwas von ihr. Nachforschungen bei den Eltern blieben erfolglos.
Trotz Trauer im Herzen bin ich ihr für die schönsten Monate meines Lebens dankbar. Jetzt, da ich eigentlich aufhören wollte mit dem Saufen, fing ich erst richtig an. Nach Monaten der Arbeitslosigkeit bekam ich Arbeit bei einem Nachbarn, als Fahrer. Ich machte Stunden und soff. Dass ich meinen Führerschein nicht verlor, ist ein Wunder.
Da ich eine Gerichtsstrafe bezahlen musste, wandte ich mich an meinen Chef, von dem ich mittlerweile über 2.000,--DM zu bekommen hatte. Er bezahlte mit einem ungedeckten Scheck und verschwand. Ich wurde verhaftet und saß 55 Tage in Einzelhaft.
Durch einen Arbeitskollegen hatte ich dessen Tochter kennengelernt. Wir waren kurz vor der Verlobung. Ihre Reaktion auf die Haft war, dass sie mir ihre drei Wolfshunde auf den Hals schicken würde, falls ich jemals wieder in ihre Nähe käme.
