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Dragan lädt Euch ein, auf eine Reise durch sein Leben. Begleitet das in Lukar (Dalmatien) geborene und in Köln aufgewachsene Unikat von der Geburt an über diverse Stationen seines Lebens. Ob Aufregendes, Lustiges oder Trauriges, Dragans Leben wurde durch viele Facetten geprägt, die er mit Euch in seinem Buch "Immer weiter, Gastarbeiter Vom Bauernjungen zum RTL-Kult-Autohändler und Ballermannstar" teilt.
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dragan Prgesa
Immer weiter, Gastarbeiter!
Vom Bauernjungen zum RTL-Kultautohändler und Ballermannstar
Biografie
Impressum
©NIBE Media ©Dragan Prgesa
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Covergestaltung: TomJay – bookcover4everyone
Alle Fotos aus Privatarchiv Dragan Prgesa
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52146 Würselen
Telefon: +49 (0) 2405 4064447
E-Mail: [email protected]
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Inhaltsverzeichnis:
Immer weiter, Gastarbeiter! Erzählt von einem Kölsch-Kroaten
Lukar
Alkohol mit 4 Jahren.
Mein Papa hatte einen Plan
Helfen bei der Ernte
Nach Deutschland
Willi
Jörg
Der Onkel und sein Totalschaden
Mit dem Papa Autoverkauf
Der alte Autoverkäufer
Gemeinsame Sache mit Jörg
Paragraph 1, die Arbeit muss Spaß machen
Das Grundstück anmieten – neue Probleme – Fundamente und Gartenhäuschen
Das Car-Center gibt es immer noch!
Die Diebe ließen sich nicht abschrecken
Die Wachhunde
Der Hund im Zwinger
Aber es gibt noch etwas zu erzählen
Worringer Car-Center und der Porsche
Die Autovermietung
Automärkte
Dienstleistung gegen Dienstleistung
Das Problemauto
Traue keinem weißen Kastenwagen
Der schwer erziehbare Junge
Die Steuerprüfung
Der Ford Diplomat
Der kleine Italiener
Wir wollten das Grundstück aufwerten
Das Car-Center als Requisite
Was das Fernsehen aus den Menschen macht: Unsere ersten Auftritte
Die Autogramme
Der Autodieb
Der Jörg wollte schon immer mal Singen!
Eine tolle Generalprobe
Superhupen im Pascha
4 Wochen ins Ausland gefahren
Die Falle
Micha und das Minenfeld
Dominik
Promi-Frauentausch
Der Frauenknast
Der Abgesang vom Autohandel
Jörgs Erkrankung
Unser Worringer Car-Center steht leer.
Immer weiter, Gastarbeiter!
Erzählt von einem Kölsch-Kroaten
Ein laut vernehmlicher Schrei kündigte meiner Mutter an, dass ich, ihr Erstgeborenes, ihr freudig erwarteter Sohn geboren war. Gesund und kräftig erblickte ich am 28.8.1963, einem herrlichen Sommertag, das helle Licht dieser Welt. Meine Geburt fiel ins Sternzeichen Jungfrau, was bedeutete: Aus mir konnte ja nur etwas werden, denn Jungfrauen sind ja bekanntlich fleißig, vielseitig, intelligent und zielstrebig. Die Welt stand mir also offen, ich musste sie nur noch entdecken.
Adria-Küste
Vielleicht sollte ich auch noch erwähnen, dass ich im schönen Dalmatien geboren wurde. Damals gehörte das noch zu Jugoslawien, nach dem Krieg wurde es dann zu Kroatien. Dalmatien ist dort, wo viele meiner Leser gerne Urlaub machen, denn diese Region erstreckt sich entlang der östlichen Adriaküste.
Die größte und wohl auch bekannteste Stadt dort ist Split.
Mein Geburtsort allerdings liegt nicht direkt am Meer, sondern im Landesinneren inmitten den Bergen. Dort, in dem kleinen Dörfchen Lukar, lebten meine Eltern auf einem einfachen Bauernhof und genau dort kam ich auch zur Welt.
Lukar
Lukar, der kleine weltvergessene Ort liegt 329 Meter über dem Meeresspiegel und ist nur erreichbar über eine holprige Straße, die an einer alten, kleinen katholischen Kirche vorbeiführt.
Ich weiß gar nicht genau, wie viele Menschen heute dort leben. 100, vielleicht sind es auch 150, ich weiß es nicht so genau. Aber es sind höchstens noch ein Fünftel derer, die ursprünglich einmal dort angesiedelt waren. Es ist wirklich ein sehr kleines Dörfchen in den Bergen, wo jeder jeden kennt und wichtiger noch, in dem alle Einwohner stets füreinander da sind. Man pflegt dort ein herzliches Miteinander, das so typisch für die südländische Mentalität ist, aber über das Fremde vielleicht verständnislos den Kopf schütteln würden. So ist es durchaus normal, dass Du nur schnell zum Nachbarn gehst, um Mehl zu besorgen, aber erst ein paar Stunden später wieder zurückkommst. Total besoffen, aber dafür ohne Mehl.
Die moderne Welt hat nie wirklich in Lukar Einzug gehalten. Es ist noch das gleiche Dorf wie in alten Zeiten, romantisch, verträumt und absolut ursprünglich. Es schmiegt sich an den Berg, als wäre es ein Teil von ihm. Und im Grunde genommen, ist es das auch. Und dazu Natur pur ohne einen einzigen Hauch von Industrie.
Für den besonderen Charme des kleinen Örtchens sorgen vor allem die alten Steinhäuser mit ihrer mediterranen Note.
Sie wurden aus alten, groben und von Hand behauenen Granitsteinen erbaut. Erschaffen mit einfachsten Mitteln und ausschließlich aus Materialien, die man dort am Berg findet. Aus Ton selbst gebrannte Dachziegel bedecken die Dächer ebenso wie einfache Holzschindeln, gefertigt aus den Bäumen, die dort oben noch wachsen.
Aus ihnen werden auch die Zäune gemacht, die die Viehweiden umschließen oder die Bänke und Tische, die draußen vor manchen der Häuser stehen.
Die Fensterbretter der Steinhäuser zieren Töpfe, bepflanzt mit den wilden Kräutern und Wiesenblumen der noch weitgehend unberührten Natur, in welche das überschaubare Örtchen liebevoll eingebettet ist. Selbst die Straße, die mitten durch den Ort führt, ist nicht geteert wie in den Städten, sondern besteht lediglich aus in vielen Jahren festgetretenem Schotter.
Wie ein Relikt aus früheren Jahrhunderten erscheint der Brunnen in Lukar. Er wird aus einer Quelle des Bergs Pomina gespeist und versorgt die Dorfbewohner mit stets frischem, kristallklarem Wasser, das sie in Eimern und Krügen dort holen. Doch nicht nur das Wasser entspringt der Natur. Alles, was die Menschen dort zum Leben benötigen, produzieren sie selbst oder bauen es bis heute selbst an. Discounter oder Lebensmittelgeschäfte wie bei uns haben sie nicht. Auch meine dort verbliebene Familie ist noch immer Selbstversorger. Ihr Gemüse kommt aus dem eigenen Garten oder vom Feld. Sie halten sich Hühner für die Eier, Schweine, Rinder oder Schafe zum Schlachten und das Brot ist von Hand gemacht und im heimischen Ofen gebacken.
Lukar ist wirklich ein Dorf, in dem alles, was man fürs Leben braucht, aus der Natur geschöpft wird und in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Als einzige moderne Errungenschaft hat der Strom für Licht und elektrische Geräte dort Einzug gehalten. Ansonsten ist nahezu noch alles so wie früher.
Diese ursprüngliche Lebensweise muss man mögen, sie ist nicht jedermanns Geschmack. Die verbliebenen Dorfbewohner wollen es aber nicht anders. Und ich liebe diese Lebensweise auch.
Es gibt allerdings noch eine weitere Besonderheit in Lukar. Die Straßennamen des Bergdörfchens tragen alle Familiennamen. Selbstverständlich wohnen in der jeweiligen Straße dann nur Familien mit dem dazugehörigen Nachnamen. Unsere Familie hat auch ihre eigene Straße. Sie ist etwa 300 Meter lang und es wohnen tatsächlich nur Menschen mit dem Namen Prgesa dort.
Warum das so ist? In dieser Gegend ist das eben so üblich. Familie hat bei uns in den kroatischen Bergen noch eine ganz andere Bedeutung als in der schnelllebigen, modernen Welt der Städte. Die Familien sind größer, der Zusammenhalt enorm, fast unumstößlich. Natürlich ist niemand perfekt und Streitereien gibt es trotzdem, aber man lebt zusammen und jeder hilft jedem.
Es ist wirklich traumhaft in Lukar. Ich liebe meinen Heimatort, weil er ein Idyll ist. Kein Tourismus, nur Ruhe, frische Luft und die Berge. Lukar ist für mich der ideale Platz, wenn ich von der Hektik meines abwechslungsreichen Alltags abschalten, meinen Körper und Geist in den Ruhemodus fahren will.
Alkohol mit 4 Jahren
Dass das Leben in Lukar schon immer seine eigenen Gesetze hatte, belegt eine Geschichte kurz vor unserem Umzug nach Deutschland. Es war Sommer und bevor ich mit meinen Eltern nach Deutschland fuhr, zog ich durch das ganze Dorf und landete letztendlich bei meinen Paten. Die gaben mir dann Brot und Schinken zu essen. Es war leckerer Parmaschinken, also Prschut. Da dieser sehr salzig ist, bekam ich fürchterlichen Durst und wollte unbedingt etwas trinken. Doch sie hatten weder Wasser noch Saft im Haus. Was sie aber hatten war Wein. Und den flößten sie mir, einem kleinen, gerade mal vierjährigen Jungen, kurzerhand ein, um meinen großen Durst zu löschen. Zwar war der Wein nicht besonders stark, aber für mich stark genug, sodass ich relativ schnell ziemlich besoffen war. Diese Geschichte ist kaum vorstellbar, aber tatsächlich wahr. Ich glaube, meine Paten waren damals so dämlich, hätte man ihnen Hirn geimpft, sie hätten sofort Antikörper gebildet, unglaublich das Ganze. Im Grunde genommen, kann ich nämlich froh sein, dass ich überhaupt noch lebe. Denn nach dem salzigen Schinken trank ich reichlich von dem Rebensaft.
Irgendwann tauchte meine Mutter auf, denn sie wollte mich abholen. Ich hatte mein Fahrrädchen dabei, damit wollte ich unbedingt nach Hause fahren. Aber das Fahrrad entwickelte ein absolutes Eigenleben, Lenker und Vorderrad zogen mich mal nach links, mal nach rechts, nur nicht dahin, wohin ich eigentlich fahren wollte.
Hilflos rief ich nach meiner Mutter: „Mama, das Fahrrad ist kaputt, ich kann nicht mehr lenken!“
Ich glaube, spätestens da merkte sie, dass mit mir etwas nicht stimmte. Daheim angekommen packte mich meine Mutter sofort ins Bett, obwohl mir hundeelend war und sich alles drehte. Doch sie zwang mich zu schlafen und irgendwann fielen mir wohl wirklich die Augen zu.
Meine erste Begegnung mit Alkohol war mir eine Lehre und hinterließ bei mir jedenfalls so einen bleibenden Eindruck, dass ich ab diesem Tag sehr, sehr lange keinen Schluck mehr von dem Zeug trank. Genauer gesagt dauerte es bis zu meinem 28. Lebensjahr. Erst dann gönnte ich mir beim Italiener zum Essen ein Gläschen Lambrusco.
Immer dann, wenn ich über die Geschichte mit meinen Paten nachdenke, frage ich mich, wie sie auf diese absurde Idee kamen, mich mit Wein und dann auch noch in dieser Menge abzufüllen. Ich weiß bis heute nicht, ob es wirklich nur eine Notlösung mangels Alternativen war oder ob sie sich nicht doch sehr bewusst einen Scherz mit mir erlaubt hatten. Denn eines muss man wissen: In den ländlichen Gegenden lässt man gerne mal fünfe gerade sein und auch der Humor fällt gelegentlich etwas derber aus.
Bevor wir aber ganz nach Deutschland zogen, wollten sich meine Eltern zunächst einen Eindruck über Deutschland verschaffen. Sie wollten im Vorfeld wissen, wie wir dort untergebracht wären und was uns sonst noch dort erwarten würde. Deshalb brachten meine Eltern meine zweijährige Schwester und mich zu Oma und Opa mütterlicherseits, die in einem anderen Ort wohnten. Warum wir ausgerechnet zu ihr sollten, statt bei den Eltern unseres Vaters in Lukar zu bleiben, weiß ich nicht mehr. Schade, denn sie war uns viel vertrauter, ebenso natürlich unser Dorf.
Meine Eltern erklärten uns, dass wir bei der Oma bleiben müssten, weil sie jetzt nach Deutschland fahren und unser zukünftiges Zuhause aufsuchen würden.
„Ihr müsst jetzt hierbleiben, und wir holen euch dann bald wieder ab“, versprachen sie uns mit einem liebevollen Abschiedskuss. Sie stiegen ins Auto, fuhren los und winkten uns zu, bis sie aus unserem Blickfeld verschwanden.
Mir war zum Heulen zumute. Ich wollte mit ihnen wegfahren und auf keinen Fall in diesem weitgehend fremden Dorf bei einer Frau bleiben, die meine Schwester und ich kaum kannten. Aber der Wagen unserer Eltern war weg, ohne uns. Also nahm ich meine Schwester an die Hand und zog sie hinter mir her. Wir liefen ziellos umher, Hauptsache wir konnten einfach weg von dort. Auch wenn mich meine Schwester oft nervte, konnte und wollte ich nicht ohne sie abhauen, denn ich liebte sie von ganzem Herzen.
Selbstverständlich wusste ich ganz genau, wohin wir gehen würden – zu unseren Großeltern nach Lukar. Da war schließlich unser Zuhause. Wir waren erst etwa zwanzig Meter entfernt vom Haus der Oma, da kamen wir an eine Kreuzung. Irgendeine Kreuzung irgendwo in den Bergen. Leider wusste ich nicht, wie wir von hier aus weitergehen mussten. Welcher Weg führte wohl nach Lukar? Sollten wir nach rechts oder nach links abbiegen? Ich hatte keine Ahnung, also setzte ich mich mit meiner Schwester auf den Boden und wartete. Worauf? Das wusste ich leider auch nicht. Vielleicht hoffte ich auf eine Eingebung von oben, damit ich endlich wusste, welcher Weg der richtige wäre? Vielleicht wartete ich auch auf ein Auto, das uns endlich an unser heiß ersehntes Ziel bringen würde.
Wir saßen also da und warteten. Der Sommerwind wehte sanft und um uns herum brummten und summten die Insekten. Von unserem Platz aus konnte man über die grünen Bergwiesen weit über die Berge sehen, die in den blauen Himmel ragten. Auch wenn wir traurig waren, dass unsere Eltern uns hier zurückgelassen hatten, fühlten wir uns in der warmen Sonne völlig sicher. Wir machten uns keine Sorgen.
Wenn ich heute manchmal aus dem Fenster schaue, erinnere ich mich daran, wie ich damals dort mit meiner Schwester saß und hinaus in die Welt blickte. Das sind die Momente, in denen ich merke, wie sehr mir Heimat, Natur und Ruhe manchmal fehlen.
Meine Großeltern suchten nach uns und fanden uns recht schnell an der Kreuzung. Beim Anblick der zwei Kinder, die friedlich in die Ferne starrten, lachten sie sich kaputt. Sie waren weder aufgeregt noch sauer, weil sie uns suchen mussten. Nein, sie mussten einfach nur lachen, weil wir nicht weit gekommen waren und uns schon an der ersten Hürde geschlagen gaben. Vielleicht konnten sie auch deshalb so locker mit den flüchtenden Enkeln umgehen, weil sie wussten, dass dort in der Einsamkeit sowieso nicht viel hätte passieren können. Das ist einer der großen Vorteile der dörflichen Idylle gegenüber dem eher anonymen Leben in der Stadt.
Doch wir mussten raus aus dem Idyll, denn mein Vater hatte das Angebot, zunächst für ein Jahr in Deutschland im Bergbau zu arbeiten. Dieses Angebot nahm er gerne an. Wie er an das Angebot kam und wie sich das alles abspielte, das weiß ich eigentlich nicht. Jetzt, wenn ich darüber schreibe, wundere ich mich, dass ich nie danach gefragt habe.
Bevor er zunächst allein nach Deutschland ging, merkten wir Kinder, dass sich die Stimmung zu Hause änderte. Immer öfter saßen meine Mutter und mein Vater zusammen und sprachen sehr ernst miteinander. Wir machten uns keine Sorgen, aber es stand etwas an, etwas Wichtiges! Das spürten wir schon. Und wir lagen richtig mit unserer Empfindung, wie sich später noch herausstellen sollte.
Mein Papa hatte einen Plan
Mein Vater lebte inzwischen in Deutschland und arbeitete unter Tage. Immer wieder kamen Briefe von ihm, die meine Mutter sofort las und über die sie sich sehr freute. Das konnte man sehen.
Für Mama, meine Schwester und mich änderte sich nicht allzu viel. Unser Leben in Lukar ging einfach weiter. Meine Schwester und ich gingen ja noch nicht in die Schule und einen Kindergarten gab es im Ort nicht. Also spielten wir jeden Tag mit all den anderen Kindern im Dorf. Meine Mutter saß oft mit den anderen Frauen zusammen, half auf den Feldern mit oder ging irgendeiner anderen Knochenarbeit nach. Irgendwie warteten wir drei darauf, was als Nächstes passieren würde. Darauf wie es weiterging.
In der Zwischenzeit merkte mein Vater schnell, dass der Job unter Tage zwar gut bezahlt wurde, aber auch viel Staub, Dreck und harte Arbeit bedeutete. Als er ein Angebot als Isolierer bekam, nahm er das sofort an.
Aber er wollte nicht länger ohne seine Familien in Deutschland bleiben, deshalb vereinbarte er mit meiner Mutter, dass wir nachkommen und gemeinsam als Familie in einem fremden Land leben sollten. Das war sehr mutig von meinen Eltern, denn das war ein großer Schritt für einfache Leute aus den Bergen Kroatiens. Im Nachhinein bin ich sehr stolz auf meinen Vater und meine Mutter, die ihr Leben selbst in die Hand genommen und uns mitgezogen haben in diesen neuen Lebensabschnitt.
Geplant war der Deutschlandaufenthalt jedoch nur für eine begrenzte Zeit, denn mein Vater wollte ursprünglich wieder zurück! Mit dem in Deutschland verdienten Geld wollte er in Kroatien ein eigenes Haus finanzieren. Das war damals sein großer Traum, für den er das nötige Kapital brauchte. Kapital, das er auf einem kleinen Bauernhof in den Bergen von Kroatien niemals hätte erwirtschaften können. Das Geld, das er dort verdiente, reichte gerade so zum Leben. Wir hatten jeden Tag genug zu essen und zu trinken, wir hatten ausreichend Kleidung und konnten das Haus heizen. Aber für Sonderwünsche verdiente er in Kroatien nicht genug. Aber mit dem Geld aus Deutschland war man in Kroatien ein reicher Mann und konnte sich so einiges leisten.
Mein Papa träumte von Zagreb. In unserer Hauptstadt wollte er nicht nur ein Haus kaufen oder bauen. Dort wollte er auch ein eigenes Geschäft eröffnen.
Er wollte das Grundkapital dafür in Deutschland erarbeiten und danach für immer wieder zurück nach Kroatien gehen. Für meinen Vater war das familiäre Umfeld ausgesprochen wichtig. „Wir schaffen das gemeinsam, egal was kommt. Wir sind zusammen.“ Er musste einfach seine Familie um sich haben.
Die Masse an Gastarbeitern, die damals nach Deutschland kam, war allein. Nur sehr wenige dieser ausländischen Arbeitskräfte konnten ihre Familien in die Fremde mitnehmen. Und zwanzig Jahre später, waren sie immer noch solo und ihre Familien in Kroatien, Griechenland, Italien, der Türkei oder wo auch immer. Gesehen haben sie sich nur ein oder zweimal im Jahr, wenn die Männer in die Heimat auf Urlaub kamen.
Nicht wenige Familien sind daran letztlich zerbrochen. Denn was viele Gastarbeiter nicht bedacht hatten: In Deutschland konnten sie gutes Geld verdienen, aber die Verlockungen, dieses gleich wieder auszugeben, waren nicht weniger groß.
Mein Vater aber schaffte es. Papa war nicht allein und er behielt sein Ziel immer im Auge! Er arbeitete hart und sparte so viel Geld wie möglich. Er hatte auch tatsächlich ein Grundstück in bester Lage für einen günstigen Preis in Zagreb gekauft, und wollte anfangen zu bauen. Doch dann machte ihm die Stadt einen Strich durch die Rechnung.
„Stopp! Hier kannst du nicht bauen. Über dieses Grundstück wird bald eine Straße führen! Das Grundstück fällt zurück an die Stadt!“ Und tatsächlich: Ein paar Grundstücke weiter wurde sogar schon ein Rohbau abgerissen.
Verzweifelt verlangte Papa nach einem anderen Grundstück:
„Ich habe das gekauft! Ihr habt mir das doch als Baugrundstück verkauft! Warum darf ich jetzt nicht bauen?“
Damals war Jugoslawien kommunistisch regiert und gegen die Kommunisten hatte er überhaupt keine Chance. Sie hatten das Sagen und wer sich dagegen auflehnte, hatte richtig schlechte Karten. Also musste er das Grundstück wieder hergeben, ohne dass er eine Entschädigung dafür erhielt. Da stand er nun, geschockt und ratlos. Sein Geld war weg, das Grundstück auch. Seine jahrelange Schufterei war umsonst gewesen. Der große Traum vom eigenen Haus zerplatzte wie eine Seifenblase in nur wenigen Minuten.
Aber mein Papa gab nicht auf. Er klagte dagegen, wollte wenigstens den Kaufpreis zurückerstattet haben. Die Klage lief über Jahrzehnte, dann endlich erhielt er sein Geld zurück. Genutzt hatte es ihm jedoch nicht viel, in der Zwischenzeit waren auch in Kroatien die Grundstückspreise enorm gestiegen, sodass er für die damalige Summe heute kein Grundstück und schon gar nicht mehr in solch einer guten Lage hätte kaufen können. Ein ähnliches Grundstück kostet dort heute auch schon um die 200.000 Euro. Wenn man dann noch baut, weiß man, wofür man die nächsten 20 Jahre hart arbeiten muss. Aber in den 1960er-Jahren konnte man noch für ein Jahresgehalt ein gebrauchtes Häuschen mit entsprechendem Grundstück kaufen.
Während die Klage gegen die Stadt Zagreb lief, lebten wir die ganze Zeit über in Deutschland, genauer gesagt in Köln. Da sich das alles so ewig hinzog, sind wir am Ende auch in Köln geblieben. Papa hatte seinen großen Traum vom Eigenheim in Kroatien anscheinend endgültig begraben.
Helfen bei der Ernte
In Köln haben wir gelebt, aber jedes Jahr fuhren wir in den Sommerferien nach Lukar, um Oma und Opa auf ihrem Bauernhof und bei der Ernte zu helfen. Ich fand das nicht wirklich toll. Meine Freunde fuhren im Sommer immer ans Meer oder an andere coole Orte, aber ich verbrachte meine Ferien immer in diesem abgelegenen Bergdorf, um zu arbeiten - als Kind, als Jugendlicher, als junger Mann.
Aber wenn jetzt jemand denkt, ich wäre dazu gezwungen worden, muss ich das entschieden verneinen. Es war einfach eine Selbstverständlichkeit, die auch ich nie infrage stellte. Warum das so ist? Ganz einfach: Zusammengehörigkeitsgefühl und Zusammenhalt wurden uns schon in die Wiege gelegt. „Vernachlässige nie die Menschen, die Du liebst. Verbringe so viel Zeit wie möglich mit ihnen, denn es kommt die Zeit, in der Du es nicht mehr kannst. Habe Respekt vor den Älteren und unterstütze sie.“ Das sind bei uns nicht einfach nur Erziehungsfloskeln, sondern Werte. Die Familie war und ist das höchste Gut und gegenseitige Hilfe und Unterstützung eine Selbstverständlichkeit.
Meine Großeltern bewirtschafteten ihren Bauernhof mit Äckern, Weiden, Weinfeldern, Kühen, Schweinen, Hühnern und einem Pferd. All das musste gepflegt und erhalten werden, denn das war ihr Lebensunterhalt. Das allein war schon jede Menge Arbeit. Doch richtig heftig wurde es für Oma und Opa während der Erntezeit und in den harten Wintern in den Bergen.
Ich hatte großen Respekt vor dem Leben meiner Großeltern, vor der Knochenarbeit, die sie bis ins hohe Alter noch bewältigten. Für unsereins ist das nahezu unvorstellbar, ein solches Leben zu führen. Aber Oma und Opa waren zufrieden und wollten ihren Bauernhof auf gar keinen Fall aufgeben. Er war und blieb ihr Leben.
Also blieb uns gar nichts anderes übrig, als jeden Sommer die Reise nach Lukar anzutreten und die alten Leute bei der Ernte zu unterstützen, denn allein hätten sie es gar nicht mehr geschafft. Außerdem war es für uns eine Herzensangelegenheit, ihnen auch etwas von dem zurückzugeben, was sie über viele Jahre für uns getan hatten.
Die Arbeitstage begannen im Morgengrauen bis gegen elf Uhr am Vormittag. Dann wurde es zu heiß auf den Feldern und man verzog sich ins Haus. Nach dem Essen legten wir uns schlafen, bevor wir in der angenehmen Kühle des Abends noch einmal raus auf die Felder gingen.
Es waren nicht die perfekten Sommerferien, dennoch habe ich diese Wochen als sehr glückliche und schöne Zeit in Erinnerung. Die Natur, die Arbeit, die Menschen und das Leben in diesem einfachen Dorf haben mich immer wieder geerdet und nie vergessen lassen, woher ich komme.
Außerdem habe ich jede Menge dabei gelernt. Ich kann Pflügen wie unsere Vorfahren vor mehr als 100 Jahren - mit einem eingespannten Pferd im Einscharpflug. Das ist gar nicht so einfach, egal ob auf dem Acker oder im Weinberg. Es ist nämlich ganz schön schwierig den Pflug in der richtigen Richtung zu halten und permanent nach unten zu drücken, während das Pferd in seinem Trott das Gerät nach vorne zieht. Das ist eine sehr anstrengende Arbeit, für die es eine gute Portion Kraft und Ausdauer benötigt.
Mit der Sense kann ich ebenfalls bestens umgehen. Ich weiß sowohl wie man das Blatt oder Messer schärft und wie man akkurat mäht. Mit der Sense haben wir die kleineren Felder von Hand gemäht, da die großen Maschinen und Traktoren dafür zu sperrig waren.
Aber es gab noch mehr zu tun. Im Weinberg musste ich nach dem Pflügen zwischen den Weinstöcken Unkraut jäten und mit der Hacke die Erde auflockern und Löcher buddeln, die dann mit Mist aufgefüllt wurden, um die Weinstöcke gut zu düngen. Ich lernte die Tiere zu versorgen und mit ihnen bei der Arbeit auf dem Feld richtig umzugehen, Felder zu bestellen, die Ernte einzuholen, Obstbäume richtig auszuschneiden sowie Weinstöcke richtig zu pflegen.
Auch wenn es jetzt witzig klingt, aber ich kann sogar selbst Wein herstellen und richtig reinen hochprozentigen Schnaps brennen, obwohl ich selbst so gut wie keinen Tropfen Alkohol trinke. Für den Schnaps hatten wir einen riesengroßen Kupferkessel, der meist im Winter, genauer gesagt an Heiligabend zum Einsatz kam. Als strenggläubige Katholiken aßen wir an Heiligabend kein Fleisch, aber wir grillten im Hof ein Spanferkel für die nächsten Tage. Und nebenbei wurde auch noch der Schnaps im Kupferkessel gebrannt. Das war immer eine Riesengaudi, denn die ganze Nachbarschaft kam auf den Hof, um den frisch gebrannten Schnaps zu testen. Und abends waren alle voll und in bester Laune. Auch ich, obwohl ich keinen Tropfen davon trank. Ich glaube, ich war schon allein vom Alkoholgeruch total benebelt.
So angetrunken, wie alle waren, gingen sie abends in die Mitternachtsmesse. Da ging es dann auch bisweilen recht munter zu. Denn wenn der Pastor warnend von der Kanzel verkündete: „Wehe, wenn ich einen von euch betrunken aus der Bar in die Kirche kommen sehe, dem sage ich …“ „…das ist der falsche Weg, kehr wieder um…“, schallte es daraufhin feucht-fröhlich aus den hinteren Reihen, wo die Schnapstester auf der harten Kirchenbank Platz genommen hatten. Die wenigsten Kirchgänger konnten sich ihr schallendes Lachen daraufhin verkneifen.
Loza, wie der selbst gebrannte Schnaps aus Most hieß, gehörte auf dem Land eigentlich zum guten Ton. Schon morgens nach dem Aufstehen war es üblich, ein Gläschen 2 CL als Einstieg in einen harten Tag zu trinken. Das sollte den Kreislauf in Schwung bringen. Mein Opa machte das auch so und er wurde damit mehr als 80 Jahre alt.
Die Landbevölkerung bei uns war ein fröhliches Völkchen, das gerne aß, trank und feierte. Zu allen möglichen Gelegenheiten wurden deshalb fröhliche Feste gefeiert, wo reichlich Alkohol floss und das Tanzbein geschwungen wurde.
Auf einem dieser Feste lernte mein Vater dann meine Mutter kennen und die beiden verliebten sich ineinander.
Mein Papa wollte meine Mutter unbedingt heiraten, sie wollte das natürlich auch. Allerdings gab es da ein Problem, denn Papa war schon ein gestandener Kerl von 28 Jahren, doch meine Mutter war erst siebzehn und ihre Eltern waren deshalb gegen eine Heirat.
Doch Papa ließ sich nicht beirren. Er hatte seine Traumfrau gefunden und wollte sie unbedingt vor den Altar führen. Die beiden waren schon eine Weile zusammen und noch immer unsterblich ineinander verliebt. Sie waren jung und auch ein bisschen verrückt, weshalb sie auf eine abenteuerliche, geradezu filmreife Idee kamen.
