In Ängsten - und siehe, wir leben - Hugo Karl Schmidt - E-Book

In Ängsten - und siehe, wir leben E-Book

Hugo Karl Schmidt

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Beschreibung

Im Streit um den Umgang mit globalen Flüchtlingsbewegungen heben heute viele abwehrend die Hände, sie wollen die Grenzen dichtmachen. Da erinnern sich viele Deutsche ihrer eigenen Flüchtlingsvergangenheit: Rd. 22 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Spätaussiedler aus den Ländern des aufgelösten Ostblocks sind von Kriegsende bis heute in Deutschland integriert worden. Als Hauptleidtragende der größten Flüchtlingsbewegung im 20. Jh. kennen sie die gewaltigen Hürden der Integration und sind sie Fremden gegenüber meist milder gestimmt. Zu solch einer versöhnliche Einstellung wollen auch die packenden Lebenserinnerungen des evangelischen „Wolhynienpfarrers“ Hugo K. Schmidt auf jeder der 376 Seiten Mut machen. Deutsche Siedler waren, bedingt durch ihre Geschichte, stets bereit, mit Fremden zusammenzuleben. Fremdenfeindlichkeit, wie sie die Nazis später dem Volk überstülpen wollten, ist für Deutsche eher untypisch. Von Herzen wünschen deshalb heute viele, dass Abwehrhaltungen durch eine „Kultur des Willkommens“ ersetzt wird. Hugo Schmidt, Nachfahre von Schwaben, der sich in der kurzen preußischen Herrschaft um 1805 einladen ließen, den Umkreis um die spätere polnische Industriestadt Lodz zu besiedeln, hat sich als junger Pastor der Evang.-Augsburgischen Kirche in Polen zum Dienst in den volkskirchlich geprägten Gemeinden Wolhyniens berufen lassen. Dabei war er wie einer „ersten Liebe“ seiner seelsorgerlichen Aufgabe an diesen kernigen Menschen in dem heute ukrainischen Gebiet verfallen. Umso verstörendere Migrationserfahrungen erwarteten ihn und eine weitere ¾ Million „Volksdeutscher“ durch den Hitler-Stalin-Pakt: Beginnend im strengen Winter 1939-1940 wurden alle deutschen Volksgruppen vom Baltikum bis Südtirol zur notvollen Umsiedlung „heim ins Reich“ genötigt, als seien sie Schachfiguren, eine erzwungene Völkerwanderung, die Hitlers Utopie vom „Lebensraum im Osten“ im eroberten Polen Gestalt verleihen sollte. Die Zumutungen der Flucht von 1945 klangen hier schon an: verlustreiche Pferdetrecks, ungeheizte Eisenbahnzüge, Versorgungsmängel, verlogene Propaganda... Dass in solchen Zeiten des lebensverneinenden Chaos gerade auch der christliche Glaube ein besonderer Wert ist, will der Buchtitel mit dem Bibelzitat „In Ängsten – und siehe wir leben“ unterstreichen. Es preist einen Gott, der den Menschen immer wieder neu zur Umkehr und ins Leben ruft und dem Gewissen ein verlässlicher Ratgeber ist. 328 z.T. farbige Bilder und Karten veranschaulichen das Geschehen.

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Seitenzahl: 749

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Hugo Karl Schmidt – Aufn. 1945

„In Ängsten – und siehe wir leben“

Die Bewährung des Apostels in seinem Dienst

Aus dem zweiten Brief des

Apostels Paulus an die Korinther 6, 1-19

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch,

dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

Denn er spricht (Jesaja 49,8):

"Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört

und habe dir am Tage des Heils geholfen."

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade,

siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß,

damit unser Amt nicht verlästert werde;

sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes:

In großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, IN ÄNGSTEN,

in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen,

in Mühen, im Wachen, im Fasten,

in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut,

in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,

in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes,

mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,

in Ehre und Schande; in bösen Gerüch-en und guten Gerüchten,

als Verführer und doch wahrhaftig;

als die Unbekannten, und doch bekannt;

als die Sterbenden UND SIEHE, WIR LEBEN;

als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;

als die Traurigen, aber allezeit fröhlich;

als die Armen, aber die doch viele reich machen;

als die nichts haben, und doch alles haben.

EINFÜHRUNG

Ein Buch voller Wunder in einer Welt voller Schrecken 1909-2009

- von Jürgen Taegert

 

Ein eindrückliches Titelbild ziert dieses Buch. Die Vorlage heißt „Der große Treck“ und stellt die Ankunft der wolhyniendeutschen Umsiedler im Januar 1940 in den Lagern um die Stadt ŁÓDŹ in Mittelpolen dar. Aus Gründen, über die noch nachzudenken sein wird, habe ich aber das Originalmotiv bewusst um 180° horizontal gewendet.

Wir sehen, wie ein Mann in wärmendem Pelz im Morgengrauen auf die Stadt ŁÓDŹ zugeht, die mit ihrer mystischen Silhouette der Basilika St. Stanislaus Kosta schemenhaft aus dem Frühnebel auftaucht. Links und rechts seines Weges sind, soweit das Auge reicht, Planwagen und beladene Bauernwagen abgestellt und abgeschirrt. Zwei einsame Menschen stehen etwas entfernt wartend und fragend am Weg. Ein dunkler Doppelspänner kommt ihnen von Ferne entgegen. Sonst ist die Szene menschenleer.

Der Pinselstrich ist expressiv und rau, das Motiv wirkt keineswegs heroisierend, wie man es von Künstlerbildern der Hitlerzeit vielleicht erwarten würde. Hier wird kein Paradies und kein Heldentum dargestellt, eher ein von Kälte und Härte gezeichnetes Leben in Wartestellung, das fragt, wie es weitergehen soll.

Ob HUGO KARL SCHMIDT dieses Bild gekannt hat, muss hier offenbleiben. Immerhin waren Werke des Künstlers OTTO ENGELHARDT -KYFFHÄUSER (1884-1965) auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ 1940 im Haus der Deutschen Kunst in MÜNCHEN ausgestellt; hier wollte HITLER „deutsche klare“ Kunst von den „zersetzenden Tendenzen“ der „entarteten Kunst“ der „vorgeschichtlichen prähistorischen Kultur-Steinzeitler und Kunststotterer“ getrennt und unterschieden wissen. Außerdem waren Engelhardts Bilder dann vor allem bei der ersten Ausstellung eines deutschen Künstlers im besetzten Polen vom 2.-12. Februar 1940 in der Krakauer Kunsthalle zu sehen. Und im weiteren Verlauf des Jahres 1940 wurde auch eine ständige Ausstellung seiner Bilder unter dem gleichen Titel „Der große Treck“ im Ständehaus in GÖRLITZ eröffnet. Nicht zuletzt ließen sich die Nazis 1940/41 aber von Engelhardts Bildmotiven zu ihrem großen propagandistischen Spielfilm „Heimkehr“ inspirieren und setzen dafür die Filmgrößen ihrer Zeit ein, wie PAULA WESSELY, PETER PETERSEN, ATTILA HÖRBIGER, RUTH HELLBERG, CARL RADDATZ u.v.a.m.

Was malt der Künstler hier, und was hat ihm mit solchen ernst gestimmten Bildern ausgerechnet bei den Nazis solchen Ruhm beschert? Es war Hitlers raffinierter Propagandaminister JOSEF GOEBBELS, der den Maler ENGELHARDT, der sich als regimetreuer Nazi offenbart hatte, im Januar 1940 mit einer makabren Mission beauftragte: Er sollte die „Rückführung“ der über 60.000 Wolhyniendeutschen aus den Gebieten, die nach dem geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes der Sowjetunion zufallen sollten, begleiten und in seinen Skizzen und Zeichnungen festhalten.

Es war durchaus Absicht der Nazis, dass diese Umsiedlung „heim ins Reich“ voll in die kälteste Jahreszeit von Weihnachten 1939 bis Mitte Januar 1940 fiel. Auch wurde den Ausziehenden damals keinerlei Unterstützung von außen zuteil; vielmehr wurde ihnen Beistand bewusst verweigert, mit der Begründung: „Es ist ja Krieg, wir brauchen unsere Transportmittel für unsere Truppen an der Front“.

So waren diese Exulanten voll auf sich selbst gestellt und mussten entsprechende bittere Schläge hinnehmen, wie auch die diesbezüglichen dramatischen Berichte in den folgenden „Lebenserinnerungen“ zeigen. So entstehen damals in der Wirklichkeit für den Film „lebensechte“ Bilder voller Anspannung und Dramatik.

Sie schildern die Auseinandersetzung der Menschen mit den Naturgewalten im Kampf ums Überleben. Es sind Bilder „nach dem Herzen des Führers“, der ganz dem darwinistischen Denken verfallen ist; er will sein Volk in diesem Kampf um die Überlegenheit der arischen Rasse siegen oder untergehen sehen.

Hitlers Geschichtsdenken ist ja auf makabre Weise von seinem Glauben an einen Sozialdarwinismus bestimmt, in dem das überlegene Volk Anspruch auf Herrschaft über die übrige Menschheit hat. „Deutschland wird Weltmacht oder gar nicht sein", so hatte Hitler einst bei seinem Gefängnisaufenthalt in Landsberg 1924 profezeit, nach dem Motto: Alles oder nichts. In seinen letzten Tagen im Führerbunker in Berlin eine knappe Generation später im April 1945 wird er die Niederlage und Zerstörung Deutschlands konsequenterweise als „verdienten Untergang“ seines Volkes bezeichnen, das sich zu seiner großen Enttäuschung als das Schwächere erwiesen habe.

Die Bilder, die bei der Umsiedlung 1940 entstanden sind, zeigen den ganzen existenziellen Einsatz und das tiefe Leid von Menschen. Diese Bilder werden nach dem Krieg als „Ikonen der Vertreibung“ missbraucht und müssen seitdem immer wieder in verschiedensten Veröffentlichungen auch renommierter Verlage völlig anachronistisch und unkritisch zur Darstellung der deutschen Flucht und Vertreibung im Osten 1945 herhalten, welch makabere Zweckentfremdung!

Die Geschichten in diesen Bildern vom Januar 1940 werden im Film ergänzt durch Szenen über Gräueltaten, welche die Nazis den authentischen Erlebnissen der Wolhynier abgelauscht und nun bewusst tendenziös zu einer Handlung verdichtet haben. Es könnten durchaus auch Aussagen von HUGO SCHMIDT und seinen Gemeindegliedern und Kollegen verwertet worden sein. Die gutgläubigen Wolhynier, die von solcher Zweckentfremdung ihrer Zeugnisse nichts ahnten, wurden damals von GOEBBELS gezielt für die Kriegspropaganda gegen Polen und dann vor allem „gegen den Bolschewismus“ instrumentalisiert.

Genau zu dem Zeitpunkt, als HITLER im Jahr 1941 seinen Feldzug gegen Russland beginnt, kommt der 3,7 Millionen Reichsmark teure, nach heutigem Geldwert etwa das Zehnfache kostende Film in den deutschen Kinos heraus und soll den Deutschen den wahren Kriegsgrund im Ostfeldzug vor Augen führen, nämlich das „Untermenschentum der slawischen Völker“, denen gegenüber es nur einen Kampf ums Überleben der Deutschen mit allen Mitteln geben könne

Künstler mit Spezialauftrag: Otto Engelhardt-Kyffhäuser als Berater der Dreharbeiten des Nazi-Propagandafilms „Heimkehr“ 1941; hinter ihm die Gestalt des fellbekleideten Wolhyniers, der auch das Titelbild ziert

Betrachten wir die Handlung dieses Films genauer: Im Mittelpunkt steht die wolhyniendeutsche Minderheit in der Woiwodschaft LUCK, die dem Gebiet von ROWNO und TUCZYN, in dem HUGO SCHMIDT seinerzeit wirkte, unmittelbar westlich benachbart ist. Die Deutschen dort werden nach der Aussage dieses Films von der polnischen Mehrheit drangsaliert. Dem deutschen Arzt erlaubt man für notwendige Operationen nicht die Nutzung des örtlichen Krankenhauses. Seine Tochter MARIE, die, wie die damaligen kirchlichen Kantorlehrer, an der deutschen Schule unterrichtet, muss erleben, dass ihre Schule staatlicherseits von Polen enteignet und von aufgebrachten Volksmassen demoliert wird. Sie beruft sich ohne Erfolg beim polnischen Bürgermeister auf den verfassungsmäßig garantierten Minderheitenschutz und will deshalb ihr Anliegen bei der nächsthöheren Ebene in der Hauptstadt vorbringen, findet dort jedoch ebenfalls kein Gehör.

Als sie mit ihrem Verlobten FRITZ und einem von der polnischen Armee zwangsrekrutierten Deutschen den Aufenthalt in LUCK für einen Kinobesuch nutzt, erlebt sie, dass alle Anwesenden dort die polnische Nationalhymne singen und von den anwesenden Deutschen das Gleiche erwarten. Als sie sich weigern, werden sie vom aufgebrachten Mob angegriffen, der Verlobte FRITZ wird schwer verletzt und stirbt, nachdem er im Krankenhaus abgewiesen wird. Danach eskalieren die Gewalttätigkeiten gegen die deutsche Minderheit; eines ihrer Opfer wird auch Maries Vater.

Die Deutschen wollen dann heimlich in einer Scheune Hitlers Reichstagsrede vom 1. September 1939 hören, sie werden ertappt und ins Gefängnis geworfen. Die Wachmannschaften misshandeln sie und treiben sie in einen Folterkeller voller Wasser, wo sie knapp einem Massaker entgehen. Deutsche Soldaten befreien sie in letzter Sekunde. Dann beginnen die Vorbereitungen für die Umsiedlung mitsamt einigen dramaturgischen retardierenden Momenten. Schließlich passiert der Treck der Wolhyniendeutschen die Grenze zum deutsch besetzten polnischen Warthegau, über dessen Grenzstation, einem Triumphbogen gleich, ein riesiges Hitlerbild prangt und sie willkommen heißt.

Den Wolhyniendeutschen war der Zweck des eigentümlichen Besuchs des Künstlers OTTO ENGELHARDT vor der Bild- und Filmherstellung nie klar, sie betrachteten seine Anwesenheit als ehrliche Anteilnahme an ihrem Geschick. Und so konnten viele Wolhyniendeutsche auch seinem Ergebnis in Form der Bilder und der dramatischen Handlung des Films nichts Schlimmes abgewinnen, sie hatten ja alles genauso erlebt, wenn auch nicht so verdichtet, sondern aufgeteilt in unzählige Einzelerzählungen.

So blieb den meisten Filmbesuchern die heimtückische Absicht der psychologischen Kriegsführung der Nazis verborgen. Nur einzelne sahen das Machwerk mit eher gemischten Gefühlen und befürchteten, es könnte gegenseitige Hassgefühle im Zusammenleben von Polen und Deutschen wecken. Anderen sprach der Film aus der Seele, und sie stellten sich dem System sogar für vergleichbare Taten der Revanche zur Verfügung, die sie vorher bei den Polen so energisch gebrandmarkt hatten.

Wenn ich Engelhardts Bild für den Titel um 180° gewendet habe, so auch, um zu dokumentieren, wie kritisch man allem Bildmaterial von damals gegenüberstehen muss. Mit manchen Bildern wurde seinerzeit – und wird noch heute – viel Missbrauch getrieben. Ein Nebeneffekt dieser Bild-Wende: Nun schaut der Mann nicht mehr nach Osten, wohin er noch 1940 in Erwartung von zukünftigem „Lebensraum“ blickte, sondern er blickt nach Westen, wo er nach dem Debakel des Hitlersystems ohne großes Fragen dann wirklich bei seiner zweiten Flucht meist offene Aufnahme fand und neu beginnen konnte.

Einzug unter Führerbild - Schlussbild des Films „Heimkehr“: Der Treck der Wolhyniendeutschen passiert des Triumphbogen ihres „Befreiers“ Hitler

Für HUGO SCHMIDT blieb die ganze anfechtungsreiche Umsiedlung in ihren Konsequenzen auch ein Glaubensrätsel. Er könnte auch der Mann in der Mitte des Bildes von Maler ENGELHARDT sein, wenn er als Pfarrer nach der Umsiedlung auf die Suche nach seinen anvertrauten Schäflein geht, die ab jetzt von den Nazis bewusst in alle Winde zerstreut wurden, um sie wehrlos zu machen.

Wäre es nach Hugo Schmidts Willen gegangen, dann hätte er versucht, seine Gemeinde beim Exodus zusammenzuhalten. Er wäre auch unter denen gewesen, die damals mit Pferd und Wagen getreckt hätten, das Pferd hatte er schon gekauft. Doch weil er nicht lange genug Pferdebesitzer war, hatten ihm die Nazis diese Form des Auszuges untersagt und ihn auf die Eisenbahn verwiesen. Hier war er dann im „Pullmannzug“ gestartet, in der Meinung, das große Los gezogen zu haben. Doch mit dem Umsteigen an der Grenze begann auch für ihn das gleiche Leid, wie für die mit Pferd und Wagen Treckenden. Bei Minusgraden in alten ungeheizten Waggons ging die Reise ins vermeintlich „gelobte Land“ nur zögerlich weiter. Und bei dieser Bahnfahrt starben wohl mehr Kinder und Alte, als in den Leiden dieses „Großen Treck“ mit Pferd und Wagen. Doch von diesen vielen Toten berichteten Propaganda und Presse damals nichts.

Kann also der Mensch das Geheimnis der Geschichte enträtseln und für sich immer den besten Weg wählen? HUGO SCHMIDT hat sich ein anderes Lebensprinzip zu Eigen gemacht: das Prinzip der Dankbarkeit und des Gottvertrauens auch gegenüber dem Handeln des „verborgenen Gottes“. Gott sitzt für ihn trotz allem „im Regimente“, auch wenn der Mensch es nicht immer versteht. Gleichzeitig soll der Mensch seinen klaren Verstand, seine praktische Vernunft und seine volle Energie für die Menschen anwenden, die ihm anvertraut sind.

So sehen wir HUGO SCHMIDT damals auch immer wieder zu aberwitzigen Reisen aufbrechen, um für diese ihm Anvertrauten da zu sein und sie retten. Aber im Letzten hält er doch alle Wendungen seines Lebens für Fügungen und große Wunder, für die man nur Gott allein danken kann. Alle die Seinen sind am Ende wirklich gerettet worden. Als ein „Buch voller Wunder“ versteht er deshalb in der Rückschau seine Lebenserinnerungen.

Mögen diese Zeitzeugen-Texte heute im ersten Moment wie Zeugnisse aus einer anderen Welt empfunden werden - bei ein bisschen vertieftem Nachdenken werden unerhört viele Parallelen zur gegenwärtigen Weltlage sichtbar, die voller täglicher, von Menschen gemachter Schrecken ist. Ihnen gegenüber will sich der christliche Glaube auch heute als Anker und verlässliches „Navi“ erweisen.

Jürgen-Joachim Taegert,

Kirchenpingarten 2015

Vorwort der Herausgeber in der 1. Auflage von 2001

Ein über 90 Jahre währendes, bewegtes Leben liegt in den 20 Kapiteln dieser „Erinnerungen“ ausgebreitet vor uns. Persönliche Lebensphasen und Wendepunkte sind vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund tagebuchartig notiert.

Mit zwei Weltkriegen und den jeweiligen Vor– und Nachkriegszeiten berührt der Verfasser, Pfarrer i.R. Hugo Karl Schmidt, unser Vater bzw. Schwiegervater, dramatische Zeiten europäischer und deutscher Geschichte im abgelaufenen Jahrhundert. Er erinnert an Vergangenes, dessen Gedächtnis bewahrt zu werden verdient, und er bezeugt, was bleibt. Das Leben der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland und in Polen, das Engagement ihrer Pfarrer und Mitarbeiter in dieser Zeit und ihre Treue zu ihren Gemeinden und zu ihrem Auftrag wird lebendig. So verweist er uns auf Fundamente unseres eigenen Lebens und Glaubens, auf denen wir heute bewusst oder unbewusst weiter bauen.

In Wertschätzung seiner Person und in Respekt und Mitgefühl für das Erlebte hat es uns Freude gemacht, seine Aufzeichnungen zu sichten und zunächst für den engeren Kreis der Familie und Interessierten zu veröffentlichen. Wir haben das bislang unveröffentlichte Manuskript mit Bildern aus den Familienalben und anderen Quellen ergänzt und in der Form von thematischen Kapiteln zusammengestellt. Die Originaltexte des Verfassers sind an einigen Stellen behutsam überarbeitet und mit Zwischenüberschriften und Bildunterschriften in Verantwortung der Herausgeber ergänzt worden.

Wir staunen, welch weite und gefahrvolle Wege Gott seine treuen Diener und Mitarbeiter manchmal führt und wie er sie in Zeiten der Not begleitet und segnet. So können wir auch in unserer Zeit die Wahrheit des Wortes Gottes mit dem Apostel Paulus bezeugen:

„In Ängsten, - und siehe wir leben“.

Die Herausgeber Jürgen-Joachim Taegert,

Dorothea Taegert und Martin Schmidt-

Bredow - Gesees, Weihnachten 2001

Hugo Karl Schmidt - Vorwort, an die Kinder gerichtet - 1987

Liebe Kinder!

Aus der Anrede erkennt Ihr, für wen die Lebenserinnerungen geschrieben werden: für Euch! Ihr sollt wissen, woher Eure Eltern kommen und wie sie einmal dort lebten.

Gewiss haben sich die Zeiten überall geändert. Doch da Polen heute keine Deutschen in seinen Grenzen duldet, werden solche Lebenserinnerungen in absehbarer Zeit wie „Geschichten, wie aus einer anderen Welt“ erscheinen, sie werden kaum glaubhaft sein. Darum schreibe ich nieder, was ich erlebt habe und hoffe, dass Ihr mir glaubt.

Zu dem Zeitpunkt, da diese Zeilen geschrieben werden, ist der größte Zeitabschnitt - die Zeit in Polen - bereits erfasst. Da ich, wie Ihr wisst, noch in mannigfacher Weise tätig bin, schreibe ich eben nur noch gelegentlich an den Lebenserinnerungen weiter. Es kann sein, dass ich sie nicht abschließe. Es könnte besonders die Zeit nach der Flucht in Deutschland zu kurz kommen - und das ist vorwiegend Eure Lebenszeit. Diese unterscheidet sich aber nicht sehr viel von dem Leben Eurer gleichaltrigen hier geborenen Zeitgenossen und dürfte weniger fremd sein. Doch will ich sehen, was sich tun lässt und Eure Zeit mit uns keineswegs absichtlich auslassen.

Diese einleitenden Zeilen wurden geschrieben am 13. Oktober 1987 am Ruhestandswohnsitz in Schwabach- Wolkersdorf.

Euer Vater Hugo Karl Schmidt, geboren am 22. 11. 1909 in Łódź im damaligen Russisch-Polen.

Nachtrag 1 - 1993

Es ist tatsächlich gelungen, diese Lebenserinnerungen zu einem gewissen Abschluss zu bringen. Dass dies nach einem 1989 erlittenen Herzinfarkt mit Bypass-Operation noch möglich wurde, ist zweifellos dieser Krankheit zu verdanken (!), die mich hinterher zwang, verschiedene Aufgaben abzugeben. Dabei fand ich die nötige Muße, sowohl meine kirchengeschichtliche Arbeit abzuschließen, als auch diese Lebenserinnerungen fortzusetzen und zu einem gewissen Abschluss zu bringen. Was nun bis zum Tode erfolgt, wird wohl nicht mehr schriftlich festgehalten werden.

- Wolkersdorf, am 11. Februar 1993 hks

Nachtrag 2 - 2001

Der gütige Schöpfer des Lebens hat es erlaubt, auch manches aus der Zeit nach 1993 noch zu Papier zu bringen. So erneuert und rundet sich unser Leben aus den Quellen, wie der Apostel Paulus sagt: „In Ängsten, - und siehe wir leben“.

- Büchenbach / Gesees 2001 hks / jt

Nachtrag 3 - 2002

Die erste Herausgabe der „Lebenserinnerungen“ in Buch- und Heftform zu Weihnachten 2001 hat dem Verfasser, Hugo Karl Schmidt, viel Freude gemacht und zu manchen interessierten Rückfragen geführt. Dem Verfasser liegt nicht daran, seine Person oder sein Schicksal besonders herauszustellen, sondern darzustellen, wie durch Gottes Führung manches Unerwartete und Schwere doch immer wieder zu einem guten Ende gekommen ist. Dafür möchte er mit uns Gott loben und danken. Er hat deshalb im Februar eine weitere nachträgliche „Vorbemerkung“ geschrieben:

Nachträgliche Vorausbemerkung von Hugo Karl Schmidt (2)

Die von mir verfassten Lebenserinnerungen sind in erster Linie für meine Kinder gedacht. Diese wurden von meinen Kindern, Dorothea mit ihrem Mann Pfarrer Jürgen Taegert und Tochter Anne, und sowie Martin Schmidt-Bredow, zu einem 204 Seiten umfassenden Buch zusammengefasst, wofür ich ihm und allen Beteiligten sehr dankbar bin. Als biblisches Motto hat mein Schwiegersohn den treffenden Bibeltext aus 2. Korinther 6 vorangestellt: „In Ängsten - und siehe, wir leben“.

Um Missverständnissen vorzubeugen, weise ich darauf hin, dass es mir nicht um eine nostalgische Reminiszenz nach dem Motto Wilhelm Buschs geht: „Gehabte Schmerzen hat man gern“. Obwohl ich nicht leugnen kann, dass ein Stück Egoismus sowohl im Leben wie auch in der Beschreibung eine Rolle spielte, das aber Gott oft zurechtrückte.

So wollte ich z.B. mit der freiwilligen Meldung als Dolmetscher einen günstigeren Status im Offiziersrang und nicht als einfacher Soldat haben. Dabei steht mir noch heute das Entsetzen meiner Frau vor Augen, die meine freiwillige Meldung nicht begreifen konnte. Dass aber gerade dies meine Einberufung verhinderte, konnte niemand ahnen.

Die von einer Leserin als „Mut“ bezeichnete Suche der Spahlsjungen (s.u. „Gewagte Grenzübergänge“ …) war nur möglich, weil mir Pfarrer Missol, der gerade aus der Gefangenschaft gekommen war und noch ohne Amt war, seine Vertretung angeboten hatte.

Um mein Tun in das rechte Licht zu setzen, stelle ich diesen Erinnerungen noch Psalm 103,2 voran:

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Hugo-Karl Schmidt

Büchenbach, im Februar 2002

Nachtrag 4 - 2015

Nach über 99 von Dankbarkeit erfüllten Lebensjahren ist HUGO KARL SCHMIDT am 19. Jan. 2009 in Gegenwart seiner Kinder eingeschlafen. Auf dem Friedhof von Roth bei NÜRNBERG hat er an der Seite seiner Frau EDITH seine letzte Ruhe gefunden. Viele Freunde haben dort von ihm Abschied genommen.

Diese zweite, stark vermehrte Auflage seiner Lebenserinnerungen ist seinem Andenken gewidmet.

Am Originaltext der ersten Auflage von 2001 wurden nur die Korrektur von Rechtschreibfehlern und sprachliche Glättungen vorgenommen. Erweitert ist diese zweite Auflage aber um sehr viele aussagestarke Original- Fotos, etliche erklärende Kommentierungen, ergänzende Exkurse und Berichte des Herausgebers und anderer nahestehender Personen, die im Anhang noch einmal gesondert ausgewiesen werden. So entsteht ein anschauliches und verständliches Bild einer „Geschichtsschreibung von unten“ über eine Zeit, über die das Nachdenken trotz des mittlerweile großen historischen Abstandes noch lange nicht zum Abschluss gekommen ist.

Denn wenn man die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges mit einbezieht und sie bis zum ersten Einsatz von Atomwaffen 1945 auszieht, dann hat die Menschheit in dieser ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „in Ängsten“ tief in den leibhaftigen Abgrund der von Menschenhand möglichen Hölle geblickt. Demgegenüber möchten Hugo Schmidts Lebenserinnerungen einen Gott preisen, der den Menschen immer wieder neu zur Umkehr ruft und ihm ermöglicht, aufzuatmend zu erkennen: „… und siehe, wir leben“. In diesen Lobpreis soll jeder mit einstimmen, der das Gottvertrauen von Hugo Schmidt teilt: Als Sünder hat der Mensch keinen Anspruch gegenüber dem Leben, sondern lebt „allein aus Gnade“.

Jürgen und Dorothea Taegert,

Kirchenpingarten 2015,

Inhalt

„In Ängsten - und siehe wir leben“ - Die Bewährung des Apostels in seinem Dienst

EINFÜHRUNG: Ein Buch voller Wunder in einer Welt voller Schrecken

Vorworte

Wo die Erinnerungen spielen - Europakarte

ERSTES BUCH

: Leben in Łódź

Vorfahren väterlicherseits und der Vater Gottfried Schmidt

Kantorlehrer mit schwäbischer Herkunft

„Onkel Adolf“

Der Vater Gottfried Schmidt: Kaufmann, Soldat und Fabrikverwalter in Łódź

EXKURS: Die Entwicklung der TextilstadtŁódź

Vorfahren mütterlicherseits und die Mutter Emilie Seidel

Großvater Gustav Seidel, Tuchmacher und heilkundiges Universalgenie

Großmutter Ernestine Seidel – Enkelin einer schlesischen Adeligen?

„Onkel Max“, ein tüchtiger Geschäftsmann und Ratgeber

Die Mutter Emilie Seidel, dichterisch begabt und religiös

Kindheitserinnerungen

Eine strenge Erziehung, Betreuung durch Wirtschafterinnen

Kindheit bei der Großmutter bis zum Schuleintritt

Im ersten Weltkrieg trotz Hunger bewahrt

Erste Rückbesinnungen auf das Deutschtum und Althaus’ Predigttätigkeit

Schulzeit in Łódź — 1916-1929

Erste Schulzeit in privaten Vorschulklassen

Großzügiges Wohnen, kindliche Freiheit, aber unsichere materielle Verhältnisse

Die polnische Sprache lernen

Ein mäßiges, aber trickreiches Abiturzeugnis

Geldverdienen mit Nachhilfe

Musik vom „Geigekratzen“ bis zur Mädchenchorleitung

Erfahrungen mit EC-Jugendarbeit … prägen die Entscheidung zur Theologie

Deutschtum ohne Fanatismus

Deutsch sein hieß evangelisch-lutherisch sein, polnisch sein hieß katholisch sein

Ein Zuhause auch ohne „Familie“

Ferien in der „Sommerwohnung“

Freundschaft fürs Leben

ZWEITES BUCH:

Studieren in Leipzig, Erlangen, Warschau

V. Studienbeginn —1929-1930

Weichenstellung für Leipzig

EXKURS: Bischof Juliusz Bursche – evangelischer Missionar unter katholischen Polen

Gottes Fügungen ermöglichen das Leben

Teilhabe am Leben einer Kulturstadt

Theologische Anfänge und Anfechtungen

VI. Von Erlangen bis Warschau — 1931-1933

Von Erlangen bis Warschau — 1931-1933

Bei Erlanger Theologen und in der Studentengemeinschaft gut aufgehoben — 1931

EXKURS: Paul Althaus - ein umstrittener Theologe

Hilfreiches Examen — 1933

Angespannte politische Lage in Deutschland und Hitlers Machtergreifung 1933

Kirchenkampf ab 1933

Deutschland-Abschluss bei der Singbewegung

Heimkehrschock und Weiterstudium in Warschau 1934

Vortragstätigkeit beim Deutschen Club

Auf der Suche nach Anstellung bei Pfarrer und Gemeinde 1935

Begegnung mit Alfred Kleindienst

EXKURS: Alfred Rudolf Kleindienst - „Vater der Wolhyniendeutschen“

DRITTES BUCH:

Wo liegt bitte Wolhynien?

VII. Wo liegt bitte Wolhynien?

Einführung: Das dramatische Schicksal der Wolhyniendeutschen

Die Geschichte des Wolhyniendeutschtums

Vikarszeit in Rozyszcze - Wolhynien

Ordination für „Hugonowi-Karolowi Schimdtowi“ in Warschau — 1935

Als Administrator nach Tuczyn, Kreis Równe - Wolhynien — 1936

EXKURS: Der Leiter des kirchlichen Außenamtes 1933-45 Theodor Heckel

Heirat in Chodecz — 22. Sept. 1936

Familie Bredow - eine preußisch-polnische Kürschner- und Bäckerfamilie

VIII. Erlebtes und Erzähltes: Amtsleben in Wolhynien und … Tuczyn – 1936-1939

Visitationen mit „pastoralem Gottesdienst“

Ja und Amen trotz langen Predigten

Kindertaufe und Kirchenbücher

Zum Krankenabendmahl oft weite Strecken unterwegs

Am Krankenlager das Evangelium verkündigen

Testamente in der Sterbestunde

Verwechselung bei der Massentrauung

Beerdigungsgebühren für den Kantor

Kirchenmusik als Hilfe zum Gemeindeaufbau

Ein gastfreundliches Pfarrhaus

Freude und Leid im Familienleben — 1937

Schicksalsorte im Leben von Hugo Karl Schmidt, Landkarte

VIERTES BUCH:

„… in Schlägen, Gefängnissen, Verfolgungen …“

IX. Der September 1939: Interniert an einem polnischen „Ort der Isolation“

Erlebnisse während des Polenkrieges

Vorwort

EXKURS: Bereza Kartuska – Synonym für die polnische KZ-Praxis

Der Kriegsbeginn weckte den Hass der Polen gegen die deutschen Siedler

Verhaftet wie Verbrecher

In Ketten verschleppt ins polnische Isolationslager

Unterwegs bespuckt und mit Steinen beworfen

Am „Ort der Isolation“ mit Knüppeln geprügelt

Unter der Aufsicht von Sträflings-Kapos

Gequält und gedemütigt von Kriminellen

Hunger und schlimmer Durst

Vertrauensvolles Miteinander der Häftlinge

Freiheit nach Flucht der Wachmannschaften

Auf Eilmärschen zu den Deutschen

Sorgenvolle Begegnung mit anderen Befreiten

Gemeinsamer Beschluss: Zurück nach Wolhynien

Riskanter Rückweg zwischen Polen und Russen

Abenteuerliche Bahnfahrt

Glückliche Heimkehr

FÜNFTES BUCH:

„Heim ins Reich“ 1940 - eine große Enttäuschung

X. Von Wolhynien in den Warthegau — 1940

Umsiedlung und Krieg waren von langer Hand geplant

Williger Gehorsam ohne Diskussion

Tausende Geburtsurkunden ausgefertigt

Panne bei der Nummernvergabe

Schummeln um der Humanität willen

Währungsreform auf Russisch

Am Trecken gehindert

BERICHT: Die Umsiedlung 1940, ein von Goebbels inszeniertes Drehbuch

Ein Treck mit 240 Gespannen

Hoffnung und Verzweiflung der Trecker

Vor Zollschluss zum Bug

Bei sibirischer Kälte im „Pullmannzug“ zur Grenze

Enttäuschende Ankunft im deutschen Interessengebiet

Tragische Nachwirkungen: Krankheiten und Todesfälle

EXKURS: Das Wartheland – Aufnahmegebiet der Umgesiedelten

Figuren auf dem Schachbrett der Diktatoren

Schlechte Karten für Polnisch-Sprachige

EXKURS: Das Geheimnis der „Bugholländer“

Zumutungen für das "Deutschsein", Vier EXKURSE:

Eingeteilt in Volkslisten mit unterschiedlichen Bürgerrechten

Pfarrer zwischen Skylla und Charybdis

Der Nazi-Mitgliedschaft widerstanden

Der Personalausweis genügt nicht zum Nachweis der deutschen Staatsangehörigkeit

Deutsche Umerziehung und Rassereinheit

Die Wolhynier sahen den NS-Staat anfangs meist positiv

Der versprochene Ringtausch der Höfe war eine Fata Morgana

Widerstand gegen die NS-Kirchenpolitik

XI. Als Pfarrer während der Kriegszeit in Rypin

Berufen in eine der „besten Gemeinden“ in Polen

Aufzug in Rypin — 1940

EXKURS: Der Vorgänger Waldemar Krusche

Neue Kirchenzugehörigkeit für die lutherischen Gemeinden

Die Eigenheiten der Gemeinden der Evangelisch-Augsburgische Kirche Polens

Kirchliche Sensibilität des Danziger Konsistoriums trotz NS-Parteizugehörigkeit

EXKURS: Wie die Nazis der kirchlichen Jugendarbeit Knüppel zwischen die Beine warfenl

SECHSTES BUCH:

Schockstarre durch den Terror von Selbstschutz und SS

XII. Das Schreckensregiment der volksdeutschen „Selbstschutz“-Milizen

EXKURS: Das „Folterhaus des Selbstschutzes“ in Rypin – von Jürgen Taegert

EXKURS: Auch Gemeindeglieder waren beim terroristischen „Selbstschutz“

EXKURS: Das Wüten des deutschen Selbstschutzes - von Jürgen Taegert

Alltags Mordschützen, sonntags fromme Beter im Gottesdienst?

EXKURS: Manche Kantorenlehrer hatten zwei Gesichter – von Jürgen Taegert

Als Polnisch-Dolmetscher am Wehrdienst vorbei

Superintendent im Kirchenkreis Leipe 1942 – 1944

"Euer Pastor soll sich in acht nehmen, sonst kommt er ins KZ"

SIEBTES BUCH:

Von Schutzengeln geleitet: „Deutschlandreise“ 1945

XIII. Evakuierung und Flucht aus dem Osten - Ereignisse 1944/45

Eine weitsichtige Entscheidung 1944: Trennung und Zuflucht der Familie in Erlangen

Russische Offensive und Vorbereitung der Evakuierung

Glockenläuten wegen Panzeralarm und Räumung der Ortschaft Rypin

Eine Fahrt im Kreise mit den Pfarramtsakten im letzten Zug von Rypin

Rückkehrer fallen der Wut der Polen zum Opfer

Zurück zur Kirchenleitung nach Danzig

Bei der Gemeinde bleiben auch in der Diaspora

„Harre meine Seele“ – Trost inmitten Chaos und Elend

EXKURS: Verpflegung für Flüchtlinge mit der „Reichsurlaubskarte

Übernachtung im pommerschen Gutshof

Gemeinde durch Flucht in alle Winde zerstreut

Fügungen auf dem Weg nach Erlangen: Auf einem Kranwagen der Luftwaffe

Dem größten Bombenangriff auf Berlin um Haaresbreite entgangen

Wiederbegegnung mit dem Vater

Die Bewahrung der Angehörigen

Der Zerstörung des Landeskirchenamtes Ansbach knapp entkommen

EXKURS: Krach um die Benennung der Bischof-Meiser-Straße

Vertriebenen-Schicksale

XIV. Beruflicher Neubeginn und Kriegsende in Franken März 1945

Amtsaushilfe in Erlangen-Bruck

EXKURS: Die letzten Kriegsereignisse in Erlangen-Bruck im April 1945

Gottesdienst beim Vordringen der Front

Die weiße Fahne am Brucker Kirchturm

Amtsaushilfe in Erlangen-Altstadt

EXKUS: Die Erlanger „Stadtrandsiedlung“ – ein Arbeiter- und Kirchenprojekt

Wohnung in Erlangen

Familie und Verwandtschaft nach Kriegsende

Gewagte Grenzübergänge auf der Suche nach den Spahljungen

Wohnen in der Stadtrandsiedlung

ACHTES BUCH:

Eine Lanze für die Flüchtlinge

XV. Eine Lanze für die Flüchtlinge in der Gemeinde

Vorwort

Wer sind die Flüchtlinge?

Die „reichsdeutschen“ Flüchtlinge

Die sogenannten Volksdeutschen Flüchtlinge

Zur Psychologie der Flüchtlinge

Das Trauma von Flucht und Vertreibung

Die Zerreißung der Familien

Der Verlust

Die Entwurzelung

Flüchtlingsnot und christliche Gemeinde

Die Gemeinde als neue Heimat

Gottesdienst und Verkündigung

Eine Anmerkung

XVI. Das Mädchen ohne Füße - Drama einer Flucht 1945 ohne Aussicht

Einführung

Erster Brief - Rummelsberg, den 15. November 1947

Anweisung zum Aufbruch kam zu spät

Von der Roten Armee eingeholt

Zurückgeschickt!

Tod im Winterwald

Zweiter Bericht von Martha Schwarz

Aufgefangen im Abgrund

Was hast du verbrochen?

Nach wilden Gerüchten vom Mob fast zur Erschießung verurteilt

Die Füße selbst amputiert

Pfingsten – Ermutigung gegen Selbstmitleid

Zwei Jahre in der Dorfschmiede unter Obhut von „Vater Brenner“,

Abgeschoben und vertrieben aus der Heimat Polen

In Rummelsberg wieder im Leben angekommen

XVII. Familiengeschichtl. EXKURS: Das weitere Schicksal von Brüdern und Schwager

Mein Bruder Otto

EXKURS: Baruth und das letzte Gefecht der Deutschen

Mein Bruder Johannes

EXKURS: „Onkel Fredek“ – ein Überlebenskünstler voller Geheimnisse

Ein unterhaltsamer Zeitgenosse mit festen Gewohnheiten

Als Dolmetscher in geheimer Mission

Konspirativer Einsatz im Kaukasus

„Feuerwehreinsatz“ beim Rückmarsch

Begehrter Dolmetscher bei den Sowjets

Beim Festbankett der Sieger

Verschleppt ins russische Kriegsgefangenenlager

Heimatsehnsucht trotz Reiselust bis ins Alter

Gut aufgehoben in seiner verständnisvollen Familie

NEUNTES BUCH:

Erfüllte Zeit

XVIII. Als Pfarrer in Roth – 1947-1965

Lebens- und Dienststationen um Nürnberg nach dem Krieg: Landkarte

Amtsantritt und Arbeit auf der zweiten Pfarrstelle Roth

EXKURS: Kleine Geschichte der Stadt Roth

Die gotische Stadtkirche

Freundliche Hausgenossen, aber dicke Luft

EXKURS: Gerüche von geschichtlicher Brisanz - Roth und das KZ Auschwitz

Familienheimat Roth

August 1961 – Bau der Berliner Mauer und Schließung der deutsch-deutschen Grenze

Eine Riesenlast an Gemeindeaufgaben und Unterricht

Erholung als Kurprediger und weitere Dienste

Bernlohe erhält eine Kirche

Mitarbeit der Ehefrau in der Frauenarbeit

Aufbau von Männerarbeit

Ein Diakon für die Jugendarbeit

Vertretungen und Überlegungen für einen Wechsel

XIX. Zehn Jahre Pfarrer in Katzwang – 1965-1975

EXKURS: Katzwang -eine evangelische Marienkirche mit katholischem Patronat

Neue Schwerpunkte: Kindergarten, Jugendarbeit, Erwachsenen- und Altenarbeit

Ausbildung und Lebensweg der Kinder:

Reinhard, der Erzmusikant, ist allzu früh vollendet

Peter, der Menschenfreund und Arzt, weiß immer auch einen guten medizinischen Rat

Eva-Marie weiß, was sie will und ist auch der Musik verfallen

„Dorle“ - eine Säule der weltläufigen Familie

Martin ist ein Original mit politischer und weltanschaulicher Allround-Kompetenz

Gesundheitliche Probleme am Ende der Dienstzeit

Ein aktiver Un-Ruhestand in Wolkersdorf nach Ostern 1975

Verbindungen zur alten Heimat

EINSCHUB: Laudatio für Hugo Karl Schmidt zur Verleihung des „Dr. Kurt-Lück-Preises"

Freundschaften im Alter

Kurpredigerdienste

XX. Goldene Hochzeit am 25. Okt. 1986

Goldene Hochzeit

Predigt zur Goldenen Hochzeit

ZEHNTES BUCH:

Grenzen, Fügungen und das Wunder geschenkter Jahre

XXI. Rückblick (1993): Bilanz — Grenzen und Hilfe

Ein tiefer Einschnitt: Herzinfarkt 1989

Anmerkungen zu den besonderen Zeitumständen im Jahr 1989

Ein "kleiner Tod"

Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch

Wunderbare Fügungen

In Ängsten - und siehe, wir leben

XXII. Das Wunder geschenkter Jahre - 2001

Neuorientierung nach der Begegnung mit dem eigenen Tod

Abschied vom Lebensmittelpunkt, und dass danach noch etwas kommt

Auch im Alter der Berufung entsprechen

Auflebende Beziehungen

Das Alter aktiv gestalten

Schachspiel für den Heimprospekt

Tageslauf im Seniorenhof Büchenbach unter neuer Leitung

Gemeinsam Geburtstag feiern

XXIII. Geschichten vom Papa Hugo und Mama Edith

Peter erinnert sich: „Schubertlieder in der Sonntagsfrühe“

„Bergsteigen an der Kampenwand“

„Schwarzfahrt mit dem Käfer“

Eva-Marie erinnert sich: "Sulzbürg –Erholungsurlaub mit Mutti"

"Mein schönstes Erlebnis mit Papa"

Dorothea - Erinnerungen an meinen Vater: „Schaukeln am Sessel“

„Geburtstag mit Papa

Martins wichtigste Erinnerung: „Dank Papa wieder ‚im Bilde‘“

Jürgen erinnert sich an Schwiegervater und Schwiegermutter: „Slibowitz und Theologie“

„Ein Schwiegersohn, den Mama nicht heiratet“

XXIV. ABSCHIED

À Dieu - Gott befohlen! – Abschiedswort von Hugo Karl Schmidt

Und wie dieser Abschied von Hugo Karl Schmidt wirklich war

Der Schlaganfall verändert alles

Leben wie in einer anderen Welt

Der letzte gemeinsame Familiengeburtstag

Zum Sterben vorbereitet mit Weihnachtsliedern

Der Segen des Vaters für die Kinder

Kein Tag wie jeder andere

Beerdigung mit dem Familienchor

LEBENSLAUF

NACHRUFE in den Zeitungen:

„Das Ordentliche ordentlich machen“

„Ein Vorbild für die Nachfolgenden“

„Sein Leben und Werk gewürdigt“

ANHANG:

XXV. Bibliographie Hugo Karl Schmidt

Hauptwerke

Veröffentlichungen zum Thema „Wolhynien“ in Zeitschriften u.ä.

Veröffentlichungen zum Thema „Kirchenkreis Rypin-Westpreußen“ und „Flüchtlinge“

Anspiele

Rezensionen

Über H.K.Schmidt

Ergänzende Informationen

XXVI. Beigaben

Lieder von Gustav Seidel: „Hymnus“, „Waldlust“

„Acht Generationen“ - Stammtafel Schmidt-Bredow

"Lebens-Bilder" heute: Die Nachkommen des Gottfried Schmidt und der Emilia Seidel

Über den Inhalt des Buches

Über den Autor Hugo Karl Schmidt

Über den Herausgeber

Texte von Jürgen Taegert und anderen Verfassern in diesem Buch:

Landkarte Wolhynien 1938/44

Landkarte Tuczyn 1928

Wo die „Lebenserinnerungen“ spielen: Europäische Länder Deutschland, Polen, Weißrussland und Ukraine

Hugo Karl Schmidt

„In Ängsten — und siehe, wir leben“

LEBENSERINNERUNGEN eines Wolhynien-Pfarrers

Straßenszene in Lódz 1914: Parade deutscher Soldaten

Erstes Buch:

Leben in Łódz

— Vorfahren, Kindheit, Schulzeit —

Lebenserinnerungen …

Es könnte banal und überflüssig erscheinen, Lebenserinnerungen aufzuzeichnen, wenn hier nur das Durchschnittsschicksal einer binnendeutschen Familie angesprochen wäre. Aber es ist das Leben einer deutschstämmigen Sippe im Ausland zu beschreiben, genauer gesagt: in Polen.

Immer wieder finde ich bei Gesprächen mit Kindern und Enkelkindern Vorstellungen über das Leben der Deutschen in Polen, die man aus der Sicht heutiger Verhältnisse zu rekonstruieren versucht, die aber der erlebten Wirklichkeit nicht entsprechen. Es geht um die stets aktuelle Frage, was Menschen als Gäste, Mitbürger und Fremde zwischen den Kulturen erleben, wie sie ihr Leben aus ihrer Religion und Kultur heraus zu gestalten versuchen, wie sie, ohne explizites eigenes Verschulden, zum politischen Spielball der Mächte werden und wie sie überleben.

Nicht dass ich behaupten möchte, dass unsere Vorfahren und wir selber in Polen alles richtig gemacht hätten. Aber darum geht es nicht. Vielmehr will ich schildern, aus welcher Sichtweise und Einstellung heraus sie ihr Leben geführt haben und es eigentlich nicht anders führen konnten. Um diese eigene Sichtweise der Dinge in früherer Zeit geht es.

I. Vorfahren väterlicherseits und der Vater Gottfried Schmidt

Kantorlehrer mit schwäbischer Herkunft

Es ist nicht viel, was ich über die Vorfahren der weiter zurückliegenden Vergangenheit weiß. Denn mein Vater hat uns verhältnismäßig wenig davon erzählt. Was er erzählt hat, ist mir zwar einigermaßen in Erinnerung, doch muss ich mir einiges dazu reimen, um Klarheit zu finden. Und ob dieser Reim stimmt, kann ich nicht sicher behaupten.

Die Vorfahren SCHMIDT sollen aus Schwaben stammen. In Erzählungen des Vaters kam für die Ansiedlung die Ortsbezeichnung NEUSULZFELD bei ŁÓDŹ vor.

Dorf und Felder im Sechszehn-Eck: Kolonistendorf NEUSULZFELD östlich von ŁÓDŹ, heute eingemeindet

EXKURS:
Nowosolna und seine ersten Siedler

- von Jürgen Taegert

Dieses NEUSULZFELD-NOWOSOLNA, im Herzen des heutigen Polen gelegen, ist seit 1988 als Stadtteil mit etwa 2.000 Einwohnern nach ŁÓDŹ eingemeindet und liegt geographisch im Nordosten von ŁÓDŹ, etwa 10 km vom Stadtkern entfernt, auf dem Gebiet der Wzniesienia Łódzkie, einer Naturlandschaft aus eiszeitlich geformtem Hügelland bis 300 m Meereshöhe. Die Landschaft bildet die Wasserscheide zwischen Oder und Weichsel; das Flüsschen Miazga entspringt im Ortsgebiet.

Das Dorf mitsamt den umgebenden Feldern ist von deutschen Kolonisten in den „preußischen“ Jahren nach der zweiten polnischen Teilung von 1793 zwischen 1801-1806 gegründet worden. Es ist in der ungewöhnlichen Form eines Oktaeders mit einem allseitigen Durchmesser von 4 km angelegt. Im jährlich dem preußischen König vorzulegenden „Generaltableau vom Fortgang des Kolonistenwesens in Südpreußen“ erscheint es zunächst an fünfter Stelle in der Liste des „Warschauer Cammer Department“ unter der Bezeichnung „Kolonie Wiaczyn im Amt Laznow“ und wird seit Juli 1803: „NEUSULZFELD“ genannt.

Der Grund dieser Namensgebung ist nicht ganz ersichtlich. Die Gemeindechronik von SULZFELD in Baden vermerkt zwar, dass im Jahre 1801 eine Gruppe von Siedlern aus SULZFELD ein Dorf östlich der damals zu Südpreußen gehörenden Stadt ŁÓDŹ gegründet hätte, das Neu-Sulzfeld genannt wurde. Doch sind hier in den ersten Jahren der Besiedlung nur zwei Siedler aus SULZFELD namentlich vermerkt. Die anderen kommen, sofern Ortsnamen mit angegeben sind, aus den schwäbischen Orten BODELSHAUSEN, DURLACH, FEUDENHEIM, HEILBRONN, ISENBURG, MÖTZINGEN, SAUNSHEIM, SCHRAMBERG, u.a.

Die polnischen „Schwaben“ kommen aus Baden und Württemberg: Herkunftsorte der Kolonisten von NEU-SULZFELD-ŁÓDŹ — Im Kreis: Aus FELDSTETTEN kommen die Schmidts

Nach den Prinzipien des preußischen Siedlungswesens sollten die Siedler einer neu zu gründenden Ortschaft eigentlich möglichst aus derselben Gegend kommen, um von vornherein eine kooperative, gleichgesinnte Gemeinschaft zu bilden. Dies trifft aber in der tatsächlichen Praxis, wie die Karte zeigt, nur bedingt zu: Die Siedler kommen aus fast dem gesamten Großraum des heutigen Baden-Württemberg. Allerdings ist bei der Mehrzahl der Neuankömmlinge kein konkreter Ort benannt, sondern fast 70-mal nur die Länderbezeichnung „Württemberg“ eingetragen, und bei den ersten drei Siedlern der Ausdruck „Schwaben“; hinter den nicht genannten Ortsnamen könnten sich natürlich auch Bürger von SULZFELD verbergen.

Der Erfolg der ersten Siedler und die fantastischen Konditionen des preußischen Staates scheinen sich damals in der Heimat herumgesprochen zu haben. Denn nach zaghaftem Beginn 1801 mit drei Kolonistenfamilien und zusammen nur neun Personen steigert sich die Zuwanderung im Folgejahr auf 40 Familien. Im Jahr 1805 strömen sogar 45 Familien ein, unter ihnen als 10. die Sippe von JOHANN SCHMIDT mit zusammen neun Personen. Dieser JOHANN SCHMIDT kommt aus dem kleinen Dorf FELDSTETTEN auf der schwäbischen Alb in Württemberg, das heute nach LAICHINGEN knapp 30 km nordwestlich von ULM eingemeindet ist. Die Einwohner lebten damals von Landwirtschaft, Hausweberei und dem Betrieb zahlreicher Gastwirtschaften, die entlang der wichtigen West-Ost-Verbindung über die Alb lagen, welche damals noch mit der Postkutsche bedient wurde.

Die Siedler brachten seinerzeit auch ihren protestantischen Glauben in der typisch schwäbisch-pietistischen Färbung mit und errichteten in NEU-SULZFELD zunächst einen Betraum und dann eine Kirche. Diese ungewöhnliche Holzkirche aus dem 19. Jh. mit der gemauerten Giebelseite und ihrem Dachreiter ist jüngst in das Freilichtmuseum von ŁÓDŹ transferiert worden und erstrahlt dort in neuem Glanz.

Der zentrale Platz des Ortes, an dem alle acht Straßen sternenförmig zusammen laufen, gilt heute als die Touristenattraktion des Ortes und als einzigartig im Städtebau Polens und ganz Europas. Auch die umgebenden Fluren sind in dieser auffallenden Form aus acht kreisförmig angeordneten, mit Wegen eingerahmten Segmenten angeordnet, die jeweils nochmals der Länge nach halbiert sind. Das lässt darauf schließen, dass es damals zunächst 16 schwäbische Familien waren, die sich hier angesiedelt haben. Als die bäuerlichen Vorfahren von HUGO SCHMIDT hinzustießen, dürften diese Strukturen schon weitgehend festgelegt gewesen sein; neue Siedler mussten dann in die weitere Umgebung ausweichen.

Vielleicht hat August Schmidt hier als Kantorlehrer noch unterrichtet: Schule und Bethaus von NOWOSOLNA von 1869

Für diese damalige Kolonisierungswelle, der sich diese Siedler anschlossen, hatten die Preußen, seit der zweiten polnischen Teilung 1793 Herren dieses Landes „Südpreußen“, seit 1800 in großem Stil vor allem im südsüddeutschen Raum systematisch geworben und allen Bewerbern große Vergünstigungen angeboten.

Heute im Freiluftmuseum in ŁÓDŹ: Evangelische Holzkirche der ersten Siedler aus NEUSULZFELD mit Steinfassade und Dachreiter

Die Siedler und ihre Söhne waren vom Wehrdienst befreit, sie mussten in den ersten Jahren keine Steuern zahlen und erhielten eine nach Meilen berechnete Wegstreckenunterstützung für die Anreise aller Familienmitglieder sowie finanzielle Zuschüsse zur Rodung des Landes; ihnen wurden ferner kostenlos Geräte zum Wirtschaften sowie Vieh zur Verfügung gestellt und Wohnhaus, Stall und Scheune auf Staatskosten errichtet. Für weitere Investitionen gab es zinsfreie Darlehen. Da die Süddeutschen keine eigene Erfahrung mit den notwendigen Rodungsarbeiten hatten, baten sie die schon länger hier siedelnden Deutschen, ihnen bei der Urbarmachung des Landes zu helfen. Diese Arbeiten konnten sie durch die Staatszuschüsse entlohnen.

Siedlungsorte der Vorfahren: Im Umkreis von 10-70 km um ŁÓDŹ lebten und arbeiteten die Vorfahren von Hugo Schmidt

Neben solchen Gruppen von Bauern ließen sich auch manche Handwerker ins Land locken. Nachdem ein großer Teil der Einwanderer aus Schwaben kam, wurde der Ausdruck „Szwaby“ in dieser Gegend bald zur Bezeichnung für Deutsche schlechthin.

HUGO SCHMIDT stellte schon seinerzeit fest, dass die Liste der ersten Siedler dieser schwäbischen Siedlung auch den Namen SCHMIDT aufführt, mit mehreren Kindern, darunter eines mit dem Vornamen AUGUST. Dieser AUGUST SCHMIDT, so mutmaßte er, könnte sein Urgroßvater gewesen sein.

Diese Vermutung dürfte zutreffend sein. Der Name „SCHMIDT“ kommt bei den Kolonisten von NEU-SULZFELD nur für eine einzige Familie vor. Es fällt auf, dass dieser scheinbare Allerweltsname in den Siedlungen im gesamten Raum dieses neuen „Südpreußen“ überhaupt eher selten ist; im Ganzen konnte ich ihn lediglich 34-mal finden. [Ende des Exkurses]

Die Tradition der männliche Erbfolge des ältesten Sohnes, die verhindern sollte, dass der elterliche Bauernhof und das Bauernland zerrissen und zerstückelt wird, brachte es dann mit sich, dass die nicht erbberechtigten Kinder sich anderweitig als Knechte und Mägde verdingen mussten oder ihr Interesse auf andere Berufe richteten. Das war insbesondere das Handwerk, aber auch der zunehmend bedeutsame pädagogische Bereich. So hat mein Vater berichtet, sein Großvater sei Lehrer gewesen.

Es ist anzunehmen, dass dieser AUGUSTSCHMIDT zu den sog. „Kantorlehrern“ im Dienst der Evangelischen Kirche gehörte, über deren besonderen Werdegang in Polen AUGUST MÜLLER in seinem Aufsatz „Das Lehrerseminar von seiner Gründung bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges“ im Büchlein „Das deutsche Lehrerseminar in Mittelpolen“ schreibt1:

Kolo, Kirchort für Majdany: Straßenzug und Kirche in KOLO

„Bei den der Kirche unterstehenden Kantoraten war die Sache verhältnismäßig einfach. Da holte sich der Pastor einen aufgeweckten jungen Mann heran, überhörte ihn, weihte ihn in seine Verrichtungen ein, stellte ihn der Gemeinde vor und überließ ihn sich selber. Von Zeit zu Zeit besuchte er ihn im Unterricht, ließ ihn die zehn Gebote abfragen, mit den Kindern einen Choral singen, überzeugte sich, wieweit die Kenntnisse der biblischen Geschichte waren, und die Sache hatte damit ihr Bewenden.“2

Es ist gut vorstellbar, dass AUGUST SCHMIDT als nicht erbberechtigter Nachfahre einer eingewanderten, lutherischen Bauernfamilie bewusst ein solcher Kantorlehrer wurde. Zum Zeitpunkt seiner jungen Jahre um 1840 gab es freilich noch keine Lehrerbildungsanstalt für deutsche evangelische Lehrer. Anders dürfte es bereits bei seinem Sohn JOHANN SCHMIDT, geboren am 10. Juni 1846 in MAJDANY - Kirchengemeinde KOLO – [70 km nordwestlich von Łódź] gewesen sein, der ebenfalls Lehrer wurde. Er könnte schon eine gediegenere Ausbildung an der 1866 in Warschau errichteten Schule mit Lehrerausbildung erworben haben.

Handels– und Tuchmacherstadt mit hohem deutschen Bevölkerungsanteil: TOMASZOW um 1870; der Ort der Jugend von GOTTFRIED Schmidt. Hier war sein Vater JOHANN SCHMIDT zuletzt Kantor und Lehrer, dieser verstarb hier recht früh.

Dieser JOHANN SCHMIDT, mein Großvater väterlicherseits, war bei der Geburt meines Vaters GOTTFRIED SCHMIDT (*9. Apr. 1875) Lehrer in dem zur Kirchengemeinde WIELUN gehörenden Dorf WOLNICA GRABOWSKA3.

Er muss dann in TOMASZOW4, einer stark von Deutschen besiedelten Tuchmacherstadt, Lehrer geworden sein. Denn Vaters Erinnerungen seiner Jugend hängen sehr mit dieser Stadt TOMASZOW zusammen. Großvater JOHANN SCHMIDT muss aber in TOMASZOW bereits verhältnismäßig jung gestorben sein. Mit einiger Sicherheit hätte er seinen Sohn GOTTFRIED, meinen Vater, sonst wohl Lehrer werden lassen.

Durch seinen vorzeitigen Tod musste Johann Schmidts Witwe sich mit ihren Kindern recht und schlecht durchschlagen. Diese, JOHANNA SCHMIDT, geb. GUSE, geboren am 19. September 1853 in WOLNICA GRABOWSKA, also an dem Wirkungsort ihres späteren Ehemannes, muss eine Bauerntochter gewesen sein. Die Eheschließung von JOHANN SCHMIDT mit JOHANNA GUSE fand am 6. Mai 1873 in WIELUN5 statt.

Ziel von Richthofens erstem Stuka-Terrorangriff 1939: Zerstörtes WIELUN mit evang. Kirche, späterer Schicksalsort der Wolhynier

Aus dieser Ehe sind mir drei Kinder bekannt. Vater GOTTFRIED dürfte der Älteste gewesen sein. Danach kam eine Schwester, die wohl unter dem Namen WEITBRECHT o. ä. verheiratet gewesen ist und später nach Brasilien auswanderte, ihr Vorname könnte LYDIA gewesen sein. Durch den Ersten Weltkrieg war die Verbindung zu ihr abgerissen und ist später nie mehr zustande gekommen.

„Onkel Adolf“

Ein weiterer Sohn von JOHANN und JOHANNA SCHMIDT hieß ADOLF. Er hat als Vaters Bruder und unser „Onkel Adolf“ in unserer Familie eine fast legendäre Rolle gespielt. Wahrscheinlich spielte der frühzeitige Tod des Vaters JOHANN SCHMIDT dabei eine Rolle, dass Onkel ADOLF nichts Rechtes gelernt hat und es auch zu nichts gebracht hat. Er war zwar sehr intelligent und begabt, doch schon die Schule muss er überreichlich geschwänzt haben. Er hatte einen ausgesprochenen Wandertrieb, den er auch nach seiner Verheiratung nicht aufgab. Sobald im Frühjahr die Sonne milder schien, verschwand er, und er tauchte erst wieder auf, wenn der Winter vor der Tür stand. Wie seine Frau und die Kinder sich in der Zwischenzeit durchgeschlagen hatten, schien ihn nicht weiter zu beunruhigen. Er war froh, über den Winter wieder ein warmes Plätzchen zu finden. Gelegentliche Arbeiten, die ihm mein Vater besorgt hatte, langten kaum, die Familie über Wasser zu halten, zumal er ja bald wieder verschwand.

Es ist ein Wunder, dass aus den zwei Töchtern von Onkel Adolf tüchtige Hausfrauen und Mütter geworden sind. Zweifellos hat mein Vater Hilfestellung geleistet, damit die Mädels etwas lernten. Apollonia wurde eine kundige Bürokraft und heiratete einen Mechaniker Reinhold Brandt, Marie wurde beruflich ähnlich gelenkt und heiratete den Tischler Arthur Zaft. Beide Ehemänner haben sich als Schwäger gegenseitig zu einer guten Existenz als Möbelvertreter verholfen. Reinhold Brandt ist 1976 an einem Herzinfarkt, Apollonia 1983 an Krebs verstorben.

Der Vater Gottfried Schmidt: Kaufmann, Soldat und Fabrikverwalter

Mein Vater GOTTFRIED SCHMIDT ging nach ŁÓDŹ in eine kaufmännische Lehre.

EXKURS:
Die Entwicklung der TextilstadtLódź

- von Jürgen Taegert

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war ŁÓDŹ ein unbedeutendes mittelpolnisches Ackerbürgerstädtchen, das im Jahr 1820 nur etwa 800 Einwohnern hatte. Im darauffolgenden Jahrzehnt traf die kongresspolnische Regierung die Entscheidung, zur wirtschaftlichen Hebung des Landes, das nach den napoleonischen Kriegen darniederlag, Textilhandwerker anzusiedeln. Das Gebiet war wegen seines Wasserreichtums besonders geeignet. Die Angeworbenen kamen unter anderem aus Mitteldeutschland, Schlesien und Böhmen. ŁÓDŹ und weitere, bis dahin ländliche Orte der Umgebung wurden zu „Gewerbe-Städten“ (miasta prze-mysłowe) erklärt; ihre Erweiterung entwarf man nach rationalistischen Gesichtspunkten auf dem Reißbrett.

Kaufmännische Lehre, Bürochef und Fabrikverwalter: Hugos Vater Gottfried Schmidt (1875-1950)

Für die Textilhandwerker errichtete man zunächst noch auf Wasserkraft angewiesene oder manufakturell betriebene Fabriken. Mit Dampfmaschinen ausgestattete Großindustrie wurde zuerst gegen Ende der 1830er Jahre gegründet; sie verstärkte sich seit den 1860er Jahren und drängte das handwerkliche Textilgewerbe zurück; dessen Überreste existierten gleichwohl bis weit in das 20. Jahrhundert hinein fort.

Bereits vor Einführung der Maschinenindustrie hatte ŁÓDŹ mit knapp 30.000 Einwohnern mittelstädtisches Ausmaß erreicht. Im Zuge des textilindustriellen Booms kam es dann zu einem rasanten Bevölkerungswachstum, das die Einwohnerzahl zu Beginn der 1880er Jahre über 100.000 ansteigen ließ. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden 300.000 Einwohner gezählt, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs bereits 500.000.

Von Deutschen 1857 gegründete Textilfabrik: Annonce der Wollwarenfabrik Karl Kretschmer, in der Hugos Vater GOTTFRIED als Verwalter tätig war, in der Jubiläumsschrift der ŁÓDŹer Zeitung 1863-1913. – Dazu Vermerk von H.K.Schmidt:

„Obiges Bild ist die genaue Wiedergabe der Kretschmerschen Fabrik, in der mein Vater Fabrikverwalter war. Im vorderen Haus rechts befanden sich im Erdgeschoss die Büro- und Lagerräume, im Obergeschoss die Fabrikantenwohnung, die wir, nach Wegzug des Fabrikbesitzers in die Innenstadt, bewohnten. Im Hintergrund der Zeichnung sind rechts zwei Baumreihen zu sehen. Zwischen diesen lag der große Garten, der uns, ebenso wie der riesige Fabrikhof, als Spielplatz zur Verfügung stand. An die letzten Baumreihen grenzte der im Hintergrund ebenfalls sichtbare große und schöne Stadtpark an, der sg. „Pánska-Park“.

Die Stadt wurde im amerikanischen Stil angelegt, also mit einer orthogonalen Rasterstruktur entlang einer Hauptstraße. Ein wichtiger Standortfaktor für die Baumwollindustrie war die Lage der Stadt an vielen Flüssen und umringt von einem großen Waldgebiet. Drei große Fabriken prägen das Bild der Stadt bis heute.

Im gesamten Zeitraum bis zum Zweiten Weltkrieg blieb der ausgesprochen monostrukturelle Charakter der Łódźer Industrie bestehen, die neben allen Branchen der Textilindustrie seit der Mechanisierung hauptsächlich Fabriken für Baumwollverarbeitung und außerdem vorwiegend Zuliefer- und Instandsetzungsbetriebe umfasste.

Administrativ kam ŁÓDŹ bis 1914 nicht über den Rang einer Kreisstadt hinaus, denn die russische Verwaltung scheute vor einer politischen Aufwertung der Stadt zurück, die als Unruhezentrum berüchtigt war. Erst die deutschen Besatzer 1914-18 machten sie zum Sitz ihrer Gouvernementverwaltung.6[Ende des Exkurses].

Nach Abschluss der Lehre muss GOTTFRIED SCHMIDT in einem Łódźer Fabrikbüro gearbeitet haben. Die Firma dürfte HANTKE gewesen sein.7

Dann aber wurde GOTTFRIED zum russischen Militär einberufen, ein Los, das unter der russischen Oberherrschaft in Kongresspolen viele Männer ereilte. Damals traf es aber nur jeweils einen Sohn aus einer Familie.

Der Militärdienst währte in Russland in Friedenszeiten gewaltige fünf Jahre! Nach der Grundausbildung in ROWNO8, wurde Vater Regimentsschreiber. Auf eigenen Wunsch wurde er zu einem Regiment nach TURKESTAN versetzt, denn er vertrat den Standpunkt, wenn er schon Soldat sei, dann wolle er von dem weiten Russland recht viel sehen.

Die weite Entfernung brachte es mit sich, dass er in diesen fünf Jahren keinen Urlaub nahm. Damit müssen aber Vergünstigungen geldlicher Art verbunden gewesen sein. Bei seiner anspruchslosen Lebensweise - er rauchte nicht und lebte weitgehend abstinent - dürfte er sich von seinem bescheidenen Wehrsold doch einiges zurückgelegt haben.

Nach der Militärzeit wird er wohl noch einige Zeit in seiner früheren Firma gearbeitet haben.

Er muss gute Referenzen gehabt haben, sodass er dann bei der großen Wollwarenfabrik KARL KRETSCHMER in ŁÓDŹ als „Fabrikverwalter“ angenommen wurde. Diese deutsche Berufsbezeichnung ist für deutsche Verhältnisse irreführend: Die russischen bzw. polnischen Begriffe „zawjeduischtschij“ bzw. „zarzadza-jacy fabryki“ machen deutlicher, dass ihm, wie einem „Manager“ heute, der ganze äußere Ablauf des Betriebs unterstand, vor allem das Einstellen von Arbeitern, Überwachung der Gebäude und deren Instandhaltung. Auch war er Bürochef.

Außer der Überwachung der Lohnauszahlung hatte er jedoch mit den rein kaufmännischen Geschäften der Fabrik und mit geldlichen Dingen nichts zu tun. Die Buchhalter waren ihm zwar unterstellt, doch das rein Geschäftliche ging ihn nichts an, das besorgten der Chef, bzw. die Chefs - nach dem Tod des Firmengründers KARL KRETSCHMER übernahmen zwei Brüder die Fabrik - und ein Prokurist.

Zu welchem Zeitpunkt genau Vater dort bei der Wollwarenfabrik Kretschmer eingetreten ist, weiß ich nicht sicher. Es muss wohl um 1905 gewesen sein. In dieser Zeit hatte die Łódźer Industrie Hochkonjunktur, der russische Absatzmarkt war unersättlich.

Auch wenn ich nicht weiß, wie viel mein Vater verdient hat, muss sein Gehalt nicht schlecht gewesen sein. Außer zum Unterhalt der Familie reichte es für Sparrücklagen. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte er davon einem Schwager und einer Schwägerin je 1.000 Goldrubel zur Existenzgründung leihen. Daran kann ich mich deshalb so genau erinnern, weil es wegen der Rückzahlung später Streit gegeben hat; die Tilgung der Darlehen war durch den Kriegsverlauf und die Geldentwertung unmöglich geworden.

1 zusammengestellt von Otto Heike, Kammwegverlag Troisdorf/Rhld. 1963, S. 14.

2 Vergl. dazu auch das Büchlein von Jürgen Taegert „Vom Tropfhäusler zum Köster und Schaul-meister“, welches das Geschick der Kantorlehrer aus seinen Vorfahren im an Polen angrenzenden schwedischen und preußischen Pommern schildert.

3 60 km südwestlich von ŁÓDŹ.

4 polnisch: TOMASZÓW MAZOWIECKI, 40 km südöstlich von ŁÓDŹ.

5 WIELUN ist ein Städtchen etwa 115 km südwestlich von ŁÓDŹ, das auch für die weitere Geschichte der Polen und Deutschen bedeutsam wurde. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war dieser Ort zunächst Ziel des ersten Angriffs von Sturzkampfbombern der Deutschen Luftwaffe am 1. Sept. 1939 unter Feldmarschall WOLFRAM v. Richthofen. Die Bomben zerstörten den Stadtkern. Der Grund des Angriffs ist umstritten; möglicherweise diente er ausschließlich zum Testen der Kampfkraft dieser Flugzeuge und ist daher als Kriegsverbrechen zu werten. – Hier in WIELUN wurden 1940 etliche aus Wolhynien umgesiedelte Deutsche neu angesiedelt. JOHANNES SCHMIDT, der ältere Bruder von HUGO SCHMIDT, war ihr Gemeindepfarrer. 1945 mussten sie vor der andringenden Roten Armee ihr neue Wohnstätte verlassen und sich auf ein ungewisses Schicksal gefasst machen. Mehr dazu weiter unten.

6 Informationen aus: „Wohnsituation und Modernisierung im europäischen Vergleich“, herausgegeben von Alena Janatkovà und Hanna Kozmska-Witt, vergl. dazu auch die Tabelle der Bevölkerungsentwicklung weiter unten.

7 Es gab seinerzeit in ŁÓDŹ eine riesige Anzahl von kleinen und größeren Firmen, weit über 500, zumeist deutsche Gründungen, in denen zusammen über 70.000 Arbeiter beschäftigt waren, überwiegend im Bereich der Tuchmacherindustrie. Die Spuren einer Firma Hantke sind aber heute schwer aufzufinden.

8 in Wolhynien, dem späteren Einsatzort von Sohn HUGO als Pfarrer.

II. Vorfahren mütterlicherseits und die Mutter Emilie Seidel

Großvater Gustav Seidel, Tuchmacher und heilkundiges Universalgenie

Am 27. Juli 1905 heiratete mein Vater die Tochter EMILIE ALWINE des Tuchmachers Gustav Seidel und seiner Ehefrau Ernestine.

GUSTAV SEIDEL ist am 7. Mai 1848 in Tomaszów Mazowiecki9 geboren. Am 11. Sept. 1876 hatte er die ebenfalls in TOMASZOW geborene ERNESTINE LEHMANN geheiratet. Als „Tuchmacher“ wird GUSTAV in seiner Trauurkunde bezeichnet. Das wird er zweifellos zum Zeitpunkt seiner Eheschließung in TOMASZOW gewesen sein, sicher auch noch eine Zeit danach, denn meine Mutter EMILIE ALWINE SEIDEL ist dort am 16. April 1879 geboren, auch alle anderen Geschwister meiner Mutter: ALFRED am 7. Juni 1877 (verstorben 1905 in BERDICZEW/Ukraine), CLARA am 1. Februar 1880 (verstorben am 2. Juli 1956 in LOITSCHÜTZ bei Zeitz bei ihrem Sohn GERHARD), MAX GOTTWALD, geboren am 25. Juni 1886 (verstorben in DRESDEN), WANDA, geboren am 1. Juli 1888 (verstorben in BETZDORF/Kr. Siegen). Über deren Familienverhältnisse noch später.

Großvater GUSTAV SEIDEL war ein vielseitig begabter Mann. Unter anderem soll er ein Musikinstrument erfunden haben, das eine Art kleines Tasteninstrument gewesen sein soll. Damals kam er sicher nicht auf den Gedanken, es bei einem Patentamt anzumelden. Vielleicht war das im damaligen Kongress-Polen, das ja ganz den russischen Zarengesetzen unterworfen war, auch nicht möglich. Jedenfalls ist es bei diesem einen Instrument geblieben, das irgendwann entweder verschwunden oder von seinem Erfinder selber auseinandergenommen und zur Verbesserung nicht mehr zusammengesetzt worden ist. Letzteres ist wahrscheinlicher.

Wahrzeichen der Stadt Tomaszow: Die große evangelische Erlöserkirche

Großvater SEIDEL muss sich als Autodidakt weitergebildet, vielleicht auch irgendwelche kirchliche (Kantoren-?) Kurse mitgemacht haben. Jedenfalls war er nicht nur sehr belesen, sondern hatte sich auch über Kräuterheilpflanzen kundig gemacht, solche Pflanzen selber gesammelt und nebenher eine Art Heilpraxis betrieben.

Noch heute evangelisch im „Manchester Polens“: Die bereits vor dem Ersten Weltkrieg 1909 begonnene und erst 1928 fertiggestellte lutherische Matthäuskirche in ŁÓDŹ gehört heute zur Diözese Warschau der „Evangelisch-Augsburgischen Kirche“ in Polen. Bei Reparaturen des Turmknaufs nach einem Sturm im März 2014 wurde eine wertvolle Zeitkapsel entdeckt, die Auskunft gibt, wie die Menschen damals gelebt haben, mit welchen Schwierigkeiten die Protestanten in ŁÓDŹ zu kämpfen hatten, und welche Hindernisse es beim Bau der Kirche gab. Auch war den Historikern neu, dass der neugotische Kirchbau mit seiner leichten Jugendstilattitüde erst lange Zeit nach Ende des Ersten Weltkrieges, nämlich 1929, eingeweiht werden konnte.

(Aufnahme 1940). Die Kirche ist einer der größten Sakralbauten der Stadt und besitzt die größte Orgel Polens.

Hauptamtlich war GUSTAV SEIDEL eine Zeit lang als Beerdigungskantor an der Łódźer Johannisgemeinde10 tätig. Als Kantor ist GUSTAV mit seinen Singschülern den Trauerzügen bei Beerdigungen vorausgegangen und hat den Sarg und die Angehörigen zum Friedhof begleitet und auf dem Friedhof mit diesen Kindern dann Sterbe- und Trostlieder gesungen. Er muss aber auch bei armen Gemeindemitgliedern selber Beerdigungen gehalten haben.

Dass ihm die Beerdigungs-Agende und deren Gebrauch vertraut waren, habe ich anlässlich einer Aussegnung erlebt. Als unser Cousin OSKAR KRETSCHMER an Tuberkulose verstarb, war Pastor PATZER, der die Beerdigung halten sollte, verhindert und konnte nicht, wie es in ŁÓDŹ üblich war, den Leichenzug mit einer Aussegnungsfeier im Hause abholen; er erschien erst zur eigentlichen Feier auf dem Friedhof. Die Aussegnung im Hause hielt Großvater SEIDEL, und er tat es mit einer Würde und Selbstverständlichkeit, die davon zeugte, dass ihm dieser Dienst vertraut war. Es muss dann zwischen ihm und den Pastoren oder dem Kirchenvorstand der Johannisgemeinde Misshelligkeiten gegeben haben, was dazu führte, dass er diesen Kantorendienst aufgegeben hat.

Seitdem wird GUSTAV SEIDEL kaum einer geregelten Arbeit nachgegangen sein, zumal die Kinder herangewachsen, selbständig und außer Haus waren. Seine vielseitige Begabung ließ ihn dichten und komponieren. Ich habe von Vetter ALFRED SEIDEL einige Gedichte erhalten, die Gustav Seidel selbst geschrieben, vertont und mit zwei- bis dreistimmiger Begleitung versehen hat11.

Natürlich sind die Lieder im Stil der Zeit gedichtet und à la Silcher gesetzt, doch muss er sie mit seinen Chorschülern damals auch mehrstimmig gesungen haben12.

Dass alle diese Begabungen von GUSTAV SEIDEL gewissermaßen nur ansatzweise zur Geltung kamen und auch nur wenig Anerkennung fanden, hatte einen besonderen Grund. Großvater SEIDEL galt als Alkoholiker, allerdings nicht im Sinne der in Russland so häufigen sog. „Quartalssäufer“. Onkel MAX SEIDEL, sein Sohn, sagte mir einmal, er hätte seinen Vater nie total betrunken gesehen. Doch muss bei ihm durch regelmäßiges Trinken mit der Zeit eine gewisse Lähmung seiner Energien eingetreten sein, die ihn, zumal nach Enttäuschungen, die er mit Pastoren erlebte, im bürgerlichen Leben nicht mehr recht Fuß fassen ließ. Ob er sich in den letzten Lebensjahren überhaupt noch einen Lebensunterhalt selbst verdient hat, weiß ich nicht. Die letzte Wohnung in der Sienkewicza-Straße dürfte hauptsächlich von seinem Sohn MAX finanziert worden sein.

Ich kann mich nicht erinnern, ihn beim Geburtstag seiner Frau, unserer Großmutter, je anwesend gesehen zu haben. Dieser Geburtstag war sonst uns allen wichtig und wurde stets sehr gefeiert; in dem verhältnismäßig kleinen Zimmer saßen wir immer zusammengepfercht beieinander, fanden es aber sehr gemütlich.

Die letzten Jahre war Großvater im Sommer tagsüber meist auf Kräutersuche oder bei Patienten, die er in deren Häusern aufsuchte. Nur in der kälteren Jahreszeit konnte man ihn auch zu Hause antreffen. GUSTAV SEIDEL starb am 17. Nov. 1922 in ŁÓDŹ.

Von Urgroßvater GOTTLIEB HERRMANN SEIDEL wissen wir, dass er am 23. Okt. 1816 in Von Urgroßvater GOTTLIEB HERRMANN SEIDEL wissen wir, dass er am 23. Okt. 1816 in GRÜNBERG in Schlesien geboren ist und mit MARIE AUGUSTE FECHNER am 30. April 1844 in TOMASZOW die Ehe geschlossen hat. Diese Marie ist zwar am 21. März 1824 in UJAZD geboren - damit ist wohl die zweisprachigen Stadt und Gemeinde Bischofstal, heute UJEST, im Powiat Strzelce Opolskie in der Woiwodschaft Oppeln gemeint; einen Ort gleichen Namens gibt es aber auch bei TOMASZOW - stammt aber auch aus GRÜNBERG in Schlesien, wo ihr Vater HEINRICH JOSEPH AUGUSTIN FECHNER 1790 geboren ist.

Großmutter Ernestine Seidel – Enkelin einer schlesischen Adeligen?

Über unsere Großmutter ERNESTINE SEIDEL, geborene LEHMANN, ist nicht so viel überliefert, obwohl sie doch für die Kinder und uns Enkelkinder eine so große Rolle gespielt hat und mit ihrem hohen Alter einige Generationen überdauert hat.

Nahm für Hugo Schmidt Mutterstelle ein: Die Großmutter ERNESTINE SEIDEL

Auch sie stammt aus Schlesien. Ihr Vater JOHANN GEORG LEHMANN wurde am 5. Sept. 1810 in BURKERSDORF-Oberlausitz geboren. Er ist insofern interessant, weil in seiner Geburtseintragung lt. Ahnentafel der Vater JOHANN GOTTLOB LEHMANN und die Mutter ANNA ELISABETH