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New York City, in der Bronx: Das Revier von Detective Edward Conlon liegt auf der finsteren Seite der Stadt, in die sich kein Tourist verirrt. Eine Welt der Gangs, der Gewalt, der Drogen, der Verwahrlosung, in der es den Cops darum geht, jene Bürger zu schützen, die ein normales Leben führen wollen. Dabei werden auch die Polizisten zur Zielscheibe. Ein schwerer Stein, geworfen aus dem 20. Stockwerk, verfehlt Conlon nur um Zentimeter. Sechs Jahre lang ist Conlon, Absolvent der Harvard-Universität, auf Streife gegangen - und hat seine Erlebnisse zu einem intensiven, gefeierten New York Times-Bestseller verdichtet. "In den Straßen der Bronx" ist auch die Innenansicht einer Familie irischstämmiger Cops, geprägt von alten Werten und dem unerschütterlichen Glauben an eine gute Sache. Der Stein, der ihn beinahe tötete, ziert heute Conlons Schreibtisch.
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2015
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IN DENSTRASSENDERBRONX
DETECTIVE EDWARD CONLONÜBER LEBEN UND STERBEN IN NEW YORK
BRONX-COP
Alle fragen immer: »Ist es wirklich so wie im Fernsehen?« Nichts produzieren TV-Sender so gerne wie Polizeiserien, und die meisten von ihnen spielen in New York. Streifen-Cops, Mordkommission, Spezialeinheiten für Sexualdelikte, Kriminaltechniker, fast jede Abteilung des New York Police Departments scheint ihre eigene Serie zu haben – viele laufen auch in Deutschland zur besten Sendezeit. Fast vergessen sind wahrscheinlich die vielen Episoden von Gnadenlose Stadt oder Wagen 54, bitte melden. An den Glatzkopf Kojak aus den späten Siebzigern werden sich bestimmt einige noch erinnern, NYPD Blue, Law & Order und die diversen CSI-Ableger sind heute fest im Programm verankert.
Wenn einer sich den Spaß an diesen Serien verderben lassen möchte, muss er sie nur einmal mit einem echten Cop zusammen anschauen. Er wird an jeder Kleinigkeit etwas auszusetzen haben. Jede Abweichung von der Realität, wie er sie kennt, wird er garantiert mit großem Zetern kommentieren. Paradoxerweise lieben die Zuschauer die inszenierten Ausflüge in die Welt der Polizeiarbeit, weil sie glauben, darin das echte Leben wiederzuerkennen. Tatsächlich geht es wohl um etwas ganz anderes, wie meine Kollegen Batman, Superman und Spiderman gerne bestätigen werden: In der Traumwelt von Film und Fernsehen wird der ewige Kampf zwischen Gut und Böse ausgetragen, ein Scheingefecht mit therapeutischer Wirkung. Mag sein, dass Gangster sich im Kino bei den Paten Marlon Brando und Al Pacino abgucken, wie man zu einem richtigen Gangster wird. Doch die Polizeiakademie hat sogar einen speziellen Test ersonnen, um Kandidaten auszusortieren, die in ihrer Jugend zu viel Räuber-und-Gendarm-TV aufgesaugt haben.
Ich wollte als Kind nie Polizist werden, und was ich später an Frust und Enttäuschung erlebt habe, geht nicht auf das Konto von irgendwelchen Produzenten in Hollywood, die in mir falsche Erwartungen geweckt haben. Wenn ich mir eine Polizeiserie angucke, machen mir die Fehler genauso viel Spaß wie die raren Momente, in denen sie der Realität sehr nahe kommt – vor allem dann, wenn die Handlung zurückgeht auf historische Fälle oder solche, die Schlagzeilen gemacht haben. Dann schaue ich genau hin, was ich für meine eigene Arbeit mitnehmen kann. Die besten Filme und Serienepisoden sind wie die Tagträume, die einem die Zeit vertreiben, wenn sich auf der Wache die Ansagen der Chefs mal wieder endlos hinziehen. Du beobachtest dich vor dem inneren Auge bei heldenhaften Rettungsaktionen und der Aufklärung schwieriger Fälle, die dich während der anstehenden Schicht kaum erwarten dürften – aber sie sind eben auch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Selbst wenn es nur die Fiktion einer Wunschvorstellung ist, musst du dir immer wieder bewusst machen: Heute ist der Tag, der alles verändern kann. Heute ist vielleicht dein Tag.
KAPITEL 1 / ROOKIE IN DER BRONX
Meine erste Streife in New York City führte mich auf der East 156 Street in Richtung der Sozialbausiedlung an der Courtlandt Avenue im Süden der Bronx. Ich war erst wenige Schritte gegangen, da brummte von irgendwoher eine tiefe Stimme: »Leute, guckt mal. Wir haben einen neuen Sheriff.« Man hatte uns gesagt, dass jeder uns sofort als »Rookie« erkennen würde, als Anfänger – am Leder unserer Gürtel und Schuhe, das so schön neu glänzte, und an den etwas dusseligen Gesichtern, denen noch jede Härte fehlte. Die Leute können einen neuen Polizisten förmlich riechen, wie frische Farbe. Ich drehte mich verlegen um in die Richtung, aus der die Stimme kam, und sah, dass sie zu einem besoffenen Obdachlosen gehörte, der unter einem riesigen Cowboyhut aus Styropor die Straße entlangtorkelte. Ich sagte im Geist das Credo des New York Police Departments auf, das mit den Worten beginnt: »Im Dienst der Gemeinde geloben wir, das Leben und das Eigentum unserer Mitbürger zu schützen und das Gesetz zu wahren, ohne je Partei zu ergreifen …« Während unserer Ausbildung an der Polizeiakademie hatten wir den Spruch immer wieder heruntergebetet, so wie wir im Schulsport vor jedem Wettkampf das Ave Maria aufgesagt hatten. Den Beginn meines Dienstes für die Allgemeinheit hatte ich mir zwar anders vorgestellt, aber es zeigte sich mal wieder, dass Lernen viel mit der Anpassung von Erwartungen zu tun hat, und auch wenn ich meine Ausbildung an der Akademie abgeschlossen hatte, sollte mein eigentlicher Lernprozess erst jetzt beginnen.
Ich wurde der Polizeiinspektion 7 zugeteilt, oder PSA 7, wie wir sagen, was in unserem Kürzeljargon für »Police Service Area« steht. Unser Einsatzgebiet umfasste die Sozialbausiedlungen von fünf Polizeirevieren im Süden der Bronx – dem 40., 41., 42., 44. und 46. Schwerpunkt unserer Arbeit waren die Vier-Null und die Vier-Zwei.
An unserem ersten Tag im Dienst war die Wache mit purpurfarbenem und schwarzem Krepp geschmückt, zu Ehren eines Polizisten aus der Führungsetage, der an Aids gestorben war. Mehr wussten wir nicht, bis ein Typ in unseren Versammlungssaal stürmte und auf uns einbrüllte: »Es interessiert mich einen Scheiß, was diese Arschlöcher sagen. Mike war ein echter Kumpel und ein verdammt guter Polizist. Wenn ihr also etwas anderes hört, dann sagt denen, dass sie sich zum Teufel scheren sollen, und zwar mit einem schönen Gruß von mir!« So plötzlich, wie er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder, und wir stiegen in die Busse, die uns zur Beerdigung fuhren. Wir wussten nicht, was wir dort sollten, und ließen es stumm über uns ergehen.
Das also war unsere Einführung in das Innenleben des Reviers – herzlich ging es zu, nur gewannen manchmal eben doch Korpsgeist und Tradition die Oberhand. Die meisten von uns hatten es nicht eilig damit, sich in das Gefüge einzuordnen; es würde sich schon früh genug ein Platz für jeden finden.
Die älteren Kollegen empfingen uns mit Spott oder Pöbeleien, was wir weder erwartet noch in irgendeiner Weise provoziert hatten. Ein Chef stellte sich beim Morgenappell hin und schiss uns erst einmal zusammen, als hätten wir monatelang die Miete nicht bezahlt; ein anderer begann ganz freundlich mit einem »Schön, euch zu sehen«. Manche der älteren Cops nahmen uns unter ihre Fittiche, andere hatten für uns Rookies bloß Verachtung übrig. Einig waren sie sich nur in einem: dass wir die besten Zeiten natürlich verpasst hatten, die größten Polizisten genauso wie die schlimmsten Verbrechen und die fiesesten Gangster. Überhaupt war früher alles besser, vor allem die Truppe, die unter dem Namen »Housing Police« firmierte und in den Sozialbausiedlungen der Stadt für Recht und Ordnung sorgte. Drei Monate bevor wir unseren Dienst antraten, hatte New York nämlich noch drei verschiedene Polizeibehörden gehabt: Um den Frieden in den sozialen Brennpunkten kümmerte sich die Housing Police; für den Kosmos der U-Bahnen war die Transit Police zuständig; und den ganzen Rest erledigte das NYPD. Im April 1995 verordnete Bürgermeister Rudolph Giuliani1 der Polizei eine Strukturreform und vereinigte die drei Behörden unter dem Dach der NYPD zu einer einzigen vierzigtausend Mann starken Truppe.
Für die älteren Kollegen war unsere neue Wache – ein moderner Betonklotz mit Schließfächern für alle und sogar einem Fitnessraum im Keller – der Stein gewordene Beweis, dass wir niemals verstehen würden, wie es früher war. Die alte Wache hatte aus wenigen Räumen im Keller eines Wohnblocks in den Projects2 bestanden; außer den Cops hausten dort unzählige Ratten, und wenn es kräftig regnete, stand der ganze Laden unter Wasser. Unsere Generation würde die kernige Polizeiarbeit der alten Schule also nicht mehr erleben, das war die Botschaft. Wir kannten nur das reformierte NYPD, und unser Job war strenger reguliert und kälter als früher. Einen Tag frei machen? Das ging nicht mehr so leicht. Und auf Streife mal eine Tür eintreten, wenn Gefahr im Verzug war? Auch dafür gab es heute strikte Vorgaben. Wir waren winzige Figuren in einem großen Spiel – und zu spät an den Start gegangen.
Wir waren wie die Ausrüstung, die wir trugen: komplett neu und schon gefährlich. Ich hatte meine blaue Polyesterhose an und das passende Uniformhemd; schwarze Stiefel; Gurt und Holster für die Dienstwaffe; zwei Magazine mit jeweils fünfzehn Schuss Neun-Millimeter-Munition; Funkgerät, Pfefferspray; Handschellen; Taschenlampe. Unsere kugelsichere – oder technisch genauer: durchschusshemmende – Weste bestand aus zwei Lagen Kevlar, die in einen Träger aus Stoff eingearbeitet waren. Ein Kollege malte Bibelverse auf seine Weste: Und ob ich schon wanderte in finsterem Tal … Andere notierten ihre Blutgruppe. Wenn man die Sommeruniform trug, also das Hemd mit den kurzen Ärmeln und dem offenen Kragen, war die Weste im Ausschnitt zu sehen. Guckte aber auch das T-Shirt raus, bekam man von einigen Vorgesetzten einen Anschiss oder gar eine schriftliche Ermahnung. Die Dienstmarke wurde mit einer Kiltnadel am Hemd befestigt, und zwar über dem Schild mit dem Namen. Ich selbst hatte außerdem einen Zettel mit einem Gebet an den Erzengel Michael, den Schutzheiligen der Streifenpolizisten, in der Dienstmütze.
Sie spendierten uns ein paar Wochen Praxistraining; ein Cop namens Vinnie Vargas zeigte uns am Beispiel der Wohnblöcke Melrose und Jackson, die in unmittelbarer Nachbarschaft der Wache lagen, worin unser Job bestand. Wir gingen auf Streife, kontrollierten Parkplätze und stiegen auf die Dächer der Wohnblocks. Einmal am Tag bekamen wir über Funk die Aufforderung, unsere Notizbücher vorzulegen und unterzeichnen zu lassen – und uns eine Einschätzung unserer Arbeit abzuholen. Mal war alles klasse, mal unter aller Kanone, das Urteil schien allein von der Willkür unserer Vorgesetzten abzuhängen. Einmal sind direkt vor meinen Augen drei Autos zusammengekracht. Ich brauchte an die fünf Stunden, um den Unfall komplett zu bearbeiten: Führerscheine und Fahrzeugpapiere kontrollieren, Versicherungsdaten prüfen, Aussagen aufnehmen, Skizzen anfertigen, wo und wie die Wagen zum Stehen kamen und welcher Zeuge in welchem Auto saß. Als ich alles im Kasten hatte, kam ich mir vor, als würde ich nun auch die französische Sprache oder die Vertracktheiten der Infinitesimalrechnung meistern können. Drei- oder viermal am Tag kriegten wir über Funk einen Notruf rein, meistens Fälle von häuslicher Gewalt oder weil Fahrstühle stecken geblieben waren. Abends hörten wir schon mal Schüsse und rannten in die Richtung, aus der sie zu kommen schienen. Krampfhaft hielten wir dabei unsere Funkgeräte und Gummiknüppel fest, damit sie uns beim Laufen nicht vom Gürtel fielen – und kamen natürlich jedes Mal zu spät. Wir waren wie Katzenjunge, die versuchten, den Lichtkegel einer Taschenlampe auf dem Boden zu erhaschen. Einmal saß ich nachts in der Kantine der Wache, als draußen eine Schießerei losging. Ich schaute aus dem Fenster und sah zwei junge Männer die Straße herunterkommen. Ich starrte sie an, sie starrten zurück – und dann zeigten sie beide mit dem Daumen in Richtung der Projects. Ich nickte ihnen kurz zu und widmete mich wieder meinem Essen. Die Schüsse kamen von Drogenhändlern, die entweder aus Spaß rumballerten oder weil sie gerade einen ihrer Kriege ausfochten. Aber einen Trupp von Anfängern ausgerechnet im Kreuzfeuer der Drogenbarone in die hohe Kunst der Festnahme einzuführen, war ein riskantes Unterfangen, und Vinnie hatte sich dagegen entschieden. Wahrscheinlich ein weiser Entschluss, aber mit der traurigen Konsequenz, dass der wild wuchernde Handel mit Crack und Heroin sich vor unseren Augen unkontrolliert ausbreitete. Die Drogenhändler hätten sich Schneeballschlachten liefern können mit dem Zeug, ohne dass jemand eingeschritten wäre. Der Streifenpolizist für Melrose-Jackson war ein Typ namens Scott Mackay, und ich war schwer beeindruckt, wie er im Einsatz auftrat – mal freundlich-entspannt, mal energisch-konsequent, wie es die Lage eben erforderte. Ich sagte ihm, dass ich den Posten nicht besonders aufregend fand, und er lachte nur.
Als unsere Lehrstunden in der Praxis absolviert waren, drängten wir uns um den großen Tisch im Versammlungsraum, um zu sehen, für welchen Job man uns eingeteilt hatte. Es gab drei Möglichkeiten: Entweder konnten wir als PCO eingesetzt werden, als Project Community Officer, der als Streifenpolizist für einen bestimmten Wohnblock in den sozialen Brennpunkten zuständig war. Oder man landete in einem so genannten Target Team, einem Trupp von fünf oder sechs Leuten, der immer in die Siedlungen geschickt wurde, in denen gerade Not am Mann war. Dritte Möglichkeit und bei den Kollegen besonders begehrt: Streife fahren. Abgesehen davon, dass die meisten lieber im Auto saßen, als zu Fuß unterwegs zu sein, kam die Arbeit im Streifenwagen den Vorstellungen am nächsten, die sich Berufsanfänger vom Job des Polizisten machten – Blaulicht, Sirene, quietschende Reifen, das ganze Programm. Doch ich war als Kind der Großstadt mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber Autos aufgewachsen, mich reizte das überhaupt nicht, ich hatte erst ein paar Monate zuvor überhaupt meinen Führerschein gemacht. Außerdem hatte man als PCO oder in einem Target Team regelmäßig zwei Tage am Wochenende frei, entweder Freitag und Samstag oder Sonntag und Montag. Im Streifenwagen hingegen arbeitete man in einem rotierenden Schichtsystem: fünf Tage Dienst, dann zwei Tage frei; dann wieder fünf Tage Dienst und danach drei Tage frei. Dass die freien Tage auf ein Wochenende fielen, kam im Laufe eines Jahres also nur selten vor. Ich wollte einen Job als PCO – und den bekam ich auch: Posten 151, die Morris-Wohnblöcke in der Claremont-Siedlung, die zum 42. Revier zählten. Von ein paar Kollegen kam spontan Mitleid: »Da kannst du dich auf was gefasst machen.«
Claremont war einer der größeren Brennpunkte, für die wir zuständig waren. Zu dem Komplex gehörten die Wohnblöcke mit den Namen Morris, Butler, Webster und Morrisania, insgesamt dreißig Wohntürme, jeder zwischen sechzehn und einundzwanzig Stockwerke hoch, dazwischen Gärten und Spielplätze. Wie die meisten Sozialbauten in New York war die Architektur von dem kühlen Optimismus beseelt, der so typisch war für die Vordenker der Sechziger- und Siebzigerjahre: Hochhäuser und großzügige Grünanlagen, so stellten sich die Stadtplaner damals die »Stadt der Zukunft« vor. Hauptsache, die alten und hoffnungslos überfüllten Mietskasernen, in denen die armen Leute in den letzten hundert Jahren gehaust hatten, konnten endlich abgerissen werden. Wenn man als Betrachter weit genug weg ist oder den richtigen Blickwinkel erwischt, kann man ahnen, was die Architekten gemeint haben müssen: Zwischen den Hochhäusern wandelt man im Schatten von Ahorn und Platanen, es gibt Blumenrabatten und Rasen und Spielplätze, auf denen es nur so wimmelt vor Kindern. Ganze Familien versammeln sich zum Grillen auf den Wiesen, alte Damen sitzen auf den Bänken und lesen in der Bibel, die Männer hocken paarweise und tief in Gedanken versunken vor ihren Schachbrettern. Heerscharen von Hausmeistern, Klempnern, Zimmerleuten, Malern und Fahrtstuhltechnikern sorgen dafür, dass die Anlagen immer tipptopp in Schuss sind. Die Apartments selbst werden von ihren Bewohnern oft liebevoll gepflegt, manche Flure wirken geradezu sauber und werden an Feiertagen geschmückt wie die Schaufenster bei Macy’s.
In den eher verborgenen Räumen sah das anders aus: Treppen und Keller waren buchstäblich das Scheißhaus des Blocks. Überreste selbstzerstörerischer Freizeitgestaltung prägten das Bild: Crack-Ampullen, Injektionsnadeln, Patronenhülsen. Graffiti überall, sie wurden immer wieder entfernt und waren doch sofort wieder da. Ungleich schwerer zu beseitigen waren Brandspuren oder Einschusslöcher. Fahrstühle und Dachterrassen waren von menschlichen Ausscheidungen gezeichnet: Bierdosen und zerbrochene Rumflaschen lagen in Pfützen aus Pisse, und neben abgenagten Hühnerknochen türmten sich die Scheißhaufen. Man lernte schnell, sich nirgendwo an die Wände zu lehnen, damit sich keine Kakerlaken in den Klamotten einnisteten. Mehr als zehntausend Menschen lebten in diesem Viertel – und etwa dreitausend von ihnen waren schuld daran, dass man es nur als Ghetto bezeichnen konnte.
Es gab einige wirklich üble Gegenden in New York, aber der Süden der Bronx war der Inbegriff des Slums. Er hatte nie eine Blütezeit erlebt wie Harlem, und es waren nirgendwo Zeichen einer Erneuerung oder gar einer Gentrifizierung zu entdecken wie in Teilen von Brooklyn. »Fort Apache«3 nannten wir das 41. Revier, das im Osten an mein Revier grenzte, auch wenn für den gleichnamigen Film die Wache des 42. verwendet wurde. Die geschilderten Fälle von Mord und Korruption waren wie die Liebesgeschichte zwischen dem irisch-stämmigen Cop Murphy und der Latina-Krankenschwester Isabella frei erfunden – die Darstellung der kaputten Stadt war es nicht. »Fort Apache« hieß später auch »Unsere kleine Farm«4, weil große Teile des Viertels abgefackelt wurden. Mein Onkel Gerry war bei der Feuerwehr in der Bronx, und er hat mir erzählt, dass sie in den Siebzigern öfter zu Einsätzen ausrücken mussten als die Feuerwehr in London während der deutschen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg.
* * *
Ich wurde in der Bronx geboren, doch meine Familie siedelte nach Yonkers um, also ein Stückchen weiter nach Norden, als ich noch klein war. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir mit dem Auto durch das benachbarte Arbeiterviertel Kingsbridge gefahren sind und mein Vater mir zeigte, wo Leute wie der Boxer Joe Louis oder der Gewerkschaftsboss Mike Quill zu Hause waren. Noch mehr Eindruck auf mich machten allerdings die Straßen eine Meile weiter im Süden – mit ihren vielen leer stehenden Häusern. Die Stadt hatte Klebefolien auf den Fenstern anbringen lassen, von Gardinen oder Rollos und Blumenvasen, um dem Betrachter vorzugaukeln, dass hier glückliche Familien lebten und nicht Obdachlose und Junkies. In den USA hat ja alles Mögliche ein Motto, jeder Bundesstaat, jede Stadt – und eben auch die Bronx. »Ne cede malis« lautet der offizielle Wahlspruch: »Weiche nicht dem Bösen.« Ein Journalist hat einmal treffend formuliert, dass es eigentlich »Hau ab, Trottel, und zwar so schnell du kannst« heißen müsste. Zu den amerikanischen Bräuchen zählt außerdem, dass sich politische Einheiten, vom Bundesstaat bis zur Gemeinde, eine Symbolblume wählen. New York als Ganzes hat die Rose als Leitmotiv auserkoren – in der Bronx fiel die Wahl auf die Titanenwurz, ein riesenhaftes Gewächs aus dem Dschungel Indonesiens, das im Englischen »Corpse Flower« genannt wird – Leichenblume –, weil es einen Geruch absondert wie verwesendes Fleisch. 1937 gelang es zum ersten Mal, diese sonderbare Blume in Nordamerika zur Blüte zu bringen – und zwar ausgerechnet in der Bronx. Und so verfiel der damalige Bürgermeister auf die bizarre Idee, die mehr als zwei Meter große Amorphophallus titanum – so genannt wegen ihres penisförmigen Blütenstands – zum Symbol für Wachstum und Wohlstand des Stadtbezirks im Norden New Yorks zu erklären. Ob ihm bewusst war, dass die Pflanze nur alle dreißig Jahre blüht – und die Blüte innerhalb weniger Tage stinkend vergeht? Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, was sich die Stadtväter dabei gedacht haben.
Bei der Arbeit mied ich den Kontakt zu den Kollegen, so gut es eben ging, ich beschränkte meine Konversation auf den obligatorischen Gruß und ein Minimum an Smalltalk. Ich hatte immer ein Buch dabei, das ich unter meine Weste oder in die Jackentasche steckte. Wenn mich jemand nach dem Grund dafür fragte, sagte ich mit großem Ernst: »Man kann nie wissen, wann einmal nichts passiert.« Außer mir waren zwei weitere Cops für die Morris-Blöcke eingeteilt und noch einmal sechs für die übrigen drei Einheiten der Claremont-Siedlung. Die anderen gingen meistens gemeinsam auf Streife. Mir war es schon früh lieber, allein unterwegs zu sein, aber wenn ich einmal doch Begleitung hatte, waren Angel Suazo und Osvaldo Rivera an meiner Seite. Wir waren allesamt blutige Anfänger in unserem Job, ein ungewöhnliches Trio. Angel, dunkelhäutig und glatzköpfig, war im Alter von achtzehn Jahren aus Honduras in die USA eingewandert. Er sprach mit einem starken Akzent und verblüffte uns immer wieder mit seltsam verbauten Sätzen. »Mach mich halblang« war so ein Klassiker, wenn er eigentlich sagen wollte: »Mach mal halblang.« Seine gute Laune war durch nichts zu erschüttern, und er hatte eine Nase wie ein Bluthund – einen Joint konnte er eine halbe Meile gegen den Wind riechen. Er war außerdem erstaunlich gewandt. Als einmal ein Spatz in ein Restaurant geflogen war, fing er ihn mit seinen bloßen Händen und setzte ihn draußen vor der Tür unversehrt wieder aus.
Osvaldo stammte aus Puerto Rico und war im Süden der Bronx aufgewachsen. Sein Markenzeichen war, dass er niemals seine Dienstmütze abnahm, und er rauchte doppelt so viel wie ich, er qualmte also genug für zwei Schornsteine. Auf Streife sang er manchmal vor sich hin oder machte Stimmen aus irgendwelchen Kung-Fu-Filmen nach. Er weigerte sich, uns zu sagen, wie alt er war, telefonierte dauernd mit seiner Frau und redete viel über Hunde. Obwohl die Vierbeiner in den Projects eigentlich verboten waren, schien jeder zweite Bewohner einen Pitbull zu haben, von denen wiederum jeder zweite auf den Namen »Tyson« hörte. Osvaldo hatte für alle gute Ratschläge, denn er war selbst stolzer Besitzer eines riesigen Schäferhunds. Weil auch bei ihm zu Hause Hunde verboten waren, schleppte er das Tier jedes Mal in einer übergroßen Reisetasche die Treppe runter, wenn er mit ihm vor die Tür wollte. Ich fragte Osvaldo, wie es dem Hund denn gefiel, tagein, tagaus in so eine Tasche gestopft zu werden, und er versicherte mir, dass der Hund genauso reagierte wie seine Artgenossen, wenn sie sahen, dass Herrchen mit der Leine ankam.
Angel und Osvaldo nahmen ihre Rolle als Familienväter und Beschützer richtig ernst. Wo ich eine ordentliche Dosis Toleranz an den Tag legte, vielleicht ein Erbe meiner irischen Abstammung oder ein Überbleibsel der Ausbildung am College, zeigten sie null Verständnis für die Obdachlosen und Gesetzesbrecher. Sie waren fest davon überzeugt, dass es diese Leute eigentlich besser wissen mussten – und es war für mich immer wieder wichtig, auch mit dieser Sichtweise konfrontiert zu werden.
Wir funktionierten als Team bald ziemlich gut, und die Leute hatten sich schnell an unseren Anblick gewöhnt: ein Schwarzer, ein Latino und ein Weißer. Angel war schnell dabei, Verwarnungen zu schreiben, ich neigte eher dazu, auch mal jemanden festzunehmen und auf die Wache zu bringen, und Osvaldo mischte sich nicht ein. Ich hatte begonnen, Spanisch zu lernen, aber das reichte noch nicht aus, wenn wir im Stakkato mit seltsamen Dialekten bombardiert wurden. Ich denke, dass wir in unseren Blöcken eine knappe schwarze Mehrheit hatten, der Rest waren aber Latinos – und drei Weiße sind mir auch begegnet. Wegen meiner mangelnden Sprachkenntnisse, aber auch weil ich den Umgang mit den diversen Formularen schnell lernen wollte, konzentrierte ich mich auf den Papierkram – Anzeigen aller Art, Berichte über hilflose Personen, Verkehrsunfälle oder Vorkommnisse häuslicher Gewalt. Das war die Grammatik der Polizeiarbeit, jeder musste sie perfekt beherrschen. Wir unternahmen zahllose Patrouillen durch die Wohnblöcke, die in unserem Jargon »Vertical Patrol« hießen: Wir fuhren mit dem Fahrstuhl bis ganz nach oben und schauten, was auf den Dächern los war. Wir schalteten unsere Funkgeräte auf lautlos, zogen die Waffe und schoben die Dienstmütze nach hinten, damit uns die Lichtreflexe vom glänzenden Schild nicht verrieten. Nach der Inspektion auf dem Dach machten wir uns auf den Weg nach unten. Jeder nahm sich ein separates Treppenhaus vor, auf den Stockwerken dazwischen trafen wir uns kurz und berichteten, was wir gesehen hatten. Da ließen Bewohner ihre Hunde zum Kampf aufeinander los, andere hatten sich für einen schnellen Blowjob in die Treppenhäuser zurückgezogen, und immer wieder stiegen wir über Betrunkene, Zugedröhnte, Bewusstlose. Anfangs war ich noch geneigt, sie in Ruhe ihren Rausch ausschlafen zu lassen, doch dann überlegte ich mir, wie es mir selbst vorkommen würde, wenn ich auf meinem Weg zur Arbeit erst einmal über einen Haufen Schnapsleichen steigen müsste. Auch die arbeitende Bevölkerung der Siedlung hatte unsere Rücksichtnahme verdient. Wenn das Wetter grausam war oder wenn es sich um saubere und ordentliche Gestalten handelte, die hier nur vorübergehend Unterschlupf gesucht hatten, ließ ich die Gestrandeten der Treppenhäuser in Ruhe. Aber eine gute Erklärung mussten sie schon haben, einen Streit mit der Frau beispielsweise. Um eine Festnahme herum kamen auch solche Kandidaten, die besonders schlimm stanken – die wurden von uns nur aus dem Haus geworfen. Die Übrigen landeten oft mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs auf der Wache, was mit großer Sicherheit manche Straftat verhindert hat – Raub oder Vergewaltigung und vielleicht sogar den ein oder anderen Mord. Eine Festnahme wegen Hausfriedensbruchs ist so etwas wie das Schweizer Taschenmesser des Streifenpolizisten, jederzeit einsetzbar, für viele Zwecke brauchbar. Es ist leider so: Wer keinen guten Grund hat, sich in einem Gebäude aufzuhalten, wird wohl böse Absichten haben, und wenn man im Treppenhaus auf so einen Typen trifft, liegt die Beweislast ganz allein bei ihm.
Wir gingen auf Streife und hörten dabei ständig den Funkverkehr ab; aus dem Hintergrundrauschen krächzten die kodierten Botschaften aus der Zentrale und die kryptischen Erwiderungen von der Straße. Wir entwickelten ein Gefühl dafür, die für uns relevanten Nachrichten herauszufiltern – wie zum Beispiel diese: »151, kümmert euch um einen 34 auf eine weibliche Person, 1458 Webster, Waffen nicht bekannt, meldet euch, wenn 84!« Als wir unser Einsatzgebiet etwas besser kennengelernt hatten, verstanden wir die ganze Geschichte hinter dem Telegramm: »Ah, wieder Krach bei den Petersons …« Denn die Frau, die unter der angegebenen Adresse tätlich angegriffen wurde, meldete sich immer am Zahltag. Weil das der Tag war, an dem sich ihr Alter so richtig besoff – und ihr dann eine Tracht Prügel verpasste.
Und so ging es pausenlos über Funk, ein steter und chaotischer Strom an Details, manche dramatisch, viele oft komisch:
»Frau erfordert umgehend Hilfe, wird in ihrer Wohnung von großem Nagetier bedroht …«
»Opfer angeblich ein Baby mit aufgeplatztem Schädel …«
»Täter ist Hispano-Amerikaner, weißes T-Shirt, Jeans, hat möglicherweise einen Schnurrbart, wiederhole: trägt möglicherweise Schnurrbart … K.«
»K« hieß so viel wie »Ende der Durchsage«, so wie das Militär und der Rest der Welt »over« sagt. Keine Ahnung, ob das NYPD eine Begründung hat, warum wir es so machen. Wahrscheinlich nur deshalb, um uns von den anderen zu unterscheiden.
»Bei euch alles okay? K.«
»Absolut okay. K.«
»Okey-dokey. K.«
Es war eben ein Code, und sein Sinn und Zweck war es ja, dass er für Außenseiter keinen Sinn ergab. Ein Code ist wie ein braves Kind – einem Fremden sagt es nichts. Und die offizielle Terminologie bleibt kurz und trocken, immer neutral, sie hält die grellen und bisweilen entsetzlichen Details der Sachlage auf Distanz. Ich habe mal mitbekommen, wie die Zentrale einen Auftrag an einen Streifenwagen korrigiert hat: »Bitte nehmt zur Kenntnis, dass der Fall von häuslicher Gewalt sich nun als abgetrennte Gliedmaßen darstellt.«
Logisch, dass Cops außerdem eine Menge aus dem Jargon der Kriminellen in die eigene Sprache übernehmen, vor allem, wenn es um Drogen geht, denn der Wortschatz des braven Bürgers kennt oft gar keine Entsprechungen für die Begriffe aus der Szene. Man kann beispielsweise kurz und bündig von einem »Deck«5 sprechen – oder etwas umständlicher von einem »Plastiktütchen mit einer weißen pulverartigen Substanz, bei der es sich vorgeblich um Heroin handeln soll«. Als die Dealer anfingen, Crack in kleine Plastikbeutel einzuschweißen und das Ganze als »Slab« – also Platte – zu verkaufen, wurde das schnell zum offiziellen juristischen Fachbegriff. Sprache entwickelt sich eben, das ist ganz natürlich, auch Vokabeln aus dem Jargon der Gosse gehen irgendwann in den allgemeinen Wortschatz ein.
Aber wir lernten nicht nur den richtigen Text, wir fanden uns auch immer besser in der neuen Rolle zurecht. Wir marschierten morgens von der Wache los und ließen uns entweder von einem Streifenwagen chauffieren oder nahmen den Bus von der 156. bis zur 170. Straße. Am Ziel meldeten wir uns erst einmal bei der Managerin der Wohnanlage, die noch genauso neu in ihrem Job war wie wir. Doch diese Mrs. Brockington war eine respekteinflößende Lady, die jeden in ihrer Umgebung antrieb, so hart zu arbeiten wie sie selbst, und ihre Mieter mit all ihrer Energie unterstützte oder mächtig unter Druck setzte – ganz wie es die Lage gerade erforderte. Ihre Sekretärin, Sarah DeBoissiere, machte den Job in den Morris-Blöcken schon seit mehr als zwanzig Jahren, und sie war so elegant und hart wie ein Spazierstock aus Malakka-Rattan. Sie rauchte lange und dünne Zigaretten und weigerte sich standhaft, ihren Aschenbecher auszuleeren, damit sie immer sehen konnte, wie viele Glimmstängel sie gequalmt hatte. Im Laufe der Jahre hatte sie eine Art Kartei der auffälligsten Mieter angelegt, wobei sie sich auch auf die Erkenntnisse ihres ewigen Verlobten stützen konnte – sie war mit dem legendären Detective Irwin »Silky« Silverman zusammen, der fast vierzig Jahre lang Mörder gejagt hatte. Seine Karriere endete allerdings mit einer juristischen Niederlage: Ein Gericht wies seine Klage ab, die Altersgrenze von dreiundsechzig für Polizeibeamte abzuschaffen.
Es waren seit vielen Jahren, in einigen Fällen sogar seit Generationen, dieselben Mieter, die Ärger machten, und auch wenn manche dieser Unruhestifter verheerenden Schaden anrichteten, war es bis vor Kurzem schier unmöglich, sie zwangsweise auszuquartieren. Ein Clan von Brüdern – die Söhne eines Pastors aus South Carolina – soll Schätzungen zufolge mehr als 1500 Gewaltverbrechen begangen haben, und dass es schließlich gelang, sie aus den Morris-Blöcken zu verbannen, hatten ihre Nachbarn nicht der Hausverwaltung direkt zu verdanken, sondern einem Gericht. Die Sozialbehörden waren nämlich dazu übergegangen, bei straffälligen Mietern auf gerichtlich sanktionierte Zwangsräumung zu drängen oder zumindest eine Vereinbarung zu erreichen, die den Rauswurf einzelner Familienmitglieder einschloss. So wurde einer älteren Dame ein Bleiberecht unter der Bedingung eingeräumt, dass ihr mit Crack dealender Neffe Hausverbot bekam. Und solche Maßnahmen fingen an zu greifen. Nach unserem Besuch bei Mrs. Brockington und Sarah genehmigten wir uns einen Kaffee und lasen die Tageszeitungen, bevor wir uns auf den üblichen Rundgang machten.
Die Mieter hatten selbst so eine Art Schutz der Gebäude organisiert, auf dem Papier wenigstens. Ich kann nicht einschätzen, wie unsere Morris-Blöcke im Vergleich zu anderen Projekten des sozialen Wohnungsbaus dastehen, aber ich denke, sie werden wohl nicht die Einzigen sein, wo sich ein paar Leute heldenhaft in den Dienst der Gemeinschaft stellen und helfen, wann immer sie können. Jeder Block hatte zum Beispiel seinen eigenen Vorsteher, einen »Captain«, und auch wenn ich die meisten von ihnen nicht kannte und manche sich bloß an den Ehrentitel hielten wie an ihre Baseballpokale aus der Jugend, nahmen einige von ihnen den Job sehr ernst. So wie Curtis Johnson, der »seine« Lobby selbst mit dem Mopp auswischte, obwohl sie jeden Tag von einer Reinigungsfirma gesäubert wurde. In jedem dritten Gebäude bildeten die Mieter ihren eigenen Sicherheitsdienst: Da saßen dann ein paar Figuren um einen Tisch im Eingangsbereich, spielten Bridge und passten auf, dass sich jeder Besucher in ein Gästebuch eintrug. Auch wir meldeten uns jedes Mal schriftlich an, bevor wir Dach und Treppenhaus inspizierten. Klar, in manchen Wohnblöcken saßen alte Damen in der Lobby, die nur dann von ihrer Bibel hochgeschaut hätten, wenn der Heilige Geist höchstselbst erschienen wäre. Doch in etlichen Wohntürmen hielten sich die freiwilligen Aufpasser an ein striktes Schichtsystem, und ihre Mühen zeigten Wirkung, wenigstens in den Stunden, in denen sie die Stellung hielten. Wenn es außerhalb ihrer Wache Ärger mit Drogen gab, ließen sie uns das wissen – diskret, versteht sich. Insgesamt hatte sich die Lage im Viertel bereits verbessert, auch durch das Engagement vieler Bewohner, aber es gab keine Garantie, dass es so bleiben würde. Und die Vertreter der Gegenseite dachten nicht daran, ihre weiteren Absichten publik zu machen.
Die Realität war leider noch oft so, dass Kinder auf dem Weg durch den Eingangsbereich in die Scherben von Crack-Ampullen treten konnten und dass die meisten Bewohner, jung wie alt, genau wussten, wie sich der Schuss aus einer Feuerwaffe anhörte; nie würden sie eine Pistole mit Silvesterböllern oder der Fehlzündung bei einem Auto verwechseln. Ein Schuss klang kurz und trocken, als würde man einen Besenstiel glatt durchbrechen. Weil aber jeder auf das Schlimmste vorbereitet war – auch dass es Tote gab –, verlief der Alltag der Menschen erstaunlich normal. Mich hat es immer wieder überrascht, wie mustergültig vieles im Chaos der Projects funktionierte. Die Leute schickten morgens ihre Kinder zur Schule, sie gingen zur Arbeit und fragten sich, ob ihr Auto noch ein Jahr durchhalten würde oder ob sie einen neuen Wintermantel brauchten. Das Leben im innerstädtischen Sozialbau war auch nicht anders als in den Vorstädten, nur dass auf den Straßen mehr Verkehr herrschte und die Wohnungen weniger Platz boten.
Einmal stand ich bei einer Patrouille auf dem Dach eines Wohnblocks und sah direkt vor mir einen Falken auf dem Geländer. Dazu die großartige Kulisse der Stadt im Hintergrund, die Türme und nadelgleichen Wolkenkratzer, die funkelnden Lichter, imposant und chaotisch zugleich, wie die verrückte Geometrie eines Bergkristalls. An einem solchen Tag konnten einem die Menschen nur leidtun, die ihr Leben in irgendwelchen Büros fristeten und so etwas nie zu Gesicht bekamen.
Es war außerdem schon fast so etwas wie eine Offenbarung, zu sehen, wie positiv die Menschen in der Bronx Polizisten gegenüber eingestellt waren. In einem sicheren Viertel fällt ein Cop gar nicht weiter auf, die meisten Leute schenken ihm keine Beachtung. Bevor ich selbst zur Polizei ging, waren Cops für mich wie Briefkästen – ich habe sie nur dann wahrgenommen, wenn ich mal einen brauchte. Aber in meinem Revier, das stellte ich ziemlich schnell fest, registrierten die Menschen, dass ich da war. Und manchen – vor allem älteren Leuten, Kindern, alleinstehenden Frauen, Kirchgängern – war regelrecht Erleichterung anzusehen. Ich war ihre Versicherung, dass sie an diesem Abend auf dem Weg nach Hause niemand anmachen würde. Manchmal sagten sie mir das sogar geradeheraus, das fühlte sich natürlich besonders gut an. Ärger machten typischerweise nur die Jüngeren, die sich auf der Straße herumtrieben – mit dreizehn, vierzehn ging das los, bis sie um die zwanzig waren; bei Arbeitslosen dauerte die Phase schon mal länger. Manchmal wollten sie einfach nur Dampf ablassen, gelegentlich drohte mehr daraus zu werden, und dann stand ich ihnen im Weg. Für sie war ich das unübersehbare Signal, dass die Nacht nicht ganz so wild werden würde, wie sie sich das vorgestellt hatten, und es kam schon mal vor, dass sie ihrem Frust Ausdruck verliehen. Ein Teil der Bevölkerung erkannte in uns den Beschützer, andere sahen nur den Ordnungshüter, und beide Seiten hatten Recht. Von beiden lernte ich, was es heißt, ein richtiger Polizist zu sein.
Anfangs hätte ich Fremden, wenn sie mir so begegneten, egal ob sie mir nun ihre Dankbarkeit demonstrierten oder ob ihnen vor Wut die Halsadern anschwollen, am liebsten zugerufen: »Hey, ich bin doch gerade erst auf der Bildfläche erschienen, regt euch nicht gleich so auf. Gebt mir mal eine Minute oder vielleicht auch ein ganzes Jahr, und dann werden wir schon sehen, ob ihr Gründe findet, mich zu lieben oder zu hassen. Aber jetzt wisst ihr doch noch gar nicht, woran ihr seid!« Manchmal sagte ich es genau so, wenn Leute kurz davor waren, durch die Decke zu gehen – mit wechselndem Erfolg. Auf jeden Fall fing ich an zu verstehen, wie ich auf die Leute wirkte, welche Rolle ich spielte – irischer Cop, weißer Cop, guter Cop, böser Cop, Ghetto-Cop. Für manche hatte ich ein Herz aus Stein, andere fanden mich verständnisvoll, und wieder andere dachten, sie könnten mich leicht einschüchtern. Ich kam mir vor wie ein Schauspieler, dem die Leute partout nicht abnehmen wollten, dass er nicht der Mensch war, den sie aus dem Fernsehen kannten. Ich spielte doch nur eine Rolle – und zwar selbst in dem Moment, in dem ich versuchte, ihnen das zu verklickern. Ich war nicht ich selbst, sondern einfach nur ein Cop. Ich war beladen mit den Symbolen des Rechtsstaats – und ich war bewaffnet. Für die Menschen in meinem Revier stand ich für das System.
* * *
Als ich 1995 beim NYPD anfing, war der Laden viermal so groß wie das FBI und zählte fast so viele Mitarbeiter wie die Vereinten Nationen. Es gibt in New York mehr Cops, als Beverly Hills Einwohner hat. Wie die meisten amerikanischen Großstädte hatte auch New York in den Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg einen ständigen Zuwachs an Kriminalität zu verzeichnen, mal ging es stetig bergauf, dann gab es wieder einen richtigen Schub, und bei der Polizei hatte sich der Glaube festgesetzt, dass man eh nicht mehr ausrichten konnte, als dafür zu sorgen, dass die Flut der Verbrechen nicht ganz so schnell stieg. Doch dann verlieh Bürgermeister Giuliani dem NYPD mit seinen Reformen neue Kraft, mit Polizeichef William Bratton und dessen Stellvertretern Jack Maple, John Timoney und Louis Anemone folgte der Apparat einer ganz neuen Philosophie. Vor Giuliani galt es als absolute Verschwendung von Manpower, Schwarzfahrer zu jagen oder Leuten eine Strafe aufzubrummen, weil sie in aller Öffentlichkeit an eine Mauer pinkelten. Was sollte man sich mit Petitessen aufhalten, solange die Kriminalstatistik immer neue Rekorde verzeichnete? Die Reformer verfolgten einen anderen Ansatz: Räuber und Mörder begehen nicht nur Kapitalverbrechen, sie zeigen auch sonst wenig Respekt für das Gesetz. Wenn man also jemanden erwischt, der einen Joint raucht, kann es sich durchaus lohnen, ihn gründlicher zu filzen und seine Daten durch den Computer laufen zu lassen – vielleicht wird er ja wegen schwerer Delikte gesucht. Gut möglich, dass so manche vielversprechende internationale Verbrecherkarriere in New York endete, weil sich der Gangster auf offener Straße einen Drink genehmigte. Mit der neuen Politik änderte sich auch das Verhalten der Kriminellen, was das Tragen von Waffen betraf. In den Achtzigern und in den frühen Neunzigern steckten sich die Drogenhändler ihre Knarre einfach in den Hosenbund, und bis zur Entscheidung, jemanden abzuknallen, weil er sie beleidigt hatte oder in ihr Territorium eingedrungen war, vergingen vielleicht drei Sekunden. Auch unter Brattons Kommando behielten die Gangster ihre Waffen – aber sie lagen gut versteckt unter einem Bett oder auf einem Dachboden. Und die Zeit, die verging, bis sie sich das Schießeisen besorgt hatten, reichte häufig aus, um die Gemüter wieder zu beruhigen.
Nicht weniger revolutionär war das System, das Jack Maple unter dem Namen »CompStat« aus der Taufe gehoben hatte. Das Kürzel stand für »Computer Statistics« und verlangte von jedem Verantwortlichen, regelmäßig Rechenschaft darüber abzulegen, was in seinem Revier vorgefallen war, wie viele Festnahmen erfolgt waren, wie viele Anzeigen geschrieben wurden. Man saß im großen Versammlungssaal in der NYPD-Zentrale zusammen, die Daten wurden auf einem großen Bildschirm angezeigt und im ganzen Forum diskutiert. Und das klang dann schon mal wie bei der Inquisition:
»Auf der 163. Straße, Ecke Tinton, hatten Sie an vier aufeinanderfolgenden Freitagen Raubüberfälle. Warum haben Sie da noch keinen festen Posten eingerichtet?«
»Ihre Statistik weist drei Einbrüche an derselben Adresse auf. Wie viele auf Bewährung Entlassene wohnen dort?«
»Die letzten drei Morde in Ihrem Revier fallen unter die Rubrik Drogenkriminalität. Wie kann es sein, dass bei Ihnen in sechs Monaten nicht eine einzige Hausdurchsuchung erfolgt ist?«
Am unteren Ende der Hierarchie war uns die Tragweite dieser Revolution nicht bewusst, die unsere Vorgesetzten in Angst und Schrecken versetzte. CompStat führte zu einer Reihe von Kündigungen oder Versetzungen von Leuten aus der Chefetage, die die gewünschten Verbesserungen nicht lieferten. Dabei schenkte ihnen das neue System im Prinzip größere Freiheiten und verteilte die Verantwortung auf mehr Schultern, weil von den verschiedenen Abteilungen – Streifenpolizei, Rauschgiftdezernat und Mordkommission – erwartet wurde, dass sie sich gegenseitig unterstützten und gemeinsam Lösungen fanden. Für normale Polizeibeamte wie uns, egal ob Anfänger oder schon lange im Dienst, hieß das allerdings, dass wir unter größerer Beobachtung standen als je zuvor. Man gab uns zu verstehen, dass es wirklich auf jede Festnahme ankam. Und dass es, irgendwann, vielleicht sogar einmal auf uns ankommen würde.
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Als wir noch neu waren, fragten wir uns ständig gegenseitig: »Und, schon einen erwischt?« Festnahmen waren die Währung, die zählte. Manche Cops unternahmen keine großen Anstrengungen, Leute einzubuchten. Andere gaben alles. Ich zählte zu denjenigen, die immer die Augen offen hielten und schnell die Handschellen parat hatten. Es gab Situationen, in denen eine Festnahme unvermeidlich war, wie zum Beispiel bei Fällen häuslicher Gewalt, wo der Täter einem direkt gegenüberstand. Wenn ein Cop sich nicht wohlfühlte in so einem Moment, konnte er natürlich über Funk einen Kollegen rufen, der sich weniger schwertat mit einer Festnahme. Aber manchmal musste man da einfach durch. Manche Kollegen nahmen Leute fest, weil sie Überstunden sammeln wollten; bei anderen war es der reine Jagdinstinkt, der sie antrieb; und bei vielen die Hoffnung, dass sich die Mühe letztlich doch lohnen würde. Festnahmen machten Arbeit, und das war ein Argument der Cops, die lieber nicht zu den Handschellen griffen. Der Tag war auch so schon lang genug, oder? Außerdem musste man Geduld und Kampfgeist mitbringen, wenn man seinen Fall vor Gericht vortrug. Und nicht zuletzt waren wir seit der Polizeireform und der Zusammenlegung von Housing Police und NYPD angewiesen, unsere Häftlinge nicht auf dem eigenen Revier, sondern auf der nächstgelegenen Wache abzuliefern, und da waren wir nicht immer willkommen. Denn wir verursachten zusätzliche Arbeit: Die Beamten auf der Wache mussten unseren Bericht durchsehen und unterzeichnen – und vor allem waren sie für unsere Gefangenen verantwortlich, wenn die krank wurden oder später wegen angeblicher Übergriffe während ihrer Haft Beschwerde einlegten. Eigentlich sollten unsere direkten Vorgesetzten jede Festnahme schriftlich absegnen, aber weil ein Sergeant für fünf Reviere zuständig war, schaffte er es nur selten, rechtzeitig da zu erscheinen, wo wir unseren Häftling abgeliefert hatten. Die Desk Officer6 dort waren also eher genervt, wenn wir erschienen. Einer war auf dem rechten Auge blind und auf dem linken Ohr taub – oder andersherum. Jedenfalls musste man immer wie ein Idiot vor ihm hin- und herspringen, wenn er einen hören oder sehen sollte.
Der bürokratische Prozess, der auf eine Festnahme folgt, ist tatsächlich sehr aufwendig, um nicht zu sagen: umständlich. Nehmen wir einmal an, dass wir einen Typen eingebuchtet haben, der mit einer Eisenstange auf seine Freundin eingeprügelt hat, und beim Filzen haben wir in seiner Jackentasche eine Ampulle mit Crack entdeckt. Dann muss zuerst der Formbericht über einen Fall häuslicher Gewalt geschrieben werden, der an einen Sozialarbeiter weitergeleitet wird, der dem Paar später einen Folgebesuch abstattet. Weiter muss das Formular 61 ausgefüllt werden, die eigentliche Anzeige der Straftat, die den Vorgang selbst im Detail sowie Täter und Opfer beschreibt. Dann muss ein Report über eventuell für das Opfer geleistete medizinische Hilfe abgefasst werden, »Aided Card« nennen wir das entsprechende Papier. Strafanzeige und Aided Card bekommen eigene Fallnummern, die in alle relevanten Papiere eingetragen werden müssen. Handschriftlich müssen die wichtigsten Informationen inklusive der Fallnummern im On-Line Booking Sheet oder OLBS erfasst werden, bevor sie in den Computer übertragen werden. Im Rechner wird dann eine Indexnummer für die Festnahme angelegt. Außerdem sind zwei Belege für die vorliegenden Beweisstücke auszustellen – Eisenstange und Crack-Ampulle. Beide erhalten ebenfalls eine Seriennummer, die wiederum im Formular 61 und im OLBS vermerkt werden. Die Eisenstange bekommt ein Siegel, die Ampulle wird in einen Umschlag gesteckt, der vor den Augen des Desk Officers mit Namen, Dienstmarkennummer und Datum versehen und ebenfalls versiegelt wird. Nächster Schritt: den Antrag an das Labor ausfüllen und an den Umschlag mit der Ampulle tackern, denn das sichergestellte Rauschgift – »Controlled Substance«7 im Polizeijargon – muss untersucht werden. Danach setzt man sich an den Computer und prüft, ob für den Festgenommenen bereits in anderen Strafsachen ein Haftbefehl vorliegt. Obligatorisch ist selbstverständlich auch die Abnahme von Fingerabdrücken, und zwar dreifach, für die Behörden der Stadt, des Bundesstaats und für die landesweiten Dateien. Wenn der Desk Officer und der Straftäter selbst die Karte mit den Fingerabdrücken unterzeichnet haben, wird der Festgenommene den Kriminalbeamten vorgeführt, die wissen wollen, ob er von anderen Verbrechen Kenntnis hat – und eventuell eine Aussage dazu machen möchte.
In der Regel versuchen die Ermittler, ein bestimmtes Verbrechen aufzuklären, und wenn sie jemanden verhören, sind sie auf ein Geständnis oder eine anderweitig belastende Aussage aus. Aber die klassische Verhörsituation, in der ein Kommissar den Verbrecher abwechselnd unter Druck setzt oder ihm gut zuredet, um ihm schließlich ein Eingeständnis seiner Schuld zu entlocken, hat nur wenig mit der Arbeit eines Streifenpolizisten zu tun. Auf Streife trifft man eher auf die stinknormalen Probleme – Hausfriedensbruch, vermisste Kinder, Drogenkonsum. Wenn sich die Ermittler also mit unseren Kleinkriminellen befassen, geht es ihnen darum, sich ein allgemeines Bild zu machen. Viele Vergehen spielen sich allein in der Privatsphäre einer Wohnung ab – Sexualstraftaten beispielsweise oder häusliche Gewalt. Ein Mann, der seine Frau schlägt, spricht sich nicht vorher mit anderen Typen ab, ein Vergewaltiger braucht keine Organisation für seine Tat. Raubüberfälle und Drogendelikte hingegen erfordern ein Netz von Verbrechern, die Beihilfe leisten: Ein Dieb braucht einen Hehler, ein Drogendealer seinen Lieferanten. Wer zu einem solchen Netz gehört, kennt Leute und hat Informationen. Und wenn man jemanden von diesem Kaliber eingebuchtet hat, nimmt man sich die Zeit herauszufinden, was er weiß – und ob er dieses Wissen unter Umständen preisgeben mag.
Danach wird der Gefangene erneut durchsucht (zweimal ist er bereits gefilzt worden: bei der Festnahme selbst und auf der Wache) und zum Strafgericht befördert, wo er in einer Zelle wartet, bis er dem Haftrichter vorgeführt werden kann. Bronx Central Booking ist unsere Anlaufstelle für alle Gefangenen, dort müssen wir sie fotografieren lassen. Ein Foto wird an das OLBS-Formular geheftet, ein zweites an den Begleitschein, den jeder Gefangene mit auf den Weg durch die Instanzen bekommt. Ein Arzt muss sich den Gefangenen ansehen, dann ein Vertreter der Criminal Justice Agency, der seine Chancen prüft, auf Kaution wieder freizukommen. Es folgt eine weitere, vierte Durchsuchung – und endlich ist man den Gefangenen los. Jetzt ist er im System, Job fast erledigt. Nun muss man zum Büro der Staatsanwaltschaft, um ein weiteres Formular auszufüllen und zu beeiden, das sich auch Strafanzeige nennt. Das Opfer der Straftat muss ebenfalls vor der Staatsanwaltschaft auftreten, es sei denn, es wurde in ein Krankenhaus eingewiesen oder es liegen sonstige außerordentliche Gründe vor, die ein Erscheinen unmöglich machen – oder die Anzeige wurde zurückgezogen. Diese gesamte Prozedur kann sechs bis acht Stunden dauern und gerne auch mal doppelt so lang, wenn ein Gefangener krank wird, ein Computer abstürzt oder sich bei der zentralen Registratur am Gericht die Fälle stauen.
Wenn man jemanden festnimmt, ist das wie ein Blind Date. Man verbringt Stunden mit einem absolut fremden Menschen, der keinen Meter weit entfernt sitzt, und man sagt Dinge wie: »Erzähl doch mal, was machst du so?« Man fragt: »Und wie viel wiegst du?« Oder: »Gehörst du zu einer Gang? Echt? Zu welcher denn?« Okay, ist möglicherweise eine Weile her, dass ich ein Blind Date hatte. Aber es ist schon so, dass man bei einer Festnahme sogar Händchen hält, für ein paar Minuten wenigstens, während man die Fingerabdrücke nimmt. Man rollt erst jede Fingerspitze unten auf der Dateikarte in die vorgesehenen Felder, dann vier Finger gemeinsam und zum Schluss den Daumen. Für Erwachsene in drei Ausfertigungen, bei Jugendlichen müssen es sogar vier Karten sein. Die Leute versuchen häufig, einem dabei zu helfen und die Rollbewegung mitzumachen, aber das Resultat sind dann verwischte Abdrücke – das ist wahrscheinlich auch die Absicht. Bei Crack-Süchtigen lassen sich oft gar keine verwertbaren Abdrücke nehmen, weil sie ihre Fingerkuppen an den glühend heißen Glaspfeifen buchstäblich weggebrannt haben. Und wenn Junkies gerade von ihrem Trip runterkommen, kann sich ihr Körper komplett verkrampfen, sodass ihre Hände so steif sind wie die Scheren eines Hummers. Verdächtige, die wegen eines Gewaltverbrechens festgenommen wurden, haben auch schon mal geschwollene oder blutige Finger. Dann versucht man eben, das Ganze sehr vorsichtig zu machen. Und man zieht Latexhandschuhe an, immer.
Bei der Prozedur kommt man dem Straftäter sehr nahe, und Nähe bedeutet immer auch Verwundbarkeit. Man schließt die Dienstwaffe weg, bevor man die Handschellen aufschließt. Einmal war ich schon dabei, einem Typen die Fingerabdrücke abzunehmen, als er endlich kapierte, dass er keine Verwarnung mehr bekam, sondern in der Zelle landen würde. Er fing an, den Desk Officer laut zu beschimpfen und zu verfluchen (was übrigens der beste Weg ist, den Aufenthalt hinter Gittern noch zu verlängern), aber es nützte alles nichts – die nächsten zwanzig Stunden oder so würde er erst mal einsitzen. Er wurde richtig sauer, stieß die schlimmsten Schimpfwörter hervor, die er kannte, und ich hatte schon Angst, dass er richtig durchdrehen und auf mich losgehen würde. Aber ich hielt seine Hand und spürte, dass sie ganz ruhig und entspannt war, als würde er in einem schönen, heißen Bad sitzen, als würde sein Körper den Hass in seiner Stimme nicht registrieren. Also machte ich einfach weiter. Ich rollte seine Finger in der Tinte und auf die Karteikarte, er brüllte seine Verwünschungen. Wir konzentrierten uns beide auf die Aufgaben, die gerade anstanden.
KAPITEL 2 / IM RHYTHMUS DER STRASSE
Es dauerte nicht lange, und die rund vierzig Absolventen meiner Klasse begannen sich im Revier einen Namen zu machen. Manche, weil sie hart arbeiteten, andere wegen sonderbarer Gewohnheiten, und einige wurden schlicht das Opfer irgendeines unvorhersehbaren Spektakels. Wie zum Beispiel im Fall eines Festgenommenen, der auf der Wache durchdrehte und einen Kollegen mit dem Kopf voran durch eine Fensterscheibe stieß. Oder die beiden Cops, die gemütlich in der Kneipe saßen, als ihnen ein Typ Peyote8 andrehen wollte. Sie haben ihn natürlich gleich einkassiert. Oder die Kollegin, die ihre Waffe zog und schoss, weil ein Obdachloser sie erschreckt hatte. Nachrichten über haarsträubende Patzer oder sensationelle Festnahmen machten rasch die Runde, und die resultierenden Spitznamen wurde man so schnell nicht wieder los: »Smiley«, »Wimpy«, »Stix«. Wenn auch ich mir einen solchen Namen verdient haben sollte, hat mir das jedenfalls keiner gesagt. Während eines Morgenappells, als Namen aufgerufen und Jobs verteilt wurden, empfand ich fast so etwas wie Mitleid für einen Kollegen, der ganz offensichtlich entweder taub war oder sich unerlaubt von der Truppe entfernt hatte, denn der diensthabende Lieutenant brüllte seinen Namen nun schon zum dritten Mal, ohne dass eine Antwort kam.
»Coyne!«
»Coyne!«
»Coyne, wo zum Teufel steckst du?«
Während die Beschimpfungen und Verwünschungen immer heftiger wurden, vertiefte ich mich in mein Notizbuch, bis ich den Atem des Lieutenants in meinem Nacken spürte. »Was zur Hölle ist los mit dir, Coyne! Soll ich dich zum Arzt schicken, damit er mal nachguckt, was in deinem verdammten Schädel vorgeht? Willst du mich hier verarschen?!«
»Äh, ich bin Conlon, Sir, nicht Coyne.«
Der Lieutenant knurrte etwas Unverständliches und drehte wütend ab, als hätte ich ihn absichtlich reingelegt. Bobby Coyne war auch so ein schweigsamer irischer Schlaks, und dass wir uns sogar entfernt ähnlich sahen, konnte hilfreich sein, wenn wir mal nicht auffallen wollten. Osvaldo ist etwas Ähnliches widerfahren, allerdings war sein Fall noch eine Nummer verstörender. Er bekam nämlich eine Aufforderung von der Innenrevision, sechs Wochen später zu einer Anhörung in der Zentrale zu erscheinen, am besten gleich in Begleitung eines Anwalts. Selbstverständlich erkundigte er sich sofort, worum es ging, aber man verweigerte ihm jede Auskunft, was anscheinend mit den vertraulichen Ermittlungen in dieser heiklen Angelegenheit zu tun hatte. Es nützte nichts, er musste den Termin einfach abwarten, was ihm manche schlaflose Nacht beschert haben dürfte. Als der Tag endlich gekommen war, stellte sich schnell heraus, dass man den falschen Mann einbestellt hatte. Es gab noch einen zweiten Cop mit demselben Namen, und der sollte in dem Korruptionsfall verhört werden, der unter dem Namen »Dirty Thirty«9 Schlagzeilen gemacht hatte.
Solche Erfahrungen hinterlassen ihre Spuren, sie prägen das Bild, das sich ein Cop von seinem Arbeitgeber macht. Wie funktioniert das Räderwerk der Bürokratie? Wie laufen die Machtspiele im Hintergrund? Was verlangt der Apparat von einem? Was gibt er zurück? Ich selbst betrachtete die inneren Angelegenheiten des NYPD aus einer nüchternen Distanz; von den meisten Chefs hielt ich eine ganze Menge – und nur von einer Minderheit eher weniger. Aber selbst von Letzteren hatte ich schlimmstenfalls einen ungerechtfertigten Anschiss zu erwarten oder einen langweiligen Nachteinsatz. Überhaupt hatte ich nur selten mit Vorgesetzten zu tun, in meiner Funktion als Streifenpolizist stand ich kaum unter Beobachtung. Angeblich soll es einen Sergeant gegeben
