In der Heimat gefangen - Werner Kutscha - E-Book

In der Heimat gefangen E-Book

Werner Kutscha

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Beschreibung

Als 14-Jähriger erlebt der Autor den Einmarsch russischer Truppen in sein östlich der Neiße gelegenes Heimatdorf. Als dann im Juni 1945 die plötzliche Ausweisung der deutschen Bewohner erfolgt, werden seine Eltern und er unter militärischer Bewachung festgehalten. Der Vater wird als Arzt für die Versorgung der neu angesiedelten polnischen Bevölkerung benötigt. Bei diesem Bericht handelt es sich um ein erschütterndes autobiografisches Zeitdokument. Der Kampf ums Überleben, der Schrecken und die Schikanen, denen die Familie ausgesetzt war, werden auf ergreifende Weise dargestellt.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Meiner Familie und meiner Heimat

LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2007

©2014 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheimwww.rosenheimer.com

Titelfotos:Oben: Privatbesitz des AutorsUnten: © Bundesarchiv, Bild 146-1974-152-14Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-475-54351-7 (epub)

Werner Kutscha

In der Heimat gefangen

- Eine Kindheit zwischen Krieg und Vertreibung

Als 14-jähriger erlebt der Autor den Einmarsch russischer Truppen in sein östlich der Neiße gelegenes Heimatdorf. Als dann im Juni 1945 die plötzliche Ausweisung der deutschen Bewohner erfolgt, werden seine Eltern und er unter militärischer Bewachung festgehalten. Der Vater wird als Arzt für die Versorgung der neu angesiedelten polnischen Bevölkerung benötigt.

Bei diesem Bericht handelt es sich um ein erschütterndes autobiografisches Zeitdokument. Der Kampf ums Überleben, der Schrecken und die Schikanen, denen die Familie ausgesetzt war, werden auf ergreifende Weise dargestellt.

Ich sitze auf der Terrasse unseres Hauses, das ich mir in der schönsten Gegend Deutschlands gebaut habe, in der Pfalz. Man hat sie die Toskana Deutschlands genannt. Natürlich wird die Toskana von der herrlichen mediterranen Sonne noch mehr verwöhnt. Dafür ist unsere Pfalz im Sommer grüner und üppiger und wird nur selten einmal dürr. Eine liebliche Landschaft mit sanften, bewaldeten Bergen und kleinen Hügeln, unzähligen Weinbergen und fröhlichen Menschen. Sie ist nicht unbedingt heiter, aber auch nicht schwermütig. Sie erscheint idyllisch und stellenweise nahezu unberührt. Unzählige Wege und Pfade durchziehen Wälder und Weinberge, eine Landschaft für Wanderer.

Bis auf die Weinberge ähnelt sie mit den schmucken, oft lang gezogenen Dörfern sehr meiner ehemaligen Heimat. Habe ich ehemalig gesagt? Ja, richtig, ehemalig. Die Pfalz ist meine zweite, meine Wahlheimat geworden. Doch was heißt hier Wahlheimat? Ich habe sie mir nicht wirklich gewählt. Die Wogen des Lebens haben mich einfach hier angeschwemmt. Aber ich habe dieses Stück Erde als meine neue Heimat angenommen – und lieben gelernt.

Es ist etwas Merkwürdiges mit der Heimat. Sie muss nicht unbedingt schön sein, aber sie ist für denjenigen, der in ihr aufgewachsen ist, immer wunderbar wie eine geliebte Frau. Sicher, in einer Zeit, die von Schnelllebigkeit, Bewegung und schrumpfenden Entfernungen geprägt ist, verliert dieser Begriff an Gehalt, er erfüllt einen nicht mehr mit so viel Wehmut wie in früheren Tagen. Für denjenigen jedoch, der seine Heimat verloren hat, sprießt die Bedeutung dieses Wortes wieder aus dem Boden wie ein junger Trieb nach warmem Regen.

Mein ursprüngliches Heimatdorf Dornhennersdorf existiert nicht mehr. Es lag im sächsischen Teil der Oberlausitz, ganz im Südosten – und damit jenseits der Neiße, sodass es nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen fiel. Auch zwei Nachbardörfer sind zum großen Teil verschwunden.

Es ist ein schöner Sommerabend. Die Sonne versinkt hinter den Pfälzer Bergen und taucht sie in ein herrliches Abendrot. Das Kaminfeuer glimmt nur noch leicht, bald wird es ganz erloschen sein. Ich bin nun alt, so wie der heutige Tag. In der Jugend hielt ich mich beinahe für unsterblich, aber jetzt im Alter weiß ich natürlich, wie schnell das Leben vorbeigeht. Und so weiß ich auch den Wert der Zeit besser zu schätzen – auch und gerade den der vergangenen Zeit.

Ich lege also doch noch einmal ein paar Holzscheite auf und krame ein altes Tagebuch hervor. Dann gieße ich mir ein Glas Wein ein (Pfälzer natürlich!), zünde in der beginnenden Dämmerung eine Kerze an und beginne zu blättern. Es ist nicht so ein schönes Tagebuch, wie man es Kindern gerne gibt, wie es sich früher junge Mädchen gegenseitig mit einer Widmung geschenkt haben. Es ist nicht in Leinen gebunden, nicht abschließbar, um sich der Neugierde anderer zu entziehen. Es besteht lediglich aus losen, zerknitterten Blättern, auf denen ich mir als Junge spontane und entsprechend ungeordnete Notizen gemacht habe. Gestochene Formulierungen auf Bütten hätten zu diesen Erlebnissen und Eingeständnissen eines vom Leben geschüttelten Buben auch wahrlich nicht gepasst.

Ich lese von dem großen Ereignis in meiner Jugend, dem Tag der Ausweisung, dem Tag der Tage. Und plötzlich kommen mir Fragen: Habe ich das wirklich so geschrieben und so empfunden? Oder war es nicht doch noch viel eindrucksvoller, intensiver? Ein paar vereinzelte Worte rufen ganze Erinnerungsblöcke in mir wach, und ich versuche sie nachträglich zu ordnen. Liebevoll? Nein! Manchmal mit einem dankbaren Lächeln, sehr selten mit einem Lachen, allzu oft mit Schmerz und Entsetzen.

Da stehen die meist hastig hingekritzelten, manchmal nur flüchtigen Stichworte, die ich jetzt mit den plötzlich sprudelnden Erinnerungen ergänze. Unvermittelt ist alles wieder da, ganz konkret und doch unbegreiflich. Ich spüre, dass sich damals etwas in meine noch junge und leicht verletzliche Seele eingebrannt hat. Es ist wie eine über lange Zeit vergessene Narbe, die sich jetzt wieder schmerzhaft bemerkbar macht.

Der Kamin knistert und duftet. Manchmal unterbreche ich meine Lektüre und lasse den Blick auf die allmählich im Nachthimmel versinkenden Berge der Hardt mit dem Trifels schweifen. Dabei ist mir, als würden immer wieder kleine Lichter aufleuchten, die wie meine Erinnerungen aus dem Dunkel der Vergangenheit aufglimmen und das Grau der Asche noch einmal mit ihrem geheimnisvollen roten Schein beleben …

Der Tag22. Juni 1945, früher Morgen

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages fielen auf mein Gesicht und weckten mich auf.

Ein herrlicher, ein wunderschöner Tag brach an! Wirklich! Wirklich?

Ja, es schien so. Nach Wochen der Verzweiflung und Angst vielleicht endlich wieder ein Tag, an dem es besser werden würde. Verglichen mit dem, was gerade hinter uns lag, konnte es ja nur noch besser werden, dachte ich.

Lange Zeit war der Krieg für uns Kinder etwas Unwirkliches, zumindest extrem Fernes geblieben, lebten wir doch in einem kleinen Dorf in der Nähe einer industriell bedeutungslosen Kleinstadt. Es gab keine Fliegerangriffe, keine Bomben, auch keinen Hunger. Das war besonders wichtig: Wir hungerten nicht. Das haben wir erst später gelernt … Mein Vater war Landarzt, und manche Bauern zahlten das Honorar lieber in Naturalien wie Kartoffeln, Mehl oder Federvieh. Den Krieg gab es nur in Form von Nachrichten. Wir hörten von zerstörten Großstädten, von Gefallenen, auch aus dem eigenen Dorf. Gewiss, das war furchtbar, und die Erwachsenen machten ernste Gesichter, aber was wussten wir Schuljungen schon vom Tod? Wir hatten an den Sieg zu glauben. Bei jeder Sportveranstaltung trichterten uns niederrangige Vertreter des Regimes mit wild fuchtelnden Gesten ihre Parolen von Sieg und Heldentum ein. Helden sollten wir alle werden, wie die Vorbilder in der Geschichte und den Heldensagen, und in der Schule lasen wir in schönem Versmaß den unsinnigen Spruch des Römers Horaz:

»Dulce et decorum est pro patria mori …« – »Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.«

Er war nicht dafür gestorben!

Wir auch nicht! Bei uns war nichts passiert. Was sollte schon passieren? Der Krieg tobte woanders.

In den letzten Kriegstagen legte sich jedoch der erste Schatten auf unsere jungen, noch zarten Gemüter. Drohende Gewitterwolken zogen auf. Man hörte vom so genannten Sandberg aus den fernen, grollenden Geschützdonner der immer näher kommenden Front. Sie war ja Ende April 1945 nur noch 30 Kilometer entfernt! Es klang, wie wenn schwere Balken von einem Wagen abgeladen wurden. Ja, da wurde schweres Gut abgeladen: Tod und Verderben! Wirklich bewusst war mir das allerdings nicht. Natürlich, dort tobte ein Kampf, aber im Kampf galt: »Tod den Feinden!« Das hörten wir ja täglich. Dass der Tod auch uns treffen könnte, daran dachten wir Jungen nicht. Der Geschützdonner konnte ja nur den Feinden gelten. Und die würden wir doch besiegen! Ja, so naiv wurden wir in der Schule und in der »Hitlerjugend« erzogen. Die Eltern hielten zwar vorsichtig dagegen, aber laut aussprechen durften sie das nicht.

Einmal ging mein Vater mit mir nachts auf den Sandberg. Er sagte kein Wort, legte seinen Arm um meine Schultern und schaute auf die im Dunkeln dahinjagenden Wolken. Was mag er wohl gedacht haben? Er wusste immerhin, was das unaufhörliche Geräusch zu bedeuten hatte. Und ich? Ich konnte mir keine Vorstellung machen, aber eine unheimliche Ahnung begann in mir aufzusteigen. Irgendetwas Furchtbares musste es sein, da sich da unaufhaltsam auf uns zu bewegte, das spürte ich allemal.

Dann der unvergessliche Donnerschlag: die letzten beiden Tage vor dem Kriegsende. Plötzlich tauchten Tiefflieger auf und schossen auf alles, was sich bewegte. Es bewegten sich nur Zivilisten, alte Männer, Frauen und Kinder. Man jagte sie geradezu und schoss auf sie. Man traf sie! Es gab Verwundete. Im benachbarten Dorf Reichenau wurden schnell noch ein paar Bomben abgeworfen. Militärische Einrichtungen, von einigen lächerlichen, nicht geschlossenen Panzersperren abgesehen, gab es nicht. Und die wurden von den Bomben auch nicht getroffen. Dafür kam ein Kind ums Leben.

Dann zog die russische Armee durch das Dorf, lauter vom erbarmungslosen Kampf gezeichnete Soldaten, gewöhnt an tausendfaches Sterben und Töten. Sie waren gefühllos, ohne Mitleid und Erbarmen, Soldaten, die immense Entbehrungen hinter sich hatten und denen Eigentumsrechte anderer nichts mehr bedeuteten. Entsetzlich! Es geschahen furchtbare Dinge. Ich sah viele Frauen weinen. Menschen schrien vergeblich um Hilfe. Es waren unbeschreibliche Schreie! Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt und dabei oft so schwer verletzt, dass einige von ihnen starben, und ihre Männer, Brüder und Väter wurden brutal zusammengeschlagen, angeschossen, erschossen.

Mein Vater, praktischer Arzt und Geburtshelfer, hatte plötzlich Verwundete zu versorgen. Ausgerechnet jetzt, wo doch der Krieg gerade zu Ende gegangen war! Ich sah Schwerverletzte, denen mein Vater nicht mehr helfen konnte. »Muss ich sterben? Ist der Tod schon da?«, hatte einer gesagt, dem das Blut aus einer hässlichen Brustwunde quoll. Mein Vater antwortete: »Er ist noch nicht da, aber er steht vor der Tür.« Der Arme lächelte einen Moment fast froh: »Noch nicht?« Er versuchte die Hand meines Vaters zu fassen, doch dann fiel sein Kopf auf die Seite … Die Tür war aufgegangen, er war lautlos hereingekommen, der Tod. Später sagte mein Vater zu mir: »Man darf als Arzt den Patienten nicht belügen, aber ihm auch nie die Hoffnung nehmen.« Ich habe das nie vergessen …

Es war entsetzlich! Verzweiflung machte sich unter den Menschen breit, und es gab einige Selbstmordversuche. Die grausamen Erlebnisse dieser Tage sollten mich noch lange verfolgen und nachts in schweren Träumen heimsuchen.

Wir aber, wir hatten Glück in jenen Tagen. Natürlich wurden wir alle bedroht, bestohlen und ausgeplündert, eine meiner Schwestern entging nur knapp einer Vergewaltigung. Aber sonst stieß unserer Familie nichts zu.

Gegen Ende Mai zogen die Russen ab und wurden durch polnisches Militär ersetzt. Damit nahmen die Vergewaltigungen und Plünderungen ein Ende. Es hieß, die Polen seien menschlicher, und die Schreckensherrschaft sei vorüber. Würde das Leben jetzt wieder erträglich werden? Die Mädchen und jungen Frauen hatten sich wochenlang in Scheunen versteckt, halb wahnsinnig vor Angst. Wir hatten sie nachts heimlich mit Essen und Trinken versorgt. Jetzt krochen sie wieder hervor, dreckig und übel riechend, aber froh, dass ihnen nichts passiert war, froh, dass sie wieder ans Tageslicht konnten. Worüber man sich in der Not doch freuen kann!

Wir atmeten auf, wenn auch ein wenig misstrauisch. Ein wenig? Nein, sehr! Trotzdem, das Leben schien sich etwas zu normalisieren. Die Bauern gingen wieder auf die Felder. Es gab wieder Lebensmittelzuteilungen. »Na also, es wird ja!«, rief man sich mit verhaltenem Optimismus zu. Auch die polnischen Soldaten grüßte man freundlich.

War das der Frieden? Auch von ihm hatte ich keine rechte Vorstellung (und das sollte auch noch lange Zeit so bleiben). Aber heute, am 22. Juni 1945, schien die Sonne! Und wie sie schien!

Ich, der gerade 14-Jährige, sprang aus dem Bett und schaute aus dem Dachfenster der kleinen Mansarde, in der bis kurz vor Kriegsende unser Dienstmädchen geschlafen hatte – jetzt gab es kein Dienstmädchen mehr, und so konnte ich das Zimmer beziehen. Herrlich! Hier war ich für mich in meinem kleinen Reich. Hoch oben, kurz vor dem Himmel! Wenig elterliche Kontrollen. Kindliche Freiheit. Ich hatte vorher mit einer meiner Schwestern in einem Zimmer geschlafen. Jetzt hatte ich ein Zimmer für mich! Mein ganz persönliches Zimmer! Ich konnte nun abends lesen, so lange ich wollte. Und das tat ich auch!

Und morgens konnte ich über das ganze Dorf sehen.

Im Morgendunst verschwamm der ferne, große Wald, der Tschau, wie er genannt wurde, der bis ins heutige Tschechien reichte. Hier hatten wir in den Ferien Heidelbeeren gesammelt und natürlich auch gegessen. (Vom tödlichen Fuchsbandwurm und seinen Eiern auf den Beeren wusste man damals noch nichts.)

Anders als die meisten Wälder, wie wir sie heute in Deutschland kennen, war »unser« Wald urwüchsig, durchzogen von ungepflegten Wegen, aus denen sich dicke Wurzeln erhoben, über die einst schon die Gendarmen bei der Verfolgung des legendären Räuberhauptmanns Karasek gestolpert sein mögen. Verbrecher hin oder her, für uns Jungs war Karasek ein Held, und wir spielten im Tschau leidenschaftlich gern Räuber und Gendarm. (Natürlich wollte jeder am liebsten Räuber sein.)

Für uns war das ein Urwald, etwas geheimnisvoll mit seinem langen, zarten Gras und hohem, weichen Moos, auf dem man herrlich barfuß laufen konnte, mit einem Bach, auf dem wir Papierschiffchen fahren ließen, wenn wir in der Nähe Kühe hüteten. Grenzenlos und fast ein wenig verzaubert erschien uns dieser Wald.

Ein Sommertag begann, zum Träumen geschaffen.

Irgendwo wieherte ein Pferd, bellte ein Hund. Auf den Steinen am Rande unserer Hofeinfahrt räkelte sich die Nachbarskatze. Das Dorf erwachte langsam, wie ein verschlafenes Kind, nichts Böses ahnend. Es begann schon warm zu werden. Die Vögel zwitscherten. Lerchen stiegen jubilierend von den nahe gelegenen Feldern auf.

Ich sah hinüber zu den Nachbarn, wie wenn ich ahnte, dass ich sie für lange Zeit nicht mehr sehen würde.

Rechts der Friedrichbauer, ein kleines Gehöft mit zehn Kühen, zwei Pferden, ein paar Schweinen, Hühnern und einigen Gänsen, mit vier Kindern und vielen Schulden. Sogar ein Teich gehörte zu dem Anwesen: Wenn er im Winter zugefroren war, liefen wir darauf Schlittschuh und spielten eine Art Hockey.

Mit dem Sohn Reinhold war ich in die Volksschule gegangen: vier Jahre lang sechsmal die Woche ein gemeinsamer 45-minütiger Fußmarsch ins benachbarte Seitendorf. Gestern noch hatte ich mit ihm über die Schule geplaudert.

Links der Heidrichbauer, eher ein Bäuerchen mit Stall und Wohnung im gleichen Haus, keine Pferde, ein paar Hühner, vier Ziegen, vier Kinder. Die drei Kühe der Heidrichs mussten abwechselnd die Fuhrwerke ziehen. Das kleine Haus wurde zum Teil durch unsere große Linde verdeckt, die jetzt blühte und einen wunderbaren Duft verströmte.

Weiter hinten, etwas abseits von der Straße, das kleine Gut vom Altmannbauer. Er hatte zwei Pferde, sieben Kühe, vier Schweine, viele Hühner – und zehn Kinder. Ich kannte sie alle und habe viel mit ihnen gespielt. Wir verstanden uns gut, hatten höchstens einmal die üblichen kleinen Reibereien unter Kindern.

Mit diesen Menschen hatte ich eine unbeschwerte, ja, sorgenlose Kindheit verbracht, und nicht im Geringsten verspürte ich den Wunsch, dass sich an dem Leben in Dornhennersdorf etwas ändern sollte. Hier war es schön. Hier gehörten wir hin.

Und heute schien die Sonne, ein Symbol der Hoffnung nach schrecklicher Zeit.

Ein neuer Tag brach an. Wir ahnten ja nichts!

Einige Stunden später würden alle sagen: Ein verfluchter Tag! Unvergesslich und verflucht! Nichts würde mehr stimmen. Kein Altmannbauer, kein Heidrichbauer, keine Freunde, keine Sonne mehr …

22. Juni 1945, 7.30 Uhr

Wirklich 7.30 Uhr? Ja doch! Die russischen Soldaten hatten uns zwar alle Taschen- und Armbanduhren weggenommen, aber die große Standuhr im so genannten Herrenzimmer war noch da. Die war ihnen wohl zu schwer gewesen. Sie funktionierte immer noch und schlug alle halbe Stunde mit ihrem dunklen Ton. Es war ein herrlich warmer Ton, der heute wohl in kaum noch einem Haus zu hören ist. Er sagte uns voll klingend 7.30 Uhr.

Wir frühstückten im Wintergarten. Unsere Mutter, energisch und temperamentvoll, saß mit Blick über die Wiese zum Nachbarn. Sie liebte Ordnung und Sauberkeit und wusste diese, ohne viel zu fragen, rasch durchzusetzen. Dabei konnte ihr freilich bei uns Kindern auch ab und zu mal die Hand ausrutschen. Aber sie hatte Humor und Verständnis für unsere kindlichen Dummheiten – die sie leider auch stets mit untrüglicher Nase zu wittern pflegte. Mit Blick zum Garten bis zu den großen Pappeln saß unser Vater. Er war hoch gebildet, etwas streng, aber einfühlsam. Er sah es als seine Aufgabe an, seine Kinder zu kraftvollen, furchtlosen und fleißigen Menschen zu erziehen. Ich war allerdings etwas zart geraten, und mit dem Fleiß, na ja, das war so eine Sache. Er besaß einen staubtrockenen Humor, mit dem er seine Umgebung immer wieder überraschen konnte.

Die restlichen Plätze an dem runden Tische besetzten meine beiden Schwestern Hanne und Gisela und ich, der Jüngste, der sozusagen von allen erzogen wurde. Ich war ihr geliebter kleiner Bruder. Wenn ich von den Eltern getadelt wurde oder wenn sogar eine Prügelstrafe drohte, dann setzten sie sich für mich nach Kräften ein. Oft ging es so weit, dass sie für mich weinten und damit die versprochene Ohrfeige verhinderten. Ich muss sogar zugeben, dass ich dadurch ein bisschen verzogen war. Alle gaben sie Acht, dass mir nichts passierte, besonders die acht Jahre ältere Hanne. Wenn ich aufs Fahrrad stieg, wäre Hanne am liebsten vorausgefahren, um alle Steine aus dem Weg zu räumen, damit der Kleine sich nicht wehtäte …

Gisela war sechs Jahre älter als ich, gefühlsbetont und temperamentvoll. Sie war schon eher bereit, mit mir etwas anzustellen. Und das taten wir auch! So manche kleine Schandtat wussten wir hinter Unschuldsgesichtern lange zu verbergen – Gisela übrigens noch deutlich besser als ich.

Kurz, wir waren eine gute Familie mit der damals üblichen, etwas strengen Erziehung, aber voll echter Herzlichkeit.

Meine Mutter begann das Frühstück mit Messer und Gabel, wie es sich gehörte. Ich stopfte hungrig die erste Hälfte eines Brötchens in mich hinein, wie es sich nicht gehörte, und kaute geräuschvoll mit offenem Mund, wie es sich ebenfalls nicht gehörte. Das kam natürlich gar nicht gut an. »Werner, iss bitte anständig!«, sagte eine deutlich mahnende, mir gut bekannte Stimme, während meine Schwestern wie üblich grinsten, was mich wiederum nicht weiter berührte.

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten war alles friedlich.

Hanne sah in den strahlenden Tag hinaus. »Herrlich«, sagte sie, »wundervoll, diese Sonne!« Vati sah kurz auf, und er sagte, ich weiß nicht warum, aber er sagte: »Unter der leuchtenden Sonne gedeiht auch das Böse, das Unschöne, das Hässliche.« Ich erschrak, und mir lief es kalt den Rücken hinunter.

Da passierte es, das Entsetzliche, das bis heute für mich Unbegreifliche.

Der verfluchte Teil des Tages begann.

Draußen knallten einige Gewehrschüsse. Eine raue Stimme brüllte aus einer Art Megafon: »Alle Deutschen mussen sofort Dorf verlassen. Mitnehmen nur, was zu tragen möglich. Alle Wertsachen da lassen! Schnell, schnell, dowei, los, los!« Wir waren plötzlich still und bleich. Das konnte doch nur ein Scherz sein, ein übler Scherz! Vielleicht ein paar betrunkene Soldaten! Aber am frühen Morgen? Wieder ertönten einige Schüsse. Wieder krächzte und kläffte eine Stimme: »Alle Deutschen raus, raus, auch Alte und Kranke, schnell, sonst wir schießen tot, niemand hier bleiben, alle raus, raus, sofort!« Und das wurde mehrmals wiederholt.

Das klang nun nicht mehr nach einem Scherz. Wie auf Kommando sahen wir zum Fenster hinaus. Hinter unserem Garten standen plötzlich polnische Soldaten und bewaffnete Miliz. Verflucht! Das war Wirklichkeit, brutale Wirklichkeit! Wieder krächzte die Stimme: »Deutsche raus, schnell, schnell, sonst …!« Erneut wurde geschossen. Einige schrille Schreie! Gellende Hilferufe waren zu hören. Hunde bellten. Nach erneuten Schüssen bellten sie nicht mehr.

Wir sprangen auf. Eine Kaffeetasse fiel um. Niemand achtete darauf. Meine Mutter schrie mit zitternder Stimme: »Das ist doch, das ist doch, das kann doch nicht wahr sein … die können doch nicht … nein, nein!« Wir rannten aus dem Haus, auf die Straße. Dann blieben wir abrupt stehen.

Da kamen sie schon, die ersten »Vertriebenen«.

Ein endlos erscheinender Zug schleppte sich dahin, Koffer, Kisten und Rucksäcke tragende Menschen, ein paar kleine Leiterwagen dazwischen, schweigend, die Köpfe gesenkt, ein Albtraum! Daneben gingen bewaffnete Miliz und einige Soldaten, von denen ab und zu einer etwas Unverständliches grölte. Dazwischen aber hörte man immer wieder: »Schnell, schnell, schnell, niemand stehen bleiben, sonst wir schießen.« Wieder ein paar Schüsse! »Mein Gott, mein Gott, hilf uns doch!«, schrie irgendjemand. Ich stand hilflos am Straßengraben.

Da sah ich unter den Milizlern einen ehemaligen Zwangsarbeiter. Er war beim Friedrichbauer tätig gewesen. Er hatte in der Familie mitgelebt, so wie die Familienmitglieder gegessen und wie sie gearbeitet, im spartanisch eingerichteten, aber eigenen Zimmer geschlafen. Niemand hatte ihn schikaniert. Es war ihm gut gegangen. Nun, er wurde für seine Arbeit nicht bezahlt. Das war Unrecht, aber sonst lebte er wie der Bauer. Er hatte etwas Deutsch von uns und wir Kinder etwas Polnisch von ihm gelernt. Für unsere Dummheiten hatte er immer Verständnis gehabt und oft geholfen, sie zu vertuschen. Wir kannten uns seit über einem Jahr gut. »Wladek«, rief ich laut, »Hallo Wladek, was ist denn los, was machen die mit uns, hilf uns doch! Das kann doch alles nicht stimmen!«

War ich naiv! Er sah mich traurig an aus seinem etwas groben, unrasierten Gesicht, blickte sich scheu um und flüsterte in gebrochenem Deutsch: »Du ruhig sein, ganz still sein, kann nichts machen, ihr mussen gehen. Ich nicht durfen freundelich zu euch sein. Deutsche Mensch, Nazi, böse Mensch! Ich nicht durfen sagen, dass ihr gute Mensch. Du gehen schnell weg von mir, ganz schnell! Du verstehen!?« Wieder sah er sich scheu um. Ich stolperte völlig verblüfft zurück. So war das also! Man durfte gar nicht freundlich zu uns sein. Er schaute noch einmal traurig lächelnd zu mir herüber und schüttelte den Kopf. Hatte er Tränen in den Augen?

Und sie zogen an uns vorbei mit fassungslosen Gesichtern. Manche weinten still. Einige alte Leute schlurften mühsam dahin, auf einen Stock gestützt, versuchten etwas zu tragen. Kinder, keine fröhlich springenden Kinder, alle in Reih und Glied, die kleinen Hände an den viel zu schweren Rucksack gekrallt.

Das konnte doch nicht wahr sein! Aber doch, doch, das war alles wahr!

Es waren Leute aus dem letzten Dorf vor der tschechischen Grenze. Viele kannte ich, besonders die Kinder. Ich sah in kleine, verweinte Gesichter mit schmutzigen Nasen, die niemand mehr abputzte. Die runden Kindergesichter waren eckig geworden vor Angst und Anstrengung. Die Gesichter der Alten waren faltig, starr und eingefallen, nass von Tränen. Keiner sagte etwas.

Da, ein Freund! Ich schrie aus Leibeskräften: »Williiiiii!« Er schaute mich im Vorbeigehen an und sagte leise, wie wenn nur ich es hören sollte, in unserem quirlenden, warmen Lausitzer Dialekt meinen Vornamen: »Werner«. Es klang wie eine Frage. Dann ging er weiter mit glasigen Augen, müde, viel zu müde, um mir noch etwas zu sagen. Er schleppte einen großen Koffer und einen schweren Rucksack, auf den noch ein paar Kochtöpfe aufgebunden waren. Er musste schon eine Dreiviertelstunde unterwegs sein. »Williii«, schrie ich nochmals. Er hörte mich offenbar nicht. Er begriff anscheinend nichts mehr. Er zog einfach weiter. Er schien die Umwelt vergessen zu haben. Er ging wie in Trance, einfach die Straße weiter, unsere altbekannte, staubige, stille Straße.

Immer wieder Gebrüll, scheußlich! Immer wieder knallten Schüsse, um die Leute voranzutreiben. Oder wollten die Soldaten nur ihre Macht und vielleicht ihr wiedererlangtes Selbstbewusstsein nach dem gewonnenen Krieg zeigen? Jedenfalls wechselten Einzelschüsse und Salven einander ständig ab, wie ich es den ganzen Krieg über nicht gehört hatte. Für uns war wohl doch noch kein Friede!

Meine Mutter stand fassungslos neben mir. Dann wirbelte sie plötzlich herum und schrie gellend: »Wir müssen packen!! Sie werden auch uns gleich aus dem Haus jagen! Schnell!!« Die Vorbeiziehenden schauten sie an, wie wenn sie sagen wollten: »Hast du ’s jetzt auch begriffen?« Aber in Wirklichkeit hatten nur sie begriffen. Wir anderen standen einfach da und blickten auf das Unbegreifliche. Da zog ein Dorf an uns vorbei, einfach so. Wohin? In eine ungewisse Zukunft.

Mein Gott, packen, was? Was war denn wichtig? Was war für den Augenblick wichtig, was für später? Kleidung, Papiere, Kochtöpfe, Besteck, Bettzeug? Wohin damit? Noch Jahre später habe ich gemerkt, was man hätte packen sollen … Es war ja keine Zeit, in Ruhe zu überlegen. War man überhaupt fähig zu überlegen? Manche hatten in der Angst und Eile, einen drohenden Soldaten im Rücken, vergessen, ihre Zeugnisse, Ausweise und sonstigen wichtigen Papiere mitzunehmen. Sie hatten später große Schwierigkeiten, ihre deutsche Staatsangehörigkeit nachzuweisen. Die Behörden konnten da bemerkenswert uneinsichtig und verständnislos sein. Jeder vernünftige Mensch würde doch zuerst an die Papiere denken! Na, so etwas! So hörte man dann. Aber vernünftig? Was und wer war denn jetzt vernünftig?

Wer hatte schon einmal sorgfältig gepackt mit einer Maschinenpistole im Rücken, einem Fußtritt im Hintern? Was konnte man in solchen Augenblicken schon sorgfältig überlegen? Übrigens, welche Papiere? Die mit dem Nachweis »arischer« Abstammung? Mit dem Hakenkreuz-Stempel des Deutschen Reiches? Manche Leute hatten in der Angst vor den Russen alles, was mit nationalsozialistischen Symbolen versehen war, weggeworfen oder zumindest so gut versteckt, dass sie es in der Eile nicht finden konnten. Was hatte man nicht alles versteckt! Was wurde im Augenblick höchster Panik nicht alles vergessen! Dann hob man rasch den schweren Koffer und riss den Griff ab und den Koffer auf. Mein Gott! Jetzt schnell umpacken in einen Pappkarton mit Bindfaden, und der Soldat drohte mit der Waffe! Ach, wo war denn ein Karton, der Bindfaden? Da blieb manches am Boden unbeachtet liegen … Wichtiges? Und plötzlich war es auch egal, alles egal. Lass doch liegen …

Hoch zu Ross galoppierte plötzlich ein Offizier heran, der Zug wich erschreckt zur Seite. Zumindest versuchte er das. Einige Kinder stürzten dabei über abgestellte Koffer und schrien. Doch wen störte das? Sie mussten eben wieder aufstehen, und zwar schnell und ohne Widerrede!

An unserer Hofeinfahrt riss er das Tier mit einem Ruck herum, sodass Schaum vom Maul spritzte. Er sah sich suchend um. Dann drängte er uns in die Hofeinfahrt zurück. »Mowisz po polsku, jestes lekarz – sprichst du Polnisch, bist du Arzt?«, brüllte er meinen Vater an. Mein Vater bejahte misstrauisch. »Dann du hier bleiben«, sagte er kurz, schob uns weiter in die Einfahrt zurück und blieb, die Reitpeitsche in der Hand, mit tänzelndem Pferd vor uns stehen.

Was hatte das nun zu bedeuten?

Meine Mutter stammelte fassungslos: »Was soll das alles? Warum jagen Sie die Leute raus?« »Du Schnauze halten!«, raunzte er sie an und spielte mit der Reitpeitsche. Mein Gott, »Schnauze« hatte er gesagt, das zu meiner Mutter, dieser wohl erzogenen Frau aus gutem Hause! Mir war klar, das würde sie sich nicht gefallen lassen. Sie trat einen Schritt vor und setzte energiegeladen zu einer Entgegnung an. Mein Vater hatte das befürchtet und zischte mit knirschenden Zähnen: »Sei still!«

Er wusste, was »Schnauze halten« hieß. Er hatte zwei Weltkriege mitgemacht. Und er hatte gelernt, im rechten Moment zu schweigen. Meine Mutter jedoch dachte nicht daran, still zu sein, und schon gar nicht, »die Schnauze zu halten«. Sie schrie mit geballter Faust, ihre gute Erziehung vergessend: »Was macht ihr elenden Schweinekerle mit uns? Wir haben euch nichts getan! Ihr habt kein Recht, die Leute aus dem Haus zu jagen!« Ach Gott, »Recht« hatte sie gesagt. Dieses Wort war schon lange bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden.

Der Offizier schaute sie einen Augenblick fast nachdenklich an, dann grinste er und erklärte ihr die derzeitige Bedeutung von »Recht«: »Ihr alle Nazi, ihr Krieg verloren.« »Das ist eine gemeine Lüge! Wir sind keine Nazis, wir sind vielmehr …«, schrie meine Mutter. Sie kam nicht weiter, denn mein Vater hielt ihr den Mund zu, nahm sie am Arm und zog sie zur Seite. Dabei schaute er mich unendlich traurig an und flüsterte mir auf Lateinisch zu: »Vae victis. Sei still, mein Sohn, jetzt gilt: Vae victis.« Ja, vae victis, wehe den Besiegten, so hatte zynisch der Gallier Brennus den besiegten Römern zugerufen, als er sie beim Abwiegen der Goldmenge betrog, die Rom für den Abzug der Feinde zu zahlen hatte. Für Sekunden dachte ich daran, wie mein Vater mir beim Latein, gerade bei dieser Stelle, geholfen hatte. Damals wusste ich noch nicht, dass auch das alles für immer vorbei sein würde, er würde mir bald nie mehr helfen können. Das Leben würde uns bald weit auseinander treiben. Denn in diesem Moment schickte sich jemand an, einen mächtigen, hässlichen Strich unter mein bisheriges Leben zu ziehen.

Plötzlich hörten wir Schreie, Angstschreie! Soldaten trieben die Leute aus den Häusern, die sie nicht verlassen wollten. Wie Vieh auf die Weide, dachte ich, oder zur Schlachtbank? Ich sah mit Entsetzen, dass sie auch mit den Gewehrkolben zuschlugen und mit den Füßen traten. Nein, schlimmer als Vieh, korrigierte ich mich; denn das Vieh traktierten die Bauern nicht mit Gewehrkolben, sie traten es auch nicht. Die Menschen hier aber wurden mit Gebrüll und Flüchen aus ihren Häusern getrieben. Sie waren ab jetzt »Vertriebene«! Das wurde ihnen auf diese Weise nachdrücklich beigebracht. Manche rannten vor Angst und verloren dabei die hastig zusammengebundenen Sachen. Überladene Koffer platzten auf, Kleider fielen in den Schmutz. Die Leute mussten sie liegen lassen; denn die Soldaten duldeten kein Stehenbleiben und trieben alle rücksichtslos weiter.

Jetzt zogen auch unsere Nachbarn an uns vorbei. Sie hatten ihr Leben lang gespart, manche Schulden mühselig abbezahlt, und nun sollten sie alles verlieren! Da, die Bäuerin Altmann, die Mutter von zehn Kindern. Tränen rollten über das von Sorgen gezeichnete Gesicht, ihre faltigen Lippen zuckten, als sie meine Mutter sah. Da fielen sich die beiden Frauen um den Hals. So etwas hätte es früher nie gegeben. Aber in der Not! Es wurde bitterlich geweint. Und es war niemand da, der trösten konnte. Es gab nur Not, Angst und Entsetzen.

»Werden wir uns einmal wiedersehen, Frau Doktor?«, flüsterte sie.

Nein, sie würden sich nie wieder sehen.

Ein Soldat drohte mit dem Gewehrkolben. Die beiden Frauen fuhren auseinander. Die Bäuerin rannte erschrocken los. Der Soldat entsicherte und legte sein Gewehr an, lachte meinem Vater zu und brüllte: »Soll iiich schießen, panie doktorze?« Er schwankte bedenklich. Mir blieb das Herz fast stehen. Mein sonst so selbstbeherrschter Vater sprang blitzartig auf ihn zu, schrie dabei (ich hatte ihn noch nie so schreien hören) »nieeee, neieieiein, nicht« und schlug den Lauf des Gewehres nach oben. Der Schuss krachte in die Luft. Der Soldat schaute meinen Vater mit vom Alkohol geröteten Augen verdutzt an und spuckte ihm vor die Füße. Dann lachte er hämisch und hob erneut das Gewehr, dieses Mal auf meinen Vater gerichtet, und brüllte etwas Unverständliches. Er ließ den Lauf erst wieder sinken, als der Offizier auf dem Pferd einschritt und laut fluchte: »Nie! Kurwa mat!« Er hob drohend die Reitpeitsche. Da machte der Soldat eine wegwerfende Handbewegung und knurrte voll Verachtung und wohl auch voll Hass: »Niemcy, Deutsche«, und ging vor sich hin brummelnd weg.

Ja, deutsch, das stand für Verachtung und Wertlosigkeit; und anscheinend war es auch die Rechtfertigung für Unrecht.

Was für einen Fluch hatte ich da eben gehört? Nun, wir hatten natürlich auch Schimpfwörter, kräftige und gemeine Flüche. Ich kannte sie alle und benutzte sie auch, ganz zum Leidwesen meiner Mutter. Aber so etwas hatte ich noch nicht gehört! »Kurwa mat«, das musste irgendetwas mit »Hure« zu tun haben. Später fragte ich Polen nach der Übersetzung, aber sie gaben mir immer nur verlegen lächelnd zu verstehen, das sei nicht ins Deutsche zu übersetzen. Ich dachte, es könne vielleicht heißen: »Deine Mutter ist eine Hure.« Aber es muss noch viel schlimmer sein. Wie dem auch sei, in diesem Moment war mir auch ohne genaues Wissen klar, dass es sich um eine scheußliche Beschimpfung handeln musste. Und so schien sie mir für den Soldaten gerade recht. Ich wiederholte sie also laut, fast innig, und schaute dabei dem schießwütigen Soldaten nach. Der Offizier auf dem Pferd hörte mich offenbar und drehte sein Pferd zu mir herüber. Er sah mich erstaunt grinsend an und sagte dann anerkennend: »Dobrze, dobrze, jak polak gut, gut, wie ein Pole.«

»Blöder Hund«, dachte ich, »ein Pole wäre das Letzte, was ich sein wollte.« Aber er hatte meinen Vater gerettet, deshalb sagte ich deutlich vernehmbar: »Danke!« Zu meiner Verblüffung legte der Offizier die Hand grüßend an die Mütze, verbeugte sich leicht und lachte mir zu.

Jetzt kamen die Altmann-Kinder, alle zehn mit einem alten Kinderwagen voll Kleider, Tragetaschen, übervollen Schulranzen und Bettlaken, in denen Sachen eingeschlagen waren. Koffer besaßen sie ja keine. Wozu auch? Urlaub hatten sie nie gehabt. Sie hatten immer nur gearbeitet, natürlich auch in den Schulferien. Da konnten die Kinder dann besonders viel auf dem Feld mithelfen (und auch ich hatte mich manchmal angeschlossen). Jetzt schleppte die Jüngste, die fünfjährige Hilda, einen Rucksack so groß wie sie selbst, in der einen Hand eine Milchkanne, in der anderen eine alte, abgenutzte Puppe. Sie sah mich nicht vor lauter Aufregung und tippelte mit von der Anstrengung hochrotem Kopf hinter ihrer ältesten Schwester her.

Dann erblickte ich Cilli, so alt wie ich, meine Freundin aus der Volksschule.

Wir hatten bei uns zusammen im Sandkasten und auf den Wiesen gespielt, bei Altmanns Kühe gehütet und, wenn wir dabei Durst bekamen, uns gegenseitig die Milch direkt vom Euter in den Mund gespritzt. »Pfui Teufel, ihr Ferkel«, hätte meine Mutter gesagt. Aber sie wusste das ja nicht. Warum hätte sie es auch wissen sollen?

Seit ich ins Gymnasium ging, hatten wir uns seltener gesehen. Aber unsere gemeinsamen Kindheitserlebnisse verbanden uns weiterhin, und wir verstanden uns fast wortlos. Aber was sollte jetzt geschehen?

Cilli blieb schweigend stehen, schaute geradeaus, als wäre ich gar nicht da. Die Tränen rollten lautlos über ihr Gesicht. So hilflos weinend war sie auch am ersten Schultag dagestanden, als sie sich nicht neben mich setzen durfte. Jungen und Mädchen mussten damals ja getrennt sitzen! Aber ich hätte nichts dagegen gehabt. Sie war doch gar keines von den »blöden« Mädchen. Sie war doch die Cilli!

Dann schaute sie doch noch zu mir herüber. Ich wusste damals nicht, dass ich sie nie wiedersehen würde. Ich glaube, sie wusste es. Es war ein unbeschreiblicher Blick, den ich nicht vergessen kann. Wie gelähmt stand ich da. Ich glaube, sie hatte viel mehr begriffen als ich. Sie machte einen Schritt auf mich zu, stellte die Tasche ab, streckte beide Hände aus und wollte etwas sagen. Was, das habe ich nie erfahren. Denn sofort sprang einer der Soldaten brüllend auf sie zu und holte mit seinem Gewehr aus: »Los, los, dawaj, dawaj, du wissen, stehen bleiben verbotten, los, los, schnell, schnell Kurwa …« Sie schreckte auf wie ein Reh, schrie gellend: »Nein! Nein! Nicht hauen«, riss die Tasche hoch und hastete in den endlosen Zug, ohne sich noch einmal umzudrehen. Eine Katze rannte hinter ihr her.

Ich stand hilflos da und sah ihr nach. Wahrscheinlich sah ich meiner entschwindenden Kindheit nach. Die Erlebnisse der Vertreibung machten uns Kinder schlagartig älter: nicht alt genug, um alles zu begreifen, aber doch alt genug, um das Entsetzen zu spüren.

Cilli war einfach aus meinem Leben verschwunden. Für immer.

Zum Schluss stolperte ihr jüngerer, geistig leicht behinderter Bruder Karl hinter den anderen her, einige Sachen in ein großes Handtuch eingewickelt, das er auf dem Rücken trug. Ein einfacher, treuer Kerl mit etwas zu großem Kopf. Er sollte einige Monate später sterben, in einem kleinen Zimmer, eng mit anderen zusammengepfercht. Vor Heimweh, hat man gesagt, vor Heimweh sei er gestorben, er habe sich einfach nicht mehr zurechtgefunden … Kann man vor Heimweh sterben? Heute vielleicht nicht mehr, aber damals …? Damals war vieles möglich, was man heute nicht mehr versteht.

Der winzige Bauernhof, das kleine Dorf, die paar Felder, der Wald dahinter, das war alles für diese einfachen, armen, liebenswerten Menschen, ihre Welt! Mehr kannten sie nicht! Mehr brauchten sie auch nicht! Und das gab es für sie nun nicht mehr, besonders für ihn nicht. Konnte man daran sterben? Er wurde wie eine dürre Pflanze aus dem Boden gerissen. Und die Wurzeln waren stecken geblieben.

Ja, die Altmanns! Bisher waren sie arm, aber doch zufrieden gewesen, jetzt waren sie bettelarm, unverdient bettelarm! Oft hatten sie gemeinsam aus einer Schüssel gegessen und dabei gelacht, ich mit. Mein Gott, die große Blechschüssel! Sie hatten sie auf dem Tisch stehen lassen! Ich fand sie später halb voll mit Mehlsuppe und einigen Löffeln darin. Es musste ja alles so schnell gehen.

Der berittene Offizier drängte uns erneut in die Hofeinfahrt zurück, da wir wieder auf die Straße getreten waren.

Meine Schwester Gisela fiel plötzlich meiner Mutter um den Hals und stammelte schluchzend: »Ich kann nicht hier bleiben, alle, alle gehen! Ich will auch …« Ihr blieb das Wort im Munde stecken. Dann riss sie sich los und rannte zu unserem Haus. Wir folgten ihr zögernd. Da blieb sie wieder stehen. »Mir ist himmelangst«, schrie sie, »ich geh, hier sind wir gefangen und allein! Nein, nein, nein, ich bleibe nicht!« Sie schaute uns verzweifelt an. Mein Vater stand wortlos da. Was mag er gedacht haben? Was weiß ein Kind schon, was Eltern fühlen, wenn es sie plötzlich verlässt? Noch dazu ins Ungewisse verlässt!? Damals war ich wie versteinert, unfähig zu überlegen, ein einziger unbegreiflicher Schmerz. Wirklich ein Schmerz? Ich fühlte doch gar nichts.

Wir standen alle unschlüssig und stumm da. Sollten wir Gisela gehen lassen? Mutti schüttelte den Kopf. Schließlich sagte mein Vater leise: »Wenn du allein weggehst, ist das ein Risiko, aber was ist jetzt kein Risiko? Vielleicht hast du Recht. Wer weiß, was hier auf uns zukommt. Pack den Leiterwagen. Geh zu Schöners1 nach Hirschfelde. Grüß sie von uns. Bleib dort, bis du Arbeit gefunden hast. Vielleicht kann dir der Kreisarzt in Zittau dabei helfen. Bist ja eine Medizinstudentin, sozusagen fast Kollegin.« Dabei leuchteten seine Augen kurz und stolz auf. Dann senkte sich der Schatten wieder über sein Gesicht. Er drückte meine Schwester an sich und sagte hart, und man spürte dabei die Angst um sein Kind: »Und wenn dir einer was tun will, dann hau ihm in die Fresse, immer in die Fresse, und tritt ihm ans Schienbein.« Dann wandte er sich rasch ab.

Mit gesenkten Köpfen gingen wir ins Haus. Meine Mutter weinte laut, als sie ein paar Sachen zusammenpackte. Plötzlich hielt sie inne: »Mein Gott, sie kann doch unmöglich so viel schleppen! Wo sollen denn nur die Kleider hin?« Ja, wohin? Aber schließlich hatte sie eine Idee: »Dann zieh eben drei Kleider übereinander und noch einen Pullover darüber, egal wie du aussiehst.«

So tat sie es. Meine hübsche Schwester sah jetzt recht pummelig aus, wie ein prall gefüllter Sack, von Taille und Mode keine Spur, der Busen hemmungslos zusammengequetscht. Der grüne Pullover biss sich fürchterlich mit dem blauen Kleid. Trotz der traurigen Situation konnte ich mich bei diesem Anblick eines spöttischen, brüderlichen Grinsens nicht erwehren. Gisela streckte mir kurz die Zunge raus. Nun, auch diese herzhafte, geschwisterliche Neckerei würde mir fehlen. Dann war der kleine Heiterkeitsanflug sofort wieder vorbei. Gisela weinte. Hanne stand mit versteinerter Miene da. Ab und zu zuckte es in ihrem bleichen Gesicht. Ich hatte ein würgendes Gefühl im Hals. »Ach Scheiße«, sagte ich zu Gisela. Normalerweise hätte mich meine Mutter bei diesem Wort gerügt. Jetzt nickte sie still.

»So, und jetzt packen wir noch den großen Koffer«, sagte Mutti, »den tun wir auf den Leiterwagen.« Hanne zuckte zusammen und wurde blass: »Ja, den Leiterwagen, den Leiterwagen«, sagte sie stockend, »verflucht noch mal, den, den, den habe ich vorhin Heidrichs gegeben. Bei dem ihren war doch ein Rad gebrochen, als sie ihn voll beladen hatten! Wie hätten sie denn alles schleppen sollen?!« »Herrje! Kind! Du, du! Wie kannst du nur …? Was, was sollen wir jetzt machen!?«, rief meine Mutter verzweifelt, aber dann winkte sie resigniert ab und sagte: »Ist ja auch schon egal! Ist ja alles egal!« Doch Hanne sprang auf: »Nein! Ich besorge einen! Ich weiß schon, wo!« Und sie lief davon. Wenige Minuten später kam sie mit einem nassen Wägelchen herangeeilt. »Der stand bei Frau Neumann herum. Sie ist schon weg. Sie ist mit einem anderen Wagen gegangen. Den hat sie dagelassen, wahrscheinlich, weil er so ausgetrocknet war. Ich habe ihn deshalb tüchtig mit Wasser übergossen, damit er nicht auseinander fällt«, meinte sie ein wenig unsicher. »Hoffentlich hat es was genutzt«, sagte unsere Mutter lakonisch. Sie betrachtete das Ding misstrauisch: »Na ja, er wird schon halten! Bis Hirschfelde wird er halten.«

Wir umarmten Gisela alle gleichzeitig. »Verflucht«, dachte ich, »soll sie wirklich gehen? Allein sein, ganz allein sein?« Das schien mir eine unmögliche Vorstellung. Ich war noch nie allein gewesen. Ich konnte noch nicht wissen, dass ich vier Monate später auch allein sein würde, ganz allein. »Wollt ihr nicht auch gehen? Was wird aus euch, wenn ihr bleibt? Wann seh’n wir uns wieder?«, schluchzte Gisela plötzlich. Niemand konnte antworten. Es wollte auch niemand.

Meine Mutter umarmte sie nochmals, küsste sie und machte ihr ein Kreuz auf die Stirn, ein Kreuz voll Vertrauen, aber auch voller Hilflosigkeit. Die Eltern konnten nicht mehr helfen, nur noch der Herrgott! Wie immer wusste unsere Mutter in schwierigen Situationen den Herrgott auf ihrer Seite! »Ja aber, wo war der Herrgott«, dachte ich verzweifelt, »wie konnte er das alles mit ansehen? Warum half er uns nicht? Nicht ein bisschen?« Wieder dieses »Warum«! Oder hatte er uns doch ein bisschen geholfen? Hätte es noch schlimmer kommen können? Nicht auszudenken!

»Du brauchst ja Geld«, sagte mein Vater plötzlich und holte aus der Brieftasche ein Bündel Scheine. Er sah sie unschlüssig an. »Verstecke es gut«, murmelte er dann ein wenig unsicher. Ich sah, wie sie es unter den Büstenhalter schob. Mein Gott, das hielt sie für sicher! Natürlich, sie war eben gut erzogen. Wer sollte schon hinter den Büstenhalter schauen?

Hanne, die immer recht eigenwillig auf ihre Freiheit bedacht gewesen war und deswegen öfter Streit mit meinen Eltern hatte, sagte kurz und ein wenig hart: »Ich bleibe hier, hier in der Familie, in meinem Dorf.« Sie war schon immer eine Patriotin gewesen. Niemand sagte etwas dazu. Schließlich wussten wir ja nicht einmal, ob wir froh darüber sein sollten, dass wir bleiben mussten.

Mein Vater wandte sich rasch um, nahm seine Tochter an der einen und den Leiterwagen an der anderen Hand, ging an dem Offizier vorbei, ohne sich um dessen Proteste und die drohende Reitpeitsche zu kümmern, und reihte Gisela ein in den entsetzlichen, immer noch sich dahinschleppenden Zug.

Haben wir gewunken? Gerufen? Geschrien? Geweint? Sicherlich, sicherlich! Aber ich weiß es nicht mehr. Ich habe es damals schon nicht mehr wahrgenommen. Es war einfach zu viel, ich war unfähig, das alles aufzunehmen. Es war alles so entsetzlich, dass ich nichts mehr spürte. Ich erinnere mich nur noch, wie ich meiner Schwester nachgeschaut habe, wie sie weinend die Hand zum Abschied hob. Mein Gott, das konnte doch alles nicht wahr sein! Aber es war wahr.

Der Zug ging weiter. Manche der alten Leute jammerten und schwankten, wollten sich hinsetzen, um ein wenig auszuruhen. Die Soldaten trieben sie mit Gebrüll wieder auf die Beine. Ab und zu schossen sie in die Luft. Es sah aus wie eine moderne Sklaventreiberei.

Da fiel jemand hin, ein kleines, zitterndes Mädchen. Ein Fußtritt brachte es mit einem Aufschrei wieder auf die Beine. Ein alter Mann warf seinen Rucksack weg. Ein jüngerer, der schon einen Rucksack auf dem Rücken hatte, hob ihn auf und hängte ihn sich vor die Brust. Der Alte lächelte kurz, aber er war wohl zu müde, um zu danken, und schlurfte mühselig weiter.

Da ging eine junge Frau vorbei. Sie hatte sich trotz der sommerlichen Wärme einen Mantel übergezogen, wohl weil er nicht mehr in den Rucksack oder in den Koffer gepasst hatte, den sie kaum noch tragen konnte. Sie schwitzte natürlich und knöpfte sich keuchend die Bluse auf. Das hätte sie nicht tun sollen; denn jetzt kam ein goldenes, an einer Halskette hängendes Medaillon zum Vorschein. Dies sah einer der begleitenden Soldaten. Er sprang auf sie zu und riss ihr das Schmuckstück vom Hals. Die Frau schrie entsetzt auf. Neben ihr ging ein Mann, dessen Namen ich nicht aufgeschrieben habe und nicht mehr weiß. Ich nenne ihn Rainer. Er hatte den linken Arm im Krieg verloren. Ein erfahrener Frontsoldat mit vielen Auszeichnungen, Stalingradkämpfer. Er war wegen seiner Verwundung damals noch ausgeflogen worden. Die beiden hatten in den nächsten Tagen heiraten wollen. Nun würde wohl nichts daraus werden.

Bei dem Aufschrei seiner Braut wirbelte er herum und stieß mit dem verbliebenen Arm wie zufällig den Polen vor die Brust, sodass dieser zurücktaumelte und beinahe gestürzt wäre. Mein Gott, was würde nun geschehen? Das Medaillon in der Linken, riss der Pole schreiend mit der Rechten seine Waffe hoch. Zielen war bei der kurzen Entfernung nicht notwendig. Der Schuss krachte, und der Einarmige lag am Boden. Die Umstehenden schrien empört auf. Der Pole brüllte dagegen und schoss mehrmals wütend in die Luft.

Dann war es plötzlich totenstill. Niemand ging weiter. Einige Männer drängten sich nach vorn. Nein! Das war jetzt zu viel gewesen. Die müden, verzweifelten Gesichter der überwiegend alten Männer waren hart und entschlossen geworden. Ich sah gespannte Backenmuskeln und wütend geballte Fäuste, einige mit Küchenmessern! Verflucht! Was jetzt!? Der Soldat wich erschrocken einige Schritte zurück, die Waffe drohend angelegt. Die Situation war extrem gespannt. Die Luft schien zu knistern. Schließlich hatte der Pole unseren Rainer erschossen.

Hatte er?

Nein, ein Schrei der Erleichterung! Nein, Rainer hob langsam den Kopf. Er war nicht getroffen worden! Er hatte sich blitzschnell zu Boden geworfen, eine im Kriege 1000-mal geübte Reaktion! Das hatte ihm das Leben gerettet. Die junge Frau weinte vor Freude. Die geballten Fäuste entspannten sich wieder. Es war wohl um Sekundenbruchteile gegangen! Es war wie ein Wunder! Rainer stand langsam auf und sah dem Soldaten ruhig ins Gesicht.

Auch dieser wirkte erleichtert und sah ihn geradezu bewundernd an: »Du guttes Soldat gewesen, was?« Er stieß ihm die Waffe in Richtung des fehlenden Armes und sagte: »Eh, andere Polen dich besser getroffen!« Rainer schüttelte den Kopf: »Es waren nicht die Polen, es waren die Russen.« Der Pole nickte zufrieden: »Du nicht gegen Polen kämpfen, nie? Das gutt! Das särr gutt! Also du weitergehen!« Rainer schüttelte wieder den Kopf: »Gib ihr doch das Ding wieder. Es ist ein Bild ihrer Mutter darin! Bild von matka. Du doch haben zu Hause auch matka!« Und er hielt ihm bittend seine Hand hin. Die Ruhe dieses Mannes war bewundernswert. Kaum dem Tode entronnen, sprach er, wie wenn nichts geschehen wäre. »Du Soldat, du Schnauze halten«, zischte der Pole, »sonst …«, und er hob wieder drohend seine Waffe.

»Ich weiß, ich weiß, du gut schießen, du guter Soldat, aber du haben doch auch eine Mutter! Mein Gott! Gib doch wenigstens das Bild, was da drin ist! Es hat doch gar keinen Wert für dich!«, sagte Rainer müde.

Ich weiß nicht, ob er verstanden wurde. Neben ihm stand ein Milizler, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, der besser Deutsch verstand als der Soldat. Er sagte etwas zu ihm, der ihm daraufhin das Medaillon gab. Der Milizler öffnete es und holte das Bild einer alten Frau heraus. Der Soldat schlug ihm auf den Arm, sodass das Bild auf die Erde fiel, und entriss ihm das Medaillon.

Die junge Frau bückte sich schnell, hob das Bild auf, küsste es und steckte es in eine Tasche. Der Einarmige nickte dem Milizler dankbar zu: »Danke, vielen Dank! Du bist ein guter Mann!« Dann legte er seiner Braut den Arm um die Schultern und zog sie mit sich fort. Er hatte in den harten Kriegsjahren gelernt und wusste, wann man verloren hatte, wann man aufhören musste.

Der Pole blieb unzufrieden stehen und knurrte: »Deutsch!«

Ich fühlte mich plötzlich so müde und setzte mich ins Gras.

Da sah ich ein paar Meter weiter Herrn Kalkritz2. Ich mochte ihn nicht; denn als er einmal bei uns zum Mittagessen war, hat er mir die letzten Zwetschgenknödel weggegessen, und das war ausgerechnet meine Lieblingsspeise. Wovon doch kindliche Zuneigung abhängen kann!

Dieser Mann hatte wegen seiner sozialdemokratischen Gesinnung und seiner mutigen Äußerungen gegen den Nationalsozialismus im Gefängnis gesessen und seine beruflichen Möglichkeiten verloren. Ein aufrechter, geradliniger Mann. Er hatte wohl jetzt auf seine große Stunde gehofft, nachdem er nach seiner Entlassung jahrelang bescheidenst hatte leben müssen, immer in Angst, erneut verhaftet zu werden. Seine Tochter hatte damals etwas länger mit einem Kriegsgefangenen gesprochen, was nicht verborgen geblieben war. Da hieß es: »Die hat was mit dem!« Kurz darauf wurden ihr die Haare abgeschnitten, und man trieb sie mit der Peitsche durch das Dorf. Herr Kalkritz musste zusehen.

Er war still und einsam geworden. Aber jetzt musste doch seine Chance kommen! Jetzt musste sich sein Leid auszahlen, so mag er wohl gedacht haben. Daher ging er, als er sein Haus verlassen sollte, zu einem der Soldaten und erzählte ihm von seiner Vergangenheit, vom Gefängnis, von der Folter der Nazis, wohl in der Hoffnung, hier bleiben zu können, sein antifaschistisches und sozialistisches Reich aufbauen zu können. Doch der Soldat lachte nur höhnisch: »Du nicht Nazi? Warum du dann hier und nicht in Moskau? Dowei, dowei, los, los.« Dann grinste er und gab ihm einen Tritt in den Hintern, sodass der arme Herr Kalkritz kopfüber auf die Straße stürzte. Da lag er im Dreck mit seiner Weltanschauung, für die er gelitten hatte. Auch die Nazis hatten ihn damals getreten und geschlagen, auch da hatte er öfter im Dreck gelegen, auch auf unserer alten Dorfstraße. Sie hatten es mir erzählt, die damals dabeigestanden hatten, und auch die anderen, die durch ein Fenster zugeschaut hatten; keiner hatte den Mut gehabt, etwas dagegen zu sagen. Hätte es ihm geholfen?

Nun lag er wieder am Boden. Er war doch wirklich kein Nazi! Verflucht, hatte ich gedacht, manche Menschen werden immer wieder getreten, egal was sie machen oder sagen. Ich wollte ihm jetzt helfen aufzustehen, aber er schüttelte traurig lächelnd den Kopf, als der Soldat mich anbrüllte. Er stützte sich auf seine blutenden Hände und stand etwas schwerfällig auf. Er hatte schon immer allein aufstehen müssen, immer wieder!

Herr Kalkritz nahm seinen Rucksack wieder auf und nickte mir freundlich zu. »Den muss ich wie immer allein tragen«, murmelte er. Ich dachte an die Zwetschgenknödel und schämte mich ein wenig. Dann ging er weiter, ein hagerer, großer Mann. Die Gesichtshaut spannte sich über die Backenknochen. Die scharf gebogene Nase erinnerte an den Schnabel eines Raubvogels. Ein Adler, dachte ich. Aber wie weit war er davon entfernt! Er mochte wohl die Kühnheit eines Adlers haben, aber es war ihm nie gelungen, hoch zu fliegen, sich über andere zu erheben. Nie war er hochgestiegen. Immer wieder hatte er einen großen Start versucht. Stets hatte ihn ein unbegreiflicher Schlag oder ein Tritt zurückgestoßen. Was hat ihn immer wieder zum Aufstehen gebracht, welche Kraft?

Ich schaute ihm bedrückt nach. Doch da sah ich, wie eine Frau auf einem Handwagen halb liegend vorbeigezogen wurde. Sie war so erschreckend blass und hatte blaue Flecken im Gesicht und an den Armen.

Mein Vater ging zu ihr. »Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte er, dann biss er sich auf die Lippen, wohl weil ihn die Naivität dieser ärztlichen Routinefrage erschreckte. Sie sah langsam zu ihm auf, schaute ihn eine Weile stumm an, dann flüsterte sie: »Mein Vater ist eben gestorben, vor Schreck, als sie ihn aus dem Haus treiben wollten. Er war doch so herzkrank! Er ist einfach umgefallen, einfach umgefallen, ohne ein Wort, als ihm einer die Pistole auf die Brust setzte! Da lag er nun so vor mir. Ich wollte ihm helfen, ich wollte, ich wollte … Ich weiß nicht, was ich alles wollte, vielleicht nur ihn noch einmal streicheln, vielleicht nur … Ach Gott! Sie haben mich einfach gezwungen zu gehen. Sie haben mich von ihm weggeprügelt und getreten. Hätten sie mich doch erschlagen! So habe ich ihn einfach so liegen lassen müssen. Er liegt noch dort. Mein Gott! Er liegt noch dort! Wo werden sie ihn verscharren? Vielleicht gar nicht? Das hat er nicht verdient! Könnt ihr ihn nicht beerdigen? Ihr wisst doch, wo wir wohnen! Mein armer Vater!«

Ihre Stimme war immer schriller geworden. Sie packte meinen Vater laut weinend mit beiden Händen am Arm und schüttelte ihn. Wir nickten stumm. Dann wandte sie sich von uns ab, streckte sich plötzlich und schrie markerschütternd auf wie ein verwundetes Tier: »Lasst mich doch auch verrecken! Ihr Schweine! Ihr, ihr Hunde …« Die Stimme überschlug sich. Ein Mann zog wortlos den Wagen weiter. Ich hörte sie noch lange schreien, unmenschlich schreien. Verdammt!

Wir haben den Verstorbenen später nicht mehr gefunden. Im Garten sahen wir einen kleinen Hügel mit einem winzigen Kreuz aus Zweigen. Irgendjemand hatte ihn also doch begraben. Ich glaubte, wieder die Schreie der Frau zu hören, sah ihr bleiches Gesicht, als ich vor dem Hügel stand …

Doch das war Tage später. Jetzt stand ich weiter am Straßenrand und sah immer noch der totenblassen Frau nach. Schließlich konnte ich sie nicht mehr hören.

Ich fragte mich plötzlich: »Warum schreien wir nicht? Das ist doch das Einzige, was wir noch können!« Da brach es mit einem Male in mir auf. Das ganze Geschehen wurde mir in seiner Entsetzlichkeit voll bewusst. Die überreizten Nerven gaben nach! Ich hielt mich am Gartenzaun fest und schrie laut und gellend, kein Wort, nur einen unendlichen Schrei. Mein Vater sah mich entsetzt an. Einer der vorbeiziehenden Dorfbuben schaute hilflos und traurig zu mir. Dann verzerrte sich auch sein Gesicht, und er wandte sich ab. Jetzt schrie auch er. Plötzlich schrien noch andere. Dann immer mehr, dann schrien alle. Ein Dorf schrie zum Himmel! Grässlich! Ja, hier wurde geschrien, geschrien, gequält aufgeschrien, aber die Welt hat es nicht gehört …

Der Offizier auf dem Pferd vor unserer Hofeinfahrt brüllte wütend: »Czycho byc, Ruhe!«, aber so laut konnte er gar nicht brüllen. Wir schrien ihn mühelos nieder. Sein Pferd wurde unruhig. Er hatte alle Mühe, es zu halten. Er versuchte erneut, dagegen anzuschreien. Aber was war schon sein zorniges Gebrüll gegen unseren Aufschrei? Da gab er wütend ein paar Schüsse ab, hoch in die Luft, dann dicht über die Köpfe, schließlich ganz dicht darüber hinweg, dann kurz vor ein paar Füße in den Boden. Auf einmal waren alle still, grauenhaft still …

Der lange Zug stand. Einige Sekunden geschah nichts. Dann ging das Pferd mit allen vieren in die Höhe, setzte zum Galopp an, er riss es brutal zurück. Inzwischen brüllten einige Soldaten, einige schossen über die Menge, einige traktierten die Leute mit Fußtritten und stießen mit den Gewehrkolben: »Weiter, weiter!«

Einzelne Schmerzensschreie, ein paar unbeantwortete Hilferufe …

Dann hörte man wieder nichts als knirschende Schritte, quietschende Handwagen, stöhnende Menschen.

Ich drehte mich zitternd um zu meinem Vater. Ich war es doch gewöhnt, in höchster Not zum Vater aufzuschauen, zu dem unerschütterlichen Vater. Doch jetzt war alles anders. Da war nichts mehr unerschütterlich. Mein Gott, ich sah, nein, ich glaubte zu sehen, dass mein Vater weinte. Das hatte ich noch nie erlebt. Er nahm mich wortlos an der Hand und ging etwas vor mir und leicht gebeugt zu unserem Haus. Ich sah noch einmal verstohlen zu ihm auf. Hatte er wirklich geweint? Ich sah keine Tränen mehr, nur seine Augen, seine tiefblauen Augen wirkten grau, leblos wie kalter Stahl.

Nachmittags war die Straße leer, das Dorf auch. Wir waren allein. Und die Sonne schien! War das die Sonne, unsere Sonne? Ich drehte ihr den Rücken zu und ging noch einmal ein Stückchen die Dorfstraße entlang. Warum? Einfach nur so. Da lagen einige verlorene Sachen. Ein Schuh, wahrscheinlich vom Leiterwagen gefallen. Aus dem Straßengraben ragte ein aufgeplatzter Koffer. Der Griff war abgerissen. Wer hätte ihn noch tragen können? Ich ging wieder nach Hause. Ich bildete mir ein, dass kein Vogel mehr zwitscherte. Oder war es wirklich so?

Es war eine bedrückende Leere. Auch die Soldaten waren weg. Wir saßen im Wohnzimmer. Keiner sagte ein Wort. Haben wir lange so gesessen? Die Gedanken kreisten immer um das eben Erlebte. Die Zeit schien stillzustehen. Schließlich sagte meine Mutter mit einer Stimme, wie ich sie noch nie gehört hatte: »Hugo, was soll nun werden? Das kann doch nicht so bleiben, die werden doch alle bald zurückkommen, vielleicht in ein paar Wochen? Das alles muss doch baldigst wieder vorbei sein!« Mein Vater nickte nur. Er wusste auch nichts Besseres zu sagen. Was sollte er auch sagen? Er wusste ja nicht, dass die Jahre vorbeigehen würden, auch das Leben, ohne dass die Menschen aus dieser Gegend wieder zurückkehren würden. An das Wort »nie« wagte doch niemand zu glauben, auch nach Jahren noch nicht.

Er wusste ja nicht, dass vieles noch schlimmer werden würde. Oder wusste er es doch? Wir standen auf und sahen auf die leere Straße. Dann sagte er plötzlich: »Ja, mein Junge, da sind wohl die schönen Jahre vorbei, aber dass es gleich so kommt! Auch wir werden alles verlassen müssen.« Er schwieg eine Weile, und dann schien er zu sich selbst zu sprechen: »Es waren schöne Jahre, trotz manch schlimmer Erlebnisse immer wieder schöne Jahre, jetzt aber … Nein, es gibt kein vollkommenes Glück, aber es gibt ganz sicher ein vollkommenes Unglück. Heute hat es zugeschlagen, oder« – seine Stimme zitterte plötzlich – »oder hat es uns zunächst nur einmal angeschaut? Was kann noch kommen? Wer weiß?« Dann war er still und drückte mich an sich. Es gab ja auch nichts zu sagen.

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Anmerkungen

1 Der Name wurde geändert.

2 Der Name wurde geändert.