In die Mark getroffen - Udo Hargarten - E-Book

In die Mark getroffen E-Book

Udo Hargarten

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Beschreibung

Vom lebhaften Köln in die ruhige Mark Brandenburg, das Land der Wälder und Seen. Ein Finanzbeamter lässt dort seinen Traum von Natur und Ruhe wahr werden. Er wirkt mit am Aufbau einer Steuerverwaltung, die es so zuvor in Brandenburg nicht gab. Anschaulich schildert er das Hineinwachsen des Landes in die deutsche und europäische Gesellschaft, beschreibt kenntnisreich Details der Landesgeschichte und plaudert mit einem Augenzwinkern über Küche, Sprache und Mentalität der liebenswerten Ureinwohner.

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Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Zum Autor

Udo Hargarten, geboren 1951 in Saarbrücken, trat nach dem Abitur und diversen Jobs in der Privatwirtschaft 1973 in die Kölner Finanzverwaltung ein. Nach der Ausbildung zum Diplom-Finanzwirt arbeitete er als Veranlagungssacharbeiter und Betriebsprüfer. 1991 führte ihn ein erster Einsatz als Berater nach Brandenburg, dem ein zweiter 1993 folgte. Ab 1994 bis 2016 war er dort tätig als Sachgebietsleiter (u.a. Betriebsprüfung, Investitionszulage, Umsatzsteuer). Er unterrichtete Steuerrecht für die Handwerkskammer Frankfurt und die Fachhochschule für Finanzen in Königs Wusterhausen. Nach seiner Pensionierung lebt er weiterhin in Brandenburg.

Der Autor war 1979 Bezirksvertreter im Kölner Stadtbezirk Nippes, 1984 bis 1989 Mitglied des Kölner Stadtrats. Neben den Sprachen Französisch und Polnisch pflegt er seine Hobbys Geschichte, Naturwissenschaften (insbesondere Astronomie) und ausgedehnte Fahrradtouren bis heute.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

TEIL I: Mein Weg

Erste Ankunft

Zweite Ankunft und Sprung

Arbeit, ein Haus und ein Zuhause

Im Teilobjekt

Nun prüft mal schön

Der große Sprung

Wie kriegt man Farbe weg?

Umziehen leichtgemacht

Straßen haben Namen

Kontaktfläche Fußpflege

Ein Bordell in Fürstenwalde?

Die politische Ebene

Räderwerk Finanzamt

Wenn die bunten Fahnen wehen …

Abenteuer Museum

Treffpunkt Rathauskeller

Die Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches

Übergang in den Sparmodus

Angekommen in der Domstadt

Neue und altvertraute Strukturen

Brandenburg und Berlin zusammen?

Stadtumbau

Urlaub

Die Mühlen der Finanzverwaltung

Investieren wird belohnt

Denkmalschutz

Die neuen Windmühlen

War wirklich jemand auf dem Mond?

Protokolle und Krankheiten

Die Oderflut

Immer Ärger mit den Bauern

Von der Wiege bis zur Bahre – Seminare, Seminare

Radlerparadies Brandenburg

Ein Leuchtturm blinkt zu kurz

Der Jahrtausendwechsel naht

Ins neue Jahrtausend

Fürstenwalde

Frankfurt

Cottbus

Potsdam

Brandenburg

Nahverkehr fällt gar nicht schwer

Der Cargolifter hebt nicht ab

Rasen auf dem Lausitzring

Oh Gott, der Euro kommt

Zwei Seuchenvögel sind zwei zu viel

Kurze Zeit Oberindianer in der örtlichen SPD

Rübe ab!

Die Umwerfenden oder Alle Neune

Mit der Zahnärztin per Du

Gleitflug in die Zukunft

Neudeutsch ist Englisch

Die Religion

Politik und Mediengesellschaft

Lobbyismus und Populismus

Die Bundestagswahl 2021

Windenergie

Der Schienenverkehr

Tesla

Der BER

Das Schiffshebewerk Niederfinow

Ost und West

Ausblick

TEIL II: Märkisches Mosaik

Küche

Dialekt

Fremdsprachen

Feiern

Selbstbewusstsein

Die Nachbarn

Der besondere Nachbar: Polen

Preußen

Flüchtlinge

Sparen

Reisen

Wetter und Klima

Freizeit

Angeln

Pilze sammeln

Jagen

Die Feuerwehr

Radfahren

Die Sauberkeit

Krankheit

Bau schau wem

Hausnummern und Haushöhen

Radwege?

Alleen

Die Rente

Vorwort

Nach fast einem Vierteljahrhundert Leben in Brandenburg hält es mich nicht mehr. Ich muss über dieses Land schreiben, das mich so oft überrascht hat. Enttäuscht und begeistert hat. Es war ein mir unbekanntes, aber unerwartet schönes Land. Ein Land für den zweiten Blick, in dem mich etliche sofort warm aufgenommen und einige – Gott sei Dank wenige – auch nach längerem nicht akzeptiert haben.

Die Mark Brandenburg habe ich gleich zweimal kennengelernt.

Das erste Mal in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von Theodor Fontane, dem großen märkischen Dichter. Er hat das Land derart treffend und einfühlsam beschrieben, dass ich als etwa Fünfzehnjähriger im weit entfernten Saarland mit Freude alle drei Bände auf der Stelle durchgeschmökert habe, als sie mir von einem wohlgesonnenen Onkel geschenkt wurden. Ich hatte zwar keine persönliche Beziehung zu dem Land oder seinen Bewohnern, aber es war einfach unterhaltsam, ja toll, bei Fontane von diesem damals für mich kaum erreichbaren und so ganz anderen Land zu erfahren. Zudem finden die „Wanderungen“ im 19. Jahrhundert statt, beschreiben also ein Leben, das so gar nicht mehr anzutreffen ist. Trotzdem hat Fontane mit so viel Scharfblick wie auch Humor das Land geschildert, dass ich als Leser es unwillkürlich – irgendwann einmal – kennenzulernen wünschte.

Das zweite Mal habe ich Brandenburg dann nach dem Fall der Mauer kennengelernt. Im Sommer 1991 – und in all den Jahren danach. Ich war in Nordrhein-Westfalen seit über 20 Jahren Finanzbeamter gewesen und meldete mich 1990, als sogenannte „Aufbauhelfer“ gesucht wurden, für einen Einsatz in der neu entstehenden Finanzverwaltung unseres Partner-Bundeslands Brandenburg. Ich wollte – vor allem anderen – das mir weitgehend unbekannte Land kennenlernen, das „meinem“ Staat beigetreten war. Dass die Reise genau in das Land führen sollte, das ich ein Vierteljahrhundert zuvor in Fontanes „Wanderungen“ so reizvoll empfunden hatte, war mir bewusst.

Deshalb erzähle ich in diesem Buch, wie ich die Mark Brandenburg ab den 90ern erlebt und aufgenommen habe. Aber auch, wie sich dieses Land seitdem verändert und weiterentwickelt hat. Denn nichts ist so beständig wie der Wandel, hat Lenin einmal gesagt – und auch schon lange vor ihm Heraklit von Ephesus. Das gilt auch für Brandenburg – obwohl Lenins Standbilder hier verschwunden sind und Heraklit erst gar keine erhalten hat.

Die ersten sechs Kapitel schildern meine persönlichen Erlebnisse und Beobachtungen in der Mark von 1991 bis 2021, also 30 Jahre. Die kleineren Abschnitte danach habe ich Mosaiksteine genannt, weil sie das für mich Eigentümliche, Verwunderliche, auf jeden Fall Besondere hier in der Mark und vor allem bei ihren Menschen darstellen, mir jedenfalls so „untergekommen“. Sie sollten auch für Menschen aufschlussreich sein, die zwar nicht hier leben, aber sich für die Mark Brandenburg interessieren.

Danken muss ich allen, die mir die Mark und ihre Eigenheiten erklärt haben. Auch oft erläutert haben, warum etwas so oder so ist und wie es dazu gekommen ist. Also den vielen Kolleginnen und den wenigen Kollegen im Finanzamt, den Nachbarn, den Parteifreunden und Parteifeinden, den Keglern und Radlern, den Mitbewohnern der schönen Streusandbüchse des Römischen Reiches. Vor allem danken muss ich meiner Frau, die nicht nur meine endlosen Tipparbeiten am Schreibtisch klaglos ertragen, sondern auch viele Details und Anregungen beigesteuert hat.

TEIL I

Mein Weg

Erste Ankunft

Ich hatte mich im zweiten Halbjahr 1990, als sogenannte „Aufbauhelfer“ für den Osten auch aus Reihen der Finanzverwaltung dringend gesucht wurden, zu diesem Job bereit erklärt. Aus reiner Neugier auf diesen uns Westdeutschen weitgehend unbekannten Staat, Verwandte hatte ich als gebürtiger Saarländer dort keine. Ich war fast 20 Jahre lang in meiner Wahlheimat Köln als Finanzbeamter ausgebildet und eingesetzt worden, und „mein“ Bundesland Nordrhein-Westfalen betreute nach der Wende mehr oder weniger zufällig das neuentstandene Land Brandenburg.

Als nach mehr als einem Dreivierteljahr, also im späten Frühjahr 1991, sich noch nichts mit meiner Abordnung, wie so etwas im Beamtendeutsch heißt, getan hatte, erlaubte ich mir, die zuständige hohe Oberfinanzdirektion Köln telefonisch zu belästigen. Ich sei außerstande, meinen Jahresurlaub 1991 zu planen, wenn ich nicht wisse, wo und wann nun der Einsatz als Aufbauhelfer … Also fand die leicht indignierte Einsatzsteuerung der Oberfinanzdirektion binnen einer Woche eine Lösung.

Als Einsatzort wurde mir das Finanzamt Fürstenwalde zugewiesen, das sei „irgendwo zwischen Berlin und Frankfurt/Oder“ hieß es am Telefon in Köln. Den Ort, damals immerhin noch Kreisstadt, suchte – und fand – ich dann gleich in meinem Atlas zu Hause. Frankfurt an der Oder war mir ein Begriff, und dieses Fürstenwalde lag zwischen Frankfurt und Berlin. Und sogar an der berühmten Spree!

Mein erster Weg im Juni 1991 führte mit der Bundesbahn nach Berlin, dann mit der „Reichsbahn“ nach Fürstenwalde. Die DDR hatte nämlich alles Mögliche kollektiviert und in Volkseigentum verwandelt, nur die Reichsbahn behielt lustigerweise ihren zum Betreiberstaat völlig unpassenden Namen bei – weil die Betriebsrechte von den Alliierten ausdrücklich der Reichsbahn übertragen worden waren und die DDR nun fürchtete, diese Rechte durch irgendwelche Änderungen zu verlieren.

Schon bei der Ankunft in Fürstenwalde wurde mir schlagartig klar, dass dieses andere, „hinzugetretene“ Deutschland sich von dem, das ich bislang kannte, gewaltig unterschied. Der Bahnhof war ein graues, tristes, recht heruntergekommenes Gebäude. Der Stadtplan im Bahnhofsinneren wies zwar auf die längst nicht mehr existierende Kreisleitung der SED hin, nicht aber auf das seit einem Jahr existierende Finanzamt. Also schwang ich mich kurzerhand in ein Taxi, wir rumpelten über Kopfsteinpflaster und vorbei an sehr deutlich vom letzten Weltkrieg ramponierten Gebäuden dem Tempel der Finanzen entgegen. Dieser war im Lehrlingsheim der Fürstenwalder Firma Pneumant, dem wichtigsten Reifenhersteller der DDR, untergebracht und baulich eigentlich ganz passabel.

Im Unterschied zum Rheinland, wo alle Vorsteher, so heißen die Amtsleiter in der Finanzverwaltung, in einem Allerheiligsten residieren, das vom Vorzimmer durch eine dicke, lederbezogene Schallschutztür getrennt ist und das man nur nach vorheriger Anmeldung und besonderer Aufforderung betreten darf, stand hier alles offen! Unglaublich, ich konnte direkt bei dem Amtsleiter eintreten, den ich aus Köln flüchtig kannte, wurde herzlich begrüßt – und in seinem Privatwagen in unsere Unterkunft, einen Hotelbetrieb in Bad Saarow, mitgenommen. Wäre in Köln unvorstellbar gewesen, aber hier anscheinend nichts Besonderes.

In Bad Saarow, einem Badeort am Scharmützelsee, den nach reichen Berliner Investoren in den Goldenen Zwanzigern auch die Nomenklatura der DDR und die Rote Armee rasch zu schätzen gelernt hatten, erwartete uns ein Hotel namens Theresienhof. Vor dem Krieg ein angesehenes und gut ausgestattetes „Etablissement“, das heißt nichts anderes als eine Villa, diente es ab 1953 dem Berliner Verlag als Erholungsheim und hatte im Laufe der jahrzehntelangen Mangelwirtschaft seinen Glanz eingebüßt.

Mein Zimmer mit Bett, Schrank und einem alten Radio ging ja noch, aber in den beiden Gemeinschaftsbädern (!) für unsere Etage bröckelte der Putz in großen Scheiben von der Wand. Besondere Duschen gab es keine, nur 3 an der Längsfront aufgestellte Badewannen mit Brauseköpfen an Schläuchen. Also gewöhnte ich mir schon ab dem dritten Tag an, immer deutlich vor allen anderen Kollegen vom Finanzamt aufzustehen und im Gemeinschaftsbad in einer Badewanne stehend zu duschen. Denn da diese Wanne keinen Duschvorhang hatte, setzte man automatisch das halbe Bad unter Wasser. Wie ein Storch stolzierte ich danach zu dem Eckbänkchen mit meinen Unterklamotten. Aber kochend heiß war das Wasser, wenn man den Hahn mit dem roten Punkt aufdrehte! Wenn an allem möglichen gespart werden musste im Arbeiter- und Bauernstaat, mit dem heißen Wasser zu sparen war nie in Betracht gezogen worden. Die schier endlos zur Verfügung stehende Braunkohle ließ grüßen.

Als ich einen der Hausmeister mal freundlich auf einen ständig tropfenden Warmwasserhahn hinwies, erklärte er mir das bereits seit Jahren zu wissen. Aber es sei gaaanz schwierig, ja geradezu unmöglich und obendrein teuer gewesen, einen Wasserhahn zu besorgen, also lasse er es tropfen. Warmwasser sei ja immer genug da, weil immer genug Braunkohle da sei. Wieder wurde mir bewusst, dass in dieser Welt so manches anders war als von mir gewohnt – und dass es besondere Gründe dafür gab.

Im Gegensatz zu den verwohnten Zimmern und Bädern strahlte das Erdgeschoss mit reichlich dunkel gebeiztem Echtholz und Messing an Möbeln, Wänden und Türen einen eigenen, musealen Charme aus, der mich sofort an die 60er Jahre der BRD erinnerte. Der Stil hatte sich hier erhalten – und der gefiel mir mit seinem Holz und Messing besser als der grau oder beige glänzende Kunststoff späterer Stilepochen.

Zum Frühstück traf dann nach und nach die ganze Beratertruppe des Finanzamts, ein gutes Dutzend Leute, im Speisesaal ein und ließ es sich bei Brot, Brötchen, Butter, Aufschnitt, Marmeladenpackungen und Kaffee aus Kannen auf Mitropa-Geschirr („MITteleuROPäische Schlaf- und Speisewagen-Aktiengesellschaft“) gut gehen. Da ich meist wegen des abenteuerlichen Duschens der Erste war, gewöhnte ich mir an, die im Hotel ausliegende örtliche Zeitung zu schnappen. Sie hatte ihren Namen von „Neuer Tag“ auf „Märkische Oderzeitung“ geändert, aber offensichtlich die alten Redakteure beibehalten, was man an ihrer seltsamen Wortwahl und den Themen leicht erkennen konnte. Aber ich bekam – wohl als Einziger in der Beraterschar – einen kleinen Einblick in das, was die mediale Wahrnehmung der Welt ausmachte bei den Einheimischen.

Täglich besprachen wir die vor uns liegenden Arbeitsschritte, aber auch die Freizeitgestaltung ab dem Nachmittag. Denn ein Vorteil des Beraterlebens war, dass wir nach der Arbeit im Prinzip frei hatten. Während die Einheimischen dann die Kinder von Hort oder Schule abholen, für die Familie Essen kochen oder den Garten versorgen mussten. Wir aber konnten immer neue Lokalitäten im weiten Umkreis abklappern oder am Seeufer grillen. Jeden Abend Programm.

Zu Hause anrufen war ein Drama für sich. Es gab zwar eine neben dem Speisesaal in der Wand eingelassene Telefonkabine, aber von dort einfach im Rheinland anrufen war nicht. Man konnte nur das „Amt“ anrufen und eine Verbindung nach soundso bestellen. Von der Bestellung bis zum Gespräch konnten durchaus Stunden vergehen – und alle Berater wollten nach Hause anrufen! Wer gerade dran war, erhielt vom Hauspersonal den Hinweis und flitzte dann in besagte Zelle.

Nach einigen Abenden mit stundenlangem, häufig auch völlig vergeblichem Warten und reichlich Bier im Kreis der Kollegen machte ich meiner Frau leise winselnd klar, dass ich entgegen meinen festen Versprechungen nicht jeden Abend bei ihr anrufen würde. Die Verhältnisse seien halt nicht so, und sie sah das auch schweren Herzens ein.

Einen kleinen Witz kriegte ich erst später mit: Die einheimischen Kolleginnen glaubten wirklich, wir seien in einem überaus noblen Etablissement untergebracht. Da sie zum früheren Erholungsheim des Berliner Verlags keinen Zutritt gehabt hatten, rankten sich um den dort vorzufindenden Luxus zahlreiche Legenden. Selbst der Name des Hauses, Theresienhof, wurde mit einer Schenkung des Kronprinzen Friedrich, dem späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III., an eine seiner Geliebten, die Zirkus- und Kunstreiterin Therese Renz, erklärt. Erst Jahre später stellten Historiker klar, dass das Gelände zwar kurzfristig der Familie Renz gehörte, aber schon vor der Geburt besagter Zirkusreiterin „Theresienhof“ hieß, also unmöglich nach ihr benannt sein konnte. Und der lebensfrohe Kronprinz stand auch nie im Grundbuch.

Um Land und Leute kennenzulernen, fuhr ich nicht jedes Wochenende nach Hause wie die meisten der Beratertruppe, sondern nur jedes zweite Wochenende. Als Exot ohne Auto und Führerschein musste ich sowieso immer um das Mitgenommenwerden bei irgendwelchen Kollegen bitteln. Und ich wollte ja unbedingt dieses andere Deutschland kennenlernen.

So hatte ich schon gleich am ersten Wochenende samstags die Gelegenheit, mit dem Bus in die große Kreisstadt Fürstenwalde zu rauschen. Der Bus war vom Typ „Ikarus“ und hinterließ beim Start an jeder Haltestelle eine riesige schwarzbraune Wolke, aber das waren alle außer mir gewöhnt. Auch dass die Straße im Kurort Bad Saarow, sinnigerweise die Karl-Marx-Straße, eine Sandpiste mit üblen Löchern war, die der Bus in halsbrecherischer Zickzackfahrt so gut als möglich umkurvte.

Ich stieg nach einer Dreiviertelstunde am Fürstenwalder Bahnhof aus und schlenderte wahllos durch das Stadtzentrum. Nach zehn Minuten war mir klar, dass dies eine andere Welt war. Viele Häuser vernutzt, verwahrlost, Kriegseinschüsse in den Mauern. Uralte Fenster mit bröckelnden Holzrahmen, viele vermooste Dächer. Zum Teil an den Hauswänden noch altertümliche, halb verblichene Geschäftsbezeichnungen wie Kolonialwarenhandel, Sattlerei, Fuhrgeschäft Soundso oder Butter, Eier, Käse. Es war wirklich wie ein Zeitsprung 40 Jahre zurück, als kleines Kind hatte ich in den 50er Jahren solche Häuser in ebensolchem Zustand auch in Saarbrücken gesehen.

Zufällig lief ich auch durch eine Straße, die direkt zu einem Kasernenkomplex in der Stadtmitte führte, den seit vier Jahrzehnten die Rote Armee nutzte. Kurz vor diesem Komplex war die Straße gesperrt, Schlagbaum und bewaffneter Wachposten, durch kamen dort nur russische Militärs und ihre Angehörigen und wenige, besondere dazu befugte Bürger der DDR. Die ausgesperrte Bevölkerung nannte das Ganze mit schüchterner Ironie „die verbotene Stadt“.

Ein anderer Schock ereilte mich in einem Neubauviertel nördlich der Bahnlinie, die damals Fürstenwalde in Ost-West-Richtung zerteilte. Langgestreckte Plattenbauten, aber in ganz passablem Zustand, von russischen Militärs und Zivilangestellten bewohnt, wie man mir im Theresienhof erklärt hatte. Ich müsse sie besuchen, um zu sehen, wie sehr man die „Russen“, wie sie immer nur genannt wurden, hier verwöhne … Die Balkone mit strahlend weißem, hübsch profiliertem Mauerwerk umrandet. Glaubte ich, bis ich in einer Balkonwand ein gezacktes großes Loch wahrnahm – und langsam realisierte, dass die vermeintliche Balkonmauer nur eine simple und zudem sehr dünne Kunststoffplatte war! Der entschlossene Tritt eines Volltrunkenen oder gar ein Hammerschlag hatten genügt, um diese Luxusumrandung unwiederbringlich zu zerstören, und das vielleicht auch schon vor etlichen Jahren … Ich musste erkennen, dass der Begriff einer Luxuswohnung hier doch ein ganz anderer war.

Schon einmal im Fürstenwalder Norden angelangt, suchte ich ein Lokal für ein Kännchen Kaffee und fand tatsächlich eins: das „Sportlerheim“ am Rudolf-Harbig-Stadion. Sofort die erste Lektion: Kännchen ist nicht, entweder Tasse oder Pott. Also Pott. Danach die zweite Lektion: Aufbrühen eines frischen Kaffees: Fehlanzeige. Eine moderne Kaffeemaschine gab es gar nicht. Es gab das gefürchtete in der Tasse mit heißem Wasser übergossene Kaffeemehl. Heißes, nicht etwa kochendes Wasser. Hier hieß das meist „Kaffee preußische Art“, gelegentlich auch etwas ehrlicher „türkische Art“, denn aus Nomadenzelten in Anatolien, wo außer dem Holzfeuer in der Mitte und einem Dreibein mit Kupferkännchen und Kaffeemehl und Wasser nichts weiter zur Hand ist, stammt diese Methode.

Sie ist natürlich die Methode, die am ergiebigsten aus dem vorhandenen Kaffee herausholt, was überhaupt herauszuholen ist. Früher war sie auch im Saarland die favorisierte Methode der armen Leute gewesen, aber im Wirtschaftswunder der 60er Jahre aus der Mode gekommen. In der an Devisen immer knappen DDR blieb Bohnenkaffee immer eine teure Mangelware und genau deshalb hatte sich diese Methode gehalten. Liebe, auch durchaus weltoffene Freunde von mir – aus Brandenburg – schwärmen heute noch – 2021 – von dieser Köstlichkeit und bereiten sie in ihrem trauten Heim gerne so zu. Es ist ja auch alles so lange gut, bis man ans untere Ende der Tasse kommt und dann der Kampf mit dem Prütt oder Mutt beginnt.

Ich kehrte um einige Erfahrungen reicher mit dem Bus zurück zum Theresienhof und dachte dabei in sehnsüchtiger Dankbarkeit an unsere italienischen Nachbarn, die aus den Säcken mit Kaffeebohnen, die die Osmanen ins Abendland einführten, so wundervolle Dinge wie einen Espresso oder einfach einen in Sekundenschnelle mit der Kraft heißen Dampfes aufgebrühten duftenden Bohnenkaffee gezaubert haben. Im Hotel habe ich mir dann nachmittags extra noch mal ein Kännchen Kaffee gegönnt, den anständigen Filterkaffee wie jeden Morgen, um den letzten Prütt im Mund herunterzubekommen.

An einem anderen meiner „zweiten“ Wochenenden in der Mark konnte ich einen jungen, kaum 25 Jahre alten Mann aus unserer Berater-Riege für eine Radtour nach Beeskow gewinnen. Er musste aus irgendeinem besonderen Grund an diesem Wochenende im Theresienhof bleiben und lieh sich dann eines der Hotel-Fahrräder für unsere gemeinsame Tour aus. Altbestand des Hotels, das ja früher ein Erholungsheim gewesen war, das heißt ohne Gangschaltung, aber superstabiles Material.

Das Ziel war die Kreisstadt Beeskow, an deren Kreisgebiet unser Hotel unmittelbar angrenzte, etwa 25 km entfernt. Genaue Karten mit kleinem Maßstab gab es nicht – überhaupt waren Karten in der DDR ein äußerst rares Gut. Wir hatten uns aber an der im Erdgeschoss des Hotels aufgemalten (!) Darstellung der Gegend schlaugemacht und auch eine großmaßstäbliche Karte (Typus „Berlin plus Umland“, Maßstab 1 : 200.000) im Gepäck.

Wir fahren also am sonnigen Samstagmorgen um 10.00 Uhr los, die Strecke sozusagen vor Augen, der erste Ort mit Anzeige „Beeskow 20 km“, also weiter, der zweite Ort mit Anzeige „Beeskow 17 km“, also weiter, der dritte Ort mit Anzeige „Beeskow 19 km“. Halt! Wir müssen uns verfahren haben! Studium der Karte. Aber wir sind in richtiger Richtung gefahren! Vorhandene Alternativen? Keine, es muss richtig sein. Also zögerliche Weiterfahrt. Später verkürzt sich die angegebene Distanz wieder auf den Straßenschildern, wir sind also doch richtig.

Erleichtert kommen wir in Beeskow an, aber das uns avisierte tolle Speiselokal am Spreeufer ist geschlossen. Erst später merkten wir, dass die Öffnungszeiten von Lokalen ganz allgemein mehr an den Wünschen des Personals ausgerichtet waren als an denen potentieller Gäste. Also mit hungrigem Magen zurück.

Während der Fahrt fällt mir dann ein Spiegel-Artikel ein, den ich vor Jahren gelesen hatte. Ein Schlaukopf im Generalstab der Nationalen Volksarmee hatte in den frühen 50ern die zündende Idee, durch gelegentliches Aufstellen leicht falscher Entfernungsschilder es westlichen Spionen schwerer zu machen, eine präzise Karte für die Eroberung der DDR zu erstellen. Offensichtlich hielt die hohe Staats- und Armeeführung es auch nicht mehr für nötig, diese Schilder zu beseitigen, seitdem in den späten 60ern hochgenaue Satellitenbilder das Werfen solcher Nebelkerzen vollkommen sinnlos gemacht hatten.

An einem sonnigen Wochenende wagte ich auch einmal eine Radtour um die beiden größten Seen der näheren Umgebung herum, den Scharmützelsee und den Schwielochsee, zusammen etwas über 90 Kilometer. Als ich am nächsten Montag im Finanzamt den Kolleginnen davon erzählte, blankes Staunen und entsetztes Kopfschütteln! So weit war noch nie jemand freiwillig gefahren und viele kannten die von mir besuchten Örtchen überhaupt nicht, obwohl sie schon ihr ganzes Leben hier verbracht hatten. Ich lernte, dass die Uhren hier völlig anders tickten, was Radeln und Reisen anbelangt. Oder getickt hatten.

Die allabendlichen Treffen mit den Beraterkollegen waren wichtig für die Arbeit und die Seele, aber ich wollte doch auch näher ran an die Einheimischen. Also ging ich schon in der ersten Woche abends mal zu Fuß nach Diensdorf, dem ersten Dorf im Nachbarkreis Beeskow, vielleicht einen guten Kilometer von unserem Basislager Theresienhof weg. Es gab dort ein Lokal, das auch ohne Namensschild als die „Krumme Fichte“ bekannt war. Kleine Theke, an der in Brandenburg ohnehin niemand steht, ein freundlicher Wirt und fünf, sechs Tische.

Ich setzte mich als Fremder an einen leeren Tisch und betrachtete aufmerksam das Treiben. An den besetzten Tischen nicht nur Bier in den hier üblichen 0,3-Liter-Gläsern, es wird auch viel Schnaps getrunken. Es gibt drei Sorten: Klarer, Brauner und Kräuter. Immer in Gläschen zu 4 oder 5 cl, also das Doppelte von dem, was ich aus Saarland und Rheinland so kannte. Die richtigen Suffköppe trinken bewusst „Kräuter“ – weil der mehr Alkohol enthält, so 50 Prozent und mehr, während der Klare mit nur 30 oder 35 Prozent vor sich hinmickert. Aber jeder, der neu in das Lokal kommt, klopft kurz zur Begrüßung auf jeden besetzten Tisch, auch auf meinen! Ich fühle mich sofort angenommen und wohl.

Beim zweiten Besuch nehme ich wieder Platz an einem freien Tisch. Sofort erhebt sich vom Nachbartisch, an dem schon viere sitzen, einer und sagt: „Du warst doch neulich schon mal hier! Komm doch zu uns rüber, ein Stuhl ist noch frei!“ In glücklicherleichterter Verblüffung folge ich ihm, man fragt mich nach Namen und Herkunft und Reisezweck, die viere stellen sich mit ihren Namen und ihren Berufen vor, wir reden den ganzen Abend über Gott und die Welt. Die neue Welt und die alte vor der Wiedervereinigung. Und die BRD. Und den Scharmützelsee. Und, und, und.

Jeder ist voll unbefangener Neugier, alle erfahren Unbekanntes, alle lernen ein Stückchen dazu. Als ich – sehr spät – gehe, habe ich die ersten vier Bekannten in Diensdorf und weiß bestimmt: Ich werde wiederkommen! Nach nur 6 Wochen bin ich mit einer ganzen Reihe von Diensdorfern bekannt, das halbe Dorf verkehrte wohl in der Kneipe, habe von meist einfachen Menschen eine Menge über die Lebenswirklichkeit in der DDR gehört, weiß – ein wenig – von ihren Sorgen in der neuen Zeit.

Werde sogar zu einer Familie sonntags zum Mittagessen in deren Haus eingeladen. Ich kreuze mit einer Flasche Wein bei ihnen auf und lade nach dem Essen die beiden zum Karneval im nächsten Jahr in Köln ein. Wir sind bis heute Freunde.

Und einen völlig unerwarteten Unterschied stelle ich fest: Auch ein Arzt, der im Ort wohnt, geht in die „Krumme Fichte“. Duzt sich mit seinen Patienten und Nachbarn! Hatte ich in 40 Jahren vorher nicht einmal erlebt und auch kaum für möglich gehalten.

Später erst erfahre ich, dass Ärzte trotz ihrer durchweg bescheidenen Gehälter – ein Facharbeiter konnte durchaus mehr verdienen – in der DDR überaus geachtete Personen waren. Sie konnten einen nämlich krankschreiben! Und das war sehr wichtig, um gewisse Dinge, etwa größere Gartenarbeiten, Bootsreparaturen und Ähnliches erledigen zu können. Also stellte sich jeder gut mit seinem Doktor und dieser sah sich nur von Freunden umzingelt. „Mein“ Doktor war aber auch wirklich ein herzlicher, witziger und geselliger Mensch und ich habe sofort viel von ihm über das völlig andere Gesundheitssystem des anderen Deutschlands gelernt.

Dem Arzt stand zwar nicht alles in dem Maß zur Verfügung wie in Westdeutschland – ein künstliches Hüftgelenk oder ein Herzschrittmacher waren sofort ein Riesenproblem –, aber das staatliche Gesundheitssystem stand allen Bürgern kostenlos zur Verfügung. Insbesondere die Polikliniken vereinten alle medizinischen Fachrichtungen in einem Gebäude, so dass im Prinzip eine Rundum-Analyse und -Versorgung des Kranken möglich war. Der dort angestellte Arzt wurde bescheiden bezahlt – und sah nach der Wende sofort die Möglichkeit, wie im „bundesrepublikanischen System“ tüchtig zuzufassen. Und tat das auch, wenn er nicht schon allzu alt war. „Da kriechten se die Dollarzeichen in die Oogen“, sagte der märkische Volks- oder besser Patientenmund dazu.

Also gingen die Polikliniken schnell den Bach herunter und die Zahl der Privatärzte ging in die Höhe. Aber darüber später mehr.

Meine jeweils „zweiten“ Wochenenden im Theresienhof nutzte ich gern zu Radtouren quer durch die nähere Umgebung. Die Straßen waren durchgängig in miserablem Zustand, ein Auge musste immer auf den Boden gerichtet sein, um kein Loch und keinen Buckel zu verpassen. Mit dem anderen nahm ich die unerwartet schöne und ungewohnt menschenleere Gegend in mich auf. Ich kam schließlich aus Köln, wo ich erst nach 15 km nerviger Fahrt von meinem Veedel quer durch die Großstadt in die wirklich ländlichen Gefilde des dicht besiedelten Rheinlands gelangte.

Hier war ich sofort in Wäldern und Feldern, die vielen blauen Seen, die klappernden Störche und zwitschernden Schwalben, die klare Luft, der schwarze Himmel nachts mit Sternbildern, die im Rheinland gar nicht zu sehen sind. Das Land gefiel mir. Es war nicht mehr so wie bei Fontanes Schilderungen, die spielen schließlich im 19. Jahrhundert, aber es hatte viele und ungewohnte Reize.

Als ich selbst in kleineren Dörfern die schon im Verblassen befindlichen Parolen sah, die die Staatsmacht an Schulen, Feuerwehrhäusern oder LPG-Gebäuden bis 1989 aufgemalt hatte, war ich völlig platt. „Unser Arbeitsplatz – Kampfplatz für den Frieden“ hieß es da. Oder „So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben“. So etwas hatte ich noch nie gesehen, niemals auch nur vom Vorhandensein solcher Propaganda gehört. „Da stehste mit den Füßen in deiner Kinnlade“, sagt der Märker.

Beeindruckend waren auch die vielen, äußerst unterschiedlichen Öffnungszeiten, bei den Handelsbetrieben bis hin zu den Lokalen. Den Vogel schoss ein kleiner Laden in Herzberg ab, das ist ein wirklich hübsches Dörfchen mit einem Storch und etwa 500 Einwohnern in der Nähe des Scharmützelsees. Ein einstöckiges Gebäude, Bungalowgröße, sollte die Versorgung der Einheimischen mit Getränken und Waren des täglichen Bedarfs sichern. Wesentlich höher als das Verkaufshäuschen ragte eine große Tafel mit den Öffnungszeiten daneben in den Himmel. Es war doch tatsächlich gelungen für sämtliche Geschäftstage, also alle Tage außer dem Sonntag, unterschiedliche Öffnungszeiten festzulegen! Mal vormittags, mal nachmittags, Hauptsache immer wieder anders. Nur zwei Stunden Mittagspause waren konstant. Bei all meinen Radtouren habe ich diesen Verkaufstempel der ganz anderen, unbekannten Art nur ein einziges Mal geöffnet angetroffen und mit einer Flasche roter Fassbrause Umsatz gemacht. Nur wenige Jahre später war er – natürlich – eingestellt.

Auch manche Lokale hatten sehr ausgefallene Öffnungszeiten, wenn sie von Einheimischen betrieben wurden. Des Öfteren sah ich Angaben wie „Geöffnet Mo bis Sa, von 17.00 Uhr bis???“ Also 17.00 Uhr, da ist das Vormittagsgeschäft eines Kölner Gastwirts mit den Rentnern bereits in seiner Kasse und das Mittagsgeschäft mit dem Stammessen auch. Und wenn ich mal um 21.00 Uhr dort vorbeischauen will und der Laden bereits zu ist, gehe ich beim nächsten Mal doch gleich woanders hin! Da gefiel mir doch ein Grieche am Bahnhof in Bad Saarow viel besser. Der kam mit einem kleinen Schild am Fenster aus: „Geöffnet täglich ab 11.00 Uhr bis 23.00 Uhr“.

Bei meinen Touren stellte ich schnell fest, in welchem Maß diese Mark Brandenburg von der Roten Armee vereinnahmt worden war. Schon wenn wir morgens zum Finanzamt fuhren, ging es in Bad Saarow an geheimnisvollen Komplexen vorbei, die mit Betonelementen komplett eingezäunt nicht einsehbar waren. Auf den niedrigen Wachtürmen standen meist zwei Soldaten mit umgehängter Maschinenpistole, die aber oft den Vorbeifahrenden freundlich zuwinkten und denen gelegentlich von Einheimischen sogar Zigarettenschachteln zugeworfen wurden! Ich kam aus dem Wundern gar nicht mehr raus.

Es waren 1991 noch etwa 350.000 Mann mit 4.200 Kampfpanzern da. In diesem kleinen Land von Rügen bis zum Erzgebirge ist das sehr viel. Dass sich seit 1953 lange niemand mehr getraut hatte aufzumucken, war bei dieser allgegenwärtigen Übermacht nicht nur niemandem zu verdenken, es war das, was jeder mit Hirn unterlassen hatte. Und die durchweg freundliche Einstellung der – jedenfalls meisten – Einheimischen zu diesen Soldaten zeigte, dass man sich arrangiert hatte.

Später erfuhr ich, dass die einfachen Soldaten, die „Muschkoten“, ein durchweg bedauernswertes Leben führen mussten, zu dem oft auch Hunger gehörte, weshalb viele auch allzu gern mit ihren Waffen den Speiseplan kurzerhand mit Wild aufbesserten, Fische angelten oder Pilze sammelten. Überhaupt war die ruhmreiche Sowjetarmee nurmehr ein Schatten ihrer früheren Stärke. Hinter den Betonzäunen verbargen sich gar nicht – wie wir anfangs dachten – computergesteuerte Raketenabschussrampen, sondern nur vor sich hin modernde Baracken und Schuppen.

Gesehen habe ich das erst Jahre später, als die „Russen“ abgezogen waren, aber schon damals versicherten mir Einheimische, die Zutritt und Kontakt auf militärischer Ebene gehabt hatten, dass von 100 an einem Standort vorhandenen Panzern allenfalls 50 sich bei einem Ernstfall in Bewegung gesetzt hätten, die anderen waren kaputt – und das meist nicht erst seit gestern. Wieder was gelernt!

Im Zivilleben nahm man nur die Offiziersfrauen wahr. Denn nur Offiziere hatten Ausgangserlaubnis aus den Kasernen. Die Muschkoten waren in ihren Standorten eingepfercht, sprachen kein Deutsch und hätten sich auf dem Mars genauso gut zurechtgefunden wie in der DDR, nämlich gar nicht. Aber die Offiziere durften sich frei bewegen. Schon die Männer waren in ihren Uniformen mit den Ehrfurcht gebietenden Tellerminen auf dem Kopf recht ungewohnt, aber die Krönung waren die Ehefrauen. Aufgebastelt bis dorthinaus. Kleider in zu bunten Farben, grell geschminkt, schmuckbehangen und durchdringend parfümiert, russischer Geschmack eben. In einer Schlange von 20 Personen vor der Kasse in einer der wenigen Supermarktfilialen hätte man die zwei Offiziersfrauen von draußen erspähen und von drinnen riechen können. Oder hören, denn leises Sprechen gehörte nun gar nicht zu ihren Lastern.

Sehr ins Auge sprang mir die allgemein schlechte Bausubstanz. Die Einschusslöcher aus dem letzten Krieg wie in Fürstenwalde, das noch im April 1945 wegen sinnlosem Widerstand bombardiert und kämpfend eingenommen werden musste, gab es in den kleinen Dörfern zwar nicht. Aber fast jedes Haus war in derselben gräulich-bräunlichen Farbe gestrichen, wie ich später erfuhr eine Farb-Mörtel-Mischung, in der die Asche aus der Braunkohlenverbrennung der Kraftwerke mitentsorgt wurde. Dieses Einheits-Graubraun gab jedem Ort ein tristes Aussehen, nur ganz gelegentlich glänzten Gebäude, meist Nachkriegsbauten, in zartem Grün oder Gelb.

Deren Besitzer waren offensichtlich Privilegierte mit Zugang zu anderen Hausanstrichen als die Normalos, die sich sicher auch Farbe gewünscht hätten, aber in der vier Jahrzehnte währenden Mangelwirtschaft halt mit dem vorliebnehmen mussten, was angeboten wurde. Bei den Dächern das gleiche Problem – uralte Dachpfannen. Neue waren ganz schwer zu bekommen gewesen, erklärten mir meine neuen Bekannten in Diensdorf. Also wurde bei Dachreparaturen oft nur „umgedeckt“, das heißt die eilends gereinigten Dachpfannen wieder aufgesetzt und nur die völlig zerstörten durch die kostbaren neuen ersetzt.

Auch im Finanzamt war viel umzudecken. Alles war im Aufbau begriffen, wer wie ich steuerliche Fachliteratur und Büro-Handwerkszeug wie Locher und Hefter im Gepäck hatte, war als helfender Engel doppelt willkommen.

Als ich einmal ein bestimmtes Steuergesetz brauchte, das ich nicht selbst mitgebracht hatte, führt mich der Hausmeister in einen kleinen Saal im ersten Stock, dort alle Regalwände komplett voll neuer Bücher, für den späteren Bedarf der noch einzustellenden Mitarbeiter. Register: noch nicht erstellt. Ich sehe einen funkelnagelneuen Palandt, einen teuren Kommentar zum BGB, auf einem Tisch stehen. Greife mir sofort das Werk, gehe damit zum Amtsvorsteher und sage: „Das steht im Raum Nr. 102 ungenutzt herum, der Einzige, der hier damit etwas anfangen kann, sind Sie! Nehmen Sie es bitte zu sich ins Büro, bevor es verschwunden ist!“ Machte der auch mit einem dankbaren Lächeln.

Der Kontakt mit den einheimischen Mitarbeitern des Finanzamts, die damals zum größten Teil aus der alten Stadt- und Kreis- und Bezirksverwaltung stammten: unglaublich intensiv. Jeder hatte dem anderen schrecklich viel zu erzählen, wechselseitig wohlgemerkt, alles war neu und interessant.

Zwischen zwei Büros lag immer jeweils ein Zimmer mit Dusche. Im früheren Lehrlingsheim von Pneumant hatten zwei Wohn- und Aufenthaltszimmer immer zwischen sich einen Duschraum, der vermutlich vier Personen zur Verfügung stand – jetzt im Finanzamt natürlich ungenutzt. Wenn ab und zu ein leiser Ekelschrei ertönte, flitzte ich sofort mit irgendeiner Kladde herbei und schlug die Kakerlake tot, die sich gerade leichtsinnigerweise einer Mitarbeiterin in diesem Duschraum gezeigt hatte. Die Tierchen waren wohl vor Jahren in das Lehrlingsheim mit eigener Kantine eingezogen – und sind fast nie wieder loszuwerden. Davon weiß selbst das noble Hotel Adlon Berlin noch heute ein Lied zu singen!

In den Büros war noch fast alles umzumodeln, um das Wort institutionelles Chaos einmal zu vermeiden. Die wenigen Steuerpflichtigen – so heißen die steuerzahlenden Bürger im Amtsdeutsch – suchten Gott sei Dank nur selten den Weg zu dem bisher gänzlich unbekannten Finanzamt. Daher war auch für mich ungewohnt viel Zeit für so manches Pläuschchen. Die Einheimischen hatten tausend Fragen an den Neuhinzugekommenen, und der Neue hatte tausend Fragen zu dem, was er sah und nicht verstand.

Insgesamt war das vorhandene Verwaltungswirrwarr von beachtlichen Dimensionen. Zudem musste ich lernen, dass ganz andere Strukturen, als ich sie gewohnt war, die alltägliche Arbeit beträchtlich erschwerten. Telefon? Eines pro Etage. Wir hatten drei Etagen, mit etwa 30 Leuten pro Etage. Der arme Teufel oder die arme Teufelin, die das Telefon bei sich stehen hatten, konnte kaum richtig arbeiten, weil ständig Anrufe, aber meist für andere, ankamen. Also aufstehen, über den Flur rennen, die verlangte Person ans Telefon herbeiholen, deren Gespräch abwarten, danach weiterarbeiten bis zum nächsten Anruf. Klar, dass jedes Zimmer mit Telefon kreuzunglücklich darüber war, dass das verfluchte Telefon ausgerechnet bei ihm „zu stehen gekommen“ war.

Das Telefonieren selbst war auch nicht einfach. Jede Stadt hatte zwar ihre eigene Vorwahlnummer, aber diese war nicht in das umgebende Gebiet nach einem System eingebettet. Die Vorwahlnummern waren recht willkürlich in der ganzen Republik verteilt und vor allem war eine bestimmte Stadt von verschiedenen Orten aus unter einer jeweils anderen Vorwahlnummer anzuwählen.

Den meisten Bürgern war diese unbekannt, weil sie ohnehin bei Ferngesprächen das Amt bemühen mussten (was der immer misstrauischen hohen Staatsmacht nicht unlieb gewesen sein dürfte). Also war die geheime Königin des Finanzamts spätestens in dringenden Telefonangelegenheiten die Vorzimmerdame des Amtsleiters – weil diese clevere Kraft im Besitz eines der ganz seltenen Vorwahlnummern-Verzeichnisse war!

Dass nicht nur das System der Vorwahlnummern, sondern auch die politischen Vorstellungen ganz andere, ungewohnte sein mussten, war zunächst einmal sonnenklar. Ein Großteil der Finanzamts-Mitarbeiter war zuvor in der Kreisverwaltung tätig gewesen. Also zumindest sehr staatsnah, in aller Regel auch Mitglied der SED. Doch dass die mit größtem Fleiß betriebene Indoktrination der Staatsbürger in der gesamten DDR wenn schon nicht völlig danebengegangen so doch weitgehend erfolglos geblieben war, lernte ich ganz schnell an drolligen Details.

Es gab in der Stadt einen Ottomar-Geschke-Platz, zentral gelegen. Da ich mit dem Namen so rein gar nichts anfangen konnte, wagte ich es eine besonders kontaktfreudige und stimmgewaltige Mitarbeiterin der Finanzkasse einmal zu fragen, wer denn dieser Ottomar Geschke gewesen sei.

Zu meiner Verblüffung erzählte sie, das könne sie nicht sagen. Sie habe zwar all die Jahre bei der Feier des 1.Mai dort eine Rede zu seinen Verdiensten mitangehört – die ganze Kreisverwaltung war zur Teilnahme verpflichtet –, aber sie habe sich nichts gemerkt davon. Umso mehr konnte sie von dem sich an die Gedenkveranstaltung anschließenden geselligen Beisammensein mit reichlichem Umtrunk plaudern, nur Ottomar Geschke, also leider … Zum einen Ohr hinein, zum anderen heraus.

Später entdeckte ich sein Geburtshaus in der Stadt Fürstenwalde mit steinerner Ehrentafel in der Vorderfront eingelassen. Er war vor dem Krieg KPD-Reichstagsabgeordneter und Politbüromitglied gewesen und nach dem Krieg Mitglied des Magistrats von Groß-Berlin. Dass er sein Amt als Stadtrat für Sozialfürsorge im Auftrag Walter Ulbrichts vor allem dafür genutzt hatte, den Sozialdemokraten, die sich der Vereinigung von SPD und KPD widersetzten, die fürs Überleben wichtigen Lebensmittelkarten zu kürzen oder ganz zu streichen, war dort natürlich nicht erwähnt.

Auch erfuhr ich durch Berichte vieler Kolleginnen – Kollegen gab´s fast keine, weil das Finanzamt zu 95 Prozent aus Frauen aus Stadt- und Kreisverwaltung oder der Verwaltung besagten Reifenherstellers Pneumant bestand – vom lockeren Umgang aller mit dem Volkseigentum. Da viele sich in ihrem Leben irgendwie benachteiligt vorkamen, fühlte man sich zu Kompensationen in Form von Mitgehenlassen von allem, was zu Hause gebraucht wurde, durchaus berechtigt.

Also erzählten fast alle, was sie in „ihrem“ Betrieb so alles mitgenommen hatten. Ich sah auf einmal die gepflegteren Einfamilienhäuser jüngeren Datums und ihre Zäune mit ganz anderen Augen! Der Eigentumsbegriff hatte ein wenig gelitten in der „entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ (die Abkürzung ESG war jedem geläufig). Nicht gerade laut aufgelacht hatten anscheinend die Teilnehmer auf einem Parteitag der SED, als der große Staatslenker Honecker einmal in ganz anderer Intention ausgerufen hatte: „Aus unseren Betrieben ist noch mehr rauszuholen!“, aber wohl doch still in sich hineingeschmunzelt. Spätestens abends, als dieser Satz in den Fernsehnachrichten kam, haben sich viele zu Hause wiehernd auf die Schenkel geklopft. Und weiter „organisiert“, nun mit allerhöchstem Segen.

Mir wurde dieser Satz – neben vielen anderen – als Beleg für die allmählich riesengroß gewordene Distanz zwischen der hohen Staats- und Parteiführung und dem Volk oft angeführt. Auch fiel ein Mitarbeiter der Hausverwaltung aus allen Wolken, als ich ihm an meinem zweiten Arbeitstag ankündigte, mein Fahrrad, das ich bei der Bahn aufgegeben hatte, spätnachmittags vom Bahnhof abholen zu wollen. Also ein Fahrrad, erklärte er mir, mit allem Zubehör, bei der Reichsbahn aufzugeben, das wäre ihm nie in den Sinn gekommen! Er ging ganz selbstverständlich davon aus, dass dies nur noch ohne Rückspiegel oder Klingel oder Ventilkappen am Zielbahnhof angekommen wäre. Mein Fahrrad wurde mir unbeschädigt und ungeplündert ausgehändigt, die Ehre der Reichsbahn war gerettet und der Kollege von den neuen Zeiten tief beeindruckt.

Ich war von der tiefen Kluft zwischen dem Denken der immerhin 4 Jahrzehnte lang von oben „geplanten“ Staatsbürger und dem der hohen Staats- und Parteiführung tief beeindruckt. Selbst dem Staat unmittelbar dienende Menschen dachten völlig anders, und das nicht erst seit der Wende. Aber die Aufgabe des neugeschaffenen Finanzamts war zunächst eine recht profane: Es ging ums Geld für das Land.

Die DDR hatte zum 1. Juli 1990 die D-Mark bei sich eingeführt. Gleichzeitig wurde das bereits in der BRD seit 1968 bestehende Mehrwertsteuer-System übernommen, weil klar war, dass dieses in der gesamten Europäischen Gemeinschaft bewährte Besteuerungssystem für den neuen deutschen Gesamtstaat maßgebend sein musste und werden würde. Meine Aufgabe war, die Abteilung für diese neue wichtige Steuer zu beraten, genauer gesagt: ans Laufen zu bringen.

Dieses System war nämlich radikal anders als das, was die DDR auf diesem Gebiet praktiziert hatte: eine Steuer, ich glaube von vier Prozent, die in jeder Handelsstufe auf den Preis draufgeschlagen wurde. Da es nicht viele Handelsstufen gab, allenfalls Erzeuger > staatlicher Großhandel > meist auch staatlicher Einzelhandel, war die preiserhöhende Wirkung dieser Umsatzsteuer recht bescheiden. Jetzt aber musste eine Steuer bewältigt werden, in der jeder Akteur, sprich Unternehmer, seinen Geschäftspartnern die Mehrwertsteuer in Rechnung stellt, aber von dieser eigenen Steuer die Steuerbeträge abzieht, die ihm seine Geschäftspartner in Rechnung stellen. Nur die Differenz führt er ans Finanzamt ab.

Also musste jeder Akteur ein Umsatzsteuer-Signal, eine Art Konto, bei seinem Finanzamt bekommen und dort – in der Regel monatlich – Umsatzsteueranmeldungen abgeben. Also musste das Finanzamt zigtausende solcher Konten neu eröffnen, die Steueranmeldungen prüfen und einbuchen und sodann die Steuerbeträge einziehen oder auszahlen. Und das ganz fix!

Bei dieser Steuer ist es nämlich möglich, dass durch ein Mehr an dem Unternehmer in Rechnung gestellter Steuer gegenüber der von ihm selbst den Kunden in Rechnung gestellten Steuer es zu einer Erstattung des Finanzamts an ihn kommt. Das Finanzamt muss also alles schnell erledigen, die Prüfung und Festsetzung von Steuern genauso wie die Erstattung von Steuern. Der Unternehmer wartet gerade bei den ihm zustehenden Erstattungen besonders sehnsüchtig. Und gerade in der Aufbauphase eines Unternehmens sind diese Gelder – oft jedenfalls – überlebenswichtig.

Mein Finanzamt war von diesem Zustand Lichtjahre entfernt! In den beiden Zimmern, in denen die Steueranmeldungen bearbeitet werden sollten, lagen etliche wirklich meterhohe Stapel von noch nicht einmal in die Hand genommenen Anmeldungen, einfaches Ablageprinzip: Immer obendrauf! Die armen Unternehmer warteten drei, sechs oder sieben Monate und mehr auf ihre Steuerfestsetzung.

Wenn manche Erstattungsfälle gar nicht mehr finanziell zurechtkamen, rückten sie dem Finanzamt persönlich auf die Pelle. Dann setzte eine nur widerwillig aufgenommene, oft stundenlange Sucherei nach den vorliegenden Anmeldungen genau dieses Unternehmers ein, alles wurde schnell überprüft, festgesetzt und die Erstattung der zustehenden Beträge eingeleitet. Dann hielt dieser Unternehmer seinen Schnabel – wenigstens für kurze Zeit –, aber am nächsten Tag stand der nächste Katastrophenfall in der Tür.

Neues ausgebildetes Personal konnte auch der Amtsleiter nicht kurzfristig herbeizaubern, dieses wurde gerade fieberhaft eingestellt und geschult. Aber ich konnte ihn überzeugen, wenigstens die jedes Mal anfallende stundenlange Sucharbeit zu eliminieren. Er stellte mir vier oder fünf Auszubildende eigens dafür zur Verfügung, nebenher sozusagen, wir sortierten alle Steueranmeldungen nach Monaten und innerhalb der Monatsstapel nach aufsteigender Steuernummer – und nun konnten die Bearbeiterinnen endlich diese Stapel abzubaggern beginnen! Die ältesten Monate natürlich zuerst – und immer wenn nun ein notleidender Unternehmer anrückte, der ohne Auszahlung der ihm zustehenden Guthaben auf der Stelle tot umgefallen wäre (wollte man ihm glauben), suchte die Bearbeiterin aus allen Stapeln flugs seine Anmeldungen heraus und er oder sie war gerettet.

Als ich im August den Rückmarsch ins Rheinland antrat, waren noch gut zwei Zentner offener Voranmeldungen vorrätig, aber das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ich ging mit gemischten Gefühlen. Einerseits stolz, den Weg aus dem Chaos erkannt und eingeleitet zu haben, andrerseits immer noch mit Bergen unerledigter Arbeit auf einem Gebiet, das nur eins verträgt: sachkundiges und rasches Anpacken!

Manche machten nur Dienst nach Vorschrift, so wie das früher fast alle getan hatten. Und auch den nur nach besonderer Aufforderung. Nur für Kaffee- und Zigarettenpausen hat´s noch nie Vorschriften gebraucht. Aber viele hatten schon den Ernst der Lage begriffen: der Staat, der ihr Gehalt zahlen sollte, brauchte auch Steuereinnahmen dafür. Vorher, „zu Ostzeiten“ hatten die Steuern nur etwa acht Prozent der Staatseinnahmen ausgemacht – der Rest waren direkte Gewinnabführungen der „volkseigenen“ Betriebe. Jetzt gab es nur noch 90 Prozent Steuern und die Neuverschuldung – aber letztere ist leider irgendwo begrenzt.