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Mutig und ehrlich ergründet die Autorin ihre Schattenseiten und unfriedlichen Verhaltensweisen. Dabei führen Träume und verschiedene Methoden der Selbsterfahrung zu neuen Erkenntnissen, die sie in mühevollen Schritten versucht in ihr Leben zu integrieren. Dieser Weg der inneren Heilung gelingt auf einer tiefen Ebene, als sie Mutter Meera, einen weiblichen Avatar, kennenlernt und regelmäßig ihren Darshan besucht. Bedingungslose Liebe, Vertrauen und Hingabe wachsen in der Obhut von Mutter Meera.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Habt den Mut, euren Schwächen ins Auge zu sehen.
Aber wisst auch, dass ich euch ständig helfe.
Mutter Meera
Befreiung
Anfänge
Vernichtung
Angst
Auswege
In Ihren Händen
Eremitin
Glaube
Annehmen
Abschiede
Anhang
Eine Traumbotschaft
Durch das kleine Fenster in Deckenhöhe des Kellerraums schleicht trübes Licht. Im Halbdunkel wirken die anwesenden Personen wie Schatten ihrer selbst. Ausrangierte Möbel lagern ringsherum. Sie stammen aus einer anderen Zeit und sind nicht mehr von Nutzen. Auf einem alten Küchenschrank sehe ich ein Bonbon-Glas, wie ich es von früher kenne, als es auf dem Tresen vom Krämerladen mit seinem süßen Inhalt lockte, die Öffnung gerade groß genug, um mit der Kinderhand hineinzugreifen und ein Belohnungsbonbon herauszufischen. Doch in diesem Glas hier im Keller warten keine Süßigkeiten. In diesem Glas hockt eingezwängt eine Ente mit weißen Federn. Sie hat sich ganz klein gemacht in dieser Enge.
Ihr Schnabel ist gelb.
Dann kommt Bewegung in das Tier. Es rüttelt sich, es schüttelt sich und nähert sich der Öffnung, die viel zu eng erscheint, den Leib hindurchzulassen. Zurück bleiben die wenigen trockenen Grashalme, die man ihm schenkte.
Die Ente duckt sich Kopf voran geschmeidig aus dem Glasgehäuse, sie beugt sich vor und breitet die Flügel aus.
In majestätischem Gleitflug lässt sie ihr Gefängnis hinter sich.
Ihr Weiß erhellt das Kellerlicht.
Ich bin ganz ergriffen, wie sie voller Anmut und Würde das Fliegen genießt. Sie ist in ihrem Element, sicher getragen vom Luftstrom.
Friede und Freude erfüllen den Raum.
Der? NIE! So fängt mein zweites Leben an.
„Der“ ist einer, der gar nicht meinen Vorstellungen entspricht und ich bin fast ein bisschen empört, dass meine Freundin meint, er sei der ideale Partner für mich. Die Zeit der wilden 68er-Songs ist eigentlich schon vorbei, aber „I can get no satisfaction“ von den Rolling Stones treibt mich immer noch voll Vehemenz auf die Tanzfläche. So auch auf dem Fest der Freundin. „I can get no satisfaction“ spricht mir aus der Seele. Im Außen habe ich alles, was es für ein zufriedenes Leben braucht: einen netten Mann, einen erfüllenden Beruf, eine komfortable Wohnung und Geld genug. Und doch: Das kann doch nicht alles gewesen sein! Etwas fehlt. Auf der Tanzfläche im Wohnzimmer setze ich meinen Frust in Bewegung. Augen zu und los!
Zwölf Jahre Ehe mit zunehmender Entfremdung, Wege, die auseinanderlaufen, Verständnisbrücken, die nicht tragen und resigniertes Sich-Arrangieren. >Was willst du eigentlich?< Ja, was will ich eigentlich? Mein Körper tobt all die Fragezeichen im Halbdunkel aus. Zwischendurch blinzle ich, um die räumliche Orientierung nicht zu verlieren, wenigstens die nicht auch noch! Ich nehme den Rand des Teppichs wahr, die Möbel. Niemand sonst tanzt, außer „Der“! Er tanzt mit mir. Ich bin nicht sonderlich beeindruckt. Dann sitze ich pustend auf dem Sofa. Er reicht mir Wein und sieht mich an.
Stille.
Nichts mehr.
Seine Augen fallen mir bis in den Bauch. Treffen etwas Unbenennbares in mir, passen in kein gewohntes Einordnungsraster. >Was bist du für einer?< Diesen Blick kann ich nicht in die Schublade „Feten-Flirt“ packen. Das ist etwas Anderes. Das kenne ich noch nicht.
Im Nu weicht meine Zurückhaltung. Mein Kopf muss die Distanziertheit mühsam aufrecht erhalten und meine Seele „anleinen“. Geborgenheits-Wärme durchströmt mich und entzündet einen Funken Hoffnung in meiner zur Gewohnheit gewordenen inneren Einsamkeit: vielleicht sind meine Träume von Zweisamkeit doch nicht so unrealistisch?
Irgendwann fällt mir ein, dass ja auch mein Gatte da ist, dass nicht alles seinen Lauf nehmen darf. Irgendwann fahre ich mit dem Gatten im Taxi nach Hause, in das „Der“ in letzter Sekunde mit hereinspringt und seine Hand auf mein Knie legt. Irgendwann steigt dieser „Er“ unweit unserer Wohnung aus und verschwindet im Dunkeln. Das Arrangement der Ehe hat einen weiteren Bruch erlitten, einen gravierenden, wie sich in den nächsten Monaten herausstellt.
Nach der Fete bleibt dieser „Er“ weiter im Dunkeln für mich. Nur ab und zu erzählt die Freundin von ihm. Selten. Seine Augen sinken tiefer in eine Schicht: Aufbewahren, bewahren wie einen kostbaren Schatz. Der Alltag muss bewältigt werden, zu einer Kontaktaufnahme fehlt mir der Mut.
Sieben Monate später sitze ich mit der Freundin im Theater. Mitten in der Aufführung flüstert sie mir zu, dass sie sich hinterher noch mit ihrem Mann in einer Kneipe treffen wird, ob ich mitkomme. Ich nicke. „Er“ sei auch dort. Ich erstarre. Von jetzt auf gleich rast mein Puls, meine Wahrnehmung kippt, das Theaterstück verschwimmt.
>Was bist du für einer?<, dass du mich so erschütterst!?
Nach diesem Abend geht alles sehr schnell, so als hätten unsere beiden Leben, unsere Seelen nur darauf gewartet sich miteinander zu verbinden. Schwierigkeiten schmelzen, Lösungen wie Wunder ebnen unseren Weg und nach zwei Monaten bin ich aus der Ehe ausgezogen und mein Leben mit David, diesem „Der“, kann beginnen.
Ich fühle mich wie ein Schwamm, der lange im Trockenen lag. Schwelge in unseren endlosen Gesprächen, in denen wir „die Welt retten“, in denen wir die Harmonie unserer Wellenlängen erforschen. Unsere Sexualität schlägt Purzelbäume und Vertrautheit wächst. Keine irrealen Pubertäts-Träume! Wenn es so bliebe, wäre ich am Ziel meiner Wünsche. Nach zwölf Jahren Ehe bin ich nicht so unvorsichtig, völlig vorbehaltlos abzuheben.
Neben all dem üblichen Kennenlernen und Verliebt-Sein taucht urplötzlich etwas Unbekanntes auf. Mir fehlt der Rahmen, es einzuordnen. Wir machen einen kleinen Spaziergang, als die Realität sich plötzlich verändert und ich mich in einen Zustand versetzt fühle, der kaum zu beschreiben ist. Was geschieht mit mir? Und mit ihm? Die Grenzen zwischen uns lösen sich auf.
Licht zergleißt
Konturen verschweben
er ist ich bin er
wer bin ich
und er?
Zeit kondensiert.
Lautlose Stille.
Grenzenlos.
Transparenz
unserer Körperlichkeit
im raumlosen Raum
schutzlos
eins.
Transzendenz
Nur wenige Augenblicke, dann ist alles wie sonst: ein Wald und ein Feldweg. Er und ich. Wortlos gehen wir zum Auto zurück. Erst hier suchen wir nach Sätzen, uns auszutauschen.
Er hat die Situation ähnlich erlebt wie ich, auch er ist berührt von dieser überirdischen Nähe zwischen uns. Was ist da passiert? Ich weiß es nicht. Eine mir fremde Dimension hat sich aufgetan.
Unser persönlicher „Siebter Himmel“ wird am 26. April 1986 jäh erschüttert: Tschernobyl, die Nuklearkatastrophe. Das, was wir Realität nennen, ist wieder eine Stufe bedrohlicher geworden. Die Behauptung, Kernkraftanlagen seien sicher, zerbröselt im radioaktiven Wind und Unsicherheit ist plötzlich an der Tagesordnung. Wie wird die Zukunft aussehen? Warten Krankheiten und lebensverändernde Einschränkungen auf uns? Und: Wie lange haben wir noch zu leben? Zum ersten Mal ist eine nukleare Bedrohung in unseren Alltag gerückt. Wir dürfen die Kinder nicht mehr im Gras und Sand spielen lassen. Wir können nicht sicher sein, ob der Regen den Boden mit Wasser nährt oder mit Radioaktivität vergiftet. Man sieht die Gefahr nicht, riecht sie nicht, schmeckt sie nicht. Dieses Ungreifbare führt wohl auch dazu, dass man schnell wieder zum Gewohnten übergeht. „Normalität“ pendelt sich auf einem neuen Niveau ein. Notfalls erhöht man die zulässigen Belastungswerte und wiegt sich in Sicherheit.
Wir verbringen den Feiertag 17. Juni sorgenvoll in meiner neuen kleinen Dachwohnung, als der Satz fällt: „Man müsste sich das Leben nehmen.“ Das ist nicht als Selbstmord gedacht, ganz im Gegenteil. Ideen und Wünsche werden frei – so als wüssten wir, dass wir wirklich nur noch kurze Zeit zu leben hätten. Ganz schnell ist klar, dass wir für ein Jahr reisen wollen. Und es dauert auch nicht lange, bis das Ziel feststeht: Südamerika.
Organisatorisch klärt sich alles schnell zum Guten. Womit wir nicht gerechnet haben, ist, wie schwer es fällt, die sozialen Beziehungen für ein Jahr auf Eis zu legen. Die Traurigkeit der Eltern zu spüren. Keiner wagt die Frage laut zu stellen: „Und wenn wir uns nicht wiedersehen?“ Das wiegt schwer in unserem Reisegepäck. Ein Jahr Südamerika hieß zu der Zeit noch, wir würden ein Jahr fast unerreichbar sein. Handys sind noch nicht in jeder Hand, an Internetcafés ist nicht zu denken und Briefe brauchen drei bis vier Wochen für die lange Reise und lagern dann „poste restante“ in einem Postamt in irgendeiner Stadt, die wir irgendwann erreichen würden. Das einzige Telefonat, das wir von Argentinien nach Deutschland führen werden, wird handverstöpselt und die Leitung steht erst nach sechs Stunden Wartezeit im Postamt!
Wir sind richtig „weg“.
Dieses Weg-Sein schenkt uns aber auch die Möglichkeit für ein anderes Leben. Ich lasse Rollenbilder, die ich von mir selbst habe, hinter mir und erprobe neue in einem veränderten Alltag, dem Reise-Alltag. Das ist in vielen Situationen eine Herausforderung. Wenn der Kochtopf kippt und die Spaghetti im Lagerfeuer landen oder das Autofahren auf Erdpisten meine Angst toben lässt, fühle ich mich klein und dumm. Ich stoße an meine Grenzen und muss sie wohl oder übel erweitern! Meine Selbsteinschätzung muss ständig korrigiert werden, was mich natürlich aus dem Gleichgewicht bringt und unsere noch junge Beziehung stark belastet.
Werden wir das Miteinander schaffen? Er und ich?
Mit dem räumlichen Abstand ist auch ein innerer Abstand zu meinen Eltern entstanden, der es mir ermöglicht, genauer hinzugucken. Was steht zwischen uns? Was liebe ich, was hasse ich? In Träumen, in Gesprächen mit David und in Ritualen rackere ich mich durch bis mein Verständnis für ihr Handeln wächst und ich vergeben kann. Meine Verurteilungen wandeln sich in Liebe. Da ist mehr zwischen uns als nur Erziehung und Alltag. Etwas, das über dieses Leben hinauszeigt.
„Vater“ „Mutter“ - es fühlt sich an wie ein kosmischer Vertrag und erfüllt mich mit Dankbarkeit. Das Netz unter meinem Boden. Von wem auch immer gespannt.
Ähnlich aufwühlend ist die Verarbeitung der gescheiterten Ehe. Alles kocht in diesem Reise-Freiraum hoch. Für mich ist wichtig zu erkennen, welches meine Anteile am Scheitern sind, denn ich will nicht noch einmal dieselben Fehler machen.
Reise-räumlich gesehen brodeln diese inneren Konflikte alle auf unserem Weg ans Ende der Welt. In Patagonien. Niemand, den wir auf Feuerland treffen, hat diese Region ohne Beziehungsprobleme passiert!
Patagonien, das ist eine schnurgerade Straße in Küstennähe. Rechts braunes Gestrüpp, links braunes Gestrüpp. Ganz weit im Westen zeichnen sich manchmal die Anden schemenhaft gegen den grauen Himmel ab. Einfahrten zu Estancias sind geschmückt mit bleichen Tierschädeln. Das Haus liegt unsichtbar in weiter Ferne. Hier wohnen ein bis zwei Einwohner auf einem Quadratkilometer! Pro Tag begegnen uns ein bis zwei Autos! Ein Land so groß wie die Türkei, mit so viel Weite, dass man völlig auf sich geschmissen ist. Die Eintönigkeit zerrt an den Nerven. Der starke Seitenwind reißt alles, was nicht festgehalten wird, machtvoll mit sich: Autotüren, Zeltplanen und Kleidungsstücke. Kochen, Pipi-Machen und Zeltaufbau werden zur logistischen Meisterleistung. Besonders, wenn im Süden Argentiniens auch noch Schrägregen dazukommt.
Das erste Grün rührt mich zu Tränen: endlich wieder Leben! Das Panorama gleicht einer schweizerischen Idyll-Landschaft und weckt Vertrautheitsgefühle. Lange Moosflechten wehen an den Bäumen und verleihen dem lichten Wald Märchencharakter. Welche Wohltat für mein Auge, das so lange nur Grau und Braun und flache Weite sah. Wir erreichen das „Ende der Welt“ zur Weihnachtszeit, die hier in den Hochsommer fällt. Doch „Hochsommer“ bedeutet in Ushuaia, dass es eines Nachts bis auf hundert Meter über unserem Zeltplatz schneit. FEUERland – besser man lässt die Wärmequelle Feuer den ganzen Tag über nicht ausgehen.
Am Ende der Welt bin auch ich am Ende. Ich habe das Gefühl mit all meiner inneren Arbeit so ein Durcheinander erschaffen zu haben, dass eine Fortsetzung unserer Beziehung nicht möglich sei. Ich sehe uns getrennt und vorzeitig nach Deutschland zurückfliegen, bin von mir enttäuscht und ganz mutlos. Keine Frage, ich habe mir zu viel zugetraut, reisetechnisch und beziehungsmäßig.
Das Miteinander scheint kaum noch möglich. Er und ich?
Wir treffen sehr viele Weltenbummler, die auf unterschiedlichste Arten unterwegs sind: mit dem Landrover, mit Wohnmobilen, mit dem Motorrad und wir mit unserem kleinen „Fusca“, einem VW-Käfer, den wir in Brasilien gekauft haben. Sie alle scheinen voll des Glücks zu sein, ganz in ihrem Element des abenteuerlichen Reisens. Nur ich fühle mich fremd und überfordert. Am Ende der Welt kann man nicht mal eben in den nächsten Flieger steigen. Oder mit dem Bus zu einer Stadt fahren, die ans Flugliniennetz angeschlossen ist.
Es heißt: ausharren.
Die Natur am Südzipfel dieses Kontinents nimmt uns ganz gefangen. Traumhafte Berge, Flüsse und Meeresbuchten glätten meine inneren Wogen ein wenig und stecken mich mit ihrer Friedlichkeit an. Ich komme etwas zur Ruhe. Mitte Januar treibt uns die Sehnsucht nach Wärme Richtung Norden. Wir trauen uns, doch durch Chile zu fahren, denn Leute, die von dort kamen, haben erzählt, dass es nicht so gefährlich sei, wie in manchem Reiseführer berichtet.
Dieses 4275km lange Land Chile erfreut uns mit seinen unglaublich unterschiedlichen Landschaften. Wir wandern vier Tage mit Minimal-Gepäck durch die Torres del Paine im Süden, lassen uns von Sturmböen durch- und umpusten und trotzen Regen und Kälte. Es ist herrlich, in diesem gigantischen Gebirge einsam und langsam unterwegs zu sein. Wir fahren die Caretera Austral mit unserem kleinen Käfer so weit südlich, wie sie damals gebaut war. Die Fuchsien-Büsche und Gewächse mit riesigen Blättern überragen unser Auto und wirken wie ein Wunder-Wald. Von Zeit zu Zeit flüchten wir in den Regenschatten der Anden, sprich nach Argentinien, um uns aufzuwärmen und die Zeltsachen zu trocknen.
Dieses mächtige Gebirge mit seinen Gipfelriesen um die sechstausend Meter Höhe beeindruckt uns sehr. Da fahren wir mit unserem Fusca auf circa viertausend Meter hoch (mit nächtlichen Minusgraden!) und ringsherum werden wir immer noch von schneebedeckten Gipfeln überragt! Tief eingeprägt hat sich mir eine Situation, in der wir oben auf der Hochebene aus dem Auto steigen.
Und da ist nichts mehr, gar nichts und gleichzeitig alles.
stille
atemloses lauschen
ins all
weite
unendlicher blick
ins sein
der mensch
ein staubkorn
und allumfassend
zugleich
kosmos
ordnende kraft
aus ewigkeit
Ich weiß plötzlich, dass es „etwas“ in der Welt gibt, das diesem Gefüge eine Ordnung verleiht. Damals habe ich es noch nicht GOTT genannt. Und: wir haben es gemeinsam erlebt, welch Geschenk!
Miteinander – er und ich.
Später wird diese Anden-Erfahrung immer wieder in meinen Alltag einfließen, mich still und ergriffen machen. Irgendwann werde ich sie „Einheitserfahrung“ nennen. Es war und bleibt das wesentlichste Erlebnis der Südamerika-Reise.
Langsam komme ich wieder in meine Kraft und es gelingt mir, einige innere Konflikte aufzulösen und loszulassen. Das tut unserem Miteinander gut.
Ein ganz besonderer Höhepunkt ist für mich die Besteigung des aktiven Vulkans Villarrica (2840m). Wir bauen unser Minizelt an seinem Fuße auf und besorgen uns Steigeisen für die Schneefelder. Der Aufstieg ist lang und beschwerlich, denn ich bin wahrlich keine „Bergziege“. Kenne ich doch aus meiner Kindheit nur den Deich an der Weser und den Weyerberg mit seinen stolzen 54,4 Höhenmetern! Von den fünf Stunden müssen wir die Hälfte der Zeit mit diesen ungewohnten Steigeisen mühsame Schritte in den gefrorenen Schnee treten. Es scheint unendlich weit bis zur Rauchfahne am Gipfel! Mehrmals glaube ich, es nicht zu schaffen, aber als David mir die Tritte vorstapft, komme ich gut voran.
Miteinander – step by step.
Zum Schluss krabble ich noch auf allen Vieren über die bröckelige, scharfkantige Lava am Gipfel.
Der Hang wölbt sich nach innen,
das Gestein leuchtet grün vom Schwefel,
der Berg grummelt,
der Rauch wird stärker,
der Schwefelgeruch intensiver…
noch ein Schritt und ich sehe ES:
das Auge des Vulkans; das Auge der Erde.
Rot-glühend brodelt die heiße Lava unter mir. Feurige Spritzer schießen auf den schwarzen Kraterrand, wo sie langsam verglühen.
Sattsehen – stundenlang mich sattsehen!
Es ist ein Blick in die Unendlichkeit – etwas wie GOTT und doch nicht GOTT.
Ich glaube, verrückt zu werden. Sehe mich schon schreiend umherlaufen, immer kurz vor einem Sturz in die Tiefe. Fürsorglich nimmt David meine Hand und verankert mich so in der Wirklichkeit.
Miteinander – Hand in Hand.
Dann setze ich mich lieber hin. Im Sitzen kann ich dieses gigantische Szenario gefahrloser genießen. David geht noch die letzten Meter bis zum wirklichen Gipfel neben dem Kraterschlund hoch und ich bleibe allein mit diesem Etwas, diesem Auge, diesem Loch. Vor aufgewühlter Ergriffenheit muss ich plötzlich schluchzen.
Feuer
voll Sog und Furcht
Feuerauge des Seins
im Innern verglüht mein Ich
verschmilzt in Elementen
verrückt mich
zu Tiefe
und Sein
SEIN?
Doch zum Sich-Fallenlassen ist keine Zeit, denn wir müssen an den Abstieg denken. Es ist schon achtzehn Uhr und bald wird sich der Schnee in steinhartes Eis verwandeln. Ich gehe noch die eine Kraterwand hoch, um einen Blick in die andere Richtung zu werfen. Jetzt ist es die Weite, die mich packt. Wieder schluchzt es aus mir heraus: da liegt die Welt zu meinen Füßen! Unendliche Berge, unendliche Weite.
Natürlich ist der Abstieg anstrengend, natürlich wird der Hunger unerträglich, natürlich sind die Beine bleischwer und kriecht die Angst abzurutschen immer wieder den Nacken hoch, aber ich habe ES gesehen! Was immer ES ist und war.
Je nördlicher wir kommen, umso ausgeglichener werde ich. Wie gut, dass ich auf Feuerland in kein Flugzeug steigen konnte und stattdessen unserer Beziehung eine Chance geben musste. Sie hat die Turbulenzen überlebt! Und wie gut! Wir sind sozusagen mit allen Wassern gewaschen oder auch: Sturm- und Feuer-erprobt. Und so kommt es, dass wir uns im März in Cachi (Argentinien) bei der Besichtigung einer kleinen Kirche spanischen Ursprungs ganz spontan vor dem Altar anstrahlen und „ja“ sagen.
Miteinander – Herz in Herz heiraten wir - vor GOTT.
Auf der Schotterpiste über die Anden von Salta in Argentinien nach Antofagasta in Chile sehen wir Mondaufgänge wie im Märchen und Flamingos auf viertausend Meter Höhe. Die Nächte hier oben sind frostig kalt und wir schützen den guten argentinischen Rotwein in unseren Schlafsäcken! Neunzehn Flussdurchfahrten müssen wir mit unserem Käfer mutig bewältigen! Manchmal spritzt das Wasser bis aufs Autodach.
Und dann liegt sie plötzlich in all ihrer Schönheit vor uns: die Atacama, die trockenste Wüste der Welt. Grau-lila-rosa-braun schimmert ihre Oberfläche aus Sand und Salz und zerfließt mit einem blassblauen Himmel. Wir tauchen ein in eine Weite, die gewohnte Größen aufhebt.
Zeit dehnt sich. Dimensionen verschwimmen.
Die Gesichter der Menschen in San Pedro spiegeln die Ewigkeit. Sie strahlen Ruhe und Gelassenheit aus. Ihr Blick wird scheu, sehen sie einen Fotoapparat. Aus Furcht die Seele zu verlieren, verziehen sie sich in den schützenden Schatten des Hauseingangs. Die Behausungen sind aus Adobe gebaut – luftgetrockneten Lehmziegeln. Das Material dafür schenkt der Boden im Lebensraum. Und so fügen sie sich weich und organisch in die Landschaft, atmen dieselben Farben wie die Atacama.
Wir finden weit außerhalb des Dorfes einen abgelegenen Platz für unser Zelt. Wir wollen nicht stören. Als auch wir nach all den Kilometern und Sinneseindrücken zur Ruhe kommen, entpuppt sich dieses „Nichts“ der Wüste:
Leise Töne füllen die Wirklichkeit.
Sandkörnchen wispern im leichten Wind.
Trocken schabt der Halm über die Erde.
Braungerosteter Grabschmuck weint leise in der Weite.
Eine feine Aufmerksamkeit für Farben schenkt mir diese Wüste. Es sind zarte Schimmer aus grau-lila, die abends im tiefen Licht der Sonne rosa-orange flammen. Salzkristalle krusten weiß dazwischen. Als hätten sie sich fein gemacht für ein besonderes Fest. Das „Nichts“ erfüllt unsere Seele.
Ganz andere Naturerlebnisse schenken uns die brasilianischen Landschaften.
Ein brauner, breiter Amazonas ist unser Gastgeber für fünf Tage, die wir schaukelnd im Hängemattenboot verbringen. Jeder Passagier hakt seine eigene „rede“ (Hängematte) an Deck ein und Seite an Seite wiegen wir uns im Takt der Wellen im Gleichmaß durch den Tag und die Nacht.
Das Pantanal, ein Wasser-Sumpf-Gebiet im Südwesten Brasiliens, fasziniert uns durch seinen Artenreichtum und seine Unwegsamkeit. Wir füttern Piranhas mit Fleischstücken, fürchten uns vor den Krokodilen in Sichtweite und sehen unzählige Vogelarten, Wasserschweine und Echsen.
Traumhafte Strände ziehen sich an der gesamten Küste Brasilien entlang. Jeder Blick erinnert an einen Reiseprospekt, bei dem man eine trügerische Fotorealität vermutet, aber es ist alles „echt“! Die Seele baumelt von ganz allein.
Zwei Monate vor unserem Rückflug nach Deutschland müssen wir uns in Santos an der Ostküste Brasiliens schweren Herzens von unserem VW-Käferle trennen, das uns so treu durch all die Unwegsamkeiten trug und uns unsere ganz individuelle Reise ermöglichte. Nun schenkt es uns noch so viel Geld, dass wir die restliche Zeit überbrücken können. Wir besuchen Dona Heidi, eine deutsche Freundin, die nach Belem ausgewandert ist, in ihrem Haus mit europäischem Ambiente. Ein Zufluchtsort. Doch es warten Unglaublichkeiten auf uns: Kakerlaken, Geckos, Ameisen und Moskitos bevölkern Zimmer und Terrassen, denn man kann nicht jede Ritze versiegeln. Feuchte und Hitze lassen alles überquellen: die Vegetation, die Früchte, die Insekten, das Keimen, das Vermodern. Häuser müssen jedes Jahr geweißelt werden, sollen sie nicht grün-schwarz dem Verfall entgegeneilen. Abwässer rinnsalen sich durch Sandwege. Es stinkt und duftet, es blüht und welkt, es lebt und stirbt. Im pulsierenden Tropen-Klima vermählen sich Leben und Tod. Alles in einer Intensität, die für die eher gemäßigte deutsche Wahrnehmungsfähigkeit eine krasse Herausforderung, wenn nicht sogar Überforderung darstellt. Unsere Gefühle torkeln ständig hin und her zwischen dem Bestaunen der Fülle und dem Ekel vor dem Verwesenden. Werden und Vergehen geschieht im Eiltempo. Die überreiche Auswahl an köstlichsten Früchten ist mir unvergessen, aber auch ebenso der bestialische Gestank des zum Verkauf angebotenen Fleisches auf dem Wochenmarkt.
Brasilien bleibt mir fremd. Meine Gedankenschwere findet keinen Zugang zu der Lebens-Leichtigkeit dieser Menschen und ich habe Sehnsucht nach den unendlichen Gesichtern der Indios in den Anden, nach Landschaften wie Seelenbalsam. Und so buchen wir zum Ende der Reise unseren Abflugort von Rio de Janeiro um auf Santiago de Chile und wagen den Mammut-Trip mit Bus und Eisenbahn quer durch den Kontinent von der Ostküste Brasiliens bis an die Westküste Chiles, in unsere geliebte Atacama. Dort sind wir wieder „richtig“, fühlen wir uns wieder. Wir brauchen Stille und Langsamkeit, Ordnung und Einfachheit. Noch einmal tanken wir unsere Seelen auf, bevor uns ein Fernbus zum Flughafen bringen wird. Doch es scheint, als wolle uns die Atacama gar nicht gehen lassen: Wassermassen haben eine Brücke auf der einzigen Straße gen Süden weggerissen. Nichts geht mehr. Nach Tagen des Wartens werden wir schließlich im dicken Bauch eines Transportflugzeugs nach Santiago ausgeflogen!
Wir fliegen gemeinsam zurück – er und ich.
Das Miteinander ist gelungen. Es hat eine ganz feste Basis bekommen auf dieser Reise.
Wie kommt man zurück von zehn Monaten Aus-Zeit?
Auf der äußeren Ebene überstürzen sich die Not-Wendigkeiten. Der Lebens-organisatorische Kleinkram fordert unsere Aufmerksamkeit und Tatkraft. Zwischen Landung in Deutschland und Einstieg in meinen beruflichen Schulalltag liegen zwei Wochen Zeit. Das überfordert mich und meine Seele, die aus so viel Stille und Gelassenheit kommen. Was ist das für ein Leben hier? Was machen wir aus unserem Leben? Machen wir ein gutes Leben, wenn wir Hundesalons für die Schönheit der Vierbeiner einrichten? Wenn wir bereit sind, das Jahreseinkommen eines Chilenen für eine einzige Stereobox auszugeben und natürlich auch noch eine zweite brauchen? Leben wir verhältnismäßig: haben wir noch das Maß für die Verhältnismäßigkeit? Der Wohlstands-Wahn bedrückt mich körperlich spürbar. Und doch steige ich wieder ein.
David und ich klären als erstes die Frage, wo wir leben wollen. Wir folgen Davids Wunsch, in den deutschen Süden zu ziehen, weil ihm im Münsterland und Ruhrgebiet, wo wir bisher lebten, der „Himmel auf den Kopf fällt“. Ich freue mich über diese Möglichkeit, meine deutschen Himmelsrichtungen zu komplettieren: im Norden geboren und aufgewachsen, im Osten studiert und gearbeitet, im Westen das Leben fortgesetzt. So erkunden wir die Gegebenheiten und entscheiden uns schlussendlich für Schwellingen am Rande des Schwarzwalds als Niederlassungsort für David, und Weiladingen an der Schwäbischen Alb als Wohnort. Freudig erzähle ich jedem: „Ich wohn jetzt dort, wo ich früher Urlaub gemacht habe“. Die Landschaft erfüllt und beruhigt mich, besonders in den Zeiten der Gewöhnungsschwierigkeiten. Am 8.8.1988 fahre ich mit der letzten Umzugsladung in mein neues Leben. 544 Kilometer legen sich zwischen jetzt und gestern. Mut und Bangen halten sich die Waage. Die Liebe lässt mich vertrauen.
Der Anfang in meinem neuen Leben ist schwer. David fährt morgens von unserem Wohnort nach Schwellingen und ein langer Tag ohne ihn liegt vor mir. Die ersten Bekannten, mit denen wir uns angefreundet haben, sind natürlich auch alle berufstätig, sodass ich acht bis zehn Stunden mit mir selbst verbringen muss. Das ist nicht immer einfach und manchmal kullern meine Tränen.
Sprachlich bin ich besonders in Davids Familie, die im selben Ort wohnt, im Ausland gelandet. Ist das auch Deutsch? Ich verstehe zunächst kein einziges Wort. Der schwäbische Dialekt klingt für mich wie eine endlose Aneinanderreihung von Silben, in der die Bedeutung des Gesprochenen verrutscht oder verloren geht. „Wir können alles, außer Hochdeutsch“ wird im Ländle wohl mit einem Zwinkern im Augenwinkel gesagt, beinhaltet aber, wie so mancher „Witz“, auch einen als wahr empfundenen Kern: das Selbstverständnis, wegen mangelnder Sprachkenntnisse minderwertig zu sein.
Erlebnis Sprache!
Die ersten Jahre unserer Ehe sind geprägt vom Ringen um Wörter und Sätze. Nord- und Süddeutschland suchen Verständigung. Erschwerend kommt der Kontrast Stadt – Land hinzu und manchmal dauert es Stunden bis wir das Gefühl haben, den Sinn unserer Sätze erkannt zu haben. Diese Erfahrung macht mich verständnisvoll für die Mühen in Gesprächen zwischen fremden Personen. Wenn schon wir, die wir uns lieben und mit wohlwollenden Ohren hören, solche Schwierigkeiten haben, wie soll das Verstehen funktionieren, wenn keine positive Beziehung die Hürden überwinden hilft, wenn womöglich noch unterschiedliche kulturelle Vorstellungen das Gelingen beeinträchtigen? Geduld und „Verstehen-wollen“ sind ein wesentlicher Schlüssel zum friedlichen Miteinander.
Nicht nur sprachlich, auch emotional fühle ich mich fremd. „Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“ – so beschrieb meine Mutter mein Temperament. Und nun bin ich umgeben von Menschen, die sagen: „`s duets“ (es geht so), wenn sie etwas eigentlich loben wollen. „It bruddlet isch au k’lobt“ (nicht gegrummelt, ist auch gelobt) spiegelt einen Umgang mit Emotionen, der mir wesensfremd ist. Noch heute.
Es ist mein Glück, dass ich in den ersten Jahren in der Mentalität der Weiladinger noch nicht angekommen und noch Stadtkind bin. So habe ich den Mut ein Seidenmal-Lädchen zu eröffnen. Jetzt sind meine Tage gefüllt mit leuchtenden Farben, jetzt betrete ich mein kleines Atelier jeden Morgen mit Wonne. Rückblickend muss ich schmunzeln über den Kontrast zwischen dem, was hier üblich war/ist und meinem Tun. Sie werden mich als Exotin angesehen haben! Aber mein Lädchen rettet mich in der Zeit der Arbeitslosigkeit bis meine Stelle von Nordrhein-Westfalen nach Baden-Württemberg getauscht ist.
Diese Mühen der ersten Jahre sind zwar schwer, aber ich verzweifle nicht an ihnen, denn das Wichtigste in diesem neuen Leben ist, dass sich tagtäglich mein Traum erfüllt! Unsere Liebe überbrückt alle Schwierigkeiten und trägt mich durch die dunklen Zeiten. Welch Geschenk des Himmels! Auf dieser Basis kann Leben gelingen. Wir heiraten drei Jahre nach unserem ersten „Erblicken“ standesamtlich. Kirchlich haben wir ja schon aus tiefem Herzen 1987 in Cachi in Argentinien vor GOTT „ja“ gesagt.
Als für unsere Wohnung Eigenbedarf angemeldet wird, kaufen wir ein denkmalgeschütztes Haus von 1560 in Weiladingen und werden „Häusle-Bauer“ – wie es so üblich ist im Ländle. Hier fängt das Wochenende nicht wie in meiner Stadtfamilie am Freitagnachmittag an, sondern erst am Samstagabend, nachdem man „d’Stroahß g‘wischt hett“ (den Fußweg gefegt hat). Vorher wird gehämmert, gemauert, gesägt, gemacht und getan. Und wehe, einer fegt schon um fünfzehn Uhr: „het dr net z’tont?“ (Hat der nichts zu tun?) Die soziale Ächtung ist sicher.
Baumärkte sind hier hoch im Kurs und ihre Parkplätze samstags rappelvoll – so wie in Bremen die Tiefgaragen der großen Kaufhäuser. Die einen sparen ihr Geld durch Eigenarbeit – die anderen geben es aus, um schick auszusehen. Auch ein Spagat unserer Ehe: der Umgang mit Geld.
Nach dreieinhalb mühevollen Jahren, in denen wir sowohl in Eiseskälte als auch bei brütenden Hochsommer-Temperaturen Wochenende für Wochenende dieses alte Haus renovieren, können wir im Januar 1991 einziehen und im Februar endet meine freiwillige Beurlaubung. Man hat eine Stelle direkt in Weiladingen für mich gefunden, allerdings in der Hauptschule. Das macht mir Angst. Die Hauptschüler haben den Ruf, verhaltensauffällig zu sein. Kann ich mir diese schwierige Aufgabe zutrauen? Bisher habe ich es nur mit den „lieben Kleinen“ an der Grundschule zu tun gehabt – vornehmlich in Klasse eins und zwei. Und nun muss ich die Hälfte eines siebten Schuljahrgangs übernehmen! Doch es klappt ganz gut, denn ich habe einen „Schulvater“ zur Seite, der vorher Klassenlehrer dieser Hälfte war, und die „Pappenheimer“ auch aus der Ferne dirigiert.
So stellt sich in meinem Leben eine gewisse Beruhigung ein: das Wohnen ist nicht mehr Entwicklungsgebiet, der Alltag hat durch die Berufstätigkeit wieder eine Struktur und unsere Liebe ist aus den Anfangswirren heraus.
An meinem vierzigsten Geburtstag bringe ich ein leidvolles anderes Thema mit einem Ritual zum Abschluss: meine Kinderlosigkeit. Hinter mir liegt eine Zeit all-monatlicher Verzweiflung. Nun finde ich mich ab, finde mich ab mit einem Leben ohne diesen Segen.
Tja und nun? Ein Freund bringt es auf den Punkt: Jetzt geht es INNEN weiter! Wie recht er hat! In den nächsten Jahren überschüttet man mich mit wegweisenden Träumen. Die Reise nach Innen beginnt mit einem Traum aus zwei Teilen:
Ich steige auf eine steile Leiter, die bei Goethe endet. Hier ist das Licht. Es ist heilbringend. Das Allerwichtigste im Leben des Menschen ist, dass er den Weg ins Licht findet.
Da sind mehrere Räume, die ineinander übergehen und in denen einfache Feldbetten stehen. Auf zwei Betten liegen je ein Mann und eine Frau in einfacher Kleidung. Sie strahlen sich mit den Augen liebevoll an. Ich bin ganz berührt von ihrem Glanz in den Augen und weiß: Liebe ist ganz wichtig im Leben.
LICHT UND LIEBE .
Drei Tage später bin ich bei einem Atemtherapeuten und erlebe in einer „Gefühlsreise“ Bilder, die mich mit Glück erfüllen. Am Ende weiß ich: Ich habe GOTT gesehen.
Diese Träume und Erlebnisse verströmen eine heilige Atmosphäre und hinterlassen mich ergriffen. Ich fühle mich zu „klein“ für solch erhabene Botschaften. Nach dem Motto: Ich doch nicht! Denn zu der Zeit habe ich noch ein gebrochenes Verhältnis zu GOTT und Glauben.
Es ist so entstanden: „Guten Abend, gute Nacht“ - mit diesem Lied brachte mich meine Mutter in meiner Kindheit zu Bett. Sie sang es fröhlich und liebevoll, deckte mich sorgfältig zu und setzte sich auf die Bettkante. Dann wurde es still und wir beteten:
Ich bin klein,
mein Herz ist rein
soll niemand drin wohnen
als Jesus allein.
Jesus. Mein Jesus. In der Grundschule war es für mich der Inbegriff von Geborgenheit, wenn in der Adventszeit morgens der Klassenraum noch dunkel war und wir jeder am Platz eine mitgebrachte Kerze anzünden durften. Sonst gab es keinen Lichtschein. Nur das milde Licht unserer Kerzen. Und dann las Fräulein Dreyer eine Wundergeschichte von Jesus vor.
Und wir lauschten.
Und es war Stille.
Vor dem Fenster dämmerte langsam der Morgen über der Weser, während ich innen versank in das Wunder und in meinen Jesus. Sonst wusste ich nicht viel vom Glauben an GOTT. Religionsunterricht war für mich: Jesus. Und ich beneidete seine Jünger, dass sie ihm so nah sein durften.
Meine Eltern waren keine Kirchgänger, aber sie ermöglichten mir, meinen Weg zu finden und das Evangelische kennenzulernen. Mein Vater fühlte sich eher naturverbunden und liebte den Satz: Willst du GOTTES Allmacht sehn, musst du auf die Berge gehn. Diese Wertschätzung der Natur hat er an mich weitergegeben. Meine Mutter sorgte dafür, dass eine sanfte Form der Kirchentraditionen in unserer kleinen Dreier-Familie erhalten blieb und schwieg zur Sinnfrage. So wurde ich zum Konfirmations-Unterricht angemeldet, wo ich den Kirchen-Glauben erfuhr. Ich hörte mit Freude vom GOTT der Liebe. Das passte zu „meinem“ Jesus. Doch ich konnte nicht begreifen, warum dieser GOTT der Liebe mich verdammen sollte, warum er Richter sein konnte, zu richten die Lebendigen und die Toten. Das kann doch nicht sein! Merkte denn keiner den Widerspruch?
Der Religionsunterricht am Gymnasium in der Oberstufe öffnete meinen Blick auf die Weltreligionen. GOTT bekam „Nachbarn“ mit einer ähnlichen Wertschätzung durch die jeweiligen Gläubigen. Nun wurden meine Fragezeichen nach dem rechten Glauben und dem Sinn des Lebens noch größer. Indien stand plötzlich hoch im Kurs bei den „Revoluzzern“ (wie mein Vater sie voll Verachtung nannte), Indien als Domäne des befreiten Glaubens. Aber dafür war ich noch zu sehr „Kind“; das konnte keine Alternative für mich sein. Einige Jahre später war es vorbei mit meinem Jesus. Ich verstaute die Postkarte „Christuskopf“ von Rembrandt und formulierte die letzten Zeilen meines Kindergebets um: „soll niemand drin wohnen - auch Jesus nicht“. Die 68er stürmten durch unsere Weltanschauungen. Regelverstöße und Tabuverletzungen galten als Siege, die ein Lächeln der Zugehörigkeit auf meine Lippen zauberten. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ avancierte zur Legitimation für Respektlosigkeiten. Oft wurde nicht hinterfragt, ob nicht doch ein Sinn hinter der Regel stehen könnte. Ich trat aus der Kirche aus, wie es die anderen auch taten. Es folgten „gottlose“ Jahre.
Und nun, nach circa zwanzig Jahren „ohne GOTT“, diese heiligen Botschaften in Träumen und Atemsitzung! Ich bin mehr als verwundert. Aber man hat mich ja behutsam vorbereitet. Das Wissen in der Andenstille: „Es gibt eine ordnende Kraft“, die tiefe Ergriffenheit beim Blick ins Vulkanfeuer und die Öffnung für die Wahrnehmung einer ganz anderen „Realität“ beim Spaziergang damals in der Nähe von Münster, wo die Grenzen der Körperlichkeit zwischen David und mir verschwammen. Eine neue Weltsicht beginnt sich in mir zu formen.
Es war einmal ein Garten voll reicher Fülle. Farbig und grün, zart und stabil, glänzend und matt – alles hatte seinen Raum, sein Sein. Ein Jedes wuchs nach seinem inneren Plan voll Würde und Schönheit.
Es durfte sein, so wie es gemeint war. In dieser Fülle wirkten zwei Wesen im Einklang. Im Einklang mit sich selbst, miteinander und mit der Gartenfülle. Herz und Seele in Einheit. Sie wussten um die Wahrheit allen Seins und pflegten voll Liebe und Hingabe ein Jedes nach seiner Art. Und so gedieh alles zur Pracht.
Dann kam die Zeit, da wurden die Wesen sich selbst gewahr als zwei. Als zwei mit Verschiedenheit. Sie sahen an ihr Geborensein aus Geben und Empfangen und wähnten sich als Getrenntes. Sie nahmen Gestalt an. Im Geben und im Empfangen. Er und Sie. Er schenkte der Fülle Ordnung, auf dass jedes zu seinem Recht käme. Sie empfing die Träume der Fülle und sorgte für die Entfaltung ihrer Möglichkeiten. Und es brauchte beides im Einklang, Hand in Hand.
Eines Tages kündigte sich Besuch an, zu sehen die Fülle, zu genießen die Schönheit und Harmonie.
