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"In the Space between" Enemies to Lovers / Gay Fantasy Romance Print 509 Seiten inkl. handgemalten Illustrationen Rey gehört zu den Menschen, die sich sogar bei einem Stuhl entschuldigen, wenn sie ihn versehentlich anrempeln. In seinem winzigen Büro schlägt er sich den ganzen Tag mit Akten, Chaos und den Fehlern anderer herum, gibt sein Bestes und ist trotzdem eine verlässliche Konstante für alles, was nach Ansicht seiner Kollegen schiefläuft. Er ist zu sensibel, zu freundlich und zu konfliktscheu, um sich zu wehren, und wird deshalb regelmäßig zum Sündenbock gemacht. Besonders „Big Red“, sein Boss, ein verflucht attraktiver Star-Anwalt, hat ein Talent dafür, ihn auf eine fast schon perfide Art niederzumachen – und das, obwohl es zwischen den beiden anfangs heftig gefunkt hat. Nach einem Arbeitstag, der selbst für Reys Verhältnisse katastrophal war, gerät er auf dem Marktplatz an eine merkwürdige alte Frau, die fest entschlossen zu sein scheint, ihm einen alten Armreif anzudrehen. Rey lehnt ab, sie ignoriert es, murmelt irgendwelche kryptischen Sätze, dass er „der Richtige” dafür sei, und schiebt ihm das Ding einfach in die Jackentasche. Gratis! Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie zuvor. Rey steht mitten im Büro und wird behandelt, als wäre er eine Topfpflanze. Gespräche laufen an ihm vorbei, Lästereien finden ganz offen statt und selbst „Big Red” benimmt sich in seiner Gegenwart plötzlich völlig ungeniert - selbst auf dem Herrenklo! Zunächst steigt in Rey blanke Panik auf, aber dann bemerkt er, dass er einfach nur unsichtbar ist! Mit dieser neuen Freiheit gehen gefährlich verlockende Möglichkeiten einher. Grenzen lösen sich auf und die meisten von Reys Hemmungen gleich mit. Endlich kann er all die Dinge tun, die er schon immer machen wollte, und nichts hat mehr Konsequenzen! Zumindest nicht für ihn. Was als kleine, harmlose Vergeltungsaktion beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Spiel aus echtem Begehren, Provokation, Macht und eskalierender Nähe, denn schon bald muss Rey feststellen, dass ihn diese Freiheit süchtig macht und viel mehr Kontrolle über sein Leben kostet, als er sich eingestehen will.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
In the Space between
Gay Romance / Gay Fantasy / Enemies to Lovers
Rey gehört zu den Menschen, die sich sogar bei einem Stuhl entschuldigen, wenn sie ihn versehentlich anrempeln. In seinem winzigen Büro schlägt er sich den ganzen Tag mit Akten, Chaos und den Fehlern anderer herum, gibt sein Bestes und ist trotzdem eine verlässliche Konstante für alles, was nach Ansicht seiner Kollegen schiefläuft. Er ist zu sensibel, zu freundlich und zu konfliktscheu, um sich zu wehren, und wird deshalb regelmäßig zum Sündenbock gemacht. Besonders „Big Red“, sein Boss, ein verflucht attraktiver Star-Anwalt, hat ein Talent dafür, ihn auf eine fast schon perfide Art niederzumachen – und das, obwohl es zwischen den beiden anfangs heftig gefunkt hat.
Nach einem Arbeitstag, der selbst für Reys Verhältnisse katastrophal war, gerät er auf dem Marktplatz an eine merkwürdige alte Frau, die fest entschlossen zu sein scheint, ihm einen alten Armreif anzudrehen. Rey lehnt ab, sie ignoriert es, murmelt irgendwelche kryptischen Sätze, dass er „der Richtige” dafür sei, und schiebt ihm das Ding einfach in die Jackentasche. Gratis!
Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie zuvor. Rey steht mitten im Büro und wird behandelt, als wäre er eine Topfpflanze. Gespräche laufen an ihm vorbei, Lästereien finden ganz offen statt und selbst „Big Red” benimmt sich in seiner Gegenwart plötzlich völlig ungeniert - selbst auf dem Herrenklo! Zunächst steigt in Rey blanke Panik auf, aber dann bemerkt er, dass er einfach nur unsichtbar ist! Mit dieser neuen Freiheit gehen gefährlich verlockende Möglichkeiten einher. Grenzen lösen sich auf und die meisten von Reys Hemmungen gleich mit. Endlich kann er all die Dinge tun, die er schon immer machen wollte, und nichts hat mehr Konsequenzen! Zumindest nicht für ihn.
Was als kleine, harmlose Vergeltungsaktion beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Spiel aus echtem Begehren, Provokation, Macht und eskalierender Nähe, denn schon bald muss Rey feststellen, dass ihn diese Freiheit süchtig macht und viel mehr Kontrolle über sein Leben kostet, als er sich eingestehen will.
Die Content Notes findest du am Ende des Buches. Allerdings enthalten diese massive Spoiler, die wichtige Plottwists verraten und die Spannung beim Lesen zerstören können! Bitte lies sie daher nur, wenn unbedingt notwendig!
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Schwere Schritte stapfen durch den langen Flur. Gleichmäßig, animalisch, angriffslustig.
›Geh weiter‹, flehe ich innerlich, ›bitte geh einfach weiter ... aufs Klo, in die Küche, oder in irgendeins der anderen Büros ... völlig egal, Hauptsache nicht zu mir!‹
Eilig schiebe ich meinen USB-Stick in den Kopierer, suche meine Akte auf dem kleinen Anzeigepanel heraus und starte den Druck, um das unheilvolle Geräusch mit dem gleichmäßigen Rumpeln des arbeitenden Geräts und dem Schleifen der ausgeworfenen Seiten zu übertönen. Trotzdem bemerke ich, dass die Schritte verstummen, spüre seinen Blick in meinem Nacken und wie sich all meine Muskeln anspannen.
»Corey«, ertönt mein Name in der vibrierend tiefen Tonlage meines Bosses, dessen ganze Existenz nach einer Mischung aus Aftersun, Erfolgsdruck, Alkoholproblemen und autoritärer Kindheit riecht, mit Hang zum Ausrasten über schlecht sortierte Papierkörbe. Ein eiskalter Schauer kriecht meinen Rücken hinauf. Schlagartig fühle ich mich schuldig, obwohl ich weiß, dass ich überhaupt nichts falsch gemacht habe.
»Äh ... j-ja?«, stammle ich hervor, starre auf das Display, als wäre es eine Bombe, die ich entschärfen müsste, ohne die Anleitung zu lesen, und wage es nicht, mich umzudrehen. Gleich darauf spüre ich sein enttäuschtes Schnaufen in meinem Nacken.
»Ich hatte dich gebeten, diese ... Creolen rauszumachen, wenn du in der Kanzlei bist!« Coles Stimme ist nach wie vor ruhig, doch ich höre deutlich, wie eine gewisse Frustration darin mitschwingt. Zögernd schaue ich über meine Schulter und zucke zusammen, als ich bemerke, dass er nur wenige Zentimeter entfernt hinter mir steht.
Ja, da ist er. Mein persönlicher Alptraum. Gute zwei Meter wandelnde Muskelarchitektur, verpackt in Designeranzüge, die trotz ihrer Maßanfertigung immer irgendwie aussehen, als wären sie einen Tick zu eng.
»D-Das sind Flesh-Plugs, Sir«, erkläre ich stockend und spüre, wie meine Knie weich werden. »Wenn ich die rausnehme, hab ich ziemlich große Löcher in den Ohren und das ... sieht echt bescheuert aus.«
Coles stahlgraue Augen verengen sich noch mehr als sonst, scannen mich wie ein Röntgengerät, ehe er mit der Zunge schnalzt und sich leicht zu mir herunterbeugt: »Dann solltest du deine Löcher vielleicht nicht so mit Plugs ausleiern ...«, grollt er mir zu und macht eine sehr zweideutige Pause, ehe er einlenkt und mir zumindest ein bisschen entgegenkommt: »Von mir aus setz dir hautfarbene Stecker ein, aber mit diesen Punkteilen kommst du mir nicht mehr unter die Augen, hast du verstanden?«
›Punk? ... Da sind Raben drauf! Was haben Raben bitte mit Punk zu tun?‹
Ich schlucke schwer, obwohl mein Mund komplett trocken ist, dann nicke ich jedoch, ohne ihn anzusehen, und presse ein leises »J-ja, Sir ... tut mir leid« hervor.
Anschließend versuche ich, ihm irgendwie auszuweichen, doch er steht wie eine Schrankwand im Weg, stellt sich zwischen meine Beine und ich sitze schon fast auf dem ruckelnden Drucker.
»Das will ich hoffen«, knurrt er und lehnt sich dabei noch weiter zu mir herunter, weshalb ich den typischen Menthol-Eukalyptus-Mix seiner Fresh Frost Kaugummis rieche, der sich mit dem Duft des herben Parfums auf seiner Haut mischt und meine Gedanken vernebelt. »Schlimm genug, dass du bis zum Hals tätowiert bist«, grollt er weiter und scheint mich nach wie vor nicht freigeben zu wollen, ganz im Gegenteil. Er hebt die Pranken, greift seelenruhig an mein schwarzes Hemd und schließt die obersten zwei Knöpfe, um auch den letzten Rest meiner Körperkunst zu verstecken. Ich lasse die immer offen, weil ich sonst das Gefühl habe zu ersticken. Trotzdem halte ich ihn nicht auf, da ich bemerke, wie er fast schon zärtlich meinen Kragen richtet und dabei unabsichtlich mit dem Daumen über mein Kinn streicht. »Du musst mehr auf deine Gesamterscheinung achten«, brummt er indessen gedankenversunken. »Ich will nicht, dass meine Mandanten denken, ich wäre unter die Bewährungshelfer gegangen und beschäftige hier neuerdings irgendwelche jugendlichen Kleinkriminellen!«
›Alter ... ich bin 29! Außerdem war ich noch nie kriminell und das weißt du genau! Du hast meinen Background gecheckt! Mehrmals!‹
Statt ihm exakt das zu sagen, presse ich jedoch nur die Lippen aufeinander und kralle mich an der Kante hinter mir fest, bis er fertig ist. Wenn ich anfange zu diskutieren, wird es nur schlimmer, denn der Kerl hat immer Recht – zumindest glaubt er das.
»Darf ich jetzt weitermachen?«, flüstere ich schließlich, als er die Hände wieder runternimmt, ziehe rücklings die Kopien aus dem Ausgabefach und stöpsle meinen USB-Stick ab.
»Hast du nicht was vergessen?«, entgegnet Cole jedoch weiter provozierend und lehnt sich jetzt so weit vor, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren kann. Ich weiß nicht, was er meint, und muss auch gestehen, dass ich verdammt schlecht denken kann, wenn er sich mir so annähert. Doch dann sehe ich, wie er langsam nach unten greift, als würde er mir an den Schwanz packen wollen, der sich bereits aus diesem skurrilen Gefühlsmix heraus aufpumpt. Stattdessen nimmt er jedoch nur das Ende meines Hemdes zwischen die Finger und zieht es ein Stück nach oben, in mein Sichtfeld.
»Der Teil gehört in die Hose«, raunt er mir mit einem seltsam kratzigen Unterton in der Stimme zu. »Hast du jemals gesehen, dass ich mit heraushängendem Hemd zur Arbeit gekommen bin? Oder Derek?« Ehe ich auch nur über eine Antwort nachdenken kann, schiebt er mir einfach seine Hand samt dem Stoff meines Oberteils in den Schritt, der unweigerlich exponentiell an Volumen zunimmt. Ich unterdrücke mein überraschtes Keuchen, beiße die Zähne zusammen und kralle mich in die Papiere auf meinem Arm. »Kaum zu fassen, dass ich dir auch noch beim Anziehen helfen muss«, grummelt Cole derweil vor sich hin, doch als er grob um mich herumgreift, stupse ich mit der Nase gegen seine Brust, verliere fast das Gleichgewicht und halte mich im Affekt mit einer Hand an seiner Schulter fest, um nicht umzufallen.
Mein Herz rast. Ihm so nah zu sein ist pure Folter für mich. Meine Latte drängt sich bereits hart pochend gegen den Reißverschluss, doch Cole ignoriert es, schiebt mir reihum den Soff unter den Hosenbund und scheint es richtig zu genießen, wie ich, sichtlich erregt und verstört zugleich, an ihm hänge.
Als er fertig ist, hält er für einen Moment inne, schaut zur Seite auf mich herunter und unsere Blicke treffen sich. Seine unnahbare Miene verändert sich nicht, aber ich bin mir sicher, es macht ihm auf eine perfide Art Freude, mich in diesem Zustand zu sehen. Außerdem bemerke ich ein amüsiertes Zucken in seinen Mundwinkeln.
»Corey ... du zerknitterst mein Jackett«, grollt er plötzlich und sobald die Info durch meine Gehirnwindungen gesickert ist, lasse ich ihn so schlagartig los, als würde er glühen.
»Verzeihung«, japse ich und will gerade erneut darum bitten, gehen zu dürfen, doch da patscht er mir schon auf die Wange, dreht sich um und geht, als ob nichts gewesen wäre. »Zieh dich endlich anständig an, wenn du weiter hier zu arbeiten beabsichtigst!«
Das war`s.
Er verschwindet, ich bleibe zurück, schwer atmend, mit rasendem Puls und einem schmerzend harten Kolben - wobei ich nicht mal genau sagen kann, ob der wirklich aus Erregung oder einfach nur aus einer skurrilen Angstreaktion meines Körpers entstanden ist. Fakt ist: Jedes Mal, wenn es passiert, und das tut es inzwischen beinahe täglich, laufe ich entweder den Rest des Tages mit Dauerständer herum, oder hole mir auf dem Klo einen runter.
Schnaufend schiebe ich mich zurecht, damit ich überhaupt gerade gehen kann, und setze mich langsam wankend in Gang.
›Der Kerl macht mich noch völlig fertig.‹
Man mag es angesichts meines Verhaltens kaum glauben, aber eigentlich bin ich ein ziemlich selbstbewusster Typ und habe von Kindestagen an eine große Klappe! Ich bin in einem Heim aufgewachsen, trug stets das Herz auf der Zunge und hab immer ohne jeden Filter ausgesprochen, was ich gerade dachte. Ich hab mir nie, nicht einen einzigen Tag, den Kopf darüber zerbrochen, ob ich etwas lieber für mich behalte, ob meine Tattoos okay sind, ich mich hochgeschlossener anziehen sollte, oder ob ich professionell genug wirke.
Also normalerweise bin ich ziemlich souverän ... genau genommen immer, wenn ich nicht gerade vor meinem Boss stehe! Doch sobald er da ist, benehme ich mich wie ein verängstigtes Reh, das trotz seines nachhaltigen Fluchtinstinkts in der Schusslinie verharrt, weil es leider einen massiven Jäger-Fetisch hat ...
Ja ich weiß, bescheuerter Vergleich, aber genau so fühlt es sich an!
Cole Barrett, der Mann, der von der Presse nur noch »Big Red« genannt wird, ist nichts anderes als ein eloquenter Sadist im Maßanzug ... mit dem Taktgefühl eines Presslufthammers! Trotzdem, oder vielleicht sogar deswegen, ist er inzwischen einer der Top Rechtsanwälte von Manchester ... und so dermaßen britisch, wie man nur sein kann. Ein rothaariger, breitschultriger Highland-Hüne mit harter Schale und süßen kleinen Sommersprossen sowie einem Schrank voller Markenprodukte für leicht entzündliche Problemhaut. Sein klassischer Fassonschnitt sitzt zu jeder Tageszeit perfekt, ist stets sauber im Nacken und an den Seiten kurzrasiert, oben länger und stylisch gegelt. Er geht geschmeidig in einen Dreitagebart über, der, im Gegensatz zu meinem spärlich wachsenden Gesichtsrasen, so unverschämt gleichmäßig wächst, dass ich mich ernsthaft frage, ob er ihn jede Nacht von kleinen Bartelfen mit einer Nagelschere ölen lässt!
Ganz ehrlich: Dieser Bulle ist der feuchte Traum eines jeden schottischen Schulmädchens und ja, ich gebe zu, auch ich war anfangs schwer verknallt in den Kerl. Damals, als ich noch dachte, dass sein Verhalten mir gegenüber irgendeine perfide Art von Vorspiel ist! Ja, ich glaubte tatsächlich, er würde auf mich stehen, mich einfach irgendwann packen und küssen oder mir zumindest mal suggerieren, dass ich ihm auch einen blasen kann, um für meine angeblichen Fehler geradezustehen. Und ja - sehr wahrscheinlich wäre ich sogar darauf eingestiegen. Selbst wenn er mich auf die sauteure Chaiselongue in seinem Büro geworfen und durchgerammelt hätte, wäre das ganz sicher kein Weltuntergang gewesen. Aber inzwischen weiß ich: Etwas Derartiges wird nie – und ich meine absolut niemals – passieren, denn in Wahrheit ist Cole nichts weiter als ein gefühlloser Wichser, der es schlicht und ergreifend genießt, andere zu demütigen und einzuschüchtern!
Zugegeben: Eine Eigenschaft, die ihm als Rechtsanwalt durchaus nützlich ist und die er vermutlich genau deswegen über die Jahre perfektioniert hat. Je bissiger und fieser er wurde, desto mehr Anerkennung bekam er und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ihn seine erfolgsverwöhnte Art genauso bei den Ladys erfolgreich sein lässt. So gut wie jede will doch einen gutaussehenden, sportlichen, reichen, selbstbewussten Mann an ihrer Seite. Aber in seinem Fall wäre das nichts als eine Illusion, denn dieser Kerl wird vermutlich niemals dauerhaft an der Seite von irgendwem bleiben ... und selbst wenn, ist der- oder diejenige sicher nicht zu beneiden!
Nach meinen Recherchen hatte er jedenfalls noch nie eine offizielle Beziehung, hasst Kinder und hat darüber hinaus einen ausgeprägten Hygienefetisch, weshalb das einzige Haustier, das ich mir bei ihm vorstellen könnte, ein Guppy wäre ... insofern es einen gibt, der in Wasser mit Desinfektionsmittel überlebt.
Letztendlich bin ich mir ziemlich sicher, dass seine Tinder-Liste länger ist als das regionale Telefonbuch, aber wenn man ihn nach dem Namen seiner letzten Eroberung fragen würde, käme vermutlich nur so etwas wie: »Keine Ahnung. War nass und eng - mehr interessiert mich nicht.«
Endlich erreiche ich mein kleines Büro, aka ehemalige Lagerkammer am Ende des Flurs, schlüpfe mit meinen Kopien im Arm hinein und schließe leise die Tür hinter mir, ehe ich mich von innen dagegenlehne. Ich atme tief durch und bin kurz davor, zusammenzusacken, aber ich verlagere meinen Schwächeanfall auf den Bürostuhl, um mich schneller wieder fassen zu können, falls jemand hereinkommt.
Die Papiere rutschen mir förmlich aus dem Arm, klatschen auf den Schreibtisch, doch ich lasse mich nur noch auf das durchgesessene Polster nieder, ehe ich mein glühendes Gesicht in die aufgestützten Hände lege. So verharre ich einen Moment, ehe ich seufze und mir über die Stirn reibe.
›Wie lange will ich mir das noch antun?‹
Alleine die Tatsache, dass ich mir diese Frage inzwischen täglich stelle, sollte sie beantworten. Doch jedes Mal, wenn ich dann nach Hause komme, mich in meinem schicken Apartment umschaue und sehe, was am Ende des Monats auf meinem Konto landet, beiße ich wieder die Zähne zusammen und mache weiter.
Ich weiß, es ist oberflächlich und bescheuert zugleich, aber von der Schikane meines Chefs und den ätzenden Kollegen abgesehen, ist dieser Job wie ein Sechser im Lotto. Ich habe noch nie so viel Geld verdient wie hier – und das für verhältnismäßig leichte Arbeit, wenn man sie mit dem vergleicht, was ich früher gemacht habe.
Jemand wie ich hat normalerweise keine Chance, in einer so renommierten Kanzlei wie dieser angestellt zu werden. Ich stamme aus sehr einfachen Verhältnissen, habe einen durchschnittlichen Schulabschluss, bin von der Zehe bis zur Titte durchtätowiert - und darüber hinaus – habe nackenlange, schwarze Haare und einen Sack voll Piercings am Körper – nicht wörtlich gesprochen.
Typen wie ich schuften in Werkstätten, Großkonzernen, als Streetworker, sind arbeitslos oder selbstständig. Und egal, wo wir hinkommen, wir werden die ganze Zeit im Auge behalten, weil die meisten denken, wir könnten was klauen.
Ich lehne mich zurück, schaue für ein Weilchen an die Decke und schwenke dann auf die Bilderrahmen an der Wand um, in denen alte Zeitungsartikel vor sich hin bleichen. Sie handeln von prominenten Fällen, die Cole gewonnen hat, zeigen ihn in schwarz-weiß neben seinen Klienten oder Zeichnungen seiner Person im Gerichtssaal. Ich wollte sie längst abnehmen. Immerhin ist das hier mein kleines Büro und genau wie die anderen Mitarbeiter hätte ich das Recht, es so zu gestalten, wie es mir gefällt ... aber ich traue mich nicht.
Cole platzt oft genug ohne anzuklopfen herein und das Erste, was er tut, ist einen prüfenden Blick auf die Wand zu werfen, ob ich es gewagt habe, irgendeine seiner Errungenschaften abzunehmen. Daher bin ich mir sicher, dass er mich heftig zusammenschnauzen würde, wenn ich es täte.
Eines davon beinhaltet aber auch ein recht aktuelles Gruppenfoto des Teams, in dem ich wie ein Kunstfehler wirke, obwohl ich mir an dem Tag sogar ein weißes Hemd angezogen und einen Zopf gemacht habe. Praktisch direkt daneben hängt ein großes, gerahmtes Porträtfoto von Cole, innerhalb einer fetten Schlagzeile, und als sich mein Gesicht in der frisch polierten Verglasung spiegelt, wirkt es für einen Moment, als würden wir nebeneinanderstehen. Fast als wären wir Partner oder ... ein Paar.
Ich muss aufpassen, nicht sarkastisch aufzulachen, als ich den Gedanken realisiere.
Ja, genau. Wir. Er und ich, auf Augenhöhe, nebeneinander. Der Bengel aus der Gosse und der egozentrische Star-Anwalt! Das grenzt ja beinahe an Gotteslästerung!
Allerdings muss ich gestehen, dass es ziemlich gut mit uns anfing ... ich weiß gar nicht, warum er mich heute so auf dem Kieker hat, denn eigentlich habe ich nichts getan, das in logischer Konsequenz dazu hätte führen können.
Wahrscheinlich war es einfach nur anfänglich geheuchelte Höflichkeit seinerseits, weil er noch nicht einschätzen konnte, wie ich auf seine Spielchen reagiere. So im Nachhinein betrachtet, tastete er sich Woche für Woche an meine Grenzen heran, bis er sie in dem Wissen überschreiten konnte, dass ich eh nichts dagegen tun würde.
Genau genommen habe ich keine Ahnung, warum ich bei dem Kerl überhaupt so weiche Knie kriege. Ja, er ist groß, attraktiv und sehr dominant, aber das sind viele der Otters und Hunks in meinem Lieblingsclub ebenfalls und von denen lass ich mich auch nicht so verunsichern.
Ich seufze leise, als ich an diesen Tag vor einigen Monaten zurückdenke und an die skurrilen Umstände, unter denen ich in dieser Kanzlei gelandet bin. Dass ich den Job hier bekam, war letztendlich nichts als purer Zufall, denn ich bin eigentlich weder geeignet noch qualifiziert genug und wäre bei jeder offiziellen Bewerbung schon im ersten Schwung aussortiert worden! Ermöglicht wurde das Ganze schlichtweg durch eine Kettenreaktion seltsamer Ereignisse, gepaart mit schlechter interner Kommunikation – nicht mehr und nicht weniger.
Ich lege den Kopf in den Nacken, pruste leise und fange an, die kopierten Vertragsseiten zu ordnen, um sie abzuheften.
Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob es vielleicht doch so etwas wie Schicksal war, dass ich hier gelandet bin. Wenn das so ist, hab ich aber noch nicht erkannt, warum.
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- 5 Monate zuvor -
Es ist ein verregneter, arschkalter Oktoberfreitag.
Ich bin unterwegs zu einem Hausbesuch, den ich über das Tattoostudio vermittelt bekommen habe, mit dem ich schon seit einigen Jahren zusammenarbeite. Eigentlich bin ich in erster Linie freiberuflicher Künstler, aber mit dem Tätowieren verdiene ich mit Abstand am meisten, weshalb ich mich mehr oder weniger zwangsläufig darauf fokussiere.
Die anderen im Studio sind allesamt deutlich älter als ich und wollen mit ihrem Arsch schön im Warmen bleiben, daher fällt die Wahl fast immer auf mich, wenn es darum geht, die eher lästigen, weil unbequemen, außer Haus Termine zu erledigen. Und obwohl ich die ganze Arbeit mache, mein eigenes Equipment benutze und auf meinen Anteil auch noch Steuern zahlen darf, kassieren sie jedes Mal vierzig Prozent Provision pro Vermittlung.
Mein Zeug habe ich unauffällig in einem ausklappbaren, umfunktionierten Friseurkoffer bei mir, den ich präsentativ aufklappen und auseinandernehmen kann, ohne dass alles durcheinanderrollt. Ich besitze sogar eine transportable Massageliege, aber seit ich meine Pappe los bin und mir auch keine Karre mehr leisten kann, ist es unmöglich, sie jedes Mal mitzuschleppen. Ansonsten bin ich jedoch ziemlich gut auf alle Eventualitäten vorbereitet. Es soll ein großes Rückentattoo werden: Spiderman mit einem Fischkopf, der in einer Teekanne badet und dabei Nickelback hört. Und das ist bei weitem nicht das Skurrilste, was ich je gestochen habe.
Ich fahre also mit den Öffentlichen zu der Adresse, die man mir genannt hat, leere den Kaffee aus meinem Thermosbecher und packe ihn in meinen Rucksack, bevor ich aussteige. Sobald ich den überdachten Bahnsteig verlasse, klappe ich meinen Regenschirm auf und ziehe mein kantiges, silbernes Maxi-Köfferchen hinter mir her, während ich gleichzeitig aufs Handy zu schauen versuche.
Mein Navi führt mich statt in die übliche Low-Cost-Wohngegend in ein High-End-Industrieviertel, aber ich bin es gewohnt, dass Menschen mit merkwürdigen Geschmäckern auch in merkwürdigen Straßen wohnen, deshalb denke ich mir erst nichts dabei.
Der Kerl, zu dem ich soll, heißt Derek Barrett, doch als ich vor diesem riesigen Gebäude aus Glas stehe, das so teuer aussieht, dass ich am liebsten meine peinlichen alten Stahlkappenstiefel ausziehen würde, kommt mir für den Bruchteil einer Sekunde in den Sinn, dass hier irgendwas nicht stimmen kann.
Aber die Hausnummer ist korrekt und auf dem hochwertigen Messingschild neben der Tür steht »Floor 3: Barrett Law LLP – Cole Barrett, Solicitor«, demnach stimmt auch der Nachname.
Klar kommt es mir seltsam vor, dass sich jemand in einer Anwaltskanzlei tätowieren lassen will, aber ich gehe davon aus, dass es sich um ein Familienunternehmen handelt und Derek einfach das schwarze Schaf seiner aristokratischen Sippe ist. Außerdem habe ich schon Typen in völlig versifften Abrisshäusern tätowiert, in Bordellen, während sie sich haben ficken oder die Füße lutschen lassen, auf Studentenpartys und sogar mal in einer frostigen Lagerhalle, in der halbe Schweine hingen. Letzteres fand ich zwar ziemlich morbide und war hinterher auch ’ne Woche erkältet, aber nach solchen Einsätzen kann mich kaum noch etwas schocken. Erst recht kein schnödes Büro.
Ich betätige also die Klingel und eine fast schon säuselnde, weibliche Stimme begrüßt mich mit einem »Ja bitte?«
»Hi. Äh ... ich hab einen Termin mit Derek!?«, entgegne ich erstmal möglichst neutral, falls die anderen nichts davon wissen sollten, dass er sich während seiner Arbeitszeit zuhacken lässt.
»Oh, klasse, Sie sind ja überpünktlich! Kommen Sie einfach hoch in den dritten Stock! Der Fahrstuhl ist hinten links.« Ehe ich darauf irgendetwas erwidern kann, betätigt sie den Türöffner und ein summendes Geräusch ertönt.
›Gut, scheint also zu stimmen‹, denke ich mir, denn ich werde ja offensichtlich erwartet und seine Kollegen oder Familienmitglieder wissen, dass ich komme. Soll mir recht sein, ich mag nämlich keine Heimlichtuereien.
Ich fahre mit einem Fahrstuhl nach oben, der goldiger glänzt als Premiumzimmer in Puffs, und noch bevor ich ein zweites Mal an der imposanten Vollholztür klopfen kann, höre ich schon, wie Pumps über Parkett auf mich zustöckeln. Eine solariumgebräunte Frau mit stark geglätteten, schlüsselbeinlangen Haaren öffnet mir mit einem Lächeln, das augenblicklich einfriert, als sie mich sieht.
Offenbar entspreche ich nicht ihren Erwartungen, denn so wie sie mich anstarrt, hat sie eher mit einem großen, glatzköpfigen, muskelbepackten, volltätowierten Exknacki gerechnet und nicht mit so einem possierlichen Goth-Boy wie mir.
»Hi!«, entgegne ich einfach erneut, lächle sie verschmitzt an und hebe die Hand wie eine Winkekatze. »Sie sind vermutlich nicht Derek, oder?« Sie hat durchaus markante Kieferknochen, überrascht hätte es mich also nicht, eher gefreut.
»Ähm ... nein«, entgegnet sie und prustet, wobei ich nicht genau sagen kann, ob es ein abwertendes oder amüsiertes Prusten ist. »Ich bin die Office Managerin Olivia Caldwell«, stellt sie sich schließlich vor und reicht mir ihre Hand mit den langen, funkelnden Gelnägeln.
Ich schüttele diese und sage salopp: »Freut mich.«
»Äh ja ... mich auch. Kommen Sie rein.«
Sie geht an den Empfangstresen, auf dem in großen protzigen Lettern erneut Cole Barrett steht, den ich schlichtweg für das Oberhaupt der Familie halte, den Anwalts-Oldtimer, sozusagen.
Sobald Olivia eine Akte aus dem Schrank gezogen hat, deutet sie mir, ihr zu folgen, und ich tue es, obwohl sie leicht genervt und unterzuckert wirkt. Wir gehen in einen Besprechungsraum, in dem ein großer runder Tisch steht und eine Beamer-Leinwand hängt.
»Setzen Sie sich, Mr. Lewis«, fordert sie, als ich für einen Moment stehenbleibe, um das sechseckige Moosgebilde zu betrachten, das indirekt beleuchtet an der Wand herumdümpelt. Daraufhin stutze ich kurz, denn ich heiße Lawrence und nicht Lewis mit Nachnamen, aber am Telefon kann man das durchaus falsch verstehen. Daher sage ich nichts, weil ich sie nicht in Verlegenheit bringen will und es mir nebenbei schnurzegal ist, wie sie mich nennt. Sie zeigt bereits energisch auf einen der Stühle, also ich setze mich.
»Derek musste heute schon etwas früher los, doch er lobte Ihre Referenzen in den höchsten Tönen und sagte, Sie sollen sich sowieso erstmal in Ruhe den Vertrag durchlesen und ihn unterschreiben, wenn alles so passt, wie Sie es besprochen haben. Die Einarbeitung beginnt er dann am Montag persönlich, aber ich schicke Ihnen heute schon ein paar Sachen per Mail, die Sie für ihn aufarbeiten können. Möchten Sie einen Tee oder Kaffee, während Sie lesen?«
Leicht perplex sehe ich sie an und schüttle langsam den Kopf. »Äh ... nein, danke.«
»Gut. Kommen Sie einfach wieder nach vorn, wenn Sie hier fertig sind. Der Raum ist bis halb sieben frei, also nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen. Die zweite Kopie ist für Sie, die können Sie sich dann gerne direkt mitnehmen.«
»Ja, äh ... super! Danke.«
Sie nickt und ich bemerke noch, wie sie beim Rausgehen erst meinen Rucksack und anschließend stirnrunzelnd mein Köfferchen mustert, während ich inständig hoffe, dass niemand auf die Idee kommt, ihn öffnen zu wollen. Der enthält nämlich so einige Dinge, die ich gesetzlich gesehen gar nicht verwenden darf.
Sobald sie verschwunden ist und die Tür hinter sich zuzieht, starre ich auf die erste Seite, dann auf die zweite, dritte und vierte.
Als ich endlich raffe, dass mir die Lady gerade einen rechtsgültigen Arbeitsvertrag unter die Nase gelegt hat, der bereits von diesem Derek unterschrieben wurde, wird mir natürlich klar, dass es sich hier um eine Verwechslung handelt. Zumindest bin ich schon als vieles bezeichnet worden, aber noch nie als Case & Billing Coordinator.
An diesem Punkt könnte ich auch direkt gehen, doch dann fällt mein Blick auf die Zeile mit dem Gehalt und ich blinzle völlig verstört.
»D-Das kann doch unmöglich sein«, keuche ich und lese die Zahl erneut. »Vierzigtausend Flocken pro Jahr Festgehalt für gerade mal siebenunddreißig Stunden die Woche??? Plus zusätzliche Boni für effiziente Abrechnung, Wochenendzuschläge und Sonderprojekte?« Ich lehne mich kurz nach hinten und fahre mir grob durch die Haare. »Fuck ... wieso ist die Welt so ungerecht?«
Ich arbeite seit meinem Abschluss an der Secondary School locker das Doppelte, wenn nicht sogar mehr, bekomme aber höchstens achtzig bis hundertzwanzig Pfund die Stunde, wobei Auf-, Abbau- und Fahrtzeiten gar nicht vergütet werden. Von dem Verdienst muss ich die vierzig Prozent Provision ans Studio abgeben und obendrein noch die Steuern sowie die Material- und Fahrkosten selber bezahlen.
Obwohl ich mir über die Jahre hinweg auch einen kleinen eigenen Kundenstamm aufgebaut habe - Leute, die mich direkt anrufen, wenn sie keine Studiopreise zahlen und etwas Neues wollen - reicht es meistens gerade so, um meine Lebenshaltungskosten zu decken. Und die sind unterste Schublade, ohne jeden Anspruch oder gar Luxus! Meine kleine Parterrewohnung verschlingt alleine schon rund neunhundert Pfund im Monat, dazu kommen Lebensmittel für durchschnittlich zweihundertfünfzig und weitere zweihundert für Nebenkosten. Am Ende bleibt oft nur wenig übrig, in miesen Monaten gar nichts und ich muss jeden Penny zweimal umdrehen. Die meiste Zeit arbeite ich jedoch nicht halb so kreativ, wie ich ursprünglich gehofft habe, denn ich verbringe sie hauptsächlich damit, von Kunde zu Kunde zu hetzen, Kosten zu kalkulieren, Sparpläne zu entwerfen und über die Steuererklärungen zu schimpfen. Vor allem, wenn ich, gegen eine kleine Abfindung, auch noch die des Studios machen soll, weil die keinen Bock darauf haben. Wirklich Spaß habe ich an dem Job also nicht, aber durch ihn bin ich unabhängig und kann mir wenigstens ein Stückchen Freiheit leisten.
Ich denke nach, wie ich aus dieser verrückten Situation noch etwas für mich rausschlagen kann, denn sobald ich das Teil unterschreibe, ist die Sache rechtsgültig. Zumindest solange meine Kontaktdaten darin stehen. Schnell überfliege ich deshalb erneut die einzelnen Seiten und tatsächlich sind die Felder mit Name, Adresse, Geburtsdatum, Handy- und Mailkontakt immer noch leer. Zudem werden in dem Pamphlet Tätigkeiten beschrieben, die ziemlich eintönig und einfach klingen. Ordnungsgemäßes Archivieren von Akten, Kontrolle der Erstellung und Prüfung von Abrechnungen, Honorarplänen und sonstigen finanziellen Dokumentationen, die Identifizierung und Verfolgung ausstehender Zahlungen und das Erkennen von Unstimmigkeiten und Abweichungen in der Buchführung der Kanzlei. Das Ganze muss dokumentiert und gegebenenfalls geeignete Korrekturmaßnahmen eingeleitet werden. Darüber hinaus soll der zukünftige Angestellte die Abteilung bei der Systempflege, der Daten innerhalb der Kanzleisoftware und der Erstellung standardisierter Reports gemäß den internen Vorgaben zur Seite stehen.
›Easy-peasy.‹
Ich kann nicht anders, als in mich hineinzulachen, denn grob übersetzt ist das nichts anderes als die stupide Ablage geschlossener Fälle, Rechnungen prüfen, fehlende Zahlungen suchen und kleine finanzielle Knoten lösen. Eine Mischung aus softer Archivmagie und stiller Systempflege. Ordnung in das Durcheinander von Akten bringen, vergessenen Rechnungen hinterherjagen und die Firma davor bewahren, dass die kleinen Risse im System irgendwann größere Löcher schlagen. Also exakt das, was ich jahrelang bereits für die Hackerbude und mich selbst getan habe und darüber hinaus genau jener Kleinkram, um den sich niemand kümmern will, weil er eh nie geprüft wird.
Es ist kreativlos, trocken, formal und unscheinbar, hat aber eben auch weniger Stunden als in meinem alten Job, dreimal so viel Geld und es gibt keinen einzigen Hinweis darauf, dass man mein Gesicht sehen muss. Unter diesen Bedingungen kann ich ohne Probleme wieder in meiner Freizeit malen. Und zwar das, worauf ich Bock habe, keine Auftragsscheiße mehr!
Ich habe in meinem Leben bereits deutlich schlechtere Entscheidungen getroffen, also trage ich meine Daten ein und unterschreibe einfach.
›Was soll schon passieren? Schlimmstenfalls kündigen sie mich wieder‹, denke ich mir, und selbst dann müssten sie mir ein bis drei Monatslöhne auszahlen. Also kann ich nur gewinnen! ... Zumindest hoffe ich das.
Als ich Olivia den Wisch selbstzufrieden auf den Tresen klatsche, hängt sie gerade am Telefon und versucht, einen aufgebrachten Mandanten zu beruhigen. Ich tue so, als hätte ich eine wichtige Prüfung bestanden, tippe auf den Vertrag, zeige ihr einen Daumen nach oben und verabschiede mich mit einem saloppen: »Also dann bis Montag! Cheerio!«, ehe ich mein ungenutztes Köfferchen aus der Tür ziehen will.
Doch gerade, als ich diese öffne, kommt ein großer, bulliger Mann in einem Anzug aus dem Eckbüro und unsere Blicke treffen sich.
Mit einem Schlag geht ein Blitz durch meinen Körper und schießt direkt in meinen Schwanz.
›Alter Schwede, ist der heiß!‹, denke ich einerseits und andererseits, als ich das Schildchen neben seiner Tür bemerke: ›Cole Barrett? Scheiße ... das ist der Boss!!!?‹
In diesem Moment weiß ich, dass ich gefickt bin. Und zwar nicht auf die gute Art.
Ich spüre, wie ich am ganzen Körper Gänsehaut bekomme, doch bevor ich mich vollends blamiere, verabschiede ich mich auch bei ihm mit einem peinlich piepsigen: »Bye! Bis Montag!« und hebe die Hand, wodurch er seine Stirn mit noch tieferen Falten zerfurcht.
Ich verschwinde, ehe er etwas sagen kann, renne förmlich zum Fahrstuhl und bete, dass er mir nicht folgt.
›Fuck, fuck, fuck, fuck!!!‹, wiederholen sich meine Gedanken panisch. ›Wenn dieser Berserker mitbekommt, dass ich ihn beschissen habe, bricht er mir jeden Knochen einzeln!‹
Ich fliehe also und kaum bin ich unten aus der Tür raus, ruft mich auch schon Miles, der Studiobesitzer, an, um mich anzumotzen, warum ich nicht bei dem Kunden bin.
»Du hast mir die falsche Adresse gegeben, du Saftsack!«, schnauze ich zurück. »Ich bin hier irgendwo mitten in einem Gewerbegebiet in einer Anwaltskanzlei gelandet die -« In diesem Moment sehe ich zum Gebäude hinauf und entdecke den roten Riesen am offenen Fenster stehen. Mit verschränkten Armen, leicht grinsend. Ich verstumme, auch wenn ich keine Ahnung habe, ob er mich durch den Lärm auf der Straße hören kann, aber da hebt er sacht die Hand und deutet ein knappes Winken an, genau so, wie ich es zuvor getan habe. Wie der letzte verliebte Vollidiot erwidere ich es erneut, doch dann reiße ich mich los.
Nein, ich gehe nicht davon aus, dass ich mit der Sache durchkomme ... aber hey, wer weiß. Vielleicht öffnet mir die Nummer ja eine Tür zu etwas – oder jemand – anderem.
~◈~
Noch am selben Tag erhalte ich die E-Mail von Olivia, in der die Arbeit ist, die ich bis Montag erledigen soll, mit besten Grüßen und großer Freude auf die Zusammenarbeit von Derek Grant – seines Zeichens Senior Paralegal Assistant der Anwaltskanzlei von Cole Barrett. In diesem Moment weiß ich: Wenn ich die Aufgabe nicht verbocke und mich beweise, habe ich vielleicht sogar eine echte Chance, den Job zu behalten. Zumindest hoffe ich das.
Sobald ich die angehangenen Dateien öffne, bemerke ich schnell, dass es sich um eine Art versteckte Kompetenzanalyse handelt.
Den Job habe ich ja bereits, aufgrund eines Bewerbungsgesprächs, in dem ich, beziehungsweise Mister Lewis, diesen Derek Grant von meinen Kompetenzen überzeugen konnte. Vermutlich dient diese Aufgabe nun also nur noch dazu, meine Gründlichkeit zu überprüfen. Eine Art Skill-Check, wenn man so will, um herauszufinden, wie viel Einarbeitung ich benötige oder ob ich bereits alles beherrsche, was nötig ist. Genauso gut könnten diese fünf abgeschlossenen Mandatsfälle, deren Abrechnungen ich auf Richtigkeit kontrollieren soll, auch einfach nur normale, liegengebliebene Arbeit sein, die keiner der anderen machen wollte. Von langweilig bis spektakulär ist inhaltlich alles dabei, doch ich lese jeden Fall mit großem Interesse, denn ich habe ja noch nie etwas Derartiges vor der Nase gehabt. Und letztendlich hat mich der Inhalt ja eigentlich gar nichts anzugehen.
Natürlich ist mir bewusst, dass die Verwechslung bald auffallen wird, aber alles, was mir im Kopf herumgeht, ist, dass ich diese Chance nutzen und ihnen beweisen will, dass ich genau die Fähigkeiten habe, die sie suchen, auch ohne A-Level und ohne Studium.1
Und nein, das hat rein gar nichts mit meinem ultraheißen Boss in spe zu tun, der mir so heftige Fantasien beschert, dass ich die nächsten zwei Nächte von übelst hartem Bürosex träume. Und das nur, weil wir uns ein paar Sekunden in die Augen gesehen haben und er mich zum Schluss so zweideutig anlächelte ... Auch wenn ich wohl nie erfahren werde, ob es ein höhnisches oder tatsächlich ein vorfreudiges Lächeln war.
Der Typ aus dem Tattoostudio, der mir die falsche Adresse nannte, gab zu, dass er den Chat mit Derek Barrett, meinem Tattookunden, versehentlich gelöscht hat. Er erinnerte sich aber noch an den Stadtbezirk und dessen Namen, also fragte er seinen KI-Bot via Handy und der spuckte ihm aufgrund der passenden Stichworte die Adresse von Cole Barretts Kanzlei aus, in der ja auch ein Derek arbeitet und die sich im selben Viertel befindet.
Ich denke wirklich, dass all das kein Zufall mehr sein kann! Ja, ich würde sogar so weit gehen, zu hoffen, es grenzt an göttlicher Fügung! Eine Fügung, die mir endlich die Möglichkeit gibt, aus diesem »arm geboren, arm sterben«-Kreislauf auszubrechen. Und dafür lasse ich praktisch alles stehen und liegen.
Ich sage sämtliche Termine bis einschließlich Montag ab, behaupte, ich wäre krank, und verbringe den gesamten Freitagabend vor meiner kleinen Laptopschlurre, auf der nicht mal Word ruckelfrei läuft. Alles, was ich als Anweisung zu dieser vermeintlich einfachen Aufgabe erhalte, ist: »Markieren Sie die offenen Rechnungen, überprüfen Sie die Abweichungen und fassen Sie zusammen, was am dringendsten gebucht werden sollte.« Ein Satz. Trockener als ein drei Wochen altes Sandwich im Kühlschrank - dafür simpel.
Zuerst denke ich, die Sache ist an einem Abend erledigt, aber schon beim Öffnen der ersten Tabelle wird mir klar, dass Unmengen an kleinen Unstimmigkeiten darin stecken. Jeder Fall kommt mit mehreren Zwischenrechnungen, Statusänderungen, Stundenaufzeichnungen und Randnotizen, die niemand beachtet zu haben scheint. Und je eingehender ich die Dokumente prüfe, desto komplizierter wird es. Die Summen auf den Abrechnungen stimmen nicht mit den Stundenzetteln überein, einige Zahlungen sind überfällig, andere scheinen einfach im System verschwunden zu sein und zu allem Überfluss hängt sich mein Rechner alle zwanzig Minuten wegen Überhitzung auf.
Kurzerhand fahre ich daher in den nächsten Copyshop, kratze meine letzte Kohle zusammen, lasse alles ausdrucken, gondle wieder heim und lege jeden Fall einzeln auf dem Boden meiner winzigen Einraumbude aus. Ich beginne damit, den ganzen Kram zu sortieren, prüfe Seite für Seite jede offene Rechnung und dokumentiere jede noch so kleine Abweichung mit meinen Markern. Manchmal ändert sich eine Zahlungsprognose, weil die Gegner plötzlich einen Vergleich machen wollen oder mittendrin aufgeben. In einem Fall stirbt der Kläger der Gegenseite sogar überraschend. Dann muss ich alle Zahlen aktualisieren und erneut durchrechnen.
Stunden vergehen, ich trinke Unmengen Kaffee, der Fußboden verschwindet unter einem Meer aus Exceltabellen, Notizzetteln, handschriftlichen Korrekturen und Schmierblättern mit Zwischenrechnungen. Es ist mühselig, trocken und anstrengend, doch ich bin wie besessen. Ich knie das ganze Wochenende hindurch über den Akten, markiere, kalkuliere, korrigiere, erstelle Zusammenfassungen, Übersichten, finde Logiklücken und ... habe tatsächlich Spaß dabei.
Ich fühle mich fast wie ein Ermittler, der einen Mordfall anhand von Indizien aufklären muss, und auch die Fälle an sich, die durch beiliegende Gerichtsurteile und Coles Strategiepläne sehr nachvollziehbar sind, packen mich. Ich spüre, dass jede korrekt verbuchte Rechnung das System einen Hauch stabiler macht und eine gewisse Verbundenheit zwischen mir und Cole schafft. Auf die Art kann ich helfen, ihm den Rücken zu stärken und seine Arbeit, die unumstritten äußerst wichtig ist, unterstützen. Ja! Ich werde die unsichtbare Hand, die Ordnung ins Chaos bringt. Derjenige, der die Kanzlei insgeheim am Laufen hält, denn ohne Menschen wie mich türmen sich die Fehler im System, davon bin ich angesichts des vorliegenden Materials vollkommen überzeugt!
Am Sonntagabend lehne ich mich schließlich zurück, drücke mein schmerzendes Kreuz durch und blicke auf die sortierten fünf Stapel, die sauber markierten Tabellen und die sorgfältig vorbereitete Zusammenfassung jeder Akte. Ich bin erschöpft, aber zufrieden, und glücklicherweise weiß ja auch niemand, wie lange ich dafür gebraucht habe. Ich bin mir sicher, dass ich mit etwas Routine, und vor allem einem funktionierenden PC, in kurzer Zeit deutlich schneller werde.
Ja, ich denke, sie werden vielleicht sogar stolz auf mich sein, wenn sie sehen, dass ich es geschafft habe, und nehmen mich angesichts meines Eifers mit Handkuss!
Oder bin ich einfach nur unfassbar naiv?
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In der Mail wurde erwähnt, ich solle spätestens halb acht am Montag in der Kanzlei sein, da um acht die wöchentliche Teambesprechung stattfindet, in der mich Derek den anderen offiziell vorstellen will. Ja, Derek. Der Mann, der als Einziger genau weiß, dass ich nicht der Typ bin, dem er die Jobzusage gegeben hat. Aber ich packe alle Unterlagen sauber und ordentlich in meine Laptoptasche, fahre zeitig los und habe tatsächlich auch eine völlig irrationale Zuversichtlichkeit, er würde sich so sehr für diesen Fehler schämen, dass er ihn einfach nicht zugibt und so tut, als wäre ich wirklich der von ihm Auserwählte. Doch schon der erste Satz, den er mir entgegenspuckt, noch bevor ich die Tür hinter mir geschlossen habe, macht diese Hoffnung zunichte.
»Sie ... Sie wagen es ernsthaft, hier aufzukreuzen?«, motzt mich der bebrillte Mittvierziger an, wedelt mit dem Vertrag und ich sehe, wie sein Waschbärbauch vor Wut bebt. »Sie glauben nicht wirklich, dass Sie damit durchkommen, oder?«
Olivia sagt nichts, setzt sich nur mit Abstand hinter den Tresen, lunst in ihre Tasse und tut so, als wäre der Schaum ihrer Latte gerade super interessant.
Ich stehe da, völlig fertig, nach höchstens vier Stunden Schlaf und patschnass, weil ich so aufgeregt war, dass ich meinen Regenschirm zu Hause vergessen habe und es draußen pisst wie aus Eimern.
»A-Aber ... i-ich hab die ganze Arbeit gemacht, die Sie mir geschickt haben! Alle fünf Fälle«, entgegne ich und er stutzt kurz, ehe er weiterspricht.
»Na und? Glauben Sie ernsthaft, das würde legitimieren, dass Sie einen Arbeitsvertrag unterschrieben haben, der überhaupt nicht für Sie bestimmt war?«, fährt er in gleicher Lautstärke fort, ohne Luft zu holen. Offenbar auch einer von denen, die denken, Kompetenz wird in Dezibel gemessen. »Sie hatten weder die Erlaubnis noch die Berechtigung, irgendetwas von uns zu bearbeiten!!!«
Er kommt einen Schritt näher, ich merke, wie sich meine Schultern automatisch nach oben ziehen, und sein viel zu süßes, aufdringliches Deo kriecht mir in die Nase.
»Sie haben hier keine Stelle. Sie hatten nie eine und das hier«, er wedelt wieder mit dem Papier, »ist nichts als ein administrativer Fehler, den wir gleich im Schredder korrigieren werden.«
›Nein! Dann war all die Arbeit und das Absagen der anderen Termine umsonst!‹
Ich öffne den Mund, schließe ihn wieder. Meine Zunge klebt am Gaumen, mein Kopf ist voll mit Zahlen, Fristen, sauber gezogenen Linien und der Erinnerung, wie ich bis tief in die Nacht Tabellen sortiert habe, als hinge mein Leben daran.
»Machen Sie das ruhig«, bringe ich schließlich heraus, wenn auch leiser als beabsichtigt. »Zum Glück hab ich das zweite Exemplar ja bereits zu Hause ... original unterschrieben ... von Ihnen.«
Dereks rotes Gesicht kriegt einen erneuten Sättigungsschub.
»Sie ... Sie wollen das ernsthaft durchziehen?«
»Ihre Sekretärin sagte, ich soll den Vertrag unterschreiben«, erinnere ich ihn und deute auf Olivia, die mir einen kleinen angepissten Blick über die Tassenkante zuwirft. »Ich habe nur getan, was Sie verlangt haben. Und die Aufgabe, die sie mir in Ihrem Namen schickte, habe ich ebenfalls abgearbeitet!«
Derek Brüllboje schaut an mir herunter, bleibt einen Moment zu lange an meinem Hals hängen, dort, wo mein Raben-Tattoo unter meinem dünnen Rollkragenpulli hervorlugt, und ich weiß genau, was er sieht. Oder glaubt zu sehen.
»Damit werden Sie trotzdem nicht durchkommen! Sie haben sich widerrechtlich einen Vertrag zu eigen-«
Gerade als er sich auf den Höhepunkt seiner Schimpftirade hochschaukeln will, öffnet plötzlich jemand hinter mir die Tür.
Ich zucke zusammen und noch bevor ich über meine Schulter sehe, weiß ich, wer es ist.
»Man hört dich bis ins Erdgeschoss, Derek!«
Augenblicklich verändert sich die Luft im Raum, als hätte sie jemand chemisch neu zusammengesetzt, und alle spannen sich an, als ob ein General die Kaserne betritt.
Obwohl ich selbst patschnass bin, kann ich den Regen auf Coles Haut riechen, der sich mit seinem herben Parfum verbindet, und meine Knie werden noch ein bisschen wabbliger.
Er stellt seinen navyblauen Armani Regenschirm an der Seite ab und öffnet seelenruhig die doppelte Knopfleiste seines dunkelgrauen Mantels aus reiner Schurwolle, um ihn an die Garderobe zu hängen.
»Also, was ist hier los?«, fragt er währenddessen ruhig, doch diese Ruhe erscheint mir gefährlicher als jedes Gekeife von Derek. Ganz nach dem Motto: Bellende Hunde beißen nicht. Der Kerl beißt – da bin ich mir sicher! Derek hingegen wird plötzlich ziemlich kleinlaut und setzt neu an, hastig, aber beherrschter als zuvor.
»Daniel Lewis, der Bewerber, den ich für die offene Stelle ausgewählt hatte, war gerade mit seinem Studium an der University of Cambridge fertig und sollte letzten Freitag nur noch herkommen, um die verbliebenen Formalitäten zu erledigen.« Er sagt das extra abwertend in meine Richtung, um mir unter die Nase zu reiben, wie qualifiziert man seiner Meinung nach sein muss, um ein paar blöde Rechnungen zu kontrollieren. »Stattdessen hat sich dieser Kerl hier eingeschlichen und da Olivia nicht wusste, wie mein Kandidat aussieht, gab sie ihm den Arbeitsvertrag und er unterschrieb ihn einfach vollkommen widerrechtlich! ... Aber keine Sorge, ich kläre das gerade.«
Hitze durchflutet mich, während ich gleichzeitig zittere.
›Lass dir das nicht gefallen! Sag etwas ... irgendwas!!!‹
»I-Ich hab mich nicht eingeschlichen«, keuche ich hervor, auch wenn dieser Umstand für die Sachlage nicht wirklich relevant ist. »Ja, es war Zufall, dass ich hier gelandet bin ... Ich wollte eigentlich zu einem Kunden namens Derek Barrett und hab die falsche Adresse bekommen, aber Sie ... Sie haben mir einen Job angeboten und ich ... ich hab ihn einfach nur angenommen! Da ist überhaupt nichts Rechtswidriges bei!«
Coles Blick schwenkt auf mich um. Kalt, musternd. Doch dann erkenne ich ein minimales Lächeln in seinen Mundwinkeln.
»Und jetzt bist du hier, um eine Abfindung für die Vertragsauflösung zu erpressen?«
Geschockt starre ich ihn an. »Wa- ... Nein!«
Cole legt verwundert den Kopf schief. »Also willst du tatsächlich für mich arbeiten ...?«
Ich, inzwischen schwitzend wie ein Pfannkuchen in der Hölle, nicke. »J-Ja? ... Ich denke, ich kann das!«
Cole sieht aus, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er gleich lachen oder mich achtkantig rauswerfen soll. Glücklicherweise entscheidet er sich nur für ein Prusten, dem ein amüsiertes Kopfschütteln folgt.
»Du hast echt Mut, Kleiner, das muss man dir lassen. Aber du siehst nicht so aus, als hättest du die passenden Qualifikationen, die wir suchen, und dir ist sicher bewusst, dass wir nicht jeden x-beliebigen Typen einstellen, der hier zufällig vorbeischneit und keinerlei Ahnung von -«
»Ich hab die Arbeit geschafft!«, falle ich ihm plötzlich ins Wort, denn das ist der letzte Trumpf, den ich noch habe. »Wollen Sie es nachprüfen?« Hals über Kopf reiße ich dabei bereits meine Laptoptasche auf und ziehe eines der leicht klamm gewordenen Papierbündel heraus, um es ihm zu reichen. »Hier, das ist die Erste! Wie von Mr. Grant gewünscht, habe ich sämtliche Fehler korrigiert, Anmerkungen gemacht, offene Posten markiert und eine Übersicht zur Dringlichkeit der Buchungen geschrieben!«
Cole schweigt, runzelt die Stirn, sieht mir noch einmal kurz in die Augen und anschließend auf den labbrigen Zellulosehaufen, den ich ihm hinhalte. Dann schnalzt er mit der Zunge und nimmt ihn.
»Konntest du schon herausfinden, warum dein Kandidat nicht erschienen ist?«, fragt er nebenbei in Dereks Richtung, und ich bemerke, dass dessen Gesichtsröte wieder zunimmt.
»Mr. Lewis hatte bedauerlicherweise auf dem Weg hierher einen Verkehrsunfall mit dem Moped«, erklärt er. »Er schrieb mir heute früh, er sei erst gestern Abend im Krankenhaus aufgewacht, weshalb es ihm nicht möglich war, sich vorher zu melden.«
»Verstehe.«
Cole sieht auf, jedoch an Derek vorbei direkt zu mir. Sein Blick bleibt für den Bruchteil einer Sekunde an meinen Augen hängen, fliegt anschließend über meine nassen Haare und landet schließlich auf meinen zitternden Händen. Keine Bewertung. Nur Feststellung.
»Du«, er zeigt locker auf mich und schwingt seinen Finger nach links, »in mein Büro. Und Derek, nur nochmal kurz, damit ich das richtig verstehe: Das ganze Schlamassel hier ist eigentlich nur deshalb passiert, weil du am Freitag früher gegangen bist und somit nicht mehr hier warst, als der Bewerber, den du ausgewählt hast, aufkreuzen sollte? Stattdessen hast du Olivia die Aufgabe, mit der ich dich betraut hatte, übertragen, obwohl sie diesen Daniel Lewis nie zuvor gesehen hat. Und jetzt machst du -«
»Corey!«, rufe ich schnell meinen Namen durch die offene Tür, als er stockt. »Corey Lawrence!«
Cole schmunzelt, wenn auch nur ganz leicht. »Danke. Also ... jetzt machst du Mr. Lawrence zur Sau, weil er die Chance ergriffen und einen rechtsgültigen, bereits von dir vorab unterzeichneten Vertrag unterschrieben hat, den ihm Olivia in deinem Auftrag aushändigte ... soweit korrekt?«
Derek erstarrt und verliert mit einem Schlag die Gesichtsfarbe. »Äh ... ich ... aber -«
»Schön, dann bin ich ja auf dem aktuellen Stand der Dinge«, zieht Cole sein nüchternes Fazit und nimmt seine Aktentasche vom Boden. »Also vollkommen egal, ob ich ihm jetzt eine Abfindung zahlen muss, um den Vertrag aufzulösen, oder er in seiner gesetzlich vorgegebenen Probezeit irgendwelche Schäden verursacht, alles, was er mich kostet, ziehe ich von deinem Gehalt ab. Vielleicht nimmst du deine Aufgaben ja dann zukünftig wieder persönlich wahr.«
Derek öffnet den Mund, schließt ihn, setzt neu an, und diesmal ist seine Stimme wieder eine Spur zu laut für den Raum. »Cole, das ist ein formaler Fehler ... ein lächerliches Missverständnis. Du willst doch wohl nicht ...«, dabei zeigt er hektisch in meine Richtung. »Wir haben klare Kriterien für die Stelle, und der da«, sein Blick zerschneidet mich förmlich, »entspricht ihnen schlichtweg nicht!«
Cole verzieht keine Miene. Stattdessen stellt er sich einfach zwischen mich und Derek, woraufhin dieser instinktiv zurückweicht und sich an die Hierarchie zu erinnern scheint.
»Hast du dir denn seine Testarbeit schon angesehen, dass du das beurteilen kannst?« Dabei hebt er die Papiere, die ich ihm gegeben habe, und ich verstehe, dass es doch keine lapidaren Fälle waren, die liegen geblieben sind. »Oder wenigstens seinen Background gecheckt? Führungszeugnis? Lebenslauf? Irgendwas?«
»Warum sollte ich?« Derek wirbelt abwehrend die Hände hoch. »Das ist doch vollkommen irrelevant!«
Daraufhin hält er meinen Vertrag in die Luft, als wäre er kontaminiert. »Er hat sich etwas genommen, das ihm nichtzustand, und fertig!«
Cole neigt den Kopf minimal.
»Er hat nur unterschrieben, was du ihm hast vorlegen lassen. Und so, wie ich das sehe, ist dein ursprünglicher Favorit nicht mehr verfügbar. Wir brauchen aber jetzt jemanden, der den Job erledigt, denn unser Lager quillt über! Also hättest du dir wenigstens mal die Mühe machen können, dir seine Sachen anzusehen, ehe du hier im Flur herumbrüllst wie ein unbeherrschter Affe!«
Einen Moment lang sagt niemand mehr was. Olivia senkt den Blick wieder in ihre Tasse, als wolle sie sich unter den übriggebliebenen Milchschaum verzupfen. Mein Herz schlägt mir bis in den Hals und ich bin echt froh, aus der Schusslinie der beiden Alphamännchen raus zu sein, die sich gerade ein Wettstarren liefern.
»Gib mir den Vertrag.« Cole streckt die Hand aus.
Derek zögert, nur einen Sekundenbruchteil, aber der reicht aus, dass der rothaarige Hüne die Geduld verliert. Er greift zu, reißt seinem Assistenten mit einer schnellen, kontrollierten Bewegung die Papiere aus den Griffeln und grollt nur noch: »Ich regle das jetzt. Wir reden später.«
Damit dreht er sich um, ohne eine Antwort abzuwarten, und folgt mir.
>Rumms<
Cole zieht die ledergepolsterte Schallschutztür seines Büros hinter sich zu, legt den Kopf in den Nacken und seufzt leise. »Gott, an manchen Tagen hasse ich den Kerl!«
Ich grinse und halte die Klappe, auch wenn es mir ein inneres Blumenpflücken ist.
Gerade, als ich mich setzen will, stoppt mich Cole jedoch mit einem ruhigen »Warte« und legt alles, was er in den Händen hat, erst mal auf seiner dunkelbraunen Chaiselongue ab, die an der Seite steht.
Ich tue es ihm gleich, wobei ich ja nur meine Laptoptasche auf den Boden stellen brauche.
»Du bist aber schon volljährig, oder?«, fragt er plötzlich, völlig aus dem Nichts heraus, und sieht mich erneut prüfend an.
»Äh ... ja!? Ich bin neunundzwanzig.«
»Gut.«
Er scheint erleichtert, kommt bedächtigen Schrittes auf mich zu und mein Herzschlag beschleunigt sich, während mein Kopf stupide wiederholt: ›Atmen. Einfach weiteratmen.‹
Als er direkt vor mir stehen bleibt, halte ich trotzdem die Luft an. Plötzlich hebt er die Hand und streicht über den nassen Stoff meines dünnen Rollkragenpullis, durch welchen sich meine harten Nippel bereits deutlich abzeichnen. Ganz langsam, vom Bauchnabel bis zum Schlüsselbein, ohne zu lächeln.
»Zieh das aus ...«, raunt er mir zu und wartet, bis ich geschluckt und ihm ein heiseres »Okay« zugehaucht habe, ehe er an mir vorbeigeht, um eine Tür in seinem Wandschrank zu öffnen.
›Gott verflucht, ist der Kerl heiß.‹
In diesem Moment bin ich mir sicher, dass ich mich jetzt mit einem Blowjob oder mehr für seinen Einsatz bedanken soll, und ehrlich gesagt hätte ich absolut nichts dagegen. Mein Körper ist von Panik über Angriff direkt in den Paarungsmodus geswitcht, und mein Schwanz drängt sich bereits hart gegen den Jeansstoff.
Während ich meine Jacke auf den Stuhl werfe und mir anschließend den Pulli über den Kopf ziehe, raschelt er in seinem Schrank herum. Es hört sich an, als würde er Gummis holen und vielleicht noch eine Art Unterlage, damit wir nicht seinen teuren Mahagoniboden besprenkeln, aber als ich wieder sehen kann, erkenne ich nur ein schnödes, graues Handtuch in seiner Hand.
Er hält die andere auf, als wolle er mich zum Tanzen auffordern, doch mein Hirn ist nach wie vor unterversorgt und ich verstehe nicht, was er will.
»Gib mir das«, sagt er schließlich, und als ich nicht gleich reagiere, greift er einfach nach meinem Oberteil, das ich noch immer irritiert vor den Körper halte. Dann faltet er das Handtuch auf, raunt mir ein tiefes »Dreh dich um« zu und hängt es mir fürsorglich über die Schultern, als ich folge.
Meine Erektion lässt die Nummer nicht gerade abschwellen, vor allem, weil er für einen Moment auch noch sanft mit seinen Pranken über meinen Bizeps reibt. Ich seufze leise, warte nur darauf, dass er die Arme um mich legt, mir in den Nacken beißt, meine Hose öffnet und mich mit der Brust vornüber auf seinen Schreibtisch dirigiert, um mich ungezügelt durchzurammeln, ... doch stattdessen lässt er mich los.
»Setz dich.«
Er nimmt sich noch meine Jacke vom Stuhl und ich beobachte perplex, wie er alles, was ich ausgezogen habe, auf die Heizung legt.
›Fuck ... das ist kein Flirten. Der will einfach nur nicht, dass du krank wirst. Reiß dich zusammen, verdammt!‹
»Sie sind wohl auf alles vorbereitet«, presse ich hervor, um die peinliche Stille zu unterbrechen, während ich mich auf den Stuhl sinken lasse.
»Sagen wir einfach, du bist nicht der erste feuchte Kerl, der in meinem Büro steht.« Ein leicht verschmitztes Grinsen folgt diesem Satz, dann holt er seine Sachen und klatscht meine Papiere auf seinen Schreibtisch.
»Kaffee?«, fragt er, während er sich setzt, und reicht mir bereits seinen XL Starbucks Becher, ohne mich anzusehen. »Ist noch heiß.«
›Ernsthaft? Du verteidigst mich, streichelst mich, packst mich ein, und jetzt lässt du mich auch noch aus deinem Becherchen trinken? ... Also wenn das kein Flirten ist, Papa Bär, fress ich `nen Besen. ... Oder schieb ihn mir am besten gleich in den Arsch, als Ersatz.‹
»Danke.«
Ich nehme das Pappgefäß, lecke kurz über die kleine Öffnung im Deckel und spüre ein heißes Kribbeln, als ich einen leichten Minzgeschmack wahrnehme. Vermutlich von seiner Zahnpasta.
Während Cole bereits meine ausgedruckten Seiten und Anmerkungen überfliegt, beobachte ich ihn und trinke.
»Mhh ... wow«, seufze ich überrascht, denn ich habe mit schlichtem Filterkaffee gerechnet. »Das ist echt lecker. Was ist das?«
»Caffè Mocha«, antwortet Cole gedankenversunken, ohne aufzuschauen. »Espresso mit einem Schuss Mochasauce und aufgeschäumter Milch, verfeinert mit ein wenig Sahne.«
›Hmhm, vermutlich noch von fluffigen Yak-Kühen aus dem Wolkenland ... Aber ist ja auch irgendwie klar, dass jemand wie du keinen Stino-Mokka säuft.‹
Er liest daraufhin still vor sich hin und ich nippe an seinem Becher, ziehe das Handtuch enger um meinen fröstelnden Oberkörper und rutsche etwas tiefer in den Sitz, während Cole mit konzentriertem Blick die Seiten überfliegt.
Er braucht eine Weile, weshalb ich die Gelegenheit nutze, um mich ein bisschen umzusehen.
Sein Büro sieht genau so aus, wie man es von einem erfolgreichen Mann erwartet. Dunkles Holz in dieser teuren, unaufgeregten Variante, die kühl und sicher zugleich wirkt. Eine durchgestylte Machtdemonstration in Weiß, Anthrazit und diesem dunklen Holzton, der vermutlich einen eigenen Namen hat und mehr kostet als ein neuer Kleinwagen. Dazu eine Menge großer Glasflächen, die das graue Tageslicht, das von draußen hereinfällt, nicht freundlicher machen, sondern lediglich bestätigen.
Sein massiver Schreibtisch ist so aufgeräumt, dass man sich fragt, ob hier überhaupt gearbeitet wird oder ob sich Akten freiwillig ordnen, weil sie Angst haben, sonst bestraft zu werden. Zudem steht genau so viel Technik darauf, dass klar ist: Hier wird entschieden, nicht gespielt.
Ich wubble mich ein bisschen zurecht, denn schon nach wenigen Minuten schmerzt mir der Arsch. Die Stühle sind auf diese elegante Art unbequem, die einem suggeriert, man solle sich besser kurzfassen.
Beleuchtet wird der Raum nicht von einer einzelnen Lampe, sondern von perfekt gesetzten Spots, indirekt, ausreichend warm, um schmeichelhaft zu wirken, und gleichzeitig kühl genug, um keine Nähe zuzulassen. Nichts blendet, nichts flackert, alles ist darauf ausgelegt, dass man sich wohl und trotzdem irgendwie beobachtet fühlt, auch wenn man allein ist.
Die eher untypische Chaiselongue aus dunklem Leder steht zu perfekt platziert, um zufällig zu sein. Ich frage mich unwillkürlich, ob sie für erschöpfte Mandanten gedacht ist oder ob er sie doch eher für andere Dinge nutzt - und wenn ja, wie viele Liter seines Spermas bereits in den Rillen kleben. Wahrscheinlich ist sie für Leute, die vergessen sollen, warum sie überhaupt hier sind.
Persönliches von ihm gibt es kaum. Keine Fotos von feist grinsenden Kindern oder einer perfekt gestylten Ehefrau, keine gemalten Bilder von künstlerisch unbegabten Nachkommen, nicht mal ein Aquarium oder Pflanzen. Nur ein paar gerahmte Zeitungsausschnitte mit Schlagzeilen seiner prominentesten Fälle und eine Menge Zertifikate, die eindeutig untermauern: Du kannst dich auf mich verlassen. Ich bin seriös, hab den Dicksten und bin stets erfolgreich. Mit mir bist du auf der sicheren Seite und gewinnst jeden Fall ... aber ich koste dich ein Vermögen.
Ich grinse vor mich hin, süffle weiter und lasse meinen Blick nach draußen schweifen. Durch die großen Fenster sieht man die Skyline von Manchester, nasse Dächer und volle Straßen, die Stadt in ihrem natürlichen Zustand.
»Na schön«, reißt mich Coles tiefe Stimme aus meiner kleinen Sightseeingtour, und ich bemerke, dass er mich wieder ansieht. »Also, Corey -«
»Oh, äh ... meine Freunde nennen mich Rey«, werfe ich ein, doch er schnalzt nur bedient mit der Zunge.
»Ich mag es nicht, wenn man mich unterbricht, verstanden?! Und wir sind keine Freunde, daher – Corey – hast du studiert? ... Irgendwas?«
»Nein«, seufze ich und weiß, worauf er hinauswill, weshalb ich versuche, mich in ein besseres Licht zu rücken. »Aber ich war lange selbstständig und hab meinen Steuerkram immer alleine gemacht ... und den des Tattoostudios, für das ich gearbeitet hab.«
Letzteres hätte ich mir klemmen sollen, denn es führt dazu, dass Cole die Augenbrauen hebt und aussieht, als würde er mich gleich auslachen.
»Also bist du eigentlich ... was? Tätowierer?«
»Ja«, gebe ich kleinlaut zu, weil freiberuflicher Künstler vermutlich noch mieser klingt.
»Oh Mann.« Cole reibt sich durchs Gesicht. Daraufhin zieht er den Vertrag unter dem Stapel hervor und wirft ihn mir vor die Nase. »Ich will hier mal eine Sache klarstellen«, schnauft er und tippt darauf. »Das hier würde kein Gericht der Welt als rechtskräftig anerkennen.« Ich spanne mich an, will ihn aber nicht provozieren, also nicke ich nur. »Fakt ist: Du hast nicht die erforderlichen Abschlüsse, um für mich zu arbeiten«, redet er weiter und macht mit diesem einen Satz all meine Hoffnungen auf ein besseres Leben zunichte. Keine blumigen Umschreibungen, keine Watte. Bam. Das war`s.
Ein Kloß bildet sich in meinem Hals, weshalb ich mich räuspere und bereits krampfhaft überlege. Ich will irgendwas sagen, doch die Worte verknoten sich in meinem Hirn und mein Unterbewusstsein schreit: ›Er hat sich eben noch für dich eingesetzt. Da kommt bestimmt gleich ein aber. Halt einfach die Klappe und lass ihn weitersprechen.‹
Gleichzeitig nimmt mein Ego jedoch überhand, das sich verteidigen und rausreden will. »Ich denke ... ich könnte trotzdem sehr nützlich für Sie sein. Ich bin es gewohnt, hart zu arbeiten, und -«
Cole hebt die Hand und ich verstumme so abrupt, als hätte er mir den Ton abgedreht.
»Ich weiß«, seufzt er und lehnt sich auf die Ellenbogen, die Finger ineinander gefaltet, die Muskeln unter dem Stoff angespannt, als wolle er mich damit hypnotisieren. Sein linkes Knie berührt mein rechtes, nur kurz, ein zufälliges Streifen, doch es fühlt sich wie ein stilles Geständnis an. »Du hast den Test mit Bravour bestanden, wenn auch ein wenig ... altertümlich ... mit all dem Papier.«
»Mein Laptop ist Schrott«, rechtfertige ich mich weiter. »Aber es ist nicht so, dass ich damit nicht umgehen kann, ganz im Gegenteil. Word, Excel, Outlook, alles kein Problem. Ich weiß, wie man Formeln verwendet und kann notfalls sogar Fall-Illustrationen für Präsentationen machen, Logos oder andere kreative Dinge. Und in Ihre speziellen Abrechnungssysteme fuchse ich mich schnell rein, versprochen.«
Das ich ziemlich witzig, flexibel und eine Granate im Bett bin, wenn auch nur passiv, behalte ich mal für mich, genau wie die Tatsache, dass ich Schwänze lutsche wie ein junger Gott! ... Zumindest ist das Wort öfter gefallen, wenn ich es getan hab.
»Ich glaube dir das«, seufzt Cole und erwidert meinen Blick. »Aber mal ehrlich: Selbst, wenn ich dich jetzt hier arbeiten lasse, wäre das alles andere als angenehm für dich! Wie wütend Derek auf dich ist, brauche ich wohl kaum erwähnen, aber auch Olivia wird nach der Nummer nicht mehr wirklich gut auf dich zu sprechen sein, zumal sie versäumt hat, deinen Ausweis zu kontrollieren, ehe sie dir den Vertrag gab, und es damit auch ihre Schuld ist. Und Juliana, unsere Auszubildende im Paralegal Apprenticeship, die inzwischen ebenfalls eingetroffen sein müsste, wird garantiert just in diesem Moment von Derek darüber aufgeklärt, was du seiner Meinung nach für ein Mensch bist. Folglich wird auch sie keine Freudensprünge machen, wenn sie hört, dass du bleibst.«
»Aber Sie mögen mich, oder?«, brubble ich plötzlich einfach so in seinen High End Kaffee und lächle ihn über die Pappkante hinweg an. »Zumindest fühlt es sich so an ...«
