Patrick - Mein rattenscharfes (Un-)Glück - Vaelis Vaughan - E-Book

Patrick - Mein rattenscharfes (Un-)Glück E-Book

Vaelis Vaughan

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Beschreibung

Patrick - Mein rattenscharfes (Un-)Glück Shapeshifter Gay Fantasy Romance Print 502 Seiten inkl. 4 handgemalten Illustrationen Daniel hat ein Problem. Ein pelziges. Ratten! Denn die sind für ihn der pure Horror! Egal, ob auf Fotos, in Cartoons oder, Gott bewahre, direkt vor seiner Nase. Doch dann liegt da plötzlich eine, mitten in seinem Garten! Verletzt, dreckig und völlig hilflos, aber sie atmet noch. Hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Panik will er den kleinen Nager mit einem Spaten von seinen Leiden erlösen, aber da hebt er den Kopf und schaut ihn mit seinen großen Knopfaugen an, als wolle er sagen: „Tu es nicht! Ich hab auch eine Mama … und ich bin viel knuffiger als du!“ Daniel zögert, hebt den Spaten und wirft ihn schließlich beiseite. Stattdessen ruft er seinen besten Freund an, der Tierarzt ist, und bittet ihn um Hilfe. Dieser rettet den kleinen Patienten, verpflichtet Daniel jedoch, sich um ihn zu kümmern, und ehe sich der versieht, steht ein Käfig in seinem Wohnzimmer. Mit quiekendem, ständig ausbüchsendem, irgendwie viel zu cleverem Inhalt, den er Patrick nennt. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, benimmt sich dieser neue, rattige Mitbewohner auch noch kein bisschen wie seine Artgenossen! Er piepst Songs aus dem Radio mit, fixiert Daniel mit einer geradezu unverschämten Intensität - vor allem, wenn er wenig anhat - und scheint verdächtig viel Spaß daran zu haben, ihn zu veralbern. Doch das ist nur der Anfang. Eines Tages plumpst Patrick nämlich aus Versehen in Daniels Badewanne, und jeglicher Rest von Normalität platzt wie eine Seifenblase! Aus der Ratte wird ein junger, hübscher Mann. Splitternackt, verwirrt und offenbar genauso schockiert wie Daniel. Diese Story nimmt dich mit in eine verrückte, charmant-chaotische Welt, in der Ratten sehr viel süßer sind, als man denkt, Nachbarn in floralen Outfits jede Nervenfaser strapazieren und beste Freunde mehr "gute Ratschläge" geben, als man verkraften kann. Zwischen Witz, Charme, unerwarteten Herzmomenten und einer gehörigen Portion Situationskomik entwickelt sich eine schwule, magische Liebesgeschichte, die dir nicht nur einmal glühende Wangen bescheren wird!

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Klappentext
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Epilog
Nachwort
Danksagungen
Leseprobe
Über Vaelis
Impressum
Fußnoten

Patrick

Mein rattenscharfes (Un-)Glück

Klappentext

Shapeshifter Gay Fantasy Romance

Daniel hat ein Problem. Ein pelziges. Ratten! Denn die sind für ihn der pure Horror! Egal, ob auf Fotos, in Cartoons oder, Gott bewahre, direkt vor seiner Nase. Doch dann liegt da plötzlich eine, mitten in seinem Garten! Verletzt, dreckig und völlig hilflos, aber sie atmet noch. Hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Panik will er den kleinen Nager mit einem Spaten von seinen Leiden erlösen, aber da hebt er den Kopf und schaut ihn mit seinen großen Knopfaugen an, als wolle er sagen: „Tu es nicht! Ich hab auch eine Mama … und ich bin viel knuffiger als du!“ Daniel zögert, hebt den Spaten und wirft ihn schließlich beiseite. Stattdessen ruft er seinen besten Freund an, der Tierarzt ist, und bittet ihn um Hilfe. Dieser rettet den kleinen Patienten, verpflichtet Daniel jedoch, sich um ihn zu kümmern, und ehe sich der versieht, steht ein Käfig in seinem Wohnzimmer. Mit quiekendem, ständig ausbüchsendem, irgendwie viel zu cleverem Inhalt, den er Patrick nennt. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, benimmt sich dieser neue, rattige Mitbewohner auch noch kein bisschen wie seine Artgenossen! Er piepst Songs aus dem Radio mit, fixiert Daniel mit einer geradezu unverschämten Intensität - vor allem, wenn er wenig anhat - und scheint verdächtig viel Spaß daran zu haben, ihn zu veralbern. Doch das ist nur der Anfang. Eines Tages plumpst Patrick nämlich aus Versehen in Daniels Badewanne, und jeglicher Rest von Normalität platzt wie eine Seifenblase! Aus der Ratte wird ein junger, hübscher Mann. Splitternackt, verwirrt und offenbar genauso schockiert wie Daniel.

Kapitel 1

______________

Die Tür zur Werkstatt knallt heftiger zu, als ich beabsichtigt hatte. Ich zucke zusammen, fluche innerlich und laufe dann weiter, als sei nichts gewesen.

Leider passiert mir sowas öfter, weil meine Kraft und diese Welt voller zerbrechlicher Alltagsgegenstände einfach keine harmonische Beziehung führen. Morsche Stufen, die schon knacken, wenn ich sie nur ansehe, mikroskopisch kleine Tasten, Scharniere, die bei jedem noch so sanften Schubs meinerseits ihren Lebenswillen verlieren oder Stühle mit der Widerstandskraft einer Qualle – sie alle zerfallen wie Statisten in einem nuklearen Katastrophenfilm. Für all diese Dinge bin ich schlichtweg nicht geschaffen, was natürlich nicht meine Schuld ist, sondern die eines Universums, das offenbar beschlossen hat, mich als lebendige Abrissbirne mit eingebautem Presslufthammer zu konzipieren. Und nein, Letzteres ist keine Metapher ... aber ich tue jetzt mal so, als hätte ich Anstand.

Meine Hände fühlen sich rau an, nicht unangenehm, nur spürbar pflegebedürftig. Sie sind der Beweis dafür, dass ich meine Arbeit ernst nehme, also schäme ich mich nicht. Außerdem sind Holzsplitternarben und Hornhaut in drei Schichten hier so etwas wie die Firmenuniform.

Einer meiner Finger ist immer noch leicht verfärbt von der letzten Lasur, weil mein Handschuh genau am Mittelfinger einen Riss hat. Sehr symbolisch, wie ich finde. Nun verunstaltet ein dunkler Mahagonifleck meine Haut, der hartnäckiger ist als ein Kaugummi im Teppich eines Kindergartens, und aussieht, als hätte ich was Schmutziges befriedigt.

Ich pelle mich aus meiner schweißnassen Zunftkleidung, die zwar schnittfest ist, aber dafür die Luftzirkulation eines Plastiksacks hat. Dazu muss ich auch noch diese steifen Sicherheitsschuhe mit Zehenkappen und dicker Sohle tragen, die mir im Sommer immer zu klein sind, weil meine Füße bei Hitze anschwellen wie Hefeklöße. Neue kann ich mir nicht leisten, denn mein Chef, Melvin J. Hicks, vertritt den Standpunkt, dass wir Angestellten unsere Arbeitskleidung selbst zu bezahlen haben.

»Dafür sponsere ich ja zwei Betriebsfeiern im Jahr«, redet er sich gerne heraus, als wäre das ein großzügiger Ausgleich. Ich war nur einmal dabei, aus reiner Höflichkeit, kurz nachdem ich hier angefangen habe. Das hat mir gereicht! Wenn ich mich sinnlos betrinken will, kann ich das auch ohne den prüfenden Blick meiner Kollegen! Außerdem hat die gesamte Belegschaft jedes Mal am nächsten Tag übelste Kopfschmerzen, weil Melvin nur den billigsten Fusel aus dem untersten Supermarktregalboden in seine Deluxe-Bowle kippt.

Ich setze mich kurz auf die Bank, ziehe meine Füße aus den schweißnassen Arbeitsschuhen und bewege erstmal schmerzgeplagt keuchend die Zehen.

Selbst hier in der Umkleide hängt der Geruch von Holzlack und Spänen in der Luft, dazu gesellt sich das leise Brummen der Maschinen, welches plötzlich verstummt. Das bedeutet, Melvin macht jetzt ebenfalls Feierabend und wird jeden Moment hier reinschlurfen.

›Schnell weg‹, mahnt daher mein Gehaltsinstinkt.

Ich streife hastig meine lockere Sporthose sowie mein Wechselshirt über, setze mein Basecap auf und breche beim Schließen des Spindes beinahe den Schlüssel ab, weil ich zeitgleich in meine ausgelatschten, sehr bequemen Sneaker schlüpfe. Doch da springt bereits die Tür hinter mir auf.

»Ah, Daniel!«, ruft Melvin, als würde er mich heute zum ersten Mal sehen, und dass ich es hasse, wenn jemand Daniel statt Dan zu mir sagt, scheint dieser Lurch ebenfalls vergessen zu haben! Dazu runzelt er kritisch die Stirn, als hätte ich den ganzen Tag Wasser statt Holzleim benutzt. »Gehst du schon?«

›Schon? Meine Schicht ist seit vierundzwanzig Minuten vorbei, du Fleck.‹

Ich zwinge mich zu einem brummigen, aber neutralen »Hmhm« und greife subtil nach meinem Rucksack.

Melvin wirft einen Blick auf seine Spießerarmbanduhr. »Na gut«, sagt er dann, als wäre es reine Nächstenliebe, mich an einem Freitag eine knappe halbe Stunde nach Feierabend gehen zu lassen. »Aber komm Montag bitte ein bisschen eher, damit der Esszimmer-Auftrag für die Fergusons rechtzeitig fertig wird.«

»Der ist so gut wie erledigt«, entgegne ich und versuche, einen unterschwelligen Tonfall von: Ich reiße mir hier seit Tagen den Arsch auf, also geh mir nicht auf den Sack – mit hineinzulegen. »Außerdem hab ich dafür noch bis Mittwoch Zeit.«

»Ach, ist das so? ... Na dann ist doch alles Klärchen!« Er wechselt sofort in diesen pseudofreundlichen Passiv-Aggressiv-Modus und gibt ein künstliches Lachen zum Besten, bevor er mir auf die Schulter klopft. »Schön, dass ich mich auf dich verlassen kann.«

›Verlogenes Weichei‹, denke ich mir, denn ich sehe an seinem verkniffenen Mund, dass er wieder mal nur gespielt nett ist, weil er Schiss hat. Wovor, weiß ich nicht, immerhin hab ich ihm noch nie Prügel angedroht, aber er ist so einer von der Sorte Menschen, die dir ein herzallerliebstes Wochenende wünschen, ehe sie einem fünf Minuten später die fristlose Kündigung in den Briefkasten stecken und mit quetschenden Reifen davonfahren. Eine verlogene kleine Ratte – genau das ist er! Und es gibt nichts, was ich mehr hasse als Ratten!

Melvin holt noch mal Luft, vermutlich um mir einen völlig unnötigen Einblick in seine Wochenendpläne zu geben, aber mir reicht’s. »Na dann, bis Montag«, beende ich das Gespräch, werfe meinen Rucksack über die Schulter, tippe verabschiedend an den Schirm meines Caps und marschiere Richtung Ausgang.

Vier Jahre arbeite ich schon für den Typen, allerdings nicht aus Loyalität, sondern einzig und allein, weil ich meinen Beruf liebe. Die Werkstatt ist mein zweites Zuhause, Holz ist mein Element und die massiven Maschinen halten selbst Pranken wie meine aus. Der einzige Nachteil ist, dass ich dabei auch Melvin ertragen muss. Zumindest, bis ich irgendwann genug Mut und Kapital habe, mich selbstständig zu machen. Dann baue ich meine eigene Firma auf und ziehe ihm mit links die Kunden ab, denn ich bin schlichtweg der beste Tischler, den dieses Kaff je gesehen hat! Wenn ich erstmal loslege, geht Melvins Verdienstkurve schneller den Bach runter, als er »Bowle« sagen kann!

Zumindest, wenn ich die Lieferungen oben ohne mache ...

Aber jetzt ist erstmal Wochenende. Zeit, das Schleifpapier gegen den Asphalt zu tauschen, und draußen wartet bereits ein ganz anderes Element auf mich: Das Feuer der ewigen Verdammnis - Redfields Hochsommer ... und der Feierabendverkehr.

Die drückende Nachmittagshitze wabert über das Pflaster des Parkplatzes wie geschmolzener Käse und schlägt mir das Aroma verschwitzter Achseln beleibter Dachdecker ins Gesicht, die aus der Firma nebenan geschlurft kommen.

»Heilige Scheiße«, keuche ich, wanke aus dem klimatisierten Vorraum und spüre sofort, wie mein Kreislauf absackt.

›Vielleicht hätte ich in der Mittagspause doch etwas essen sollen.‹

Keuchend setze ich meine Sonnenbrille auf, denn die hellgraue Steinfläche flimmert so blendend in der Sonne, dass mir noch schwindeliger wird als ohnehin schon. Die Autos, an denen ich vorbeilaufe, dampfen regelrecht, die Reifen ächzen und links neben mir explodiert ein überambitionierter Energydrink auf dem Armaturenbrett eines SUV. Ich zucke kurz zusammen, höre dessen Besitzer fluchen und gehe schnell weiter, denn mein Magen knurrt so laut, dass ich mich schon pikiert umsehe, ob ihn jemand gehört hat.

Leider weiß ich, dass in meinem Kühlschrank zu Hause nicht viel auf mich wartet, außer einem alten Cheddar, ein paar Eiern und zwei Gläsern Marmelade von anno dazumal. Also beschließe ich, auf dem Heimweg an irgendeiner Imbissbude anzuhalten.

Meine Schuhsohlen kleben am heißen Beton, genau wie mein Shirt an meinem verschwitzten Rücken, was die Vorstellung einer kalten Dusche nur umso verlockender macht! Aber zuerst die leidige Nahrungsaufnahme. Mein Blutzucker verhöhnt mich bereits und gibt mir Tiernamen. Mein Magen fühlt sich an wie ein schwarzes Loch. Das ist nicht so ein kleines Kohldämpfchen, wie nach dem Bankdrücken, und auch keiner dieser »Ich würd jetzt gern mal was naschen«-Anfälle, sondern ein ausgewachsener »Ich pflück mir gleich das nächste Eichhörnchen vom Baum und fress es roh«-Hunger.

Ich steuere auf das Fahrzeug zu, welches ich diese Woche mein Eigen nennen darf, oder eher muss, weil meine heißgeliebte, aber selten funktionierende Schrottkarre mit Klimaanlage, Platz und Bass mal wieder in der Werkstatt steht. Stattdessen fahre ich nun einen beschissenen Fiat Panda ... in Neongrün! Glänzend! Mit einem Plüschfrosch am Spiegel, einem Duftbäumchen in der Form eines Flamingos und Sitzen, auf denen Überzieher mit floralen rosa Mustern prangen! Ja, wenn Männlichkeit einen Endgegner hätte, sähe er exakt so aus. Da bin ich mir sicher!

Das Auto gehört meiner Cousine Charlotte aka Cherry, die mir noch einen Gefallen schuldete, weil ich den Kleiderschrank ihres Exfreundes aus dem Fenster geworfen habe ... samt ihm darin. Erster Stock, versteht sich. Zum Glück kann Cherry aktuell mit dem Rad zur Arbeit fahren und braucht ihn nicht. Also den Wagen, nicht ihren Ex. Obwohl ... den genauso wenig.

Ich hole den Autoschlüssel aus meiner Gesäßtasche und zögere einen Moment, betrachte das erbsenartige Vehikel und überlege, ob es männlicher wirken würde, wenn ich es anzünde.

›Nein. Ist so schon zu warm.‹

Kopfschüttelnd entriegle ich die Eierschaukel also und öffne die Fahrertür, welche mit einem heiseren Knacken aufspringt, als sei auch sie von Scham durchdrungen, dass sie mich durch die Gegend chauffieren muss.

Ich quetsche mich rein und versuche, das Ganze als Charakterprüfung zu sehen, auch wenn es mir schwerfällt. Der Sitz quietscht beleidigt, meine Knie stoßen direkt ans Lenkrad und die Tür kriege ich nur mit Gewalt zu, da sich meine Schenkel gleichzeitig an dessen Verkleidung und an den Beifahrersitz pressen.

Nein, ich bin nicht fett. Nur breit ... und groß. Zwei Meter drei, um genau zu sein. Ja, richtig. Ich kann meine Fenster von außen putzen – ohne Leiter!

Ich starte den Motor. Der Schaltknüppel fühlt sich an wie ein Spielzeug, als ich ihn in den Rückwärtsgang wuchte und leise vor mich hinmurmle: »Nur noch zwei Tage.«

Die Klimaanlage ist entweder kaputt oder wütend, denn obwohl ich sie auf Eiszeit eingestellt habe, pustet sie mir heiße Luft in die Visage und weht mir damit die letzten kühlenden Schweißperlen aus meinem Fünf-Tage-Bart. Mein einziger Trost bleibt die winzige Sonnenblende, auf der ein Aufkleber mit einem lächelnden Lama prangt. Fast bricht sie ab, als ich sie einstelle, zugegeben wenig empathisch, aber mein Feingefühl funktioniert nun mal nicht in Sahara-Verhältnissen ... und auch sonst nie, denn ich hab keins.

Ich atme tief durch. Durch die Nase. Langsam.

»Zwei Tage noch ...«, wiederhole ich grollend und fahre los, wie ein schlecht zusammengefalteter Campingstuhl mit Sonnenblumenölmotor, aber das ist mir egal. Ich brauche Essen. Jetzt.

Wenige Kilometer weiter biege ich auf eine Seitenstraße ab, von der ich weiß, dass sie von unzähligen Frittenbuden, Asia-Imbissen und Burgerständen gesäumt ist. Die Sonne ballert durchs Fenster und ich spüre, wie sich der Sicherheitsgurt in meine Muskeltitten schneidet, als bestünden sie aus warmem Karamell. Die kleinen Lüftungsschlitze pusten mir soziopathische Hoffnungslosigkeit ins Gesicht, doch dann taucht ein Schild auf: „Zecke`s Grillperle – scharf, saftig, ehrlich.“

Klingt furchtbar. Nehm ich.

Ich parke schräg, haarscharf am Bordstein. Die Panda-Tür knirscht, platzt auf wie ein überreifer grüner Metallpickel, mein rechter Oberarm verhängt sich im Gurt, irgendwo reißt eine Naht. Ich fluche, leise, mit Würde, werfe die Tür zu und bin froh, dass die Scheibe heil bleibt. Dann marschiere ich Richtung Theke, von der aus mir ein Typ mit fettigen langen Haaren und Goldkette entgegen grinst. Er rollt gerade einen großen gegrillten Spieß in Metzgerpapier ein, für meinen glatzköpfigen Vordermann, dem das Wasser schon sichtlich bis zur Oberkante der Kimme steht, weshalb ich auf Abstand bleibe.

Ich warte, geduldig, obwohl`s in mir kocht. Nicht wegen ihm, wegen allem. Ich will einfach nur noch was essen, nach Hause und unter die kalte Dusche.

Der Typ vor mir verschwindet, also bin ich dran.

»Eine große Coke und dreimal die Feuerwurst Spezial mit doppelt Käse, ohne Salat.« Deko brauch ich nicht.

Der Kerl hinterm Tresen, dürr, mit Dutt und Tattoos auf den Fingergelenken, grinst mich an.

»Hunger, wa?«

Ich schnalze mit der Zunge. »Nee, das ist mein Detox-Day. Ich rieche nur an den Würsten, dann geh ich wieder.«

Er lacht kehlig.

»Alles klar! Ich mach sie dir extra unappetitlich!«

»Das dachte ich mir schon ...«

Drei Minuten später schmiegen sich die knackigen Brühpuller erst in ihre Brötchen und anschließend, samt Pappschiffchen, in meine Hände. Ich jongliere sie zurück zum Auto, zwei parke ich auf dem glühenden Dach und lasse sie darauf weiterbrutzeln, derweil ich mich über ihren dritten Leidensgenossen hermache.

Ich beiße hinein, es schmeckt nach Schmerzen, Röstaromen und Erlösung. Ich schlucke, atme durch die Nase, schwitze sofort noch stärker, doch während mein Hals weint, jubelt mein Magen und mein Gehirn schreit nach mehr! Seufzend lehne ich mich an einen Baum und genieße diesen kurzen, brutalen, fettigen Moment des Glücks in dessen Schatten, ehe ich bemerke, dass sich der Käse gerade über den Rand der Pappteller hinaus verflüssigt und blubbernd im Türspalt niederlässt.

»Fuck«, grolle ich und stopfe mir den Rest des ersten Delinquenten hinein, ehe ich die beiden verbliebenden Würste, die wie wütende Vulkane dampfen, vom Dach nehme.

Ein schwarzer Sportwagen rollt vorbei wie ein schlecht getarntes U-Boot, das nach Midlife-Crisis und Samenstau schreit. Der Fahrer fährt das Fenster herunter, eintöniger Bass dröhnt aus dem Wageninneren und er ruft irgendwas mit »Eiweißshakes« und »Bizeps«, ehe er wie fleischgewordene Götterspeise zum Beat wackelt. Normalerweise würde ich zurückbrüllen, aber diese Höllensoße brennt mir gerade übers Zahnfleisch wie Napalm durch Reisfelder. Also nicke ich nur, während ich stoisch weiterkaue, leide, und dabei versuche, nicht zu weinen. Ich ignoriere den Tränenfluss wie ein echter Mann: Mit verkrampftem Kiefer und bebendem Bart.

Ich kann nicht mal wirklich sagen, warum ich jedes Mal die scharfe Variante nehme, wenn es eine gibt. Ich hasse scharfes Essen! Nach spätestens zwei Bissen schmecke ich nichts mehr außer Schmerz ... und trotzdem tue ich es immer wieder. Muss ein Ego-Ding sein.

Als sich das letzte, zähverklebte Stück Brötchen zwischen meine Backenzähne schmuggelt und ich es mit dem gesamten Inhalt der eiskalten Cola herunterspüle, rülpse ich laut und beschließe, dass mein persönliches Tief für heute erreicht ist.

Mit dem serviettenähnlichen Etwas, halb Zellstoff, halb Öllappen, wische ich das angebackene Käseschmatzerinnsal vom Dach und aus der Türritze. Es sieht aus wie ein verendeter Regenwurm und klebt wie mein Ex an gemeinsamen Feiertagen. Dann ramme ich die Verpackungsleichen in den eh schon völlig überforderten Mülleimer, der ein waberndes Eigenleben entwickelt hat, das daraufhin leise nach Gnade röchelt. Anschließend steige ich wieder in dieses Spielzeug auf Rädern und ächze meinem Schicksal eine halblaute Bitte entgegen, dass dieser Tag ein entspannendes Ende haben soll!

Halbwegs enthusiastisch biege ich folglich auf die Hauptstraße ein, bereit für das große nasskalte Finale in meiner Dusche mit abschließender Handentspannung ... aber ich versande direkt in einer Blechlawine, so zähflüssig und erbarmungslos wie kalte Lasagne.

Ein Blick auf die Zeitanzeige der Mittelkonsole enthüllt: Rush-Hour.

Ich spüre die Adern auf meiner Stirn zucken und schreie. Kurz, heiser, wie ein kettenrauchender Cowboy, der mitten im Rodeo bemerkt, dass er Durchfall bekommt. Dann schlage ich mit dem Kopf an die Lehne, nicht hart, nur symbolisch, wobei ich mir selbst im Rückspiegel in die grauen, müden Augen sehe. Früher haben sie mal geleuchtet. Damals, als ich noch Träume hatte und an Wunder geglaubt habe. Heute hab ich Krähenfüße, die ersten dauerhaften Zornesfalten und ... Soße am Kinn.

›Was solls. Schlimmer kann der Tag ja kaum werden‹, denke ich in einem Anfall von Gutgläubigkeit und versuche es mit Akzeptanz. So richtig radikal. Atmen, Schultern senken, Stirn lockern. Ich entspanne mich, schließe die Augen für exakt drei Sekunden und spüre in diesem flüchtigen Moment, wie das Chaos an mir abperlt.

›Gleich bin ich zu Hause, habe endlich Ruhe und bin wieder ich selbst.‹

Oder zumindest eine weniger wütende, brennende, sauberere Version von mir.

***

Nach siebenundfünfzig Minuten Stau, Blech an Blech, röhrenden Motoren, quietschenden Reifen und einem Duftgemisch aus Abgasen, heißem Gummi und alten Pommes, bin ich endlich daheim.

Ich parke den Fahrfrosch unter meinem Carport, hieve meinen schweißgebadeten Körper aus dem Sitz, überhöre das peinlich schmatzende Geräusch, das mein Arsch dabei macht, und werfe die Tür hinter mir zu. Diesmal scheppert sie so laut, dass ich mich richtig erschrocken umdrehe. Ich bin es nicht mehr gewöhnt, dass Autotüren solchen Krach machen. Die von meinem Wagen seufzt nur noch leise, weil ich einen Dämpfer eingebaut habe, der angeblich gut für die Nerven sein soll. Aber heute sind all meine noch funktionierenden Synapsen eh irgendwo zwischen Wurstresten und Schweißflecken in dieser Klimaanlage aus der Hölle verdampft.

Ich will gar nicht daran denken, dass ich später noch ins Gym fahren muss, um meinen Trainingsplan einzuhalten, aber jetzt heißt es erst mal durchatmen, duschen, die Glotze anmachen und die Welt hier draußen vergessen.

Als ich den Weg zu meiner Haustür betrete, bemerke ich, dass sich der Himmel bereits orange färbt. Die Sonne taucht hinter den Häusern ab, die ersten Grillen melden sich und irgendwo schallern Oldies aus einem Radio.

Es ist immer noch nicht angenehm Sommerabend-Barbecue-warm, sondern nach wie vor schweißdrüsenschmelzend und hirnverflüssigend heiß. Die höchste Temperatur, die jemals in South Dakota gemessen wurde, betrug 120°F. Ja, das war 2006, aber auch heute beherrschen flirrend heiße Sommer und extrem kalte Winter die Gegend.1

Die Sonne hängt wie eine brennende Ohrfeige über dem Reihenhausviertel und der Rasen meines Vorgartens sieht aus, als hätte ihn jemand in eine Fritteuse gepackt. Hellbraun, spröde, tot – fast wie meine Haare. Der kleine Kirschbaum neben den Mülltonnen lässt sich seelenlos über dem Rasen hängen, wie ein Teenager, der Laub harken soll.

Seit drei Jahren bin ich nun stolzer Eigenheimbesitzer eines XL-Bungalows am grüngelben Stadtrand und habe mich als Hobby-Gärtner versucht. Erfolglos, wie man unschwer erkennen kann. Das Unkraut zwischen den Gehwegplatten, das kaputte Planschbecken, das ich letzten Sommer für meine Nichte aufgepustet habe, die in sämtliche Richtungen wuchernden Hecken: alles schreit nach Vernachlässigung ... und Wasser. Aber ich habe einfach keinen Nerv mehr dafür.

Nur drei Schritte von meiner erlösenden Haustür entfernt werde ich plötzlich angesprochen.

»Oh, hi Dan«, dringt die grelle Stimme meiner Nachbarin Carol in meine Ohren. Sie, eine wandelnde Mischung aus Hobby-Paparazzi und Kleingartenrichterin, um die fünfzig, geschieden, im vorgezogenen Ruhestand, hat nur noch drei Lebensinhalte: Ihre Katze, Gartenarbeit und andere ausspionieren. Dabei trägt sie immer einen Strohhut, doch nie denselben! Sie muss tausende davon haben. Genau wie diese Blümchenkleider, heute eins mit Tulpenmuster, das so steif und makellos aussieht, als käme es direkt vom Bügelbrett.

»Hi Carol«, blubbere ich nur vor mich hin, bleibe jedoch nicht stehen und drehe mich auch nicht um. Nicht weil ich unhöflich bin ... na ja, das auch ... aber vor allem, weil ich weiß, dass sie mir noch viel länger auf den Sack gehen wird, wenn ich sie ansehe, und das gibt mein Nervenkostüm heute einfach nicht mehr her.

»Ihr Oleander sieht ziemlich jämmerlich aus«, ruft sie zu mir rüber und räuspert sich nach einer kurzen Pause. »Genau wie der Kirschbaum und Ihr Rasen ... der ist völlig ausgetrocknet!«

›Wenns dich so stört, dann halt doch einfach mal deinen scheiß Schlauch über den Zaun und wässre ihn, du wandelnde Gießkanne aus der Hölle!‹

»Ich weiß«, murre ich nur, während ich in meiner Tasche wühle wie ein Suchtkranker nach seinem letzten Herointütchen.

»Esther hat den Garten so sehr geliebt und immer gepflegt«, höre ich sie plötzlich leise von der alten Vorbesitzerin reden und spüre ihren Blick so brennend auf meinem Rücken, dass ich es kaum aushalte. Diese Mischung aus Empörung, Mitleid und der Frage, ob man mich anzeigen kann, weil ich meine Botanik vernachlässige.

»Ich muss eben arbeiten, Carol«, verteidige ich mich grummelnd. »Acht Stunden am Tag!«

Sie schnauft. »Ich verstehe ja, dass Sie nicht so viel Zeit haben wie ein Rentner«, lenkt sie ein, doch ich höre direkt das aber klingeln. »Aber«, da ist es, »wieso haben Sie sich denn ein Haus mit Garten gekauft, wenn Sie ihn gar nicht bewirtschaften können?«

›Um meine Ruhe zu haben!!! Ja, war ein Irrtum!‹

Zum Glück erwartet sie keine Antwort und redet einfach weiter: »Ich würde Ihnen ja helfen«, säuselt sie und klingt dabei wie ein quietschendes Garagentor, während ihre Nase verdächtig zuckt. »Aber dafür müssten Sie mich schon wenigstens mal ab und zu auf einen Kaffee einladen.«

Ich lache. Innerlich. Als ob ich in ihrer Schuld stehen und diese Stimme auch nur eine Minute länger ertragen wollen würde als nötig!

Ich stecke den Schlüssel ins Schloss, empfinde das Knacken der Tür wie einen Trommelwirbel der Freiheit und antworte: »Danke, aber ich krieg das schon hin.« Ein Satz wie ein dünner Regenschirm im Tornado. Trotzdem hoffe ich, dass sie es dabei belässt, doch natürlich tut sie mir den Gefallen nicht.

»Also gießen Sie heute noch oder soll ich Ihnen ein paar Kakteen schenken?«, giftet sie weiter und ich drehe mich halb um. Ich lächle, obwohl ich gerade innerlich explodiere. »Klar, ich kümmere mich gleich darum. Sobald ich das Blumenmädchen in mir gefunden habe ... oder einen Benzinkanister.«

Sie lacht. Laut. Schrill. Wahrscheinlich stellt sie sich gerade vor, wie ich mich in ein rosa Ballettröckchen quetsche. Mir egal, ich nutze die Gelegenheit und verschwinde hinter der Haustür. Kurz bevor ich sie schließe, höre ich noch, wie sie weiterreden will, aber da ist das Brett auch schon zu.

Erleichtert werfe ich den Schlüssel in die Holzschale auf meiner Garderobe, nehme mein staubiges Cappy ab und schlüpfe aus meinen Turnschuhen. Meine Klamotten kleben, mein Gesicht brennt und meine Füße fühlen sich an wie zwei müde Bratpfannen. Während ich mir bereits das vollgeschwitzte Shirt über den Kopf ziehe, bemerke ich die Wolke aus Schweiß, Käsesoße und seelischem Verfall, die von meinem Körper aufsteigt.

»Puh ...«, schnaufe ich mir selbst zu und da ich keinen zwei Meter großen Fleck auf der Couch hinterlassen will, gehe ich erstmal direkt unter die Dusche.

Mein Bad ist klein, funktional und so gemütlich wie ein Wartezimmer in der Notaufnahme. Ja, die beigen Fliesen, die vermutlich mal als sandsteinfarben verkauft wurden und heute eher an durchgekauten Toast erinnern, sind kein Hingucker, aber in der Regel schlurfe ich hier mit halb geschlossenen Augen rein, also was solls.

Ich werfe meine Klamotten allesamt in den grauen Rattan-Wäschepuff, den ich mir vor sieben Jahren für meine erste eigene Bude in Minneapolis gekauft habe. Damals war alles in meiner Wohnung stylisch und farblich aufeinander abgestimmt. Anthrazit mit viel Chrom und schwarzem Hochglanzkram, den ich ständig putzen musste, weil man jeden Fingerabdruck darauf sah. Heute bin ich da wesentlich pragmatischer und kaufe nur noch Sachen, die dreckabweisend sind. Farbe egal. Solange es nicht schimmelt, ganz und sauber ist, nehm ich`s.

Ich steige in die Duschkabine mit den Schwenktüren, die jedes Mal klemmen, wenn ich eh schon schlechte Laune oder Zeitdruck habe. Also immer. Ich drehe das Wasser auf kalt, so kalt, dass selbst meine Gedanken für einen Moment einfrieren.

Eine Weile stehe ich einfach nur so da, schließe die Augen, rühre mich kaum und lehne den Kopf in den Nacken, um den frischen Schauer zu genießen, der durch meine schwitzig verklebten, schulterlangen Haare rinnt. Erst nach mehreren Minuten fingere ich in dem rostigen alten Wandhalter umher, aus welchem ich zwei der fünf angefangenen Flaschen heraussuche. Ich blinzle unter dem Wasserstrahl hervor und lese auf dem Duschgeletikett irgendwas von Minze und Zitrone. Ein Geschenk von Cherry, genau wie das Aktivkohle-Shampoo, das sich dazugesellt hat. Passt. Zumindest besser als die ominöse Tube mit der russischen Aufschrift, die ich mal aus Versehen gekauft hab. Ich glaub es war Gleitgel, denn geschäumt hat da gar nichts, außer meiner Wut, als mir die Suppe ins Auge geglitscht ist.

Ich drehe den Hahn zu, wasche mich von Kopf bis Fuß durch und versuche dabei nicht auf den Kalk zu achten, der aus den Ecken langsam Richtung Decke kriecht, als hätte er sich mitsamt den immer schwärzer werdenden Silikonfugen gegen mich verschworen.

›Nein, nein ... alles wurscht. Ich mach heut gar nichts mehr!‹

Wahrscheinlich denke ich mir das zu oft, sonst würde es hier definitiv anders aussehen, aber egal. Einmal tief durchatmen und das Chaos abspülen, zumindest oberflächlich.

Gut zehn Minuten später ist die Abkühlungsphase beendet und ich steige tropfnass auf die durchgenudelte blaue Memory-Foam-Badematte, die dabei leise seufzt, als hätte sie Depressionen. Ich greife mir das nächstbeste Handtuch, auch wenn es nach Keller riecht, und rubble mir damit das Gesicht trocken, denn ich bin zu erschöpft, um wählerisch zu sein.

Ich wische einmal mit der Hand den Wandspiegel frei, der leicht angelaufen ist und einen Sprung in der Ecke hat, der aussieht wie eine geplatzte Ader. Die Zahnbürste liegt quer auf der Ablage über dem Waschbecken, daneben ein halb zerdrückter Weichplastikbecher mit Rasierzeug, das ich seit einer Weile ignoriere.

Ich sehe mich an und pruste: »Oh Mann ... so fertig hast du aber auch schon lange nicht mehr ausgesehen!« Kurzerhand schmiere ich mir eine schweinchenrosafarbene Anti-Falten-Creme für echte Kerle in die Visage und verlasse das Bad gen Schlafzimmer, um mir eine frisch gewaschene Jogginghose und ein Shirt aus dem Kleiderschrank zu zupfen.

Vielleicht hätte ich zu den zig Überstunden und den unzähligen Wochenendschichten der letzten Monate mal ab und zu nein sagen sollen. Klar brauche ich gerade jeden Penny für die Reparaturen am Haus, aber genauso benötige ich auch mal andere Gesprächspartner als meinen Toaster. Und Sex wär auch mal wieder nett! Ich war schon ewig nicht mehr aus, denn jedes Mal, wenn ich einen heißen Typen mit nach Hause gebracht hab, stand Carol postwendend im Garten, in voller Schürzenmontur, und blökte nach ihrer dämlichen Perserkatze Princess, als wär sie das letzte Rettungsboot auf der Titanic. Selbst mitten in der Nacht, bei Regen! Ganz ehrlich, eine Feuerwehr-Sirene ist ein Scheiß gegen das Organ dieser Frau.

Inzwischen bin ich mir auch ziemlich sicher, dass sie das nur macht, um währenddessen heimlich durch meine Fenster zu glotzen. Wahrscheinlich führt sie Buch ... oder schreibt Fanfictions über die heißen Exzesse ihrer Nachbarn, deren Liebesleben sie anschließend zerstört, weil ihr feste Beziehungen zu langweilig sind!

Aus meiner letzten Eroberung und mir hätte echt was werden können. Er hieß Sayid, hatte pechschwarze Locken, war fünfundzwanzig und genau mein Typ. Ich hab ihn zufällig kennengelernt, als ich zwanzig Meilen von hier einen Kundenauftrag auslieferte und danach an einer Eisdiele anhielt. Er stand vor mir in der Schlange, ich hörte mir an, was er bestellt, und sagte daraufhin sowas wie »Der Mann hat Geschmack. Ich nehm dasselbe«, woraufhin er mich angrinste und wir uns unterhielten. Letztendlich kam er spontan mit zu mir und wir hatten die halbe Nacht hindurch leidenschaftlichen Sex plus ein gemeinsames Frühstück am nächsten Morgen – was eine echte Seltenheit ist, zumindest bei One-Night-Stands! Er wirkte ehrlich interessiert, stellte mir viele Fragen und war so angetan, dass wir uns schon für den nächsten Tag zu einem Koch- und Filmabend bei mir verabredeten. Das war auch der einzige Grund, wieso ich ihm einfach nur meine Nummer gab und gar nicht erst nach seiner fragte. Na ja, und weil ich nicht klammernd oder gar verzweifelt wirken wollte. Zudem war ich fest davon überzeugt, dass er sich meldet und verabschiedete ihn deshalb auch nur mit einem saloppen »Komm gut heim«, als er ging. Doch kurz nachdem ich die Haustür geschlossen hatte, hörte ich bereits Carols Stimme.

»Guten Morgen der Herr«, flötete sie, weshalb ich schnell zum angekippten Wohnzimmerfenster lief und unauffällig beobachtete, wie sie sich im Morgenmantel über den Gartenzaun lehnte, während sie meinen Besuch wie ein Röntgengerät mit Persönlichkeitsstörung musterte. »Na Mensch, halb zehn durch?! Herzlichen Glückwunsch, die anderen hat er alle deutlich früher rausgeschmissen. Aber war ja auch nicht zu überhören, dass Sie Spaß hatten ... Klang äußerst sportlich.«

Ja, klar, es war ein neckisch gemeinter Scherz und sie zwinkerte ihm dabei zu, doch gleichzeitig schmatzte sie so komisch widerlich langsam, obwohl sie gar nichts im Mund hatte. Das war so ein Geräusch, das nur Leute machen, die in ihrer Freizeit Origami aus Leichenteilen falten.

Mein Date ging daraufhin verstört lächelnd rückwärts die Einfahrt hinunter, ehe er sich umdrehte und an der Bushaltestelle, seinem eigentlichen Ziel, vorbeilief. Ich stand wie eingefroren da, die Hand immer noch am Vorhang, während ich ihm hinterher sah.

Er hat sich nie wieder gemeldet.

Verständlich. Ich würd mich auch ghosten, wenn die Gefahr besteht, dass mir Carol bei jedem Treffen sexuelle Anspielungen ins Gesicht zischelt wie ein notgeiler Basilisk im Nachthemd. Und wer kann schon in Ruhe vögeln, wenn er weiß, dass einem vermutlich diese Vorhölle im Tulpenkleid zuhört und sich dabei Notizen macht?

Seitdem hab ich jedenfalls niemanden mehr zu mir eingeladen und selbst am Wochenende gearbeitet. Aber dieses werde ich einhundertprozentig auf der Couch verbringen. Und zwar ab jetzt, bevor sich das Schicksal wieder irgendeinen neuen Mist einfallen lässt, um mich zu piesacken. Ich will einfach nur noch Ruhe, ein eiskaltes Radler, ein weiches Kissen unter meinem Schädel und meine Lieblingsserie durchsuchten, bis ich zum Sport gehe. Letzteres ist optional.

Ich lasse mich also auf die dunkelgrauen Polster meines Sofas sinken, atme tief durch und angle nach der Fernbedienung, die auf dem Couchtisch davor liegt. In diesem Moment fällt mein Blick jedoch durch die Terrassentür in den hinteren Garten und ich halte inne. Nicht freiwillig, mehr aus Schock, den das braungelbe Endzeit-Panorama in mir auslöst.

Carols Worte hallen in meinem Kopf wider: »Esther hat den Garten so sehr geliebt ...«

Jetzt sieht er aus wie zehn Jahre nach der Apokalypse, durchzogen von sterbenden Bäumen, vertrockneten Löwenzahnleichen und einem traurigen Plastikwindrad, das sich seit Tagen nicht mehr bewegt hat.

Ich seufze und erinnere mich an die alte Dame, der ich das Grundstück damals für einen Spottpreis abgekauft habe. Sie hatte keinen Makler, der hätte den Preis nicht zugelassen, das steht fest, aber ihr ging es auch nicht ums Geld. Sie war fast neunzig, hatte keine Kinder und Krebs im Endstadium. Sie wollte einfach nur noch sichergehen, dass jemand Junges hier einzieht, der die Kraft hat, etwas Tolles aus dem Haus und dem Garten zu machen.

Tja. Kraft hab ich, das hat sie gesehen, und anfangs war da auch wirklich ein ernsthafter Wille. Ich zog ein, nahm mir frei, renovierte, schickte ihr sogar ab und zu Fotos ... aber dann starb sie und ich musste niemandem mehr etwas beweisen. Das Letzte, was ich tat, war das Wohnzimmer mit dieser grün-gestreiften Tapete zu verschandeln, die ich im Discounter bekommen habe. Dann holte mich der Alltag ein und jetzt sieht es so aus, wie es aussieht.

Ich glaube, innerlich hab ich immer gehofft, dass ich irgendwann einen Typen kennenlerne, der richtig Bock auf Gartenarbeit hat ... aber so jemand kam nie und ich hab eben keinen Nerv für Blümchen.

»Vielleicht regnet es ja noch«, murmle ich zu mir selbst, suche den Wetterbericht über die Fernbedienung heraus und bete inständig um irgendein nasses Wunder, das mir die Arbeit abnimmt. Doch stattdessen: Trocken und Sonne, Sonne, Sonne. Willkommen in South Dakota, der freundlichen Bratpfanne Amerikas. Wenn du es kühler willst, komm im Dezember wieder!

Da fällt es mir ein.

›Dezember ... Ja! Cherry hat mir doch zu Weihnachten diesen knallgelben Rasensprenkler geschenkt, weil mein Garten letzten Sommer auch schon so schlimm aussah!‹

Sie schwärmte mir eine halbe Ewigkeit davon vor, dass es der Beste auf dem Markt sei, mit Antikalkvorrichtung, sechsfachem Sprengradius und sogar einem programmierbaren Timer!

›Warum erinnere ich mich erst jetzt an dieses Kackteil?!‹

Ich wuchte mich hoch und überlege, wo ich es hingetan habe, schnaube, drehe mich im Kreis und stapfe zu meiner Lagerkammer, in deren Regale ich eigentlich alles werfe, was ich nicht brauche, aber vielleicht irgendwann weiterverschenken kann, obwohl es niemand will. Flaschenöffner mit sexistischen Sprüchen, LED-Schneekugeln, Plastikdinos, alkoholfreier Sekt oder dieser sprechende Elchhut von meinem Ex. Ich öffne den Deckel der ganz unten auf dem Boden stehenden, großen Ramschtruhe aus Plastik und da liegt er. Der Sprinkler. Noch immer originalverpackt und mit so vielen Düsen, dass er aussieht wie ein hydraulisches Insekt aus der Zukunft.

»Schön! Ich installiere dich jetzt, stell dich auf zweimal wässern pro Tag ein und dann muss ich mir nie wieder anhören -« Ich breche ab. »Nein, Moment! Dann wuchert mir alles zu und ich muss ständig mähen! Außerdem ist meine Wasserrechnung jetzt schon viel zu hoch! ... Dreimal die Woche - das muss reichen!« Gerade genug, dass nichts verreckt, aber auch nicht so viel, dass es ordentlich wächst. Klingt nach einem Plan!

Ich reiße das Teil aus der Verpackung, überfliege die Anleitung und schlüpfe bereits in meine Gartengummischlappen, mit denen ich durch die Terrassentür in den gebackenen Garten schlurfe. Das Gras knistert beim Laufen unter meinen Füßen wie verbranntes Popcorn, also peile ich direkt den Zapfhahn an, über welchem auch der heiße, labbrig aufgeweichte Gartenschlauch hängt. Ich knie mich hin, schraube die Anschlüsse drauf, fluche, ziehe sie wieder ab und mach es nochmal, diesmal richtig herum. Dabei muss ich mir schon über die Stirn wischen. Nur wenige Minuten in der prallen Sonne und mein Körper ist erneut schweißglasiert. Doch ich ignoriere die lästigen Umstände, genau wie die Ameisenkolonie unter meinem Knie, die mir bereits das Bein hochkrabbelt, versuche mich zu konzentrieren und mein Vorhaben einfach nur möglichst schnell umzusetzen, damit ich zurück ins Haus verschwinden kann, ehe mich einer der Nachbarn sieht.

»So! Sitzt!«

Stolz positioniere ich das futuristische Teil in der Mitte meines Gartens, stelle den Radius auf Maximum, gehe zurück und drehe den Hahn auf! Volle Pulle! Statt der erwarteten Fontäne zischt es jedoch nur, gurgelt, blubbert und sprenkelt anschließend ziemlich erbärmlich in höchstens einem Meter Durchmesser vor sich hin.

»Hm.« Frustriert grummelnd stemme ich die Hände in die Hüften, doch dann bemerke ich, dass ich auf dem weichen Wabbelschlauch stehe und nehme den Fuß runter. Brühwarm spritzt es sogleich in alle Richtungen und ich springe zurück, aber gerade, als ich aufjubeln will, höre ich ein empörtes Fauchen, das meine Freude im Keim erstickt.

Ich schaue mich um und sehe sie sofort. Princess! Carols dämliche rote Perserkatze, die aussieht wie ein übergroßer, halb verrotteter Pfirsich. Wie so oft sitzt sie im sandigen Bereich zwischen meiner Gartenbank und der Feuerschale, den Schwanz hoch in der Luft, der Blick hervorquellend, die Haltung eindeutig.

»Du Mistvieh kackst da nicht schon wieder hin, oder?«, frage ich rhetorisch und will irgendwas nach ihr werfen, aber da auf kurze Entfernung nur schwere Steine greifbar sind und ich sie nicht umbringen will, reiße ich einfach das Verbindungsstück aus dem Sprinkler und halte ihr den Wasserstrahl mit chirurgischer Präzision direkt auf den Arsch.

Princess springt laut motzend hoch, flatscht nass auf den Boden wie eine überreife Erdbeere und wetzt anschließend wie eine angesengte Sau durch die Hecke. Irgendwo dort lauert vermutlich Carol bereits mit einem Handtuch und schreibt mir heute noch eine Strafanzeige. Trotzdem grinse ich triumphierend, zumindest, bis mein Blick auf das fällt, was die Katze hinterlassen hat.

»Alter Schwede!«

Angeekelt und zugleich irgendwie beeindruckt, bemerke ich, dass sie sich offenbar so sehr erschrocken hat, dass ihr gesamter Darminhalt rausgeschossen ist. Jedenfalls ist dieser unförmige, verkrustete Haufen ungewöhnlich groß und – ... pelzig?

›Moment.‹

Ich lasse das Endstück des Schlauches wieder in den Sprinkler einrasten, welcher das Wasser nun in einem feinen Regen bis zur Feuerschale wirft, und gehe langsam näher.

Zwischen Aschebrocken und zerbröseltem Unkraut, halb im Sand vergraben, liegt etwas Handgroßes, Haariges, das definitiv nicht dorthin gehört.

›Das ... das ist doch kein Scheißhaufen?‹, wird mir klar, aber es ist so dreckverschmiert, dass man kaum was erkennt. Erst denke ich, es ist ein Haarknäuel oder irgendwas anderes, was sie gefressen und wieder hochgewürgt hat, aber dafür ist es viel zu groß! Unter all dem Schmutz erkenne ich zudem kleine schwarz-weiße Fleckchen, die aussehen, wie das Fell eines Dalmatiners. Nur länger, unregelmäßiger und nicht so perfekt rund.

›Ist das ... ein Plüschtier?‹

Gerade als ich es anstupsen will, bemerke ich jedoch, wie sich die Flanke des kleinen Wesens hebt und senkt, kaum merklich, und doch so eindeutig, dass ich mir sicher bin, dass es lebendig ist.

»Oh nein ...«

Schlagartig werde ich von Schuldgefühlen übermannt und fahre mir verzweifelt durch die Haare.

›Hat sich diese notgeile, alte Muschi schon wieder schwängern lassen!?‹

Wäre nicht das erste Mal.

Reuevoll hocke ich mich hin und fühle mich wie der herzloseste Kerl auf diesem Planeten.

Man spritzt kein Lebewesen mit Wasser ab, das gerade ein Baby zur Welt bringt! Nicht mal, wenn man es absolut nicht ausstehen kann!

›Aber warum wirft diese dämliche Katze ihr Junges ausgerechnet in meinem Garten? Praktisch mitten im Feindesgebiet und dann auch noch in der prallen Sonne!?‹

Ich will das winzige, nasse Wesen aufheben, um es schnell zu Carol rüberzubringen, denn die hat ja inzwischen Ahnung von diesen kleinen Würmchen. Doch kurz bevor ich es anfasse, ringelt sich plötzlich ein langer, riffliger Schwanz aus dem Sand, der wie ein trockener, fetter Regenwurm aussieht, und ich erstarre.

›Was ... zum ... Teufel?‹

Spätestens als es auch noch den Kopf unter dem Ärmchen hervorzieht und ein haarloses, großes Ohr hervorploppt, gibt es keinen Zweifel mehr.

Es ist eine Ratte.

Ich schreie heiser auf, halb erstickt von meiner eigenen Panik und doch laut genug. So ein Kreischen, irgendwo zwischen entsetztem Kichern und brüchigem Röcheln, das in den meisten Filmen zu einer Ohrfeige führt. Ich falle zurück und lande auf meinem Hintern. Mein Puls hämmert augenblicklich gegen meine Schläfen und mir wird heiß. Also noch heißer als zuvor.

Es gibt nichts, wovor ich Angst habe! Absolut gar nichts ... außer vor Ratten!

Als Kind war ich oft bei meiner Oma auf dem Hof und erledigte schon früh kleine Aufgaben für sie. Einmal, im Winter, sollte ich eine Schale mit Biomüll nach draußen in die Tonne bringen. Sofort sehe ich die Szene vor meinem inneren Auge ablaufen, als wäre sie gestern passiert. Ich stieg auf einen umgedrehten Eimer, öffnete die klebrige, stinkende, halbvolle Mülltonne, beugte mich darüber und wollte gerade die Küchenreste aus der Schale hineinkippen, da sprang mir so eine graubraune Monsterratte mitten ins Gesicht! Sie kreischte, krallte sich an mir fest, biss mich, zerkratzte mir die Stirn und ich stürzte zu Boden, ehe sie mich endlich losließ und davonrannte.

In meinem Schock blieb ich liegen, mitten im Schnee, mit einer Platzwunde am Hinterkopf. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis mich meine Oma suchen kam und anschließend sofort in ein Krankenhaus brachte. Ich hatte eine fette Unterkühlung, musste mit sechs Stichen genäht werden und zwei Wochen Antibiotika nehmen. Was von dieser Begegnung bis heute bleibt, ist eine Ratten-Phobie fürs Leben und ein paar Narben auf Schläfenhöhe, über die ich stets die Haare hängen lasse, wenn ich draußen bin.

»Dan? Ist alles okay?«, reißt mich Carols schrille Stimme wieder zurück in die Gegenwart und zum ersten Mal bin ich ihr sogar dankbar dafür. Zumindest bis zu dem Moment, wo sie hörbar amüsiert ruft: »Kam dieses quietschende Geräusch gerade aus Ihrer Kehle?«

Hektisch strauchle ich rückwärts und versuche, wieder halbwegs normal zu atmen, um antworten zu können, doch mein Hals ist noch immer wie blockiert, solange ich dieses halbtote Vieh anstarre.

›Alles gut! Alles gut! Sie ist so gut wie tot! Die kann mir nichts mehr tun!‹, rede ich mir selbst ein, um irgendwie die Kontrolle über meinen Körper zurückzuerlangen.

»Oooooh, Dan! Sie wässern ja den Garten! Wie schön!«, quakt sie weiter, während ich mit aller Macht den Blick von meinem Erzfeind wegreiße. »... Dan? Was machen Sie denn da auf dem Boden?«

»I-Ich ... nichts«, stammle ich keuchend und kämpfe mich hoch. Erst jetzt bemerke ich, dass ich klatschnass bin, und das liegt sicher nicht nur an dem Sprinklerregen. »I-Ihre Katze ha-hat ... e-eine Ratte in meinen Garten geschleppt!«, bringe ich endlich hervor, doch Carol zieht gleich abwehrend die Nase hoch.

»Princess?«, ihr Ton wird greller. »Das kann gar nicht sein! Sie ist eine edle Rassekatze und sehr gemütlich! Sie jagt schon seit Jahren nichts mehr!«

»Tja, dann scheint ihr gerade äußerst langweilig zu sein, denn bis eben hat sie noch über dieser Kreatur da gehockt!«

»Na und wenn schon! Das heißt ja noch lange nicht, dass sie die auch getötet hat! Und falls doch, sollten wir wohl eher froh sein! Oder wollen Sie lieber eine lebendige Ratte im Garten?«

»Die ist lebendig«, werfe ich ein und bringe weiter Abstand zwischen mich und den kleinen Teufel. »Sie bewegt sich kaum, aber sie atmet!«

»Hm«, schnauft Carol durch die Hecke und ich bemerke, wie sie sich entfernt. »Na dann nehmen Sie sich lieber einen Spaten und geben ihr den Rest, ehe sie noch zu mir rüberkriecht!«

Für einige Sekunden erstarre ich erneut, höre, wie ihre Terrassentür zuknallt und lasse meinen Blick ganz langsam wieder zu dem ungebetenen Nagetier gleiten, von dem ich mich gute vier Meter entfernt habe. Es zuckt spastisch, scheint sogar noch einmal zu versuchen, sich aufzurichten, doch je länger das Wasser auf sein Fell rieselt, desto deutlicher erkenne ich, dass der sich auflösende Dreck auf seinem Körper die weißen Haare rot färbt. Es ist also gar kein Schmutz, sondern Blut. Zumindest zum Teil. Princess scheint das Vieh bereits übel zerbissen zu haben.

Klar könnte ich jetzt einfach zurück ins Haus gehen und es hier draußen in aller Seelenruhe verrecken lassen, vor allem, da Carols Vorschlag im ersten Moment echt barbarisch klingt. Andererseits wäre es wohl weitaus gnädiger, es von seinen Leiden zu erlösen, denn es quält sich ja sichtlich.

Hin und hergerissen wanke ich vor und zurück.

Ich will das nicht tun. Ich hab noch nie ein Tier getötet und will diesem Ding auch nicht nochmal zu nahe kommen ... aber ich weiß genau, dass ich mir nie mehr in die Augen sehen könnte, wenn ich es qualvoll in der prallen Sonne verenden lassen würde.

»Verdammte Scheiße«, fluche ich schließlich, wirble herum, drehe den Sprinkler aus und laufe mit zittrigen Händen zu meinem kleinen Schuppen, um einen Spaten zu holen. Sobald ich ihn habe, taumle ich zurück, stolpere über den Gartenschlauch, fange mich gerade so ab und lande beinahe mit dem rechten Knie im matschigen Blumenbeet. Mit rasendem Puls kämpfe ich mich wieder hoch und gehe weiter, doch die letzten drei Meter sind eine echte Qual. Etwa eine Armlänge entfernt ist das absolute Maximum an Nähe, das ich ohne Kreislaufkollaps hinbekomme, und trotzdem bricht mir abermals der Schweiß aus.

»Oh bitte, bitte, bitte ... spring mich nicht an!«, bete ich leise vor mich hin und habe das Gefühl, jeden Moment einen Schlaganfall zu erleiden. Ich bemerke, wie ihre Hinterbeine zucken, als wolle sie fortlaufen, und erst jetzt fällt mir auf, dass eines davon verdreht aussieht. Mein Magen krampft sich zusammen, also atme ich noch einmal tief durch, ehe ich den Spaten hebe und fast schon flehend keuche: »Beweg dich einfach nicht, dann ist es ganz schnell vorbei!«

Ich ziele, Schweiß tropft mir von der Stirn, aber gerade, als ich ihr den Kopf von den Schultern trennen will, schwankt dieser ein kleines Stück hoch. Die Ratte blinzelt ... und schaut mich an.

Meine Kehle schnürt sich zu. Ich zögere.

Sie bewegt sich nicht, hebt nur minimal das rechte Vorderpfötchen, als könne sie sich damit vor meinem Angriff schützen. Gleichzeitig sieht sie mit ihren überraschend blauen Augen ängstlich zu mir auf. Sie schimmern – nicht vor Leben, sondern eher wie zwei kleine Scherben, in denen sich das Sonnenlicht bricht.

›Sie ... wird gar nichts spüren‹, versuche ich mich selbst zu motivieren, will mich überwinden, beiße die Zähne zusammen, aber ich bin wie erstarrt, denn ihr Blick sagt eindeutig: Bitte, tu’s nicht! Daraufhin schnieft sie regelrecht erbärmlich und piepst leise, was sich anhört wie: »Ich hab auch Eltern ... und ich bin viel niedlicher als du!«

Ich lasse mein Mordwerkzeug in spe sinken und muss wegschauen, weil ich bemerke, wie mir plötzlich Tränen in die Augen steigen.

Ich fluche in Gedanken, beschimpfe mich innerlich, wie ich so ein verdammtes Weichei sein kann, und drehe mich einmal wuchtig im Kreis. »Ngaaahh!«

›Nein! Ich muss es tun! Ich erlöse sie nur! Sie quält sich, das sieht man doch!‹

Ich schnappe nach Luft, hebe erneut den Spaten, ziele ... und werfe ihn schließlich lauthals fluchend zur Seite, ehe ich wie ein heiser bellender Hund vor mich hinwettere: »Verfluchte Scheiße, das kann doch echt nicht wahr sein«, rufe ich, während mein Gehirn zwischen Flucht und Mord schwankt. »Nicht mal töten kann ich die Drecksviecher!«

Ich ziehe die Feuerschale zur Seite, sodass die Ratte im Schatten liegt, hole mein Handy aus der Tasche und suche mit zitternden Fingern die Nummer meines Sandkastenfreundes heraus, der heute ein renommierter Tierarzt ist. William. Studiert, sarkastisch, hilfsbereit. Eine gefährliche Mischung.

Kennengelernt haben wir uns in der Pre-School. Ich war gerade erst mit meinen Eltern aus Kanada eingereist, weil die Firma, in der mein Vater arbeitete, eine neue Zweigstelle aufmachte und erfahrene Leute aus ihrem Hauptsitz rüberholte. Ich kannte also niemanden und es fiel mir schwer, Kontakte zu knüpfen. Zum einen aufgrund der sprachlichen Unterschiede, insbesondere in Bezug auf Akzent und Vokabular, obwohl Englisch und Französisch die beiden offiziellen Sprachen Kanadas sind, genau wie in den Staaten. Zum anderen, weil ich auch damals schon ein ziemlich angsteinflößender Sonderling war – zumindest für gleichaltrige Kinder. Einen Kopf größer als der Durchschnitt, klobig, ein wenig tollpatschig, und die vielen Narben in meinem Gesicht, die zu diesem Zeitpunkt noch recht frisch und leuchtend rot waren, machten mich nicht unbedingt sympathischer.

Tja und dann traf ich William. Dunkles Haar, Sommersprossen, etwas zu dick für sein Alter, Hornbrille und gelispelt hat der arme Bengel vor seinem Zahnwechsel auch noch, sodass ihn ebenfalls kein Schwein verstand.

Irgendwann an diesem ersten Tag saßen wir beide in derselben Sandkiste, am Rand des eingezäunten Geländes. Allein, denn alle anderen waren schon mit irgendwem befreundet. Ich spielte mit einem Sandbagger, er mit einem Marienkäfer. Ja, ich weiß, ich konnte selbst lange nicht glauben, dass ich der Homo von uns bin. Jedenfalls hatte ich eine Tüte Big Chewy Nerds dabei, meine Lieblingssüßigkeit aus der Heimat, er ein Sandwich mit Erdnussbutter und Himbeermarmelade. Wir haben uns beides geteilt, ohne ein Wort zu sagen, setzten den Käfer in die Fahrerkabine des Baggers und spielten anschließend gemeinsam.

Das hatte ich schon fast vergessen.

Und obwohl wir so verschieden waren und es bis heute sind, blieben wir irgendwie immer Freunde.

Ich erinnere mich an den Sommer, in dem wir zum ersten Mal »Fluch der Karibik« sahen. Tagelang haben wir danach Piraten gespielt. Ich war Jack Sparrow, er Will Turner. Ich habe behauptet, ich wolle den cooleren Part. In Wahrheit wollte ich einfach nur so tun, als sei ich besoffen und mich permanent an ihn ranhängen.

Mit fünfzehn hat er mir mal ein Foto von sich mit einem Adult-Filter geschickt. Ich habe gelacht und gesagt, er sehe aus wie Daniel Radcliffe - nur ungepflegter und mit zehn Kilo mehr auf den Rippen, aber eigentlich fand ich ihn absurd attraktiv. Natürlich habe ich das nie zugegeben, doch als ich endlich so weit war, dass ich es beichten wollte, stellte er mir Gabriella vor. Seine erste und einzige Freundin. Er hatte nie eine andere, war immer treu und offensichtlich hetero. Also habe ich all meine Gefühle in den Keller meines Unterbewusstseins verbannt, neben die Erinnerung an die peinliche Vorhautuntersuchung beim Schularzt, und mich durch sämtliche Clubs gevögelt. Und durch die Fitnessstudios. Und durch – ... ach egal.

Jetzt ist er meine letzte Hoffnung.

Es klingelt. Einmal. Zweimal. Dann hebt er ab. »Dan? Alles okay?«, fragt er direkt, da ich normalerweise nie anrufe und immer nur schreibe.

»Oh, Gott sei Dank erreiche ich dich!«, keuche ich und lasse den kleinen klatschnassen Nager nicht aus den Augen. Er mich auch nicht. »Kannst du kurz bei mir vorbeikommen?«

»Äh ... wie dringend ist es denn? Ich bin aktuell auf dem Reiterhof hinten bei Barneys und hab hier noch zwei Ponys auf der Checkliste«, druckst er herum und im Hintergrund höre ich, wie er mit irgendwelchen Geräten hantiert. »Wenn`s nur eine Beziehungskrise mit deiner Hantelbank ist, dann würde ich das gern auf später -«

»Es ist ein Notfall«, unterbreche ich ihn keuchend. »Bitte!«

»Ach du scheiße«, japst er überrascht. »Was ist denn passiert? Hast du einen Hund angefahren?«

»Nein, ich ...« Peinlich berührt wische ich mir die Haare aus dem Gesicht. »Ich hab … hier was im Garten. Etwas, mit Augen ... das lebt ... zumindest noch! Aber es blutet und ist schon ganz apathisch!«

Stille. Er scheint auf irgendwas zu warten, hört jedoch nur mein verzweifeltes Schnaufen.

»Äh ... und verrätst du mir auch, was es ist? Für einen Leguan muss ich anderes Equipment mitbringen als für einen Fuchs!«

Ich atme durch und lege den Kopf in den Nacken, ehe ich zitternd wimmere: »Es ist ... eine Ratte.«

Er prustet.

Ja, der Wichser lacht tatsächlich und ich höre richtig, wie er sich dabei durchs Gesicht wubbelt. »Ist das dein Ernst?«, fragt er sogar noch.

»Natürlich ist das mein Ernst!« Ich drehe mich erneut im Kreis. Bewegung hilft. »Kein Witz, kein Cartoon und auch kein Fantasiewesen, das ich mir einbilde, um irgendwas aufzuarbeiten! Es ist eine echte, lebendige, atmende Ratte! Mit winzigen Füßen, einem widerlichen nackten Schwanz, Fell und ... Pünktchen!«

Er schnalzt mit der Zunge. »Pünktchen ...«

»Ja verdammt!« Er hört sich an, als würde er mir nicht glauben! »Das ist keine von diesen labberigen braunen Hinterhofratten, sondern eher so ein ... Tierchen ... wie aus einer Zoohandlung! Mit schwarzweißen Flecken und großen, blauen Augen!« Dabei kommt mir ein erlösender Gedanke. »Wahrscheinlich gehört sie irgendwelchen Kindern aus der Nachbarschaft und ist ausgebüxt!«

»Na schön«, seufzt er schließlich. »Ich verschiebe den Gesundheitscheck der beiden Ponys auf Montag und komme gleich zu dir rüber. Aber dafür schuldest du mir was!«

»Klar! Kein Ding!«, atme ich erleichtert aus und nicke, auch wenn er es nicht sehen kann. »Danke! Und bitte beeil dich! Ich weiß nicht, wie lange sie noch durchhält.«

»Alles gut, ich bin in zehn Minuten da«, beruhigt er mich und ich höre bereits, wie er losläuft. »Bleib so lange bei ihr und gib ihr etwas Wasser zu trinken, aber beweg sie besser nicht, falls sie sich was gebrochen hat.«

»Als ob ich die anfassen würde«, japse ich und bekomme allein bei dem Gedanken Zustände. »Wasser hab ich ihr schon gegeben.« In Form von Regen. Kann sie sich ja von der Nase lecken, wenn sie Durst hat.

»Na gut ... ach und Dan?«

»Ja?«

»Atme mal durch. Denk an deinen Blutdruck.«

»Ja, ja«, grummle ich nur noch und lege auf.

Kapitel 2

______________

Ich bin schon wieder trocken.

Wie ein zu groß geratener Gargoyle hocke ich neben dem Eindringling und bewache ihn. Warum weiß ich selbst nicht. Ich könnte auch einfach drinnen warten, aber dann würde Princess zurückkommen und ihm den Rest geben. Wäre vermutlich sogar das Beste. Dieses herzlose Katzenvieh schafft in Sekunden, wozu ich nicht fähig bin, das steht mal fest.

Mein Blick schwingt zu diesem haarigen Schnürsenkel mit Puls rüber und mir wird schon wieder schlecht, während sich mein ganzer Körper anspannt. Ihr Fell ist klamm, ihre Geräusche kaum hörbar und trotzdem verpasst mir jeder noch so hauchzarte Pieps eine Gänsehaut.

Meine Fäuste spannen sich an, obwohl ich versuche, mich zu entspannen. Mein Blick schweift ins Leere, irgendwo zwischen Rindenmulch und Realitätsverweigerung.

›Ich hätte einfach mit meinem Arsch auf der Couch bleiben sollen! Dann wär die Sache längst erledigt und ich hätte nichts davon mitbekommen!‹

Die Ratte rollt sich immer mehr im nassen Sand zusammen, fast wie ein Stein, aber sie atmet nach wie vor, zittert ein wenig und fiepst dabei weiter mitleiderregend vor sich hin.

Ich schnaufe.

›Ist vielleicht doch ganz gut, dass ich rausgegangen bin. Katzen spielen bekanntlich mit ihren Opfern und auch Princess würde sie nicht schnell und schmerzlos töten. Sie würde sie quälen, bis sie keinen heilen Knochen mehr im Körper hat und anschließend bei lebendigem Leibe fressen ...‹

Ich schüttle den Kopf, als könnte ich die Gedanken auf die Art loswerden, und schlucke, obwohl mein Mund völlig trocken ist. Ihre Geräusche kriechen in meinen Nacken, über meine Arme, bohren sich zwischen meine Schultern. Ich habe schon bei Horrorfilmen gelacht, in denen Leute zerstückelt wurden, aber das hier? Das ist echter Nervensplatter und ich bin das Publikum, das nicht gehen darf, weil es die verdammte Show selbst veranstaltet hat!

Ich warte, harre aus, reibe mir die schwitzigen Hände an der Hose ab und schaue immer wieder auf mein Handy, doch die zehn Minuten ziehen sich wie alter Kaugummi. Ich versuche, mich zu ermuntern, und wispere vor mich hin: »Halt durch ... halt durch, er ist gleich da.«

In dem Moment ertönt ein leises, piepsiges »Hmm-mm« neben mir.

Ich schaue zur Seite und muss beinahe lachen. Die Ratte hat die Augen geschlossen, aber es wirkt, als hätte sich gerade angesprochen gefühlt.

Dann höre ich endlich Williams alten Duster auf meine unebene Einfahrt scheppern und atme auf.

›Gott sei Dank! Jetzt ist der Alptraum vorbei!‹

Mit der Verantwortung für dieses Lebewesen fällt auch die Panik von mir ab, zumindest zum Teil. Ich springe hoch, aber mein Retter kommt mir bereits durch den seitlichen Durchgang entgegen.

»Hey Dan«, ruft er mir zu und ich winke ihn gleich in den Garten.

»Hier neben der Bank ist sie«, rufe ich ohne Umschweife und bin erleichtert, dass er bereits seine überdimensionale Arzttasche mitschleppt. Also, egal wie die Untersuchung läuft, er kann ihn entweder retten oder direkt einschläfern. Recht ist mir beides, Hauptsache, ich kann auf Abstand bleiben.

»Okay, na dann schau ich mir den Patienten mal an!«

Sein Gesichtsausdruck sagt: Ich bin professionell, kämpfe um jedes noch so kleine Leben und kann literweise Blut sehen, ohne umzukippen! So wie immer. Früher ging er mir mit dieser Einstellung ziemlich auf die Nerven. Ausflug ins Schwimmbad? Abgeblasen, denn William hat auf dem Weg ein krankes Opossum gefunden. Treffen auf dem Baseballplatz? Vergiss es! William kümmert sich lieber um einen flügellahmen Spatz! Jeden verdammten Schmetterling wollte er verarzten und letztendlich saß ich daneben und hab ihm genervt assistiert, weil er der Einzige war, der es überhaupt mit mir aushielt. Schon als Kind hat er glitschige tote Frösche seziert und dabei Kekse gegessen. Heute ist der Kerl ein schlaksiger Lauch, hat aber immer noch einen sehr standfesten Magen und macht dasselbe, nur mit Kittelschürze und Kühlbox.

Ich bleibe etwas zurück, setze mich auf das letzte Stück der Bank, beobachte, wie William die Tasche absetzt, Gummihandschuhe überzieht und mit ruhiger Effizienz die Lage analysiert.

»Ach Gottchen«, stößt er aus, als er sie entdeckt und sich hinhockt. Ich befürchte fast, dass sie inzwischen gestorben ist, doch da sehe ich, wie sich ihr Regenwurm-Schwanz bewegt und schüttle mich angeekelt. »Sie ist völlig dehydriert«, murmelt William mit vorwurfsvollem Unterton. »Hast du nicht gesagt, du hättest ihr Wasser gegeben?«

Ich nicke, als wäre mein Nacken verrostet. »Ja, hab ich«, lüge ich kratzig, sage dann aber lieber die Wahrheit. »Der Rasensprinkler war an.«

William zieht die Augenbrauen hoch, schüttelt den Kopf und murmelt: »Also nicht.« Er öffnet seine Tasche, holt eine eingepackte Wegwerfspritze und eine NACL-Flasche heraus. »Sie braucht dringend Flüssigkeit. Hier. Zieh die mal für mich auf und mach dann die Nadel ab. Ich tropfe ihr ein bisschen was davon ins Maul. Mal schauen, ob sie noch schlucken kann.«

Super. Und wieder bin ich der Hiwi.

Während ich seine Anordnung befolge, streckt er langsam zwei Finger über der Ratte aus, als würde er die Hitze einer Herdplatte testen. Sie zuckt nicht. Kein Fauchen, kein Zappeln. Nur dieses leise, raue Atmen. Er berührt sie sacht an der Seite, untersucht das nasse Etwas im Sand, hebt die Brauen und schnauft. »So eine hab ich noch nie gesehen ... und ich dachte, du fantasierst, als du von Punkten und blauen Augen erzählt hast!«

»Also ist das eher ... unüblich?« Ich gebe ihm die volle Spritze und er nimmt sie, um ihren Inhalt langsam ins Maul seines Patienten laufen zu lassen. Sie nibbelt vor sich hin, wie im Halbschlaf.

»Ja, absolut. Muss eine neue Züchtung sein.« Er gibt mir die leere Tülle wieder, schaut sich die Bisswunden an und auch ihr verdrehtes Beinchen, woraufhin er leise schnauft.

Ich kenne dieses Geräusch, denn das hat er schon immer gemacht, wenn er realisierte, dass etwas schlimmer ist, als er dachte. Gleichzeitig routiniert und fatalistisch. Zumindest kann er die Sache jetzt professionell beenden. Spritze rein, »Ist so das Beste« flüstern und dabei nicken. Ruhe im Karton. Dann begraben wir sie ehrenvoll in der Mülltonne, trinken ein Bier und niemand weint. Alles gut. Und sobald er weg ist, kann ich mich endlich auf meine Couch verziehen.

Doch William sagt nichts.

Er befühlt das Tier einen Moment, dann sieht er zu mir auf. Sein Blick ist ruhig, warm, ein bisschen zu verständnisvoll für meinen Geschmack.

»Wie lange sitzt du schon hier draußen und bewachst sie?«, fragt er, während er ein weiteres Fach in seiner Tasche öffnet.

»Weiß nicht«, brumme ich. »Zwanzig Minuten? Zwei Stunden? Fünf Jahre? Ich hab jegliches Zeitgefühl verloren und bin zwischendurch auch mal ohnmächtig geworden, glaub ich.« Während ich rede, starre ich irgendwo vorbei an seinem Schultergelenk, bloß nicht in Richtung des Opfers.

»Ach stimmt ...«, stößt William perplex aus und erinnert sich. »Du hast ja so eine schlimme Rattenphobie!? Das hatte ich völlig vergessen.«

»Ja«, knurre ich nur, schiebe die Hände in die Taschen und bin etwas angepisst, dass er es so explizit ausspricht.

»Also ... besonders angesichts dessen finde ich es wundervoll, dass du dich trotzdem um die Kleine sorgst«, bemerkt er anerkennend und nickt mir zu, ohne jegliche Ironie, was mich ein bisschen lächeln lässt, auch wenn ich nicht will. »Ich nehme an, dass sie irgendwo festgesteckt hat und anschließend von einem Raubtier geschnappt wurde«, sagt er schließlich, spricht jedoch gar nicht mehr zu mir, sondern eher zu dem kleinen Körper unter seinen Fingern. »Die Wunden sind nicht allzu schlimm, aber ich muss sie mir genauer anschauen, um eine vernünftige Prognose abgeben zu können. Genäht werden sollten sie in jedem Fall.«

Gerade als ich ihn bitten will, sie einfach in seine Praxis mitzunehmen, streicht er ihr einmal ganz vorsichtig über das klamme Fell. Dann gleiten seine Finger unter ihren Körper und mit einem flüssigen, sicheren Griff hebt er sie an, als hätte er das schon hundertmal gemacht. Hat er wahrscheinlich auch.

Ruckartig ziehe ich beide Füße auf die Bank und wuchte mich zur Seite, als hätte er gerade einen Molotowcocktail angezündet und wollte ihn jetzt durch meine Komfortzone tragen.

»Ganz ruhig«, kichert er und deutet auf sein Gepäck. »Nimmst du bitte meine Tasche? Und halt mir die Terrassentür auf, ja?«

»D-Die T-T-Terrassentür?« Erpelpelle überzieht meine Arme. »D-Du willst dieses verseuchte Vieh ja wohl nicht in mein Haus bringen? In meinen Lebensraum ... zu meinem Kühlschrank!«

»Äh ... doch?!« William bleibt stehen. Das Wesen in seinen Händen bewegt sich kaum und sieht immer noch aus wie ein nasses Kuscheltier, das jemand brutal geliebt hat.

»Nein«, protestiere ich panisch weiter, aber er rollt nur mit den Augen.

»Mal abgesehen davon, dass ich sie dir weder ins Gefrierfach noch auf die Couch legen werde, ist sie kein parasitenüberladenes Wildtier, sondern nur ein kleines gepflegtes Hausrättchen! Die ist vermutlich weniger verseucht als du!«

»A-Aber d-das geht nicht«, stammle ich und rutsche von der Bank, als er einfach weitergeht.