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Zu Hause im Exil: die Geschichte einer Sprachenwanderung. Hineingeboren ins Russische, verpflanzt erst ins Tschechische, dann ins Deutsche, eingeführt ins Hebräische und schließlich adoptiert vom Englischen – jede Sprache markiert einen neuen Lebensabschnitt in der prallen Familiengeschichte Elena Lappins, die eng verknüpft ist mit den Wirren europäischer Geschichte im 20. Jahrhundert.Von Prag nach Hamburg, von Israel in die USA und schließlich nach London: Elena Lappin, geborene Biller, verknüpft in dieser Familiengeschichte die Faktoren mehrfacher Emigration, ausgelöst durch historische Ereignisse oder persönliche Entscheidungen, mit den konkreten Schicksalen der Mitglieder ihrer Familie und mit den Fragen nach Heimat, Identität, Judentum und Sprache. Sensibel, ehrlich und mit unverstelltem Blick geht sie den Erzählungen, Lebenslügen und Geheimnissen der Eltern und Großeltern nach und schildert, was es heißt, mit gleich mehrfach gekappten Wurzeln zu leben und auch nach dem Verlust einer Muttersprache schreiben zu wollen. Ein optimistisches Buch über eine mehrfache Migration, das durch eine gute Prise Selbstironie und Humor besticht.
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Seitenzahl: 412
Veröffentlichungsjahr: 2017
Elena Lappin
Die Geschichte meiner Familie
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Titelseite
Über Elena Lappin
Über dieses Buch
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Hinweise zur Darstellung dieses E-Books
zur Kurzübersicht
Elena Lappin ist Autorin, Publizistin und Verlegerin. Geboren in Moskau, wuchs sie in Prag und Hamburg auf, und nach Stationen in Israel, Kanada und den USA wohnt sie heute mit ihrer Familie in London. 1999 erschien ihre Erzählungssammlung "Fremde Bräute " und 2001 der Roman "Natashas Nase", beide lieferbar bei Kiepenheuer & Witsch.
Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, lebt in Dublin und Berlin und arbeitet als Literaturübersetzer, Herausgeber und Autor. Er hat u.a. Maeve Brennan, Anne Enright, F. Scott Fitzgerald, D.H. Lawrence, Ian McEwan, Mark Twain, Oscar Wilde und Virginia Woolf übersetzt. Für sein Lebenswerk wurde er 2010 mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.
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Von Prag nach Hamburg, von Israel in die USA und schließlich nach London: Elena Lappin, geborene Biller, verknüpft in dieser Familiengeschichte die Faktoren mehrfacher Emigration, ausgelöst durch historische Ereignisse oder persönliche Entscheidungen, mit den konkreten Schicksalen der Mitglieder ihrer Familie und mit den Fragen nach Heimat, Identität, Judentum und Sprache. Sensibel, ehrlich und mit unverstelltem Blick geht sie den Erzählungen, Lebenslügen und Geheimnissen der Eltern und Großeltern nach und schildert, was es heißt, mit gleich mehrfach gekappten Wurzeln zu leben und auch nach dem Verlust einer Muttersprache schreiben zu wollen. Ein optimistisches Buch über eine mehrfache Migration, das durch eine gute Prise Selbstironie und Humor besticht.
Widmung
Motto
Prolog
Der Anruf
Tschechows Pistole
Kirschen
Silberlöffel
Meine Geburt
Eine russische Liste erster Wörter
Keine Abschiede
Grünes Licht
Verschwommene Sicht
Murmeln
Wo die Bücher herkommen
Prager Tagebücher und Bäume
Mein Prager Frühling
Eau Sauvage
Hamburg: Hafen ohne Rückkehr
Maximantel
»Papier ist geduldig«
Kafka in Hamburg
Maxim: Klub der Schiffbrüchigen
Israel: Auftakt zu einem Zuhause
Zweifaches Eintauchen
Tiefenstruktur
My Guy
»Du schreibst nicht, oder?«
»Nenne es Fremde Bräute«
»Die lila Perle ist in der Badewanne«
Feueralarm
Plötzlich New York
Haifa: Hafen der Rückkehr
Tornado in der Vorstadt
Pleasantville
Plötzlich London
»In Liebe, Pa«
Die andere Seite
»Oolong and so-long«
Kette
Folge den Sprachen
Epilog
Danksagung
Textnachweise
Für meine Eltern,
Rada und Sjoma, die allerbesten. Mit Liebe, immer.
Für Maxim, meinen kleinen Bruder.
O Memory, where is now my youth,
Who used to say that life was truth?
O Erinn’rung, wo ist meine Jugend,
Die da sagt, dass Leben Wahrheit sei?
Thomas Hardy, »Memory and I«
Die Menschengeschichte ist die Sekunde zwischen zwei Schritten eines Wanderers.
Franz Kafka
Kolik jazyků umíš, tolikrát jsi člověkem.
So viele Sprachen du kannst, so viele Male bist du Mensch.
Tschechisches Sprichwort
Im Juli 2015 brachen mein Vater und ich nahe der Wohnung meiner Eltern in Prag zu einem seltenen Spaziergang auf. Zwar leben sie seit 1970 in Deutschland, doch in den letzten zehn Jahren oder so sind sie immer wieder in dieses zweite Zuhause zurückgekehrt. Meine Mutter ist an beiden Orten zufrieden, mein Vater jedoch in der Stadt, die er seit seiner Jugend liebt, sichtbar glücklicher.
Das Gehen fällt ihm mittlerweile sehr schwer. Er hat so starke chronische Rückenschmerzen, dass er nur ein paar Schritte gehen kann und sich dabei auf seinen Spazierstock stützen muss. Ohne den Stock wirkt er noch immer jugendlich, elegant und voller Leben. Doch wenn der Schmerz ihn überwältigt, zeigt er sein wahres Alter – vierundachtzig. Er verschnauft und wartet ab, bis seine Kräfte wiederkehren. Was sie noch jedes Mal getan haben.
In Hamburg verbringt er die meiste Zeit zu Hause, wo er vor dem Fernseher einschläft. In Prag dagegen findet er täglich Vorwände, um kleinere Besorgungen zu erledigen, Orte zu besichtigen, Leute zu besuchen. Geistig ist er in Prag um viele Jahre jünger.
An diesem Tag – dem Vorabend meiner Rückkehr nach London – verkündete mein Vater: »Gehen wir die Teelöffel kaufen, die du haben wolltest. Ich kenne da ein Geschäft.« Vor langer Zeit hatte ich gesagt, dass ich mehr Teelöffel brauchte; er hatte es nicht vergessen.
Wir kamen sehr langsam voran, auf kopfsteingepflasterten Gassen, über belebte Straßen. Wir nahmen einen Bus, dann eine Tram. Schließlich, nicht weit von unserem Ziel, sagte mein Vater, er müsse eine Pause machen. Wir setzten uns in ein Straßencafé.
»Schau mal«, sagte er und zeigte nach oben. »Das ist das Haus.«
»Welches Haus?«
»Das Haus, in dem ich mit meinem älteren Bruder und seiner Frau gewohnt habe, als ich aus Moskau kam.«
Natürlich wusste ich, dass er 1947, als Teenager, nach Prag gezogen war – in seinem Tschechisch schwingt noch immer der leichte Anflug eines russischen Akzents mit –, doch in all den Jahren, in denen wir dort lebten, als ich aufwuchs, und später, als wir häufig zu Besuch kamen, hatte mein Vater seine erste Prager Adresse nie erwähnt. Von dieser frühen Zeit hatte er immer so gesprochen, als habe seine hiesige Lebensgeschichte erst nach der Heirat mit meiner Mutter begonnen. Nun aber öffnete er sich plötzlich.
»Schau mal«, sagte er und zeigte auf ein Gebäude auf der anderen Straßenseite. »Da haben wir unser Fleisch gekauft. Und siehst du die Ecke? Da gab es einen hervorragenden Schneider. Am Tag nach meiner Ankunft hat Grischa mich hingeführt, um zwei Anzüge zu kaufen, da ich mit nichts angekommen war.«
Er sah sich um – der Verkehr, die Straßenbahnen, die Menschen … Er nahm all das in sich auf, dann sagte er: »Eigentlich hat es sich gar nicht so sehr verändert, weißt du. An dem Tag, als ich diese Straße zum ersten Mal sah, habe ich mich in Prag verliebt. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich, was Zivilisation war. Zu Hause hatten wir nicht einmal eine Innentoilette.«
Plötzlich rief er den Kellner herbei und sagte, er wolle bezahlen, jetzt sofort. »Gehen wir. Ich möchte dir die Wohnung zeigen, in der wir gelebt haben. Sie ist gleich hier an dieser Ecke.«
Und so bewegten wir uns langsam dorthin. Es war ein sehr schönes, gut erhaltenes Mietshaus im Art-déco-Stil. Eine junge Frau trat gerade aus der Haustür; mein Vater schob sich an ihr vorbei, als habe er das Recht einzutreten. Vor dem Aufzug blieb er zögernd stehen.
»Ich bin nicht sicher, in welchem Stock es war«, sagte er, sichtlich verärgert über sich selbst. »Ich glaube … der vierte. Nein, der fünfte. Ja, der fünfte.« Als er im fünften Stock aus dem Aufzug trat, lächelte er ganz glücklich. »Da, die letzte Tür. Das ist sie. Das war unsere Wohnung.«
»Was hast du jetzt vor?«, fragte ich.
»Natürlich werde ich klingeln und ihnen sagen, dass ich früher hier gewohnt habe. Was sonst?«
»Also gut.«
Der alte Mann, mein Vater, nahm all seine Kräfte zusammen, strebte mit einem Augenzwinkern der Tür von Fremden zu und drückte auf den Klingelknopf. Ich machte ein Foto von ihm, wie er dort stand, leicht gebeugt, aber noch immer geprägt von seinem starken Charakter. Er sah würdevoll aus, aufgeregt, aber auch etwas traurig. Oder vielleicht war ich es, die traurig war?
Niemand öffnete. Er klingelte wieder. Nichts.
Er war enttäuscht. »Ich wollte dir wirklich ein Stück meiner Jugend zeigen«, sagte er. »Aber macht nichts. Gehen wir die Teelöffel besorgen.«
Die Aufzugtür stand noch offen. Auf dem Weg nach unten stellte ich ihm eine Frage zu der Wohnung. Wie sah sie aus? Und wie war Prag, 1947?
»Hör auf«, sagte er brüsk. »Du weißt, dass ich über diese Dinge nicht sprechen will.«
Eines Abends im Februar 2002, als die Familie in der Küche meines Londoner Zuhauses lärmend beim Sonntagessen saß, klingelte das Telefon. Ich hatte soeben den zweiten Gang serviert. Mein Mann und meine drei Kinder erörterten lautstark mehrere Themen auf einmal und stritten sich lachend. Meine Tochter und mein mittlerer Sohn waren im Teenageralter, mein ältester Sohn Anfang zwanzig. Ich war siebenundvierzig.
Ich schloss die Tür zur Küche, ging ins Esszimmer und nahm den Hörer ab.
»Ist da Lena?«, fragte ein sehr russisch klingender Mann auf Englisch.
»Ja. Mit wem spreche ich?«
»Ich rufe aus Moskau an. Bist du bei guter Gesundheit? Ich muss dir etwas sehr Verstörendes mitteilen. Bitte, setz dich.«
»Es geht schon. Worum handelt es sich? Sie können gerne russisch sprechen, wenn Ihnen das lieber ist.«
Das tat er denn auch. Seine Stimme zitterte vor Gefühl. Das tun die meisten russischen Stimmen, deshalb überraschte es mich nicht.
»Sagt dir der Name Schneider etwas?«
»Nein.«
»Wirklich nicht?« Er schien aufrichtig schockiert.
»Schneider war der Name deines eigentlichen Vaters. Vor deinem Vater war deine Mutter mit einem anderen Partner zusammen. Er heißt Joseph. Du bist seine Tochter. Sie kannte ihn unter dem Namen Schneider, aber sein richtiger Familienname war Minster. Minster, das waren Amerikaner, die in Moskau lebten. Dein Großvater war früher Geheimagent für die Sowjetunion gewesen. Er –«
Plötzlich verlor der Mann am anderen Ende der Leitung den Mut. Bei dem Versuch, mir möglichst schnell so viel mitzuteilen, stolperte er von einem Thema zum nächsten. Seltsamerweise glaubte ich ihm. Ohne zu verstehen, was mir in diesem Augenblick widerfuhr, wie und weshalb, spürte ich den Wahrheitsgehalt seiner Geschichte. Etwas machte klick, etwas wurde mir klar.
»Ich habe so lange gebraucht, um dich zu finden, Lena. So viele Jahre.«
Er war mein angeheirateter Onkel, der Exmann von Josephs Schwester. Er hatte eine Tochter, die etwas jünger war als ich und in Amerika lebte. Deshalb hatte er die Suche auf sich genommen. Er wollte, dass seine Tochter ihre Familie kannte. Das war ihm sehr wichtig.
»Dein leiblicher Vater lebt in New York. 1973 ist die gesamte Familie – als Juden – aus der Sowjetunion ausgewandert. Du hast einen Halbbruder, Sohn der zweiten Frau deines Vaters … Ebenfalls in New York.«
Ich spürte den ersten Stich der Enttäuschung und des Schmerzes. Warum suchte nicht dieser Vater nach mir? Und warum hatten meine Eltern mir nie davon erzählt?
Der Mann am anderen Ende der Leitung (der sich schließlich als V. vorstellte) riet mir, mit meinen Eltern zu reden, um seine Geschichte zu überprüfen. Und ob er meine Erlaubnis habe, Joseph meine Nummer zu geben? Mit beidem erklärte ich mich einverstanden, und wir beendeten das Telefonat.
Ich ging nicht sofort in die Küche zurück. Ich rief meine Mutter in Hamburg an und erzählte ihr von dem Anruf. Sie schwieg. In unserer Familie gibt es Schweigen – während eines Gesprächs – so gut wie gar nicht. Meine Eltern reden stets sehr lebhaft und ausdrucksstark über alles. Nur offensichtlich über ihre Geheimnisse nicht.
So wusste ich, dass meine Mutter den Wahrheitsgehalt der Geschichte bestätigte, indem sie gar nichts sagte. Dann: »Lass mich mit deinem Vater reden. Ich rufe gleich wieder zurück.«
Das Telefon klingelte wieder.
»Lena? Eto twoj otets goworit.«
Ein Mann mit einer viel kräftigeren Stimme als V.’s, der mit leichtem Stottern russisch sprach. »Lena? Hier spricht dein Vater.«
Wir führten ein erstaunlich normales Gespräch: wo wir beide lebten, was wir beruflich machten … Als hätte ich nicht bereits einen Vater. In mittlerem Alter fühlte ich mich plötzlich in meine frühe Kindheit zurückversetzt. Was wusste ich? Was wusste ich nicht?
Ein Jahr zuvor hatte ich meinen ersten Roman veröffentlicht: Natashas Nase, die Geschichte einer in London lebenden jungen Amerikanerin, deren Eltern, besonders die Mutter, eine undurchdringliche Schweigemauer zwischen sich und ihren Kindern errichtet haben. Erst als Erwachsene entdeckt und begreift meine Protagonistin durch Zufall die Wahrheit über ihre Familie. Ich war sicher, all das erfunden und ausgedacht zu haben. Aber vielleicht hatte ich ja über etwas geschrieben, was ich zwar noch nicht begriffen, womit ich aber mein ganzes Leben lang gelebt hatte.
Bevor wir uns verabschiedeten, sagte ich Joseph, ich würde in einer Woche im Auftrag einer Zeitung nach New York fliegen. Wir verabredeten uns. Er klang sehr aufgeregt.
Dann rief ich meinen Bruder Maxim in Berlin an. Mein Vater war gerade bei ihm zu Besuch, und während Maxim und ich uns unterhielten, hörte ich im Hintergrund seine Stimme. Er telefonierte von seinem Handy aus mit meiner Mutter. Rasch erzählte ich Maxim, was passiert war.
»Hast du ein Glück«, sagte er lachend. Dann wurde er ernst: »Alles okay?«
»Ja«, sagte ich. »Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.«
Dann riefen kurz nacheinander meine Eltern an. Beide bestätigten V.’s Geschichte.
»Um ehrlich zu sein, ich bin erleichtert, dass es heraus ist«, sagte meine Mutter.
»Ich habe Angst, dass ich dich verliere«, sagte mein Vater.
Bis auf meinen Bruder schien niemand daran interessiert, welche Wirkung diese überrraschende Nachricht auf mich hatte. Meine Eltern waren das Zentrum, ich die Peripherie. Wessen Geschichte war das eigentlich? Und worin bestand sie?
Ich setzte mich wieder zu meiner Familie in der Küche und ließ mir nicht anmerken, was sich gerade ereignet hatte: dass mein Leben – auf gewisse Weise auch ihres – soeben auf den Kopf gestellt worden war. Ich wusste nur eins: Mein Vater würde stets mein Vater sein, was immer Joseph für mich werden mochte.
© Yoni Lappin (im Original S. 10–11)
»Wenn im ersten Akt eine Pistole an der Wand hängt, dann sollte sie im folgenden abgefeuert werden«, lautet ein berühmter Ausspruch Anton Tschechows aus dem Jahre 1889. Die als »Tschechows Pistole« bekannte dramaturgische Technik verlangt, dass Schriftsteller, wenn sie wichtige Elemente in ihre Erzählung einführen, ebenso diszipliniert sein müssen wie Verbrecher, die einen perfekten Mord planen. Nichts darf dem Zufall überlassen bleiben. Jedes Detail existiert aus einem bestimmten Grund, der genau im richtigen Moment enthüllt werden muss.
Ich wuchs mit einer Pistole von dem Typ auf, den Tschechow im Sinn gehabt haben könnte: einem Smith & Wesson Revolver aus dem neunzehnten Jahrhundert, der im Prager Arbeitszimmer des Mannes, den ich als meinen Vater kannte, an der Wand hing. Mit einem Nagel über das Sofa gehängt, lenkte er sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Ich mochte es, aufs Sofa zu klettern und den schweren schwarzen Metallgriff, den rostbraunen Lauf und das Gehäuse zu berühren. Für mich roch er immer so, als sei er eben erst abgefeuert worden, ein Aroma aus Staub und Rauch – Letzteres nur Einbildung, aber stark.
Das Arbeitszimmer meines Vaters war in meinen Augen ein bezaubernder Ort, eingerichtet im neuesten Stil der Sechzigerjahre (helles abgerundetes Mobiliar, Pastellfarben), aber mit Gegenständen übersät, die Geschichte atmeten: einem großen antiken Sessel mit weicher Polsterung und imposanten schwarzen Holzlehnen; einem riesigen Ölgemälde in einem schweren vergoldeten Rahmen, dem Porträt eines alten Mannes, das aus der Rembrandt-Schule hervorgegangen sein konnte – düster und doch geheimnisvoll ausgeleuchtet. Aber das war geborgte Geschichte, die man erwerben kann, wenn man einen Kunstgegenstand kauft: Andere Menschen hatten in ihrer Gegenwart ihr Leben gelebt, in ihrer eigenen Epoche. Einzig die Pistole an der Wand war Teil der persönlichen Geschichte meines Vaters, ein echter Zeuge.
Die Familienlegende, die jedem endlos erzählt und wiedererzählt wurde (ob man sich dafür interessierte oder nicht), ging so: Die Pistole war durch Zufall im Garten der Eltern meines Vaters in Kunzewo, einem Vorort von Moskau, ausgegraben worden. Niemand wusste, wie sie dorthin gelangt war oder wem sie ursprünglich gehört hatte. Natürlich ließ sie sich nicht mehr abfeuern (galt Tschechows literarische Maxime auch für eine beschädigte Waffe?), aber sie sah doch eindrucksvoll aus. Entworfen und angefertigt mit Sinn für schmucklose Ästhetik, besaß sie eine Art solider Schönheit. Mein Vater hing sehr an ihr und ich auch.
Und das tue ich bis heute. Die Pistole zog (nachdem sie zuvor von Russland nach Prag gereist war) mit uns von Prag nach Hamburg, als wir 1970 dorthin emigrierten. Ihr Zuhause ist nach wie vor das Arbeitszimmer meines Vaters, allerdings schon seit vielen Jahren nicht mehr als Wandschmuck. Stattdessen bewahrt mein Vater sie auf dem marmornen Sims eines Heizkörpers auf, vor einem gerahmten Foto seiner Mutter. Sie starb mit Anfang vierzig, als er erst fünf Jahre alt war, und so sieht sie auf diesem einzigen Porträt, das ich je von ihr gesehen habe, ewig jung aus: tiefe dunkle Augen; schlicht zurückgestecktes dunkles Haar mit Mittelscheitel. Sie hat schöne, klare Gesichtszüge; eine ernste, offene Miene; volle Lippen. Sie wirkt streng und resolut, vielleicht etwas hart oder sogar traurig. Sie war die Mutter von sechs Söhnen (zwei stammten aus ihrer ersten Ehe) und musste robust, praktisch, zielstrebig sein. Wäre sie, wie alle jüdischen Großmütter, altersmilde geworden? Wäre mein Vater – ihr Jüngster – ein anderer Mann geworden, wenn sie länger gelebt und ihre Söhne ins Erwachsenenalter begleitet hätte?
Ich mailte ihm ein Foto von einer ähnlichen Pistole, das ich im Internet gefunden hatte, und fragte ihn, ob er glaube, dass sie das gleiche Fabrikat sei und aus der gleichen Zeit stamme. Postwendend und ohne zu zögern, schrieb er auf Tschechisch zurück: »Deine Probleme möchte ich haben!« Mein Vater hat kein Interesse daran, die poetische Bedeutung dieses oder irgendeines anderen Gegenstands zu ergründen. Er würde nicht darüber nachdenken, warum er die Pistole neben dem Porträt seiner Mutter aufbewahrt und sie mit antiken Menoras umgibt. Auf Tschechows Behauptung, dass die fortgesetzte Anwesenheit dieses Revolvers in seinem Leben kein Zufall sei und auch nicht sein könne, würde er erwidern: »Natürlich ist es ein Zufall. Es ist nur eine alte Pistole. Das ist alles.«
Tatsächlich war er es, der sie gefunden hatte. Viele Jahre lang war sie in dem Garten vergraben gewesen, aber nicht so tief, dass ein nach Schätzen suchendes Kind sie nicht hätte ausgraben können. Wenn seine viel älteren Brüder zu beschäftigt oder zu uninteressiert waren, um ihm Beachtung zu schenken, hatte er nur Tobik, den Familienhund, um sich und verbrachte viele Stunden mit sich allein. Eines Tages Ende der Dreißigerjahre förderte sein Spiel etwas zutage. Er konnte sein Glück nicht fassen: Diese Pistole war so alt, dass sie Zeuge der großen Revolution, mehrerer Kriege, vielleicht sogar ein, zwei romantischer Duelle hätte sein können … Mein Vater durfte sie behalten. Als er, noch ein Halbwüchsiger, Russland (gegen den Willen seines Vaters) verließ, um sich seinen Brüdern anzuschließen, die bereits in Prag lebten, nahm er nicht viel mit, wohl aber die Pistole. Sie musste ihn an die Dinge erinnert haben, über die er nie spricht: das Haus, in dem er aufwuchs, seine frühe Kindheit.
Die Eltern meines Vaters waren beide Juden, aber aus unterschiedlichen Verhältnissen. Sein Vater stammte aus dem tschechischen Teil des Karpatischen Ruthenien und endete im Ersten Weltkrieg als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee in Russland. Dort geriet er in Kriegsgefangenschaft und begegnete seiner zukünftigen Frau, die aus der Ukraine kam. Ihre ersten Jahre verbrachten sie in Kiew, wo die älteren Brüder meines Vaters zur Welt kamen. Später zog die Familie nach Kunzewo, und wenn ich nicht wenige Jahre, bevor er starb, mit einem der Brüder meines Vaters mehrere lange Telefongespräche geführt hätte, wüsste ich nicht, wie es um ihr Familienleben bestellt war. Dieser Onkel erzählte mir Dinge, die ich mir nie hätte vorstellen können: In der Familie wurden alle jüdischen Feste gefeiert, beim Pessach-Fest besonderes Geschirr aufgetragen. Am bedeutsamsten aber war, dass ihr Haus während der Hohen Feiertage Juden aus der Nachbarschaft als Gebetshaus diente, vermutlich im Geheimen. Mein Vater ist ein zutiefst säkularer Jude und hat weder Hebräisch gelernt noch eine Bar Mitzwa gehabt. Dennoch macht sein Judentum einen wesentlichen Bestandteil seiner Persönlichkeit aus. Jedes Mal, wenn er jüdische Lieder und Gebete hört (an denen er nicht teilhaben kann), werden ihm die Augen feucht, und oft muss er weinen. Sie berühren ihn und verbinden ihn mit etwas, woran er sich nicht mehr bewusst erinnert: mit seinem Zuhause. Als ich ihm erzählte, was ich von seinem Bruder erfahren hatte, war er sogar überrascht: Von all den Traditionen, die im Haus seiner Eltern gepflegt worden waren, hatte er nichts gewusst.
Im Zweiten Weltkrieg war er noch ein Kind, und wie viele Menschen aus den Frontgebieten wurde er in den asiatischen Teil Russlands evakuiert. Seine Brüder dagegen traten in das Tschechoslowakische Korps der Roten Armee unter General Svoboda ein. Der Krieg brachte sie wieder mit den tschechischen Wurzeln ihres Vaters in Verbindung, und als er zu Ende war, zogen sie alle nach Prag (bis zum kommunistischen Umsturz 1948 noch eine westliche Demokratie). Mein Vater lernte Tschechisch, behielt jedoch Russisch stets als seine »beste« Sprache bei. Die Oberschule, die er besuchte, war ein russisches Gymnasium, ursprünglich für die Kinder der in Prag lebenden Weißrussen gedacht, nach dem Krieg jedoch zunehmend von jungen Leuten besucht, die sich für den Kommunismus begeisterten. Als Teenager war mein Vater ein glühender Jungkommunist. Ein Verwandter, dem in Prag ein winziger Lebensmittelladen gehörte und der später nach Israel auswanderte, konnte sich an seinen leidenschaftlichen Ausbruch in den Vierzigerjahren erinnern: »Wenn die Revolution kommt, wird dein Geschäft enteignet.« Die Liebesaffäre meines Vaters mit dem Kommunismus erwies sich jedoch als kurzlebig und endete schlimm (oder, je nach Standpunkt, vielleicht eher gut), als er von einem Freund denunziert wurde.
Von den wenigen vertrauten Gegenständen, mit denen er sich umgibt, wenn er an seinem Schreibtisch sitzt oder sich überhaupt in seinem Arbeitszimmer aufhält, ist die Pistole am wenigsten entbehrlich. Selbst jetzt, mit Mitte achtzig, da er kaum noch als Übersetzer und Dolmetscher arbeitet, ist dieses Zimmer nach wie vor sein persönlicher Herrschaftsbereich und unterscheidet sich ästhetisch stark von den Räumen, die meine Mutter bewohnt. Ihre Zimmer sind überladen mit Gegenständen zweifelhafter Herkunft und Qualität (sie sammelt alles und kann einfach nichts wegwerfen), während sein minimalistisches Büro sparsam eingerichtet ist. Auf seinem übergroßen Schreibtisch aus Eichenholz, den wir in einer unserer ersten Wohnungen in Hamburg vorfanden, steht in einem Glasrahmen mit schwerem Marmorsockel ein Sepiafoto seines Vaters. Auf der Rückseite – von Zeit zu Zeit dreht er den Rahmen um – ist ein farbiger Schnappschuss von mir zu sehen, wie ich, sehr sonnengebräunt und sommerlich, etwa zwanzig Jahre alt, einen kuscheligen Teddybären herze. An den Wänden neben den mit Wörterbüchern bestückten Regalen, die vom Boden bis zur Decke reichen, hängen große Porträts meiner sehr schönen Mutter, als sie ungefähr vierzig war.
In ihrem Zimmer am anderen Ende des langen Flurs stellt meine Mutter Fotos ihrer eigenen, weit größeren Familie aus: väterlicherseits armenisch, mütterlicherseits russisch-jüdisch. Es gibt viele Gruppenfotos von gut aussehenden dunkelhaarigen Verwandten mit tiefen Blicken und lächelnden Gesichtern, Frauen, die Babys im Arm halten – Andenken an ein Leben, das in einem ganz anderen Klima gelebt wurde. Meine Mutter ist in Baku, Aserbaidschan, geboren, wo ihre Eltern sich kennenlernten und einige glückliche Jahre teilten. Ihr Umzug im Jahre 1938 von Baku nach Moskau geschah sehr plötzlich, sie flohen vor Stalins Säuberungen im Kollegium meines Großvaters. Schließlich wurde Moskau ständiger Aufenthaltsort meiner Mutter – bis sie meinem Vater begegnete, ihn heiratete und ihm nach Prag folgte.
Mein Vater ist von Beruf Übersetzer aus dem Tschechischen ins Russische. In späteren Jahren, als wir von Prag nach Hamburg emigrierten (nach der sowjetischen Invasion der Tschechoslowakei im Jahre 1968), fügte er noch Deutsch hinzu, was ihm nicht leichtgefallen sein dürfte. Das Geklapper seiner Schreibmaschine war eine ständige Geräuschkulisse, laut und durchdringend. Im Haus war es der Sound der Autorität meines Vaters und bedeutete: nicht stören. Ich störte ihn immer. Ich hasste die unsichtbare Barriere zwischen seiner Arbeit und unserem Familienleben. Ich verübelte ihm seine uneingeschränkte Hingabe. Heute bewundere ich sie und beneide ihn darum. Mein Vater war der Prototyp des Selbstständigen, der von zu Hause aus arbeitet – keine leichte Aufgabe mit zwei lärmenden Kindern, die, oft mit zahlreichen Freunden, ständig umherrannten und laute Spiele spielten. Meine Mutter war meist abwesend – sie hatte eine Vollzeitstelle als Geografin und Ökonomin und musste täglich zwei Stunden hin- und zurückpendeln. Jeden Tag ging sie frühmorgens aus dem Haus und kam erst abends zurück. Während ich noch schlief, flocht sie mir mein langes Haar zu Zöpfen. »Andere Seite!«, sagte sie leise, wenn ich mich umdrehen sollte. Wenn ich zwei Stunden später aufwachte, waren meine Zöpfe makellos, an jedem Ende mit hübschen Seidenschleifen festgebunden, und ich war bereit für die Schule.
Mein Vater nahm alle Übersetzungsaufträge an, die er bekommen konnte. Begonnen hatte er mit kleineren technischen Übersetzungen, und schließlich wurde er ein herausragender Literaturübersetzer und Dolmetscher, der sehr gut verdiente. Wir hatten zwei Autos, einen Simca und einen kleinen Fiat, und eine große, schöne Wohnung. Als wir nach Deutschland emigrierten, fingen meine Eltern im Alter von vierzig Jahren wieder ganz von vorn an, ohne auch nur ein Wort ihrer neuen Sprache zu kennen. Ich sah zu, wie sie es in einem fremden Land dank ihres Talents und der bedingungslosen Bereitschaft, hart zu arbeiten, aus ärmsten Verhältnissen wieder zu einer großen, mit Gemälden und etlichen Antiquitäten gefüllten Wohnung brachten. Und wieder zwei Autos hatten. Von ihren Kindern erwarteten sie einen ebenso reibungslosen Übergang.
Heute ist die antike Smith & Wesson der einzige Gegenstand, der bei allen Inkarnationen meines Vaters wie auch bei manchen meiner eigenen physisch präsent war. Seit seiner Kindheit in Russland hat sie mit ihm zusammengewohnt, ihn durch seine Schulzeit und sein Erwachsenenleben in Prag begleitet und die Reise nach Hamburg mitgemacht, wo sie heute noch ist. In gespielter Bewunderung für meine Obsession der Pistole gegenüber und ihrer Geschichte verkündete mein Vater, dass ich sie erben würde und dass er bereit sei, dies schriftlich festzuhalten. Wenn das geschieht, wird die Pistole in mein Haus einziehen (auch meine Kinder lieben sie) und weiterhin ein greifbares Glied in der Kette der Irrungen und Wirrungen meiner Familie darstellen. Ich denke nicht gern daran, aber ich weiß, dass ich sie eines Tages neben ein Porträt meines Vaters hängen werde. Er glaubt daran, dass man die Geister der Vergangenheit nicht aufstören, dass man sie vielmehr in Ruhe lassen und vergessen soll. Er sagt, Vergessen schenke ihm Seelenfrieden.
Im Widerspruch zu Tschechows Maxime ist dies eine Pistole, die niemals abgefeuert werden wird, ganz gleich, wie viele Akte ihrem ersten Erscheinen folgen. Unbeschadet ihrer Vorgeschichte, bevor sie in dem russischen Garten ausgegraben wurde, besteht ihre derzeitige Macht in ihrem Schweigen und in ihrem fortdauernden Dasein. Mir scheint sie sagen zu wollen: Sei vorsichtig, was du verbirgst.
Ich erinnere mich an eine Szene in meiner frühen Kindheit, in der ich in einem Garten an einem hölzernen Tor stehe und erstaunt auf Unmengen riesiger, fast schwarzer Kirschen starre, die an den Zweigen der Bäume hängen. Eine ältere Frau in einem blassgelben Kleid reicht mir ein paar und sagt voller Stolz: »Unsere Kirschen.« Ich greife danach und kann heute noch die reife Süße schmecken, die aus dem festen roten Fleisch quillt. Der Saft blutet auf meine Hände und läuft rosafarben an meinem nackten Knie herab.
Dies trug sich in demselben Garten zu, in dem mein Vater die Pistole ausgegraben hatte, während meines einzigen Besuchs in seinem Elternhaus in Kunzewo. Der Name der Frau war Tjotja Sonja – Tante Sonja; sie war die Stiefmutter meines Vaters. Ich bin nie wieder dorthin zurückgekehrt und habe sie nie wiedergesehen. Ansonsten habe ich keine Erinnerungen an diesen Besuch, obwohl ich zusammen mit meiner Mutter und ihren Eltern hingefahren war und auch der Vater meines Vaters dabei war. Die detaillierte Erinnerung an den Kirschgarten hingegen ist ohne Weiteres lebendig geblieben, so als wäre ich ein sehr viel älteres Kind gewesen. Erst als ich damit begann, mein Leben systematisch mit genauen Daten zu rekonstruieren, ging mir auf: Damals war ich erst zweieinhalb. Es war im August 1957. Meine Mutter hatte bereits beschlossen, ihrem zukünftigen Ehemann nach Prag zu folgen, es war also mein letzter Sommer als russisches Kind, zu Besuch bei ihren zukünftigen Schwiegereltern. Ich wurde ihnen vorgestellt.
Die englische Sprache kennt nur ein Wort für Kirschen, aber auf Russisch gibt es zwei verschiedene Wörter für diese Frucht beziehungsweise für ihre beiden Hauptsorten: chereschnja und wischnja. Tschechows berühmtes Theaterstück Der Kirschgarten heißt auf Russisch Wischnjowy sad. Wischnja ist die schwerere, dunklere Sorte, und in meiner Erinnerung an unsere Begegnung verwendete Tante Sonja dieses Wort. »Nascha wischnja«, hatte sie gesagt; später sollte meine Mutter ihr Russisch verächtlich als »jiddisch gefärbten provinziellen Akzent« beschreiben. In Tjotja Sonjas Stimme lag ein sanfter Stolz; vielleicht war es ihr wichtig, die neue Familie zu beeindrucken. Ich giere geradezu nach Kirschen. Immer, wenn ich welche kaufe – und es muss die dunkle Sorte sein, die ich als wischnja in Erinnerung habe –, hoffe ich, noch einmal jenen ersten vollen Geschmack zu erleben. Ich will sie nur für mich und stopfe sie mir alle hintereinander in den Mund.
Weshalb ist mir diese Erinnerung in so reiner Form geblieben, so unverändert, für immer frisch? Vielleicht, weil dies der einzige längere Ausflug war, auf den ich in jenem Alter mitgenommen wurde. Wir fuhren mit der Straßenbahn nach Kunzewo; für mich hatte das ganze Erlebnis Glanz und Aufregung des Neuen. Aus welchem Grund auch immer, ich bin dankbar für diese erste Kindheitserinnerung: Mein ureigenster Kirschgarten ist die einzige wirkliche Verbindung mit der Geschichte meines Vaters – das Gefühl, dort gewesen zu sein, an dem Ort, wo er geboren und aufgewachsen war.
Es ist schwierig, die Lebensgeschichte unserer Eltern zu erben, wenn sie uns verheimlicht wird. Im Unterschied zu meiner Mutter hat mein Vater es gar nicht gern, wenn man ihn fragt, woran er sich noch erinnert. Oft sagt er: »Ich erinnere mich an nichts, und ich versuche es auch gar nicht.« Vielleicht ist seine Vergangenheit ja ein Minenfeld, vor dessen Betreten er sich fürchtet. Nur sehr selten, wenn man ihn nicht fragt, beginnt er eine Filmrolle lebhafter Erinnerungen abzuspulen, die, überraschenderweise, nicht unter allzu vielen Schichten erzwungenen Vergessens begraben zu sein scheinen. Dass seine Mutter an einer Lungentzündung starb, als er fünf Jahre alt war, und dass er sich bis auf den Anblick ihres im Haus aufgebahrten Leichnams überhaupt nicht an sie erinnern kann, hatte ich immer schon gewusst. Eines Tages jedoch erzählte er mir, seine Mutter habe ihn, nachdem er seine Hand an dem rostigen Nagel einer Holzkiste aufgeschlitzt hatte, auf einem Schlitten durch den tiefen weißen Schnee gezogen, um schnell einen Arzt oder ein Krankenhaus zu erreichen. Er konnte sich an die Kiste, den Nagel und seine blutende Hand erinnern und an seine Mutter, wie sie sich entschlossen gegen den eisigen Wind stemmte. An die Schlittenspuren im harten Schnee.
Kunzewo war der Name des Geburtsorts meines Vaters, eine andere Bedeutung hatte der Ort für mich nicht. Der umzäunte Garten, an den ich mich erinnere, ließ mich eher an einen ländlichen Ort denken. Aber ein Haus mit Garten und Kirschbäumen im Russland der Fünfzigerjahre? Zu einer Zeit, da die Eltern meiner Mutter wie die meisten Moskauer in einer Gemeinschaftswohnung lebten? Ich musste mehr über dieses Zuhause erfahren, und wie es darin zuging.
Mein Vater ist ein klein gewachsener lebhafter dunkelhaariger (mittlerweile silberhaariger) Mann, gut aussehend wie ein Filmstar und von machtvoller Präsenz. Sein ausdrucksvolles Gesicht ist und war stets von großen Brillen mit markanter, eleganter Fassung beherrscht. Er hat bohrende braune Augen mit schweren Lidern und eine laute Stimme, die er nicht modulieren kann – oder will –, ob er nun redet oder sich nur räuspert. Er kann einerseits sehr herrisch sein und dann wieder lustig und sanft. Als Kind hielt ich ihn für einen großen Mann (dabei ist er kaum größer als meine Mutter, und die ist winzig); dass er klein ist, merkte ich erst, als ich, inzwischen ein Teenager, nach einem unserer häufigen Wortwechsel aus dem Haus stürmte und einfach immer weiterlief. Ich hatte verkündet, von zu Hause auszuziehen. Wenn ich mich wenige Minuten nach meinem dramatischen Marsch die Straße hinunter umdrehte, sah ich, dass er mir, wenn auch auf der anderen Straßenseite, dicht auf den Fersen war. Er folgte mir wie ein schlecht ausgebildeter Geheimpolizist. Er wirkte sehr mitgenommen und besorgt und liebenswert verletzlich. Jetzt sah ich, dass mein Vater ein kleiner Mann war, dabei aber überlebensgroß. In seiner Liebe fühlte ich mich sicher und geborgen und liebte ihn stets mit einem Anflug zärtlicher Trauer, als bedürfe er meines emotionalen Schutzes mehr als ich des seinen. Natürlich machte ich an jenem grauen Nachmittag in Hamburg kehrt und ging wieder nach Hause – bis zu unserem nächsten Streit.
Ich glaubte immer, meine Geburt sei für meine Eltern eine Freude gewesen. Beinahe fünfzig Jahre lang wusste ich dies, und meine Geburtsurkunde bestätigt es: Ich bin 1954 in Moskau geboren. Mein Vater wird als Tscheche aufgeführt, meine Mutter als Armenierin. Juristisch gesehen, wurde in der Sowjetunion die sogenannte Nationalität durch den Vater festgelegt. Der Urkunde zufolge bin ich also Tschechin. Dass mein Vater Jude und meine Mutter zur Hälfte, nämlich von ihrer Mutter her, Jüdin ist, wird völlig (wenn auch unabsichtlich) verschwiegen. Hätte mein Vater nicht die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit seines Vaters geerbt, wäre als Nationalität jüdisch eingetragen worden. Nach außen hin respektierten sowjetische Legitimationspapiere also ein nationales Zugehörigkeitsgefühl; in Wahrheit handelte es sich aber um institutionalisierten Rassismus, der die Behörden in die Lage versetzte, mühelos und für ihre eigenen Zwecke jedermanns Nationalität festzustellen. Als Stalin seine Säuberungen gegen jüdische Ärzte durchführte, ging es nicht um eine abstrakte Auslese von Menschen, die von Beruf Arzt und ihrem Namen, ihrer Erscheinung oder ihrer Religionsausübung nach Juden waren – es stand in ihren Papieren. Es gab eine Hierarchie der Nationalitäten; eine russische Nationalität war weit besser als eine jüdische, eine armenische zwar ebenfalls besser als eine jüdische, aber schlechter als eine russische. Eine tschechische Nationalität war der reinste Luxus, symbolisierte sie doch Fremdheit außer Reichweite des sowjetischen Kastensystems, aber doch innerhalb der Umlaufbahn der mit Russland »befreundeten« Satellitenstaaten – wenn auch nur eben so. Mir wurde erklärt, dass mein Vater zur Zeit meiner Geburt in Prag gelebt und meine Eltern auf eine amtliche Heiratserlaubnis gewartet hatten, da er ausländischer Staatsangehöriger war. Als diese endlich erteilt wurde, durften meine Mutter und ich nach Prag ausreisen und bei ihm bleiben. Auf diese Weise begann meine tschechische Kindheit. Ein Teil von ihr sollte bald mein Bruder Maxim werden – er kam 1960 in Prag zur Welt.
Als ich 1958 mit meiner Mutter in Prag eintraf, hatte ich einen sowjetischen Pass. In der Tschechoslowakei war ein sowjetischer Pass – von der Art, wie er im Ausland lebenden Sowjetbürgern ausgestellt wurde – etwas sehr Nützliches, gestattete er doch beinahe unbegrenzt Reisen in den Westen. Gleichzeitig war es paradoxerweise unmöglich, mit diesem sowjetischen Pass ohne ein spezielles Visum und eine Einreisegenehmigung nach Moskau zurückzukehren. Die verdrehte Logik eines kommunistischen Staates ist nur schwer nachvollziehbar, leuchtet aber durchaus ein: Ein sowjetischer Bürger, der in Prag lebte, wurde fast als Angehöriger des Westens mit subversivem Einfluss auf die Daheimgebliebenen eingestuft. Aus diesem Grund waren sogar – oder gerade – Familienbesuche unendlich schwierig, und zwar in beide Richtungen. Als meine Mutter meinen kleinen Bruder einmal bei ihren Eltern in Moskau ließ, weil sie sich in Prag von einer Gallenblasenoperation erholen musste, erwies es sich als nahezu unmöglich, ihn zurückzubekommen. Tränenreiche Besuche in der sowjetischen Botschaft waren zwecklos; Visa wurden wahllos und willkürlich erteilt. Ziel war es, den Bürger zu demütigen. Nach fast einem Jahr durfte uns mein Großvater in Prag besuchen und den Kleinen zurückbringen. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als Maxim nach Hause kam: Alle versammelten sich um ihn und freuten sich über dieses Geschenk, das uns endlich zurückgegeben worden war. Ich war begeistert, meinen Bruder wiederzuhaben, und fand es höchst amüsant, dass er sein Tschechisch vergessen hatte und nur noch Russisch sprach. Bis heute verdankt mein Bruder seine perfekte Aussprache des Russischen seinem zwangsweise verlängerten Aufenthalt in Moskau im Alter von fast zwei Jahren. Meine Großeltern waren überglücklich gewesen, ihn bei sich zu haben, wo sie ihn verwöhnen und verhätscheln konnten, meine Eltern in Qualen wegen seiner unbefristeten Abwesenheit, und ich hatte das Ganze nicht infrage gestellt.
Mein Bruder ist davon überzeugt, dass er damals traumatisiert worden ist. Ich finde es interessant, dass er den Vorfall aus einer modernen Perspektive beurteilt, so als sei er »verlassen« worden. Da ich sechs Jahre älter bin, habe ich ein viel stärkeres Bewusstsein für die Verwicklungen, die der Eiserne Vorhang nicht nur für die osteuropäischen Blockstaaten als solche nach sich zog, sondern für das Leben jedes einzelnen Bürgers. Jeder kam sich vor wie eine Schachfigur in der Hand eines unsichtbaren bösen Riesen. Als meine Mutter in den Fünfzigerjahren beschloss, meinen Vater zu heiraten und nach Prag umzusiedeln, riss sie sich von ihren Wurzeln und von ihrer Familie los und begann ein Leben schmerzlicher Trennungen – nicht nur im Hinblick auf sich selbst, sondern auch auf ihre Kinder. Grenzen waren nicht länger bloße Demarkationslinien auf der Landkarte, sondern inaktive Verwerfungslinien persönlicher Tragödien, die wie bei einem Erdbeben jederzeit aufreißen und das Leben von Menschen zerstören konnten. Besuche unserer Moskauer Familie zu beiden Seiten der Grenze waren so selten und so schwierig zu arrangieren, dass ich die wenigen Male, die ich meine Großeltern seit dem Wegzug von Moskau gesehen habe, an einer Hand abzählen könnte.
Nach dem Schock von V.s Anruf im Jahre 2002 musste ich wieder über die Jahre meiner ersten Trennung von meinen Moskauer Wurzeln nachdenken. Während meine Mutter ziemlich erleichtert wirkte, weil die Last, mich über meinen leiblichen Vater belügen zu müssen, von ihr abgefallen war, und während sie mein Bedürfnis verstand, mehr zu erfahren und sogar darüber zu schreiben, fiel die Reaktion meines Vaters ganz anders aus. Als sich die Familienatmosphäre nach V.s Anruf kurzzeitig entspannte, lenkte er ein und vertraute mir einige Erinnerungen darüber an, wie er mein Vater geworden war, Erinnerungen, von denen er früher nie gesprochen hatte. Seine Stimme war erfüllt von Liebe, und gleichzeitig schwang Unsicherheit mit. Er hatte große Sorge, mich zu verlieren. Er hörte sich an, was ich ihm über meine neue Familie zu erzählen hatte – damals nicht sehr viel –, dann sagte er: »Ich habe Angst, dass du dich von ihnen aufsaugen lässt. Du wirst uns verlassen. Ich werde dich verlieren.« Ich fühlte mich nicht so sehr wie eine Tochter, eher wie eine Frau, die zwischen zwei Männern steht. Es war ein seltsames Gefühl. Plötzlich wurde ich von zwei Vätern geliebt, und allem Anschein nach mit demselben Maß an Zärtlichkeit. Doch trotz meiner Neugier auf meinen neuen Vater wusste ich, dass der einzige Vater, den ich je haben würde, derjenige war, der mich aufgezogen hatte.
Meine Eltern würden es nicht lange tolerieren, dass ich mich mit den unterdrückten Tatsachen unseres Lebens befasste, so viel war mir bewusst. Für sie war es zu schmerzhaft, zu schwierig, mit dem Thema umzugehen – wie bei einem Knochenbruch, der zwar verheilt ist, den man aber keinem neuen Belastungstest unterziehen will. Was das Ganze mit mir anstellte, schien sie nicht weiter zu bekümmern. Mit derselben unverwüstlichen Geschicklichkeit, die es ihnen erlaubt hatte, ihre Vorgehensweise mehr als fünf Jahrzehnte lang erfolgreich durchzuziehen, vermochten sie es nun, ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich selbst zu lenken. Ihre Geduld mit meinen Bemühungen, zu begreifen, was wirklich geschehen war, erwies sich als kurzlebig. Mein Vater konnte einfach nicht damit umgehen, und meine Mutter gab seinem Druck nach, wie sie es immer getan hatte.
Eines Nachmittags, nicht lange, nachdem ich beschlossen hatte, dieses Buch zu schreiben, saß ich in der Küche meiner Eltern in Hamburg und nahm ein Gespräch mit meiner Mutter über ihre Erinnerungen an meine frühe Kindheit auf. In ihrem achtzigsten Lebensjahr sah sie noch immer schön aus und fünfzehn Jahre jünger, als sie war. Ich höre ihre kräftige junge Stimme auf dem Tonband, dazu Kaugeräusche, da sie nach einem langen Spaziergang mit dem Hund ihren nachmittäglichen Imbiss aus Cornflakes und Joghurt genießt. Sie spricht gerade über meine Erinnerung an die Kirschbäume hinter dem Elternhaus meines Vaters, als mein Vater in die Küche tritt und mitbekommt, was wir da bereden. Er explodiert. Es fühlt sich an, als würden wir dabei ertappt, wie wir einen zum Scheitern verurteilten Coup vorbereiten.
»Aber du weißt doch nicht einmal, worum es in meinem Buch eigentlich geht«, höre ich mich auf dem Tonband sagen, erstaunlich ruhig. »Es geht um die Sprachen in meinem Leben, darum, wie ich herausfinde, dass Englisch von Anfang an vorhanden war.«
»Was für ein Englisch? Wovon redest du?« Er klingt ehrlich überrascht und verwirrt.
»Meine anderen Großeltern haben zu Hause in Moskau englisch gesprochen. Sie –«
»Was ist das für ein Unsinn? Weshalb sollten sie englisch gesprochen haben? Es waren normale Moskauer Juden –«
»Nein, das waren sie nicht«, unterbreche ich ihn. »Es waren Amerikaner, die in Moskau lebten. Wusstest du das nicht?«
Es ist offensichtlich, dass er keine Ahnung hat. Ich sage zu meiner Mutter (und diesmal klinge ich überrascht): »Hast du’s ihm denn nie gesagt?«
»Nein«, gesteht sie. Und zu meinem Vater sagt sie, Schmerz – oder Ärger – in der Stimme: »Du hast es nie wissen wollen!«
Da verlässt er die Küche, überfordert von dieser neuen Information, mit der er nichts anzufangen weiß. Gerade hat der Fernsehfilm begonnen, den er sich anschauen wollte. Er wird wohl interessanter oder verdaulicher sein als meine Lebensgeschichte.
Meine Mutter und ich sind wieder allein. Nach kurzem Schweigen sagt sie bedächtig: »Ich habe es ihm nicht gesagt, weil er nie danach gefragt hat. Aber warum hat er nicht gefragt? Ich denke …« Ihre Stimme verliert sich, meldet sich aber gleich darauf mit erneuerter Energie zurück. »Ich weiß, warum. Er wollte nicht viel über dich wissen, weil es ihm mit diesem Wissen schwerergefallen wäre, dich als sein eigenes Kind zu akzeptieren. Er sah dich als meine Tochter an und damit als seine. Es war leichter für ihn, sich vorzustellen, du seist einfach nur du, ohne jeden Ballast.«
Sie sagte, sie verstehe meine Aufregung über die eigenartige narrative Wendung in meinem Leben – meine ursprüngliche Verbindung mit der englischen Sprache dank dieser mir erst jetzt enthüllten amerikanischen Familie. »Du wusstest nicht, dass du diese Verbindung hattest, aber sie hat dich zurückgelockt – wie ein Zauber.«
Hätten meine Eltern nach ihrer Hochzeit in Moskau gelebt, hätten sie die merkwürdige Illusion, meine Geburt sei Resultat einer quasi unbefleckten Empfängnis im Sowjetstil der Fünfzigerjahre gewesen, natürlich nicht aufrechterhalten können. Doch der Umzug nach Prag mitsamt meiner de facto-Adoption war gleichbedeutend mit einem Umzug in eine andere Welt; insofern war es meiner Mutter gelungen, uns beide von unseren tatsächlichen Ursprüngen abzutrennen, anscheinend unwiderruflich. »Unsere Familie war komplett«, sagte sie einmal zu mir. Sie benutzte das russische Wort polnozennaja, welches »vollständig« bedeutet. Vollständig und vollkommen.
Anfangs stellte der Widerstand meines Vaters gegen mein Bedürfnis, die Wahrheit über mich – und indirekt die Wahrheit über meine Eltern – zu erfahren und darüber zu schreiben, ein ernstes Hindernis dar. Ich war dazu konditioniert worden oder hatte mich selbst dazu konditioniert, meine Eltern als Menschen zu betrachten, denen ich keinen Kummer bereiten durfte. Ihr Glück lag in meiner Verantwortung. Mein Glück bestand nicht nur aus meinen Gefühlen über mein eigenes Leben: Ich musste auch ihr Leben erleichtern.
Slava, der älteste Freund meiner Eltern, der über neunzig Jahre alt war und noch in Prag lebte, eröffnete mir unerwartet, dass mir als Kind das, was ich nie gewusst zu haben glaubte, durchaus klar gewesen sei. Er verriet mir, als kleines Mädchen hätte ich ihm ein Geheimnis anvertraut. »Wirklich?« »Ja. Du hast mir gesagt: ›Sag’s niemandem, aber ich hab einen anderen Vater.‹« Diese Worte fielen während eines Telefonats, und im Hintergrund hörte ich meine Eltern, bei denen er gerade zu Besuch war, lachen. Meine Mutter kam rasch ans Telefon und flüsterte in verschwörerischem Ton, Slava sei betrunken, und ich solle nicht auf ihn hören: »Er kann sich unmöglich daran erinnern. Das hat er sich ausgedacht.« Mein Vater war außer Hörweite.
Ich war vollkommen fasziniert, und an einem anderen Tag, als man für das, was er sagte, nicht seine Trunkenheit verantwortlich machen konnte, rief ich Slava bei sich zu Hause an. Wir führten ein langes Gespräch, in dessen Verlauf mir aufging, dass er der einzige Zeuge meiner frühen Jahre in Prag war, der nicht zur Familie gehörte. Das war noch nicht alles: Da er selbst gemischt russisch-tschechischer (nicht jüdischer) Herkunft war, hatte er die Familie meines Vaters gekannt und sie mehrere Male zu Hause in Kunzewo besucht. Er konnte mir beschreiben, wie es dort aussah.
Slava hatte nicht die geringste Mühe, sich daran zu erinnern, was er am Telefon gesagt hatte. Ich befragte ihn vorsichtig, denn mir war bewusst, dass es so etwas wie einen völlig zuverlässigen Zeugen nicht gibt, erst recht nicht nach fünf Jahrzehnten. Slava wirkte unglaublich luzide und gesprächsbereit (vielleicht hatte er sich einen klaren Kopf bewahren können, weil er mit einer um vieles jüngeren Frau verheiratet war). Ich bat ihn, mir die Umstände des Gesprächs zu schildern, das wir damals geführt hatten, um zu prüfen, wie sich die Enthüllung meines »Geheimnisses« in den Kontext einfügte. Sie fügte sich nahtlos ein. Es geschah bei einem seiner Besuche in unserer Wohnung. Maxim war drei oder vier Jahre alt, also muss ich neun oder zehn gewesen sein. Wir waren wie immer laut und frech, und vermutlich ermahnten uns die Eltern, uns zu benehmen. Slava erzählte: »Ich habe dir gesagt, du sollst auf deinen Vater hören. Da hast du dich zu mir umgedreht und geflüstert: ›Ich habe ein Geheimnis. Das ist nicht mein richtiger Vater. Ich habe einen anderen Vater.‹ Ich habe dir erklärt, dass der, der für dich sorgt und dich aufzieht, dein richtiger Vater ist und dass du auf ihn hören musst, und du hast Ja gesagt.«
Dann fragte er: »Du weißt doch von deinem richtigen Vater?« Ich antwortete, nein, bis vor ein paar Jahren hätte ich es nicht gewusst. Slava war überzeugt, dass es mir als Kind klar gewesen sein musste, »denn als du mit deiner Mutter nach Moskau kamst, warst du kein Baby mehr«.
Der Zeitabstand zwischen dem Alter, das ich hatte, als ich ihm mein Geheimnis anvertraute, und meiner Ankunft in Prag, war gar nicht so groß: höchstens sieben Jahre. Es ist völlig einleuchtend, dass ich mir eines neuen Vaters in einem neuen Land bewusst war und den alten nicht ganz aus dem Sinn verloren hatte. Noch nicht. Danach muss ich ihn unterdrückt, verdrängt oder einfach vergessen haben.
Slava kannte meinen Vater schon vor der Heirat mit meiner Mutter und hatte von ihm erfahren, er werde eine jüdische Frau aus Moskau mitbringen, die in Prag mit ihm zusammenleben werde. Diese Braut habe eine Tochter – mich. Mein Vater musste meine Vergangenheit auslöschen, um einen Neuanfang machen zu können: eine Familie mit Mutter und Kind. Für einen jungen Mann Mitte zwanzig bedeutete dies eine enorme Verpflichtung, einen Akt der Liebe, ein Zeichen großer Liebesfähigkeit, aber auch ein waghalsiges Kunststück: zielstrebig für das Leben nicht nur eines, sondern gleich zweier Menschen und indirekt für das vieler anderer verantwortlich zu sein.
Ich fragte Slava nach dem Haus in Kunzewo. Die Stadt selbst war, wie sich herausstellte, mehr als nur ein unbedeutender Fleck auf der Landkarte der Sowjetunion, sie war eine Moskauer Vorstadt mit zwei ganz unterschiedlichen Hälften. In der einen hatten ganz normale Leute ihre Datschen, Sommerhäuser und schöne Villen mit Gärten. In der anderen standen die Erholungsdatschen sowjetischer Funktionäre, am bekanntesten wohl Stalins eigener bewachter Rückzugsort, wo er 1953 starb – ein Jahr vor meiner Geburt. So war denn die Kindheit meines Vaters ein Tableau im Schatten Stalins – sogar wortwörtlich.
Das Elternhaus, sagte Slava, war überaus schön, »sehr gut eingerichtet, mit elegantem Mobiliar«. Er erinnerte sich an etliche wunderbare Essen dort. Den Vater meines Vaters beschrieb er als »sehr imposanten, kultivierten Mann; wir nannten ihn Knjas Kunzewskji (›Graf von Kunzewo‹), weil er den Vorsitz mit solcher Eleganz führte«. Plötzlich verstand ich die Bedeutung des vielteiligen Silberbestecks, das meine Eltern nach wie vor besitzen, ein Hochzeitsgeschenk meines Großvaters väterlicherseits. Aber ich verstand noch viel mehr. Die angeborene Fähigkeit meines Vaters, sich makellos zu kleiden, in jeder Wohnung, in der wir je gelebt haben, eine Atmosphäre ästhetischen Luxus zu schaffen, seine Umgebung mit schönen Gegenständen zu füllen, eine üppig ausgestattete Küche zu haben (er liebt es, Geschirr, Besteck und Gläser zu kaufen) – all das ist das Haus seiner Kindheit, das er noch immer in sich trägt und an das er sich nicht erinnern zu können glaubt.
Und was habe ich in mir, was trage ich in mir? Ich fange an, meine Erinnerungen zusammenzustückeln, sie dort hinzutun, wo sie hingehören, zu erkennen, wo sie nicht hingehörten – gegen den Widerstand meines Vaters, gegen das mangelnde Interesse beider Elternteile, gegen ihre Ängste, gegen meine. Meine Erinnerungen, wie eine Schale Kirschen. Nur für mich.
Ich wurde an einem eisig kalten Dezembermorgen in Moskau geboren, ohne jede Spur des sprichwörtlichen Silberlöffels im Mund oder auch nur die Aussicht auf einen solchen. Trotzdem bekam ich einen echten Löffel, von meiner Urgroßmutter. Entsprechend der Leidenschaft der Familie fürs Essen war es ein beachtlicher schwerer Suppenlöffel statt eines zierlichen Teelöffels. Auf der Vorderseite des Griffs ist in eleganter kyrillischer Schreibschrift mein Name eingraviert, auf der Rückseite mein Geburtsdatum: »16.XII.54« Aber es ist kein Name, den ich als meinen eigenen je gehört habe oder den gehört zu haben ich mich erinnern kann. Die Inschrift lautet: Für Aljonuschka, eine zärtliche Verkleinerungsform für Elena. Und doch bestätigt meine Mutter, dass ich tatsächlich Aljonuschka gerufen wurde, besonders von Zelda, meiner Großmutter mütterlicherseits. Meine Anfänge schienen rein russisch zu sein und dieser Babyname genau zu meiner frühen Umgebung zu passen. In Wirklichkeit gab es noch viele andere Bestandteile in der ethnischen Mischung, die mein erstes Zuhause ausmachte.
Meine Mutter war die einzige Tochter Jakov Tschachmachtschews und Zelda Perlsteins. Meine Großmutter hatte ihren Mädchennamen nie abgelegt. Bei Frauen in Sowjetrussland war das nicht etwa ein Zeichen für Emanzipation, sondern ziemlich gebräuchlich – auch wenn meine Großmutter, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geboren, in Wirklichkeit eine emanzipierte Frau par excellence war. Trotz ihrer bescheidenen Familienverhältnisse (ihr Vater war Uhrmacher gewesen) hatte sie einen Hochschulabschluss und eine Karriere als Ökonomin vorzuweisen – weder von Mutterschaft noch von Krieg noch von irgendwelchen anderen Hindernissen unterbrochen, mit denen sie konfrontiert gewesen sein mochte. Allerdings vermute ich, dass der eigentliche Grund, weshalb sie eine Perlstein blieb, in der eigentümlichen akustischen Komplexität des Nachnamens ihres Mannes zu suchen war. Tschachmachtschew war die russifizierte Version des ursprünglich armenischen Namens Tschachmachtschjan, der – wie ich eines Tages von einem türkischen Bankkassierer in London erfuhr – auf Türkisch Feuerzeug (çakmak)
