Indien denkt anders - eine interkulturelle Begegnung - Richard Lang - E-Book

Indien denkt anders - eine interkulturelle Begegnung E-Book

Richard Lang

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Beschreibung

Dem Leser eröffnet sich hier ein Blick in den indischen Kulturraum aus der Sicht der Inder selbst und aus der Sicht jener, die sich intensiv, unvoreingenommen und realitätsgerecht mit dem Fremden in verschiedenen Schattierungen auseinandersetzen wollen. Wenn sich Frieden darauf gründet, die Andersartigkeit statt in Ablehnung in Bereicherung und Komplementarität umzuwandeln, dann gibt dieses Buch eine Handreichung dazu, wie Akzeptanz, ja Wertschätzung bei einer intensiv erlebten interkulturellen Begegnung entstehen kann, wo Staunen zu inspirierender Entdeckungsfreude wird. Über viele Jahre bekleidete der Autor Führungspositionen in Goethe-Instituten auf drei Kontinenten und sammelte konkrete und hautnahe Erfahrung in Interkulturalität. Ihren friedensstiftenden Kern entdeckte er in der gelebten Toleranzfähigkeit der Menschen. In der Form autobiographischer Notizen finden hier Fragen nach dem Leben, seiner Entstehung, seiner Wesenheit, seiner Gestaltung und seiner Deutungshorizonte in einer uns so fremden Kultur wie der indischen unterschiedliche bis völlig gegenteilige Antworten, schon weil sie im abendländischen Vergleich auf anderen Grundüberzeugungen fußen. Wenn der Blick nicht aus der Ferne und von außen auf eine fremde Kultur erfolgt, wenn dabei nicht mit dem Maßstab der eigenen Kultur beobachtet und gewichtet wird, besteht die Belohnung des Betrachters in Faszination, Inspiration und Nachdenklichkeit, immer aber in Bereicherung, zuweilen auch in Trost.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2020

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INDIEN denkt anders – eine interkulturelle Begegnung Autobiografische Notizen

mit einem Nachwort zur Interkulturalität

© 2020 Richard Lang

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-07596-2

Hardcover:

978-3-347-07597-9

e-Book:

978-3-347-07598-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Wahrheit ist grenzenlos, sie kann nicht konditioniert, sie kann nicht auf vorgegebenen Wegen erreicht und daher auch nicht organisiert werden.

Jiddu Krishnamurti

Vorwort

Dass jeglicher stabile Weltfrieden letzten Endes ohne eine geglückte, vielschichtige Interkulturalität unter den Nationen zum Scheitern verurteilt ist, weiß jeder. Als tiefe und breite, vielschichtige persönliche Erfahrung ist der Text von Richard Lang ein indirekter –nicht expressis verbis-, aber grundlegender Beitrag im Hinblick auf theoretische und auf notwendige praktische und politische Fragestellungen zu dem friedensstiftenden Kern der Interkulturalität. Lang versteht unter Interkulturalität nicht einfach Multikulturalität oder Transkulturalität, sondern inter, d.h. zwischen, wobei beispielsweise zwei Kulturen aufeinander wirken und sich friedlich miteinander auseinandersetzen. Allerdings impliziert Frieden zu stiften in der Tat hochgradige innere und äußere Toleranzfähigkeit der Protagonisten, und natürlich sowohl einen open mind als auch ein offenes Herz. Wenn wir beides in seinem Werk aus und über Indien finden, sind wir, die Leser, dem Autor zu Dank verpflichtet.

Richard Lang spricht die Fremdsprachen Rumänisch, Spanisch und Englisch. Und wie dies schon Wilhelm von Humboldt erkannte, tauchen wir in der Fremdsprache direkt und indirekt tief hinein in fremde Kulturen, noch klarer gesagt, in verschiedene Denkweisen und Weltbilder. Auch als langjähriger Leiter von verschiedenen GoetheInstituten hat der Autor konkrete und hautnahe Erfahrung in Interkulturalität gesammelt. Das bedarf einer gut modulierten Auseinandersetzung mit den Kulturunterschieden, d.h. mit dem Fremden überhaupt. Man soll nicht nur respektvoll mit dem Unbekannten umgehen, ohne die Andersartigkeit zu verleugnen, sondern nach dialektischer Aufhebung trachten. Das ist ein Gegengift gegen jeglichen Fundamentalismus, und Fundamentalismus ist die Matrix aller Kriege.

Unser Autor hat viele Jahre hindurch in München als Deutschsprachlehrer gewirkt. Dann übernahm er Führungspositionen an GoetheInstituten in verschiedenen Ländern, darunter die Leitung der Institute Lagos/Nigeria, Colombo/Sri Lanka und Guadalajara/Mexiko. Er konzentrierte sich nicht nur auf Sprachangelegenheiten, sondern arbeitete auch mit anderen Kunstausdrucksformen wie Theater und Fotografie. Auch behandelte er im interkulturellen Dialog Themen wie urbane Systeme und alternative medizinische Wege. Es wirkt alles ausgesprochenerweise dahin, das friedliche Zusammenleben zu gestalten, und ohne dabei scheinheilig und paternalistisch-kolonialistisch vorzugehen. Man denke nur daran, wie in der Geschichte sich Großmächte im Namen der Zivilisation, und doch mit Waffen materieller und geistiger Art, etabliert haben.

Auf anderem Blatt, wenn wir an die vielsprachige und vielgereiste Frau, die Friedensnobelpreisträgerin (1905) Bertha von Suttner denken, fällt uns in erster Linie deren Hauptwerk ein: Die Waffen nieder! (erste Ausgabe 1889, Dresden). Richard Lang fördert subtil und in der Tat den Frieden mit geistigen und kulturellen Mitteln. Auch soll uns nicht erstaunen, dass seine Ehefrau die in Deutschland bekannte argentinische Künstlerin Cora de Lang ist. Das Werk dieses Paares, jenes von Richard und jenes von Cora de Lang gründet sich auf eine ausgesprochen tiefbewegte Lebenserfahrung (Kierkegaard würde den Begriff „Passion“ benutzen), und steht da als Zeuge gegen das geläufige oberflächliche Vorurteil, nach welchem jedes seriöse Schriftstück kalt und „objektiv“ gestaltet werden müsse.

Bedenken wir, dass alle Art von Konflikten zwischen Menschen – geschweige denn zwischen Nationen- als Basis die fehlende Akzeptanz und realitätsgerechte Auseinandersetzung mit dem Fremden in all seinen Schattierungen und Verkleidungen hat. Frieden unter den Nationen gründet sich darauf, die Andersartigkeiten in Bereicherung und Komplementarität umzuwandeln. So habe ich das Buch von Richard Lang verstanden.

Dr. Raúl Páramo-Ortega

Interdisziplinärer Forscher

<www.raulparamoortega.de>                               Mexiko, am 1.Mai 2020

Interkulturelle Überlegungen zum Einstieg

Die vielfältigen Kulturen geben auf die zentralen Fragen des Lebens (auch wenn die Grundbedürfnisse des Menschen – kulturunabhängig – überall die gleichen sein dürften) sehr unterschiedliche Antworten. Das läuft der verbreiteten Meinung zuwider, wonach es nur eine, eben die Wahrheit geben kann. Und so stellt sich die Frage nach der Gültigkeit, der Wahrheit dieser Aussagen. Hat dabei eine Kultur recht? Die andere unrecht? Und wer möchte als Richter auftreten?

Welche Erkenntnisse, Einsichten und welche Wahrheiten vermitteln die Antworten? Besteht nicht zumindest ein Grundkonsens beispielsweise in puncto Respekt/Achtung vor dem Nährboden des Lebens, der Natur und damit (auch) der Menschheit auf diesem Planeten ungeachtet der Hemisphäre, der Hautfarbe etc.? Ist das verbindende Element für solch einen Grundkonsens die Frage nach der Gerechtigkeit (vgl. John Rawls) oder nach dem Verhältnis zwischen einer gerechten und einer anständigen Gesellschaft (wie z.B. bei Avishai Margalit) oder die damit verbundene Wertediskussion an sich (vgl. Hans Joas)?

Fragen nach dem Leben, seiner Entstehung, seiner Wesenheit und seiner Deutungshorizonte werden in einer uns so fremden Kultur wie der indischen in einem kontrastiven Ansatz zu europäischen epistemologischen Ansätzen unterschiedliche bis völlig gegenteilige Antworten finden, schon weil sie im abendländischen Vergleich auf anderen Grundüberzeugungen fußen, indem sie zunächst einmal nicht von einem einmaligen (nur dieses eine Leben) sondern von bis zu 1 Million Leben (im Hinduismus) ausgehen, von einer Seele, die ihren Segen und ihre Erfüllung nicht in einem Tempel aus Stein, Stahl und Glas, sondern im eigenen Körper sucht, eine Kultur, in der auch ein (Weiter) Leben in anderen Dimensionen, in einem anderen Zeit-Raum-Gefüge denkbar ist. Davon sind folgerichtig auch weiterführende Fragen betroffen wie z.B.: Was war vorher und was geschieht danach? Oder: Welches ist das Ziel, der Zweck, der Sinn des individuellen Lebens?

Wie faszinierend und bereichernd, was für eine Inspiration und manchmal auch was für ein Trost (wie Schopenhauer es formulierte) sind daher tiefere Einblicke in eine andere, hier, in die indische Kultur!

--

Für Nicht-Inder, und in meiner subjektiven Wahrnehmung erlebe ich das in Deutschland in ausgeprägter Form, scheint Indien stark zu polarisieren, jedenfalls kaum jemanden unberührt zu lassen: man steht ihm ablehnend gegenüber, ja, man schaudert davor zurück (dramatisch soziales Gefälle, Kastenwesen, Witwenverbrennung etc.) oder liebt es inniglich (wegen Yoga und Vegetarismus, Exotik oder Ayurveda, dem Taj Mahal oder zumindest wegen Mahatma Gandhi). Und zudem gibt es auch und vor allem die kultische Verehrung1, oft ausgehend vom Umwerben durch das unbekannt faszinierende Weisheitsversprechen Asiens, von dessen Mystik und einer verheißungsvollen Erlösung. Die Spanne der Informationslektüre über diesen Subkontinent ist unüberschaubar, sie umfasst von der landeseigenen Literatur in den zahlreichen Amtssprachen2, vom gängigen Reiseführer, z.B. „Lonely Planet“ mit seinen praktischen Hinweisen und preiswerten Schlaf- und Essgelegenheiten, über herrliche Bildbände bis hin zu einer enorm angewachsenen Fachliteratur insbesondere der Indologen (in fast allen Sprachen der Welt). Darunter gibt es auch Bücher zum Schmunzeln (vor allem für jene, die dort gelebt haben und durch diese Lektüre in eine Art Spiegel schauen3) und eine indische Selbstreflexion, die für ein indisches wie auch für ein außerindisches Publikum gedacht ist. Hinzu kommt schließlich eine indische Exilliteratur.

Vielleicht ist es aber gerade die unüberschaubare Vielfalt in der Einheit des indischen Kulturraums (und ich meine damit nicht nur den Staat Indien sondern auch den umliegenden geographischen Raum, Pakistan, Bangladesch, Afghanistan, Nepal, Bhutan, Tibet und sicher Sri Lanka, ja vielleicht auch den westlichen Teil Myanmars4), eine Vielfalt, die uns dazu bewegt, vielleicht auffordert, im alltäglichen Widerspruch und den erkennbar unvereinbaren Gegensätzen Position zu beziehen. Nicht-Inder werden in Sachen Indien daher gerne Partei ergreifen. Inder, so scheint es mir, können hingegen aus den Gegensätzen viel eher eine Ganzheit formen. Sie folgen einem monistischen Ansatz und womit sie auch die Dualität überwinden (sowohl die monotheistische Dualität zwischen Gut und Böse wie auch die zoroastrische zwischen Licht und Schatten), indem sie diese Gegensätze nicht nur als gegeben sondern als notwendige Teile ein und desselben Ganzen akzeptieren.

Heute denke ich mit leichtem Schmunzeln an den vermutlichen Anfang meiner Beziehung zu Indien. Mein Vater erzählte mir als Kind, dass ein indischer Staatsmann5, der zur Zeit meiner Geburt noch gelebt habe, bei seinem letzten Besuch in Großbritannien (im Jahr 1931) in seiner „indischen Uniform“, (einem Lendenschurz genannt Dhoti) vor dem Parlament und dem König (!) Georg V. erschienen sei. Er hätte dabei „nicht einmal Hosen und feste Schuhe angehabt“6: Ein Bettler-Auftritt. Unvorstellbar, einfach unvereinbar mit „Zivilisation“ – fand mein Vater.

Zivilisation, dieser Begriff wurde damals im Westen meist unhinterfragt gebraucht. Dass man ihn dennoch so empfangen habe, wurde nicht etwa der beeindruckenden Persönlichkeit des Gastes zugeschrieben, sondern zeuge von der großen Freiheit, die das Abendland auszeichne. Schließlich verfügte dieser Okzident nach eigenem Selbstverständnis – selbst für Nonkonformisten unbestritten – über eine allgemeine Denk- und Redefreiheit, wofür mir damals aus rein europäischer Perspektive schon der alleinige Hinweis auf elektrische Gitarren, Pilzköpfe (selbst diese fasziniert von Indien) und auf ein gelbes Unterseeboot im Dienst der Musik reichte.

Das war allerdings eindeutig ein Blick von außen auf Indien. Bald sollte jedoch für mich hinter dieser selbstsicheren und selbstgefälligen Haltung des Westens in seiner Betrachtungsweise der Welt7 ein Fragezeichen heranwachsen: wie konnte sich in einem Land dieser freien Welt, in Deutschland, trotz jüngster Geschichte so schnell und so viel Selbstgerechtigkeit entfalten?

1 Für mich verorte ich sie z.B. bei A.L. Basham: „The Wonder that Was India“

2 Die Verfassung von 1949 sprach noch von 14 Amtssprachen, mit den späteren Verfassungszusätzen bis zum Jahr 2004 kam man auf 22 Amtssprachen der wohl insgesamt 122 Sprachen – von vier großen Sprachfamilien-, die Indien offiziell anerkennt

3 William Dalrymple: „City of Djinns“

4 Der Autor lebte zusammen mit seiner Familie zwölf Jahre lang in diesem Kulturraum.

5 Mahatma Gandhi

6 Winston Churchill nannte ihn einen „ halbnackten Fakir“

_ _ _

Buenos Aires, 1985

Im Oktober 1985 hatte ich als Dozent des Goethe-Instituts gerade erst ein 3-monatiges Praktikum am Goethe-Institut Buenos Aires angetreten, als mich die Nachricht der Münchner Zentrale von meiner Versetzung nach Indien erreichte, eine Entscheidung, die dankenswerterweise einem meiner Dienstortwünsche entsprach. Der Umzug mit Frau und Sohn nach Neu Delhi wurde auf den Herbst des nächsten Jahres festgelegt und beinhaltete eine Umzugskostenvergütung für den Hausrat, der in Bälde von Deutschland aus auf den Weg gebracht werden sollte.

Cora drückte ihre Freude immer schon am besten in Bildern aus. Kurze Zeit später hielt sie dieses Blatt vor mich hin: Wir fahren nach Indien! Und darin trat – wohl aus ihrem Unterbewusstsein, denn es war erstmalig in ihrem Werk – das Mango-Muster auf, das wir später in Indien überall antreffen sollten.

Coras Bild „Wir fahren nach Indien“ (+)

Als diese Nachricht in der Familie und bei Freunden die Runde machte, rief sie gemischte Reaktionen hervor. Dabei muss festgehalten werden, dass niemand Indien wirklich kannte, niemand schon dort gelebt hatte. Nichtsdestotrotz war es bemerkenswert festzustellen, dass nahezu jeder eine feste Meinung zu haben schien, zumindest nach dem Eifer zu urteilen, mit dem jeder eine vertrat. Und so geschah, was häufig geschieht, wenn eine fremde Kultur als Thema das Gespräch bestimmt: es entfaltete sich ein breites Panorama an Meinungen, von der Ablehnung des Fremden, von Warnungen, ja nahezu Drohungen mit den „Geißeln“ und Gefahren, denen man sich ausliefere bis hin zu von Neugier geprägten Verlockungen, die auch als Versprechen verstanden werden können, Einmaliges und Faszinierendes zu erleben. Jeder hatte zumindest etwas über Indien gelesen oder auch entsprechendes Bildmaterial gesehen.

Aber für einige der Freunde war Indien mehr, es war eine Welt zwischen Weisheit und Wesenheit, die sie aus Büchern konstruierten. Vor allem solcher aus einer Buchhandlung in Buenos Aires: Kier8. Mit ihr und durch sie kommt eine weitere, ja, es kommen vielleicht gleich mehrere Perspektiven der interkulturellen Betrachtung hinzu. In welcher Form und mit welchem Tenor wurde von jenem (für einen Europäer) so entfernten Ende der Welt ein Blick auf den anderen Teil des Globus, auf Indien geworfen?

Buenos Aires ist eine Stadt der Buchhandlungen, und ihr Überleben spricht eine deutliche Sprache über die Lesegewohnheiten ihrer Einwohner. Welche der dort erworbenen Bücher hatten Coras Indienbild geformt, und inwiefern unterschied es sich von meinem? Inwiefern ist für die beurteilende Einschätzung einer Kultur die Perspektive wichtig, aus der die Betrachtung erfolgt? Wie oft traten solche und ähnliche Überlegungen im interkulturellen Gespräch in den Vordergrund?

Allmählich wuchs unsere Sensibilisierung für das Verhältnis Betrachter-Standpunkt (Perspektive) und Betrachtungsgegenstand. Später, als wir in Indien lebten, kamen wir oft und gerne auf diese Gespräche in der argentinischen Hauptstadt zurück.

7 – Etliche Jahre später war mir die interkulturelle Fragestellung viel klarer geworden: Im März 1991 veranstaltete ich in Neu Delhi die internationale Konferenz „ Judging An Other Culture“ mit den herauszuarbeitenden Themen: Judgement Without Understanding, Understanding Without Judgement, Judgement With Understanding und auch The Past As An Other Culture.

8Librería Kier, ‘Libros, venta de libros, libros para la mente y el espíritu’ (Bücher für Verstand und Geist)

Vārānasi (Benares)

Es war in unserem sechsten Indienjahr, im Frühjahr 1991 in Vārānasi (Benares). In der Stadt am Ganges wimmelte es von Menschen und Rikschas.

Foto: Rikshas in Vārānasi (Benares)

Einfach hingesagt, aber will man Fremdes beschreiben, reichen Worte oft nicht aus. Ein Bild kann durch seine größere Unmittelbarkeit das Fremde manchmal leichter umreißen.

Im Haus eines anerkannten Heiligen, Lahiri Mahasaya, trafen wir mit dessen Enkel, dem emeritierten Chemieprofessor der Hindu Benares University, B. Lahiry zusammen. Er bot uns Sitzkissen an, auf denen wir um das Fußende des Bettes herum saßen, auf das ich später zu sprechen komme und erzählte eine Anekdote über seinen Essay „Quest for Truth“ (Wahrheitssuche), den er im Frühling 1965 an seiner Uni (in den dortigen Annalen) veröffentlicht hatte, ein Essay, von dem aber niemand Notiz genommen habe. Die Kollegen seines College of Science hätten mit Verwunderung reagiert, dass ein Chemieprofessor philosophische Fragen anspreche; die Kollegen der Humanwissenschaften hätten das Essay links liegen lassen, weil es ja von einem Naturwissenschaftler kam und wie hätte der ihnen etwas offenbaren können. Damit gebe es von diesem Essay nur ein paar vergilbte Exemplare dieses Annalen-Drucks. Zwar gebe es von dem Text auch einen Buchdruck, aber der sei im Ausland in spanischer Übersetzung erschienen, beim eigenwillig, auf das eigene Urteil vertrauenden argentinischen Verlagshaus KIER. Hier war es wieder: Kier in Buenos Aires, eine von Coras Quellen über Indien9.

Prof. Lahiry erklärte, er habe deshalb Chemie studiert und fortan mit großem Einsatz an der Universität weitere Forschungen betrieben, weil er auf diese Weise das Vermächtnis seines Großvaters „bis ins Kleinste“ habe überprüfen wollen. Den bekanntesten Teil seines großväterlichen Vermächtnisses verdanken wir allerdings der Niederschrift der Biographie eines Yogi10. Im ehemaligen Wohnhaus in Benares blieben die Asche des Heiligen (in zwei eiförmigen Behältern) und ein Gemälde zurück, das ihn meditierend auf seinem anfangs erwähnten Bett sitzend zeigt und das seit 70 Jahren an selbiger Stelle auch steht, wo er im Lotossitz gemalt wurde. Es wird laut Herrn Lahiry nie abgestaubt; es setze einfach keinen Staub an.

Am Abend saßen wir auf dem Flachdach des Hauses von Dora Bäumler direkt am Flussufer und blickten auf den dunklen Ganges hinab, der sich kaum von seiner Umgebung abhob. Nur in unregelmäßigen Abständen leuchteten auf diesem „heiligen Fluss“ Indiens einige flatternde Lichtlein, die auf dem Wasser an uns vorüberzogen, es war der Lichtschein von kleinen Kerzen oder Öllämpchen, die zusammen mit Blumengaben auf Blättern oder einem anderen schwimmenden Untersatz dem trägen Rhythmus des Ganges folgten: Opfergaben der Gläubigen. Von frühmorgens bis spät abends drängen sich Hindus an seinem Westufer. Der Ganges reinigt. Neben rituellen Waschungen machen die Gläubigen hier ihre Morgentoilette, hier waschen sie Hemden und Saris; sie beten, meditieren, praktizieren Yoga, und an einem besonderen Abschnitt, kurz bevor der Fluss die Stadt wieder verlässt, werden Tote verbrannt. Ab und an erblickt man in der Flussmitte die dunklen Rücken der vorbeigleitenden Delphine. Varanasi, und besonders sein Flussufer, ist ein Ort der inneren Erhebung und Läuterung, des Gebetes, der Meditation, des Innewerdens. Unter großen geflochtenen Schirmen werden Zuhörern allen Alters heilige Texte vorgelesen und erklärt. Ein großer Teil der Inder konnte/kann nicht lesen. Vorleser zu sein, ist eine Tugend.

Menschen und Schirme am Ganges (®)

Nandi, der heilige Stier

Ein Stier wird dort automatisch zu „Nandi“, dem „Reittier“ Shivas. Neben streunenden Hunden streifen auch herrenlose Kühe und Stiere ziellos durch die Straßen. Manchmal zeichnen Gläubige einem solchen Stier die drei übereinanderliegenden Shiva-Linien auf die Stirn – ein gutes Omen – und bitten um Shivas Segen.

Die meisten Gläubigen steigen in den Fluss, um zu beten.

Pilger in Benares (*)

Benares (Vārānasi) Westufer (♦)

Was gibt es Erstrebenswerteres, als in Benares (Vārānasi) die Sonne vom Westufer aus über dem Fluss im Osten aufgehen zu sehen?! (Auf dem Ostufer gibt es kein sichtbares Hindernis für die aufgehende Sonne, kein einziges Haus. Das dortige Ufer ist eben nur dazu da, den Fluss zu begrenzen). Wer Macht und Namen hat, kann sich direkt am Westufer aufhalten, dort vielleicht sogar in einem palastartigen Gebäude wohnen, natürlich mit Blick auf den Fluss, mit Blick nach Osten.

West- und Ostufer des Ganges in Vārānasi /Benares (®)

Doch ein bekannter Bettler der Stadt beschloss, dieses Privileg der Begüterten zu unterlaufen. Eines der zahlreichen Beispiele für die allenthalben anzutreffende indische Beharrlichkeit: Mit jahrzehntelanger konsequent altruistischer Haltung hortete er die empfangenen Almosen zu einem kleinen Vermögen, um an diesem so begehrten Ufer des Ganges ein Hindu-Sterbehaus errichten zu können. Nicht für sich, sondern als eine soziale Einrichtung für jedermann. Voraussetzung, um dort eingelassen zu werden, war und ist nur, dass man Hindu ist, gleich welcher Kaste. Hier gehen Träume in Erfüllung, hier eröffnet sich jedem Hindu die Chance, in der heiligen Stadt Benares, direkt am Ufer des Ganges, am heiligsten Ort Indiens kostenlos sterben zu können. Es ist das Mekka, der Olymp indischen Glaubens. In allen Zimmern mit Blick auf den heiligen Fluss stehen charpoys11, zu denen jeder ins Sterbehaus aufgenommene Hindu ein einfaches Betttuch erhält. Täglich gehen Helfer von Raum zu Raum, hinterlassen kleine Trinkgefäße mit segensreichem Ganges-Wasser oder tröpfeln es den Sterbenden auf die Zunge bzw. rollen die Toten in das Bettlaken, um diese danach an das Manikarnika-Ghat, den für Verbrennungen bestimmten Uferabschnitt zu bringen.

Lediglich ein Zeitpunkt ist noch von Bedeutung und gleichzeitig Bedingung, um als Hindu im Sterbehaus Einlass zu finden: die Gewissheit, am Ende dieser Inkarnation angekommen zu sein, oder anders ausgedrückt: in Kürze, noch vor Ablauf von 10 Tagen aus dem Leben zu scheiden12.

9 Cora erhielt ein Exemplar des argentinischen Buches, ich erhielt ein englischsprachiges Exemplar aus den Annalen der BHU (Benares Hindu University), lose Blätter, die allerdings leicht gebunden werden konnten.

10 Paramahansa Yogananda: „ Die Autobiographie eines Yogi“

11 Das typische Bett Indiens. Ein auf kurzen Beinen stehender Holzrahmen, der mit einem Naturfasernetz bespannt ist.

12 „Im Angesicht des Todes“. Dieses für mich zu tiefst berührende Foto eines sich auf den Tod vorbereitenden Hindus in diesem Haus, in tiefer Meditation sitzend, stammt vom Delhier Fotografen S. Paul

„Im Angesicht des Todes“, im Hindu-Sterbehaus in Benares, (Foto von S. Paul) Mein Abzug: 50 x 70 cm

New Delhi ( Neu-Delhi)

Indien gehört zu jenen Ländern, die den Fremden in kürzester Zeit in ihren Bann ziehen können, sofern dieser dazu bereit ist und sich „verindern“13 lässt. Das ist freilich nur möglich, wenn sich der Neuankömmling nicht grundsätzlich dagegen sträubt und eigentlich nur bestrebt ist, das Land auf dem schnellsten Wege wieder zu verlassen. Mit „verindern“ ist allerdings nicht Assimilierung gemeint, sondern Eintritt in eine Resonanz mit der anderen Kultur. Wir entdeckten das an uns selbst, als uns ein sogenannter Perspektivwechsel widerfuhr. Ein gerade eingetroffener deutscher Professor, der zusammen mit seiner Frau im Indus-Tal (dem heutigen Pakistan) mit Ausgrabungen beschäftigt war und auf meine Einladung hin nun im Nationalmuseum Neu-Delhis vor Historikern und Archäologen einen Vortrag über die neuesten Erkenntnisse dazu halten sollte, rief uns abends unter Entschuldigungen mit der Bitte an, ob es möglich wäre, seiner Frau saubere Handtücher zu bringen, weil sie jene des Hotels abstoßend fände. Cora legte mir zwei aus dem Schrank ins Auto und ich brachte sie kurzerhand zum Hotel. Als sie diese in Empfang nahm, konnte sie nicht umhin zu bemerken: „Aber diese sind doch auch grau“. Zum Beweis legte sie ihre blütenweiße Bluse neben die Handtücher – und es war unbestreitbar, die Handtücher waren eindeutig grauer. Uns war dieses nach mehreren Jahren unseres Lebens in Indien nicht mehr aufgefallen. Zwar waren sie sauber, aber eben nicht (mehr) „blütenweiß“, denn aus keiner Leitung fließt dort so klares Wasser, dass Wäsche nach wiederholten Waschgängen immer noch blütenweiß aus der Waschmaschine kommen könnte.

Über die Jahre empfand ich New Delhi als eine Wüstenstadt. Die Metropole liegt am Rande der Rajasthan-Wüste; feinster Staub findet seinen Weg durch noch so kleine Ritzen (und es gibt davon viele) in alle Häuser, aber auch in Schränke und Schubladen, natürlich aber auch in den Wassertank, aus dem das ohnehin nur nachts aus der zentralen Wasserversorgung hineintröpfelnde Wasser stammte. Jeden Morgen wurde es in einen großen Wasserbehälter (einen Plastik- oder gemauerten Tank) auf dem Dach hochgepumpt. Es war kostbar und reichte nur knapp für den Tagesbedarf. Das Wasser, das schließlich aus dem Wasserhahn oder aus der Dusche floss, besaß keinen Druck; es war schlicht das bekannte Newtonsche Gravitationsgesetz, nach welchem das Wasser aufgrund seines Eigengewichts aus dem Tank vom Flachdach in die Leitung und in die Brause der Dusche fiel. Entsprechend kraftlos kam es an. Darüber hinausreichende Ansprüche waren längst unserem Realitätssinn gewichen. Mit diesem Wasser duschten wir, spülten Teller und Gläser und wuschen Wäsche. Lediglich das Trinkwasser musste über mehrere Stunden durch einen hochwertigen Keramikfilter laufen (eigentlich eher tropfen, denn dieser Vorgang dauerte schließlich die ganze Nacht), ein Filterbehälter mit Aktivkohle, den wir von einem Expeditionsausstatter in München mitgebracht hatten.

Betrat man ein fremdes Haus, brachte der Hausgehilfe als erstes „filtered water“ (gefiltertes Trinkwasser) in Metallbechern. Doch mit der Zeit nahm die anfängliche Gewohnheit ab, nachzufragen, ob das Wasser gefiltert sei. Vor allem im Mai und Juni, den heißtesten Monaten des Jahres, wenn (bis zum Eintreffen des Monsuns) der Tag oft mit 40°C begann und das Thermometer bis auf 50°C steigen konnte.

Was für eine großartige Erfindung war da der desert cooler! In unserem rund 60 m2 großen Wohnzimmer mit hohen Decken bedurfte es eines relativ großen Exemplars davon, um die Lufttemperatur herunterzusetzen und vor allem Feuchtigkeit zu spenden und zu verteilen. Ein Kubus von etwa 1 m Seitenlänge bestand aus 5 Grasmatten, die, in Drahtgeflechten zusammengehalten, die Seitenwände und den Deckel bildeten. Auf einem zentralen Sockel auf dem Bodenblech mit handhohen Rändern war ein einfacher Ventilator montiert. Eine kleine Pumpe drückte in einem geschlossenen Kreislauf das Wasser aus dieser Wanne durch dünne Schläuche an das obere Ende der Grasmatten, durch die es wieder in die untere Wanne sickerte und dadurch die Grasmatten ständig feucht hielt. Der sich um seine Achse drehende Ventilator erzeugt den Luftstoß, der von innen durch die Grasmatten einen feinen Wasserdunst rundum in den Raum sprüht. Äußerst billig und preiswert im Betrieb, konnte da keine Klimaanlage mithalten (auch wenn sie gerne zusätzlich eingesetzt wird). Ab und an werden diese Grasmattenwände ausgetauscht und Wasser in der Wanne nachgefüllt.

Tritt man aus dem Haus, schlägt die Hitze mit tausend feinsten Nadelstichen zu (was zuweilen durch den Wüstenwind potenziert wird). Dabei trocknet der Schweiß, den der Körper sofort zum Selbstschutz ausstößt, schlagartig ein, noch bevor er das anliegende Hemd überhaupt erreichen kann. So ist Schwitzen bei diesen Temperaturen und der extremen Trockenheit der Luft im Freien schlicht nicht möglich. Gegen solch eine Hitzewand kann manchmal selbst das Atmen schwerfallen.

13 – Ein deutsches Verb mit der Vorsilbe „ver-“ bedeutet grundsätzlich verändern durch den Inhalt des folgenden Verbs, der folgenden Aktion. In diesem Fall wird aus dem Nomen Indien ein Verb geschaffen: indern. Mit „verindern“ ist also eine Veränderung durch indisch werden gemeint. Das ist für mich an und für sich positiv besetzt, denn wer sich länger in der Fremde aufhält, sollte der alten Empfehlung folgen: „In Rome do as Romans do“ (In Rom verhalte dich wie die Römer), passe dich an!

S. Paul

Meine tägliche Morgenlektüre war die englischsprachige Tageszeitung „The Indian Express“. Allmählich fiel mir auf, dass ab und an Fotos abgebildet waren, die nicht nur fotografisch herausragten, sondern gleichzeitig das Leben Indiens exemplarisch einfingen (wenngleich meistens ohne Bezug zum Tagesgeschehen, so als ob sie es souverän missachten wollten). Ich ertappte mich dabei, dass ich nach einiger Zeit, noch vor dem Überfliegen der Schlagzeilen die Zeitung durchblätterte, um auf solch ein Foto zu stoßen, das mich dann auch regelrecht „ansprang“. Und immer wieder fand ich im Kleingedruckten den Namen desselben Fotografen: S. Paul. Alle folgenden 4 Fotos erschienen im „Indian Express“. Autor: S. Paul.

Zeitungsausschnitte aus dem „Indian Express“. Fotos: S. Paul

Fastenbrechungsfest „Id Mubarak“ – Delhi – Silhouette

Partielle Sonnenfinsternis über Delhi

Kinderarbeit und „Id“-Gebet in der „Großen Moschee“

Was lag näher, als in einer Buchhandlung nach einem Bildband dieses Fotografen zu fragen? Die Überraschung war groß, als es beim ersten, zweiten und wiederholten Male sorry hieß, so einen Bildband gebe es nicht. Schließlich sprach ich mehrere bekannte Journalisten und Fotojournalisten an. Ja, das sei eigenartig, ließ ich mir erzählen. Er sei seit vielen Jahren Leiter der Photothek der Zeitung Indian Express, werde von allen Journalisten als Ausnahmefotograf hoch verehrt, habe sich aber jenseits der Einzelveröffentlichungen in der Zeitung noch nie bereit erklärt, seine Fotos weder in einer Ausstellung noch in einem Bildband einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Die Herausforderung, diesen Ausnahmefotografen zur ersten Fotoausstellung seines Lebens zu bewegen, führte – wenn auch nach intensiven Gesprächen – schließlich zu einem Erfolgserlebnis: Er ging auf meinen Vorschlag ein und stellte seine besten Fotos erstmals öffentlich im Goethe-Institut, dem Max-Müller-Bhavan Neu-Delhis aus. Er war damals etwa 60 Jahre alt, hatte bei internationalen Fotowettbewerben wiederholt erste Preise gewonnen, zu denen oft ganze hochprofessionelle Fotoausrüstungen gehörten. Doch blieb ihm seine Leica