Inges Krieg - Svenja O'Donnell - E-Book

Inges Krieg E-Book

Svenja O'Donnell

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Beschreibung

Eine Kriegsenkelin auf den Spuren ihrer Familie in Ostpreußen 2008 reiste die heute 38-jährige Svenja O'Donnell nach Königsberg, bis Ende des Zweiten Weltkriegs Heimat ihrer deutschen Familie in Ostpreußen. Getrieben von der Sehnsucht, diesen Ort, ihre Familie, diese Landschaft und damit ihre eigene Geschichte und Herkunft zu verstehen, begibt sich O'Donnell auf familiäre Spurensuche – eine Suche, die ihr Leben für immer verändern wird. Die "Kriegsenkelin" entdeckt das faszinierende Leben ihrer Großmutter Inge: Sie ist ein starke Frau, die das verbotene Nachtleben im Berlin am Vorabend des Zweiten Weltkriegs erlebt, sich tragisch in einen adligen Soldaten verliebt und schließlich die Flucht ihrer Familie aus Königsberg in Ostpreußen organisiert. Bei ihrer Recherche erkennt O'Donnell aber nicht nur, wie der Zweite Weltkrieg ihre Biographie über drei Generationen hinweg prägte, sondern stößt auch auf ein lange verschwiegenes Familiengeheimnis. Einfühlsam, aufrüttelnd und packend schildert O'Donnell 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs den Lebensweg ihrer ostpreußischen Familie zwischen Krieg und Frieden, Heimat und Flucht - ein Weg voller Risse und schmerzhafter Entscheidungen und zugleich voller Tatkraft und Zusammenhalt. Auf der Suche nach der Geschichte ihrer Mutter und Großmutter wird O'Donnell klar: Es gibt keine Vergangenheit ohne Erzählen und keine Zukunft ohne Erinnerung. "Dies ist die Geschichte einer Frau in außergewöhnlichen Zeiten, über all die Lügen, die wir erzählen, um zu überleben, eine Geschichte von Mut, Verlust und unmöglichen Entscheidungen … Ich hoffe, endlich all den Millionen Frauen eine Stimme zu geben, deren Geschichte bis heute nicht erzählt ist." Svenja O'Donnell

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Svenja O’Donnell

Inges Krieg

Die Geschichte meiner ostpreußischen Familie

Aus dem Englischen von Sabine Schilasky und Ulrike Strerath-Bolz

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg reist Svenja O’Donnell nach Königsberg, bis 1945 Heimat ihrer deutschen Familie. Getrieben von der Sehnsucht, diesen Ort und damit ihre eigene Biografie zu verstehen, begibt sie sich auf Spurensuche und entdeckt das faszinierende Leben ihrer Großmutter Inge: einer starken Frau, die das verbotene Nachtleben im Berlin am Vorabend des Krieges erlebt, sich tragisch in einen adligen Soldaten verliebt und schließlich die Flucht ihrer Familie aus Königsberg organisiert. Eindringlich und sprachgewaltig erzählt O’Donnell diese Geschichte, die voller Risse und schmerzhafter Entscheidungen ist, und zugleich voller Tatkraft und Zusammenhalt. Als sie ein lange verschwiegenes Familiengeheimnis aufdeckt, wird ihr klar: Es gibt keine Vergangenheit ohne Erzählen und keine Zukunft ohne Erinnerung.

Inhaltsübersicht

Widmung

Karte: Königsberg und Ostpreußen

Karte: Die Fluchtroute der Familie Wiegandt

Prolog

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Teil II

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Teil III

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Teil IV

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Teil V

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Anmerkungen

Quellen

Dank

Meiner Mutter, Beatrice. Dies ist auch ihre Geschichte.

Königsberg und Ostpreußen

Die Fluchtroute der Familie Wiegandt

Prolog

Königsberg, Juni 1932

Albert Wiegandt faltete seine Zeitung zusammen, sodass er die Schlagzeile, »Sieben Verletzte bei Straßenkämpfen in Königsberg«, nicht mehr sah, legte sie auf den ordentlichen Stapel seiner Papiere und verschloss alles in seinem Schreibtisch. Jeden Freitag verließ er das Büro um 15.30 Uhr, um mit seiner Tochter Inge auf eine heiße Schokolade ins Café Berlin zu gehen. Das kleine Lokal mit der blauen Ladenfront nahe dem Königsberger Paradeplatz war im Sommer voller Touristen und den Rest des Jahres ein Treffpunkt für die Studenten der Albertus-Universität. Auf den ersten Blick wirkte es eher nichtssagend. Es war mit schlichten Holzstühlen und Tischen möbliert, nicht mit dicken Lederpolstern, wie man sie in den beliebtesten Restaurants der Altstadt fand. Seinen Erfolg verdankte das Café dem Ruf, die beste heiße Schokolade weit und breit zu servieren. Sie wurde in großen weißen Porzellantassen gereicht und war so dickflüssig, dass der Teelöffel beinahe stecken blieb, wenn man umzurühren versuchte. Die Schokolade trug eine üppige Schlagsahnehaube und duftete herrlich nach Zimt und Kakao. Dazu gab es ein Kännchen Milch, falls man das Getränk verdünnen wollte.

Die Freitagnachmittage waren für Albert und Inge eines ihrer Lieblingsrituale. Zum ersten Mal hatte Albert seine Tochter mit ins Café genommen, als sie fünf Jahre alt war. Es war etwas Besonderes gewesen und sollte zugleich seiner Frau Frieda eine Stunde ungestörtes Klavierüben ermöglichen. Und die überaus dankbare Frieda, deren Spiel ein wenig unter den Anforderungen des Mutterseins gelitten hatte, war unbedingt dafür, dass es zur Gewohnheit wurde. Im Café saßen Inge und er zusammen, erzählte er ihr das Neueste aus dem Wein- und Spirituosenhandel, welches Restaurant die größte Bestellung aufgegeben hatte und wer den besten Schnaps machte. Inge erzählte ihm von ihrer Schulwoche, welche Stunden ihr am besten gefallen hatten, welche Mädchen vom Lehrer ausgeschimpft wurden und welche Streiche sie einander gespielt hatten. Albert lachte herzlich über die kleinen Anekdoten und fühlte mit Inge, wenn sie die kleinen Prüfungen des Schulalltags zu bewältigen hatte.

Inge war im Juli 1924 geboren, zwei Jahre nach der Heirat ihrer Eltern. Es war fast ein kleines Wunder gewesen, da sich Albert und Frieda erst spät im Leben kennen- und lieben gelernt hatten. Albert war bei Inges Geburt fünfundvierzig und Frieda neununddreißig Jahre alt gewesen. Inzwischen war Inge acht, ein hübsches Mädchen mit blauen Augen, dichten dunklen Locken, einem freundlichen Lächeln und einem lebhaften Naturell. Sie war ein Einzelkind, und obgleich sie bezaubernd war, konnte sie recht anstrengend sein. Ihre Eltern, wie manchmal auch die Nachbarn in ihrem Wohnhaus, verwöhnten sie mehr, als sie sollten.

Auf dem Weg in die Altstadt, wo sie direkt im Zentrum von Königsberg wohnten und er seine Tochter abholen wollte, zog Albert sein Jackett aus. Es war ein warmer Nachmittag, der bereits die Hitze ankündigte, die im Hochsommer oft in der Stadt herrschte. Albert war der Sohn eines Bauern aus Grünewalde in Ostpreußen, rund einhundertfünfzig Kilometer östlich von hier. Er hatte dem Landleben mit den strengen Wintern und der Abgeschiedenheit als junger Mann den Rücken gekehrt, um sich als Kaufmann einen Namen zu machen. Und er liebte die Stadt mit der Inbrunst des Bekehrten. Sie bot ihm Kultur, Trubel und den Erfolg, der ihm in seiner Kindheit versagt geblieben war, was er genoss. Mit seiner attraktiven, kultivierten, musikalischen Frau und seiner kleinen Tochter hatte er alles erreicht, was er sich jemals gewünscht hatte. Dennoch war er neuerdings beunruhigt.

Unterwegs dachte er wieder an den Artikel, den er morgens in dem liberalen Lokalblatt, Königsberger Allgemeine Zeitung, über die Zusammenstöße zwischen den hiesigen Kommunisten und der Sturmabteilung, einer von der NSDAP angeführten paramilitärischen Kampfgruppe, gelesen hatte, der neuen Nazi-Partei, die sich in ganz Deutschland wachsender Beliebtheit erfreute. Es war von entsetzlichen Schlägereien berichtet worden. Ein dreiundzwanzigjähriger Mann rang mit dem Tod, und dies war lediglich die neueste in einer ganzen Reihe von Straßenschlachten, die Königsberg in den letzten Monaten heimsuchten.

Zuvor hatte Albert die Auseinandersetzungen der Nazis und Kommunisten als etwas abgetan, das in der fernen Hauptstadt Berlin geschah. Doch deren Häufung in Königsberg brachte die Gewalt und den Aufruhr der neuen politischen Ära unangenehm nahe. Albert war ein Anhänger der Zentrumspartei, ein gemäßigter Konservativer mit liberalen Tendenzen, der Gewalt verabscheute. Um Politik scherte er sich nur, wenn sie sein Geschäft als Importeur feiner Weine und Spirituosen oder – sein neueres Unternehmen – die Schnapsfabrik betraf. Er war in den Handel eingestiegen, nachdem er verwundet aus dem Weltkrieg heimgekehrt war, bis ihm das Erbe seines Vaters half, sein eigenes Geschäft zu gründen. Anfangs war es schwierig gewesen, denn nach dem Krieg herrschte große Armut, und es dauerte, bis Luxusgüter wie Wein und feine Spirituosen wieder so gut gingen wie vor dem Krieg. Nach dem Hunger in Kriegszeiten stellten die Deutschen fest, dass sie im Frieden kaum besser dastanden. Die Reparationszahlungen, zu denen Deutschland verpflichtet worden war, lähmten die Wirtschaft und sorgten für Lebensmittelknappheit und eine Hyperinflation.

Trotz all dieser Widrigkeiten hatte Albert durchgehalten, und seine harte Arbeit hatte sich ausgezahlt. Sein Geschäft bescherte ihm ein angenehmes Einkommen, und seine Familie liebte er von Herzen.

Doch die Dinge änderten sich: Zu seinem Freundeskreis zählten einige Juden, und ihm entging der gewalttätige Antisemitismus der Nazi-Partei ebenso wenig wie die Angriffe der Braunhemden oder deren beängstigend hetzerische Phrasen. Der Onkel seiner Frau, ein Botanikprofessor an der Albertus-Universität, dessen Urteil Albert achtete, hatte ihn schon frühzeitig überzeugt, dass die Nazis Verbrecher waren. Der Antisemitismus nahm bereits seit den 1920ern zu, befeuert vom rauen Wirtschaftsklima, doch die Angriffswellen gegen die jüdische Gemeinde waren letztlich immer wieder verebbt. Albert ahnte nicht, dass die Nazi-Banden nur wenige Wochen später ein Blutbad auf den Königsberger Straßen anrichten und eine Reihe von Morden und Angriffen verüben würden, die sie als Revolte gegen den »kommunistischen Terror« ausgaben. Die Wahlen am 31. Juli 1932 lösten eine Terrorwelle aus, während der Nazi-Aktivisten fünfundzwanzig Menschen ermordeten, unter ihnen der Chefredakteur der sozialistischen Königsberger Volkszeitung.

Doch selbst nach diesem brutalen Sommer dachte Albert noch, die Gewalt der Nazi-Banden gegen jüdische Geschäfte und deren zunehmende Beliebtheit sei nur ein vorübergehendes Phänomen. Er ging indes nicht so weit wie manche seiner Bekannten, die meinten, dass eine kleine Kostprobe von Macht für die Nazis die Bedrohung des polnischen Nationalismus im Westen und des Kommunismus im Osten eindämmen und die Ordnung wiederherstellen könnte. Vielmehr hoffte er, dass sich die Beliebtheit dieser neuen, gewalttätigen Partei wieder legen würde und sein Leben ungestört weiterginge.

 

Thomas Mann schrieb Anfang August 1932 aus seinem Ferienhaus in Nidden, hundert Kilometer nordöstlich von Königsberg, für das Berliner Tageblatt, er hoffe, die Gewalt in der ersten Woche des Monats würde die Intellektuellen der Stadt endlich wachrütteln.

 

»Werden die blutigen Schandtaten von Königsberg den Bewunderern der seelenvollen Bewegung, die sich Nationalsozialismus nennt, sogar den Pastoren, Professoren, Studienräten und Literaten, die ihr schwatzend nachlaufen, endlich die Augen öffnen über die wahre Natur dieser Volkskrankheit, [dieses] Mischmasch aus Hysterie und vermuffter Romantik, dessen Megaphon-Deutschtum die Karikatur und Verpöbelung alles Deutschen ist?«1

 

Thomas Mann wurde am Ende enttäuscht. Die Königsberger Mittelschicht, Albert eingeschlossen, entschied sich für Apathie anstelle von Protest, was verheerende Folgen haben sollte.

Doch all dies stand noch bevor, und als Albert an diesem heißen Juninachmittag nach Hause ging, um seine Tochter abzuholen, versuchte er, jedweden Gedanken an Politik zu verdrängen. Um fünf Minuten vor vier, pünktlich wie immer, erreichte er die Eingangstür des hohen, fünfgeschossigen Wohnhauses aus weißem Stein, erbaut im frühen 19. Jahrhundert für Königsbergs wachsende Mittelschicht. Er läutete und wartete. Inge brauchte ein wenig länger als sonst, um nach unten zu kommen, und als sie schließlich einige Minuten später erschien, war es kein lachendes Kind, das ihn an der Haustür begrüßte. Vielmehr war sie sichtlich bedrückt und hatte vom Weinen gerötete Augen. Stumm nahm sie seine Hand und ging mit ihm zum Café Berlin. Dort saß sie mit gesenktem Blick am Tisch und rührte ihre heiße Schokolade kaum an. Weder die zusätzliche Schlagsahne, um die Albert gebeten hatte, noch sein Vorschlag, in der Bäckerei Marzipan für ihr Waldpicknick am nächsten Nachmittag zu kaufen, konnten sie aufmuntern.

Albert hasste es, seine Tochter traurig zu sehen. Und da er wusste, wie sehr Inge ihre Ausflüge aufs Land mochte, fing er an, sich Sorgen zu machen.

Die Wiegandts fuhren einmal im Monat zum Bauernhof seines Bruders. Im Winter unternahmen sie dort lange Schlittenfahrten über die verschneiten Felder, dicht aneinandergedrängt auf der Rückbank und gegen die beißende Kälte in Pelze gehüllt; im Herbst sammelten sie Pilze und Beeren, wofür sie stundenlang durch den großen benachbarten Wald streiften. Doch es waren ihre sommerlichen Picknicks, wenn der Wald und die Felder voller Wildblumen waren, die seine Tochter am liebsten mochte. Albert hatte gedacht, mit Erwähnung des bevorstehenden Ausflugs und dem Versprechen von Marzipan, das Frieda nur zu besonderen Anlässen erlaubte, würde sich Inges »Schmollen«, für das er ihre Verfassung hielt, legen.

»Was hast du denn, Ingechen?«, fragte er.

 

Das Unglück, das Inge jeden Spaß an ihrem Freitagnachmittag verdarb, hatte sich am Morgen ereignet, kurz nachdem Frieda sie zur Schule gebracht hatte. Ihre beste Freundin Lotte hatte am Schultor auf sie gewartet und ihr einen Namen zugeflüstert, der nichts Gutes verhieß: »Greta.« Im Gegensatz zu Inge mit ihrem dunklen Haar und den blauen Augen war Greta blond mit großen braunen Augen und, neben Inge, das beliebteste Mädchen in der Schule sowie Inges Nemesis. Die Rivalität zwischen Inge Wiegandt und Greta Schwartz äußerte sich in ständigen Sticheleien im Schulalltag. Mal kam Greta mit ihren langen, schwingenden Zöpfen und in einem neuen Kleid mit französischem Spitzenkragen durchs Tor gelaufen; in der Woche drauf warf Inge ihre offenen Locken trotzig nach hinten und hüpfte in neuen geknöpften Lederstiefeln aus Prag in die Klasse.

Die letzten Tage hatten sich die Gespräche an der Mädchenschule um das Jahresfest am nächsten Montag gedreht. Die Mädchen sollten je einen Strauß ihrer Lieblingsblumen mitbringen, um die letzte Woche vor den Sommerferien zu begehen, und dieser Anlass hatte sich rasch zu einem Beliebtheitswettbewerb gemausert.

Inge wusste, dass alle sie und Greta beobachten würden und ihr Erfolg, ungeachtet des neuen Kleids, das ihre Mutter ihr gekauft hatte, ganz von dem Blumenstrauß abhing. Deshalb plante sie ihren Strauß schon seit Wochen. Albert war mit ihr bei dem Floristen nahe den Grünanlagen am Oberteich gewesen, einem der besten und teuersten der Stadt. Sie hatten einen Strauß aus rosa Rosen und Wicken mit Farnkraut gewählt, und man versprach, ihnen die frischesten Blumen gleich am Montagmorgen nach Hause zu liefern, rechtzeitig vor Schulbeginn.

Doch heute Morgen flüsterte Lotte ihr zu:

»Greta hat gesagt, dass ihre Eltern ihr einen besonderen Blumenkranz machen lassen, den sie im Haar tragen will.«

Bis zur großen Pause war die Neuigkeit in der ganzen Schule herum. Greta würde Inge ausstechen, und der Triumph war ihr so gut wie sicher.

 

Schluchzend erzählte Inge Albert davon, und er hörte ihr mit ernster Miene zu, obwohl seine Augen amüsiert blitzten. Er wartete, bis Inge ihre Geschichte beendet hatte, blickte auf seine Uhr und stand auf, um den Kellner heranzuwinken. Die Beunruhigung wegen des morgendlichen Zeitungsartikels war so gut wie vergessen. Diese Krise konnte er lösen.

»Wir müssen etwas tun, und zwar schnell«, sagte er, warf einige Münzen neben seine halb volle Tasse und ergriff die Hand seiner Tochter. »Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es noch zum Blumenladen, ehe er schließt.« Gemeinsam liefen sie beinahe in Richtung Oberteich.

 

Siegessicher ließ Inge sich am Montagmorgen von Frieda und Albert zum Schultor begleiten. Sie trug einen Kranz aus rosa Rosen und weißen Gewächshaushortensien auf dem Kopf. Lotte kam und stellte sich neben sie, und die ganze Klasse hielt den Atem an, als Greta eintraf, deren Kranz aus weißen Rosen und rosa Lupinen sichtlich kleiner war. Sie blieb neben Inge stehen, starrte sie an und rupfte eine Hortensienblüte aus Inges Kranz, um sie auf dem Boden zu zertreten. Binnen Sekunden gingen die Mädchen aufeinander los, angefeuert von den verzückten Mitschülerinnen. Als die entsetzten Eltern und Lehrer sie endlich trennen konnten, waren von den Blumenkränzen nur noch zerbrochene Stängel und ausgerissene Blütenblätter übrig.

Jahre später, an Bord des Schiffes, das ihn für immer von seiner Heimat fortbringen sollte, erinnerte Albert sich an den Anblick der verwüsteten Blumen: an die hässliche, sinnlose Zerstörung von etwas Schönem.

 

London, August 2019

Jahrzehntelang lag in meiner Familie ein Geheimnis verborgen, unausgesprochen, unangetastet, unvermutet. Ich hatte mir nie bewusst vorgenommen, es zu lüften. Bevor ich erkannte, dass es überhaupt angefangen hatte, hatte die Reise schon begonnen. Es war eine Suche nach der Wahrheit, die mich quer durch Europa führen sollte, durch die Vergangenheit und die Gegenwart. Sie ließ mich die Fakten infrage stellen, mit denen ich aufgewachsen war und die mich zu dem machten, was ich war. Begonnen hatte alles ganz harmlos mit einem simplen Telefonanruf an einem Nachmittag im April 2006.

Aus einer Laune heraus war ich nach Kaliningrad gereist, nur wenige Monate nach Antritt meiner Korrespondentenstelle in Russland. Da ich das Land erkunden wollte und bisher nur Moskau und St. Petersburg gesehen hatte, schien mir der Geburtsort meiner Mutter ein guter Ausgangspunkt. Ich war die Erste in meiner Familie, die nach Kaliningrad zurückkehrte, nachdem meine Großmutter die Stadt vor über sechzig Jahren verlassen hatte, als sie noch Königsberg hieß und zu Deutschland gehörte.

In meiner Kindheit hatte ich ein paar Sachen über das Leben meiner Familie dort erfahren und warum sie fortgegangen war. Meine Großmutter war zu Kriegsende vor den nahenden Russen geflohen, zusammen mit ihren alten Eltern und meiner Mutter als Kleinkind auf ihren Armen. Die Einzelheiten, die meine Mutter nur vom Hörensagen kannte, weil sie selbst zu klein gewesen war, um sich zu erinnern, waren eher Fragmente. Sie erzählte uns, dass ihre Eltern Ostpreußen waren, doch ich verstand kaum, was das eigentlich bedeutete. Ostpreußen existierte nicht mehr, und schon der Name war meiner Generation unbekannt, selbst Freunden, die in Deutschland aufgewachsen waren. Im kollektiven Gedächtnis war dieser Teil der Vergangenheit so gut wie verloren. Die noch größere Tragödie des Zweiten Weltkriegs und der Horror des Holocausts ließen keinen Platz für Geschichten von der Not jener Deutschen, die nicht von den Nazis verfolgt wurden. Über das Leben meiner Familie in Königsberg wusste ich lediglich, dass ihnen damals zwei Stunden geblieben waren, um zu verschwinden, dass sie alles verloren hatten, was sie besaßen, und nie wieder zurückgekehrt waren. Mir wurde von einem Schiff erzählt, auf dem sie geflohen waren, ohne nähere Einzelheiten, wie oder wann sie an Bord gelangt waren. Es wurde Teil unserer Familien-Mythologie: eine Flucht voller Rätsel, über die meine Großmutter nie sprach.

Auf der Landkarte ist Kaliningrad eine Anomalie, ein kleiner Landflecken an der Ostsee, eingezwängt zwischen den Weiten von Litauen und Polen, rein technisch gesehen eine Exklave, da es keine Landgrenze mit Russland besitzt und am Meer liegt; geografisch gesehen könnte man das Verhältnis zu Russland mit dem Alaskas zu den USA vergleichen. Über Jahrhunderte gehörte das Gebiet zu Deutschland, bis die sowjetische Armee es 1945 einnahm und es im selben Sommer durch das Potsdamer Abkommen offiziell Teil der UdSSR wurde. Die wenigen Artikel, die ich finden konnte, konzentrierten sich auf die Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde die Stadt von hoher Arbeitslosigkeit gebeutelt, und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde Kaliningrad zu einem Zentrum für Drogen- und Menschenhandel mit einem wuchernden Heroinproblem und der höchsten HIV-Rate in Europa. In den Jahren kurz vor meiner Ankunft, den frühen 2000ern, profitierte die Stadt von einem Wirtschaftsboom, fühlte sich jedoch immer noch wie ein Ort im Übergang zu einer ungewissen Zukunft an.

Ich hatte mich mit vagen Erwartungen von Moskau aus auf den Weg gemacht. Meine Kollegen hatten versucht, mich zu warnen, Kaliningrad sei ein Ex-Militäraußenposten der Sowjets. Niemand, wirklich niemand würde dort Urlaub machen, hatten sie gesagt. Ich tat ihre Warnungen als typisch russischen Zynismus ab und malte mir alte Gebäude von verblasster Schönheit aus, ein bisschen verfallen, vielleicht mit Wald im Hintergrund. Zwei Wochen vorher war ich in St. Petersburg gewesen und stellte mir Kaliningrad als eine kleinere Version davon vor: Auch eine Stadt an einem Fluss, an dessen Ufern sich Bauten von klassizistischen Proportionen gegenüberstanden. Ich malte mir breite Prachtstraßen aus, gesäumt von Platanen und uralten Eichen. Im Frühjahr, hatte ich irgendwo gelesen, würden im ehemaligen Ostpreußen viele Störche nisten.

Der Bahnhof stammte aus dem 19. Jahrhundert, erbaut aus deutschem rotem Backstein mit einem großen Torbogen. Er hatte die stürmische Vergangenheit überlebt und war ein paar Jahre zuvor aufwendig renoviert worden. Die blanken Böden und der große Messingkronleuchter am Haupteingang waren bezeichnend für die gotische Pracht russischer Staatsbauten, die ich ziemlich mochte. Der Stil passte zu den alten Säulenfenstern im Eingangsbereich, die sich beinahe vom Boden bis zur Decke erstreckten; das Morgenlicht und der Schein der elektrischen Kronleuchterkerzen spiegelten sich im Messing.

Neugier und Vorfreude bildeten einen Knoten in meinem Bauch, der umso fester wurde, je näher ich dem Ausgang kam. Noch war der Blick auf die Straße von einem Vorbau versperrt, und als ich die Glastür öffnete, peitschte mir ein schneidend kalter Wind ins Gesicht.

Ich blinzelte im grellen Licht und erwartete die Prachtstraßen, die ich mir ausgemalt hatte. Stattdessen fand ich mich einer Betonwüste gegenüber. Es gab keine Bäume, nicht mal eine Straße, sondern nur einen Asphaltstreifen, der sich zu einem Parkplatz weitete, ehe er in eine vierspurige Fahrbahn mündete. Hohe Betonwohnblöcke dominierten die Skyline, die Fassaden waren von schmalen Fenstern durchbrochen. Der Verkehrslärm in der morgendlichen Rushhour war ohrenbetäubend, und alles, die Straße, die Mauern, der Himmel, sogar das Licht, war grau. Die Luft war erfüllt von Autoabgasen und dem Lärm der Hupen, als ich auf den Fluss zuging, wo laut meinem schmalen Reiseführer die Altstadt sein sollte.

Dem Umfang des Buches nach zu urteilen, hatte Kaliningrad wenig Sehenswertes zu bieten. Es war fast ausschließlich von Immanuel Kants Grab die Rede, einem unscheinbaren roten Backsteinmausoleum, und der benachbarten Kathedrale, die bis zur Rekonstruktion in den 1990ern nur eine ausgebrannte Hülle gewesen war. Ich ging die Straße entlang, die so breit und so belebt war wie eine Autobahn, und merkte, wie meine Finger am Schultergurt meiner Tasche taub wurden, weil ich meine Handschuhe vergessen hatte.

Als ich Kaliningrads historische Altstadt am Fluss Pregel erreichte, der heute Pregolja heißt, hinter einer langen Uferstrecke voller Baustellen, blieb ich stehen. Es war neblig, und die Kälte und Feuchtigkeit erinnerten mich minütlich deutlicher daran, dass sich Frühling in Osteuropa eher wie Winter anfühlte. Das Flussufer vor mir wies den geballten Charme eines ehemaligen sowjetischen Atomwaffenstützpunkts auf. Womit klar sein dürfte, dass dies nicht die idyllische Pilgerreise war, die ich mir erhofft hatte.

Von der blühenden deutschen Universitätsstadt, die Königsberg einst gewesen war, dem Geburtsort von Kant und der Hauptstadt von Ostpreußen war wenig übrig. Keine Spur von dem Königreich, das Teutonenritter im 13. Jahrhundert gegründet hatten und das später Teil von Deutschland wurde. Von allen deutschen Ostgebieten hatte Ostpreußen für die Verbrechen der Nazis den höchsten Preis bezahlt. Sämtliche deutschen Bewohner, die hier die mit Abstand größte Mehrheit gebildet hatten, waren geflohen, gestorben oder deportiert worden. Die Bevölkerung war von 2,2 Millionen im Jahr 1940 bis Ende Mai 1945 auf 193000 geschrumpft.2 Die Überlebenden wurden größtenteils als Zwangsarbeiter eingesetzt, bevor man sie 1947 ins sowjetisch kontrollierte Ostdeutschland deportierte; und sie waren nur ein Bruchteil der insgesamt vierzehn Millionen vertriebenen Deutschen aus Osteuropa. Unter sowjetischer Herrschaft wurde alles beseitigt, was in Königsberg noch an deutscher Identität auszumachen war. 1946 wurde Ostpreußen zwischen Litauen, Polen und Russland aufgeteilt, und Königsberg wurde umbenannt in Kaliningrad, zu Ehren des sowjetischen Politikers Michail Kalinin. Gesäubert von der deutschen Bevölkerung und größtenteils zerstört, wurde die siebenhundertjährige deutsche Kultur in der Stadt dem Vergessen überantwortet.

Unbeeindruckt und enttäuscht von einer Stadt, von der ich glaubte, dass sie mich berühren sollte, rief ich meine Großmutter an. Wir waren uns nie sehr nahe gewesen, neigten nicht zu längeren Gesprächen, und vertraut waren wir uns schon gar nicht. Im Grunde sahen wir uns nur ein- oder zweimal im Jahr, wenn sie uns zu Hause in Südwestfrankreich besuchte oder ich ins norddeutsche Kiel reiste, wo sie mit ihrem Mann lebte. Sie war eine unnahbare, etwas egoistische und überkritische Frau, die sich nie in die traditionelle Großmutterrolle eingefunden hatte. Ihre Besuche bei uns waren ausnahmslos anstrengend und verwandelten meine gewöhnlich ausgeglichene Mutter in ein Nervenbündel. Von der Großmutter kamen nichts als Klagen: Die Kuchen, die stets frisch und selbst gebacken waren, schmeckten nie ganz so gut wie die, die sie in Deutschland kaufte. Sie mochte ihren Tee schwach und bestand auf eine eigene Kanne, und ständig, selbst im Hochsommer, beschwerte sie sich über die Kälte.

Unsere Telefonate beschränkten sich normalerweise auf die Geburtstage und folgten einem festen Muster. Und sie dauerten höchstens zehn Minuten. Wir redeten über das Wetter in Kiel, das ihrer Meinung nach nie, egal ob es regnete oder sonnig war, zur Jahreszeit passte. Sie erzählte mir, wer zu ihrer Geburtstagsfeier gekommen war, und fragte mich so gut wie gar nicht nach meinem Leben. Nach weiterem Small Talk, gewürzt mit implizierter Kritik, weil wir sie nicht häufiger besuchten, legte sie als Erste auf.

Doch an diesem Tag, als ich am Fluss in dem fremden Ort stand, aus dem meine Familie stammte, zuschaute, wie ein Kran große Betonbrocken von einer Baustelle auf dem gegenüberliegenden Ufer hievte, und in der Kälte bibberte, fühlte es sich für mich wie eine außerordentliche Gelegenheit an. Mit steifen Fingern tippte ich ihre Nummer und wartete, dass sie abnahm.

»Ich wollte mich nur mal melden«, sagte ich ein wenig linkisch. »Ich bin in Kaliningrad.«

Dann wartete ich, dass meine Großmutter reagierte. Sie war keine sentimentale Frau, doch die Totenstille, die auf meine Begrüßung folgte, überraschte mich.

Noch nie hatte ich sie sprachlos erlebt. Und die Stille am anderen Ende hielt an. Ich betrachtete meine blau gefrorenen Hände und wartete, dass sie irgendwas sagte. Dann sah ich zur trüben Wasseroberfläche des Flusses und sorgte mich, dass meine Freiminuten auf der Prepaidkarte im Handy auslaufen könnten.

Als sie schließlich sprach, klang ihre Stimme zittrig.

»Der Kreis schließt sich«, sagte sie.

Mir wurde bewusst, dass sie zum ersten Mal, seit ich sie kannte, weinte.

Diese fremde und Furcht einflößende Stadt, Tausende Kilometer von meinem Zuhause entfernt, hatte uns näher zusammengebracht, als wir uns jemals gewesen waren. Ich wusste nicht, wie ich sie trösten sollte, hatte ich sie doch noch nie so verletzlich gehört. Wer als Nächstes sprach, erinnere ich nicht mehr genau, nur, dass sie Namen von Orten erwähnte, die längst vergessen waren: Königsberg, Rauschen, Insterburg, Cranz. Und ich nannte ihr die neuen Namen: Kaliningrad, Swetlogorsk, Tschernjachowsk, Selenogradsk. Ich fragte mich, was an dieser Landschaft ihrer Vergangenheit, die mich gegenwärtig so wenig ansprach, solche Gefühle in ihr aufwallen ließ. Dieser kurze Ausflug, den ich leichthin unternommen hatte, bescherte mir nichts als Fragen.

Es gab noch mehr verschleierte Fakten über meine Großmutter, über die nie gesprochen wurde. Ihr Mann war nicht der leibliche Vater meiner Mutter, obwohl er sie großgezogen hatte.

Das eröffnete meine Mutter mir, als ich dreizehn war; bis dahin hatte ich nichts davon geahnt. Sie erzählte mir, dass meine Großmutter dem richtigen Vater meiner Mutter sehr jung, noch während des Krieges, begegnet war. Er kam aus einer vornehmen Adelsfamilie, und meine Großmutter hatte seine Schwester auf der Frauenfachschule kennengelernt; ihre Romanze hatte einen riesigen Familienkrach ausgelöst. Es war eine Teenager-Liebelei gewesen, die der Krieg beendete. Wie und warum, das wusste meine Mutter auch nicht genau.

Unsere Familie war offen, klammerte kein Thema aus. Einzig wenn das Gespräch auf die Familie meiner Mutter kam, setzte eine gewisse Zurückhaltung ein. Die rührte nicht von ihr, vielmehr hatte ich sie entwickelt, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich war mit einer deutschen Mutter und einem irischen Vater in Paris aufgewachsen und hatte eine französische Schule besucht. Als Angehörige der zweiten Generation, die in einem friedlichen Europa aufwuchs, wurde mein Geschichtsverständnis von Klassenzimmergesprächen über Schurken und Helden geprägt. Über die Menschen der Generation dazwischen hatte ich eigentlich nie nachgedacht. Im Unterricht zum Zweiten Weltkrieg wurden die Gräueltaten der Nazis hervorgehoben, die dunkleren Aspekte der französischen Vichy-Regierung – besonders die Kollaboration – eher schöngeredet und der französische Widerstand und das Heldentum von General de Gaulle betont. Lange Zeit war das Deutschland des Zweiten Weltkriegs für mich ein Land des Bösen. Meine Mutter gehörte einer Generation an, die sich daran abarbeitete, die Verbrechen aus der Zeit ihrer Eltern zu verstehen, und ihr Bestes tat, uns begreiflich zu machen, wie schrecklich Antisemitismus war und dass alle Männer und Frauen, alle Religionen und Rassen gleich waren. Wann immer mein Bruder und ich fragten, sagte sie uns, dass ihre Familie die Nazis nicht gemocht hatte. Dennoch empfand ich als Kind Deutschsein stets als beschmutzt.

Bei einem Schulausflug zu einem Museum über den Zweiten Weltkrieg in der Normandie spürte ich, damals neun Jahre, dass meine Mitschüler mich beäugten, als wir den Saal betraten, der den Holocaust-Opfern gewidmet war. Ich war die einzige Halb-Deutsche in der Klasse, und zum ersten Mal schämte ich mich deshalb. In jenem Moment klammerte ich mich an die Behauptung meiner Mutter und stellte mir meine Großeltern als heroische Widerständler vor. Vielleicht war es die Furcht, dass es nicht wahr sein könnte, was meine Mutter mir von der Nazi-Verachtung ihrer Eltern erzählt hatte, die mich abhielt, mehr Einzelheiten zu verlangen.

Doch in Kaliningrad kamen diese Fragen wieder hoch. Ich überlegte, wer dieser Teil meiner Familie gewesen war, was meine Verbindungen zu diesem seltsamen und abweisenden Land waren. Ich wollte alles wissen über ihr Leben, ihre Gewohnheiten, ihre Überzeugungen, ihren Krieg und ihre Flucht. Und als hätte sie meine Gedanken gelesen, lud mich meine Großmutter erstmals in ihre Vergangenheit ein.

»Ich habe dir so viel zu erzählen«, sagte sie.

Dieser kurze Satz war der Auftakt zu einem Jahrzehnt voller Entdeckungen, die sich im Verlauf von stundenlangen Unterhaltungen auftaten, in denen sie sich mir langsam öffnete. Nach ihrem Tod im Jahr 2017 führte mich ihre Geschichte durch Ost- und Westeuropa, wo ich alte Wege nachverfolgte, in Archiven und Familienbriefen stöberte und vergessene Verwandtschaft fand, die mir half, jene Geschichte in eins zu fügen, die sie so lange geheim gehalten hatte. Mein Wissen über sie bleibt stellenweise unvollkommen, weil das Gedächtnis nun mal subjektiv und fragil ist. Manchmal musste ich die Lücken mithilfe alter Briefe und Fotos füllen, mittels historischer Fakten und Erzählungen von Leuten, die sich erinnerten. Aber ich bin froh, dass ich die Wahrheit gefunden habe, und werde sie so gut erzählen, wie ich irgend kann. Im Kern ist es eine Geschichte von Liebe und Familie, von einem Mädchen aus einem verschwundenen Land, das eine Zeit durchlebte, in der Europa – und dessen Menschlichkeit – zerbrach.

Teil I

Kapitel 1

Ein kleines schwarzes Album

Es gibt eine Fotografie von meiner Großmutter, aufgenommen, als sie fünfundzwanzig war, die meine Mutter mir zum ersten Mal zeigte, als ich noch ein Kind war. Darauf hat sie die dunklen Locken mit einem Seidenschal nach hinten gebunden, große Augen in einem runden Gesicht mit den slawisch hohen Wangenknochen. Sie war hübsch, und das wusste sie. Ihre zarte Schönheit hatte sie sich ihr Leben lang erhalten, doch dieses Bild fing noch etwas ein, das ich nicht recht benennen konnte. Obwohl ihr Mund lachte, drückte ihr Blick einen Trotz und ein Misstrauen aus, die eher zu einer deutlich älteren Frau gepasst hätten. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits Mutter, hatte geliebt und ihre Liebe verloren, war aus ihrer Heimat geflohen und musste sich ihre Welt aus dem Nichts neu aufbauen. Sie war auf der Suche nach einem Neuanfang, einem normalen Leben ohne Turbulenzen und dem Trauma, das sie hinter sich gelassen hatte. Sehe ich es mir heute wieder an, mit allem, was ich nun weiß, denke ich daran, wie ihr die Zukunft damals vorgekommen sein musste, als sie noch so jung war und schon so viel durchgemacht hatte.

Meine Großmutter und ihr Mann wohnten in Kiel, an der deutschen Ostseeküste, wo meine Mutter und deren Schwester Conny aufgewachsen waren. Da wir in Paris lebten, sahen mein Bruder und ich die Großeltern nur ein paarmal im Jahr. Wir sprachen Deutsch mit ihnen, sie konnten keine andere Sprache. Jeder nannte sie Mutti und Vati, aber bei allem Mütterlichen, das diese Bezeichnung suggerierte, hielt meine Großmutter ihre Enkel auf Distanz. Sie war eine Frau, der Tadel leichter über die Lippen kam als Lob. Meine Mutter und sie standen sich nicht sehr nahe. Mit achtzehn Jahren hatte meine Mutter ihr Auto beladen und war nach Paris gefahren, wo sie blieb. Kiel, erzählte sie mir, war eine Stadt, in die sie nie gehört hatte und wo die Menschen ihr das Gefühl vermittelten, ein Wechselbalg zu sein. Erst viel später, nachdem ich mit meiner Suche begonnen hatte, ergaben ihre Worte für mich einen Sinn.

 

Es vergingen Monate nach meinem Kaliningrad-Ausflug, bis ich meine Großmutter wiedersah. Bei meiner Rückkehr nach Moskau war ich überaus neugierig gewesen, warum sie so emotional reagiert hatte und was sie mir erzählen wollte. Doch bald spannte mich das Journalistendasein wieder komplett ein und verbannte alles andere in den Hintergrund. Erst als ich im Urlaub nach Hause reiste und beschloss, meine Großeltern in Kiel für einige Tage zu besuchen, erinnerte ich mich wieder an den seltsamen gemeinsamen Moment und die Fragen, die er aufgeworfen hatte. Ich wollte die Antworten finden.

Ich kam pünktlich zur Kaffeezeit in ihrer kleinen, aber komfortablen Wohnung in einem modernen Block an. Vati, ein Hüne von einem Mann, begrüßte mich mit einer herzlichen Umarmung, während meine Großmutter mich zurückhaltend auf die Wange küsste. Sie bugsierten mich in den Garten, um mir ihre neueste Errungenschaft vorzuführen, die ihr ganzer Stolz war: ein Gartenhaus! Genau genommen war es ein Schuppen, in dem ein kleiner Tisch und vier zu weich gepolsterte Sessel standen – ein notwendiger Kompromiss, wollte man in einer Stadt draußen essen, in der ein viel zu kalter Ostseewind meist verhinderte, länger im Freien zu sitzen. Das Gartenhaus stand am Ende der gepflegten Rasenfläche, die sie sich mit einem Nachbarn teilten. Pflanzen gab es hier praktisch nicht, sah man von einem einzelnen, säuberlich gestutzten Busch ab. Das Holz des Gartenhauses war neu und duftete nach Kiefernharz und frischer Lasur. Die Fensterläden waren tannengrün lackiert. Wir saßen mit eingezogenen Ellbogen da – weil es ziemlich eng war – und mir fiel auf, dass die grünen Streifen der Sesselbezüge farblich exakt dem Muster der Kaffeetassen entsprachen.

Alles hier war ordentlich und berechenbar, und nichts erklärte die Gefühlswallung, die meine Großmutter nur wenige Monate zuvor gezeigt hatte, als ich sie aus Kaliningrad anrief. Dennoch hatte sich etwas zwischen uns verändert. Ich spürte es an ihrem Händedruck bei meiner Ankunft, an ihrem Entzücken angesichts des russischen Schals, den ich ihr mitgebracht hatte. Uns verband ein neues, undefinierbares Gefühl von Zugehörigkeit. Eine Tür in die Vergangenheit, zu der sie bisher geschwiegen hatte, hatte sich geöffnet, wenn auch zunächst nur einen Spalt weit. Instinktiv blieb ich vorsichtig und wartete auf den richtigen Augenblick.

 

Sie gingen früh schlafen und ließen mich allein im Wohnzimmer zurück, wo ich mir das Schlafsofa ausklappte. Dann sah ich mich nach den Fotoalben und den gerahmten Fotografien um. Es waren die üblichen Wegmarken eines langen Familienlebens: meine Mutter und ihre Schwester an den Tagen ihrer Hochzeit; mein Bruder und ich bei der Verleihung unserer Hochschuldiplome; Vati bei einem Segelurlaub am Steuer des Bootes. Es gab nur wenig Nippes, denn ungefähr alle drei Jahre überkam meine Großmutter der Drang, Dinge wegzuwerfen und wieder von vorn anzufangen.

Ich suchte auf den Bücherregalen nach etwas zu lesen und nahm schließlich einen Hochglanzband über deutsche Burgen heraus. Bald wurde mir ein bisschen kalt, und da der russische Schal noch über eine Sessellehne drapiert war, ging ich ihn mir holen. Ein kleines Fotoalbum mit schwarzem Ledereinband glitt aus den Falten. Es war höchstens zwanzig Seiten stark, und vorn in dem Band steckte ein Briefumschlag. Darin befanden sich eine Karte mit schwarzem Rand, die Todesanzeige meiner Urgroßmutter Frieda, die 1968 gestorben war, sowie ein zerknitterter Ausriss aus einer deutschen Zeitung, datiert von 1995. Ich glättete ihn und las die Schlagzeile:

»TODESNACHT AUF DER OSTSEE.«

Der Artikel war anlässlich des fünfzigsten Jahrestags des Untergangs der Wilhelm Gustloff verfasst worden, einem im Krieg zum Lazarettschiff umfunktionierten Kreuzfahrtschiff, das im Januar 1945 von der Roten Armee torpediert wurde. Der Journalist legte die Fakten gründlich und sachlich dar: Auf dem Schiff waren wenige Soldaten gewesen. Der größte Teil der knapp 10000 Passagiere waren Zivilisten, Frauen und Kinder, die vor den anrückenden Sowjets aus Ostpreußen flohen. Mitten im Winter wurde das Schiff in der Ostsee versenkt, und nur wenige Hundert Menschen überlebten. Ich hatte schon von dieser Tragödie gehört und wusste, dass meine Mutter, meine Großmutter und deren Eltern ebenfalls übers Wasser aus Königsberg geflohen waren, auf einem anderen Schiff. Hatte die Person, die dieses Album angelegt hatte, den Artikel direkt zur Todesanzeige für Frieda gelegt, um daran zu erinnern, welches Glück sie gehabt hatte zu überleben? Ich legte den Umschlag und dessen Inhalt beiseite und wandte mich dem Album zu.

Inges Konfirmation

 

Die erste Seite war leer bis auf einen einzelnen Eintrag in grüner Tinte, »Unsere Omi«, in der Handschrift meiner Mutter. Das erste Foto nahm eine ganze Seite ein. Es war ein Porträt einer Gruppe in feierlicher Kleidung, in der Mitte ein junges sitzendes Mädchen in einem weißen Kleid, das ich sofort als meine Großmutter erkannte. Doch es war die Bildunterschrift, die mein Herz schneller schlagen ließ: Königsberg, April 1939. Fünf Monate vor Kriegsbeginn. Ich blätterte den Rest des Albums durch. Es waren nicht viele Aufnahmen aus jenen Jahren da, sechs vielleicht, alle in Schwarz-Weiß, alles verblichene Schnappschüsse aus einem gewöhnlichen Leben.

Eine große, altmodische Visitenkarte mit der Aufschrift »Alfred Wiegandt, Königsberg Pr., Spirituosen, Weine, Großhandel, Herstellung geistiger Getränke«. Eine Gruppe, die durch eine unbekannte Dünenlandschaft irgendwo am Meer wandert; darunter stand »Rauschen«, der alte preußische Name des Ortes. Die Männer trugen Sommeranzüge, die Frauen Baumwollkleider. Fünf Leute an einem Esstisch, den eine große Tischdecke verhüllte und in dessen Mitte eine Vase mit frischen Blumen stand. Eine der Personen erkannte ich als Frieda, die lächelnd dort saß. Eine Aufnahme von einem alten Herrn mit Kaiser-Wilhelm-Bart war mit »Onkelchen« beschriftet. Ich blätterte weiter. Nun sprang das Datum vor nach 1962.

Ich kehrte zum ersten Gruppenfoto zurück. Die Szenerie wirkte für eine Geburtstagsfeier zu förmlich, die Gewächshausblumen und die Dekoration auf einem Teewagen, welche die Gruppe einrahmten, hatten etwas Ernstes. Zwei junge Männer hielten sich im Hintergrund. Sie schienen ein wenig gelangweilt. Ein weiterer junger Mann in einer Luftwaffenuniform stand neben einem Mädchen in weißem Satin mit künstlichen Blüten am Mieder und starrte in die Kamera. Die älteren Leute, meine Urgroßeltern zu beiden Seiten ihrer Tochter, sahen eher etwas gequält aus. Frieda trug ein dunkles Kleid mit einem weißen Rüschenkragen, Albert eine weiße Krawatte. Ich bemerkte, dass sein Schnauzbart in dem Stil gestutzt war, den Hitler berühmt gemacht hatte.

Alberts Visitenkarte

Inges Haar war altmodisch in Zöpfen um ihren Kopf gewunden, was sie älter als vierzehn erscheinen ließ. Sie trug ein weißes, am Ausschnitt besticktes Kleid aus dünnem Stoff und hatte die typisch schlaksige Haltung von Heranwachsenden mit vorgebeugten Schultern, gefangen in einem Körper, der noch nicht richtig weiblich war, aber auch nicht mehr der eines Mädchens. Ich kannte den Gesichtsausdruck aus der Erinnerung an meine eigenen Teenagerjahre – rebellierende Langeweile.

Beim Frühstück am nächsten Morgen bemerkte meine Großmutter das Album auf dem Couchtisch. Lächelnd ging sie zum Sofa, setzte sich und nahm es auf. Als sie die erste Seite aufschlug, bat sie mich zu sich. Und dann begann sie, Geschichten aus ihrer verlorenen Welt zu erzählen.

 

Es war April 1939. Sie hatten die Feier Wochen im Voraus geplant. Inge wünschte sich jetzt schon, sie wäre endlich vorbei, dabei galt es noch, das Essen zu überstehen.

Albert und Frieda zu Hause in Königsberg

Ihre Mutter und die Schneiderin hatten so ein Theater wegen jeder Kleinigkeit ihres Konfirmationskleides gemacht, von der Wahl des besten Seidentülls bis hin zur Stickerei am Ausschnitt, dennoch fand Inge das Ergebnis altmodisch und unelegant. Das Kleid, das sie eigentlich wollte, hatte sie in einer der Modeillustrierten gesehen, die ihre Freundin Lotte und sie stundenlang ansahen, wenn Lottes große Schwester sie ausgelesen hatte. Es war in einem Artikel über die bevorzugten Kleidungsstile von Filmstars abgebildet gewesen: ein langes, elegantes Kleid aus pfirsichfarbenem Satin mit herzförmigem Ausschnitt und Ärmeln, die kaum die Schultern bedeckten, dazu an den Hüften gerafft und mit einer langen Schleppe. Inge hatte das Bild sorgfältig ausgeschnitten und es voller Ehrfurcht Frieda gezeigt, die prustend lachte.

»Liebchen, für solch ein Kleid bist du viel zu jung! Außerdem ist deine Konfirmation ein ernster Anlass, keine Filmparty.«

Inge hatte das Lachen durch die Wohnzimmertür gehört, als Frieda später ihren Freundinnen davon erzählte.

Ihre Wangen glühten noch immer bei der Erinnerung an das Gelächter, als sie an diesem Morgen in der Kirche stand und ungeduldig wartete, dass der Gottesdienst vorbei war. Nur der Pastor brachte sie mit der Bemerkung zum Lächeln, sie sähe hübsch aus.

»Jetzt ist es nicht mehr lange bis zu deinem ersten Ballkleid!«, sagte er augenzwinkernd. Er war ein großer Mann, dessen imposante Gestalt durch sein freundliches, joviales Auftreten gemildert wurde. Inges Eltern sprachen immer voller Zuneigung und Respekt von ihm. In jüngster Zeit jedoch hatte sie zu Hause häufiger gehört, wie ihr Vater in gedämpftem Ton zu Frieda sagte, dass der Pastor vorsichtiger sein sollte. Sie fragte sich, was er damit meinte, vermutete allerdings, dass es an der Art liegen musste, wie er während des wöchentlichen Sonntagsgottesdienstes die Gebete begann.

Die Wiegandts waren, wie die meisten Leute in Königsberg, Protestanten, mithin Angehörige einer wenig fordernden, indes ernsten Glaubensrichtung, die lediglich verlangte, dass sie sonntags in die Kirche gingen. Anders als viele andere Kleriker zu seiner Zeit scheute sich ihr Pastor nicht, offen zu seinen festen christlichen Grundsätzen zu stehen. Er durchschaute die fremdenfeindliche Rhetorik der Nazis ebenso wie die zahllosen Erlasse, mit denen das öffentliche und private Leben der Juden in den sechs Jahren seit der Machtübernahme der Nazis eingeschränkt wurde. Weder ignorierte er die brennenden Synagogen und die Verwüstung jüdischer Geschäfte noch die Verfolgung von jedweder Gruppe, die nicht mit ihren Überzeugungen konform ging. Von dem Tag an, an dem Hitler an die Macht kam, hatten sich die Predigten des Pastors verändert. Er lobte Tugenden wie Friedfertigkeit und Toleranz mehr denn je, und seine Worte wurden beständig inbrünstiger. Jeden Gottesdienst beendete er mit dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser, wobei er jeweils die Schlusszeile ein wenig anpasste. Die Wiegandts warteten mit geschlossenen Augen darauf, wagten nicht, einander anzusehen, wenn sich der Pastor mit dröhnender Stimme direkt an die anwesenden Nazis richtete. Auch bei Inges Konfirmation heute Morgen hatte er es getan, als er den Cousin zweiten Grades ihrer Mutter in seiner Luftwaffenuniform erblickte, seine modisch gekleidete Frau an seinem Arm.

»Und erlöse uns von diesem Bösen.«

Albert hatte die Stirn gerunzelt, als er den jungen Mann erstmals so sah. Frieda hatte versucht, ihn zu beruhigen, als er die Stimme erhob und sagte: »Diese jungen Männer halten den Krieg für ein Spiel!« Inge wusste, dass ihr Vater im letzten Krieg gekämpft hatte, und er humpelte bis heute wegen eines Schrapnells, das ihn am Knie verletzt hatte und Rheumaanfälle auslöste. Sie wusste ebenfalls, dass ihre Mutter als Krankenschwester an der Ostfront gewesen war. Sich die beiden im Krieg vorstellen aber konnte sie nicht. Das Romantische daran ging für sie nicht in eins mit ihren gesetzten, ehrbaren Eltern. Sie sprachen nur selten und ausnahmslos mit Entsetzen darüber. Inge fand den Gedanken an Krieg zumindest aufregend, verglichen mit ihrer öden Welt. Und sie fand, dass ihr Cousin in der Pilotenuniform sehr gut aussah. Noch dazu glich seine blonde Frau in ihrem weißen Satinkleid den Frauen, die Inge in den Illustrierten bewunderte.

Ihr Onkel Max, dachte sie, hätte ihren Vater mit einem Scherz aufmuntern können. Und es versetzte ihr einen Stich, dass er nicht mehr lebte. Er war gar kein Verwandter gewesen, sondern der beste Freund ihres Vaters, weshalb sie ihn schon »Onkel« genannt hatte, seit sie ein kleines Kind gewesen war. Er betrieb einen angesehenen Klub in der Stadtmitte, in den Königsbergs klügste Leute gingen, um zu trinken, zu essen und zu tanzen. Jeden zweiten Dienstag trafen sich Max, Albert und zwei andere alte Freunde dort in einem Privatzimmer zum Schachspielen und um fernab von möglichen Lauschenden über Politik zu reden, und das bis spätnachts. Inge hatte ihre Mutter gefragt, worüber sie so lange redeten und warum Albert oft besorgt und aufgebracht war, wenn er zurückkam. »Politik«, hatte Frieda gesagt. »Die lässt man lieber.« Inge wusste, dass ihre Eltern Hitler nicht besonders mochten, obwohl sie sehr aufpassten, wenn sie mit anderen über ihn sprachen. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass es gefährlich war, anderen, sogar Freunden, zu erzählen, was sie dachten. Max hingegen weigerte sich, vorsichtig zu sein. »Ich mache diesen Affengruß nicht, den sie uns vorschreiben«, sagte er.

Vor einem Jahr war ihr Vater eines Abends früher aus dem Klub zurückgekommen; sichtlich besorgt erzählte er Frieda, dass Max abgeholt worden war. Er saß auf dem Sofa, hatte Tränen in den Augen, und Frieda hatte den Arm um ihn gelegt, als er ihr berichtete, was der alte Barmann gesagt hatte. Am Samstagabend zuvor war ein hoher Nazi-Offizier zum Abendessen im Klub gewesen. Er und zwei andere Männer waren auf Max zugegangen und hatten ihn mit »Heil Hitler!« begrüßt, wobei sie die Arme reckten. Der Barmann war überzeugt, dass es Absicht war; Max’ Meinung war den hiesigen Nazis wohlbekannt.

»Herr Max hat nur den Hut gelüpft, wie er es immer tut, Herr Wiegandt«, hatte der Barmann erzählt. »Und erwidert mit ›Guten Abend, die Herren‹. Nichts konnte ihn dazu bringen, Sieg Heil zu sagen. Herr Wiegandt, Sie wissen doch selbst, dass es nur eine Handbewegung ist, und die hätte ihn retten können!«

Am frühen Dienstagabend, noch ehe Albert dort war, hatte die Polizei Max abgeholt.

»Du musst zu seiner Frau gehen«, sagte Frieda.

»Ja«, hatte Albert geantwortet. »Aber wir müssen jetzt sehr vorsichtig sein.«

Kapitel 2

Eine finstere Zeit

Diese ersten Einblicke in die Vergangenheit meiner Großmutter stachelten meine Neugier an. Ich wollte mehr über die Wiegandts erfahren, über das Leben zwischen den Kriegen, und suchte geradezu gierig nach Büchern über jene Zeit. Ich arbeitete mich durch einen dicken Schmöker über die Weimarer Republik und noch einen über die Wirtschaft der Zwischenkriegsjahre. In einem Antiquariat in Hamburg entdeckte ich einen Stapel Frauenzeitschriften aus den späten 1920ern. Ich las die Rezepte, die Ratgeberkolumnen und die Modeanzeigen.

Oft dachte ich an das Konfirmationsfoto meiner Großmutter. Das Leben, das es abbildete, erinnerte mich an die Bücher, die ich als Kind so gemocht hatte, Nesthäkchen von Else Ury. Über zehn Bände erzählten sie die Geschichte eines anderen, typisch deutschen Mädchens aus der Mittelschicht, Annemarie Braun, einer Arzttochter aus Berlin. Die Erzählungen erstreckten sich von ihrer Kindheit über den Ersten Weltkrieg bis ins hohe Alter. Das erste Buch erschien 1918 und wird seit 1952 immer wieder neu aufgelegt.

Ich fand meine alten Ausgaben auf unserem Dachboden und stellte fest, dass ich den vierten Band, der im Ersten Weltkrieg spielt, nie gelesen hatte.

Ein wenig Recherche führte mich zu einer kurzen Seite mit Urys Biografie, die mir den Grund enthüllte. Die Autorin war eine glühende Patriotin gewesen, und ihre Kriegsbeschreibung in diesem Band galt als zu nationalistisch für moderne deutsche Verlage. Doch es war die letzte Zeile mit dem Ort und Datum ihres Todes, die mir den Atem stocken ließ: Auschwitz, 1943.

Mich erinnerte es daran, was jene Menschen, die mich aus dem kleinen schwarzen Album anblickten, in den Jahren erlebt hatten. Was hatten sie gedacht, gefürchtet, verheimlicht? Und wollte ich das wirklich wissen?

 

Inge, oder Ingeborg Gertrud Wiegandt, wie sie getauft wurde, war ein achtjähriges Schulkind, als Adolf Hitler im März 1933 die Macht übernahm. Seit ihrer Schulhofprügelei wegen der Blumenkränze waren erst neun Monate vergangen, doch in Ostpreußen hatten sich, wie in ganz Deutschland, viele Dinge verändert. Im Juli zuvor waren die Nazis bei den Wahlen, die eine Terrorwelle mit zahlreichen Toten auslösten, zur stärksten Partei im Reichstag geworden. Im Januar ernannte der Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Ende März, nach einer weiteren Wahl, bei der seine Partei die Mehrheit ausbauen konnte, wurde die Verfassung geändert und er quasi zum Diktator.

Das Tempo von Hitlers Aufstieg war erstaunlich, insbesondere in Ostpreußen, wo die Nazis innerhalb von fünf Jahren ihre Wahlergebnisse von unter einem Prozent auf die höchsten im ganzen Reich, wie Deutschland damals genannt wurde, steigern konnten. Nichts in der ostpreußischen Geschichte hatte diesen Wandel erahnen lassen. Über Jahrzehnte war Königsberg eher links orientiert gewesen, und selbst als eine Mehrheit der Wähler nach 1920 zur rechten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) wechselte, konnten die linken Sozialdemokraten noch auf beachtliche Unterstützung zählen, weil die hetzerische Rhetorik des Nationalsozialismus nicht recht verfangen wollte. Im ländlichen Ostpreußen sah es nicht anders aus. Dort waren die alten Gehöfte der sogenannten Junkerfamilien, und die Wähler bevorzugten konservative oder traditionell nationalistische Parteien. All das änderte sich 1928 mit der Ernennung von Erich Koch, einem fanatischen, skrupellosen Eiferer mit politischen Ambitionen, zu Ostpreußens Gauleiter, dem Parteiführer der Region.3