Iron Annie - Lisa M Hutchison - E-Book

Iron Annie E-Book

Lisa M Hutchison

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Beschreibung

"Iron Annie"ist die wahre Geschichte eines deutschen Lufthansa Piloten in Deutschland vor, während und nach des 2. Weltkriegs. Das Buch folgt Albert von einem jungen Piloten mit Frau und Kindern bis ans Ende seines Lebens. Schon früh verliert Albert seine erste Frau und hat zwei kleine Kinder. Von diesem Zeitpunkt an taucht der Leser in Alberts Leben und seine Reise ein. Die Prüfungen und Bedrängnisse sind reichlich für Albert und seine Familie. Er bleibt absolut ein stetiger, nüchterner Mann, den der Leser sicherlich gerne durch die lange Reise verfolgt. Hutchison hat eine Geschichte über die schlimmsten Jahre geschrieben die Deutschland und die Welt je gesehen haben - im Gegensatz zu so vielen Büchern, die über diese Zeit geschrieben wurden, konzentriert sich Hutchison nicht auf den schrecklichen Hitler, sondern auf einen einzelnen Mann. Die Geschichte hält den Leser voll und ganz im Bann. Die Schrecken und unmenschliche Dinge die Albert und seine Familie erduldeten, haben Albert nie besiegt. Hutchison schreibt eine Geschichte die alle Leser ansprechen wird - das Buch handelt nicht von der Hässlichkeit der Zeit, sondern vom Alltagsmenschen und seiner Familie - Hutchisons Familie - und ihrem Überleben. Eine ausgezeichnete Lektüre!

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Seitenzahl: 442

Veröffentlichungsjahr: 2020

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IRON ANNIE

Lisa M.Hutchison

Übersetzt von Maya Grünschloß

Überarbeitet von Lisa M. Hutchison

Gewidmet all den zahllosen Flüchtenden und Vertriebenen über Generationen hinweg, deren unnötige Leiden und Kummer unermesslich waren und immer noch sind.

© 2020 + Lisa M. Hutchison

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-10063-3 (Paperback)

978-3-347-10064-0 (Hardcover)

978-3-347-10065-7 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Original Ausgabe aus dem Englischen „Iron Annie and a long journey” Tredition 2018"

EHRE DEINEN VATER UND DEINE MUT-TER"

Dann werdet ihr ein langes und erfülltes Leben in dem Land leben, das der HERR, euer Gott, euch gibt.

Ich habe immer geglaubt, dass das vierte Gebot der Eckpfeiler aller Gebote ist, ja das Leitlicht meines ganzen Lebens.

Ob ich ein langes Leben führen werde, weiß ich nicht, aber es ist mit Sicherheit ein reiches Leben, erfüllt von Segnungen und Fülle.

Meine Eltern waren die wichtigsten Menschen in meinem Leben und ohne ihre Liebe, Führung, Respekt und totale Akzeptanz von mir und meinen Entscheidungen hätte ich nie "ICH" sein können.

Auch wenn sie schon seit vielen Jahren verstorben sind, leben sie immer noch in mir, und ich werde sie für immer ehren und in Ehrfurcht vor all den Opfern stehen, die sie für ihre Kinder gebracht haben.

Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an sie!

Gewidmet all den zahllosen Flüchtenden und Vertriebenen über Generationen hinweg, deren unnötige Leiden und Kummer unermesslich waren und immer noch sind.

Prolog

Zsofia linste um die Ecke des Stationszimmers im Pflegeheim, „Guten Morgen meine Liebe.“

„Wünsche ich Ihnen auch“, antwortete ich. „Es ist aber noch nicht Zeit für Ihre Augentropfen.“

„Ich weiß“, lächelte sie, „ich wollte nur ‚Hallo‘ sagen und sehen, wie es Ihnen geht.“

„Danke, alles gut bei mir. Wie geht es Klara heute?“

„Sie ruht sich aus – sie ist noch etwas schwach seit der Operation, aber es geht ihr gut genug, dass sie nachher zum Mittagessen herunterkommt.“ Sie winkte kurz und verschwand wieder.

Ich arbeitete bereits einiger Zeit in der Pflegeabteilung einer jüdischen Seniorenresidenz in Toronto, und die beiden Nemeth-Schwestern gehörten zu meinen Lieblingsbewohnern. Sie hatten mich direkt ins Herz geschlossen, vielleicht wegen meines ungarischen Nachnamens, und wir plauderten bei vielen Gelegenheiten miteinander. Beide waren Damen der alten Zeit, stets selbstsicher, gut gekleidet und gepflegt. Sie waren gebildet und standen noch mitten im Leben. Keine der beiden hatte je geheiratet und sie waren unzertrennlich. Jede hatte ihr eigenes Apartment in der Residenz, aber sie verbrachten dennoch die meiste Zeit gemeinsam. Klara hatte kürzlich eine neue Hüfte erhalten, die Operation aber gut überstanden. Ich wandte mich wieder meiner Arbeit zu, beschäftigt damit, die Medikamente auszuteilen, Termine zu organisieren und verärgerte Bewohner zu beruhigen, und so ging der Morgen rasch vorbei.

Als ich in einem der Aufenthaltsräume saß, um mein belegtes Brot zu essen, näherte sich Benny mit einem Stirnrunzeln. Er schien immer schlechte Laune zu haben und heute war keine Ausnahme. „Haben Sie gestern ferngesehen?“, fragte er ärgerlich. „Sie müssten doch wissen, was Ihre Leute uns angetan haben!“

Er bezog sich auf meine deutschen Wurzeln. Ich seufzte; Benny war ein Unruhestifter. „Benny, ich war damals noch nicht einmal geboren und Sie sollten nicht unschuldige Leute für vergangene Sünden verantwortlich machen.“

„Ich habe meine gesamte Familie da drüben verloren!“, brodelte es aus ihm hervor und sorgte bei mir für Verwirrung.

„Benny, Sie wurden hier geboren und Ihre Familie besucht Sie regelmäßig, warum also sagen Sie so etwas?“

„Ach so, ich glaube, das habe ich vergessen“, war seine kleinlaute Antwort. „Aber es hätte ja so sein können“, fügte er selbstgerecht hinzu.

„Nun, Benny, wenn Sie das irgendwie beruhigt, ich habe den Großteil meiner Familie in diesem entsetzlichen Krieg verloren und ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie keine Unwahrheiten mehr über Ihre Familie verbreiten würden.“ Ich war wütend auf ihn; er schien es zu genießen, mich regelmäßig zu piesacken.

„Alles klar, Zeit fürs Mittagsessen“, sagte er und schlurfte von dannen.

Zsofia, die Klara zum Esszimmer half, hatte Bennys Bemerkungen aufgeschnappt. „Ich muss mit Benny mal ein ernstes Wörtchen sprechen und ihm meine Geschichte erzählen“, sagte sie zu mir. „Es ist eine wahre Geschichte und keine ausgedachte.“

„Warum eigentlich kommen Sie nicht einmal für einen Tee an Ihrem freien Tag vorbei,“ fügte sie hinzu, „Klara und ich erzählen Ihnen unsere Geschichte. Ich sollte Benny ebenfalls einladen, vielleicht kann er dann noch die eine oder andere Sache lernen.“

„Abgemacht.“ Lächelnd verabredeten wir uns für den folgenden Dienstagnachmittag zum Teekränzchen.

Die nächsten Tage verliefen ereignislos und am Dienstagnachmittag erreichte ich Zsofias Apartment mit einem Strauß Blumen und mit Vorfreude darauf, etwas Zeit mit den entzückenden Schwestern zu verbringen. Klara saß gemütlich zurückgelehnt auf einem Liegesitz mit einem Kissen im Rücken und ich konnte meinen Augen nicht trauen – da saß Benny, auf dem Sofa, und nippte an seinem Tee.

Zsofia goss mir Tee aus einem silbernen Samowar ein und reichte ein paar selbstgemachte Kekse herum.

„Nun, Benny“, sage sie, „du magst denken, was du willst, aber bitte unterbrich uns nicht, während wir Dir unsere schier unglaubliche Geschichte erzählen.“

Wir machten es uns gemütlich und warteten auf den Bericht der Schwestern über ihren Lebensweg.

„Wir wurden in Budapest geboren“, begann Zsofia. „Unser Vater war ein Anwalt und wir hatten ein angenehmes Leben; unsere Mutter erledigte die Hausarbeit – sie hatte mit fünf Kindern genug zu tun –, wir gingen in die Schule, an hohen Feiertagen in die Synagoge, hatten viele Freunde–“

„Die meisten waren keine Juden“, unterbrach sie Klara.

„Das stimmt, meine beste Freundin Anna war Römisch-Katholisch“, lächelte Zsofia. „Alles in allem ein recht normales Leben einer durchschnittlichen Familie. Dennoch herrschten in ganz Europa nach dem Ersten Weltkrieg große politische Unruhen und die Kommunisten, Faschisten und Nationalsozialisten stiegen besorgniserregend schnell auf. In Deutschland kam Hitler an die Macht, in Italien Mussolini und in Russland Stalin. Die Welt wurde zu einem dunklen und furchterregenden Ort.“

Zsofia hielt inne, um unsere Teetassen aufzufüllen und Klaras Kissen aufzuschütteln. Benny knabberte an seinem Keks und sagte kein Wort.

„Klara, kannst du ein bisschen weitererzählen, während ich zu Atem komme?“, fragte Zsofia ihre jüngere Schwester.

„Ja, natürlich, drágám, ich versuche mal, mich so gut es geht, an alles zu erinnern.“ Und so erzählte sie weiter: „Eines Tages kam unser Vater nach Hause und sagte, er habe seine Arbeit verloren. Gefeuert, weil er Jude war. Mutter schien deswegen nicht sonderlich beunruhigt zu sein und schlug ihm vor, er solle sich Arbeit bei einer anderen Kanzlei suchen oder sogar seine eigene eröffnen. Wie dem auch sei, er konnte keine Arbeit finden und eines Nachts kam die Geheimpolizei an unsere Tür und nahm uns alle fest.“

Hier verschluckte sich Klara und Zsofia musste wieder übernehmen. „Sie brachten uns in verschiedene Lager – glücklicherweise blieben Klara und ich zusammen. Wir sahen unsere Eltern nie wieder und auch die Jungs fanden wir nie mehr.“

Wir saßen still da und dachten an den Schrecken, den diese beiden Damen durchlitten, hatten.

Nach einer längeren Pause fuhr Zsofia fort: „Aus irgendeinem Grund kamen wir also nach Lettland und wurden in ein Arbeitslager geschickt. Eine unserer Aufgaben war, die Landebahn des Flughafens in Riga von Schnee zu befreien sowie die Flughalle und die Toiletten zu reinigen.“

Ich hielt den Atem an und starrte sie an, erinnerte ich mich doch gerade an eine Geschichte, die mir mein Vater über zwei junge Frauen erzählt hatte. War das überhaupt möglich? Wie wahrscheinlich war so etwas? Ich konnte kaum erwarten, dass sie fortfuhren.

„An einem verschneiten Tag,“ übernahm Klara wieder, „wurde uns gesagt, dass wir den Schnee auf der Landebahn räumen sollten. Es war harte Arbeit und uns war schrecklich kalt in unseren Sommerkleidern und Sandalen. Plötzlich brüllte uns ein Soldat an, dass wir einen Eimer und Lappen holen und in ein Flugzeug einsteigen sollten, um dort etwas zu reinigen. Wir beeilten uns – immerhin würde es, so dachten wir, im Flugzeug zumindest ein bisschen wärmer sein. Außerdem waren wir neugierig, wie ein Flugzeug von innen aussah, denn wir hatten noch nie eines gesehen“, kicherte Klara.

Da übernahm Zsofia erneut. „Wir stiegen die Stufen hinauf und betraten ein sehr sauber aussehendes Flugzeug und waren verwirrt – was sollten wir hier noch reinigen? Als wir uns umsahen, erblickten wir eine sehr schick gekleidete Dame, die vorne im Flugzeug saß. Und eine Familie mit einigen Kindern, die sich gerade auf den Sitzen niederließen. Der Pilot kam an Bord und bugsierte uns schnell in das Badezimmer. Nun, es war nicht wirklich ein Badezimmer, eher ein kleiner Schrank mit einem Eimer mit Deckel und einem winzigen Waschbecken. Ich werde nie verstehen, wie wir beide überhaupt dort hineinpassen konnten.“ Die beiden kicherten, bevor sie weitererzählten.

„Der Pilot deutete auf eine Reisetasche auf dem Toilettendeckel und bedeutete uns, indem er auf unsere Körper und Füße zeigte, dass wir dort Kleidung finden würden und uns etwas überwerfen sollten. Wir verstanden nicht recht, was wir tun sollten, aber er trieb uns zur Eile und so taten wir wie geheißen. Die Reisetasche enthielt glücklicherweise einen langen Mantel und schlechtsitzende Stiefel für Klara sowie einen Rock, einen Pullover und Socken für mich. Allerdings keine Schuhe. Wir hielten den Atem an, als ein zweiter Pilot die Tür öffnete und uns hinausschubste, während andere Leute das Flugzeug bestiegen. Er zeigte uns unsere Sitze, schloss die Tür ab und sprintete in das Cockpit. Das Flugzeug war bereit zum Abflug.“

Bennys Mund stand weit offen und ich war sprachlos. Zsofia deutete auf Benny und sagte ernst: „Es gibt überall gute Menschen. Um genau zu sein, sind die Guten den Schlechten zahlenmäßig überlegen – denk immer daran!“

Benny nickte bloß.

„Bitte, erzählen Sie weiter“, bat ich. „Was geschah dann?“

„Nun“, sagte Klara, „jung zu sein und in einem echten Flugzeug zu fliegen war sehr aufregend für uns. Wir hatten keine Ahnung, wohin wir flogen, genossen aber die paar Stunden Ruhe und Frieden. Der erste Pilot kam heraus, um die Passagiere zu begrüßen, und hieß uns gleichermaßen willkommen, als ob wir zahlende Fluggäste wären. Außerdem hielt er uns ein wunderschönes Paar Stiefel für Zsofia hin, die ihr recht gut passten. Es war so verwirrend und wir wussten nicht, was wir von all dem halten sollten. Wir sprachen ein wenig Deutsch und er sagte uns, dass wir nach Barcelona flögen und dass wir an Bord bleiben sollten, bis es völlig leer sei. Es war richtig aufregend – wir waren noch nie in Spanien gewesen und fragten uns, was uns dort wohl erwartete.

Wie es uns eingetrichtert war, blieben wir nach der Landung zurück, bis der Pilot kam und uns holte. Er brachte uns zur Flughalle – gemeinsam mit der Familie und den Kindern aus dem Flugzeug –, wo wir herausfanden, dass die Reisetasche der Mutter gehörte. Der Pilot hatte sie sich ‚ausgeborgt‘ und selbstverständlich verlangte sie ihre Kleidung zurück. Wir umarmten uns und wünschten einander viel Glück, als wir uns trennten. Sie waren anscheinend auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, wo sie Verwandte hatten.

Jedenfalls brachte uns der Pilot zu einem jüdischen Joint-Distribution-Committee-Zentrum in Spanien, wo er uns alles Gute wünschte und verschwand.“

Zsofia übernahm. „Er sagte mir mit einem verschmitzten Grinsen, dass die Stiefel Eva Braun gehört hätten. Ich war fassungslos und hatte keine Ahnung, wie er an sie gekommen war.“

Hier brachen alle in Gelächter aus. Sie lachten, bis ihnen die Bäuche schmerzten, und Benny gluckste: „Du hättest sie behalten sollen, jetzt könnten sie gutes Geld wert sein!“ Und sie lachten erneut laut los.

„Von dort wurden wir in ein Flüchtlingszentrum gebracht, damit unser Fall bearbeitet werden konnte und wir irgendwann Papiere erhalten würden. Ohne dass wir wussten, wo wir schlussendlich landen würden, reisten wir nach Portugal und von dort aus nach Brasilien.“

Zsofia erklärte weiter, dass wegen des Drucks vonseiten Deutschlands die Anzahl der Juden, die nach Spanien einreisen durften, von 1942 bis 1944 auf weniger als 7.500 reduziert worden war, obwohl die spanischen Konsulate 4000 bis 5000, für die Ausreise lebenswichtigen Ausweisdokumente, an Juden in ganz Europa aushändigte. Portugal, ein neutrales und alliiertenfreundliches Land, erlaubte vielen tausenden Juden die Durchreise zum Hafen von Lissabon. Eine Menge amerikanischer und französischer jüdischer Organisationen halfen den Flüchtenden, einmal in Lissabon angekommen, in die USA und nach Südamerika auszureisen.

Kurz darauf hatte das amerikanische Rote Kreuz einen unserer in Toronto lebenden Cousins ausfindig gemacht, und so ließen wir uns in Kanada nieder. Unser Cousin half uns, so gut er konnte, und bald fanden wir Arbeit und begannen unser neues Leben in Kanada.“

Beide Schwestern sahen erschöpft aus und ich schlug vor, dass sie sich ausruhen und wir an einem anderen Tag weitermachen sollten. Benny schaute ernst drein, erhob sich, klopfte mir sanft auf die Schulter und verließ das Apartment.

„Ich hoffe, er hat heute etwas gelernt“, kommentierte Zsofia und umarmte mich fest.

Ich ging tief in Gedanken versunken heim und suchte nach einem Foto meines Vaters, einem in seiner Lufthansa-Uniform, und brachte es den Schwestern am nächsten Tag mit.

Sie starrten das Foto ungläubig an und riefen aus: „Das ist der Pilot! Das ist er, er hat uns gerettet – wie sind Sie an sein Bild gekommen?“

Ich erklärte Ihnen, dass dies mein Vater sei, und die Zeit schien für einen Moment stillzustehen, bevor wir alle gleichzeitig losplapperten.

Was für ein unglaublicher Zufall des Schicksals!

Es erübrigt sich zu sagen, dass ich bald von allen Bewohnern wie eine nahe Verwandte behandelt wurde, nachdem Benny sichergestellt hatte, jedem einzelnen von dieser unglaublichen Geschichte zu berichten.

*Mein Vater, der stille Held!

Wie so viele andere Bücher begann dieses hier mit einer Idee, die sich zu einem schriftlichen Bericht über das Leben meiner Eltern entwickelte, dann zu einem Manuskript und schlussendlich zu einem Buch. Man mag versucht sein, es als „biographische Fiktion“ zu betiteln, aber es ist viel mehr als das. Alle beschriebenen Ereignisse – und es gab derer noch viele, viele mehr, die ich hätte einbeziehen können – basieren auf wirklichen Geschehnissen. Alle Dialoge wurden im Stil und Kontext verfasst, wie meine Eltern miteinander und mit mir und meinen Geschwistern sprachen.

Bei der Recherche zu ihrer Geschichte traf es mich, als völlig Vater-fixiertes Kind, wie eine Offenbarung, dass meine Mutter und Großmutter die wahren Heldinnen der Geschichte sind. Keine Frau sollte jemals durchmachen müssen, was sie erlebt hatten. Wie es so ist in Zeiten eines Krieges, wurden die Frauen zurückgelassen, damit sie sich in unmenschlichen Zuständen um die Kinder und Alten kümmerten – sie müssen deshalb als die wahren Heldinnen anerkannt werden. Meine Mutter war wahrlich eine Heldin!

Ich werde meinen Eltern für ihre Liebe ewig dankbar sein.

Meine Dankbarkeit gilt aber auch einigen weiteren Menschen, die es mir ermöglicht haben zu schreiben. Zuallererst, mein geliebter Ehemann, Robert. Seine endlose Unterstützung und die vielen Jahre, in denen er mich ermunterte, meine Geschichte aufzuschreiben, können nicht in Worte gefasst werden.

Dann ist da Matthew Godden, mein wundervoller Lektor: Seine Begeisterung und Hilfe waren unschätzbar wertvoll für mich.

Und zu guter Letzt, Marilyn, meine Freundin, „proofreader, cheerleader and enthusiastic supporter“.

An euch alle mein zutiefst empfundenes „Thank You!“

Kapitel 1

Albert K. wurde in St. Andreasberg geboren, einem kleinen Wintersportort mitten im Harz. Er stammte aus einer recht namhaften Familie, die mit einem weltberühmten Chemiker, einem Schriftsteller und Sinologen, einem Erforscher Chinas und Russlands im 18. Jahrhundert und vielen Industriellen, Lehrern und Militärkommandanten aufwarten konnte.

       Er wurde zehn Monate nach seinem älteren Bruder am 22. November 1902 geboren, dem Buß- und Bettag des deutschen Protestantischen Kalenders. Er behauptete immer, dass er passenderweise an diesem Tag geboren wurde, da es ihm so vorkam, als ob er für die Geburt seines älteren Bruders büßen sollte. Es war allgemein bekannt, dass Hans das Ergebnis einer „Unbesonnenheit“ seiner Mutter gewesen war. Hans wurde nach seinem sehr wahrscheinlichen biologischen Vater benannt und Albert trug den Namen seines Vaters. Die Jungen waren wie Tag und Nacht und blieben sich immer fremd.

Die Ehe ihrer Eltern konnte bestenfalls als miserabel beschrieben werden. Die Mutter führte die Beziehung zu Hans‘ eigentlichem Vater weiter, was erst viel später ans Licht kam und den Brüdern zu ihrer Zeit nicht bewusst war. Sie würden die einzigen Kinder aus dieser Ehe bleiben. Alberts Vater war Telegrafen Baumeister und die Mutter, wie damals üblich, Hausfrau. Der Onkel war Postillion und klein Albert rannte der Postkutsche meilenweit entgegen sobald das Posthorn erklang. Der Onkel nahm ihn dann vorne auf dem Pferd mit, zum großen Neid seines Bruders Hans. Auf diesen Ritt durch St. Andreasberg freute er sich schon die ganze Woche.

Als Albert die Schule abschloss, war der Erste Weltkrieg gerade zu Ende gegangen. Der Unterricht war in den Kriegsjahren oft unterbrochen und verkürzt worden und den Schülern wurde zu schnellen Abschlüssen verholfen. Er war kaum 17 Jahre alt, als er sein Abitur machte.

Lehrstellen für junge Leute waren in buchstäblich keinem Beruf vorhanden und erst recht nicht in gutbezahlten Positionen oder für weitere Ausbildungen. Somit kehrte Albert vom Internat zurück nach Hause, um seine Zukunft zu besprechen.

„Vater, was denkst du, was ich tun soll?“, fragte er seinen Vater, als sie beim Frühstück zusammensaßen. „Ich bin nicht für die Arbeit in einem Büro geschaffen, oder gar wie Hans bei den Großeltern im Schlachthof. Ich wäre so gern Schiffsingenieur – und ich möchte die Welt bereisen.“

„Du und deine großen Ideen“, schimpfte seine Mutter. „Träume bringen dich nirgendwohin. Hans ist vernünftig und hat das Angebot meiner Eltern angenommen, er wird einmal den ganzen Betrieb erben. Du solltest ebenfalls nach etwas Dauerhaftem suchen. Die Welt bereisen – was für ein Unsinn!“, kicherte sie. Albert schüttelte es, alleine der Gedanke Tiere zu schlachten ekelte ihn. Sicher, die Großeltern besaßen mehrere große Schlachtereien und Fleischereien, aber er ging immer ausgesprochen ungerne die Großeltern besuchen.

„Gusti, lass den Jungen in Ruhe; wir finden schon etwas für ihn“, antwortete sein Vater. „Für meinen Abenteurer von Sohn können wir alle Arten von Büroarbeiten ausschließen“, fügte er mit einem Hauch Bitterkeit hinzu. „Er ist aus einem anderen Holz geschnitzt als Hans.“

„Gut, macht, was ihr wollt – ihr seid sowieso zwei vom gleichen Schlag.“ Und damit verschwand sie und knallte die Tür hinter sich.

Albert saß auf dem Rand seines Stuhls und schob seine Füße unbehaglich hin und her. Es endet immer im Streit, dachte er. Ich hasse es, zuhause zu sein.

Sein Vater stand auf und der junge Albert sprang auf seine Füße. „Wir können auch später darüber reden, Vater.“

„Nein, nein, es ist äußerst wichtig, über deine Zukunft zu sprechen, mein Sohn – also lass uns doch schauen, was am besten zu dir passt.“ Beide setzten sich wieder hin. „Schiffsingenieur ist ein großartiger Beruf, aber momentan gibt es wenige bis gar keine Schiffe in Deutschland, demnach ist das zumindest gegenwärtig nicht machbar. Tatsächlich glaube ich, dass eine Karriere bei den Ulanen oder Husaren gut zu dir passen würde. Du liebst Pferde und du kommst in einer geordneten Umgebung gut zurecht, wie deine Jahre im Internat gezeigt haben. Und außerdem, bei guter Führung, Beförderungen und viel Abwechslung.“

Albert nickte. „Du weißt, Vater, ich hatte ähnliche Vorstellungen, aber ich wollte wissen, wie du darüber denkst – immerhin hattest du eine schlimme Zeit im Krieg…“

„Mein Junge, es war unaussprechlich fürchterlich, das streite ich nicht ab; und ich wäre untröstlich, wenn Du auch in einen Krieg ziehen müsstest. Andererseits wärst du viel besser dafür ausgebildet, als ich es seinerzeit war. Aber ich glaube, wir gehen friedvolleren Zeiten entgegen und eine Karriere bei der Kavallerie würde gut zu dir passen.“

Vater und Sohn saßen einige Zeit tief in Gedanken versunken beisammen. Sein Vater sprach nur selten von seiner Zeit in den Schützengräben von Frankreich und Belgien, aber er war als veränderter Mann zurückgekommen – keinerlei äußere Verletzungen, aber oft bedrückt und still in sich gekehrt. Sollte er sich ebenfalls einem derartigen Schicksal aussetzen, fragte sich Albert. Andererseits gibt es vielleicht nie wieder Krieg und welche andere Möglichkeit bleibt mir noch?

„Einverstanden, Vater“, sagte er endlich. „Kommst du mit mir zur Rekruten Musterung?“

„Natürlich werde ich das tun – immerhin muss ich unterschreiben, da du noch minderjährig bist.“

Und damit erhob sich sein Vater und umarmte ihn lange – eine durchaus seltene Zärtlichkeit, eine, die Albert nie mehr vergessen würde.

So schloss sich der junge Albert dem 1. Hannoverschen Ulanen-Regiment Nummer 13 an. Die Ausbildungszeit war hart und es gab Zeiten, an denen er sich fragte, ob es das alles wert war, aber er genoss das allgemeine Armeeleben, die Kameradschaft und die Disziplin. Die jungen Rekruten mussten morgens um 4: 30 Uhr aufstehen und, ganz gleich welches Wetter herrschte, nur in kurzen Hosen gekleidet mehrere Runden um das Trainingsgelände rennen. Dann waschen und rasieren mit kaltem Wasser, die Ställe ausmisten und die Pferde striegeln, sich anziehen und um 6: 30 Uhr für das Frühstück bereit sein. Nach dem Frühstück übernahm der Feldwebel und sie versammelten sich erneut auf dem Trainingsgelände, um das Marschieren, Gewehrübungen, Reiten und das niemals enden wollende Stallausmisten zu exerzieren. Nach dem Mittagessen standen Stiefel polieren, Uniformreinigen und die Reparaturen von Satteln und Ausrüstung auf der Tagesordnung, ihre Tage waren lang und ermüdend.

Sonntagsmorgens marschierten die Soldaten zur Kirche, sehr zur Freude der Bewohner und ganz besonders der jungen Damen. Die Rekruten mussten in den ersten Reihen sitzen, mit geraden Rücken, die Augen nach vorne gerichtet, die Helme auf den Knien. Selbstverständlich nickte der eine oder andere während einer langen Predigt ein und der Helm rollte mit großem Gepolter über den Kirchenboden. Der jeweilige arme rotgesichtige Soldat musste seinen Helm aufsammeln und verbrachte das Wochenende im Bau. (Tatsächlich war das Gefängnis kein schlimmer Ort; dort konnte man schlafen!) Und an Sonntagen hatten sie das Recht, den Besuch eines Pfarrers einzufordern – der mit einer Pferdekutsche abgeholt werden musste. Selbstverständlich waren die restlichen Soldaten nicht allzu erfreut darüber, weil sie die Pferde und Kutsche vorher und nachher saubermachen mussten.

Die Ausbildungszeit wurde überraschend abgekürzt, da einige radikale kommunistische Splitterparteien die Macht anstrebten. Eine davon war der Spartakusbund unter der Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, zweier sozialistischer Aktivisten, die ihre Inspirationen aus der Russischen Revolution von 1917 bezogen.

Während das Nachkriegsdeutschland versuchte, nach der Abdankung Kaiser Wilhelms, eine neue Regierung aufzubauen, bereitete der Spartakusbund einen bewaffneten Aufstand vor, um einen Deutschen Sowjetstaat zu gründen.

1919 probierte sich der Spartakusbund an einer bewaffneten Übernahme Berlins und blutige Straßenkämpfe brachen aus, die die Polizei völlig überrumpelten. Die alarmierte Regierung mobilisierte den Freikorps, der größtenteils aus Kriegsveteranen mit Kampferfahrung bestand, um den Aufstand zu durchbrechen und Liebknecht und Luxemburg zu ergreifen. Die beiden Anführer des Spartakusbunds wurden tatsächlich gefangen genommen und hingerichtet. Viele Soldaten und Zivilisten wurden in den Straßenkämpfen getötet und Truppenverstärkungen wurden dringend einberufen. Aber die Revolution war noch nicht überstanden. Die Kommunisten hatten Bayern unter ihre Kontrolle gebracht und München als ihre Hauptstadt ausgerufen. Sie benannten Minister und stellten den Kontakt mit den Bolschewiken in Russland her, woraufhin 9.000 Soldaten der Reichswehr und 30.000 Mitglieder des Freikorps entsandt wurden, um die Kommunisten zu bekämpfen. Nach tagelangen erbitterten Kämpfen konnte die Herrschaft über Bayern wieder an die Weimarer Republik zurückgegeben werden. Mehr als 1.700 Kommunisten waren getötet worden.

Auch Albert war zu diesen Kämpfen gesandt worden und hatte dort seinen ersten Vorgeschmack eines Kampfes bekommen, auch wenn der Krieg offiziell beendet war.

Deutschland war nun eine Republik und langsam kehrte Ordnung ein. Albert wurde in seine Kaserne zurück kommandiert und als seine Ausbildung abgeschlossen war, entschied er sich für eine Militärkarriere und Offiziers Laufbahn.

Kapitel 2

Kurze Zeit nach dem Aufstand wurde Albert in das Dienstzimmer des Kommandanten gerufen.

„Es tut mir leid Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Vater heute Morgen überraschend verstorben ist“, lautete die Nachricht.

Er war sich sicher, dass sie den falschen Mann gerufen hatten, aber dann sah er das Telegramm, das seine Mutter geschickt hatte, und erstarrte urplötzlich. Wie war das möglich? Der Krieg war vorbei; sein Großvater hatte eine kleine Beinwunde, aber sein Vater war nicht einmal verletzt worden.

Die Stimme des Kommandanten brachte ihn zurück in die Gegenwart. „Hier ist Ihr Passierschein für zehn Tage. Ziehen Sie bei der Beerdigung ihre Paradeuniform an; versuchen Sie, Ihrer Mutter zur Hand zu gehen, mein Beileid – weggetreten.“

Als er in Göttingen ankam, wo seine Eltern lebten, war niemand da, um ihn am Bahnhof abzuholen. Er nahm den Bus in Richtung Zuhause.

Seine Mutter öffnete die Tür. „Wird aber auch Zeit, dass du kommst“, sagte sie zur Begrüßung. „Dein Bruder ist mir eine große Hilfe gewesen.“

„Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte“, antwortete er und schluckte seine Tränen herunter. „Jetzt erzähl mir bitte, was mit Vater passiert ist.“

„Er hat Dir einen Zettel hinterlassen, aber es steht kaum etwas darauf.“

„Er hat mir einen Zettel hinterlassen?“ Albert starrte seine Mutter an, die er, so lange er lebte, nie verstehen oder lieben konnte.

Die Notiz lautete: „Mein geliebter Sohn, ich verlasse diese Welt. Mach etwas aus Dir.“

„Er hat sich mit Deinem Schal erhängt!“, schrie ihn seine Mutter voller Vorwurf an. „Hat sich am Fensterkreuz erhängt und ich musste ihn finden! Weißt Du auch, dass er nicht auf dem Friedhof beerdigt werden darf, weil er sich umgebracht hat?“, tobte sie weiter. „Was für eine Schande für seine Familie, dass er außerhalb des Friedhofs beigesetzt wird!“

„Aber warum, Mutter? War er krank, was hat ihn dazu gebracht, das zu tun?“

„Woher soll ich das wissen?“, kreischte sie. „Dein Vater hat schon lange nicht mehr mit mir geredet, war wahrlich keine Freude ihn um sich zu haben. Vermutlich werde ich ihn nicht einmal vermissen.“

Albert musste sich setzen. Selbstmord? Mit meinem Schal? Keine Beerdigung auf dem Friedhof? Das kann nur ein schlechter Traum sein.

Sein Bruder Hans kam herein und sie schüttelten sich die Hände, beide versucht, die Tränen zu unterdrücken. Albert hatte seinen Bruder noch nie so gefühlvoll erlebt.

„Gut, dass du da bist“, sagte Hans. „Ich habe einen Arzt gefunden, der eine andere Todesursache auf die Urkunde schreibt, damit wir ihn angemessen bestatten können.“

„Ja, ja“, murmelte Albert, „hast Du das?“

Hans nickte. „Ja, er hatte offiziell eine Kopfgrippe.“

„Siehst du, wie viel mir Hans bedeutet?“ Die Schimpftirade seiner Mutter war noch nicht beendet. „Du warst fort, als ich zu einer hilflosen Witwe gemacht wurde“, zeterte sie weiter.

„Und was für eine hilflose Witwe“, fauchte Albert. „Jetzt lass mich bitte in Frieden und gib mir Zeit, mich mit Hans zu unterhalten.“ Damit ergriff er den Arm seines Bruders und zog ihn durch die Tür. Sie setzten sich auf die niedrige Steinmauer am Hauseingang, und rauchten eine Zigarette.

„Ich wünschte, ich hätte jetzt einen Schnaps“, meinte Hans.

Albert nickte nur, immer noch benommen. „Ich verstehe das alles nicht. Kannst du mir erzählen, was passiert ist?“

Hans zuckte die Schultern, „Du weißt, dass er von der Front als noch stillerer Mann zurückgekehrt war, und er und Mutter hatten oft heftige Auseinandersetzungen. Du kennst Mutter – sie will immer ausgehen und Spaß haben, jetzt, wo der Krieg vorbei ist; und Vater hatte noch nie viel Interesse an Tänzen und spaßigen Unternehmungen.“

Albert wusste all das nur zu gut und fragte sich, wie sehr sein Vater wohl unter seiner grausamen Ehefrau gelitten haben musste. Meine Mutter, dachte er bitter. Ich kann kaum erwarten, wieder abzuhauen.

Die Beisetzung war eine stille Trauerfeier. Albert Senior wurde auf dem Göttinger Friedhof im Beisein eines Pfarrers beigesetzt. Gusti hatte sich dramatisch in Schwarz gehüllt und einen Schleier über ihr Gesicht gezogen.

Bestimmt, um ihr Grinsen zu verstecken, dachte Albert mit tiefer Verbitterung. Er hatte kaum bemerkt, dass Hans seine Verlobte mitgebracht hatte; er hatte nicht einmal gewusst, dass er verlobt war. Er wurde Renate vorgestellt und murmelte seine Glückwünsche; er wurde nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen.

Albert kehrte frühzeitig zu seiner Kompanie zurück. Kurze Zeit danach wechselte er zur Offiziersausbildung, und als die Kavallerie zugunsten von Panzern und Flugzeugen aufgelöst wurde, ließ er sich zum Berufspiloten ausbilden.

Albert wurde für seine Ausbildung nach Erfurt versetzt. Er packte seine Ausrüstung und machte sich auf den Weg zum Bahnhof für seine Fahrt nach Erfurt.

Er war froh, wieder nach Erfurt zurückzukehren, eine Stadt, in der er immer gern gewesen war. Er hoffte, Stephanie wiederzusehen, ein Mädchen, dass er vor einigen Wochen bei einer Tanzveranstaltung in einer Stadt unweit entfernt kennengelernt hatte, wo er zu militärischen Übungen stationiert gewesen war.

An einem warmen Sommernachmittag saß er im Zug nach Erfurt. Albert lehnte sich auf der harten Holzbank in der dritten Klasse zurück und schloss die Augen. Die Erinnerungen an den noch nicht weit zurückliegenden Tod seines Vaters kamen zurück; er schluckte schwer. Ich kann jetzt nicht weinen, hier im Zug mit all diesen Leuten um mich herum, dachte er. Warum nur musste er so sterben? Er wachte mit einem Ruck auf, als der Zug Erfurt erreichte, und er beeilte sich, schnell auszusteigen. Er war immer noch tief in seine Erinnerungen vertieft, während er sich langsam auf den Weg zu seinem neuen Quartiert machte.

Kapitel 3

„Steffi, Steffi, bitte, wie oft müssen wir das noch diskutieren?”

Albert hatte seinen Arm um Stephanies Schultern gelegt, versuchte an ihrem Ohr zu knabbern, und gab sein Bestes, ihre Gedanken von dem Thema Hochzeit abzulenken. Er konnte sich nicht erklären, warum sie immer wieder davon anfing. Sie war ein attraktives Mädchen, sicher – aber ein bisschen zu kokett für ihn. Sie traf weiterhin andere Männer, während er weg war, warum also sollte sie gerade ihn ausgewählt haben? „Ich dachte, du hast ein Auge auf Heinz geworfen?“

„Naja, er hat mich ein paar Mal ausgeführt, aber ich denke, er könnte verheiratet sein“, antwortete Stephanie.

“Hmmm”, murmelte Albert und fuhr fort, ihren Nacken zu küssen. „Lass uns das für den Moment mal vergessen und stattdessen die Zeit zusammen genießen.“

„Oh Albert, hör auf!“, kicherte Stephanie. „Du bringst mein Haar ganz durcheinander und ich muss noch zu dem Empfang gehen, den meine Eltern für die Verlobung meines Bruders geben.“

Albert stöhnte leise auf. „Wir haben noch eine halbe Stunde.“ Als er sie weiter liebkoste, warf sie endlich ihre Arme um ihn und erwiderte seine Zärtlichkeiten.

Nachdem er sie nach Hause gebracht hatte, schlenderte er langsam zu seinem Quartier zurück und grübelte über eine Hochzeit nach. Er fühlte sich für eine derartige Verpflichtung noch zu jung; außerdem wohnte er immer noch in der Kaserne und würde die Erlaubnis seines Kommandanten benötigen, um heiraten zu können, etwas, das nicht leicht zu kriegen war. Er war sicherlich nicht dazu in der Lage, sich mit seinem Gehalt eine Frau und eventuelle Kinder zu leisten. Gewiss, Steffi war eine verlockende Partie, ihre Eltern waren gut situiert. Sie besaßen mehrere Kachelofen Fabriken, in denen viele Arbeiter angestellt waren. Aber es widerstrebte ihm seine eventuelle zukünftige Ehefrau wegen ihres Geldes zu heiraten. Sie hatte ihn bereits einige Male gebeten, beim Militär zu kündigen und für ihren Vater und ihren Bruder zu arbeiten, eine Vorstellung, die ihn mit Grauen erfüllte. Er sehnte sich nach einem Leben als Offizier und Pilot; er wollte keine Keramikfliesen herstellen. Und Heinz war sein kommandierender Offizier – er hatte sein Auge ebenfalls auf Steffi geworfen. War er wirklich verheiratet? Albert glaubte es nicht.

Er erreichte die Kaserne gerade zum Zapfenstreich und entschied, etwas Abstand zwischen Steffi und sich zu halten. Der Zeitpunkt dafür war gerade richtig, da er zur Fliegerausbildung einige Monate nach Norddeutschland versetzt würde.

Albert liebte die Fliegerausbildung. Er war ein erstklassiger Schüler und durfte schnell allein fliegen. Es gab einfach kein Gefühl, was dem gleichkam – hoch über dem Boden zu schweben, den blauen Himmel über und die weißen Wolken neben sich. Das Gefühl völliger Freiheit war so mächtig, dass er wünschte, es würde niemals aufhören.

Und dann eines Tages wurde er zum Dienstzimmer seines Kommandanten beordert.

„Klaproth, kennen Sie eine Stephanie Brandt?“

„Ja, Herr Kommandant, das tue ich“, antwortete Albert leicht verwirrt.

„Nun, ihr Vater hat sich bei Ihrem früheren Offizier, Heinz Meister, beschwert, dass seine Tochter schwanger ist. Sie nennt Sie als den Vater ihres ungeborenen Kindes und fordert Sie auf, dass Sie augenblicklich das Richtige tun und sie heiraten.“

Albert war sprachlos. Wie weit konnte sie schon sein? Er hatte sie seit einigen Wochen nicht mehr gesehen und sie hatte ihm in ihren wenigen Briefen absolut nichts davon gesagt. Er kehrte sofort nach Erfurt zurück, um Stephanie zur Rede zu stellen.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ein Kind erwartest?“, wollte Albert wissen. „Und wie weit bist du schon? Wir sind schon zwei oder drei Monate nicht mehr miteinander intim gewesen – ist das Kind wirklich meins?“

„Albert, bitte, du musst mir glauben, es ist dein Kind.“ Steffi weinte und wiederholte wieder und wieder dasselbe, sie schwor, dass das Kind, das sie erwartete, wirklich seines war, und flehte ihn an, sie zu heiraten.

„Ich denke, dass du nur nach einem Sündenbock suchst“, sagte Albert außer sich vor Zorn. „Du warst mit mehreren Männern zusammen und jetzt hast du mich als wehrloses Opfer ausgesucht.“

„Nein, Albert, ich bin mir ziemlich sicher, dass das Baby von dir ist.“ Albert schüttelte konsterniert den Kopf. „Ich weiß nicht, Steffi – ‚ziemlich sicher‘ ist mir nicht sicher genug.“

„Es muss an dem Tag passiert sein, bevor du zu deinem Posten zurückgekehrt bist – erinnerst du dich? Der Tag, an dem ich zu der Verlobungsfeier meines Bruders gehen musste.“ Inzwischen war Steffi vollkommen aufgelöst.

„Steffi, hör mir zu.“ Er warf seine Hände in die Luft. „Ich liebe dich nicht, ich will dich nicht heiraten, ich will an diesem Zeitpunkt meines Lebens kein Kind und ich glaube nicht, dass es überhaupt mein Kind ist! Ich liebe mein Leben genauso, wie es jetzt ist, und ich kann mir gerade jetzt sowieso keine Familie leisten.“

„Albert, was soll aus mir werden?“ Steffi war beinahe hysterisch. „Es ist zu spät, um noch über eine Abtreibung nachzudenken, selbst wenn es noch einen Arzt gäbe, der sich dazu bereit erklären würde.“

Albert starrte sie an. „Denk nicht mal daran“, fuhr er sie. „Du weißt, dass auf Abtreibung die Todesstrafe steht.“

Die beiden starrten sich lange Zeit nur an. Gedanken rasten durch seinen Kopf. Sie war ein törichtes Mädchen, aber er mochte sie dennoch. Das letzte, was er wollte, war Unglück über sie zu bringen, und vielleicht, vielleicht war es ja sein Kind. Er wollte nicht in einer Ehe wie der seiner Eltern enden. Aber Steffi war nicht seine Mutter – sie war liebenswert und freundlich, freundlicher, als gut für sie war.

Albert seufzte tief auf. „Also, wie stellst du dir die Hochzeit vor?“

Steffi blickte ihn hoffnungsvoll an, die Augen rot vom Weinen. „Ich weiß nicht, Albert. Ich weiß nur, dass ich lieber tot wäre, als einen Bastard auf die Welt zu bringen.“

Sie sah erbärmlich aus und das war der Moment, in dem Albert sie in seine Arme zog, sie festhielt und murmelte: „Es ist gut, Steffi, es ist gut – ich werde dich heiraten und wir werden das Beste daraus machen.“

Sie brach in unkontrollierbares Schluchzen aus, vor Erleichterung. „Ich werde Dir eine gute Frau sein, Albert“, schniefte sie tränenüberströmt. „Wir können bei meinen Eltern leben. Ich werde nichts weiter von Dir verlangen, ich verspreche es!“

Er musste darüber lächeln. Sie ist noch so ein Kind, dachte er sich.

„Steffi, wir werden heiraten, aber ich werde meine Karriere als Pilot weiterverfolgen. Ich werde immer wieder monatelang nicht da sein; bist du sicher, dass du damit klarkommst?“

„Ja“, antwortete Steffi und Tränen rannen ihr das Gesicht herab. „Du bist ein viel größerer Ehrenmann als Heinz. Du und ich, wir werden zusammen ein gutes Leben führen“, schluchzte sie.

„Heinz?“, brüllte Albert. „Was hat er damit zu tun? Bist du dir sicher, dass nicht er der Vater ist?“

Jetzt wurde sie hysterisch. „Nein, nein, das Baby ist von Dir!“, schrie sie. „Bitte glaube mir!“

Oh Gott, was für ein Chaos, dachte Albert. Ich habe keinerlei Wahl – vielleicht ist es trotz allem von mir. Er seufzte und legte seine Arme um sie. „So, jetzt hör mit dem Geflenne auf – leg ein Hochzeitsdatum fest und ich werde da sein. Und jetzt lass mich deine Eltern kennenlernen, sie sollten ja zumindest wissen, wen ihre Tochter heiratet“, schlug Albert vor. „Dein Vater muss mir die Erlaubnis und seinen Segen geben.“

Da er gedacht hatte, dass es lediglich ein Höflichkeitsbesuch sein würde, war er angenehm überrascht über den warmen Empfang seitens ihrer Eltern. Sie waren offene und freundliche Leute, glücklich miteinander und ihren Kindern und gute Eltern. Sie waren aufgeregt darüber, so kurz hintereinander zweimal Großeltern zu werden – ihr Sohn Lothar hatte vor kurzem geheiratet und das junge Paar erwartete ihr erstes Kind.

Albert und Steffi heirateten im Februar 1930 im Erfurter Dom, einer 1200 Jahre alten Kirche. Das war ein Zugeständnis an ihre Eltern. Er selbst war Protestant, weigerte sich aber zu konvertieren; dennoch versprach er, dass ihre Kinder als Katholiken erzogen würden. Die Hochzeit fand einen Monat nach der Geburt von Gisela statt. Mein Schwiegervater muss sehr großzügig mit der Spende gewesen sein, dachte er etwas zynisch. Ein paar Monate später wurde das Baby getauft.

Albert hatte große Schwierigkeiten damit, zu seiner Tochter eine Beziehung aufzubauen, und er sah sie oft gedankenverloren an, fragte er sich immer wieder, ob sie wirklich seine Tochter war. Sie war ein dickköpfiges kleines Mädchen, anfällig für Wutausbrüche und in ständiger Suche nach Aufmerksamkeit. Mit ihrem mürrischen kleinen Gesicht, ihren dunklen Locken und ihrem quirligen Temperament wurde sie bald zum Liebling ihrer Großeltern.

Albert führte seine Ausbildung weiter, sodass er nur sporadisch während der Ferien und verschiedener Urlaubstage nach Hause kam. Das Leben mit Steffi war eine nicht enden wollende Achterbahnfahrt. Sie litt unter starken Stimmungsschwankungen, höchstwahrscheinlich wegen Alberts zahlreicher Abwesenheit. Steffi brauchte viel Aufmerksamkeit und erwartete Alberts volle Zuwendung. Wenn Albert nicht zuhause war, ging sie weiterhin mit ihren Freundinnen tanzen und flirtete gern mit ihren vielen Tanzpartnern.

Albert wusste recht genau was los war, aber er sprach das Thema nicht an; er fühlte keinerlei Eifersucht, sondern war ziemlich zufrieden mit allem. Wenn er zuhause war, war Steffi aufmerksam und liebevoll. Somit war es auch keine Überraschung, als sie ihm verkündete, dass sie erneut schwanger war. Dieses Mal waren es gute Neuigkeiten und Albert freute sich regelrecht auf sein zweites Kind.

Es war im März 1932, als ihr kleiner Sohn geboren wurde und es gab keinerlei offene Fragen bezüglich seines Vaters – er war das perfekte Abbild von Albert.

„Steffi, du machst mich so stolz!“, sagte er voller Freude. „Wir haben einen Sohn.“

„Können wir ihn Manfred nennen, nach meinem Großvater?“, fragte sie.

„Das ist ein guter, starker Name, ja, lass ihn uns so nennen.“

Einige Wochen später wurde Manfred in der gleichen Kirche wie seine Schwester getauft. Beide Kinder waren katholisch.

Inzwischen war Albert bei der neugegründeten deutschen Fluglinie namens „Lufthansa“ angestellt worden, blieb aber gleichzeitig Reserveoffizier.

Steffi und die Kinder lebten immer noch in dem Haus ihrer Eltern und Steffi war recht eifersüchtig auf ihren Bruder und seine Frau, die gemeinsam mit ihrem kleinen Mädchen in ihr eigenes Haus gezogen waren.

„Können wir nicht auch ein eigenes Haus haben?“, flehte sie Albert bei seinem nächsten Heimaturlaub an. Sie saßen in dem von Steffis Mutter so liebevoll gepflegten Garten. Albert hielt das Baby im Arm und schaukelte es sanft vor und zurück.

„Steffi, mein Schatz, ich muss in Berlin Tempelhof wohnen, nahe des Flughafens. Das weißt du doch“, sagte er. „Wenn du dich bereit erklärst, aus Erfurt wegzuziehen, dann können wir dort eine Wohnung finden.“

Doch Steffi blieb eisern. „Ich will, dass Du in Erfurt wohnst. Ich werde nicht nach Berlin ziehen.“

„Du redest wie ein kleines Kind und nicht wie eine Ehefrau und Mutter.“ Albert wurde zunehmend ungeduldig.

Steffi nahm das nun schreiende Baby aus seinen Armen. „Zum letzten Mal, ich will Erfurt nicht verlassen.“ Und sie stapfte eigensinnig zum Haus zurück.

Albert zuckte die Schultern. „Na ja, dann wirst du wohl bei Deinen Eltern wohnen bleiben müssen. Ich kann nicht aus Tempelhof weg und das ist endgültig.“

Sein Leben mit Stephanie blieb stürmisch; sie forderte mehr und mehr von seiner Zeit ein und drängte ihn dazu, in das Familiengeschäft einzusteigen. Ihr Bruder Lothar hatte es übernommen, als der Vater krank geworden war. Albert vebrachte immer weniger Zeit in Erfurt, um den nervigen Wortstreitereien seiner Frau und den Bitten seiner Schwiegereltern zu entkommen.

Wenig später starb sein Schwiegervater. Albert kam nach Hause und fand einen chaotischen Haushalt vor. Steffi schien sich wenig um die Kinder zu kümmern und stattdessen die meiste Arbeit ihrer Mutter zu überlassen, die mit dem Tod ihres Mannes und ebenso mit ihrer Tochter überfordert war. Steffi war mehr für Vergnügungen interessiert als für die diversen Verantwortlichkeiten als Mutter. Gisela war praktisch völlig sich selbst überlassen und das Baby schien bereits chronisch an Windelausschlag und einer laufenden Nase zu leiden.

„Steffi, die Kinder brauchen mehr Aufmerksamkeit und etwas Disziplin“, mahnte Albert seine Ehefrau.

Steffi warf ihren Kopf angriffslustig in den Nacken und sagte: „Wo bist Du denn? Du bist nie hier, ich kann das nicht alles allein machen.

„Du bist hier nicht allein; so wie ich es sehe, macht Deine Mutter den Großteil der Arbeit, und selbst wenn ich hier wäre, müsste ich immer noch arbeiten“, antwortete Albert. „Ich bin ernstlich besorgt über Deine Einstellung.“ Steffi zuckte die Schultern und verließ den Raum, Knallend fiel die Tür ins Schloss.

Albert führte ein langes Gespräch mit Lothar, der Albert dazu anhielt, seine Karriere weiterzuverfolgen. Er habe wirklich keine Position für ihn in der Firma, sagte er.

„Meine Schwester muss zur Vernunft kommen“, fügte Lothar hinzu und schüttelte seinen Kopf. „Sie muss nach Berlin ziehen; Mutter braucht etwas Ruhe.“

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und ein sehr erleichterter Albert versuchte nochmals seine Ehefrau zu überreden.

„Steffi, Du und die Kinder müsst jetzt mit mir nach Berlin kommen“, sagte er. „Es ist Zeit, dass wir eine Familie werden.“ Erneut saßen sie zusammen im Garten und versuchten ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Albert legte seinen Arm um sie und bemühte sich vernünftig mit seiner jungen Ehefrau zu reden.

„Ich möchte meine Mutter jetzt nicht verlassen“, sagte sie. „Ich will in Erfurt bleiben. Ich habe alle meine Freunde hier. Ich will, dass Du herkommst und hier wohnst.“

„Du bist eine verheiratete Frau mit zwei Kindern“, antwortete Albert. „Dein Platz ist an meiner Seite. Ich muss dort leben, wo ich arbeite, und ich muss meinen Kindern ein Vater sein.“

Steffi jedoch blieb weiterhin kompromisslos mit ihrer Forderung in Erfurt bleiben zu wollen. Widerstrebend und entmutigt kehrte Albert nach Berlin zurück. Das sollte das letzte Mal sein, dass er seine Frau sah.

Drei Monate nach seiner Rückkehr nach Berlin, baten ihn einige Kriminalbeamte, zu einer Befragung im Polizeipräsidium zu erscheinen.

Verdutzt kam er der Bitte nach und war nur umso verwirrter angesichts der Fragen: Wann war er zuletzt zuhause gewesen? Wie war die Beziehung zu seiner Frau gewesen? Wusste er, dass sie schwanger gewesen war? Hatte er sich noch mehr Kinder gewünscht?

Er war völlig fassungslos, als er erfuhr, dass seine Frau an einer verpfuschten Abtreibung gestorben war. Sie war mit Zwillingen schwanger gewesen.

Er hatte nichts geahnt, und es war eindeutig, dass diese Kinder nicht von ihm waren. Während der Ermittlungen, wurde festgestellt, dass sie eine Affäre mit dem verheirateten Heinz Meister gehabt hatte und dass es Heinz gewesen war, der einen Arzt ausfindig gemacht hatte der die Abtreibung vornehmen sollte. Beide Männer wurden angeklagt und verurteilt; der Arzt wurde gehängt, was derzeit die entsprechende Strafe für Abtreibungen war. Heinz erhielt eine lange Gefängnisstrafe und wurde unehrenhaft aus dem Militär entlassen.

Albert war am Boden zerstört. Er war nun verwitwet mit zwei kleinen Kindern im Alter von einem und drei Jahren. Seine Schwiegermutter würde eine Weile nach ihnen schauen, aber langfristig würde er eine Vollzeitbetreuung für sie finden müssen.

Zwei Wochen nach Steffis Beisetzung kehrte er zur Arbeit zurück. Als er nach einem Flug nach Kabul wieder in Berlin landete, war er überrascht seinen Bruder auf ihn wartend im Flughafengebäude Tempelhof vorzufinden.

„Hans, was für eine Überraschung, was bringt Dich denn her?“, fragte er, während er sich im Stillen fragte, was sein Bruder wohl von ihm wollte.

„Ich dachte, wir sollten mal ein Gespräch führen“, antwortete Hans etwas zögerlich.

„Sicher, lass mich nur schnell meinen Papierkram abgeben“, meinte Albert. „Ich treffe dich in der kleinen Wartehalle; Du kannst schon vorgehen und was zum Trinken bestellen.“

Wer weiß, was jetzt wieder los ist. Hans ist nicht für freundliche Gespräche bekannt – er muss etwas wollen, aber bloß was?

Als sie es sich in einer ruhigen Ecke der Lounge für die Flughafen Mitglieder bequem gemacht hatten und an ihren Cognacs nippten, erkundigte sich Hans nach den Kindern. „Wie kommst du denn mit den zwei Kleinen zurecht?“

„Momentan ganz gut, Steffis Mutter kümmert sich um sie, bis ich eine Lösung gefunden habe. Warum fragst Du?“

„Nun, Renate und ich haben darüber nachgedacht, die zwei bei uns aufzunehmen und sie mit unseren Kindern großzuziehen“, antwortete Hans.

Albert war sprachlos und argwöhnisch; weder Hans noch Renate hatten den Ruf, besonders mitfühlend oder großzügig zu sein. „Aber Renate schafft es doch kaum, nach euren beiden zu sehen; wie wollt ihr denn zwei weitere Kinder versorgen? Ist das deine Idee und hast du das überhaupt mit Renate besprochen?“

„Ja, natürlich – wir dachten daran, ein größeres Haus zu kaufen und eine Kinderfrau anzustellen. Natürlich würden wir das mit Deinen Kindergeldzahlungen finanzieren.“

Ah, da ist also der Haken; es ist ein gut durchdachter Plan. Renate wollte immer schon mehr sein, als sie war, – mit Kinderfrau und einem größeren Haus wäre es perfekt.

Als Albert so nachdachte, warf Hans ein: „Du musst auch daran denken, was mit ihnen geschieht, wenn du mit deinem Flieger abstürzt. Du weißt, dass diese Dinger nicht gerade sicher sind, und mit deiner Lebensversicherung könnten wir den Kindern ein viel besseres Leben bieten“, betonte er schnell.

Albert konnte seinen Ärger kaum mehr verbergen. „Ich danke dir für deine Besorgnis, Bruderherz“ antwortete er scharf, „aber meine Kinder sind keine Einkommensquelle für dich und Renate“, damit warf er einige Banknoten auf den Tisch, erhob sich und ging wütend davon.

Hans hat sich nicht verändert, es geht ihm immer nur um Geld, dachte er. Gott weiß, wie seine Kinder von den beiden behandelt würden; sie nahmen ihre eigenen Kinder ja nicht einmal in den Arm.

Aber er wusste, dass eine Lösung gefunden musste. Es war ihm unmöglich, sich um die beiden Kleinen zu kümmern, und seine Schwiegermutter war bislang immer noch seine letzte Hoffnung.

Ein paar Tage später flog er nach Erfurt, um seine Kinder zu sehen. Er fand seine Schwiegermutter müde und ausgemergelt vor. „Hallo, Albert“, begrüßte sie ihn mit Tränen in den Augen. „Manfred ist für ein paar Tage bei Lothar. Gisela schläft gerade. Sie sind mir zu viel – wenn sie doch nur etwas älter wären, aber ich bin zu alt für Windeln und Brei kochen für das Baby.“ Sie begann zu weinen.

„Ich verstehe vollkommen, Anna, und ich denke dauernd über etwaige Möglichkeiten nach. Ich muss bald eine Lösung finden. Natürlich kann ich nicht nach ihnen sehen, wenn ich arbeite, also ist vielleicht ein Kinderheim das Richtige“.

Anna schüttelte traurig ihren Kopf. „Es ist so schwer zu glauben, was passiert ist – aber es ist passiert und jetzt müssen wir mit allem klarkommen. Ich könnte eigentlich Gisela bei mir behalten, sie ist jetzt über drei, isst gut, schläft gut, trägt keine Windeln mehr und in ein paar Monaten kann sie halbtags in den Kindergarten gehen. Sie ist gute Gesellschaft für mich. Aber was das Baby angeht – er ist sehr eigen und launisch und schreit die ganze Zeit. Ich fühle mich schrecklich dabei, das zu sagen, aber er muss woanders hin.“ Anna seufzte tief auf.

Albert nickte; er verstand und war dankbar für ihr Angebot. „Ich gehe rüber zu Lothar und hole meinen Sohn ab. Vielleicht haben sie ja eine Idee.“

Und tatsächlich hatten sie eine! Lothar und seine Frau Gerda baten ihn den kleinen Manfred zu adoptieren – sie hatten zwei Töchter und inzwischen die Hoffnung aufgegeben, einen lang ersehnten Sohn zu empfangen. Ein Sohn der irgendwann den Familienbetrieb übernehmen könnte. Lothars Neffe war der nächste Verwandte, der diese Lücke füllen würde.

Sie diskutierten über mehrere Stunden, während Albert den kleinen Manfred auf dem Schoß hielt. Und somit wurde entschieden, dass Manfred bei Lothar und Gerda bleiben würde. Sie würden ihn jedoch nicht adoptieren. Albert wollte keines seiner Kinder aufgeben; er versicherte Lothar, dass Manfred, als sein Neffe, immer noch die Firma zu gegebener Zeit erben und leiten könnte; gleichermaßen wäre Albert weiterhin für alle Ausgaben für seinen Sohn verantwortlich. Es wäre von großem Vorteil für Manfred, in der Nähe seiner Großmutter und Schwester zu leben. Albert war Steffis Bruder und Frau ewig dankbar dafür, dass sie sich seiner Kinder annahmen; Gisela würde schließlich ebenfalls einen Großteil ihrer Zeit bei ihnen verbringen.

Lothar bekannte seine Schuldgefühle bezüglich der gesamten Situation, in der Albert sich gefunden hatte, und war total schockiert angesichts des schrecklichen Endergebnisse – den Tod seiner Schwester und die Umstünde die dazu führten. Er und seine Frau wollten machen was sie konnten, um Albert aus diesem unglaublichen Dilemma zu helfen.

Enorm erleichtert kehrte Albert nach Berlin zurück, um sein Leben wieder aufzunehmen.

Dennoch beunruhigten ihn Hans‘ Kommentare bezüglich der Möglichkeit, dass er tödlich abstürzen könnte. Fliegen war tatsächlich nicht gerade die sicherste Arbeit. In den zwanziger und dreißiger Jahren waren insgesamt 40 Lufthansa-Maschinen abgestürzt, wobei Piloten, Stewardessen und Passagiere zu Tode gekommen waren.

Aber es war nun einmal genau die Art Beruf, die zu ihm passte, das wusste er. Es waren Abenteuer und Gefahr, die so anziehend auf ihn gewirkt hatten.

Albert war grundsätzlich furchtlos und bestach durch Geistesgegenwärtigkeit in Kombination mit einer schnellen Auffassungsgabe, einem angenehmen Auftreten und einem selbstbewussten Gang, oder anders gesagt: Er besaß die perfekte Persönlichkeit für einen Piloten. Er machte eine gute Figur in seiner Uniform und er war sich seiner Wirkung auf die Damenwelt deutlich bewusst.

Er musste sich um ordentliche Rücklagen für seine Kinder kümmern, sowohl finanziell als auch in Blick auf ein liebevolles und schönes Heim für den Fall, dass er starb. Mit diesen Gedanken änderte er sein Testament und Lebensversicherung und machte Lothar und Gerda zu den Erben und Vormunden seiner Kinder.

Kapitel 4

“Hallo, Albert, warte mal.”

Albert wandte sich um, um zu sehen, wer ihn gerufen hatte. „Grüß dich, Hermann, was bringt Dich denn nach Berlin?“

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und liefen zusammen durch die Flughalle in Berlin-Tempelhof. „Eine gewisse Dame.“ Hermann grinste. „Und Du? Wohnst du noch in Berlin?“

Albert nickte. „Es gibt einfach keinen Ort wie diesen.“ Er war, wie so viele junge Piloten, voller Bewunderung für Hermann Göring, den Kampfpiloten aus dem Ersten Weltkrieg, auch bekannt als der Blaue Max, Empfänger des begehrten Ordens Pour le Mérite.

„Bist Du für heute fertig?“, fragte Hermann. „Wenn dem so ist, lass uns losziehen, etwas trinken und ein bisschen erzählen.“

„Klingt gut, muss nur kurz ins Büro und meine Kilometerberichte einreichen, damit ich bezahlt werde“, grinste Albert.

Kurz darauf saßen die beiden Männer in einer gemütlichen Bar in der Nähe des Flughafens und erzählten sich Geschichten aus vergangenen Tagen und ihre persönlichen Erlebnisse in den letzten Jahren. Beide hatten erst kürzlich ihre Frauen verloren; nur Albert hatte Kinder.

„Du weißt, Albert, die Dinge in Deutschland laufen nicht gut“, sagte Hermann. „Wir haben keinen Nationalstolz mehr. Es gibt keine Wirtschaft, wir sind dank des idiotischen Vertrags von Versailles mit hohen Schulden belastet, wir haben keine Führung und keine Zukunft. Bald sind die Wahlen und, wie Du vielleicht weißt, bin ich ein Mitglied der neuen Nationalsozialistischen Partei und hoffe dass sie gewinnen.“

Albert nickte geistesabwesend – er hatte von der Partei gehört, ihr aber wenig Aufmerksamkeit gewidmet.

„Adolf Hitler ist der Mann, der Deutschland zu neuem Wohlstand und Selbstachtung bringen wird“, fuhr Hermann fort.

„Ist das nicht der österreichische Unteroffizier, der im Gefängnis gesessen hat?“, fragte Albert und schüttelte seinen Kopf. „Wie zur Hölle soll er etwas erreichen können? Er ist nicht einmal Deutscher, und so oder so, wer würde ihn oder seine Partei wählen? Soweit ich weiß, hat er keinerlei politische Erfahrung, keinerlei Ausbildung – er ist ein Träumer, der ein Künstler sein wollte und der so ziemlich alles in den Sand gesetzt hat, was er angefangen hat.“

„Aber Du solltest ihn mal hören – er ist der überzeugendste Redner, den ich je gehört habe, und seine Ideen sind absolut brillant. Er wird die uns lähmenden Versailler Schulden neu verhandeln, eine neue Währung einführen, Arbeitsplätze schaffen und die Kriminalität eliminieren.“

„Das ist ganz schön viel auf einmal“, erwiderte Albert. „Ich denke nicht, dass ein Mann allein das kann. Außerdem sind Worte nur Schall und Rauch.“

„Aber nicht doch“, sagte Göring. „Dazu braucht man das Volk, und zwar das Ganze. Wir brauchen eine vereinte Front und eine vereinte Partei. Du solltest wirklich ernsthaft erwägen, der Partei beizutreten – es wäre sehr zu Deinem Vorteil.“

„Hermann, Du weißt, ich bin völlig unpolitisch. Ich werde niemals einer politischen Partei oder einer Kirche beitreten, denn beide werden dich irgendwann verraten dir in den Rücken fallen.“ Die Männer brüllten vor Lachen.

„Das alles ist einfacher gesagt als getan, Hermann“, fuhr Albert fort. „Ich muss konkrete Aktionen sehen.“