iWaterman - Volker Dr.Branscheid - E-Book

iWaterman E-Book

Volker Dr.Branscheid

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Beschreibung

Dieses Buch gibt dem Leser Einblicke in die Arbeitsweise der etwas verborgenen Welt der globalen Entwicklungs-Organisationen auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft im landwirtschaftlichen Sektor. Es wird dem Leser im plaudernden biographischen Stil aufgezeichnet mit welchen Höhen und Tiefen, Schwierigkeiten und Widerständen diese Aufgaben durchgeführt wurden - und noch werden - und wie Misswirtschaft, politische und persönliche Interessen, Machtansprüche, Bevölkerungsexplosion und Korruption der Entwicklung im Wege stehen können. Der Autor war über vier Jahrzehnte auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft mit viel Lust und Leidenschaft tätig, unter anderem bei der UN-Landwirtschafts-Organisation in Rom (FAO) und als einziger Deutscher bei der Weltbank in Washington D.C. auf diesem Gebiet. Nach seiner Pensionierung arbeitete er noch Jahre für andere Organisationen einschließlich der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und dem Internationaler Fond für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD). Seine Eindrücke, Erlebnisse und Abenteuer mit wasserwirtschaftlichen Aufgaben in 35 Ländern und auf etwa 140 Missionen rund um den Globus sind in diesem Buch aufgezeichnet, zusammen mit detaillierten Anekdoten und Kommentaren und gewürzt mit einem gewissen Humor.

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Seitenzahl: 646

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Im Dienste der Vereinten Nationen

Erlebnisse und Betrachtungen eines Wasserwirtschafts-Ingenieurs

Dr. Volker Branscheid

Impressum

© 2021 Dr. Volker Branscheid

Autor: Dr. Volker Branscheid

Umschlaggestaltung, Illustration: Dr. Volker Branscheid Lektorat, Korrektorat: Jochen Branscheid, Jutta Leibing

weitere Mitwirkende: Dr. Rolf Schüttrumpf, Dr. Walter Huppert

Verlag & Druck: Tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBNs:

 

978-3-347-50768-5

(Paperback)

978-3-347-50769-2

(Hardcover)

978-3-347-50770-8

(e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Institutionsliste

Projektbezogene Länderliste und Seitenreferenz

Abkürzungen und Akronyme

VORWORT

AUF JOBSUCHE

ZUR FAO – Rom

Land und Wasser Abteilung

Mitarbeiter der Feld Division

Pakistan

Investment Center

Süd- und Ostasien

Europa, Naher Osten und Nordafrika

ZUR WELTBANK – Washington D.C.

Europa und Zentralasien

FREISCHAFFENDER INGENIEUR

FAO, Ägypten

IFAD, Aserbaidschan

KfW, Frankfurt und Aral See

CERA, Libyen

KfW, Laos

Verschiedene Anfragen

WASSER UND DIE GRENZEN DES WACHSTUMS

NACHWORT

BILDERGALERIE

Institutionsliste

ADB

Asiatische Entwicklungsbank, Manila

AfDB

Afrikanische Entwicklungsbank, Abidjan

CERA

Monitorgruppe, Cambridge, USA

FAO

UN-Landwirtschafts-Organisation, Rom

IFAD

Internationaler Fonds für Landwirtschaftliche Entwicklung, Rom

KfW

Kreditanstalt für Wiederaufbau, Frankfurt

USACE

US-Army Corps of Engineers, Washington D.C.

WELTBANK

Internationale Entwicklungsbank, Washington D.C.

Projektbezogene Länderliste und Seitenreferenz

 

1. Afghanistan

118

 

2. Ägypten

266,353,453

 

3. Albanien

289

 

4. Armenien

303,406

 

5. Aserbaidschan

459

 

6. Bangladesch

65,77,123,145,369

 

7. Bulgarien

274,324,436

 

8. China

189,198,226,238,473

 

9. Eritrea

376

 

10. Estland

340

 

11. Georgien

401,404,423,430,435

 

12. Honduras

419

 

13. Indien

48-204,476

 

14. Iran

332,345

 

15. Israel

12,485

 

16. Jemen

243

 

17. Kirgisistan

411

 

18. Laos

488

 

19. Libanon

12

 

20. Libyen

479

 

21. Malawi

214

 

22. Moldawien

392

 

23. Niger

252

 

24. Nigeria

89,254,299

 

25. Pakistan

10,20,365

 

26. Polen

438

 

27. Sri Lanka

106-111

 

28. Südkorea

166

 

29. Sudan

373

 

30. Syrien

12

 

31. Thailand

148,153

 

32. Togo

5

 

33. Tunesien

283

 

34. Türkei

415,441

 

35. Usbekistan

465

Abkürzungen und Akronyme

ADB

Asian Development Bank

ADF

African Development Fund

AfDB

African Development Bank

BADC

Bangladesh Agricultural Development Corporation

BIP

Bruttoinlandprodukt

BTO

Back to Office Report

CARE

Cooperative for American Remittance to Europe

CERA

Cambridge Energy Research Associated

CIDA

Canadian International Development Agency

DED

Deutscher Entwicklungs-Dienst

DSI

Türkische Wasserbehörde

EU

Europäische Union

FAO

Food and Agriculture Organization of the United Nations

GAWI

Deutsche Fördergesellschaft für Entwicklungsländer

GMR

Great Man-Made River, Libya

GTZ

Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit

ha

Hektar

IBRD

International Bank for Reconstruction and Development

IDA

International Development Association

IFAD

International Fund for Agricultural Development

IWF

Internationaler Währungsfonds

KfW

Kreditanstalt für Wiederaufbau

LLP

Low Lift Pump

m3

Kubikmeter

m3/s

Fließmenge, Kubikmeter pro Sekunde

MRC

Mekong River Commission, Laos

NGO

Non-Governmental Organization

NWMP

Indian National Water Management Project

OED

World Bank Operations Evaluation Department

PCR

Project Completion Report – Projektabschluss-Bericht

PIU

Project Implementation Unit – Lokales Projektteam

RID

Royal Irrigation Department, Thailand

STASI

Staatssicherheit

SM

Supervision Mission – Überwachungsmission

T&V

Training and Visit – Landwirtschaftlicher Beratungsdienst

UN

United Nations – Vereinte Nationen

USACE

United States Army Corps of Engineers

USAID

United States Agency for International Development

VORWORT

Seit Jahrzehnten fördern die Vereinten Nationen, die Weltbank und andere internationale- und nationale Entwicklungs-Organisationen die Erschließung von Wasserresourcen für landwirtschaftliche Zwecke, um den Hunger in der Welt zu mindern und die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Gewaltige finanzielle Mittel wurden dafür bereitgestellt. Der anfängliche Erfolg der Bemühungen stimmte zuversichtlich und die zusätzliche Ernährung von etwa 700 Millionen hungernden Menschen Anfang der 70er Jahre schien möglich – wäre da nicht gleichzeitig ein enormer Bevölkerungszuwachs gewesen, der die Anzahl hungernder Menschen leider schneller ansteigen ließ.

Der globale Bevölkerungszuwachs wird gerne in abstrakten Millionen ausgedrückt deren Ausmaß sich schlecht vorstellen lässt. Reduziert auf eine Stunde handelt es sich dabei jedoch netto um etwa 10.000 Menschen was wiederum 240.000 Personen pro Tag bedeutet. Der Bedarf an Trinkwasser für diese Menschen von jeweils etwa 2 Litern pro Tag ist relativ gering, jedoch der Bedarf an Wasser zur Produktion von Nahrung ist 500-bis 1000-mal höher. Diese Menge Wasser ist erforderlich um pflanzliche Erträge für den menschlichen Energiebedarf von täglich etwa 2000 kcal zu produzieren. Bei der Produktion von Fleisch erhöht sich der Wasserbedarf je nach Tierart bis zum 5000-fachen des täglichen Trinkwasserbedarfs, also auf etwa zehntausend Liter für 2000 kcal.

Um 10 000 Menschen ausreichend ernähren zu können werden somit stündlich mehr als 10 Millionen Liter zusätzliches Süßwasser allein für die Pflanzenproduktion benötigt. Diese zusätzliche Wassermenge ist vielerorts nicht mehr vorhanden oder kann aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr entwickelt werden, was dramatische Konsequenzen einschließlich zunehmender Migration nach sich zieht. Im Zeitalter der Computersprache kann dieser Zustand auch mit „game over“ bezeichnet werden. Betroffen davon sind viele Länder, einschließlich die in der Sahelzone, Ägypten, Iran und Teile Indiens. Dieses Buch gibt dem Leser Einblicke in die Arbeit globaler Entwicklungs-Organisationen auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion. Es wird dem Leser im plaudernden biographischen Stil aufgezeichnet mit welchen Höhen und Tiefen, Schwierigkeiten und Widerständen diese Aufgaben durchgeführt wurden – und noch werden – und wie Misswirtschaft, politische und persönliche Interessen, Machtansprüche, Bevölkerungsexplosion und Korruption der Entwicklung im Wege stehen können.

Der Autor war über vier Jahrzehnte auf dem Gebiet der globalen Wasserwirtschaft tätig, unter anderem bei der UN-Landwirtschafts-Organisation in Rom (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) und als einziger Deutscher bei der Weltbank in Washington auf diesem Gebiet. Nach seiner Pensionierung arbeitete er noch Jahre für andere Organisationen einschließlich der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Seine Eindrücke und Erlebnisse mit wasserwirtschaftlichen Aufgaben in 35 Ländern und auf etwa 140 Missionen rund um den Globus sind hier aufgezeichnet. Aufgrund der Vielzahl von individuellen Aufgaben und deren zeitlichen Überschneidungen, zum Teil über Jahre, ist eine eher chronologische Präsentation der Abläufe und Ereignisse dargestellt.

AUF JOBSUCHE

Die Stellenanzeige schien interessant. Wir schrieben das Jahr 1973. Die Deutsche Fördergesellschaft für Entwicklungsländer (GAWI) suchte einen Bewässerungs-Ingenieur für ein Projekt in Tunesien und hatte mich zur Vorstellung nach Frankfurt eingeladen. Ich warf mich also in Schale und fuhr los. Erst vor wenigen Tagen war ich von einem dreimonatigen Einsatz in Nigeria zurückgekehrt und noch voller Eindrücke. Schon beim ersten Anblick des Interviewers bekam ich Zweifel ob ich hier richtig war. Der Mann schien ein Überbleibsel aus der Hippiegeneration zu sein mit seinen langen Haaren, Kettchen und buntem Pullover. Ich hatte diese Typen während meines Studiums in Kalifornien in den 60er Jahren zur Genüge kennengelernt und schon fragte er mich wie ich denn zur Entwicklungshilfe gekommen sei. Da ich während meiner deutschen Studienzeit in Suderburg/Niedersachsen ehrenamtlicher Obmann für acht studierende Schwarz-Afrikaner aus Tansania gewesen war erwiderte ich also, dass ich im Studium Obmann für acht „Schwarze“ gewesen war. Weiter kam ich nicht, denn mein Gegenüber fragte sofort wieso ich meine Studienkollegen als „Schwarze“ bezeichnete. Meine Antwort war: da sie „schwarz“ waren – eine Bezeichnung die ich während mehrerer Afrikaaufenthalte von den lokalen Sprachgebräuchen übernommen hatte. Schließlich wurde ich dort auch als „Weißer“ bezeichnet.

Es war mir sofort klar worauf mein Gegenüber hinauswollte – womöglich war ich in seiner geistigen Schublade schon als Rassist oder schlimmer gelandet! Er schlug vor, ich könnte die Leute doch als Afrikaner bezeichnen. Es waren zwar Afrikaner gewesen aber das wollte ich jetzt nicht mehr zugeben, da es eigentlich nichts mehr mit seiner ursprünglichen Frage zu tun hatte und ich polte deren Nationalität in Trinidad und Tobago um, so dass daraus Trinidader und Tobagoer wurden, die bekanntlich keine Afrikaner sind. Diese Wendung und der Zungenbrecher nahm mir der Interviewer wahrscheinlich übel und ich bekam den Job nicht. Das war allerdings noch lange nicht das Ende meiner Beziehung mit der GAWI, die ab 1975 als GTZ zeichnete (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und ausführende Entwicklungsbehörde der Bundesrepublik Deutschland und finanziert hauptsächlich durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)). Im Gegenteil, das war nur der Anfang einer Beziehung, die in späteren Jahren zum Streit über meine Person auf Ministerebene kulminierte und ich später Projekte der GTZ im Auftrage der KfW überwachte.

Im Augenblick ließ ich diesen Fehlschlag an mir abprallen, hatte ich mich doch bereits in einigen wasserwirtschaftlichen Positionen bewährt. Als junger Ingenieur in einem Wiesbadener Ingenieurbüro hatte man mir die Planung des Hochwasserschutzes der Stadt Hanau am Main anvertraut, ich hatte an der Universität von Kalifornien ein Jahr als Forschungsassistent für Beregnungstechnik gearbeitet, verbrachte drei Jahre in Alaska wo ich den Wakefield Fischereihafen auf der Insel Kodiak baureif plante und als Bauinspektor den Bau der Cooper Lake Talsperre auf der Kenai Halbinsel beaufsichtigte. Wieder in Deutschland wurde ich bei der Christian-Albrecht-Universität in Kiel als Doktorand und als Leiter der Entwässerungsabteilung unter Prof. Baumann tätig. Später bearbeitete ich für ein deutsches Ingenieurbüro in Siegen Projekte in mehreren Ländern wie Afghanistan (das Jalalabad Bewässerungsprojekt), finanziert von der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB, mit Sitz in Manila), Nigeria (Katsina Provinz, Wasserentwicklungsprojekt) und Togo (Lama-Kara, Bewässerungsprojekt).

Meine augenblickliche Anstellung bei dem Ingenieurbüro in Siegen war nicht mehr tragbar, nachdem ich mehrfach in die Verzerrung und Verdrehung der technischen Realitäten aus finanziellen Gründen unfreiwillig eingebunden wurde. So wurden Ergebnisse von Bodenproben, die auf schlechten Boden für landwirtschaftliche Zwecke hinwiesen verschönt, um die finanzielle Machbarkeit von Bewässerungsprojekten vorzutäuschen, nicht vorhandenes Wasser erfunden, Oasen angezapft, um extra Wasser für größere Bauprojekte zu ermöglichen, die dann nach Fertigstellung der Anlage wieder auf ihre ursprüngliche Wasserabgabe zurückgingen, wodurch ein Großteil der Bewässerungsfläche ausfiel, Korruptionszahlungen an Entscheidungsträger in Angebote eingepreist und einiges mehr.

Selbst der ehemalige Bundesminister für Finanzen, Franz Josef Strauß, wurde getäuscht indem ihm bei einem Besuch seines „Freundes“ Präsident Eyadema in Togo die Möglichkeit großflächiger Rinderzucht in einem Gebiet im ariden Norden des Landes vorgegaukelt wurde. Dabei waren weder die Wasservorkommnisse, die Bodenverhältnisse sowie die notwendigen sozio-ökonomischen Voraussetzungen erfolgversprechend für ein solches Unternehmen. Da unser kleines Team im selben Regierungs-Gasthaus wohnte wie Strauß und seine zwei Begleiter, konnten wir den tatsächlichen Sachverhalt plaudernd übermitteln. Strauß reiste nach drei Tagen wieder ab und die Investitionen für die Rinderzucht wurden nicht getätigt.

Es ist anzunehmen, dass Eyadema von unseren Aufklärungsgesprächen nichts erfuhr, sonst hätte er uns sicherlich sofort aus dem Lande befördert oder Schlimmeres, was bereits seine Reaktion auf einen kleinen Protokollfehler bei einem gemeinsamen Essen mit unserem Team vermuten ließ: Eyadema hatte Teile seines Kabinetts versammelt, um über unsere Fortschritte in der Planung der in Auftrag gegebenen Talsperre in der Nähe seines Heimatortes informiert zu werden. Als Teamleader wurde ich am Tisch von Eyadema platziert, aber durch einen leeren Stuhl getrennt. Um die Nähe des späteren Stausees in Bezug zu seinem Heimatort auf unseren Plänen zu zeigen, hatte ich einige davon mitgebracht und rollte sie auf unserem Tisch aus, was uns beide zwang aufzustehen um Einzelheiten besser sehen zu können. Nach Betrachtung der Pläne und plaudernd setzten wir uns wieder hin – ich dummerweise auf den leeren Stuhl direkt neben Eyadema. Der Protokollchef trat hervor und bat mich wieder auf meinem mir zugewiesenen Stuhl Platz zunehmen, denn der leere Stuhl neben dem Präsidenten wäre für den noch abwesenden Kriegsminister reserviert. Natürlich setzte ich mich sofort um, wusste aber nicht, dass genau in diesem Moment der Kriegsminister erschien, jemanden auf seinem Stuhl erblickte und den Ort sofort wieder verließ.

Als wir zwei Monate später wieder in Deutschland eintrafen wurde ich ziemlich unwirsch von meinem Management über die Stuhlaffäre befragt, die ich längst vergessen hatte. Was war geschehen? Die togolesische Botschaft in Bonn hatte eine Detektei engagiert um herauszufinden wer dieser Branscheid sei. Da ich in meiner Wahlheimat Siegen als Zugereister bisher keinerlei Spuren hinterlassen hatte, musste ihr Ermittler Kollegen aus dem Ingenieurbüro kontaktieren, wodurch die Affäre dem Management bekannt wurde. Besonders irritierend fand man dort die Fragen des Detektivs nach meiner militärischen Vergangenheit, was wohl auf das Betreiben des Kriegsministers hindeuten ließ. Gerne hätte ich den Abschlussbericht der Detektei gelesen, denn vielleicht hatte sie mehr über mich herausgefunden als ich selber wusste.

Nach Absage der GAWI für das Tunesien Projekt, kontaktierte ich über das Arbeitsamt das Büro für Führungskräfte bei Internationalen Organisationen (BFIO), das heute noch existiert. Dort suchte man einen Wasserwirtschaftler für ein FAO-Projekt in Haiti als Beigeordneter Sachverständiger für zwei Jahre. Das Büro war in Frankfurt ansässig und sollte den Zugang von deutschen Staatsbürgern zu den internationalen Organisationen fördern, da die Bundesrepublik Deutschland gemessen an seinen Mitgliedsbeiträgen dort erheblich unterrepräsentiert war. Das Interview verlief glatt und meine Bewerbung wurde zur FAO nach Rom weitergereicht und dort angenommen.

ZUR FAO – Rom

Bald darauf bekam ich eine Zusage aus Rom und ich wurde administrative auf den Job in Haiti vorbereitete. Eine Passage mit dem Schiff „France“ wurde gebucht (als Hobbyflieger auch mein kleines Flugzeug) und ich wartete nebst Frau auf die „Government Clearance“ aus Haiti (Akzeptanz des Projektes und meiner Person durch die Regierung unter der Führung von Baby Doc, dem Sohn und Nachfolger des mehr als umstrittenen Diktators Francois Duvalier auch als Papa Doc bekannt). Die Government Clearance ließ aber auf sich warten (zum Glück wie sich später herausstellte) und stattdessen wurde mir eine Stelle in Rom angeboten, die ich allerdings nur ungern annahm, aber es war zu spät, denn ich hatte meinen Job aufgrund der Zusage der FAO bereits gekündigt. Im Juni 1973 fing ich in Rom bei der FAO in der Abteilung Land und Wasser an. Ein halbes Jahr später wurde ein anderer Deutscher nach Haiti geschickt, der aber schon nach wenigen Wochen evakuiert werden musste aufgrund einer Gelbfieberinfektion. Er überlebte und wurde später vorrübergehend in Rom eingesetzt wo ich ihn ausfragen konnte.

Land- und Wasser Abteilung

Es war die Zeit der Ölkrise und mein erster Chef war ausgerechnet ein Araber, ein Mr. Abbas. Ich hatte bereits vorher unangenehme Erfahrungen mit Arabern in Afrika gemacht und war nicht besonders begeistert über meine beruflichen Aussichten in seinem Team. Aber wie so oft, können Vorurteile völlig danebenliegen und mein neuer Chef entpuppte sich als ein äußerst sympathischer Herr der mich beruflich förderte und persönlich als vollwertigen Mitarbeiter akzeptierte.

Die Abteilung Land und Wasser war ein Teil des Landwirtschafts-Departments (unter der Leitung von Herrn Prof. Bommer aus Braunschweig) und hatte damals etwa 25 professionelle Mitarbeiter, wovon etwa 12 im Wassersektor arbeiteten und mit Aufgaben in der Be- und Entwässerung, Bodenentsalzung, Feldversuchen, Datensammlung und Veröffentlichungen beschäftigt waren. Die Abteilung wurde von Mr. Saouma aus dem Libanon als Direktor geleitet – der spätere Generaldirektor der FAO für 18 Jahre. Dem Wassersektor wiederum stand ein „Service Chief“ vor (zufällig Mr. Clyde Houston – einer meiner ehemaligen Dozenten von der Universität von Kalifornien in Davis). Mr. Abbas wiederum war verantwortlich für die Planungsgruppe innerhalb der Abteilung von Land und Wasser.

Das Landwirtschaft-Department der FAO hatte damals etwa 700 professionelle Mitarbeiter von denen einige mit der Untersuchung potentieller landwirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten in ausgesuchten Mitgliedsländern beschäftigt waren. Dafür wurden entsprechende Teams zusammengestellt, die je nach dem zu untersuchenden Land die nötigen Experten vereinten wie zum Beispiel für landwirtschaftliche, wasserwirtschaftliche und ökonomische Aspekte. Die Fachleute für diese Teams wurden aus den einzelnen Fachabteilungen rekrutiert und so dauerte es nicht lange bis man mich mit meinem Spezialgebiet Be- und Entwässerung für eines dieser Teams anforderte.

Im Pakistan Team

Meine Aufgabe war es nun mich um die wasserwirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten im landwirtschaftlichen Sektor von Pakistan zu kümmern, was durchaus kein leichtes Unterfangen war. Immerhin war Pakistan etwa zweieinhalbmal so groß wie das heutige Deutschland mit etwa 60 Millionen Einwohnern (heute etwa 210 Millionen) und hatte bei einem jährlichen Bevölkerungszuwachs von über zwei Millionen Menschen einen jährlichen zusätzlichen Wasserbedarf von etwa 1,5 Milliarden m3 nur für die Lebensmittelproduktion. Allein die Erfassung der vorhandenen Situation war eine große Herausforderung, wenn man nur allein an die Bewässerungsanlagen denkt, die vom Indus Fluss und seinen Nebenflüssen gespeist wurden, sowie die dazugehörigen riesigen Talsperren am Fuße des Himalaja Gebirges, die Probleme mit massiver Versalzung der landwirtschaftlichen Flächen und deren Entwässerung in den Golf von Arabien. Hinzu kamen riesige Gebiete außerhalb des Indus Gebietes wie die Trockengebiete um Quetta und Khuzdar im Westen oder die Gebiete nördlich von Islamabad. Außerdem wurde schnell klar, dass die Entwicklung von Grundwasser ziemlich vernachlässigt war und ein enormes Potenzial zu haben schien. Beregnungsanlagen gab es keine, obwohl etwa zwei Millionen ha damit bewässert werden konnten – was immerhin für die Ernährung von etwa zwanzig Millionen Menschen ausreichen würde.

Um die erarbeiteten Informationen vor Ort zu prüfen und mit der pakistanischen Regierung zu besprechen, wurde ein 6-köpfiges Team nach Pakistan geschickt unter der Leitung des Ungarn Mr. Janos Hrabovsky – einer der Direktoren im Landwirtschafts-Department. Die gesammelten Daten und Eindrücke wurden nach Rückkehr in Rom zu einem umfangreichen Dokument zur Zufriedenheit aller Beteiligten zusammengefasst und ohne es richtig zu bemerken, war ich ein wasserwirtschaftlicher Planungsspezialist für Pakistan geworden, was sich später noch auszahlen sollte, obwohl anders als der Leser sich das vorzustellen vermag.

Die Abteilung Land und Wasser war nicht sonderlich begeistert, dass ihr neuer Bewässerungsexperte in einer anderen Abteilung Dienst tat. Der Leiter der Abteilung, Mr. Housten, drängte nach Abschluss meines Pakistaneinsatzes auf meine Rückkehr in die Land- und Wasser Abteilung, aber nicht zurück in die Abbas-Planungsgruppe, sondern zur Mitarbeit bei der Erstellung von wasserwirtschaftlichen Dokumenten, die die FAO zur Veröffentlichung vorgesehen hatte. Mein neuer direkter Chef wurde daher der Holländer Jan Doorenbos, der für die Erstellung eines Dokuments über Wasserbedarf von Kulturpflanzen sowie ein Dokument über den zu erwartenden Ertrag von Kulturpflanzen in Relation zum Wasserangebot arbeitete. Hierbei wurde er unterstützt von Mr. W. Pruitt, der ein weiterer Professor an der Universität von Kalifornien in Davis war und sein Sabbatjahr (eine amerikanische Einrichtung um Professoren die Möglichkeit einer professionellen Entfaltung einmal in sieben Jahren zu ermöglichen) in Rom verbrachte. Ich kannte Mr. Pruitt recht gut, da ich mit ihm im Labor in Kalifornien gearbeitet hatte.

Naher Osten

Meine mir zugedachte Aufgabe war es nun die noch fehlenden Daten für beide Dokumente aus dem Nahen Osten zusammenzutragen, indem ich zu verschiedenen Forschungs- und Versuchseinrichtungen geschickt wurde. Meine Reise sollte in Israel beginnen, gefolgt von Syrien und Libanon. Mein Flugticket war entsprechend ausgestellt nach Tel Aviv, dann Damaskus und weiter nach Beirut. Ein solches Ticket löste sofort Alarm bei der Einreise nach Israel aus, denn eine Flugverbindung nach Damaskus gab es seit langem nicht mehr und schon gar nicht seit dem Sechstagekrieg 1967 und bedurfte daher genauer Untersuchung meiner Person. Diese Untersuchung war ein Vorläufer der Untersuchungen die ein Passagier heutzutage bei der Einreise in die USA erleiden muss, wenn der Name seines Tickets einen Tippfehler aufweist oder die Fluggesellschaft in den USA vor langer Zeit eine Ausreise nicht richtig dokumentiert hatte und man somit gar nicht einreisen konnte da man ja offiziell nicht ausgereist war.

Nachdem ich doch noch nach Israel eingelassen wurde und meine Arbeit aufnehmen konnte, musste ein neues Ticket nach Nikosia/Zypern gekauft werden und noch ein weiteres Ticket in Zypern nach Damaskus. In Syrien hatte ich keine Schwierigkeiten einzureisen, denn die Israelis hatten freundlicherweise nach Rücksprache mit mir meinen Dienstpass nicht abgestempelt, da sie ja von meinem verunglückten Ticket und somit meiner Weiterreise nach Syrien und Libanon wussten. Ein israelischer Stempel in meinem Pass hätte damals mit Sicherheit zu einem Einreiseverbot in Syrien oder Libanon geführt. UN-Mission hin oder her.

Die syrischen Forschungsstationen waren sehr an meinen gesammelten Forschungsergebnissen aus Israel interessiert – damals war die neueste Technologie die Tröpfchenbewässerung – und ich hatte keine Bedenken die Daten mit ihnen zu teilen, denn schließlich sollten sie ja sowieso veröffentlicht werden.

Die Reisen zu den verschiedenen Versuchsstationen innerhalb Syriens wurden mittels eines großen amerikanischen Wagens durchgeführt der dummerweise schlechte Reifen besaß, wovon einer auch prompt bei viel zu hoher Geschwindigkeit auf dem Wege nach Aleppo platzte und den Wagen unkontrolliert quer über die Schnellstraße schleudern ließ. Zum Glück gab es keinen Gegenverkehr in diesem Moment und wir kamen mit dem Schrecken davon. Dieses war nicht mein erster ernster Dienst-Autounfall und beileibe nicht mein letzter. Ich beschloss mich in Zukunft mehr um den Zustand der Fahrzeuge und besonders deren Fahrer zu kümmern. Etliche meiner späteren Kollegen waren nicht immer so glücklich für ihr Leib und Leben was Autounfälle betraf.

Von Syrien ging es in den Libanon der damals kurz vor dem Bürgerkrieg 1975 noch einen einladenden und entspannten Eindruck machte. Interessanterweise stellten sich die individualen Mitarbeiter an den Forschungsstationen meistens mit ihrer jeweiligen Religionszugehörigkeit vor, etwa ich bin ein Druse, ein Christ oder sonst was. Alle überließen mir bereitwillig ihre Forschungsergebnisse und wie ihre syrischen Kollegen waren alle sehr an israelischen Daten interessiert. Vom Libanon ging es wieder zurück nach Rom um die gesammelten Informationen in die geplanten Veröffentlichungen einfließen zu lassen in der ich später als Co-Autor zeichnete.

Ein Angebot der GAWI

Eines Tages meldete sich ein Herr von der GAWI in meinem Büro in Rom und bot mir eine Position als Abteilungsleiter bei der GAWI (!) in Frankfurt an. Ich erwähnte mein missratenes Interview mit seiner Organisation vor nunmehr zwei Jahren und dass sein Angebot daher sinnlos wäre, sollte der Hippie-Typ noch für die Interviews zuständig sein. Mir wurde aber mitgeteilt, dass die Entscheidung bezüglich der Eignung meiner Person – durch Rücksprache mit meinen Chefs – bereits getroffen wäre und ein Interview somit nicht mehr nötig. Ich bekam kurz darauf ein schriftliches Angebot, was aber nicht attraktiv genug war und ich blieb in Rom.

Leben als Beigeordneter Sachverständiger

Das Leben der Beigeordneten Sachverständiger in Rom war integriert mit der Arbeit der älteren Kollegen, nur dass wir auf der Karrierestufe ganz unten standen. Generell war die professionelle Einstufung innerhalb der Vereinten Nationen, eingeschlossen der FAO, synchronisiert und erfolgte in fünf Stufen und je nach Erfahrung wurden wir mit Stufe P1 oder Stufe P2 eingestellt und entsprechend bezahlt. Dennoch wurden wir als vollwertige Mitglieder der jeweiligen Abteilungen sowie der zwangslosen deutschen Gruppe innerhalb der FAO betrachtet und entsprechend zum Beispiel bei offiziellen Empfängen eingeladen. Das betraf auch Empfänge durch das deutsche Konsulat wo ein Verbindungs-Beamter für die Belange der FAO zuständig war. Zusätzlich besuchte der deutsche Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (damals Herr Josef Ertl) die FAO einmal im Jahr und lud alle Deutsche sowie relevante Vertreter der FAO zu einem Empfang ein.

Auf einem dieser Empfänge sprach einer meiner jungen Kollegen Minister Ertl an, um Beistand für folgendes Problem zu erbitten: Er war erst kürzlich mit seiner Familie mitten im Schuljahr zur FAO nach Rom gekommen. Die Deutsche Schule Rom hatte sich aber geweigert seine beiden Töchter mitten im Schuljahr aufzunehmen. Die Deutsche Schule Rom gehörte zwar nicht der Bundesrepublik Deutschland, sondern einem Elternverein, wurde aber finanziell von der Bundesrepublik unterstützt. Also versuchte mein Kollege über den deutschen Verbindungs-Beamten zur FAO – nennen wir ihn Müller – die Deutsche Schule Rom zum Einlenken zu bringen aber vergeblich, denn Herr Müller wurde nicht aktiv. Minister Ertl war zwar von Honoren dicht umringt aber mein Kollege stierte ihn so lange an bis er bemerkt wurde und sein Anliegen vortragen konnte. Die Honoren hörten zu. Nachdem der Sachverhalt übermittelt war rief Minister Ertl mit erhobener Stimme quer durch den Saal „Müller kommen Sie mal her“. Müller plauderte gerade mit einigen Damen – darin war er gut – und einem Glas Sekt in der Hand auf der anderen Seite des Saals. Er rannte los, verschüttete Teil seines Sektes an Umstehende und meldete sich quasi zu Dienst. Er wurde angewiesen sich sofort um den Fall zu kümmern und Bericht zu erstatten. Drei Tage später waren die beiden Mädchen in der Deutschen Schule Rom eingeschult. Wir waren alle beeindruckt und philosophierten über den Begriff Autorität und Macht. Ich selber freute mich besonders über das Ergebnis, denn ich hatte meinem Kollegen mein bestes Jackett geliehen damit er einen besseren Eindruck bei Minister Ertl machen konnte – es hatte anscheinend funktioniert. Kleider machen Leute!

Vertragsverlängerung und interner Berater

Nach zwei Jahren in Rom lief meine Finanzierung durch die Bundesrepublik Deutschland eigentlich aus. Die FAO beantragte eine Verlängerung mit der Begründung, dass meine Übernahme von der FAO in Aussicht stünde. Da die Übernahme die eigentliche Begründung des deutschen Programms der Beigeordneten Sachverständigen war, wurde ein halbes Jahr Verlängerung genehmigt und ich wurde zusätzlich von meiner Eingangsstufe P2 auf Stufe P3 befördert. Nach dem halben Jahr war allerdings immer noch keine Übernahme erfolgt, also eine Stelle frei, und die Zeit lief mir davon. Ähnlich erging es den anderen fünf von Deutschland finanzierten Kollegen und alle schauten sich nach Stellen außerhalb der FAO um. Im letzten Moment bekam ich ein Angebot als temporärer „Berater“ im FAO-Weltbank Kooperations Programm in Rom, was ich auch sofort annahm.

Dieses FAO-Weltbank Kooperations Programm war 1964 ins Leben gerufen worden nachdem die Nachfrage bei der Weltbank zur Finanzierung von landwirtschaftlichen Projekten stark gestiegen war. Da die Weltbank jedoch die notwendigen Fachleute zu jener Zeit selber nicht hatte, wurde ein kooperatives Programm mit der FAO eingerichtet, das etwa 30 professionelle Mitarbeiter umfasste. Die Idee war, das Wissen der FAO – damals immerhin etwa 2000 professionelle Mitarbeiter stark – durch diese kleine Gruppe von Verbindungs-Fachleuten anzuzapfen. Diese Kooperation existierte bereits seit 12 Jahren und hatte sich als sehr erfolgreich erwiesen.

Die Abteilung war inzwischen zu einer Art Elitetruppe der FAO aufgestiegen, da sie gewichtige landwirtschaftliche Projekte der Weltbank zu deren Finanzierung vorbereitete und ihre Mitarbeiter bei Weltbank Missionen gerne ins Feld mitgenommen oder nach Washington zu Beratungen gerufen wurden. Da 75% des Budgets dieser Gruppe die Weltbank trug, ging es dieser Abteilung finanziell gut. Das war auch daran zu erkennen, dass diese Abteilung klimatisierte Räume besaß was im römischen Sommer den Unterschied zwischen normalem Arbeiten und Verstecken hinter Ventilatoren ausmachte und im Winter wegen unzureichender Heizung keine privat mitgebrachten Heizkörper in den Büros bedurfte (was natürlich nicht erlaubt war, da es zu Überlastungen des Stromnetzes gekommen war). Die übrigen 25% des Budgets kamen von der FAO, die sie gerne bezahlte, denn diese Zusammenarbeit und deren generiertes Investitionsvolumen ließ sich gut auf Konferenzen und Budgetverhandlungen mit Mitgliedsländern als Erfolg verkaufen. Das auch die Weltbank diesen Umsatz für sich verbuchte sollte niemanden verwundern.

Die Weltbank selber war 1945 zum Zwecke der Finanzierung des Wiederaufbaus von Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden. Sie umfasst heute fünf voneinander unabhängige UN-Sonderorganisationen, wovon die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) und besonders die Internationale Entwicklungsorganisation (IDA) für das FAO-Weltbank Kooperations Programm von Bedeutung war. Während IBRD Kredite zu Marktkonditionen vergeben wurden, waren Kredite der IDA zinslos. IDA wurde erst 1960 als Teil der Weltbankgruppe gegründet als sich herausstellte, dass viele Länder IBRD Kredite nicht bedienen konnten, da ihre finanzielle Kraft zu schwach war. Das galt vor allem für Länder mit starker landwirtschaftlicher Orientierung, wodurch das FAO-Weltbank Kooperations Programm meistens mit sogenannten IDA-Ländern zu tun hatte. Allgemein waren die Kredite für IDA Länder auf 40 Jahre Rückzahlung ausgelegt mit einer anfänglich siebenjährigen tilgungsfreien Zeit. Bei diesen langen Laufzeiten der Rückzahlung und der allgemeinen Inflation war ein großer Teil der Kredite somit real geschenkt. Es ist also verständlich, dass IDA Kredite von Regierungen nachgefragt waren und zwar mehr als zur Verfügung standen.

Ich wurde also in meiner temporären Beraterstellung für sechs Wochen in der Unterabteilung für Süd- und Ostasien eingesetzt und beauftragt den Wasserbedarf einiger in Planung befindlicher indischer Bewässerungsprojekte zu ermitteln. Diese Berechnungen ergaben die Größe der möglichen Bewässerungsflächen, basierend auf die vorhandenen Wassermengen und daraus folgend die Größe der notwendigen Infrastruktur wie Talsperren und Bewässerungskanäle. Bei den zu untersuchenden Projekten und deren Dimensionen wurde mir plötzlich klar welche Bedeutung meine Arbeit im Doorenbos-Team gehabt hatte. Eine Abweichung der Schätzungen des tatsächlichen Wasserbedarfs der Pflanzen von wenigen Prozenten konnten leicht Baukosten von mehreren Millionen Dollar bedeuten und soziale Spannungen hervorrufen, sollten die später gebauten Bewässerungsflächen wegen unrealistischer Berechnung des Wasserbedarfs nicht bewässert werden können. Die letztere Situation war nicht unüblich und führte durch massive Bauernproteste, besonders auf dem indischen Subkontinent, zum Teil zu kriegsähnlichen Zuständen, die nur durch Polizeieinsätze oder sogar durch die Armee unter Kontrolle gehalten werden konnten. Aber von diesen Auswüchsen wusste ich bisher noch nichts.

Mitarbeiter der Feld Division

Während ich noch meine Berechnungen ausarbeitete wurde mir eine FAO-Stelle als Projektleiter in Pakistan angeboten, die die Einführung von Beregnungstechnik in ganz Pakistan vorsah. Meine Vorschläge in der Länderstudie bezüglich eines entsprechenden Potenzials von etwa zwei Millionen ha Land schienen bei den Verantwortlichen in Pakistan in Zusammenarbeit mit der FAO-Vertretung in Islamabad aufgegriffen worden zu sein.

Die Idee für ein Projekt stammte im Allgemeinen aus der Zusammenarbeit zwischen dem entsprechenden Landwirtschafts-Ministerium und dem lokalen FAO Büro (praktisch jedes Land hatte und hat eine FAO-Vertretung). Nach Übereinkunft bezüglich einer Projektidee wurde diese in das laufende Länderprogramm eingefügt und zur technischen und finanziellen Begutachtung der zuständigen Abteilung in Rom vorgelegt. Nach Zustimmung dieser Abteilung wurde für das Land und das Projekt je nach vorhandenen Möglichkeiten ein entsprechender Haushalt bereitgestellt.

Die Summe aller Projekte eines Landes und damit die finanziellen Verpflichtungen der FAO waren abhängig von der Größe seiner Bevölkerung, Nachfrage durch die Regierung und einer Bedarfsanalyse. Allerdings galt unausgesprochen, dass kleinere Länder mehr Hilfe erwarten konnten pro Kopf der Bevölkerung als große Länder, einfach weil jedes Mitgliedsland aus fragwürdigem demokratischem Verständnis eine Stimme in der Ländervertretung der FAO hatte. Eine Veto Gruppe wie in der UN-Vollversammlung gab es bei den UN-Sonderorganisationen nicht. Somit kam (und kommt) es leicht zu Verwerfungen, wenn Länder wie beispielsweise Malta und Indien mit je einer Stimme gleichgestellt sind. Dies ist besonders bei Entscheidungen für Reformen oder bei der Wahl von Führungspositionen, wie die eines Generaldirektors, fatal. Die Weltbank hat dieses Ungleichgewicht von vornherein verhindert, indem das Stimmengewicht auf der anteiligen Kapitalbasis der Mitglieder beruhte, ähnlich wie bei einer Aktiengesellschaft. Ich habe mich oft gefragt, ob den Gründungsvätern der Vereinten Nationen diese potentielle Schieflage nicht erkannten oder ob nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges ein naives Hoffen auf eine einsichtige und vernünftige Menschheit vorherrschte.

Für jedes FAO-Projekt wurden finanziell lediglich die Devisenanteile übernommen wie zum Beispiel für Fahrzeuge, Pumpen, Rohrleitungen, Forschungseinrichtungen, Saatgüter und die Kosten des ausländischen Managements sowie eventuelle Beraterkosten. Lokale Kosten wie Unterhaltung der Fahrzeuge und Pumpen, Büros, Lagerstätten und Kosten für lokale Mitarbeiter waren und sind im Allgemeinen die Verpflichtungen der Nehmerländer. Nach Beendigung eines Projektes wurde die von der FAO finanzierte Ausrüstung in der Regel dem Nehmerland kostenlos überlassen. Bei diesen vertraglichen Übereinkünften war der wichtigste Punkt die Bereitstellung der lokalen Kosten, nicht nur auf dem Papier, sondern deponiert in einer Bank wie ich sehr schnell herausfinden sollte.

Pakistan

Im März 1976 reiste ich nach Pakistan unter der Verwaltung des Feld Division Departments aus. Mein Hobby-Flugzeug musste in Italien bleiben obwohl mir die pakistanische Botschaft versichert hatte, dass ich in Pakistan damit willkommen wäre und fliegen könnte. Zum Glück erfuhr ich im letzten Moment von einem fliegenden Kollegen, der sein Flugzeug mit nach Pakistan genommen hatte, dass er nie in die Luft gekommen war, da private Flüge nur mit einem Sicherheitsbeamten erlaubt waren, dieser aber unauffindbar oder nicht zu existieren schien. Auch meine Frau musste ich zurücklassen, da wir unser erstes Kind erwarteten und es uns sicherer schien auf die Geburt in Deutschland mithilfe meiner Schwiegermutter zu warten. Ich versprach rechtzeitig zur Geburt in Deutschland zu sein, was auch gelang.

Als Projektleiter war ich vor meiner Ausreise noch zur Stufe P4 befördert worden, was in meinem Alter von 34 Jahren nach nur zweieinhalb Jahren FAO-Mitarbeit nicht schlecht war, wenn man bedenkt, dass die Stufe P5 bereits die höchste professionelle Stufe im UN-System war und im Allgemeinen Abteilungsoder Missionsleitern vorbehalten war. Die Finanzierung des FAO-Projektanteils war durch eine treuhänderische Übertragung von Geldern an die FAO als ausführende Organisation durch „Brot für die Welt“ erfolgt. Das Geld war, wie ich erst später erfuhr, in Irland gesammelt worden. Auch erfuhr ich erst später, dass 13% bei der FAO für Verwaltungskosten hängen geblieben waren. Die pakistanische Regierung auf ihrer Seite hatte zwei Millionen Rupees oder etwa $200.000 als lokale Kosten vertraglich zugesagt.

Meine Dienststelle sollte in Lahore, Hauptstadt der Provinz Punjab im nördlichen Pakistan, eingerichtet werden. Vor meiner Ankunft in Lahore hatte man bereits Beregnungsausrüstung für drei jeweils 60 ha große Einheiten einschließlich eines Traktors abgeschickt die jetzt im Zoll abzuholen waren. Die Vorgabe war, diese Beregnungsanlagen für interessierte Bauern oder Gruppen von Bauern für Demonstrationszwecke aufzubauen. Zusätzlich sollte die pakistanische Industrie zur Herstellung von Beregnungstechnik animiert werden. Aber es kam alles ganz anders.

Von pakistanischer Seite war ein Projektdirektor in Islamabad bestellt worden (300 km nördlich von Lahore) sowie ein Projektmanager in Lahore. Ich reiste also zunächst nach Islamabad um mich dem Projektdirektor sowie meinem neuen Chef (Herrn Geuting, FAO-Repräsentant) vorzustellen. Während ich den Projektdirektor erst am Ende des Projekts wiedersah als er das Projektauto übernehmen wollte, wurde Herr Geuting bei monatlichen Projektleiter-Besprechungen getroffen (die FAO unterhielt insgesamt 13 Projekte in Pakistan zu jener Zeit). Das herausragendste Ergebnis dieser Antrittsreise war die Übergabe eines projektfinanzierten PKWs an mich mit Fahrer.

In Lahore stellte ich mich dem Projektmanager und seinen 14 Mitarbeitern vor, wobei „Mitarbeiter“ der falsche Begriff war, denn nur drei Personen waren als Arbeiter einsetzbar, die anderen waren für die Buchhaltung zuständig, öffneten und schlossen Türen des Büros, hielten das Büro sauber oder holten Tee.

Mein Freund der General

Der Projektmanager und ich fuhren zum Zoll, wo uns mitgeteilt wurde, dass unsere Ausrüstung bereits abgeholt worden war und zwar von einem General Khan aus Lahore. Nach einigen Recherchen fand ich heraus, dass General Khan 3000 ha Land besaß (30 ha war die Höchstgrenze per Gesetz) und mit Vorsicht zu genießen sei. Also kontaktierte ich Herrn Geuting bezüglich meines weiteren Vorgehens. Seine Empfehlung lief darauf hinaus das FAO Eigentum vom General Khan zurückzuverlangen.

Der General hatte eine pompöse Villa in Lahore und nach Anmeldung wurde ich von einem perfekt gekleideten Diener empfangen und dem General zugeführt. Zu meiner großen Überraschung und Erleichterung gab der General sich Gentlemen-like und ließ Tee und Kekse auffahren. Ansonsten war er mehr an meiner Person als Exot aus einer anderen Welt interessiert als sich auf die Herausgabe meiner Ausrüstung einzulassen. Er lobte die von ihm entwendete Bewässerungstechnik, die erfolgreich auf seiner Farm betrieben würde und schlug vor ich sollte doch „meine“ Bauern zu Demonstrationszwecken zu ihm aufs Feld bringen. Das war natürlich nicht die Idee des Projektes und wir vereinbarten ein erneutes Treffen, um weiter zu verhandeln.

In den nächsten drei Monaten marschierte ich jeden zweiten Freitag (Freitag entspricht unserem Sonntag in der muslimischen Welt) zum Stadthaus des General Khans um die Rückgabe meiner Ausrüstung zu erwirken. Ich wurde immer freundlich empfangen und fungierte weiterhin als ein netter Gesprächspartner für den Freitagnachmittagstee. In der Zwischenzeit versuchte ich Unterstützung aus Rom, aus Islamabad (Treffen mit dem Landwirtschaftsminister) oder von der Punjab Provinzregierung zu bekommen, doch vergeblich obwohl der Landwirtschaftsminister des Punjabs ein Studienkollege aus Davis/Kalifornien war und mir jede Hilfe anbot – aber gegen den General etwas zu unternehmen war anscheinend unmöglich, wenn nicht sogar gefährlich. Also blieb es bei meinen Besuchen was mir allerdings einen gewissen Status einbrachte als „der Freund von General Khan“.

Nachwuchs in Deutschland

Im Juli 1976 erbat ich mir unbezahlten Urlaub für die Geburt unseres ersten Kindes und reiste über Moskau mit Aeroflot nach Mainz wo pünktlich Ende August unser erster Sohn geboren wurde. Nach Rücksprache mit den Kinderärzten und einer nicht ganz überzeugten Mutter reisten wir zusammen drei Wochen später mit nächtlichem Zwischenstopp in Moskau nach Pakistan zurück. In Moskau wurden alle Weiterreisende in einem streng bewachten Hotel untergebracht. Auf jedem Flur saß eine Wachperson, die jeden Flurbenutzer nach dem „wohin“ fragte und dann „net“ sagte. Die Fahrstühle fuhren nur nach oben mit Selbstbedienung aber konnten nach unten nicht benutzt werden, das hieß bei der Abreise musste das Gepäck nach unten getragen werden. Wir fragten uns ob die Vorsichtsmaßnahmen eine Flucht nach Moskau verhindern sollten oder ob der Geist der Solschenizyn Ära noch präsent war. Ich glaube es war das Letztere.

Zurück in Lahore

In Lahore zogen wir zunächst in mein Untermieterzimmer bei meinem amerikanischen Freund Brian Walker ein, der für die amerikanische CARE Hilfsorganisation arbeitete. Brian hatte eigentlich Theaterwissenschaften studiert, fand aber nach Beendigung des Studiums keine Arbeit und verdingte sich für einige Jahre in der Entwicklungshilfe. Er hatte in Lahore als Hobby eine Theatergruppe gegründet und war dadurch bei allen Expatriaten bekannt. Da er alleine in einem Haus wohnte, hatte er mir eine Art Wohngemeinschaft angeboten und ich war als Untermieter mit eigenem Zimmer und Bad bei ihm eingezogen. Das Wohnzimmer und die Küche benutzten wir gemeinsam und teilten uns seinen Koch und Putzmann. Jetzt war mein Zimmer aber für meine Familie zu klein geworden und nach einigen Wochen der Suche fanden wir ein Haus das wir von einem General El Effendi und seiner australischen Frau im Militärgebiet von Lahore mieten konnten was eine gewisse Sicherheit darstellte. Die El Effendis wohnten nebenan.

Die erste Aufgabe war natürlich einen Koch zu finden, da meine Frau nicht ohne weiteres einkaufen gehen konnte. Nach einigem Umherfragen bekam ich einen Hinweis auf einen Amerikaner der gerade seinen Koch Mohammed entlassen haben sollte. Nach Kontaktaufnahme lobte er die Kochkünste dieses Kochs, gab aber zu bedenken, dass er niemals lächeln würde. Er hatte ihn deswegen gebeten sich zu ändern, andernfalls müsste er sich leider von ihm trennen, da ihn sein grimmiges Gesicht an seinen Vater (!) erinnern würde und auf sein Gemüt drückte. Am nächsten Tag hatte es einen der üblichen Stromstöße gegeben und mehrere Glühbirnen waren durchgebrannt. Mohammed drehte zwei davon heraus und empfing seinen „Sri“ an der Haustür mit einer kaputten Glühbirne in jeder Hand und mit breitem Grinsen und sagte: „Sri, wir haben einen Stromstoß gehabt und alle Glühbirnen sind kaputt“. Das war nun zufiel des Guten und Mohammed wurde auf der Stelle – aber mit Abfindung – entlassen. Wir stellten Mohammed ein und hatten einen hervorragenden Koch im Haus–allerdings wie angedeutet lachte oder grinste er nie und war sehr wortkarg. Nur einmal sagte er zu mir: „Sri, ich habe einen Fehler gemacht als junger Mann nach Pakistan zu kommen, ich hätte in Bombay (heute Mumbai) bleiben sollen, (1947 Teilung Indiens in einen Hindu- und einen Muslim Staat – Pakistan) jetzt kann ich nicht mehr zurück“.

Durch die Lage unserer Wohnung und durch die Position unseres Vermieters konnte meine Frau den anliegenden Militärpark ungehindert benutzen. Auch der Offiziersclub war uns offen und wir wurden respektvoll behandelt, denn schließlich waren wir „Freunde“ von gleich zwei Generälen. Bei einem dieser Parkbesuche mit Kinderwagen kamen uns drei verschleierte Frauen entgegen, die in den Kinderwagen schielten. Plötzlich riss eine der Frauen ihren Schleier hoch, griff nach unserem Baby im Kinderwagen, hob es hoch, küsste es und legte es blitzartig wieder in den Wagen und schon lief die Gruppe kichernd weiter. Als ich die Situation erfasste war unser Baby schon aus dem Wagen und in der Luft und mein Eingreifen hätte womöglich zum Fall des Babys geführt. Wir standen also wie angewurzelt auf der Stelle. Dass der Vorfall überhaupt stattgefunden hatte bewies nur ein Abdruck des Lippenstifts auf der Wange unseres Babys. Dem wiederum schien es gefallen zu haben denn es reagierte mit freudigem Strampeln.

Ein Hilfegesuch

Eines Tages besuchte uns eine junge, deutschsprechende Frau, die ursprünglich aus Hamburg kam und mit einem Pakistani verheiratet war. Sie bat uns um Hilfe das Land zu verlassen. Ähnlich wie Jahre später dokumentiert in dem Bestseller „Nicht ohne meine Tochter“ (1986) die Ehe einer Amerikanerin mit einem Iraner beschrieben wurde war auch dieser Frau ihr Leben in der pakistanischen Ehe zur Hölle geworden und zeigte die ganze Problematik von derartigen Mischehen in der Dritten Welt. Was war geschehen? Sie hatte den Fehler gemacht einen Pakistani in Deutschland zu heiraten ohne sich über das Land seiner Herkunft und deren Gebräuche zu erkundigen. Zusammen mit ihrem Ehemann übersiedelte sie nach Pakistan wo sie dann schlecht behandelt wurde. Durch die Heirat war sie automatisch pakistanische Bürgerin geworden mit allen Rechten und Pflichten. Allerdings überwogen die Pflichten und das bedeutete bei ihr sich verdeckt zu halten, ohne Ehemann nicht aus dem Hause zu gehen, keinerlei westlichen Freunde zu haben, Schläge zu erleiden usw. Sie war bereits bis zur Deutschen Botschaft vorgedrungen, die ihr aber Hilfe verweigerte, da sie ja nun Pakistani war. Ohne Pass – der deutsche Pass war schon lange vom Ehemann beschlagnahmt und inzwischen auch abgelaufen – und ohne pakistanische Papiere existierte sie eigentlich gar nicht mehr. Wie konnten wir ihr helfen?

Wir sprachen mit mehreren Expatriaten und der Konsensus war man müsste ein deutsches Schiff in Karachi finden, das sie als blinden Passagier mitnehmen würde. Karachi war aber über 1000 km südlich von Lahore und sicherlich würde eine Menge Geld von Nöten sein einen Kapitän für eine illegale Mitnahme einer „Pakistani“ zu überzeugen. Die Idee war gut, aber niemand wollte die Organisation dafür übernehmen oder das Geld vorlegen und so mussten wir sie ihrem Schicksal überlassen. Hoffentlich hat sie es anderweitig geschafft wieder zurück nach Hamburg zu kommen.

Unfallopfer, cash oder stirb

Als Transport hatte ich zwar den Projektwagen, durfte ihn aber als UN-Personal eigentlich nicht selber fahren und zwar aus gutem Grund. Es hatte Fälle gegeben wo nach einem unverschuldeten Unfall mindestens drei Zeugen aufgetreten waren, um eine Falschaussage zu Gunsten des Opfers zu machen. Auch waren wir angehalten nach einem Verkehrsunfall – egal ob wir involviert waren oder nicht – niemals das Opfer zum Krankenhaus zu fahren, denn auch dort hatte entweder die Familie des Opfers oder gekaufte Zeugen in der Vergangenheit beschworen der Fahrer dieses (Samariter) Wagens wäre schuld an dem Unfall und müsste dementsprechend für den Verletzten bezahlen. Bei einem männlichen Todesfall wurden dabei $ 10.000 verlangt. Frauen wurden mit weniger angesetzt.

Wie wahr diese Horrorgeschichten sein konnten erlebten wir in dem Fall einer Schwedin, die für eine Non-Governmental Organisation (NGO) in Lahore arbeitete. Sie war bei Hausarbeiten von der Leiter gefallen und hatte sich den Arm gebrochen. Da sie allein lebte fuhr sie mit ihrem Wagen zum Krankenhaus. Dort schätzte man die Kosten der Verarztung und verlangte Vorkasse – bitte in US$. Da die arme Frau das Geld nicht dabei hatte fuhr sie zurück zu Bekannten um sich das Geld zu besorgen. Willkommen in Pakistan! Allerdings habe ich später ähnliche haarsträubende Fälle in anderen Ländern erlebt, die alle unabhängig von der vorherrschenden religiösen Prägung waren. Diese Verhältnisse sind einfach ein Ausdruck von unfertiger Zivilisation.

Entsprechend den obigen Vorgaben waren unsere UN-Fahrer angehalten bei einem offensichtlichen Verkehrsunfall mit Verletzten eher zu beschleunigen als anzuhalten, was mir mehrmals unter die Haut ging, wenn man hätte helfen können. Ich erinnere mich an einen Fall im Nigeria/Afrika wo zwei Franzosen sich nicht an die Regeln hielten und einer von ihrem Fahrer angefahrenen Person helfen wollten und dabei von den Einheimischen gelyncht wurden. Der Fahrer raste davon und erzählte die Geschichte. Wir bekamen damals daraufhin die Anweisung auf Fahrten immer unseren Pass dabeizuhaben und im Falle eines Unfalls sofort über die Grenze nach Niger ins FAO-Büro in Niamey zu fahren, denn wenn ein Unfall auch nicht immer gleich zu Lynchmord führte, würde bei Einschreiten der Polizei möglicherweise neben dem Fahrer auch die Insassen verhaftet. Soweit war es aber in Pakistan noch nicht gekommen, sondern auf der Strasse liegende Verkehrsopfer wurden freundlicherweise mit Steinen oder Hölzern gegen den nachkommenden Verkehr abgesichert damit nicht noch jemand über sie fahren würde – also doch ein wenig Menschlichkeit.

Hunde hatten es ebenfalls schwer in Lahore – und in allen Entwicklungsländern. Unser zugelaufener adoptierter Hund schien eine Mischung aus Deutschem Schäferhund und einer anderen Rasse zu sein, was aber dem ungeübten Auge nicht gleich offensichtlich war. Es ergab sich, dass unser Nachbar eine läufige Hündin hatte, die unser Hund besuchen wollte. Damit war der Hauswächter nicht einverstanden und ging auf unseren Hund mit einem Knüppel los, woraufhin der ihn ins Bein biss, so dass die Wunde im Krankenhaus genäht werden musste. Unser Hund hatte auch einiges abbekommen und wir päppelten ihn wieder auf. Es dauerte nicht lange und wir bekamen eine Rechnung über die Krankenhauskosten von einem Rechtsanwalt. Dieser schrieb, dass unser Deutscher Schäferhund seinen Mandanten gebissen hätte und wir dafür verantwortlich wären. Wir schrieben zurück, dass wir keinen Deutschen Schäferhund besäßen und dass es sich bei dem Hund wohl um einen anderen handeln müsste. Er hatte einen gravierenden Fehler gemacht unseren Mischling als Deutschen Schäferhund zu bezeichnen – und er wusste es und schrieb nicht wieder zurück.

Berater aus Australien

Die monatlichen sachlichen Berichte des Stillstands an meinen Kontrolleur in Rom waren wahrscheinlich nicht besonders beliebt bei ihm und obwohl der Herr aus den Philippinen stammte und mit solchen Situationen vertraut sein sollte, wollte er das Problem nicht passiv verwalten, sondern schickte mir einen Berater aus Australien (!) nach Pakistan – natürlich auf Kosten von „Brot für die Welt“. Zu meinem nächsten Treffen mit dem General nahm ich diesen Herrn mit und auch er war willkommen zu Tee und Keksen und erweiterte so aus der Sicht des Generals die internationale Gesprächsrunde. Nach einigen Tagen reiste der Berater unverrichteter Dinge wieder ab. Ich selber empfahl meinem Kontrolleur in Rom das Projekt einzustellen, um weitere Geldverschwendung (hauptsächlich mein Gehalt) zu vermeiden und ich begann mich nach einem anderen Posten in der FAO umzusehen – schließlich wollte ich ja etwas auf die Beine stellen und ich merkte wie der Frust in mir hochstieg.

Wir erhalten einen Teil unserer Ausrüstung zurück

Doch plötzlich, nach mehr als drei Monaten, ließ sich endlich ein Durchbruch erkennen. Der General Khan zeigte sich großzügig und ich bekam einen Lastwagen voller demolierter Rohre, Regner, Pumpen und „meinen“ Traktor zurück. Das war zwar nur ein Drittel meiner Ausrüstung, aber das Projekt konnte beginnen. Wir hatten schon Vorarbeiten für eine Demonstrationsfläche geleistet, aber leider ließ sich –wie im Projekt vorgesehen – keine Gruppe von Kleinbauern mit ein er Gesamtfläche von etwa 60 ha organisieren. Der Hauptgrund lag in der Besteuerung von bewässertem Land, die erheblich höher war als für unbewässertes Land. Da es nicht geklärt werden konnte – auch nicht durch meinen Freund den Landwirtschaftsminister des Punjabs – ob das Land unter unserem Demonstrationsprojekt weiterhin steuerlich als unbewässert gelten sollte, gingen die Bauern das Risiko der Bewässerung durch Beregnung nicht ein. Das war verständlich denn schließlich hatten sie so etwas noch nie gesehen. Um überhaupt etwas zu bewerkstelligen, blieb nur ein interessierter Großgrundbesitzer übrig, was bestimmt nicht im Sinne der „Brot für die Welt“ Spender war.

Unser Projekt hatte keine Transportmöglichkeiten für Pumpen, Rohre und andere Ausrüstung und auch kein Haushalt dafür obwohl laut Vertrag mit der FAO die pakistanischen $200.000 für solche Zwecke vorgesehen waren. Jeglicher Versuch durch Treffen mit dem Landwirtschafts-Minister in Islamabad die Gelder loszueisen wurden mit absurden Geschichten abgeblockt. Der Minister erzählte uns (mir und dem FAO-Repräsentanten) zum Beispiel, dass das Geld auf einer Bank in Lahore liegen würde und wir es nur abholen müssten – also unser Fehler. Die Bank in Lahore wiederum verlangte einen Berechtigungsnachweis unseres Projektmanagers. Da er keinen hatte beantragte er einen in Islamabad, der nach einer Ewigkeit ausgestellt wurde.

Mit dieser Berechtigung in der Tasche teilte ihm die auszahlende Bank in Lahore mit, dass kein Geld auf dem angegebenen Konto vorhanden sei. Neue Vorstellungen im Ministerium in Islamabad – immer mit dem FAO Repräsentanten – ergaben Ausflüchte, wie zum Beispiel, dass man sich das gar nicht vorstellen könnte, denn das Geld wäre bereits vor Monaten eingezahlt aber jetzt würde man alles überprüfen und in wenigen Tagen wäre das Geld verfügbar. Das Geld kam niemals an – alles war erlogen. Die Regierung hatte niemals vor das Projekt finanziell wie vereinbart auszustatten, aber das konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen.

Nach Ablauf des ersten Jahres wurde unser Projektmanager aufgefordert einen Haushaltsplan für das nächste Jahr zu erstellen bei dem ich gerne half. So bekam ich Einsicht in den laufenden Haushalt der lediglich aus den Kosten für die Gehälter der Mitarbeiter und den Kosten für das Büro bestand. Wir entwarfen einen detaillierten und realistischen Haushalt der dreimal höher ausfiel als der laufende. Einige Zeit später berichtete mir der Projektmanager freudig, dass der Haushalt genehmigt wäre. Ich stellte jedoch schnell fest, dass der neue Haushalt dem jetzigen exakt glich, also lediglich wieder die Gehälter sowie die Kosten für das Büro enthielt. Was war geschehen? Es stellte sich heraus, dass der Projektmanager Bedenken hatte den erhöhten Haushalt einzureichen und hatte unsere gemeinsame Ausarbeitung auf den alten Haushalt reduzierte, da er glaubte der neue würde das Finanzministerium dermaßen verärgern, dass man das Projekt möglicherweise schließen könnte. Dieses Risiko war ihm persönlich zu hoch und eine Art Dolchstoß für das Projekt.

Wir waren also auf den Transport der Ausrüstung durch den Großgrundbesitzer angewiesen der dies mittels Traktoranhänger bewerkstelligte. Die Anlage wurde nun mit den drei Arbeitern unserer 15-köpfigen Mannschaft aufgebaut, wobei ich als Vorarbeiter fungierte. Der Großgrundbesitzer war ein junger Scheich der sehr an der Anlage interessiert war – schließlich kostete sie ihm nichts, außer dass er sich um den Dieselnachschub für die Pumpe kümmern musste, was eigentlich Aufgabe des Projekts war, wir aber kein Geld dafür hatten.

Glücklicherweise war das Projektauto nicht in die Hände des Generals gefallen, so dass zumindest ich selber und die Projektmitarbeiter mobil waren. Da aber keine Haushaltsgelder für die Unterhaltung des Wagens vorhanden waren, musste ich die laufenden Kosten von meinem kargen Projektbudget aufbringen und unter Kosten für Papier, Meetings, usw. abrechnen, da mein Kontrolleur in Rom meine Auto-Unterhaltungskosten nicht akzeptieren wollte oder konnte. In einem vertrauensbildenden Moment überließ ich den Wagen nebst Fahrer dem Projektmanager für einen angeblichen Besuch bei interessierten Bauern und erfuhr dann von meinem Fahrer am nächsten Tag, dass acht Personen (es war ein 5-Sitzer VW-Kombi) zu einer über 200 km entfernten Hochzeit damit gefahren waren. Der Tank war natürlich leer und das Vertrauen dahin.

Das Demonstrationsprojekt war kein großer Erfolg, da kein Geld für dessen Betrieb vorhanden war und der Scheich keine Arbeiter für die permanent nötigen Umbauten der Beregnungsrohre (Rotation) zur Verfügung stellen wollte. Unsere eigenen Leute mussten jedoch aufwendig jeden Tag auf die Bewässerungsfläche mittels unseres PKWs gebracht werden, die in 20 km Entfernung von unserem Büro lag. Da der Scheich nur wenig Dieselkraftstoff für die Pumpe zur Verfügung stellte, war an einen geordneten Bewässerungsablauf nicht zu denken. Auch wurde der Dieseltank immer bis zum letzten Tropfen leerlaufen gelassen, was eine permanente Entlüftung der Leitungen bedurfte. Zusätzlich beschwerten sich angrenzenden Bauern, wenn ihre Felder durch Windversprühungen nass wurden, da sie befürchteten ihre Felder würden zur Bewässerungssteuer herangezogen. Somit musste bei der Verlegung der Bewässerungsrohre immer ein größerer Abstand zu den Flurgrenzen eingehalten werden als nötig.

Kriegsrecht in Lahore

Während dieser Arbeiten und weiteren Besuche bei „meinem“ General Khan um noch mehr Material zurückzubekommen, ergab sich im Jahre 1977 ein für uns gravierendes Ereignis. In Islamabad war die Bildung einer demokratischen Regierung gescheitert und General Mohammed Zia ul-Haq rief das Kriegsrecht aus. Das bereitete uns ernsthafte Sorgen, denn vor knapp 60 Jahren war es unter dem Deckmantel des Kriegsrechts in Lahore und Umgebung – besonders in Amritsar – zur gezielten Erschießung und sogar Bombardierungen der Zivilbevölkerung gekommen mit tausenden von Toten. Laut der damaligen Untersuchung durch das englische Parlament, waren allerdings die englischen Offiziere dafür verantwortlich und die waren ja zum Glück nicht mehr in Lahore und wir hofften auf einen weniger dramatischen Verlauf.

Für uns bedeutete das Kriegsrecht zunächst einmal eine Ausgangssperre von morgens 6:00h bis morgens 4:00h. d.h. 22 Stunden pro Tag. In den zwei Stunden schaffte es zwar unser Koch immer etwas zum Essen zu ergattern, aber an Arbeit war nicht mehr zu denken. Wochen vergingen und wir hatten bald kein bares Geld mehr für unsere Einkäufe.

Bei einem Versuch in den zwei Morgenstunden Geld von der Bank zu bekommen wurde ich um 6:00h früh zusammen mit vielen anderen Kunden der Bank dort unfreiwillig eingesperrt, da es nicht möglich war wegen des gewaltigen Andrangs bis um 6:00h an den Schalter vorzudringen. Das würde bedeuten, dass ich für die nächsten 22 Stunden in der Bank verbringen müsste, was nicht gerade einladend erschien. Durch die eisernen Rollläden der Bank war es jedoch möglich nach draußen zu kommunizieren und einen patrouillierenden Soldaten anzusprechen seinen Offizier zu holen, dem ich von meinen „Freunden“ den Generälen erzählte und zusätzlich darauf hinwies, dass ein UN-Diplomat (obwohl ich keiner war aber immerhin stand mein Wagen mit einem UN-Nummernschild vor der Bank) eingesperrt wurde, was zu internationalen Komplikationen und Konsequenzen führen könnte, womit er doch sicherlich nichts zu tun haben wollte. Meinem Einspruch wurde stattgegeben, der Rollladen geöffnet und ich mittels einer Patrouille nach Hause eskortiert – aber ohne Geld von der Bank bekommen zu haben. Ich habe es dann am nächsten Morgen wieder versucht und diesmal mit Erfolg.

In unserer Nachbarschaft stand eine kleine ältere Kirche, die zur Englischen Kirche gehörte und ein Überbleibsel aus der englischen Kolonialzeit war. Meine Frau schlug vor, unser Kind in dieser Kirche taufen zu lassen und sie nahm entsprechenden Kontakt mit dem Priester auf, der sich über ein mögliches neues Mitglied der Gemeinde freute. Unglücklicherweise zeigte wegen der Ausgangssperre das sonst eher langweilige Fernsehen den ganzen Tag über alte Filme, unter anderem einen von Henry dem Achten. Als meine Frau hörte, dass er der Gründer der Englischen Kirche war und seine deutsche Frau hatte hinrichten lassen wurde die Idee der Taufe bei der Englischen Kirche auf der Stelle verworfen.

Umzug in den Swat

Nach sechs Wochen frustriertem Nichtstun reiste ich mit meiner Familie auf Einladung eines UN-Kollegen, Mr. Hoover, ein emeritierter Professor aus Kalifornien, nach Saidu Sharif im Swat Distrikt der North-West-Frontier Provinz im Norden Pakistans, umgeben von 6000m hohen Bergen. Dort gab es keine Ausgangssperre da diese Provinz autonom war. Mr. Hoover war dort Projektmanager für ein Mohnanbau-Ersatzprogramm (Poppy Eradication Program) des UN-Drug Control Programs, das in Genf sein Hauptquartier hatte. Er sollte den Bauern Alternativen zum Mohnanbau aufzeigen indem sie z.B. sogenannte „cash crops“ wie Obst und Gemüse anbauten. Ein gutgemeintes, aber völlig unrealistisches Unterfangen, wenn man die Preisspanne der Drogenhändler betrachtete, die jederzeit die Preise verdoppeln oder verdreifachen konnten. Für seine Aufgabe war Mr. Hoover mit einem drei Millionen Dollar Haushalt unter seiner Kontrolle und einem 25-Mann lokalen Team ausgestattet. Gleich am Anfang seiner Arbeit ging alles anders als gedacht: Seine Mitarbeiter verlangten den Kauf von luxuriösen Range Rover Fahrzeugen anstatt der vorgesehenen preisgünstigeren Land Rover Versionen, die bereits luxuriös im Vergleich zu den lokalen Fahrzeugen waren. Auch Mr. Hoover fuhr „lediglich“ mit einem Land Rover. Als Mr. Hoover dem Anspruch auf die Range Rover nicht nachgeben konnte und wollte, erklärte das gesamte Team zunächst einmal einen fristlosen Streik und verschwand. Mr. Hoover saß nun alleine in der Abgeschiedenheit der Berge und konnte ohne die nötige Unterstützung seines Teams nicht arbeiten. Als er von meinem Dilemma erfuhr, offerierte er mir spontan meine Bewässerungsgerätschaften während der morgendlichen Ausgehzeiten in Lahore auf seine Kosten abzuholen und sie im Nordwesten Pakistans, im Buner Distrikt, einzusetzen. Zusätzlich könnte ein Teil meiner 15-köpfigen Mannschaft auf seine Kosten mit in den Swat übersiedeln. Da ich selber in Lahore nichts zu tun hatte, war das ein ansprechender Deal. Also zogen wir in den Swat und in das große Haus der Hoovers.

Ms. Hoover war begeistert über unsere Ankunft, denn sie war – auch aus Kalifornien stammend – auf dem besten Wege nach etwa einem Jahr im Swat durchzudrehen. Das war verständlich, denn ihr Haus war von einer drei Meter hohen Mauer umgeben die mit Stacheldraht verziert war. Innerhalb dieser Mauern patrouillierten Tag und Nacht immer zwei bewaffnete Wachleute. Außerhalb der Mauern konnte sich Ms. Hoover nicht begeben. Um psychisch zu überleben, ließ sie sich manchmal zur Post nach Islamabad fahren nur um einen Brief aufzugeben – eine 5-Stundenfahrt in eine Richtung. Heute ist diese Region eine Hochburg der Talibanunterstützer und wahrscheinlich nicht mehr für Entwicklungshelfer zugänglich, schon gar nicht für anti-Drogen Aktivisten.

Die angebauten Drogen waren durchaus nicht nur für den Verkauf bestimmt, sondern wurden auch von den Einheimischen konsumiert. Um mir einen Überblick der Drogenszene vor Ort zu geben, fuhr Mr. Hoover mit mir zu verschiedenen Dörfern, die nahezu menschenleer bis auf ein paar herumliegende Gestalten waren. Die für Pakistan typischen kleinen Straßenverkäufer und Geschäfte waren nicht vorhanden. Laut Mr. Hoover waren einige dieser Dörfer bereits entvölkert und andere dem Untergang geweiht. Mit diesem Eigenkonsum von Opium hatte ich nicht gerechnet, sondern eher an einen blühenden Handel mit der Droge und dem daraus zu erwartendem relativem Wohlstand.

Im Buner Distrikt gestattete uns der lokale Chef des Bezirks unsere Beregnungsanlage auf den zu dieser Jahreszeit braunen und abgegrasten Weideflächen eines Tals aufzubauen. Meine Truppe aus dem Punjab schafften es drei Tage hilfreich zu sein, beschwerten sich dann aber über das Essen, die Unterkunft sowie über die lokale Bevölkerung deren Sprache sie nicht verstanden und verließen daraufhin – bis auf meinen Fahrer – den Swat Richtung Lahore. Nach Rücksprache mit dem Bezirkschef heuerten wir daraufhin lokale junge Männer für $1/Tag an und hatten mehr Arbeitswillige als nötig.

Die Arbeiten bestanden zunächst daraus Wasser zu finden. Dazu bot sich eine höher gelegene Quelle über dem Tal an, dessen Abfluss wir bis auf etwa 600 m an das Tal umleiteten und dann mittels eines kleinen Damms aufstauten und weiter über eine Rohrleitung mittels Schwerkraft zu unserem Bewässerungsrohrnetz im Tal leiteten. Unsere Schnellkupplungsrohre im Tal mussten dann alle acht Stunden von den lokalen Jungs umgesetzt werden, was sie unter den kritischen Blicken der lokalen Bauern auch prima machten. Eine Bewässerungssteuer wie im Punjab gab es hier zum Glück nicht. Um sicherzustellen, dass das Tal bald grün sein würde, griffen wir in unsere Trickkiste und ließen Handelsdünger sowie Grassamen durch die Beregnungsanlage versprühen. Den Handelsdünger mussten wir aus Islamabad herbeischaffen, während die Grassamen von unseren lokalen Jungs aus der Umgebung eingesammelt wurden.

Erfolg

Es dauerte nicht lange und unsere Flächen wurden grün und grüner und wir redeten uns ein, dass auch die Rinder und Kühe ihre Farbe wechselten. Wir waren die Helden der Region und es dauerte nicht lange bis wir eingeladen wurden weitere Flächen zu bewässern, was wir gerne taten soweit es die Ausrüstung hergab und was uns zu einem zweiten Projekt führte. Hierfür mussten wir unsere mitgebrachte Dieselpumpe an einem Bach installieren. Da die zu bewässernden Flächen bereits mit Feldfrüchten bebaut waren ließ es sich nicht vermeiden, dass wir bei der Auslegung der Bewässerungsleitungen einen gewissen Flurschaden anrichteten. Aber das wurde akzeptiert, denn es handelte sich um eine einmalige Maßnahme, da die Rohre als feste Installation während der Bewässerungsperiode nicht mehr bewegt werden sollten. Jeder der Bauern hatte zwischen den Feldfrüchten ein kleines Mohnfeld von nicht mehr als vielleicht 10x10m Größe – die cash crop Parzelle – d.h. diese Flächen brachten das nötige Bargeld für Kleidung, Medizin, Waffen usw. Diese Flächen mit zu bewässern ging natürlich gar nicht und entsprechend montierten wir hier keine Regner.

Die Reaktion kam sofort mittels einer dringlichen Einladung vom lokalen Chef zur Besprechung zusammen mit seinen lokalen „Ratsherren“ – alle schwer bewaffnet und mit grimmiger Miene im Kreis sitzend. Ich erklärte den Sinn von Hoovers Mission – aber ohne Erfolg. Mir wurde erklärt wie sehr man unsere Arbeit für die lokalen Bauern schätzte, dass die Anstellung von etwa 10 lokalen jungen Männern sehr begrüßt würde und dass man über den Flurschaden hinwegsehen würde – aber, dass die Mohnfelder nicht beregnet werden sollten müsste ich sofort ändern. Ich bat mir einen Tag Bedenkzeit aus um mit Mr. Hoover zu sprechen, was akzeptiert wurde. Die Antwort von Mr. Hoover war voraussehbar und mit einem gewissen Grad an Entsetzen malte er sich die Reaktion seiner Arbeitgeber in Genf aus, sollten sie jemals Wind von solchem Unterfangen bekommen. Diese Möglichkeit war durchaus gegeben, denn immerhin residierte ein für ihn zuständiger UN-Verbindungsbeamter im nicht so fernen Islamabad.

Die Frevels-Tat