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Was erleben Burschen die aus einem arabischen Land zu uns kommen? Sie suchen Freiheit und Wohlstand, stoßen aber auf Ablehnung, Ausbeutung, Isolation und Bürokratismus. Aber am Telefon und in den Briefen wird gelogen: Ja Mutter, es geht mir gut! Dadurch werden weitere Neuankömmlinge angelockt. Dieses Buch will auf unterhaltsame Weise aufdecken und informieren
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Dorothea El-Erjan
Mauer Verlag
Wilfried Kriese
72108 Rottenburg a/N
Edition Mauer Verlag 2017
Erstveröffentlichung 2010
Alle Rechte vorbehalten
www.mauerverlag.de
Eine Türe in meiner Nähe wurde rasselnd und schlüsselklirrend geöffnet. Ich fuhr zusammen, wo war ich? Schläge prasselten auf meinen Kopf und die Schultern! Ich richtete mich verschlafen auf und blickte ratlos um mich.
Man schrie mich an. Zwei verschiedene Personen schrien in einer Sprache, die ich nicht verstand. War das aus meinem Abenteuer geworden? Ich hatte den Traum von Freiheit und Wohlstand verwirklichen wollen! Was war aus meinen Hoffnungen geworden? Wenn ich damals diese Sprache verstanden hätte, wäre folgendes zu vernehmen gewesen:
Das Gespräch wurde in einem örtlichen Dialekt geführt, den ich nach einigen Jahren in diesem fremden Land noch immer nicht verstand. Ich wurde angeschrien, dass mir die Ohren laut dröhnten
„Hallo, aufstehen! Herr „Weiß-nicht-wer-ich-bin“. Jetzt werden wir gemeinsam überlegen, WER du bist!“
Nun war ich von drei Uniformierten umgeben. Ich blickte verzweifelt von Einem zum Anderen, auf der Suche nach ein wenig Güte und Verständnis im Blick. Das war vergebens. Also richtete ich mich langsam auf und atmete tief durch. Jetzt stand ich aufrecht, um zumindest ebenso groß, oder auch größer zu sein, als die Personen, die mich anschrien. Ich war ein besonders stattlicher, großgewachsener Bursche. Die Arbeit auf dem Bauernhof meines Vaters in Ägypten hatten meine Muskeln bestens ausgebildet. Als Student der Elektrotechnik war ich auch ausgesprochen intelligent, sagte man zumindest damals, zu Hause.
Das waren Polizisten! Sie schrien mich an und ich lächelte wehrlos. Das war mein Versuch, die Kommunikation mit ihnen aufzunehmen.
„Ich, Said“, murmelte ich und deutete auf meine Brust.
Der größte der Uniformierten warf sich in Positur, er reckte die Brust heraus und wiegte sich in den Hüften. „Wir Polizei, du Tschusch!“ Er nickte und grinste.
„Salam!“, sagte ich lauter und selbstbewusster. Ich erhielt einen Schlag und fiel zurück auf die Pritsche, auf der ich anscheinend die Nacht verbracht hatte.
„Du Tschusch!“, wiederholte der zweite der Männer.
Ich zuckte mit der Achsel. Das Wort war in dem Sprachführer, den ich mir in Ägypten besorgt hatte, nicht gestanden.
Seit Jahren wollte ich Ägypten verlassen und in ein unsagbar reiches Land in der Mitte Europas gehen. In das Herz Europas, stand in den Zeitungen! Dieses Land wurde als das Herz Europas beschrieben. Im Herzen musste es ja besonders reich sein, oder? Mein Onkel hatte mir die Illustrierte gezeigt. Ein farbenprächtiges Foto. Städte und Gebirge waren abgebildet. Darunter stand: Das Land im Herzen Europas!
„Said!“, sagte der Onkel aufgeregt zu mir, „Said, du musst in dieses Land reisen! In deinem Heimatland gibt es keine Arbeit für dich. Der Bauernhof deines Vaters kann nicht zwei Söhne erhalten, oder zwei Familien ernähren. Du hast die Universität besucht und liebst die Arbeit auf dem Bauernhof nicht. Also wirst du nach Europa gehen!“
Ich war nicht erstaunt über diesen Vorschlag. Viele Familien statteten einen jungen Mann trotz großer Entbehrungen mit einem Flugticket aus damit er auf einem anderen Kontinent ein neues Leben beginnen kann. Meine Familie hatte mich auserkoren! Ich war glücklich und gerührt. „Danke!“, stammelte ich, „Dort werde ich eine gute Arbeit finden und euch Geld schicken. Versprochen!“
Nun war ich hier! Ich befand mich in Europa, im Herzen des Kontinents, aber das Herz war steinhart!
Man schrie mich weiterhin an. Dann machten die Uniformierten Anstalten, den Raum zu verlassen. Der letzte riss mich so nebenbei hoch und stieß mir das rechte Knie in meinen Oberschenkel. Das war seine Form der Einladung, ihm zu folgen.
Ich war froh, dass wir den Raum verließen. Jetzt hatten die Schläge aufgehört. Wahrscheinlich ist es überall auf der Welt üblich, dass Uniformierte harmlose Zivilisten schlugen, die nicht wussten, wie ihnen geschah. Aber eigentlich war ich deshalb aus meiner Heimat fortgegangen.
Wann war das gewesen?
War das wirklich erst wenige Tage her?
Waren wirklich erst wenige Tage vergangen seither?
Wir gingen durch lange Korridore. Ich vernahm Gespräche, das Klingeln eines Telefons und das Tippen einer Schreibmaschine. Dann betraten wir ein Büro und traten zu einem Schreibtisch, der an einem Fenster stand. Dahinter saß ein älterer Polizist, der im Gegensatz zu den anderen eine Mütze mit breiter Krempe auf dem Kopf trug. Er blickte meine Begleiter streng an. Anscheinend war das der Vorgesetzte.
Ich war aus einer Militärdiktatur geflohen, war das eine andere? Das Herz Europas machte auf mich den Eindruck einer Militärdiktatur! Dazu war ich geflohen?
Man bot mir an, auf dem Sessel Platz zu nehmen. Das war auf der Polizei meines Heimatlandes nicht üblich gewesen. „Wie heißt du?“, lautete die erste Frage.
Ich verstand nichts und antwortete daher nicht. Die Fragen waren in meinem Sprachführer anders formuliert gewesen. So fragte man einen Hotelgast des Hiltons, auf der Polizei sprach man anders. Nun wurde die Frage gebrüllt. Man schlug mich.
Ja, es war besser als zu Hause! Hier wurde man im Sitzen geschlagen. Zuhause musste man stehen. Die Schläge waren so heftig, dass man zu Boden stürzte.
Aber hatte ich meine Familie, die Heimat und alle Freunde verlassen, um hier im Sitzen und nicht im Stehen geschlagen zu werden? Dieser kleine Unterschied rechtfertigte in meinen Augen nicht den großen Aufwand, den ich geleistet hatte. Ich hob schützend die Arme über den Kopf. Man riss sie weg, schrei mich nochmals an und schlug mich, da es keine Antwort meinerseits gab. Endlich stammelte ich: „Dolmetsch?“
Alle rissen verwundert die Augen auf, schnitten Grimassen und begannen brüllend zu lachen.
„Tschusch will Dolmetsch! Welche Sprache Dolmetsch?“, schrie der Polizist hinter dem Schreibtisch, sprang auf und brüllte in meine Ohren: „ Welche?“
Jetzt waren wir schon etwas mehr einer Klärung nähergekommen. Ich sagte in fragendem Ton: „Arabeje?“
„Ach was. Heute hat nur einer Dienst. Der spricht Englisch. Soll er versuchen, mit Herrn „Ich-weiß-nicht-wer-ich-bin“ zu reden.“ Der Vorgesetzte gab den anderen Polizisten ein Zeichen und ich wurde wieder in die Zelle gebracht. Ich untersuchte mein Gesicht. Zum Glück blutete ich nur wenig, die Nase war nicht gebrochen. Ich war wieder alleine.
Ja, ich war ganz alleine in diesem Land.
Mohamed und Reza waren tot. Sie haben die Flucht nicht überlebt. Sie sind nicht lebend im Herzen Europas angekommen, wie ich. Reza war Perser, er arbeitete in Ägypten. Als man keine Techniker in Kairo benötigte, kam er zu uns in das Dorf. Mohamed war ein entfernter Verwandter, auch aus unserem Dorf. Derselbe Onkel gab ihm den Rat, nach Europa zu gehen.
Mohamed und Reza hatten den Unfall des Sattelschleppers nicht überlebt. Sie kamen, um zu sterben.
Es waren zwei LKW im Konvoi unterwegs. Von Ägypten über die Türkei nach Europa.
Der Fahrer des ersten Wagens verursachte den Unfall. Er war eingeschlafen. Sein Wagen hatte Obst geladen. Als er in den Graben fuhr, brach Feuer aus und er verbrannte. Es stank erbärmlich. Der Fahrer des zweiten LKW wollte fliehen. Ein roter PKW fuhr zwischen den Lastern. Der kleine Wagen stand nun quer und versperrte die Fahrbahn. Ein Kind hatte sich bei der Notbremsung leicht verletzt, die Mutter weigerte sich, weiterzufahren und wartete auf den Notarzt.
Vorher traf die Polizei ein. Sie untersuchte die Ladung des zweiten Schleppers, der unbeschädigt geblieben war. Obenauf lagen Orangen, darunter Kisten mit Kiwis. Diese wollte die Polizei beschlagnahmen.
Es ist seit einiger Zeit verboten, ägyptische Kiwis nach Europa einzuführen, da sie durch Pestizide verseucht sind. Europäische und amerikanische Konzerne verkaufen mit großem Gewinn diese Chemikalien an das arabische Land. Die Ernten fallen nun üppiger und reichlicher aus, aber die Früchte sind im Export unverkäuflich.
Unter den Kisten mit Obst befanden sich weitere. Diese gefüllt mit geschmuggelten Zigaretten. Verseucht mit Schwermetallen. Hinter einer Luke befanden sich Reza, Mohamed und ich. Ich hatte versucht, den beiden, die bei dem Aufprall schwer verletzt wurden und wegen der starken Schmerzen brüllten, zu helfen. Zuletzt hatten sie nur mehr gewimmert.
Ich war fast bewusstlos. Dann bemerkte ich, dass die Luke schon längere Zeit geöffnet war und ich kletterte vorsichtig heraus. Verwirrt stand ich neben dem Sattelschlepper, keiner der beiden folgte mir.
Der Fahrer des Wagens war kreideweiß, er wand sich in den Armen der Polizisten und stammelte unverständliches Zeug. Panik ergriff mich. Ich wollte nochmals in den Wagen klettern, um meine Freunde zu suchen, ihnen zu Hilfe zu kommen.
Die Polizisten warfen mich zu Boden. Langsam begriff ich, dass wir seit Tagen nicht mehr Halt gemacht hatten. Es gab keine Pause, keine frische Luft, nichts zu essen.
Für die Dienste des Schleppers, für diese menschenunwürdige Fahrt hatte mein Onkel, der wohlhabendste der Familie, zwei seiner Felder verkauft. Man wollte Mohamed und mir eine bessere Zukunft ermöglichen, im Herzen von Europa.
Mohamed und Reza bewegten sich nicht mehr. Man hob sie heraus und legte sie nebeneinander. Ich riss mich los und beugte mich über die beiden. Sie atmeten nicht mehr, ich konnte keinen Herzschlag tasten. Ich war verzweifelt, stand neben Toten. Ich war allein in diesem fremden Land.
Man verfrachtete mich in einen Wagen der Polizei und brachte mich mit Blaulicht und heulenden Sirenen weg.
Angekommen bei einem großen Gebäude stieß man mich in eine finstere Zelle und schloss ab. Ich stand unter Schock und konnte nicht schlafen. Auch hatte ich unsagbaren Hunger und Durst. Deshalb begann ich zu schreien und zu toben, wurde aber nicht beachtet. Erst nach Stunden öffnete sich die schwere Türe meiner Zelle. Ein verschlafener, junger Polizist trat ein. Ich erhob mich erleichtert und machte mit der Hand das Zeichen für Essen. Er schüttelte den Kopf und deutete auf seine Armbanduhr. Anscheinend gab es erst viel später Nahrung.
Enttäuscht legte ich mich wieder auf die unerträglich harte Pritsche. Die Türe wurde wieder geöffnet und der Beamte gab mir eine Flasche mit klarem Wasser in meine gierig ausgestreckten Hände. Nach dieser kleinen Freundlichkeit in dem ungastlichen Land traten mir Tränen in die Augen.
Ich fiel in unruhigen Schlaf, träumte von meinem toten Cousin Mohamed, dem Fröhlichen. Wie sollte ich später seiner Mutter gegenübertreten, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass ihr geliebtes Kind tot war?
Warum war ich hier hergekommen? Warum lebte ich noch? Mein Name ist Said. Ich komme aus einem Dorf nordöstlich von Kairo. Meine Familie bewirtschaftet einige Felder, mir wurde ein Studium der Elektrotechnik ermöglicht. Aber der Standard der Ausbildung war rasch überholt und jedes Jahr strömten Millionen noch jüngerer Männer auf den Arbeitsmarkt. Also verlor ich den Job und half meinem Bruder bei der Landwirtschaft.
Mein Onkel riet mir dann, nach Europa zu gehen. Doch was ist los? Ich befand mich im Herzen Europas! Doch ich stellte fest, dass es steinhart war.
Warum saß ich jetzt nach meiner Ankunft im Gefängnis? Was war mein Verbrechen? Ich war harmlos und arbeitswillig. Ich bin in einem fremden Land im Gefängnis gelandet. Hier schlägt man mich im Sitzen. Ich stellte fest, dass es ein wenig besser war als zu Hause.
Ich wollte raus! Einen Arbeitsplatz suchen, wieder lachen können! Das war sicher nur ein Missverständnis. Der Onkel sagte, viele Firmen suchten kräftige Kerle, wie ich einer bin.
Dieses Land war mein neues zu Hause, ich wollte es kennenlernen! Man holte mich zu einem Verhör. Diesmal war ein Mann in Zivil ebenfalls anwesend.
Er fragte mich in englischer Sprache nach meinem Namen. Das hatte ich erwartet.
Ich antwortete: „Ich bin Ibrahim Moussa, aus Palästina.“, und blickte dem Mann fest in die Augen, um sein Vertrauen zu gewinnen. Er schwieg, die anderen diskutierten. Ich befürchtete, wieder geschlagen zu werden und spannte bereits alle Muskeln an, um die Schläge besser ertragen zu können. Oder wäre entspannen günstiger? Endlich antwortete der Zivilist: „Aha, Palästina.“
Aufgeregt rief ich: „Asyl! Asyl!“, wie es mir der Schlepper geraten hatte. Das war der einfachste Weg, hier registriert zu werden und vorläufige Papiere zu erhalten. Asylwerber erhielten sogar Geld und eine Unterkunft, bis sie eine geeignete Arbeitsstelle und eine Wohnung gefunden hatten. Ich freute mich auf dieses Land. Eigentlich hätte man mich nicht schlagen sollen, wenn man mir heute Geld und eine Unterkunft geben wollte. Sicher war alles nur ein Missverständnis.
„Aha, du Flüchtling!“, nickte der Dolmetscher mit wohlwollendem Gesichtsausdruck. Man hatte mir geraten, alle meine Papiere zu vernichten und mich als Palästinenser auszugeben. Diese wurden in Europa als politische Flüchtlinge akzeptiert. Die Atmosphäre entspannte sich.
„Arme Flüchtling“, sagte der Zivilist und bot mir überraschenderweise eine Zigarette an. Mit zitternden Händen ergriff ich sie, entzündete sie an dem Feuerzeug des Mannes und zog hastig den ersten Zug ein. Mir wurde übel! Ich erbrach Magensaft. Er sprach wieder englisch mit mir. Ich war aufgesprungen und hielt mir eine Hand auf den Magen. Starkes Schwindelgefühl erfasste mich, ich befürchtete, zu Boden zu stürzen.
Ein Wachebeamter erhob sich und legte mir den Arm um die Schulter aber der andere ergriff mich grob am Handgelenk.
Man brachte mich zurück in die Zelle. Ich genoss die Dunkelheit und Ruhe.
Später schreckte ich aus meinem Schlaf hoch. Eine Klappe in der Türe hatte sich geöffnet, ich erblickte den jungen Beamten, der in meine Zelle spähte.
Ich erhob mich und trat näher. Er schob einen Teller herein und deutete mit dem Zeigefinger darauf.
Darauf lag eine fettige, ungustiöse Wurst und etwas längliches Braunes. Ich setzte mich mit dem Teller auf die Pritsche. Lange Zeit blickte ich verzweifelt auf den Teller. Das war das ersehnte „Essen“!
Ich untersuchte dieses Nahrungsangebot. Die Wurst konnte ich etwas verbessern, indem ich sie mit der Serviette vorsichtig abtupfte. Fett wurde aufgesogen, doch wenn ich hineinbeißen würde, käme wohl noch mehr.
Ich ergriff das andere Ding auf dem Teller. Es war in der Mitte weich und hatte einen harten Rand. Noch nie in meinem Leben hatte ich etwas derartig Widerliches und ekel erregendes gesehen. Das konnte ich nicht essen.
Später kam der Mann, um den Teller abzuholen. Er stand neben mir und zeigte auf den Teller. „Essen“, sagte er und stank aus dem Mund ganz genauso, wie die Wurst auf dem Teller. Er hielt ihn mir unter die Nase. Mir stieg ein saurer Saft vom Magen in den Mund hoch. Dann ergriff ich den Teller und warf ihn, mitsamt Wurst und Schwarzbrot auf den Boden.
Der Mann stieß mich mit einem Aufschrei nieder. Er hatte mir in einer freundlichen Geste Essen gebracht, war anscheinend seine Ansicht. In seinen Augen sogar eine Delikatesse, die er selbst auch gerne verspeiste. Ich war nicht dankbar gewesen!
Aber er stellte den Teller mit den beiden Nahrungsmitteln auf das Fensterbrett, grunzte etwas und ging.
