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Dieses Buch erzählt Geschichten aus einem Leben, das intensiv mit der Jagd und der Freundschaft verknüpft ist. Die Verbindung dieser beiden Elemente spannt sich über einen Bogen von vierzig Jahren Erinnerungen, Erlebnissen, Tagebücher, Fotos und dem Wunsch, den Leser mitzunehmen in eine besondere Welt jagdlicher Vielfalt und emotionaler Beziehungen. Aus einer umfangreichen Sammlung vieler Jagdalben ist ein ausgewähltes Mosaik unterhaltsamer Erzählungen entstanden, das vier Jahrzehnte ganz persönlicher Jagderfahrungen authentisch wiedergibt. Jede Geschichte wurde unmittelbar geschrieben, nachdem sie erlebt wurde. Zusammen mit den Zeichnungen, Skizzen, Gedichten und den Ergänzungen der Jagdfreunde entstand daraus ein chronologisches Kaleidoskop, das alle Facetten jagdlicher Spannung und liebevoller Betrachtungen berührt. Personen, Orte, Abenteuer und Anekdoten sind Bausteine eines sich ständig verändernden Beziehungsgeflechts, in der Jagd und Freundschaft die dominierenden Säulen sind. Eine Jagd, die vor der Haustür begann, die geprägt wurde vom heimatlichen Mikrokosmos der niedersächsischen Landschaften, eine Jagd, die das alpine Hochgebirge berührte, aber auch eine Jagd mit dem Wagnis, auf anderen Kontinenten seine Grenzen zu erfahren. Freundschaften, die diese Zeit geformt haben, die von der Jagd geprägt wurden und die nur dem natürlichen Schicksal unterlagen. Die gemeinsame Klammer für alle Kapitel und der rote Faden ihres Inhalts sind die Liebe zur Natur, die einfache Hüttenromantik und die Nähe des Freundes. Diese Kombination beschenkte alle mit den größten Glücksgefühlen, sie erhöhte das Kleine zum Großen und sie offenbarte das Elementare und Ehrliche.
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Seitenzahl: 645
Veröffentlichungsjahr: 2020
UDO LAU
JAGD MIT FREUNDEN
Udo Lau: Jagd mit Freunden
1. Auflage, November 2020
Alle Rechte am Werk liegen beim Autor:
Udo Lau
Am Mühlenberg 28
D-37133 Friedland
Satz und Gestaltung:
Jens Kunze
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-17878-6 (Paperback)
978-3-347-17879-3 (Hardcover)
978-3-347-17880-9 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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INHALT
PROLOG
1. NEUJAHRSNACHT
2. HIMMELFAHRTSKOMMANDO
3. DER BIRKHAHN RUFT
4. VATER UND SOHN
5. TRÄUMEREIEN
6. ÜBERLISTET
7. GALLOWAY
8. MITTENDRIN
9. SOLIDARGEMEINSCHAFT
10. EINE HÜTTE – EINE FREUNDSCHAFT
11. RÜBEZAHL
12. HERBSTLAUB
13. SAUENTRAUMA
14. JAGD UND SOPHIE…
15. CARIBOU – KANADA
16. GANS UND TREIBJAGD
17. SCHNEESILVESTER MIT HELGA
18. POLARLICHT
19. PETRI-HEIL IN PERU
20. DIE WELTREISESAU
21. BIG FIVE
22. VON DER LÜNEBURGER HEIDE BIS VIETNAM
23. DER SABBATBOCK
24. DIE BLÄSERSAU
25. DER DOPPELSCHLAG ODER… JAGD IM WANDEL DER ZEIT
26. SULINGEN LEBT WIEDER
27. AHAUSEN
28. MATTHIAS
29. KLAUS
30. FC – HANSA ROSTOCK
31. MAISKOLBEN
32. DREI FREUNDE
33. DER GRIECHISCHE PARTISAN
34. MAIBÖCKE
35. MASUREN
36. EB
37. CORD… „ZWEI EISKALTE HERZEN“
38. LÜDER
39. HILDE
40. GAMS IM KAHLGESTEIN
41. DER 7. SINN
42. EB – CORD – LÜDER
43. BOLTENHAGEN
44. NICHTFREUNDE
45. NOSTALGIE
46. KÄRNTEN 2
47. JUNGVOLK
48. ALTE SÄCKE – ALTE BÖCKE
49. ALBINO
50. ZWEI FREUNDE – EIN BOCK
EPILOG
PROLOG
Dieses Buch erzählt Geschichten aus einem Leben, das intensiv mit der Jagd und der Freundschaft verknüpft ist.
Die Verbindung dieser beiden Elemente spannt sich über einen Bogen von vierzig Jahren Erinnerungen, Erlebnissen, Tagebücher, Fotos und dem Wunsch, den Leser mitzunehmen in eine besondere Welt jagdlicher Vielfalt und emotionaler Beziehungen.
Aus einer umfangreichen Sammlung vieler Jagdalben ist ein ausgewähltes Mosaik unterhaltsamer Erzählungen entstanden, das vier Jahrzehnte ganz persönlicher Jagderfahrungen authentisch wiedergibt.
Jede Geschichte wurde unmittelbar geschrieben, nachdem sie erlebt wurde. Zusammen mit den Zeichnungen, Skizzen, Gedichten und den Ergänzungen der Jagdfreunde entstand daraus ein chronologisches Kaleidoskop, das alle Facetten jagdlicher Spannung und liebevoller Betrachtungen berührt.
Personen, Orte, Abenteuer und Anekdoten sind Bausteine eines sich ständig verändernden Beziehungsgeflechts, in der Jagd und Freundschaft die dominierenden Säulen sind.
Eine Jagd, die vor der Haustür begann, die geprägt wurde vom heimatlichen Mikrokosmos der niedersächsischen Landschaften, eine Jagd, die das alpine Hochgebirge berührte, aber auch eine Jagd mit dem Wagnis, auf anderen Kontinenten seine Grenzen zu erfahren.
Freundschaften, die diese Zeit geformt haben, die von der Jagd geprägt wurden und die nur dem natürlichen Schicksal unterlagen.
Die gemeinsame Klammer für alle Kapitel und der rote Faden ihres Inhalts, sind die Liebe zur Natur, die einfache Hüttenromantik und die Nähe des Freundes.
Diese Kombination beschenkte alle mit den größten Glücksgefühlen, sie erhöhte das Kleine zum Großen und sie offenbarte das Elementare und Ehrliche.
NEUJAHRSNACHT
1. Januar 1985
Die Silvesternacht ist mit 95 Millionen DM Knallergetöse und Feuerwerk vorbeigegangen. Der Neujahrstag empfängt uns mit weißer Winterpracht. Über Nacht ist der langersehnte Schnee gefallen und die Temperaturen sind unter 0° C gesunken.
Ideale Voraussetzungen für unser großes Vorhaben: Ansitz auf Sauen, gemeinsam mit Rudi, und für ihn vielleicht sein erstes Stück Schwarzwild. Heute soll der begnadete Niederwildjäger endlich zum Hochwildjäger gekürt werden!
Am Nachmittag beschicken wir noch einmal die Kirrung…nur der „Kübelwagen“ kann sich den Weg durch den inzwischen 15 cm hohen Schnee bahnen. Der „Sauenwächter“ zeigt uns 19: 30 Uhr an, zu der Zeit waren sie also gestern Abend da; vor lauter ungeduldiger Spannung auf das bevorstehende Ereignis schlagen wir uns freundschaftlich auf die Schultern und raunen uns leise zu:“ 19: 30 Uhr…wenn`s heute auch so ist!?
Zu Haus erledigt jeder für sich die letzten Vorbereitungen: warme Ansitzkleidung für vielleicht lange Stunden Wartezeit, Überprüfung der Ausrüstung und Waffen, ein heißer Tee und Magentröster darf nicht fehlen.
Das traditionelle Bleigießen zu Silvester mit den Kindern ergab bei mir eine Gondel…die Deutung besagt: ein Abenteuer steht bevor! Mit Rudi eigentlich eine überflüssige Vorhersage!
Endlich fahren wir kurz vor 18: 00 Uhr los. Rudi holt mich mit dem Kübelwagen zu Haus ab. Leichter Schneefall und Wind aus Süd begleiten uns aus dem Dorf hinauf in den Wald. Unterwegs besprechen wir die letzte Feinabstimmung… ein gewagtes Manöver: ein Doppelschuss…zwei Schüsse zur gleichen Zeit und zwei Sauen sollen liegen, eine mutige Herausforderung! Rudi soll leise zählen:“…eins – und – zwei – und Schuss“…So soll´s gehen.
Der kultige Bundeswehrjeep spurt durch den unberührten Neuschnee. Rechts und links gleiten die Fichten an uns vorbei, deren schneebeladenen Zweige tief herunterhängen. Vor „Schrader Rott`s Wiese“ halten wir rechts in einem Seitenweg an, stellen den Motor aus, die Scheinwerfer hatten wir schon vor dem Waldeingang gelöscht.
Um uns herum ist nur noch wattige Stille, und lautlos fallen die letzten dicken Flocken vom Himmel, alles ist ein sanftes Weiß gehüllt, eine traumhafte Winterlandschaft.
AUFBRUCH ZUR JAGD
Wir schnallen Rucksäcke und Gläser um, schultern die Waffen, Rudi seine schwere 9,3 mal 62 und ich meinen bewährten Suhler Drilling 7-mal 65R.
So stehen wir abmarschbereit am Kübel, schweigsam, aber wild entschlossen.
Ruhig stapfen wir durch den pulvrigen Neuschnee, links die helle unberührte Wiese, dahinter das dunkle Altholz und rechts von uns die hohen Fichten. Nach etwa 10 Minuten erreichen wir die „Frank`sche Kanzel“, die früher auch mal „Pornokanzel“ hieß…Diana mag wissen warum?
SCHRADER-ROTTS-WIESE
Die Kanzel liegt gut versteckt rechts vom Weg, perfekt eingebaut in eine kräftige Vierergruppe dicker Fichten und ist mit ihrer zwölfstufigen Leiter nichts für Rudi`s Höhenangst. Vorsichtig und leise baumen wir auf und richten uns in der offenen Kanzel geräuschlos ein. Die Sitzverteilung ist durch unseren Gewehranschlag vorgegeben: Rudi als Linksschütze sitzt rechts, ich links, jeder in seinem warmen Ansitzsack und dick eingemummelt mit Mütze, Schal und Handschuhen. Sofort umgibt uns eine vertraute und wohlige Atmosphäre, in der wir uns mit der Natur um uns herum wie eine Einheit fühlen. Die schneebedeckten Zweige hüllen uns wie ein schützendes Dach ein, der leichte Südwind kommt von vorn und bewegt sie nur ganz leise.
Vor uns liegt die offene Jungfichtenböschung, der erst sanft und dann steiler werdend wie eine Kulisse vor uns aufsteigt und oben sogar in blanken Fels übergeht. Der lichte Bewuchs gewährt uns den freien Blick auf zwei offene Schneisen, die sich links und rechts den Hang hinaufziehen.
Die Uhr zeigt viertel vor sieben. In Gedanken versunken sitzen wir eng nebeneinander und haben alle Sinne auf Empfang gestellt…würden sie kommen?
So vergeht etwa eine dreiviertel Stunde, als plötzlich Bewegung in die Scene kommt…fast auf die Minute halb acht! Von rechts ziehen zwei Frischlinge auf die Lichtung und glich hinterher die ganze Rotte. Am Ende sind es sechs „Kleine“ um die 15 kg und die Bache.
Ich spüre wie uns beiden plötzlich der Puls den Atem verschlägt. Für Rudi ist es der erste Anblick dieser Art: sieben Sauen auf 30 Schritt vor der Mündung und alles völlig geräuschlos, wie kleine schwarze Schatten in weißer Watte.
Wir sitzen wie in Stein gemeißelt, keiner bewegt sich. Erst als sich die ganze Bande schmatzend und quiekend auf die rechte Schneise verteilt hat, und jedes Stück sein Plätzchen gefunden hat, nehmen wir behutsam unsere Gläser hoch und schauen uns die Sache genauer an. Jawohl, es ist die gleiche Rotte, aus der ich vor drei Wochen den ersten Frischlingskeiler mit 12 kg geschossen habe.
Inzwischen ist Leben in die Truppe gekommen. Ein Wuseln und Knacken, ein gieriges Hin und Her und dazwischen öfter das zufriedene Grunzen der Bache. Wir warten darauf, dass sie sich auch auf die linke Schneise verteilen, um ein besseres Schussfeld zu haben, da verändert sich die Situation schlagartig!
Ein großer schwarzer Schatten löst sich aus den linken Fichten…der etwa dreijährige Keiler, den ich schon häufiger, aber nur kurz gesehen habe. Es ist Rauschzeit und die Bache duldet ihn nicht in der Nähe ihrer Rotte. Ein warnendes Blasen, dennoch sprengt der Keiler die kleinen Wutze auseinander und steht dann für einen Augenblick allein auf der Lichtung. Ein faszinierender Anblick für uns beide für wenige Sekunden, dann ist auch er verschwunden und die Bühne leer.
Bestürzung bei uns. Banges Fragen, was jetzt, war`s das? Da hören wir ein erneutes Grunzen aus der Dickung…sie sind noch da. Und tatsächlich, wenig später treten sie wieder aus, diesmal auf der linken Schneise, fast genau in der gleichen Reihenfolge, nur deutlich unruhiger und nervöser. Dennoch sind wir wieder zuversichtlicher und voller Spannung.
Wäre ich allein, hätte ich wohl längst geschossen – heute aber stehen höhere Ziele an: der Doppelschuss mit Rudi.
Der hat inzwischen seine schwere Büchse neben meinen Drilling vor sich auf den Kanzelrand gelegt, bereit zum Angriff. Noch beobachten wir beide das aufregende Geschehen durch unsere Doppelgläser – 35 – Schritt entfernt. Die Uhr zeigt inzwischen viertel vor acht und die innere Unruhe steigt. Jetzt lassen wir die Gläser am Riemen baumeln und beobachten durch die Zielfernrohre unserer Waffen… jetzt muss es sein!
„Los“ sagt Rudi, „jetzt!“ „Du links, ich rechts“, antworte ich ihm. Jeder von uns nimmt sich einen Wutschelbruder auf den Zielstachel. Noch ist zu viel Bewegung drin, sie stehen nicht ruhig und breit, wir kommen nicht zum Zählen. Verdammt, da ist er wieder, der Keiler! Jetzt wagt er sich ganz weit nach unten, äugt zu uns hoch. Das gibt´s doch gar nicht!
Warum ist er so misstrauisch? Wir sind mucksmäuschen still und der Wind steht gut, kein Küseln, nichts. Oben ist der Rest der Rotte schon wieder verschwunden und im nächsten Augenblick der Dicke auch! 15 Sekunden tanzte er auf unserem Zielstachel
Verdammter Mist, die zweite Chance verpasst! Ob sie nochmal wiederkommen? Fünf, zehn, fünfzehn Minuten vergehen, doch nichts tut sich mehr…das war´s dann wohl!
Enttäuscht entspannen wir unsere Waffen. Ein tiefer Frust macht sich in uns breit, soll´s das etwa gewesen sein, so dicht vor dem Ziel, so kurz vor dem Schuss? Wir sprechen kein Wort, jeder geht seinen eigenen Gedanken nach. Ich mache mir Vorwürfe, Rudi die Chance wegen des geplanten Doppelschusses vermasselt zu haben. Nun sitzen wir beide bedröppelt da und trauern der verpassten Gelegenheit nach.
Die Uhr rückt gegen acht und ich wage nicht, den Vorschlag zum Aufbruch zu geben, denn was soll jetzt noch kommen? Die gleichen noch ein drittes Mal? Unmöglich! Und ob die andere von mir in den letzten Wochen bestätigte Rotte noch auftauchen würde, war ziemlich unwahrscheinlich.
Und während ich darüber nachgrübele, warum die Stücken auf der linken Schneise so unruhig waren spüre ich, dass der Wind leise meine rechte Wange streift…er hat gedreht und kommt jetzt aus Nordwest und trägt unsere Witterung genau auf die linke Schneise. Das war also die Erklärung, und in meiner Aufregung hatte ich diese Veränderung gar nicht bemerkt.
Wie aus einem Traum wache ich plötzlich aus meinen Gedanken auf und traue meinen Augen nicht. Spiegelten mir meine geheimen Wünsche ein Trugbild vor oder hatte Diana meine stillen Gebete erhört? Da stehen Sauen im Schnee, auf der rechten Schneise, wie hingezaubert. Erst zwei, dann vier und fast in der gleichen Reihenfolge wie vor einer knappen Stunde, nur diesmal in einer anderen Sortierung. Unglaublich! Doch wirklich – erst vier stärkere Frischlinge, dann zwei Überläufer und noch zwei Bachen, die dort auf dem Hang herumwuselten, oben, unten, rechts, links.
„Jetzt putze ich einen weg“, war Rudi`s spontane Reaktion und ging gleichzeitig in Anschlag. „Ja“ flüsterte ich leise „Du oben rechts, ich unten links, fang an zu zählen!“
Wir nahmen jeder ein Stück ins Visier und achteten darauf, dass es nicht die Bachen waren. Dann begann Rudi leise, und kaum wahrnehmbar zu zählen…“ eins – und – zwei – und“…laut dröhnte der Knall durch die lautlose Neujahrsnacht. Zwei Mündungsblitze blendeten unsere Augen.
Und was wie ein Donner durch den Lichtenhagener Forst rollte waren zwei Schüsse, die sich nahezu gleichzeitig aus unseren Waffen entluden. Danach ein heftiges Klagen anschließend Totenstille. Nur in unseren Ohren hallte ein feines Sirren des Doppelschusses noch eine Weile nach.
DER DOPPELSCHUSS
Nach allen Seiten war die Rotte auseinander gesprengt. Zwei schwarze Flecken zeichneten sich im hellen Schnee ab, ein schwaches Schlägeln noch bei Rudi`s Anschuss. Den Drilling noch an der Wange sehe ich, wie sich mein Stück hochmacht und in den verschneiten Jungfichten verschwindet.
Keine fünf Sekunden waren inzwischen vergangen, ehe ich meinem Freund flüsternd ins Ohr brülle: „Er liegt, deiner liegt!“, und schlage ihm vor Freude auf seinen neuen Hut.
Als hätten die beiden Schüsse eine Explosion der Gefühle in uns freigesetzt, so zerren wir uns gegenseitig an unseren Schultern und können das Erlebte noch gar nicht fassen. Unsere Kehlen sind furztrocken und brauchen erst einmal einen Schluck Tee mit Rum und sicherheitshalber einen Bittern hinterher.
Was ist passiert? Einer liegt, der andere offensichtlich getroffen aber verschwunden. Wir packen zusammen, unsere Knie zittern vor lauter Aufregung. Als wir endlich alles sicher verstaut haben und vorsichtig abbaumen merken wir erst, wie groß die innere Anspannung war.
Unten angekommen lassen wir die Rucksäcke und alles überflüssige Zeug an der Leiter und nehmen nur die schwere Büchse von Rudi mit, ehe wir durch den dicken Schnee den Hang hinaufstapfen. Die schwere 9,3 mal 62 hat ganze Arbeit geleistet und die Frischlingsbache auf den Platz gebannt. Sie ist im Schuss verendet. Ich breche den Bruch und überreiche ihn Rudi waidgerecht mit bewegten Worten. Dann stehen wir schweigsam aber nicht ohne innere Ergriffenheit vor seinem ersten Stück Schwarzwild und wissen, dass wir gerade eine Sternstunde unserer Freundschaft erlebt haben. Aber noch war dieses Kapitel nicht zu Ende.
Jetzt galt alle Aufmerksamkeit meinem Stück. Der Anschuss war weiter unten und nicht zu übersehen. Hellroter Schweiß, nicht viel aber deutlich wie gesprenkelt im Schnee verteilt. Die Schweißfährte geht nach links weg, so wie von mir beobachtet. Sie verschwindet unter den tief hängenden Zweigen der jungen Fichten in einer auffällig wannenförmigen Rinne. Wir lassen den Anschuss unberührt und entschließen uns nach kurzem Zögern der Wundfährte zu folgen, wenigstens ein kurzes Stück und nur solange, wie es die Dickung und die Sicht zulassen.
Im hellen Schein der Taschenlampe gehe – oder besser krieche ich voraus. Der Strahl der Lampe erfasst immer nur wenige Meter der deutlichen Fährte, eigentlich war sie überflüssig bei dem hellen Untergrund.
Schnee rieselt uns in den Nacken und tief gebückt und fast auf allen Vieren kommen wir nur langsam vorwärts. Es ist ein komisches Gefühl durch eine nächtlich verschneite Dickung zu kriechen und nicht zu wissen, was einen hinter der nächsten Fichte erwartet. Und so ganz viel Erfahrung hatte ich mit derlei Nachsuchen in meiner kurzen Lehrzeit ohnehin nicht, und Rudi schon gar nicht. Mir wäre wohler zumute, wenn mein routinierter Mentor Klaus dabei wäre.
So aber umschlagen wir ein besonders dichtes Gebüsch und erstarren im Strahl der Taschenlampe. Vor uns liegt ein kräftiger Überläufer schwer im Wundbett und blinzelt uns mit seinen kleinen Augen schwer gezeichnet an; kein leichtes Bild, zumal noch eine Menge Leben in ihm zu stecken scheint. Er hat den Schuss wohl durch die Keulen, das erklärt die wannenartige Rinne seiner Fluchtfährte.
„Los, gib ihm den Fangschuss“, raunt mir Rudi energisch zu. Doch ich will eine unnötige Ballerei vermeiden und schüttele den Kopf. „Dann fang sie ab!“ fügt er hinzu. „Das kann ich nicht“, gebe ich kleinlaut zurück, ..“habe ich noch nie gemacht!“ „Dann lass mich ran“, stößt Rudi atemlos hervor.
Unsere kurze Diskussion, der grelle Strahl der Taschenlampe, das nächtliche Szenario und zwei Grünschnäbel auf winterlicher Sauenjagd vor einem angeschweißten Schwarzkittel mitten in einer unübersichtlichen Dickung hatte etwas Surreales, etwas Einmaliges.
Während ich einen Schritt zur Seite trete, um mit der Büchse zu sichern, wirft das kranke Stück sein massiges Haupt herum auf mich zu.
ANGRIFF UND VERTEIDIGUNG
In dem Augenblick ist Rudi auch schon über dem Borstenvieh, in der linken Hand das norwegische Jagdmesser und der rechte Arm umklammert den Nacken. Einmal, zweimal stößt er kräftig zu, ohne eine erkennbare Wirkung. Der wehrhafte Überläufer wirft ihn fast ab. Beide sind wie zwei gespenstische Schatten vereint, kaum kann man sie in dem Gewühl von aufstäubendem Schnee unter den tief hängenden Fichtenzweigen auseinanderhalten. Der Kampf geht hin und her, der Leichtsinn und meine Sorge um Rudi`s Gesundheit werden immer größer. Dann ein letzter Stoß ins Leben und hörbar entweicht dem Schwarzkittel unter Rudi´s Gewicht die letzte Luft aus den Lungen, ehe er endlich verendet vor uns liegt. Ein 45 kg schwerer Überläufer mit der Kraft eines hauendes Schweines. Erschöpft und schwer atmend kniet der Held über ihm. Zwei Sauen an einem Abend, und beide von ihm erlegt! Das ist für einen Schwarzwildneuling in der Tat ein starkes Stück und gleichzeitig seine Gesellenprüfung. Waidmannsheil, mein Freund!!!
Die nächsten Minuten sind wir wie benommen und können das Geschehene noch gar nicht begreifen. Zwei Schüsse wie einer und zwei Sauen liegen auf der Strecke…ein denkwürdiges Jagderlebnis, das erst am Anfang einer jahrzehnte langen Freundschaft stehen sollte und dessen nachhaltige Wirkung wir in diesem Augenblick noch gar nicht ermessen konnten.
Der Rest ist schnell berichtet: wir schleppen die beiden Stücke bis auf die Anhöhe zu „Schrader Rott`s Wiese“, stapfen durch den Schnee bis zum Kübelwagen, der beim Wendemanöver noch hängen bleibt, verstauen die Sauen mit Stricken auf der Haube des Gefährts und fahren beschwingt und fröhlich lachend zurück ins Dorf. Zielpunkt: das Forstamt, sein Chef und unser Gönner und Freund Klaus Heipke.
Dem verschlägt`s die Sprache als er uns beiden „Wilddiebe“ mit der Doppelbeute in seinem Garten sieht. Erst nachdem er das Bubenstück ordnungsgemäß dokumentiert und fotografiert hat findet er seine Worte wieder und beglückwünscht uns mit einem kräftigen Waidmannsheil und einem dreifachen Horrido zu unserem Jagdglück.
Was sich dann in der warmen und gemütlichen Försterstube anschließt ist den Traditionen des Deutschen Waidwerks geschuldet und schweißt drei Typen zusammen, deren Originalität und Freundschaft die Basis für viele Abenteuer sein sollte, die sie auf ihren gemeinsamen Fährten noch erleben sollten.
DAS BEUTE-DUO
HIMMELFAHRTSKOMMANDO
16. Mai 1985
Es sollte ein klassisches Bockaufgangswochenende werden, mit allen Abläufen, Ritualen und Besonderheiten, wie wir sie in Sulingen, im Bruch und unserer geliebten Jagdhütte dutzende Male erlebt und praktiziert haben. Allein das verwegene Quartett der Mannschaft mit Rudi, Fivos, Karl Heinz und mir versprach allerhöchste Jagdfreude.
Das Wetter spielte mit, der vertraute Kübelwagen bewies sein enormes Transportvolumen und seine militärische Robustheit. Dazu die Aussicht auf fünf spannende Jagdtage in einer einmaligen Natur, romantischer Einsamkeit und gemütlicher Hüttenidylle ließen die Herzen höher schlagen.
Das abendliche Eröffnungsmenü mit „Fivos Special“: Spaghetti mit kretischer Tomaten-Hackfleischsoße, Knoblauchzaziki und Honigjoghurt machten seiner griechischen Abstammung alle Ehre und läuteten einen dionysischen Begrüßungsabend ein.
Um 5: 00 Uhr klingelte am nächsten Morgen der Wecker und alle waren nach einer heißen Tasse Tee erwartungsgeil auf den Läufen und saßen munter im offenen Kübelwagen.
Karl Heinz und ich steigen an der Lakeweide aus und pirschen uns durch das Eingangswäldchen leise bis zur Eichenleiter und baumen vorsichtig auf den geräumigen Natursitz auf. Rudi und Fivos wollen auf einen lahmenden „Krummen“ waidwerken, den wir gestern bei der Anfahrt bereits gesehen hatten.
Noch herrscht starker Frühnebel und die Sicht ist kaum 50 m. weit, von der typischen Topografie der Lakeweide ist noch nichts zu sehen. Die Sonne kämpft verzweifelt gegen den Dunst und nur langsam klart es auf; endlich zeichnet sich die rote Scheibe schemenhaft vor uns am Osthimmel ab und schiebt sich langsam über den Horizont. Ich weise Karl Heinz behutsam in das Gelände ein und freue mich, wie sich auf der satten Wiese der gelbe Löwenzahn mit dem zarten Wiesenschaumkraut die Vorherrschaft um die Farbenpracht der Natur streitig machen…ein wunderbares Bild. Nur mein hartnäckiger Husten und eine langwierige Erkältung stören die Idylle.
Karl Heinz entdeckt das Spießerpärchen als Erster. Es tobt ungestört zwischen den kleinen Wäldchen umher, verhofft nur kurz, um dann immer wieder in den Büschen oder dem Restnebel zu verschwinden. Erst nach einer halben Stunde können wir sie weit hinten schwach durch die Gläser wieder entdecken. Sie stehen auf der entferntesten Äsungswiese im hohen Roggengras, dort, wo ein starker Sechser auch seinen Stammplatz hat.
Aber alles ist zu weit entfernt und für einen sichern Schuss ausgeschlossen. Darum entschließen wir uns, den Eichensitz aufzugeben und uns trotz der ungünstigeren Windrichtung (SO.) anzupirschen. In der Deckung der kleinen Büsche kommen wir mühsam aber unbemerkt im taufeuchten Gras der Wiese bis an die untere Spitze des rechten Wäldchens (s. Skizze). Der flache Kriechgang war anstrengend und hatte uns die Sicht nach vorn genommen. Als ich den Kopf hebe, steht vor mir – keine 50 Schritt entfernt – ein weiterer Spießer und äst direkt an der Grabenkante zum Getreideschlag des Nachbarreviers.
Jede Bewegung wäre jetzt verhängnisvoll. Und noch ehe ich den Gedanken zu Ende bringe, wirft der Bock auf und schaut misstrauisch in unsere Richtung, ich vor Karl Heinz. Der Entschluss war längst gefasst: der soll es sein, ein mickeriger „Zigarettenspießer“, die Stangen nicht länger als eine Marlboro. In der nächsten kurzen Phase einer Scheinäsung des Bockes gehe ich in meiner unbequemen Bauchlage im Zeitlupentempo in Anschlag. Der Wind steht halb auf den Schwachen zu. Karl Heinz liegt hinter mir und beobachtet das Ganze mit angehaltenem Atem.
Der Bock wirft auf. Zwischen ihm und uns bewegen sich die Halme des Roggengrases im sanften Morgenwind und jede Brise kann uns verraten und der Bock springt ab. Die Mündung des Drillings zeigt schon auf das Blatt, langsam steche ich ein und entsichere die Waffe. Es bleiben nur noch Sekunden, die Körpersprache des Bockes steht auf Absprung, sein Blick auf Flucht, da lasse ich die Kugel raus und kann den Bock durch den Schmauch des Schusses nicht mehre sehen. „ Er liegt“, raunt Karl Heinz mir zu “Waidmannsheil“, seine Freude ist spürbar, meine Erleichterung auch.
Langsam richten wir uns auf und ich deute meinem Kumpel an, leise zu sein und auf den hinteren Teil der Wiese zu achten, weil ich die beiden anderen Spießer dort noch vernute und auch ihn noch zu Schuss bringen will. Und richtig, der Sechser steht mit seinen weißgefegten Stangen neben seinen beiden Ricken, von den Spießern allerdings keine Spur.
Nachdem wir die Scene lange beobachtet haben, springen aus unerfindlichen Gründen alle Stücke ab. Und jetzt sind auch die Zwillingsspießer dabei, die wir im hohen Gras wohl übersehen hatten.
Nur ein Schmalreh zieht noch an der äußersten Wiesenkante entlang und lässt sich durch nichts stören. Wir nehmen es nur zur Kontrolle noch einmal genauer ins Glas und wundern uns über seine merkwürdige Färbung, besonders des Hauptes. Ich stelle die Optik noch schärfer und suche die Schürze…vergeblich.
Da zeigt uns das Schmalreh seinen Rücken und durch die hochaufgestellten Lauscher erkenne ich zwei daumenlange Knubben: ein Bock! Der ideale Abschussbock für Karl Heinz…schwach im Wildbret und ein rechter Kümmerling, ein wirklicher Hegefall.
Ich deute Karl Heinz an, sich bis zum Zaun vorzupirschen, von dort hat er nur noch die halbe Schussdistanz und eine sichere Auflage. Er nickt und macht sich auf den Weg. Tief geduckt durch eine flache Senke schafft er es bis zum Grabenrand und ab dort schützt ihn der höhere Bewuchs im Verlaufe der Zaunpfähle. Nach anstrengender Arbeit erreicht er 10 Minuten später den von ihm ausgewählten stabilen Eichenpfosten und ist jetzt nur noch 80 Schritt von seinem Ziel entfernt.
Ich habe inzwischen den Drilling nachgeladen und beobachte die weitere Entwicklung durch das Zielfernrohr. Karl Heinz streicht ruhig am Pfosten an und jeden Augenblick erwarte ich seinen Schuss. Da endlich…aber es macht nur „pitsch“…die kleine Kugel, er hat die Waffe nicht umgestellt! Der Bock wirft auf und schaut sich irritiert um, kein sichtbares Schusszeichen, die Kugel hat ihn offensichtlich verfehlt. Verdammt! Sollte uns dieser Mickerling am Ende noch entkommen?
Noch ehe er sich eines anderen besinnen kann, steche ich meinen Drilling ein und entsichere. Die Entfernung ist gewagt, die Situation auch, aber schon saugt sich der Zielstachel auf dem Blatt fest und kaum 10 Sekunden nach Karl Heinz unglücklichem Schuss ist die Hirtenberger 7 mal 65 aus dem Lauf des Drillings. Wie vom Blitz getroffen sackt der „Knubber“ zusammen. Ich sehe nichts mehr von ihm.
Entmutigt kommt mir Karl Heinz entgegen, er ist über sich selbst verärgert und kann seinen Fehlschuss kaum ertragen…verständlich.
Als wir meinen ersten Grenzbock nach 15 Minuten Pause bergen wollen, kommt auf der gleichen Wiese noch ein Stück hoch. Es macht einen seltsamen Buckel und verhält sich auffallend merkwürdig. Ich denke sofort an den zweiten Zwillingsbock und sehe für Karl Heinz noch eine 2. Chance…er soll sich heranarbeiten.
Aber da höre ich von der Eichenleiter einen lauten Pfiff. Rudi und Fivos waren inzwischen an der Eichenleiter angekommen und hatten offensichtlich einen Teil unserer jagdlichen Aktionen mitbekommen. Sie haben auch den seltsamen Bock gesehen und meinten, es sei ein krankes Stück.
Nach einer kurzen Information und Absprache entscheiden wir, dass Karl Heinz doch an der Wiese bleiben soll, das Geschehen weiter beobachten und eventuell auf den Spießer warten soll.
MANÖVER AUF DER LAKEWEIDE
Rudi, Fivos und ich fahren zur Hütte zurück. Die beiden wollen nach dem Frühstück ihre Waffen auf einem nahegelegenen Schießstand einschießen. Ich bleibe in der Hütte zurück und mache mit meinem grundguten Rauhaardackel eine kleine Vormittagspürsch. Schon nach einem kurzen Weg sehe ich an der Eichenleiter nahe der Hütte den jungen Spießer, den Karl Heinz schon vorgestern im Visier hatte, aber aus den Augen verlor. Der Ahnungslose äst friedlich vor sich hin und tut sich dann satt und müde nieder zu einem kleinen Nickerchen, so wie es die Alten auch gern machen.
Ich sehe dagegen eine weitere Chance für meinen enttäuschten Freund, schlage einen großen Bogen über den Lönsweg und hole den Guten von der Lakeweide ab. Das dauert zu Fuß fast eine halbe Stunde, erlöst aber Karl Heinz von seiner erfolglosen Warterei. Müde, hungrig und mutlos kommt mir der Jungjäger entgegen. Erst nach meinem Bericht über den Hüttenspießer hellen sich seine Gesichtszüge wieder auf.
Über den Hof von Bauer Cordes schleichen wir uns gegen den Wind in einem notwendigen Umweg an die Eichenleiter ran. Die Mittagssonne meint es gut und der Schweiß läuft in Strömen über unsere Gesichter. Die Frage ist, liegt der Bock noch?
Nicht weit von der ausgemachten Stelle setzt ein Landwirt Zaunpfähle und veranstaltet einen mächtigen Lärm. Ein langer blick durch das Glas bestätigt unsere Hoffnung: der Bock liegt noch im hohen Grase und beobachtet seelenruhig die Arbeit des Bäuerlein. Also los Karl Heinz, deine nächste Chance. Er pirscht sich vorsichtig durch den Topinambur Richtung Leiter, ganz geräuschlos geht das nicht, aber der Bock bleibt ruhig, der Pfostenlärm lenkt ihn von der drohenden Gefahr ab.
Fussel lege ich ab und beobachte das weitere Geschehen mit dem Doppelglas aus der Ferne. Meine Wünsche sind bei dem Schützen, da bricht auch schon der Schuss. Im gleichen Moment kommt der Bock hoch und tippelt nervös hin und her. Ein unruhiger Blick und dann setzt er sich in Bewegung, kein Schusszeichen deutet auf eine Verletzung oder gar einen tödlichen Treffer hin…der Bock geht gesund ab…wieder vorbei!!
VorbeiauchKarlHeinzruhigeZuversichtundGelassenheit.Schweißüberströmt kommt er mir wie ein Häufchen Unglück entgegen, Resignation und Enttäuschung stehen in seinem Gesicht, da helfen auch keine tröstenden Worte. Diana war ihm an diesem Tag nicht hold und ein Waidmannsheil war ihm nicht vergönnt. Was bleibt für ihn als Trost übrig? Eine eigene Waffe muss her, nur die gibt ihm Sicherheit und Vertrauen in den eigenen Schuss. Damit versuche ich ihn bei einem Herforder wieder aufzubauen und von seinen Grübeleien abzulenken.
Nach einem verspäteten Frühstück und der Rückkehr unserer beiden Probeschützen Rudi und Fivos, machen wir uns zu viert auf das Einsammeln der Beute an der Lakeweide. Der erste Bock ist schnell gefunden, auch wenn er fünf Meter auf dem Nachbarrevier seinen letzten Schnaufer getan hat. Vom „Knopfer“ aber fehlt jede Spur. Das gibt uns Rätsel auf.
Nachdem ich vom Platz der Schussabgabe bis zum vermeintlichen Anschuss 210 Schritt zurückgelegt habe, suche ich den Platz vergeblich nach verwertbaren Schusszeichen ab. Das hohe Roggengras und die dichte Bodenvegetation erschwert die Suche ganz erheblich. Ich werde unsicher!
Sollte der von Rudi und Fivos beobachtete Bock, dessen merkwürdiges Verhalten auch wir gesehen haben, vielleicht doch der Gesuchte sein? Sollte er tatsächlich noch einmal hochgekommen sein und sich ins Wundbett gelegt haben, ohne dass wir seinen Fluchtweg bemerkt hätten?
Die Hunde sind durch die vielen Rehwildfährten und völlig verwirrt und geistern ziellos hin und her. Dennoch weisen sie uns ein Wundbett nach und wir finden den ersten Schweiß, ein gutes oder schlechtes Zeichen? Fivos findet sogar einen Knochensplitter, und nach allem was wir beobachtet haben, muss das Stück einen Laufschuss haben und krank abgegangen sein; deshalb auch der hohe Rücken.
Erle wird geschnallt und bögelt die Wiese im kniehohem Roggengras ab, Fussel assistiert, ist aber gar nicht zu sehen… nichts! Wir suchen die Kanten ab und untersuchen noch einmal den Anschuss…nichts. Die Mittagssonne und die Hitze treiben uns nach drei Stunden zur Hütte zurück, kurze Pause und die Erkenntnis, ein brauchbarer Schweißhund muss her. Aber aktuell ist auf die Schnelle keiner zu finden.
Also müssen wir nach einer kurzen Stärkung noch einmal ran. Alle Möglichkeiten werden erwogen: - 1. er ist über den Grenzbach ins Nachbarrevier gewechselt. – 2. er hat sich unbemerkt ins Gehölz geschlagen. – 3.er liegt noch weidwund auf der Wiese.
Wir gehen alles noch einmal ab, jedes rote Fleckchen auf einem Grashalm kommt uns wie die langersehnte Schweißspur vor. Jedes ungewohnte Trittsiegel auf dem feindlichen Acker wie die Bestätigung des flüchtigen Dreibeiners. Stunden vergehen und uns verlassen langsam die Kraft und der Mut.
Es bleibt noch die letzte Chance: wir müssen die Wiese mit dem Wundbett noch einmal systematisch durchkämmen – bei der Größe von zwei Fußballfeldern keine leichte Aufgabe. Die Schützenkette besteht aus drei Mann und zwei Hunden, Rudi verhandelt inzwischen mit dem Reviernachbarn Kannengießer.
Nach der 4. Bahn nähern wir uns dem markierten ersten Wundbett und keine 20 Schritt davon entfernt sehe ich ein braunes Etwas. Sekunden später mein erlösender Ruf:“ Da liegt er!“
Drei Meter von mir entfernt schaut er mich an. Fivos ist heran und hebt die Waffe, langsam richtet er die Mündung auf den Weidwunden und jeder von uns erwartet den finalen Fangschuss. Nichts passiert. Wie paralysiert stehen sich der Grieche und der Bock Auge in Auge gegenüber…wer ist das Kaninchen, wer die Schlange?
Da müdet der Bock auf und flüchtet mit hängendem Vorderlauf davon. Jetzt erwacht Fivos aus seiner Trance und reißt die Mannlicher an seine Schulter und wird seinem griechischen Naturell gerecht: in kurzen Abständen schickt er dem Flüchtenden ein Sperrfeuer hinterher, dreimal staubt der braune Ackerboden auf, ohne Treffer, dann hat der Bock den Grenzgraben überfallen und ist im nächsten Gehölz verschwunden. Welch eine schändliche Choreografie!
Ich kann es gar nicht fassen und schaue Fivos entsetzt an, bevor ich mit entsicherter Waffe und Fussel an der Leine dem Bock hinterherstürze. Auch Erle hat die Fluchtfährte aufgenommen und hetzt dem armen Kerl mit lautem Jiff und Jaff nach. Dann Standlaut und Ruhe.
Mit seinem norwegischen Jagdmesser hat Rudi der Qual ein Ende gesetzt.
Das Stück hatte die daumenlangen Knubben noch nicht verfegt und wog aufgebrochen nur knappe 10 kg. Dennoch hätte man ihm ein solch dramatisches Ende gern erspart.
Die abendliche Nachbesinnung dieses ungewöhnlichen Jagdtages, an dem am Ende alle vier Freunde und die Hunde beteiligt waren, hatte bei dem einen oder anderen doch manch stille und nachdenkliche Phase. Einig waren sich am Ende alle über den Titel dieser Dramaturgie: Das „Himmelfahrtskommando“
STOLZE BEUTE
DER BIRKHAHN RUFT
Oktober 1985
Aus den Erfahrungen der beiden letzten Tage haben wir gelernt und beschlossen, unseren Ansitz auf den Bereich zwischen „Spielhahnwiese“ und den „Elchkamm“ zu konzentrieren. Eine Strategie, die sowohl die Geländeformationen, Windrichtung und Deckungsbedingungen, als auch Sicht – und Sicherungsaspekte berücksichtigte.
Wir – das sind fünf verwegene „Jagersmanen“ aus „Tüskeland“, die sich zu einem verschworenen Quintett zusammengetan haben, um in der Einsamkeit Südnorwegens auf Birkwild zu jagen. Ein Vorhaben, das nach langer Planung und Vorbereitung nun endlich wahr wurde.
Ausgangspunkt war – wie so häufig – Rudis Angebot und Einladung zu einer Jagdreise, deren Ziel ihm seit vielen Jahren schon vertraut und durch häufige Familienurlaube ans Herz gewachsen war…sozusagen seine zweite Heimat: ein einsam gelegener, alter Bauernhof mit einem traumhaften Panoramablick auf einen kristallklaren See, inmitten einer norwegischen Urlandschaft, die von der Eiszeit geformt und von der Sonne gemalt wird: geschliffene Felspartien durchsetzt von Birken – und Kieferwäldchen, in den Tälern liegen moorige Feuchtwiesen mit kniehohem Riedgras, hier und da plätschert ein silbernes Bächlein über Felskaskaden in kleine versteckte Seen, und die grünen Blaubeerbüsche wechseln sich mit dem lila Heidekraut ab. Eine Augenweide für den Betrachter und ein Genuss für die Sinne, eingebettet in eine unfassbare Ruhe.
Und die fünf Jagdfreunde ? – eine Mannschaft der Verwegenen – jeder für sich ein Original. Sie und ihre Eigenarten zu beschreiben würde allein eine umfangreiche Charakterstudie füllen. Hier bleibt das Bild auf ihre jagdlichen Fähigkeiten und ihre outdoortüchtigen Qualitäten beschränkt, deren Herausforderungen ohnehin groß genug sind.
Wir hatten schon drei erlebnisreiche Tage hinter uns und uns mit der Umgebung auf bewaffneten Spaziergängen vertraut gemacht. Dazu gehörte auch eine zünftige Fahrt mit dem Kanadier über den See zu dem einsamen Nachbarn Arne Bjorvatn, der uns mit seinen drei Hasenhunden freundlich empfing und sich mit Rudi auf Espestjölplatt „fließend“ unterhielt.
Im Haus hatten wir uns gemütlich eingerichtet und die Bettenverteilung nach Schnarchgewohnheiten berücksichtigt. Die herbstliche Kühle wurde durch die gewissenhafte Befeuerung des Kamins mit der Erfahrung unseres Oberförsters Klaus dauerhaft beherrscht…sogar nachts.
Meine Aufgaben bestanden im Wesentlichen in der Organisation des Unterhaltungsprogramms und der notwendigen Ergänzungseinkäufe für die Sicherung der weiteren Nahrungs – und Verpflegungseinheiten.
Fivos – unser Grieche – kam mir mit seinen kretischen Kochkünsten dabei zur Hilfe, sodass wir die Truppe auf`s Feinste verköstigten.
W.P. – unser Feingeist, beschränkte sich hauptsächlich auf die Einhaltung seiner rituellen Waschungen und die telefonische Kontaktaufnahme mit seiner frischvermählten Verlobten.
So war jeder eingespannt in den täglichen Ablauf unserer Abenteuer, deren Höhepunkte natürlich die gemeinsamen Jagdeinsätze waren, die dann unsere totale Konzentration erforderten.
Rudi – unser Jagdherr und Revierkenner – hatte bereits vorgelegt und am Abend vorher seinen jagdlichen Instinkt unter Beweis gestellt: während wir anderen unsere Ansitze bei einbrechender Dämmerung bereits aufgegeben hatten, folgte er seinen über Jahre erworbenen Kenntnissen der südnorwegischen Birkhahngewohnheiten und harrte noch aus. Diese Geduld wurde belohnt, als er im letzten Flintenlicht liegend und blitzschnell aus einem Viererschoof einen “Kullerjahn“ herauspickte, der ihm direkt vor die Füße fiel…alle Achtung und Waidmannsheil.
Nun, heute Morgen sollten auch wir anderen die Gelegenheit bekommen, unsere Jagdtauglichkeit zu zeigen. In einem ausgeklügelten Schlachtplan gingen wir strategisch diszipliniert die „Fünferriegel “ die 1.an.
Fivos wird etwa 400 m. vorher abgesetzt und soll abstreichende Hähne abfangen. Klaus, Rudi und ich bilden einen Sperrriegel. W.P. sollte ab 9: 30 – nach seinen rituellen Waschungen - auf dem Felshügel warten, wenn wir beim Rückmarsch die östliche Seite des Weges durchdrücken würden.
Klaus hält sich in der Nähe der Spielhahnwiese auf, ich auf einen schmalen Riegel mit Blick auf einen Kamm, der von einer markanter Kiefer gekrönt wird. Rudi bezieht rechts von mir eine geniale Stellung, die ihn in einer kleinen Wacholdergruppe vor den scharfäugigen Blicken der Hähne deckt.
Gegen 8: 00 Uhr haben alle ihre Positionen bezogen. Langsam geht die Sonne auf und bescheint die Szene mit ihren wärmenden Strahlen. Es tut sich lange Zeit nichts, als plötzlich ca. 10 Birkhähne vom Elchkamm hinunterstreichen, direkt über Rudi hinweg den gegenüber liegenden Hang hinauf und sage und schreibe in die hohe Kiefer einfallen. Es sind genau die gleichen Vögel, die wir am ersten Tag der Anfahrt ins Revier gesehen haben: ein Einzelner, eine Dreiergruppe, die am Vorabend vor Rudis Meisterschuss noch aus vier bestand und ein Sechserschoof.
Doch alles ging so schnell, dass selbst Klaus, der am dichtesten dran war nur noch einen Verzweiflungsschuss hinterher werfe konnte. Nun saßen sie alle verdeckt in der Kiefer, jeder konnte sie sehen, aber keiner kam ran, nicht zu fassen.
Später berichtet Klaus, dass er mit seiner Bockbücksflinte 20 Minuten lang einen genau im Visier hatte, aber die Unsicherheit wegen der Treffgenauigkeit seiner Kugel hielt ihn vom Schuss ab.
Ich lag ziemlich ungedeckt auf meinen Riegel und gab sofort jeden Gedanken an ein Heranpirschen auf. Allein der heranbrechende Tag, dessen Sonnenstrahlen die Landschaft jetzt zum Leben erweckte, das schlaue Verhalten des Birkwilds, die Freunde um mich herum, all das erfüllte mich mit einer inneren Zufriedenheit, die jede Jagdnervosität vergessen ließ.
Inzwischen hatte Fivos seinen vereinbarten Platz aufgegeben und sich in seiner typischen Unruhe – neugierig gemacht von Klaus` Schuss – unerlaubter Weise in die Gefahrenzone begeben. Auf ein Zeichen von uns ließ er sich erschöpft und nassgeschwitzt wie ein Maikäfer auf den Rücken fallen und blieb bewegungslos im Heidekraut liegen.
Da, plötzlich und völlig unvermittelt streicht der erste Hahn aus der Kiefer ab und zieht durch die Senke genau auf Rudi zu. Die anderen folgen ihm direkt hinterher, direkt über Rudi`s getarnten Platz. Jeden Augenblick erwarte ich seinen Schuss, und der Jagdfreund enttäuscht mich nicht! Schuss und hörbarer Aufschlag seines zweiten Hahns sind fast eins. Und wieder liegt die Beute keine 10 Meter in dem von ihm bevorzugten Radius.
Welch ein Erfolg, welches Jagdglück, aber auch welche Treffsicherheit. Seine vor Stolz geschwellte Brust kann er bei aller Bescheidenheit kaum verbergen. Obwohl fast alle seine Heldentat gesehen haben, wird er nicht müde, bei einem ausgiebigen Frühstück jedes Detail noch einmal ausgiebig zu schildern und die anderen zu ermutigen, ihm diese Kleinigkeit nachzumachen.
Um dieses Vorhaben für alle plastisch zu verinnerlichen, inszenierten Rudi und W.P.an dem feuchtfröhlichen Horridoabend den Ablauf der Erlegung vom Morgen noch einmal in schauspielerischer Vollendung: Rudi – rückseits auf dem Boden liegend – mit schnellem Griff zur Flinte in den Anschlag gehend, und W.P. mit beiden Armen wie mit Flügeln schlagend, hüpfend um ihn herum den Spielhahn imitierend und dann das „bum“ aus Rudis Mund als Schuss und einen zusammenbrechenden W.P. der das Ende des Spielhahns vortrefflich wiedergab.
Noch viele Fässchen Bier und mancher Bittern waren vonnöten, um diese Schauspielkunst zu würdigen.
Noch einen vollen Jagdtag und einen Abschiedsvormittag hatten wir vor uns und schon so eine pralle Tüte schönster Erlebnisse und Stunden konserviert… mehr ging fast nicht, und dennoch gaben wir nicht auf, auch die Beutelosen noch zu Schuss kommen zu lassen. So verfeinerten wir den „Fünferriegel“ ein weiteres Mal und bauten all unsere bisherigen Beobachtungen und Erfahrungen ein. Das Ergebnis lässt sich auf der Skizze erkennen:
Vier Eckschützen wurden auf die zwei Kämme verteilt, nördlich Fivos und Udo, südlich Rudi und Klaus, und W.P. wurde als zentraler Jagersmann im diagonalen Mittelkreuz postiert, sozusagen auf dem Kaiserplatz.
Für den morgendlichen Ansitz müssen Fivos und ich zuerst auf die Läufe, weil wir den Elchkamm abriegeln sollen. Die Sonne versteckt sich noch hinter einem leichten Dunstschleier, als wir vorsichtig unsere Plätze einnehmen. Fivos 100 m. rechts von mir bei den 3 Espen, aber wegen des dichten Holzes nicht zu sehen. Ich wähle mir eine kleine Kieferngruppe aus, die mich nach links zum Tal hin und gegen einige Birken abschirmen, in die gestern nach Rudi`s 2. Schuss die restlichen 9 Hähne eingefallen sind. Nach vorn baue ich mir aus Kiefernzweigen einen provisorischen Schirm und bin so bestens gedeckt. Zufrieden werde ich eins mit der Natur und bereite mich auf einen schönen Sonnenaufgang und hoffentlich auf einen guten Anflug vor.
DER FÜNFERRIEGEL
Inzwischen mussten wohl auch die anderen ihre Plätze eingenommen haben: Klaus und Rudi gegenüber auf dem Kiefernriegel zwischen Moorwiese und Birkhahnwiese. W.P. im diagonalen Schnittpunkt in unserer Mitte.
Leicht verträumt von der Lieblichkeit der Landschaft schaue ich routinemäßig in die Runde und traue meinen Augen nicht: links von mir durch einen Wachholderbusch entdecke ich auf den hellen Zweigen einer Birke einen Birkhahn! Sein schwarzes Gefieder und seine rote Haube glänzen in der Sonne. Dahinter der strahlendblaue Morgenhimmel gibt der Silhouette eine unwirkliche Schönheit. Die Faszination dieses Augenblicks lässt mich die wahre Absicht dahinter fast vergessen. Ich wage kaum zu atmen, geschweige denn mich zu bewegen, nur 60 m. von mir entfernt sitzt das Ziel meiner Wünsche…wirklich?
Ich schiebe alle Zweifel beiseite und greife mit der rechten Hand im Zeitlupentempo zum Drilling. 60 Meter, für die Schrote zu weit, die große Kugel zu dick, es muss der kurze Einstecklauf schaffen. Er ist zwar mit dem kleinen Kaliber geladen, aber wann habe ich das letzte Mal damit geschossen?
In eiserner Konzentration bringe ich den Schieber auf die richtige Position, steche den vorderen Abzug ein und gehe behutsam in Anschlag: sitzend auf meinem Dreibein, angestrichen am Zielstock suche ich ein winziges Loch im Wacholderbusch, durch das die Kugel muss.
Der Hahn bewegt sich leicht auf dem schwankenden Birkenzweig. Ich muss eine ruhige Sekunde abwarten und kontrolliere noch einmal die Einstellung der Waffe, bevor ich entsichere. Es ist vielleicht meine letzte, ja vielleicht einzige Chance.
Im nächsten Augenblick ist der Schuss raus…und vorbei? Anstatt zu fallen streicht der Vogel mit einigen Flügelschlägen nach rechts ab und verschwindet in den dicht stehenden Kiefern. Ein letztes Klatschen und dann ist Ruhe…Mist! Später bestätigen mir die Freunde, die einen Teil des Geschehens beobachtet haben, dass der Hahn tatsächlich im Wald verschwunden und nicht mehr zu sehen war.
Auch Fivos, der ja im „Fünferriegel“ nicht weit von mir an den Espen sitzt konnte mir auch keine bessere Nachricht geben. Also klammere ich mich an den letzten Strohhalm und suche nach Beendigung der Ansitzaktion an der Stelle, wo ich den Hahn im Wald habe einfallen sehen. Doch in dem Gewirr von Pollgras, Zweigen, trockenen Blättern, Kiefernadeln, Kraut und Farn gleicht das der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Nach zwanzig Minuten gebe ich resigniert auf.
In der Hütte verbreitet sich kurzfristig eine gedrückte Stimmung, bevor wir uns nach dem Frühstück durch sinnvolle Tätigkeiten und lustige Spielchen ablenken. Irgendjemand kam auf die Idee, mit ein wenig Fantasie und Geschick eine provisorische Anlage für einen „Laufenden Keiler“ zu bauen. Dafür waren Klaus, Fivos und ich sofort begeistert.
Als Zugseil wurde eine lange Reepschnur aus dem Schuppen gefunden, die zwischen dem Kirschbaum und einer niedriger stehenden Kiefer gespannt wurde. Auf dem natürlichen Gefälle sollte ein leeres, kleines Bierfässchen als Keilerersatz an zwei glatten Haken auf dem Spannseil hinunterrutschen und mit einem dünnen Rückholseil wieder in die Ausgangsposition gebracht werden. Ein Schusstisch in 25 m. Entfernung komplettierte diese geniale Anlage und fand auch die Begeisterung von Rudi und W.P., als sie von ihrer Einkaufstour zurückkamen.
Begleitet von Jagdhörnern, Bier und Fotoapparaten begann das fröhliche, norwegische Schießen auf den „laufenden Blechkeiler“. Ein Gaudi für die ganze Mannschaft.
Die Meisterleistung gelingt Fivos, der nach fünf Fehlschüssen das Seil trifft und nur noch dessen Seele stehenlässt; die anderen hatten das Bierfässchen schon mächtig durchsiebt.
Um seine Schande auszugleichen bietet er an, mit seiner Büchse durch das Spundloch des Fasses zu schießen. Ohne zu zögern bereitet er dieses Kunststück vor und verblüfft uns allesamt mit einem Meisterschuss, der an Präzision nicht zu übertreffen ist: In der Tat war am Ende nur der Ausschuss zu erkennen, der Einschuss ging mitten durch das pfenniggroße Spundloch!! Bravo Fivos!
Mit einem zünftigen Kaminabend krönen wir den Tag und trösten uns über den letzten und erfolglosen Ansitz am Nachmittag mit einer deftigen Sause hinweg. Als uns Rudi dann noch zur Erinnerung an diese wundervollen Jagdtage mit wohlgesetzten Worten jedem von uns ein schwedisches MORA Messer überreicht, sind alle Fehlschüsse vergessen und nur noch die Heldentaten werden mit lauten Horridos begleitet.
Der letzte Tag bricht an, die Woche ging viel zu schnell vorbei und dennoch wollen wir die allerletzte Gelegenheit nutzen, um uns doch würdevoll aus dem Traumrevier zu verabschieden. Ein ultimativer Frühansitz sollte uns den Abschied leichter machen.
Um 6: 30 Uhr sind die drei Unentwegten auf den Läufen: Klaus, Fivos und ich. W.P. wollte sich erst seinen rituellen Waschungen widmen, um dann mit Rudi für die Jäger das Frühstück vorzubereiten.
Dichter Nebel verhängt den Himmel, wie ein Schleier deckt er alles zu. Dennoch beziehen wir hoffnungsvoll unsere Plätze: diesmal geht Klaus auf den Elchkamm und setzt sich an meinen Platz von gestern hinter den provisorischen Schirm. Ich bleibe diesmal in der Nähe der Hohen Kiefer und Fivos postiert sich zwischen uns im Talgrund auf Rudi`s bewährten Beuteplatz.
Als sich der Nebel etwas lichtet, sehe ich den Griechen Anschlagübungen mit seiner Büchse machen; wahrscheinlich will er der Spundlochschuss wiederholen. Doch der erste Schuss fällt bei mir, eher als Hebeschuss auf ein keckes Häherpärchen, das meinen Posten kreuzt.
10 Minuten später ein weiterer Knall und ich vermute bei Fivos, doch der Ton scheint mir für eine Büchse zu hell. Na, das ist ja heute Morgen ein munteres Eröffnungsschießen und hebt die Stimmung kolossal.
Langsam gewinnt die Sonne die Oberhand und taucht die ersten Kiefernspitzen auf dem Elchkamm in ein zartes Licht. Dann leuchten die weißen Birkenstämme wie kunstvolle Malerstriche am noch dunklen Gegenhang, bevor die Sonne auch den Rest des Nebels vertreibt und die volle Farbenpracht die späte Herbststimmung entfaltet. Es ist, als wolle sich die Natur für uns zum Abschied noch einmal so richtig herausputzen.
Da sehe ich Klaus und Fivos im Tal zusammen kommen und gemeinsam treten wir schweigsam den Rückweg zur Hütte an und wählen einen kleinen Umweg durchs Gelände. Auf dieser Streife entdecken wir per Zufall das eigentliche Zentrum des Hahnenvolkes, den „Birkhahnkopf“, eine erhöhte Felsplatte mit leckerster Äsung, bester Deckung und einem herrlichen Rundumblick. Über ein Dutzend Hähne machen wir hoch, aber alle stehen sie zu früh auf und keiner kann sie fassen. So haben sie sich aber gebührend von uns verabschiedet und wir sind dankbar für den letzten Anblick.
Das veranlasst Klaus dann auch noch zu dem kurzen Hinweis, dass er den zweiten Schuss abgegeben hätte, aber eher als flüchtigen Versuch, um nicht gänzlich mit blanken Läufen nach Hause zu fahren.
Rudi und W.P. haben das Frühstück zubereitet und warten gespannt auf unseren Bericht. Enttäuscht erzählen Fivos und ich von unserem Misserfolg und Klaus schließt sich mit niedergeschlagenem Gesicht mit der folgenden Geschichte an:
„Kaum habe ich Udo`s Platz hinter dem gebauten Schirm eingenommen und es mir halbwegs bequem gemacht, als ein frecher Althahn keck vor mir auf 15 m. über die kahle Felsplatte stolziert und mich misstrauisch anäugt. Völlig überrascht und mit klopfendem Herzen drücke ich den Sicherungsschieber meiner Flinte, die Gott sei Dank griffbereit auf meinem Schoß lag, nach vorn. Schon das leise Klicken lässt den Vogel blitzartig abstreifen.
Im gleichen Augenblick reiße ich die Flinte hoch und schwinge sie erst rechts dann links – so wie der Vogel fliegt – und schicke ihm die Schrote hinterher. Schon bin ich auf den Beinen und sehe nur eine einsame Feder in der Luft kreiseln, von der Beute keine Spur“
Man sieht ihm seine tiefe Enttäuschung an und wir leiden mit ihm, auch als er zum Beweis für sein Pech eine verknickte Feder aus seiner Tasche zieht.
Ein Schluck heißer Tee und ein hungriger Biss in sein Frühstücksbrot untermalen wirkungsvoll seine unglückliche Stimmung und leiten bei allen eine nachdenkliche Pause ein…wir leiden mit ihm.
Plötzlich strafft er sich, hebt seinen Kopf und fährt mit aufgeregten Worten fort:
„Verdammt, das gibt´s doch gar nicht, der muss doch liegen, ich bin doch einigermaßen abgekommen! Also suche ich weiter in dem heillosen Unkraut und Gebüsch. Da entdecke ich zehn Meter vor mir einen Haufen Federn zwischen Krüppelkiefern und Blaubeersträuchern. Mit hohem Puls stürze ich darauf zu und traue meinen Augen nicht: da liegt der Hahn!!! Ich fasse es nicht, also doch getroffen, mein erster Birkhahn!“
Wir brechen spontan in lautes Jubeln aus und klopfen ihm ordentlich auf die Schultern, sodass er sich fast verschluckt. Na also, beim letzten Ansitz doch noch einen Hahn für unseren Förster, wir gönnen es ihm von ganzem Herzen.
Welch eine unerwartete Pointe und wie geschickt von ihm in Scene gesetzt, ein Meister der Dramaturgie. Mensch Klaus – ein Waidmannsheil auf deinen Hahn. Eine Runde Ouzo und ein zusätzlicher Schuss Rum in den Tee und die Runde nimmt das „Warm-up“ dankbar an.
Überrascht sind wir allerdings, als Klaus seine Hand hebt und um weitere Aufmerksamkeit bittet. Sofort schweigen alle still, um nur ja nichts zu verpassen.
„Stellt euch vor, wie ich den Vogel hochnehme, merke ich, der ist ja eiskalt, wie kommt das denn? Verwundert drehe ich ihn in den Händen hin und her und kann es mir nicht erklären“
Klaus schaltet eine kleine Kunstpause ein und schaut in die Runde, blickt jedem ins Gesicht, einem nach dem anderen und erntet nur ratlose Mienen. Bei mir bleibt er hängen und ein heißer Strom durchflutet meine Adern, eine unglaubliche Ahnung nistet sich in mein Bewusstsein…da erlöst mich der Freund von allen Zweifeln und sagt:
“Udo, es ist dein Hahn, dein Birkhahn von gestern!“
Ich kann`s nicht fassen. Ungläubig für den Moment muss ich wohl wie ein Froschkönig geguckt haben, ehe sich ein unbeschreiblicher Jubel in mir breitmacht und mich schier überwältigt. Mein lieber Freund, was hast du mir da für eine Freude bereitet, uneigennützig und mit einer ehrlichen Überzeugung…das ist Freundschaft!
Der nächste Ouzo wird eingeschenkt, aus dem Tee wird bald ein Grog Das Publikum applaudiert und Klaus hebt beschwichtigend die Hände und dämpft in seiner Bescheidenheit den allgemeinen Jubel, ehe er geheimnisvoll fortfährt:
„Und was soll ich Euch sagen, ich rätsele noch über die Erklärung nach und habe den Vogel noch in meinen Händen, da bewegt sich etwas, keine zwei Meter vor mir hinter einem dicken Heidekrautbüschel. Ich stürze drauf zu und sehe einen zweiten Birkhahn – meinen – Birkhahn! Er ist noch in Bewegung, kann mir aber nicht mehr entkommen. Mit Rudi`s neuem Mora Messer gebe ich ihm den letzten Ritterschlag und halt zwei „Kleine Ritter“ in meinen Händen.“
Wir sind völlig sprachlos! Sekundenlang bringen wir keinen Ton heraus, ehe ein wildes Gejohle bis zum See zu hören ist und Klaus in unserer Mitte sich kaum noch der Umarmungen und Schulterschläge erwehren kann!
Jeder weitere Kommentar ist an dieser Stelle überflüssig. Wenn der Lügenbaron von Münchhausen diese Geschichte erzählt hätte, oder man von dem sprichwörtlichen Jägerlatein noch nichts gehört hätte, spätestens jetzt müsste jedem klar sein, diese Story kann keiner erfinden, die ist einfach nicht zu glauben…und doch entspricht sie der vollen Wahrheit, erzählt und meisterhaft inszeniert von einem Künstler der Dramaturgie, der sie selbst erlebt und seinen Freunden geschenkt hat. Danke Klaus.
Zum wahrhaft krönenden Abschluss holt er die beiden Birkhähne aus seinem Rucksack und gemeinsam bereiten wir ihnen ein würdiges Stillleben für ein Foto der ewigen jagdlichen Erinnerung an ein unvergessliches Abenteuer. HORRIDO!
EINE WAHRE GESCHICHTE
VATER UND SOHN
27. Dezember 1986
Über die Weihnachtstage lag Schnee, zum ersten Mal wieder seit über fünf Jahren…das schönste Geschenk für die Feiertage. Am meisten freuten sich die Kinder, aber auch die Großeltern schauten gedankenverloren den weißen Flocken nach, wie sie langsam den Garten, die Bäume und Beete mit einem Wattetuch zudeckten. Für mich ist eine „Weiße Weihnacht“ ohnehin ein Kindheitstraum voller Erinnerungen.
Die Familie ist versammelt. Von der Uromi bis zum jüngsten Enkel, von den Eltern bis zu den Großeltern haben wir zusammen Weihnachten gefeiert, so wie in jedem Jahr. Mit allen liebgewonnenen Traditionen und kleinen Überraschungen, mit Kirchenglocken und Weihnachtsgans, Tannenbaum und echten Kerzen trotz Rauhaardackel und Kindertoben. So soll Weihnachten sein, und so liebt es die ganze Familie…und ganz besonders mit Schnee!
Otto – mein Vater - drängelte schon am 2. Weihnachtstag, mit mir raus ins Revier zu fahren. Am drauffolgenden Tag konnte ich ihn nicht mehr halten, denn auch mir war nach kalter, frischer Luft und einem verschneiten Winterwald, so wie wir ihn in meiner Kindheit in Gerzen- einem kleinen Dorf in meiner ersten Heimat- oft zusammen erlebt haben.
Außerdem mussten die Kirrungen und Futterstellen für Sauen und Rehwild beschickt werden, auch wenn noch längst keine Not für die Tiere bestand. Mit Schlitten, Futtereimern und dem treuen Hund fuhren wir los. Normalerweise hätten sich die Kinder nicht abschütteln lassen; eine Schlittenfahrt an einem Seil hinter dem Auto war immer ein großes Gaudi und hat so manchen Purzelbaum verursacht. Nun, heute waren sie noch mit ihren Weihnachtsgeschenken beschäftigt.
Otto war mit 71 noch erstaunlich rüstig und ohnehin ein passionierter Waldgänger, von dem ich viel gelernt und sicherlich auch das Jagdgen geerbt habe, wenngleich er nie aktiv gejagt hat. Glücklich streiften also Vater und Sohnemann durch den inzwischen tiefverschneiten Wald und wunderten sich, dass alle Futterstellen ratzekahl abgeräumt waren. Also hatte sich der Einsatz doch gelohnt.
Derart zufrieden und glücklich machte ich meinem alten Herren auf der Rückfahrt ins Dorf den Vorschlag, mit mir heute Abend auf Sauansitz zu gehen. Als würde ein Funken ein loderndes Feuer entfachen, konnte er sich vor Begeisterung kaum auf seinem Sitz halten, das war ein Volltreffer, und sicher noch ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk für ihn.
MEINE TREUESTEN BEGLEITER
Wir hatten schon einmal im Sommer zusammen auf einen Bock angesessen -leider vergeblich – aber bei weitaus angenehmeren Temperaturen. Heute musste ich ihn gut einpacken, denn ein gesundheitliches Risiko wollten wir nicht eingehen.
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit machten wir uns fertig: warme Klamotten, den Schlitten für einen eventuellen Abtransport der Beute, Gläser, Taschenlampen, Rucksack, Munition… und den Drilling. der eine ganz besondere Bedeutung hatte!
Vor drei Jahren, genau zu Weihnachten, schenkte mir mein Vater diese Waffe nachträglich zu meiner bestandenen Jägerprüfung mit den Worten, er wäre stolz darauf, dass ich seinen geheimen Traum von der Jagd nun verwirkliche und wünschte mir allzeit Waidmannsheil und eine sichere Hand.
Otto war ein vorsichtiger Mensch und hatte den Krieg in Russland nur überlebt, weil er vorausschauend und fürsorglich für sich und seine Kameraden dachte, plante und handelte. Später erzählte er mir von den Geschichten und überraschte mich immer wieder auf dem Schießstand unseres dörflichen Schützenvereins mit seiner Treffsicherheit und mancher erworbenen Ehrenscheibe.
Er wusste, wie sehr ich den Drilling hegte und pflegte und ihn wie meinen Augapfel hütete. Als ich ihm dann im Revier anbot, die Waffe zu tragen, spürte ich seine Ergriffenheit und seinen Stolz; diese Ehre wusste er zu würdigen und nahm sie dankbar an.
Die Kirchturmuhr des nahen Dorfes schlug gerade 18: 00 Uhr, als wir in den Pirschweg einbogen. Die Temperaturen waren leicht gestiegen und der Schnee knirschte nicht unter unseren Stiefeln, er knarschte leise und dämpfte unsere Schritte. Der Wind kam von Südwest und wehte uns sanft entgegen; der Mond stand kurz vor halb und versteckte sich noch hinter den Wolken.
Der Pirschpfad schlug einen kleinen Bogen bis zur „Saukanzel“ und dauerte höchstens sechs Minuten. Die Kanzel selbst bot genügend Platz für zwei Personen und war seniorengerecht eingerichtet. Also alles perfekt. Doch noch waren wir nicht da. Otto hielt sich in leichtem Abstand etwa acht Meter hinter mir und bemühte sich, meinen Schritt aufzunehmen, um möglichst wenig Geräusche zu machen.
Wir sind noch etwa fünfzig Schritt von der Kanzel entfernt, da sehe ich die dunklen Schatten bereits auf der kleinen Lichtung…drei, vier schwarze Gesellen stehen bereits munter im Gebräch und haben uns offensichtlich noch nicht mitbekommen. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und gebe Otto nach hinten ein Zeichen, es auch zu tun. Leider versteht er es genau falsch und kommt mir entgegen. Die Schritte können die Sauen doch nicht überhören…
Heftig wiederhole ich mein Zeichen, da klappt es – Otto steht wie eine Säule. Den Blick auf die Sauen, den Arm nach hinten fordere ich den Drilling von ihm und gebe ihm erneut einen Wink, sich nicht von der Stelle zu rühren.
Durch das Glas spreche ich die Rotte an. Es sind die gleichen, die ich beim letzten Neumond gesehen habe, vielleicht ein Stück mehr? Wie angewurzelt bleibe ich stehen und weiß nicht so recht, was ich tun soll? Von meinem Standort aus sind Schuss – und Blickfeld zu klein, außerdem ist für den sicheren Schuss kein Baum zum Anstreichen in der Nähe. Andererseits könnte jeder weitere Schritt die Sauen aufmerksam machen oder ihnen unseren Wind zutragen.
Endlich entschließe ich mich doch noch ein paar Meter nach vorne zu kommen, in eine günstigere Position. Der Schnee scheint wie Donner unter meinen Sohlen zu dröhnen, da habe ich den richtigen Baum erreicht. Otto steht noch am gleichen Fleck, die Sauen Gott sei Dank auch.
Ich nehme noch einmal das Glas hoch, um sicher zu sein, welches Stück das richtige ist, da schiebt sich von rechts ein weiteres Stück aus der Dickung. Mir fällt der etwas schwerfällige und schleppende Gang auf; es ist nicht dieses kurze, stakkatoartige Trippeln eines Frischlings oder die respektgebietenden Bewegungen einer Baches oder eines alten Keilers, dieses Stück ist ganz offensichtlich krank und zieht einen Hinterlauf fast mühsam hinter sich her und hält sich von den anderen fern und gehört sicherlich nicht zum Familienverband. Ich tippe auf einen Überläufer, dessen Verhalten mir Rätsel aufgibt.
Das ganze Szenario spielt sich nun keine 30 bis 40 Schritt vor mir ab und dauerte bisher keine 2 Minuten, ich musste mich schnell entscheiden! Normal wären die Frischlinge zuerst dran, aber in diesem Fall…?
Ich mache die Waffe fertig und streiche an der armdicken Buche an, die ich mir ausgesucht hatte. Das Stück steht ruhig und breit; langsam fahre ich mit dem Zielstachel am linken Vorderlauf hoch, atme aus und drücke ab. Durch den grellen Mündungsblitz sehe ich das Stück gerade noch nach rechts in der Dickung verschwinden, zwei Frischlinge folgen ihm, der Rest der Rotte spritzt nach links weg, dann ist die Bühne leer! Nur das leise Knacken der flüchtenden Sauen und das hohe Sirren des Kugelknalls in den Ohren und dann die Ruhe und gleichzeitige Erkenntnis: kein schwarzer Fleck im weißen Schnee, keine Sau im Dampfe… verfluchte Tat, welche Enttäuschung!
Nicht schon wieder eine Nachsuche, um die ich meinen Freund Klaus bitten muss. Sein Försterjob und die vielen Ehrenämter halten ihn ohnehin schon genug auf Trab.
Weiteres Zögern macht keinen Sinn. Ich winke Otto heran, der von alledem total überrascht war. Mit kurzen Worten deute ich an was geschehen ist und bitte ihn noch um einen Augenblick Geduld. Zum Anschuss und einer ersten Kontrolle gehe ich lieber allein.
Mit der Taschenlampe leuchte ich vorsichtig die Kirrung ab und taste mich langsam zum vermeintlichen Anschuss in der Hoffnung, dort irgendwelche verwertbaren Schusszeichen oder gar Schweiß zu finden. Doch so sehr ich auch meine Augen anstrenge und jeden Zentimeter untersuche, nichts, kein Schnitthaar, kein Schweiß, …nichts, so ein Mist! Dabei bin ich doch gut abgekommen! Ich erweitere meinen Suchradius, aber erfolglos. Die Wahrscheinlichkeit eines Fehlschusses wurde immer größer und meine Enttäuschung auch. Armer Otto, so ein Pech auch für ihn. Meine letzte Handlung war es, den Strahl der Taschenlampe in jeden der vielen Wechsel zu lenken in der Hoffnung, dort den schwarzen Fleck zu entdecken – auch vergebens.
Gerade wollte ich die Suche enttäuscht abbrechen, da sehe ich einen schwachen roten Tupfer in dem aufgewühlten grauen Schnee – endlich, ein einziger, winziger Schweißtropfen, nicht größer als ein Fingernagel. Ein kleiner Jubel durchzuckt meinen Körper. Ich verbreche die Stelle mit einem Zweig, winke meinen Vater heran und zeige und erkläre ihm alles. Den Rest berichte ich ihm auf der Rückfahrt und kann seine aufgeregten Fragen gar nicht so schnell beantworten, wie er sie stellt.
Er hat für alles Verständnis, auch seine Enttäuschung, nun gar keine Sau gesehen zu haben, kann er fast verbergen.
Als hätte Diana unseren gemeinsamen Kummer gehört, macht sie uns doch noch ein unverhofftes Geschenk: auf der Fahrt zurück ins Dorf führt die Landstraße über den „Dreisch“, eine große Acker – und Wiesenfläche beiderseits der Straße, die ringsum vom Wald eingeschlossen ist…ein Eldorado für die Sauen zu jeder Jahreszeit und ein Magnet für alle anderen Wildarten, aber auch hoch Wildschaden gefährdet.
Und dort stehen, keine 30 Meter von der Fahrbahn entfernt, etwa 20 Sauen und buddeln unter dem Schnee nach nahrhafter Äsung. Sie lassen sich durch unser langsames Vorbeifahren in keiner Weise stören und Otto und ich sind beide fasziniert über diesen Anblick. Damit hatten wir nicht gerechnet. Erst als wir auf dem nahen Parkplatz wenden und nochmal zurückfahren, zieht die bunte Rotte in einem geordneten Schweinemarch in den Bestand zurück. Ein imposantes Bild in der nachweihnachtlichen Winterlandschaft und ein versöhnlicher Abschluss unseres aufregenden Jagdabends.
Am nächsten Morgen.
Ich hatte mit Klaus am Vorabend noch eine Nachsuche um 8: 30 Uhr vereinbart. Wir treffen uns pünktlich vor der Försterei: Otto, mit Rauhaardackel Fussel an der Leine, Karl Heinz, Jagdfreund und Nachbar, mit seinem Mischlingsrüden Tell, Klaus mit seinem erfahrenen Oberdackel Raudi und ich. Eine gemischte Truppe aus Erfahrung, Neugier und gutem Willen.
Das Wetter ist nass und ungemütlich, die Temperaturen sind weiter gestiegen und der Schnee ist matschig und beginnt zu tauen. Insgesamt schmuddelige Voraussetzungen.
