Jahre auf See - Peter Polonius Teichmann - E-Book

Jahre auf See E-Book

Peter Polonius Teichmann

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Beschreibung

JAHRE auf SEE ist eine Sammlung von wahren Geschichten aus den Fünfziger- und Sechziger Jahren. - Einer Zeit der Aktivitäten und des Aufbruchs, die man heute als die des Deutschen Wirtschaftswunders bezeichnet. Es sind Erzählungen eines Jungen aus Bayern, der sich 1955 aus seinem bürgerlichen Elternhaus im Binnenland verabschiedet hat um als Schiffsjunge eine Laufbahn bei der Deutschen Handelsschifffahrt zu beginnen. - Seine Erlebnisse berichten unverfälscht in der Sprache der Seeleute über den Alltag an Bord. Über die harte Arbeit an Deck, die wochenlangen Seeturns. Die ermüdenden Nächte auf Wache. - Sie erzählen aber auch von Alkohol und Frauen im Hafen und stürmischen Nächten. Jede dieser Stories ist anders, aber sie haben etwas Großes gemeinsam: die Wahrheit. - Nur der wird sie wirklich begreifen, der nicht verlernt hat, mit dem Herzen zu fühlen und die Sprache der Häfen, Schiffe und See zu verstehen.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Peter Polonius Teichmann

Jahre auf See

Erzählungen von damals

~ ~ ~

Jahre auf See Peter Polonius Teichmann

published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de

In Erinnerung an meinen Freund Eberhard

der am 21. September 1957 zusammen

mit 80 Seeleuten auf dem deutschen Segelschulschiff

~ P A M I R ~ unter gegangen ist

~ ~ ~

Diese Geschichten widme ich meiner Generation von Seeleuten. - Die Schiffe auf denen wir damals fuhren sind längst Geschichte, abgewrackt auf den Schiffsfriedhöfen von Alang, Gadani Beach, Chittagong, Kaohsjung oder anderswo auf der Welt. - Es gibt in der Handelsschifffahrt keine Ausbildungsverordnung mehr die den Weg vom Schiffsjungen zum Matrosen aufzeichnet, keine Matrosenprüfung, keinen Schiffszimmermann oder Bootsmann keinen Funker oder gar eine Funkerin. Sogar das alte Seefahrtbuch hat man abgeschafft. - Viele Seemanns- und Seefahrtschulen wurden geschlossen. - Einen Transport von Stückgut so wie es früher üblich gewesen ist, gibt es nicht mehr. Die Container haben alles verändert. Angefangen bei den Häfen über die Schiffe bis hin zu den Mannschaften. - Verändert haben sich auch die vielen Geschichten und Stories der Seeleute. Abends in der Mannschaftsmesse konnte man sie hören oder beim gemeinsamen Farbewaschen, beim Anstreichen der Bordwand in einem Reedehafen in südlichen Breiten oder in einer Bar an der Westküste. - Die Story vom Schippi mau mau, vom I.O. Jule, von Krake, dem stiernackigen Bootsmann, von Einstein und dem Schreiben an Doktor Konrad Adenauer das bei einer ausgelassenen Geburtstagsfeier auf See geschrieben, vom Zimmermann unterschrieben und im nächsten Hafen an das Bundeskanzleramt abgeschickt wurde. Vom Ehrentanz in der Finkenwerder Elbhalle und der Story vom Seeteufel. - All diese wunderbaren Geschichten gibt es nicht mehr, weil diese Welt der Vergangenheit angehört, weil sie unter gegangen ist genau wie so manch schönes Schiff.

So will ich versuchen einiges aus der Erinnerung zurück zu holen, zu erzählen und fest zu halten, oder wie der Seemann auf Küstenspanisch sagt: „Ola hombre, habla mucho rapido“ - damit es nicht auch für Dich zu spät wird alter Freund.

Mein erstes Schiff

M/S „ELFRIEDE“

BRT: 1176

Länge: 75 m

Breite: 11 m

Motorleistung: 800 PS

Geschwindigkeit: 10,5 kn

Besatzung: 15 Mann

Bauwerft: Kieler Howaldtswerke AG

Baujahr: 1950

Ende: 1984 aus dem Register gelöscht

Fahrtstörungslichter

Ich erzähle hier keine Märchen. Das Wort "Seemannsgarn" kenne ich nicht. Das gibt es nur im Sprachgebrauch der "Landratten"; genau wie Klabautermann und so viele andere Worte, die man uns andichten will. Auf Fullbrass oder Schäkelschlüssel lässt sich zwar auch ein Reim machen, aber weniger gut verkaufen.

Ja, wo gerate ich denn jetzt hin? - Mitten hinein in eine "Story"; und genauso heißt das bei mir. Jawohl! - und es ist die Wahrheit, die reine Wahrheit! - Aber lassen Sie mich etwas ausholen, sonst begreifen Sie nichts.- Die schlimmste Zeit war überstanden. Ich war kein Ramses, Monkey, Flunkey, Moses oder wie sonst noch; kein Decksjunge mehr. Alles war richtig korrekt gelaufen; um gemustert vor dem zweiten Konsul in Dakar, Westafrika. Befördert vom Decksjungen zum Jungmann. Dies nach zwölf Monaten Knüppel harter Decksarbeit auf der vorletzten Stufe. Und das auf unserem Zampan, Zossen, Zorochel oder wie der Eimer sonst noch hieß. Junge, Junge. Ein soeben ernannter Generaldirektor ist da nichts dagegen; ein Lottokönig ein armseliger Wicht. Ich sehe mich noch in den ersten Tagen. In Kiel-Holtenau war's und sie hatten mir bei der Übernahme von Ausrüstung so mit zwei Mann ein Kistchen Eisenschrauben oder ähnlichem auf die Schultern gehoben. Um ein Haar wären mir die Beine eingeknickt und ich in die Schleuse gefallen. Und das Gelächter hinter mir, wie ich mich da mit der Kiste an der Pier entlang schleppe. - "Was ist los mit Dir, Seemann?” - Das ist jetzt über ein Jahr her. Nun ist Theo unser neuer Decksjunge und dem haben sie gleich bei der Proviant Übernahme einen Zentner Kartoffeln im Sack so eben mal hoppla vom Lastwagen herunter auf die Schulter gehoben und schwupp war er unter dem Laster verschwunden als hätte es ihn nie gegeben. Na dann linst man schon mal wohlgefällig, hebt den Sack locker vom Boden auf und legt ihn sich selbst genussvoll auf die Schulter. - Verstehen Sie jetzt was ich meine, von wegen Generaldirektor und Lottokönig?

Fast die ganze Besatzung war abgemustert und jetzt kamen neue Leute an Bord. - Mein zweites Plus! - Ich kannte inzwischen jede Rostbürste an Bord, jede Stelle am Lukensüll, die man - weil von der Brücke nicht einsehbar - schlampig gestrichen hatte; jeden Eimer Teufelsdreck, pardon Beize. Ich kannte die vielen schwachen und wenigen besseren Teile unseres Schiffes am besten, denn der Kapitän und der Bootsmann waren auch neu.

Dann liefen wir aus. - Nicht wie Sie vielleicht denken mit viel Höö die Höö. Sondern ganz schlicht und einfach irgendwann nachts und es regnete und an der Pier stand nur ein schlecht gelaunter Zöllner und ein Polizist, der noch vergrellter aussah. Wir liefen aus, wie jeder grundehrliche Frachter, ohne viel Aufhebens, ohne weinende Frauen an der Pier, dafür aber mit einer Besatzung, die 20 Stunden und länger auf den Beinen war und hart gearbeitet hatte. Wie gesagt, alles völlig normal. Es war meine Wache und ich stand am Ruder. Na Sie wissen schon am Steuerrad und das war bei uns noch echt. Aus Holz und groß und man musste mächtig drehen, um die Kiste einigermaßen auf Kurs zu halten, besonders dann, wenn sie auf dem Kopf lag. - Vor dem Ruder stand der Kompass. Da gab's keine Elektronik wie auf den Brücken der Containerschiffe oder Tanker. Alles solide, fest und schwer. Die Arme konnte man sich herausreißen. Der Käpt'n selbst muss an die drei Zentner gewogen haben. Schwer und stumm saß er in einer Ecke der Brücke und zog an seiner Pfeife. Der Lotse war noch an Bord. Sonst nichts, nur Regen und Hitze. Die Klamotten klebten einem am Körper. Die Luftfeuchte war fast 100 Prozent - relativ, versteht sich - Westafrika kann sein wie ein Treibhaus. Plötzlich ein schrilles Pfeifen. - "Wat is dat denn?" - Die Pfeife ist's, die im Messingrohr steckt, das auf der Brücke anfängt und unten im Maschinenraum endet. Der Alte stemmt sich hoch und legt sein Ohr auf's Sprachrohr. Und dann Maschinenschaden! Der Telegraf rasselt auf "Stopp". Das Schiff macht keine Fahrt mehr. Wie lange wird's dauern? Ein, zwei Stunden, dann soll es weiter gehen. Die Wache bleibt "stand by". Der Lotse geht von Bord - er hat es eilig - kein Wunder. Der Alte sackt wieder auf seinem Stuhl zusammen; es regnet immer noch. Die Maschine ist still geworden. Jedenfalls hören wir nichts hier oben. Unten werden sie schön fluchen und toben und an ihren Ventilen herum schrauben. Kein guter Job; schon gar nicht bei dieser Hitze.

Im Moment bin ich arbeitslos. Ich habe nichts zu tun als dösend hinter dem Ruder darauf zu warten, dass die Maschine in Ordnung kommt und die Reise weiter geht. Jetzt sticht mich der Hafer und: "Sollten wir nicht Fahrtstörungslichter setzen, Herr Kapitän?", frage ich ganz harmlos. "Hmmm" tönt es aus der Ecke. Die Pfeife qualmt, der Regen rinnt, Schweigen, sonst nichts. Als ich schon denke: "never mind", das war wohl nichts, brüllt der Alte: "Pfander, mook man die twee roten Lampen kloar!" - Nun ist Pfander der neue Matrose mit dem ich die Wache gehe und er ist nicht tot, sondern hängt in der Backbord Brückennock und ist gerade dabei, gut aufgestützt, im Stehen, einzuschlafen. - Das muss man nämlich bei Wind und Wetter jederzeit beherrschen, um am Leben zu bleiben. - Ja und Pfander, der ein waschechter Hamburger Jung ist, schreckt hoch und "mook wie" sagt er.

Nun ist so etwas im Normalfall kein Problem und eine echte Arbeit schon gar nicht. Auf modernen Dampfern gibt es da einen Lichterbaum und die Herren Offiziere können nach belieben fast jedwede Lichter Kombination mittels Schalter zum Leuchten bringen. Zwei weiß; ein rot; drei grün. Ein Blick zum Signalmast hoch, jede Lampe brennt, alles in Ordnung. - Aber wir sind nun mal kein Normalfall. - Hier braucht man für alles Experten und Spezialisten, die mit viel List und Tücke die technischen und sonstigen Unzulänglichkeiten meistern. Ganz besonders auf unserem Kahn. Dazu ist Ausdauer von Nöten, sehr viel Erfahrung und nicht zuletzt Glück. Kein noch so befahrener Jan Maat schafft das auf Anhieb. Mir war das klar und Pfander, dem Matrosen, ist es nach einer gewissen Zeit auch klar geworden. Aber zunächst der Reihe nach.

Natürlich waren Fahrtstörungslampen vorhanden und somit genügten wir grundsätzlich den Vorschriften; was oft nicht all zu viel heißt. - Rettungsringe können schließlich auch herumhängen, die Frage ist, ob sie im Notfall das halten, was der möglicherweise frische Anstrich verspricht. Es soll schon welche gegeben haben, die sind samt Inhalt abgesackt wie ein Mühlstein. - Unsere Fahrtstörungslampen waren besonders alt, besonders schwer und mit einer Kette verbunden. An der ganzen Vorrichtung hing ein meterlanges, unhandiges, dreckiges Kabel. Das ganze endete in einem Stecker, der - sofern der Grünspan es zuließ - Kontakt zu einer Stromquelle schließen sollte. Auf jedem anständigen Dampfer gibt es ein Lampenspind und das ist meist im Kabelgatt unter der Back, d. h. ganz vorn im Schiff untergebracht. Der Seemann weiß das, auch wenn das Schiff ihm fremd ist. - Insofern war mein Wachmatrose auf dem richtigen Weg nach vorn. - An Deck war es dunkel. Jetzt kam die erste Hürde, die Pfander nehmen musste. Der Lichtschalter für die trübe Beleuchtung im Kabelgatt war innen und wenn man nicht wusste wo, musste man ihn suchen. Ganz logisch. Im Stelzschritt über das Süll des Kabelgatts und "Krach"! mit der Stirn gegen einen massiven, eisernen Decksbalken, den ein besonders kluger Schiffsbauer kurz hinter dem Eingang, hinterhältig niedrig, angeordnet hatte. - Dieses Lehrgeld musste ich auch bezahlen. - "Was lachst', bist vergrellt“?, hatte mich unser damaliger Bootsmann allen Ernstes verwarnt, als ich das erste mal an den Decksbalken donnerte und taumelnd, sekundenlang Sterne vor den Augen sah. Jetzt hatte Pfander Sterne oder Ringe vor den Augen; ich konnte es nicht sehen, aber wusste es. Den Lichtschalter mochte er nach einer Zeit gefunden haben. Nun funzelte wenigstens ein trübes Licht von der Decke und dieses ließ ihn nach einer Weile das Lampenspind finden. Jetzt kam Hürde Nummer zwei. - Das Lampenspind war ein winziger Raum in dem sich höchstens ein Mann mühsam bewegen konnte. Der gleiche Schiffsbauer, der den heimtückischen Decksbalken konstruiert hatte, musste im Lampenraum die Beleuchtung vergessen haben. Vielleicht hatte er auch gedacht, dass ein "Lampenraum“ keine Beleuchtung braucht. Wer weiß das schon. - Im Raum lagen, standen und hingen allerlei Lampen herum, die manchem Antiquitätenhändler zur Ehre gereicht hätten. Da gab es unförmige, zerbeulte Sonnenbrenner, die während des Ladens oder Löschens nachts in die Luken gehängt wurden. Da waren blinde Positions- und Ankerlampen und Öllampen in allen Schattierungen und Größen. Es kam immerhin vor, dass die gesamte Elektrizität auf unserem Kahn ausfiel. So gab es für jede Lampe eine Öl-Ersatzleuchte. Dazwischen lagen in wild verwickelten Knäueln die Kabel und Drähte der elektrischen Lampen und Verlängerungsschnüre und Steckdosen. Und irgendwo dazwischen befanden sich auch unsere Fahrtstörungslichter. Nur ich wusste wo!

Der Laie muss sich nun vorstellen, wie Pfander in diesem Wuhling und absoluter Finsternis nach den entsprechenden Fahrtstörungslampen suchte. Wie viel Verwünschungen und Flüche mochten zu diesem frühen Zeitpunkt des Geschehens bereits über seine Lippen gekommen sein. - Aufrecht stehen konnte er im Lampenspind natürlich nicht, weil er dann mit dem Kopf gegen die Gerätschaft rannte, die von der Decke hing und gerade der Kopf war durch den Decksbalken bereits in Mitleidenschaft gezogen. Der Seemann trägt an Bord Arbeitskleidung. Das ist klar. Aber da gibt es doch feine Unterschiede. So wird man nicht gerade mit seinen besseren Jeans den Tank reinigen oder Zement fegen. Da hat man immer noch Uralt-Klamotten, die dafür gerade noch gut sind. Nachts, auf Wache und auf der Brücke, zieht man das bessere Zeug an. So ist's jedenfalls auf normalen Schiffen üblich. - Pfanders Garderobe war inzwischen durchgeschwitzt; die Hose verdreckt von den Kabeln und nass vom Regen. "Wo blivt hei denn"? fragte auf einmal der Alte. Nun fasste mich doch etwas Mitleid. "Soll ich mal nachsehen"?; "Du blivst doar"! sagt der Alte. Damit waren mir die Dinge aus der Hand genommen und mein Wachkollege ging einem ungewissen Schicksal entgegen.

Die Zeit verging. Ab und zu hörte ich vom Vorschiff polternde Geräusche; das war Pfander. Endlich sah ich das Licht im Kabelgatt ausgehen und einen Schatten an Deck. Pfander schleppte ein unförmiges Etwas vor sich her; das Kabel hing auf den Boden; der Stecker schepperte an Deck hinter ihm her. Die Fahrtstörungslampen waren gefunden. Aber nun machte mein Wachmatrose einen folgenschweren Fehler. - Den Stecker hätte er in seine Hosentasche stecken sollen, denn das Deck war nass, der Regen nicht weniger geworden. - Den Fehler sollte er noch zu spüren bekommen.

Vorkante Brücke, auf Steuerbordseite, befand sich ein Mast, der achteraus einen Galgen angeschweißt hatte. Daran befestigt war ein Block mit einer Leine und hier konnte ein Flaggensignal oder Signallampen gesetzt werden. Die Leine war auf einer Klampe in der Steuerbord Brückennock belegt. - Matrose Pfander schleppte die Fahrtstörungslichter hoch in die Nock. Ein Rundturn mit zwei halben Schlägen, der seemännisch richtige Knoten und "Hau Ruck", Hand über Hand, schon schwebten die zwei Lampen zum Mast hinauf. Nur noch eben Licht gemacht und alles war klar. Jetzt kam Hürde Nummer drei. - In der Steuerbord Brückennock befand sich natürlich eine Steckdose, mit seefestem Schraubverschluss, versteht sich. Das Problem war lediglich, das ganze Generationen von seemännischem Personal sorgfältig Farbschicht auf Farbschicht auf diese Steckdose aufgetragen hatten. Da war weiß Vorstrich über Mennige und darüber weiß Lack und irgendwann hatte man alles lindgrün gestrichen. Jedenfalls dachte nie jemand daran, den Schraubverschluss gangbar zu machen. Keine Macht der Welt konnte aus dieser Dose jetzt Strom zaubern. - Ich hörte Pfander draußen in der Nock leise fluchen und viele Ausdrücke waren eindrucksvoll und mir neu. "Hmmm Hmmm Hmmm" ließ der Alte sich jetzt vernehmen. Bei diesem Kommentar blieb es.

Schließlich verschwand Pfander. Unten an Deck musste sich, verdammt nochmal, doch eine gangbare Steckdose befinden. Natürlich war jetzt das Kabel zu kurz. Aber im Lampenspind hatten ja irgendwo Verlängerungsschnüre gelegen. Also nochmal nach vorn. Vorsicht, der Decksbalken, ~ und Licht an und raus mit dem vermaledeiten Kabel. - Dreckig ist das vielleicht wieder. - Kein Wunder, wir hatte die Verlängerung das letzte Mal gebraucht, als wir Schrott in Conakry geladen hatten. - Aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Hemd, Hose, Socken, Schuhe, Hände, Arme, Gesicht; alles war inzwischen verschwitzt und von einer dreckig, klebrigen Schmiere überzogen.

Ich hörte meinen Wachmatrosen an Deck rumoren. Er hatte eine Steckdose gefunden und das Verlängerungskabel daran befestigt. Jetzt kam er auf die Brücke und wollte die Schnur der Lampen mit dem Kabel verbinden. "Uuaaaa" - eben bekam er einen geschmettert. Das schwere Dosengebilde krachte an Deck. Pfander führte einen Veitstanz auf und ruderte wie wild mit den Armen in der Luft herum. Auf dieser Steckdose war Strom; kein Zweifel und "Is doar wat?" fragte der Alte. - Das war Hürde Nummer vier. - Die Lampen brannten immer noch nicht. - Pfander war ein guter Mann, er lernte schnell und war jetzt vorsichtig geworden. Ich sah ihn mit großen Mengen trockenen Twists behutsam hantieren und Festmacherhandschuhe hatte er jetzt an und über den Dosenkontakten lag ein Bezug, um die Nässe abzuhalten. Inzwischen war mehr als eine Stunde vergangen und dann endlich, zwei rote Rundumlichter, entsprechend der Seestraßenordnung, gehisst an bestsichtbarer Stelle, künden von unserer Manövrierunfähigkeit. Ich sehe Pfander in der Nock stehen, erschöpft, jedoch nicht geschlagen. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht und an der Stirn prangte eine Beule.

"Wiiiip" tönte da die Pfeife aus dem Sprachrohr. Maschinenschaden behoben, der Telegraf rasselte auf "Voll voraus". - "Mook man die twee roten Lampen ut, Pfander!", sagte der Kapitän.

Die ganze Sache hatte noch ein Nachspiel. Es war viel später, irgendwann an Deck und wir waren beim Seeklarmachen. Da konnte ich meinen vorlauten Hals wieder mal nicht halten und habe Pfander ein Licht aufgesteckt von wegen der Fahrtstörungslichter. - Aber dann bin ich gelaufen, denn nun flogen mir Holzkeile und Hammer hinterher. - Das war eben noch ein echter alter Rosteimer mit Holzdeckeln auf den Luken und Persennige, die im Winter bretthart und schwer waren und eingeschalkt werden mussten, natürlich mit sehr vielen Keilen. - Alles solide und fest. Die Arme konnte man sich raus reißen. - Ich war richtig stolz auf unseren Zossen.

~ ~ ~

Der Arbeitstag eines Decksjungenoder die Story von den 3 Tassen

Mein normaler Arbeitstag auf See sah in etwa so aus. - Morgens um 6 Uhr aufstehen, aus der Kombüse das Frühstück für die Decksgang holen, Kaffee kochen und in der Mannschaftsmesse aufdecken. - Nach dem Essen alles abräumen und in einem Eimer abspülen. - eine Pantry gab es nicht - danach alles seefest wieder einräumen. - Ich musste mich beeilen, denn um 8 Uhr begann meine Wache und Wurras unser Bootsmann mit dem ich zusammen Wache ging, sah es gar nicht gern, wenn er den ersten Turn übernehmen musste. - Wache hieß bei uns nicht verschlafen hinter einer Selbststeueranlage hängen ~ die gab es nämlich nicht, nur einen richtig großen, schönen Magnetkompass ~ Wache hieß: "Den Zossen steuern" - und zwar nicht mit der elektrischen Ruderanlage. Die gab es zwar, aber unser Alter, ein echter Segelschiffsmann und Caphornier war der Meinung, seine Deckshands hätten so zu steuern wie es sich für einen anständigen Jan Maat gehört, nämlich mit der Hand und am großen Rad. - Mittags musste ich wieder rechtzeitig das Essen aus der Kombüse holen, aufdecken, abspülen, aufräumen. - Danach hatte ich die Mannschaftslogis zu reinigen, Bad und Toilette zu putzen und wenn ich damit fertig war musste ich irgendwo an Deck mitarbeiten. - Meistens die Arbeiten die kein anderer machen wollte. - Abends dann wieder das gleiche Spiel mit Essen fassen usw. usw.

Wenn man das Arbeiten so nicht gewohnt ist - und anfangs war ich das natürlich nicht - konnte man schon ganz schön "knille" werden, denn abends um 8 Uhr musste man schon wieder ans Ruder und seine Wache antreten. - Aber da gab es ja den Kaffee und für den war auch wiederum ich zuständig. - Im Durchschnitt gab es 4 gehäufte Löffel auf eine Mug; natürlich schwarz und ohne Zucker. - Später in Westafrika habe ich dann gelernt, dass der eine oder andere Matrose sich noch zusätzlich einen Schuss Pfeffer in die Tasse gepustet hat. - Am Tag stand ich oft 2, 3 Stunden hintereinander am Ruder, nämlich immer dann, wenn der Bootsmann keine Lust zum steuern hatte. Da konnte ich zu den vollen Stunden mit der Schiffsglocke glasen wie ich wollte, Wurras ließ mich einfach oben stehen. - Ach so ja, glasen; da legte der Alte größten Wert drauf; Seemannschaft! - ein Wunder das wir nicht nach Kompass-Strichen steuern mussten, was ich aber auch hin bekommen hätte, denn das hatten wir auf der Schiffsjungenschule, auf dem PRIWALL noch gelernt. - Einmal nachts war ich so müde, dass ich am Ruder den zu steuernden Kurs vergaß; ich erinnerte mich nur noch dunkel, das es irgend etwas mit 160, 170 oder 180 gewesen sein musste. - Dann war die Stunde voll und der Bootsmann der in der Nock gehangen hatte stolperte ins Ruderhaus um mich abzulösen. Es war stockdunkel, der Kursanzeigekasten vor mir nicht zu erkennen. - Ich wäre eher über Bord gesprungen, als den W.O. nach dem Kurs zu fragen. - Kurs Einhunderthmmunmmzig Grad krächzte ich dem Bootsmann ins behaarte Ohr, dann sah ich zu, dass ich in der Brückennock verschwand ohne hin zuhören, ob Wurras den Kurs wiederholte. - Ich habe richtig die Gehirnwindungen beim Bootsmann rotieren gesehen. - Sollte er doch den W.O. nach dem richtigen Kurs fragen, war jetzt nicht mehr mein Problem.

Ein anderes mal, ich war besonders müde, sollte ich frischen Kaffee für den W.O., den Bootsmann und für mich selbst zubereite. - Ich griff mir die drei leeren Muggen, hängte die Henkel an meinen Finger und tappte aus dem Ruderhaus. Dann muss ich im Stehen eingeschlafen und den Steuerbord Niedergang aufs Bootsdeck hinunter gestürzt sein. Unten angekommen rappelte ich mich mühsam hoch. - Auf der Brücke hatte man nichts von meinem Unfall bemerkt. - Ich stellte erstaunt fest, dass ich nichts gebrochen hatte. - Aber am Zeigefinger meiner rechten Hand hingen 3 dicke, runde Henkel. Alle 3 Muggen hatten den Absturz nicht überstanden. - Das war schlecht, denn diese fehlten mir jetzt an meinem Bestand in der Mannschaftsmesse. - Der Bootsmann rückte zwar fluchend aus seinem Geschirrschapp 3 neue Tassen heraus, erklärte mir aber allen Ernstes, diese würden mir von der Heuer abgezogen. Ich solle selber zusehen, wo ich 3 neue Muggen her bekomme.

Antwerpen war unser nächster Hafen und die Arbeiter mögen mir nachträglich verzeihen. - Als die Gang komplett bei uns an Bord war, habe ich mir 3 belgische Muggen aus deren Kantine besorgt. Diese waren noch größer als die unsrigen und aus diesem Grund in der Folgezeit bei den Matrosen sehr beliebt.

~ ~ ~

Meine erste Seewache

In meiner Story von den 3 Tassen ist mir ein kleiner Fehler unterlaufen. - Die allererste Reise von M/S “ELFRIEDE” führte uns nicht von Kiel / Kanal nach Dünkirchen, sondern von der Werft, den Kieler Howaldtswerken, nach Dänemark; genauer gesagt nach Vejle und Aarhus.

Als Moses zum ersten Mal auf einem Schiff hat man besonders viel von dem, was man an der Küste gerne mit: „Null Ahnung“ bezeichnet. - Ich machte da keine Ausnahme; das schon mal vorweg. Es war Anfang Januar 1956, wir liefen abends aus. - Über der Kieler Bucht lag feuchter Nebel, es war kalt, windstill und die See war glatt wie ein Brett. - Man hatte mich für die Abendwache 20.00 bis 24.00 Uhr zusammen mit dem I.O., dem Bootsmann und einem der Matrosen eingeteilt und da stand ich nun in der Backbord Brückennock und starrte in den Nebel. - Das Vorschiff war kaum zu erkennen. - Plötzlich riss mich eine Stimme aus den Gedanken: “Peter, Du gehst auf die Back, hältst Ausguck nach Lichtern und Tonnen und machst Meldung.” - Das die Back vorne ist, wusste ich immerhin schon ~ kam ja direkt von der “Mosesfabrik” dem PRIWALL ~ also krächzte ich mein “Jawohl Ausguck und marschierte in Richtung Vorschiff. - Jetzt verschwand hinter mir die Brücke im Nebel und ich stand zum ersten Mal ganz alleine vorne auf unserem Zossen und war mir der Wichtigkeit meines Auftrags bewusst. - Außer dem Nebel gab es nichts zu sehen. Zu hören war nur das leise Rauschen der Bugwelle die M/S “ELFRIEDE” bei langsamer Fahrt voraus verursachte und von Zeit zu Zeit das laute Dröhnen von unserem Nebelhorn. - Von See kamen manchmal sonderbare Geräusche, die ich mir nicht erklären konnte.

So stand ich da eisern im Nebel und in der Kälte und die Stunden vergingen. - Achtern waren jetzt ab und an Stimmen zu hören, die wie’s mir schien von weit her kamen. - Geräusche und vereinzelte, schwache Lichtstrahlen und Gepolter so als würden Schotten dicht geschlagen. Das ging eine ganze Zeit so, interessierte mich aber wenig, denn mein Blick ging nach vorn, das war mein Auftrag. - Dann kam jemand zu mir hoch getappt auf die Back und brüllte mich an: “Hier steckst Du, Du Blödmann”! - Es war einer unserer Matrosen und ich war völlig von den Socken. - Ja man hatte mich doch als Ausguck nach vorne geschickt. - “Wer”, fragte der Matrose, “Weiß nicht, war einer von der Brücke” - “Los komm mit aber pronto”. - Als ich nach achtern kam wurde ich giftig empfangen, es war nach Mitternacht und die ganze Besatzung auf den Beinen. - Überall auf und im Dampfer war man herumgekrochen und hatte den dämlichen Schiffsjungen gesucht in der Annahme, er sei über Bord gegangen. - Natürlich “schleppte” man mich sofort auf die Brücke und da stand ich dem Mann gegenüber der mich auf die Back geschickt hatte. - Es war unser Kapitän und ich sagte ihm, dass es doch er gewesen sei der mich nach vorne geschickt hatte. - Ja und dann - “Gut gemacht hast Du das Junge, ein Mann bleibt auf seinem Posten, bis man ihn abruft”! - Damit war die Sache für ihn erledigt, die Freiwache von Deck und Maschine, die Küche und das Bedienungspersonal hatten zu verschwinden. - Die Wahrheit war, man hatte mich einfach vergessen. Er hat sich das nie anmerken lassen, aber ich hatte das Gefühl, von da an hatte ich so etwas wie einen “Stein im Brett” bei unserem Alten und das sollte schon etwas heißen. - Es war nämlich einer der letzten großen Segelschiffskapitäne und Cap Hornier, dessen schnelle Reisen mit den Laeisz Seglern PRIWALL, PADUA und PAMIR noch heute Legende sind. - Dieser Kapitän war gut, ich habe es in den darauf folgenden Monaten oft genug erfahren. - Man braucht es jetzt aber nicht meiner unmaßgeblichen Meinung zu glauben, man kann es in Büchern nachlesen, die von Leuten geschrieben wurden, die von der Seefahrt viel mehr mehr verstanden haben als ich. - Tatsache ist aber, dass ich heute, nach über 60 Jahren noch große Hochachtung vor diesem Mann habe.

~ ~ ~

Die alten Steuerleute

Diesmal eine etwas kürzere Geschichte aus dem Anfang meiner Zeit bei der Deutschen Handelsschifffahrt. - Und noch ne Kleinigkeit als Erklärung vorweg, der Plärrer ist ein großer, zentral gelegener Platz in Nürnberg.

Anfang und Mitte der Fünfziger Jahre waren jüngere Patentinhaber gesuchte Leute. - Es wurde wieder Personal gebraucht für die nach dem zweiten Weltkrieg im Aufbau befindliche Deutsche Handelsschifffahrt. - Ob die großen deutschen Reedereien wie HAPAG, HANSA, HSDG, NDL usw. ähnliche Personal Probleme hatten kann ich nur vermuten, weiß es aber nicht. - Jedenfalls mussten die kleineren Reedereien ihre Ingenieure und Steuerleute oft sozusagen “aus alten Heeresbeständen” rekrutieren. Das führte dann dazu, dass auf so manchem Zossen ein zweiter Ingenieur oder Steuermann seinen Dienst tat, der normalerweise schon seit langer Zeit im Rentenalter war. - Über dieses Thema wurde vielleicht schon berichtet und ich möchte dazu hier auch einen bescheidenen Beitrag leisten.

Dass ich im Januar 1956 als Moses auf M/S “ELFRIEDE” eingestiegen bin, habe ich an anderer Stelle schon hinreichend breit getreten. - Beide zweite Steuerleute die im Verlauf des Jahres 56 ihren Dienst auf der ELFRIEDE taten waren um die 70 Jahre alte und rüstige Rentner. - Der eine hatte in jungen Jahren noch als Kadett auf der “HERZOGIN CECILIE“, dem Segelschulschiff des Norddeutschen Lloyds gedient, der andere war zwischen den Weltkriegen als Matrose mit Laeisz Seglern um Kap Horn zur Westküste-Süd und nach Australien gesegelt. - Da es auf der ELFRIEDE kein Radar, keinen Kreisel und keine Selbsteueranlage gab und die astronomische Navigation in der Hand von unserem Kapitän und dem 1.O. lag, brauchten sich die Herren mit weitgehend unbekannter Technik nicht beschäftigen. - Das Echolot konnte man allemal ablesen und dem Funkpeiler durfte man sowieso nicht trauen. Vielleicht lag es auch an den eigenen Ohren. Zwar hatte ich sogar als Moses schon eine laute Stimme, so dass mich unser Chief einmal fragte wo ich denn her käme; auf meine Antwort: “Aus Nürnberg”, sagte der Mann doch glatt: “Kein Wunder, Du Plärrer“; doch genau genommen hatte ich überhaupt nichts zu melden! - Es gab aber auch für mich Momente, da bekam ich die Chance groß heraus zu kommen. - Nach einigen Monaten an Bord, teilte man mich für die Mittelwache ein; d.h. die Wache von 12 bis 16 und von Mitternacht bis 4 Uhr morgens und das war die Wache vom alten 2.O.

Wenn sich nachts mitten auf See zwei Schiffe begegneten, hat man sich mit Licht an gemorst. - So war das jedenfalls früher üblich. - Da gab es je eine Morsetaste in beiden Nocken und das Licht oben im Vormast oder man hatte einen modernen Klappscheinwerfer – ein solcher war natürlich auf der ELFRIEDE nicht vorhanden. - Also ging es los mit: “What ship, what ship”? und “Where are you come from”? “Where are you bount to”? - das war manchmal so richtig spannend und endete immer mit der freundlichen Verabschiedung: “Bon Voyage”! ~ Ja und da kam dann unser zweiter Steuermann an seine Grenzen und: “Peter, Du warst doch auf der Schiffsjungenschule, dem PRIWALL” - da hatte er recht und auf dem PRIWALL hatten wir das ja gelernt und jetzt kam meine große Stunde und ich war derjenige welcher. - Da schipperte die BAUMWALL von HMG nach Dakar oder der ADMIRAL BASTIAN kam von Kaolak und wollte nach Dünkirchen. - Manchmal hat es allerdings geregnet oder der Zossen war ein bisschen zu weit weg und so genau habe ich das dann auch nicht immer erkennen können. - Aber um irgend einen Dampfer war ich nie verlegen und um einen Hafen auch nicht; wie gesagt: “Bon Voyage ~ Bon Voyage”!

~ ~ ~

Tage auf MS Elfriede und der Augenarzt von Rouen

Diese Geschichte widme ich den Hafenarbeitern von Rouen, zwei hilfsbereiten Krankenschwestern einer dortigen Ambulanzstation und nicht zuletzt einem freundlichen Augenarzt, der wenn er noch lebt, noch immer auf sein ärztliches Honorar wartet. - All diesen Personen bin ich dankbar, denn ich verdanke Ihnen die Sehkraft meines linken Auges.

Von Dünkirchen ging es zunächst nach Rouen. Wir luden dort Stückgut und im Nachhinein wundere ich mich noch heute, dass die Agentur überhaupt anständige Ladung für unseren Zampan auftreiben konnte. Jedenfalls vertraute man uns jede Menge Bier in Schachteln an. "Stella d'Artoise", "Biere de l'Alsace". - Glauben Sie bloß nicht, daß nur "German beer" im Ausland gefragt ist. - Mich hatte Kraake, unser Bootsmann, als "Raumwache" in eine Luke beordert und nun hieß es, sich mit den französischen Schauerleuten zu arrangieren. Das waren freundliche Männer mit blauen Hosen und Hemden und Baskenmützen auf dem Kopf und roten Gesichtern vom Wein trinken. Es wurde ohne Eile gearbeitet und zwischendurch tranken sie Rotwein in erstaunlichen Mengen aus großen, grünen Flaschen ohne Etiketten. Am Bier hatten sie wenig Interesse und wenn man hin und wieder in ein Gespräch verwickelt wurde - da waren einige, die halbwegs gut Deutsch sprachen - und es in einer Ecke verdächtig knackte, hörte man einfach nicht hin. Wir kamen blendend miteinander aus. - Sollen doch die Büroknüppel von den Versicherungen, die die Ladung versichern, im Sommer acht Stunden lang Bierkartons stapeln. Noch dazu bei dreißig Grad im Schatten in einem staubigen Laderaum. Dann sieht die Welt sicher ganz anders aus und die meisten von denen dürften danach allenfalls noch für den Sperrmüll taugen. Das gilt selbstredend nicht nur für die von den Versicherungen, sondern betrifft die Büromenschen im allgemeinen. - Die Raumwache verfolgt eher den Zweck, den versicherungstechnischen Vorschriften aus Sicht der Schiffsleitung Genüge zu tun. - Also wie überall, immer schön mit dem Hinterteil an der Wand. - Natürlich muss alles im Rahmen bleiben. Wenn große Kisten auf einmal leer sind, oder die Hafenarbeiter schreiben einladend auf die Abfahrtstafel an der Gangway: "Here you can drink German beer" und sind alle besoffen, ist das übertrieben und eine Sauerei. - Ich hatte jedenfalls mit den Rouaner-Hafenarbeitern keine Probleme und als ich am zweiten Tag unserer Liegezeit morgens wieder meine Raumwache bezog, wurde ich freundlich begrüßt. Man wusste sehr wohl zu schätzen dass ich mich nicht wie ein pingeliger Blödmann anstellte.

Alles war bestens bis auf mein linkes Auge. Da hinein mussten mir Rostsplitter geflogen sein, weil es an Bord keine Schutzbrillen gab was Vorschrift gewesen wäre. Vielleicht gehörten die Schutzbrillen einst bei der Indienststellung zur Grundausrüstung unseres Schiffes; jetzt jedenfalls waren sie weg und mein Auge wurde rot, brannte und tränte ohne dass sich etwas besserte. Ich konnte keinen Splitter entdecken, hatte aber dauernd das Gefühl, Fremdkörper im Auge zu haben. Die Franzosen sahen, dass ich ständig in meinem Auge herum wischte und schließlich fragten sie mich, ob ich nicht besser zur Ambulanz gehen wolle. - Wie das, ich war doch Lukengast und überhaupt, wo gab es hier eine Ambulanz und wie sollte ich dahin kommen? - Da solle ich mir mal keine Gedanken machen, das wollten sie schon arrangieren, erwiderten mir die Männer.

Als Kraake das nächste Mal an der Luke vorbei kam, sagte ich ihm das mit dem Auge und nachdem er wohl begriffen hatte, dass ich mit nur einem Auge auf Dauer weniger für die Reederei arbeiten konnte ließ er mich widerstrebend durch meinen Macker ablösen.

In Amsterdam kamen die Hafenarbeiter damals mit dem "Brummfiez", sprich Moped. In Rouen mit dem Fahrrad. - Wenn ich daran denke, dass heutzutage schon der dümmste Schammako wie Graf Rotz mit eigenem Auto herum kreuzt, frage ich mich, ob es noch eine Gerechtigkeit gibt. - Kurz, einer der Arbeiter radelte mit seinem Fahrrad vornweg und ich mit dem seines Kollegen achteran in Richtung Ambulanz. Dort verarzteten mich zwei freundliche französchische Schwestern - ohne Wenn und Aber - leider auch ohne Erfolg. Dannach wurde beraten, was mit mir weiter geschehen sollte.

Nun lassen Sie mich erklären. Mein Schulfranzösisch war schon immer dürftig und im Laufe der Zeit hatte ich das mühsam Eingepaukte erfolgreich vergessen. Was nützen einem in der Praxis schon angelernte Sätze wie: "Madame Dujardin est furieuse, elle achete ou Magazin du Louvre un fer electric, et cet fer ne fonctionne pas". Da kommt man mit dem Satz: "Bonjour Monsieur Stemmperlein; asseyez-vous", schon etwas weiter. Man kann wenigstens das Wort: "Bonjour" gebrauchen. Man sieht, meine französischen Sprachkenntnisse waren katastrophal. Es wurde mir aber klar gemacht, daß die Ambulanz hier nicht weiter käme und ich umgehend nach Rouen zu einem Augenarzt müsse bevor es für das Auge zu spät ist. - Mit einmal saß ich in einem Taxi und fuhr Richtung City; die Krankenschwestern hatten das bestimmt und kurzer Hand für mich gemanagt.

Es gibt Städte, da stimmt die Bezeichnung: "Hafenstadt" noch. Man denke nur an Antwerpen und die alten Scheldekai Liegeplätze. Da pulsiert das Leben noch unmittelbar zwischen Stadt und Hafen und die Menschen die dort leben und arbeiten sind stolz darauf. Da sieht man abends von Bord aus die Lichter der Bars und Pinten. Es sind nur ein paar Schritte bis zum nächsten gemütlichen Tresen und die Wirtin wird auch von Glas zu Glas schöner. An warmen Sommerabenden laufen Touristen auf den langgestreckten Aussichtsterrassen entlang und betrachten die Schiffe und Seeleute. Man stelzt ordentlich breit herum auf dem Dampfer und macht ein wichtiges Gesicht, wenn man etwa die Vorspring durchholt oder einen Fender zwischen Pier und Bordwand richtet. Die Leute schauen dann ganz ehrfürchtig und der eigene Rostdampfer kommt einem plötzlich gar nicht mehr so heruntergekommen und schäbig vor. Andere Städte hingegen - und diese sind leider in der Überzahl - verdienen die Bezeichnung "Hafenstadt" nicht. Es ist so, als würde sich die Stadt ihres Hafens schämen. Er liegt irgendwo weit draußen; niemand, der nicht da arbeitet kommt jemals dort hin. Der Hafen ist vorhanden, man weiß es, das genügt. Was soll man dort, man macht sich nur dreckig und das Sprichwort: "Er sank von Stufe zu Stufe - zuletzt wurde er im Hafen gesehen", ist keine Erfindung von mir, sondern leider an der Küste ein verbreitetes Vorurteil.

Nun, von den Hafenanlagen von Rouen bis in die Innenstadt muss es auch ein ordentliches Stück gewesen sein. Jedenfalls fuhr ich einige Zeit mit dem Taxi durch die Gegend. Schließlich hielt der Wagen vor der Praxis eines Augenarztes. Es war um die Mittagszeit und der Taxifahrer der gottlob! bei mir blieb, musste eine Weile klingeln, bis uns jemand aufmachte. Der Augenarzt war ein feingliedriger Mann im dunklen Anzug, der geflissentlich über mein schäbiges Aussehen hinweg sah, obgleich ich ihm wahrscheinlich den Mittagsschlaf verdorben hatte. Vom Taxifahrer wusste er, dass ich vom Hafen kam, das genügte ihm. Dass ich unmittelbar aus der Ladeluke eines deutschen Frachters gestiegen war, der Bierkisten für Conakry in Guinea geladen hatte, interessierte ihn nicht. Ich hätte es ihm auch beim besten Willen nicht erklären können. - In einem dunklen Raum mit kompliziertem Gerät, holte mir der Doktor - dessen Namen ich leider vergessen habe - in einer längeren Aktion drei Rostsplitter aus dem linken Auge, die tief in die Hornhaut eingedrungen waren. Danach kam das, was man bei uns vornehm mit "ärztlicher Liquidation" bezeichnet. Der Augenarzt schien einigermaßen fassungslos und fragt immer wieder: "No l'argent?" "No money?" No plata?" - No! Nichts! Nada! Was sollte ich auch aus meinen verstaubten Hosentaschen hervor zaubern. Da gab es keine Piselotten, lediglich ein Taschenmesser mit eingebautem Flaschen- und Dosenöffner. Der Doktor gab sich damit naturgemäß nicht zufrieden. "Quelle est le nombre de Companie?" Oh weh! "Memel Transportschifffahrts GmbH und Co". "C'elle"? Ja Donnerschlag, ich konnte doch nichts dafür, dass ich nicht Kapitän der Messagerie Maritime war. "Quelle est le nombre de bateau?" "Shipsname, you know?" Schon gut, schon gut - in Bitching-Inglish war ich dem Mann garantiert überlegen - ich hatte verstanden. "Bateau Elfried!" Diese Information erschien dem Doktor wiederum zu dürftig, vielleicht hatte er auch andere Vorstellungen und erwartete einen eindrucksvolleren Namen. "Quelle est le nombre de Capitaine?" - "Jan Qualsterkamp!", log ich jetzt dreist. Der Doktor stand mir quasi Auge in Auge mit hängenden Schultern gegenüber. Jetzt nachdem alles wieder in Ordnung war, konnte ich ihn schon besser erkennen. Wir starrten uns schweigend an. Ich hätte ihm allenfalls noch sagen können, dass Madame Dujardin furieuse ist, weil man ihr im Kaufhaus Louvre ein kaputtes Bügeleisen angedreht hat. Aber das ließ ich lieber bleiben. Schließlich verabschiedete er mich mit einem hilflosen Kopfnicken und sah noch ganz verdutzt aus, als ich ihm ein schulmäßiges: "Bonjour, Monsieur Docteur, merci beaucoup" an den Kopf warf. - Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Reederei jemals eine Rechnung in meiner Angelegenheit bekommen, geschweige denn bezahlt hat.

Zurück an Bord wollte mich Kraake gleich zusammen schxxxen, wo ich denn solange abgeblieben sei. Aber da ließ ich mir nicht an den Wagen fahren und wurde ganz pampig und den Taxifahrer schickte ich auf die Brücke zu unserem Alten von wegen der Rechnung. Der Alte staunte nicht schlecht, denn da kam sicher einiges zusammen, was meine monatliche Heuer überstieg.