Jakob Zollinger - Heinz Girschweiler - E-Book

Jakob Zollinger E-Book

Heinz Girschweiler

0,0

Beschreibung

2003 verleiht die Universität Zürich Jakob Zollinger (1931-2010) den Ehrendoktortitel. Sie zeichnet damit einen passionierten Naturschützer und Pionier der Bauernhausforschung aus. Als sogenannter Flarzbueb in kleinbäuerlichen Verhältnissen in Herschmettlen in der Gemeinde Gossau (ZH) aufgewachsen, zeigt Zollinger schon früh Talent: Er malt, schreibt, forscht und führt fast sein ganzes Leben lang Tagebuch. Jakob Zollinger lebte nach der Devise "Grabe, wo du stehst". Neben seiner Tätigkeit als Lehrer erforschte er akribisch seine nähere Umgebung, publizierte Bücher zu den Zürcher Flarz- und Riegelhäusern, schrieb für regionale Zeitungen, erstellte ein Kulturgüterinventar, arbeitete jahrzehntelang an der Herschmettler Chronik, engagierte sich in Vereinen und im Zürcher Heimatschutz. Nach aussen aktiv und ausgeglichen, plagten Zollinger aber auch immer wieder Selbstzweifel. Lebendig und differenziert erzählt der Autor die Biografie eines Unermüdlichen und dokumentiert damit ein Stück Schweizer Lokal- und Mentalitätsgeschichte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 250

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Jakob ZollingerVom Flarzbueb zum Ehrendoktor

Heinz Girschweiler

HIER UND JETZT

Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

Mit weiteren Beiträgen haben das Buchprojekt unterstützt:

Elisabeth Zollinger-Anliker, Ottikon

Emil und Carolina Zollinger, San Francisco

Gemeinnützige Stiftung Basler & Hofmann, Zürich

Gemeinde Gossau

Zürioberland Kultur

Verein der Freunde der Paul-Kläui-Bibliothek, Uster

Stadt Uster

Gemeinde Grüningen

Raiffeisenbank Zürcher Oberland

Heimatschutzgesellschaft Grüningen

Antiquarische Gesellschaft Wetzikon

Nachtheuel-, Dorf- und Frauenverein Herschmettlen

weitere private Spenderinnen und Spender

Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.

Umschlagbild: Fotomontage von Jakob Zollinger, Nachlass Zollinger

Lektorat: Stephanie Mohler, Hier und Jetzt

Gestaltung und Satz: Simone Farner, Naima Schalcher, Zürich

Bildbearbeitung: Benjamin Roffler, Hier und Jetzt

Druck und Bindung: Kösel GmbH, Altusried-Krugzell

ISBN Druckausgabe 978-3-03919-467-4

ISBN E-Book 978-3-03919-942-6

E-Book-Herstellung und Auslieferung:Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

© 2019 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz www.hierundjetzt.ch

Inhalt

Vorwort

Leben

Später Lohn für lebenslanges Forschen

Zollikon, Oberottikon, Herschmettlen

Aus dem Exil zurück nach Herschmettlen

Kobi verschafft sich Respekt

Schülerlust

Schülerfrust

Ein junger Lehrer auf Wanderschaft

Die Herschmettler Nachtheuel

Zurück zu den Wurzeln

Das Heimatdorf unter dem Mikroskop

«… die alten Häuser noch …»

Der streitbare Bürger

An der Grenze des Machbaren

Rückzug in die inspirierende Natur

Bachab in die Mühle

Schlusswort

Werk

Der umfangreiche Nachlass von Jakob Zollinger Walter Bersorger

Einblicke ins Werk

Anhang

Publikationsverzeichnis Jakob Zollinger

Familienchronik

Literatur

Bildnachweis

Dank

Autor

Vorwort

Es war an meinem 60. Geburtstag. Eine bunte Gesellschaft von Angehörigen und Freunden traf sich an einem strahlenden, kalten Januartag in einem Hotelsaal im obersten Toggenburg zu einem reichhaltigen Frühstück. Unsere beiden Söhne nahmen ihren Papa dort ganz ordentlich auf die Schippe und zerrten Müsterchen mehr oder weniger gelungener Erziehungsbemühungen ans Licht der Halböffentlichkeit. Ganz unvermittelt fiel dabei der Satz: «Was unser Vater genau denkt und glaubt, ist uns nie so richtig klar geworden, aber eines ist sicher: Er glaubt an Kobi Zollinger.»

Ich sass betreten da und konnte das eben Gehörte kaum fassen. Was hatte die beiden jungen Männer zu diesem Satz bewogen? Sie kannten Jakob Zollinger, meinen hochgeschätzten Mittelstufenlehrer, späteren Vereins- und Bergkameraden, kaum. Sie hatten ihn vielleicht ein-, zweimal gesehen. Ich forschte nicht weiter nach dem Ursprung dieser Aussage, aber sie wirkte in mir in den folgenden Monaten nach. Ich begann, über meine Beziehung zu Jakob Zollinger nachzudenken. Dabei wurde mir manches bewusst, was uns verband. Irgendwann kam mir die Idee, das Leben dieses so eigenwilligen Mannes in einer Biografie nachzuzeichnen, und ich hoffte, eine solche Aufgabe könnte meinen bevorstehenden Pensionierungsschock abdämpfen. Das Einverständnis von Witwe Elisabeth Zollinger-Anliker und ihren drei Kindern zu meinem Vorhaben kam prompt.

Nachdem ich den Schritt in die grosse Altersfreiheit getan hatte, begann ich mit der Recherche. Zuerst galt es, das Gespräch mit den noch lebenden Weggefährten zu suchen. Angefangen bei den Brüdern Emil und Fritz Zollinger führte ich rund sechs Dutzend Interviews. Danach las ich ein paar Tausend Seiten Tagebucheinträge durch. Weil in der Zwischenzeit der Historiker Walter Bersorger den Jakob-Zollinger-Nachlass im Dürstelerhaus Ottikon im Auftrag der Gemeinde Gossau geordnet hatte, fand ich mich in dem überreichen Material überhaupt zurecht. Ich richtete mir einen Arbeitsplatz inmitten der Akten ein und schrieb das vorliegende Buch in der Jakob-Zollinger-Stube des altehrwürdigen Hauses.

Es geht mir nicht darum, die Forschertätigkeit Jakob Zollingers zu würdigen und zu beurteilen. Dafür fehlt es mir an fachlicher Kompetenz. Diese Aufgabe übernimmt hier der Fachmann Walter Bersorger. Wenn sich künftig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Zollingers Werken, Materialien und Arbeitsweisen auseinandersetzen wollen, steht ihnen dafür eine gewaltige Menge eindrücklichen Materials zur Verfügung.

Jakob Zollinger hat für seine Heimat – vor allem, aber nicht nur für das Zürcher Oberland – Grossartiges geleistet. Er hat das Verständnis der Oberländerinnen und Oberländer für ihre Herkunft sowie ihr Selbstbewusstsein gestärkt, indem er die Geologie dieser Region, ihre Natur, die Entwicklung der Kultur- und Siedlungslandschaft und die Lebensweise ihrer Bewohnerinnen und Bewohner in seiner eigenwilligen Art gründlich erforscht und packend dargestellt hat.

Ich möchte hier den Werdegang Jakob Zollingers nachzeichnen und herauszuarbeiten versuchen, was ihn zu seiner so vielfältigen Tätigkeit angetrieben hat. Einzelne Beispiele sollen zeigen, wie er geforscht und wie präzise er seine Erkenntnisse jeweils dargestellt hat. Bei meinen Nachforschungen habe ich manche Überraschung erlebt: Der äusserlich so ruhig und geerdet wirkende Mann wurde von grossen Selbstzweifeln geplagt und focht grosse innere Kämpfe aus. Er war als Lehrer nicht so unumstritten, wie ich das geglaubt hatte, und ist mit seiner Hartnäckigkeit beim Bewahren von Dingen und Zuständen, die er als wertvoll erachtete, weit mehr angeeckt, als ich es zunächst wahrhaben wollte.

Hätte Jakob Zollinger Freude am Erscheinen seiner Biografie? Sicher würde er sie in wohl anerzogener Bescheidenheit vordergründig als unnötig taxieren – und sich dann gleichwohl geehrt fühlen und sich ein bisschen freuen. Vielleicht so wie 2003, als die Universität Zürich dem einstigen Flarzbueb den Ehrendoktortitel verlieh.

Nachdem ich mich nun durch viel Material gearbeitet, mit Dutzenden von Menschen Gespräche geführt und den Kosmos meines ehemaligen Lehrers und Freundes weiter ergründet habe, muss ich meinen beiden Söhnen recht geben. Die Faszination für die Persönlichkeit Kobi Zollinger war immer da, und sie ist durch die spannende und bereichernde Arbeit an diesem Buch nicht kleiner geworden.

Heinz Girschweiler

Leben

Später Lohn für lebenslanges Forschen

Nein, das ist nicht der Ort, den er für eine Feierlichkeit zu seinen Ehren ausgewählt hätte. Dieser Bau aus Glas und Beton ist ihm fremd. Der ganze weitläufig auf den Milchbuck gepflanzte Campus der Universität Irchel ist es. Auch wenn grosse Blumenbouquets das Rednerpult und die Orchesterbühne im grossen Hörsaal schmücken, richtig wohlfühlen kann Jakob Zollinger sich hier nicht. Er ist inmitten der Honoratioren der Philosophischen Fakultät in den vollen Saal einmarschiert, streng gemäss dem Protokoll der Universität Zürich – es ist ihr 170. Dies academicus. Er sitzt jetzt in der ersten Reihe seitlich des Rednerpults neben dem Dekan und den weiteren Personen, die von der Philosophischen Fakultät geehrt werden.

«Auf in den Kampf», hat er am Morgen zu Hause in der Chindismüli in Ottikon-Gossau scherzhaft zu seiner Frau Elisabeth – seinem Bethli – gesagt. Sie sitzt auf einem reservierten Platz etwas weiter hinten, die beiden Töchter Eva und Lisa, der Sohn Röbi und weitere Familienangehörige und Freunde irgendwo in den steil aufsteigenden Reihen des Auditorium maximum. Elisabeth hat sich für den besonderen Tag ein neues, dunkelrotes Kleid gekauft. Jetzt stellt die Bauerntochter aus Schlatt am Schauenberg erschrocken fest, dass die geladenen Damen an diesem Ehrentag der Universität Zürich eigentlich nur Schwarz tragen, und sie fühlt sich ein bisschen deplatziert. Das Akademische Orchester spielt einen Satz aus einer Schumann-Sinfonie. Professor Udo Fries hält eine Vorlesung zur Corpuslinguistik als Werkzeug zur Beschreibung von Sprachvarianten. Sprache, das ist ein Medium, das Jakob Zollinger ein Leben lang geliebt, gepflegt und genutzt hat: Neben wissenschaftlichen Aufsätzen und Büchern hat er Abertausende von Tagebuchseiten und Zeitungsartikeln damit gestaltet, immer um eine präzise und anschauliche Ausdrucksweise bemüht.

Jetzt hält Rektor Hans Weder das Mikrofon in der Hand. Er hebt zu einer zehnminütigen Eloge auf Ernst Buschor an, den abtretenden Bildungsdirektor des Kantons Zürich. Jakob Zollinger spürt ein Würgen im Hals. Das ist schwere Kost am Tag, an dem er in wenigen Minuten den Ehrendoktortitel der Universität Zürich erhalten wird: Ausgerechnet Ernst Buschor, der Künder von moderner Schule und New Public Management, der ihm die letzten Jahre in seinem Lehrerberuf so vergällt hat, wird da geehrt. Von Autonomie, Flexibilität, flacher Hierarchie spricht der Rektor, von einer etablierten neuen Diskussionskultur. «Er [Buschor] hat uns auf die Finger und zu uns geschaut», sagt Weder. Den ersten Teil des Satzes würde Ex-Primarlehrer Zollinger unterschreiben, den zweiten eher nicht. Eigentlich hat Jakob Zollinger den Erziehungsdirektor Buschor nicht mehr als aktiver Lehrer erlebt. Zollinger quittierte den Schuldienst 1993, Ernst Buschor wurde erst 1995 Erziehungsdirektor. Aber der Professor aus der St. Galler Wirtschaftsschmiede hatte schon als Finanzdirektor seine politische Wirkung entfaltet. Doch dann ist es überstanden: Ernst Buschor ist jetzt ständiger Ehrengast der Universität Zürich, Jakob Zollinger dagegen nur Gast an diesem einen Tag. Ihre Wege werden sich also wohl kaum so bald wieder kreuzen.

Acht neue Ehrendoktoren ernennen die verschiedenen Fakultäten an diesem Samstagmorgen Ende April 2003. Jakob Zollinger kommt als Letzter an die Reihe, nach der Galeristin und Kunstsammlerin Angela Rosengart aus Luzern und dem Musikforscher Ludwig Finscher aus Wolfenbüttel. Ernst und ruhig hört er sich die ehrenden Worte von Dekan Franz Zelger an:

«Die Philosophische Fakultät der Universität Zürich verleiht eine Ehrenpromotion an Herrn Jakob Zollinger. Herr Zollinger, Primarlehrer im Ruhestand, hat als Erforscher und Vermittler der Regionalkultur des Zürcher Oberlandes nicht nur in der Öffentlichkeit allgemein, sondern auch wissenschaftlich vielseitige Anerkennung und hohe Wertschätzung gefunden. Einen Schwerpunkt seiner bis heute weitergeführten Forschungstätigkeit bildet das Bauernhaus. Der kürzlich erschienene Band Die Bauernhäuser des Kantons Zürich: Das Zürcher Oberland wäre ohne seine jahrzehntelange Erhebungsund Deutungsarbeit nicht möglich gewesen. Verschiedene historisch bedeutsame Bauten im Zürcher Oberland sind auf Jakob Zollingers Initiative hin vor dem Abbruch bewahrt worden. Einen zweiten Bereich in Herrn Zollingers Wirken bilden seine Untersuchungen der Hochmoore im Zürcher Oberland, vor allem im Hinblick auf die Geschichte ihrer Nutzung und ihrer Integration in den Siedlungsund Wirtschaftsraum. Das Buch Zürcher Oberländer Urlandschaft – eine Natur- und Kulturgeschichte enthält auch bemerkenswerte Beiträge zur Erforschung der Orts- und Flurnamen. Die Verbindung verschiedener akademischer Disziplinen ergibt sich für Jakob Zollinger aus der Wahl seiner regionalen Themen. So öffnet sein Buch über Leben und Werk von Jakob Stutz auch den Zugang zur Erzählforschung. Herrn Zollingers Arbeiten sind wesentlich mitgeprägt durch seine gestalterischen Fähigkeiten. Hunderte von Zeichnungen ergänzen in minutiöser Darstellungstechnik seine Dokumentationen, und viele davon illustrieren seine Bücher und Zeitungsartikel in genauer Abstimmung von Bild und Text. Jakob Zollingers Wirken als Lehrer und Forscher kann schliesslich sowohl als fruchtbare Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft als auch als exemplarischer Beitrag zum Dialog zwischen Universität und Region gewürdigt werden.»

Zwei Ehrendoktorinnen und sechs Ehrendoktoren ernennt die Universität Zürich 2003. Rektor Hans Weder steht in der Mitte, Jakob Zollinger in der ersten Reihe ganz rechts.

Erst beim Händedruck lächelt er und geniesst den tosenden Applaus des Publikums. Dann geht Jakob Zollinger – die grosse Rolle mit der Urkunde unter dem Arm – an seinen Platz zurück. Dvořáks «Slawischer Tanz», interpretiert vom Pianisten Oliver Schnyder, beendet den formellen Teil des Anlasses. Jetzt wechselt die Gesellschaft in den grossen Lichthof zum Bankett für gut 500 Gäste. Die frisch dekorierten Ehrendoktoren haben sich schon vor dem Festakt im Irchelpark mit Rektor Weder für die Presse ablichten lassen. Beim Bankett folgt auf marinierte Antipasti mit Spargelspitzen, grünem Olivenöl und Rosenessig ein Schweinskarreebraten mit Bärlauchfüllung, neuen Kartoffeln und Frühlingsgemüse. Pannacotta mit Löwenzahnhonig und Erdbeeren beschliesst das Festessen. Wäre es nach dem Ehrendoktor aus dem Zürcher Oberland gegangen, hätte ein Schüblig mit Kartoffelsalat vollauf genügt. Den Räuschling und den Klevner vom Stäfner Lattenberg aber geniesst er uneingeschränkt.

Die Aufregung in der Ottiker Chindismüli war gross, als man bei der Rückkehr aus den Skiferien am Heinzenberg Anfang März in der Post den kurzen Brief des Rektorats entdeckte. Ehrendoktor der Universität Zürich sollte Jakob Zollinger werden, er möge sich den Samstag, 26.April, dafür freihalten. Rasch war ein Kärtchen aus eigener Produktion mit einem Winteraquarell von der Höchhand hervorgeholt und das überraschende Geschenk aus Zürich verdankt:

«Sehr geehrter Herr Professor Weder,eben heimgekehrt aus den Ferien, erreichte mich Ihre Post … Zuerst sprachlos, ungläubig, fast erschlagen. Nie hätte ich es gewagt, mir diese Ehrung nur zu erträumen, obschon ich aus dem Kreise meiner hiesigen Mitbürger immer wieder zu hören bekam: ‹Du chunsch emol de Tokter über für dini Aarbet …›

Niemals habe ich diese Ehre, wie sie meinen lieben Freunden Peter Ziegler, Heinrich Krebser und Heinrich Hedinger aus ähnlichen Gründen zukam, erwartet. Umso beglückter bin ich über Ihre Mitteilung, die meine Frau – bis der Brief vor mir lag – getreulich verschwiegen hatte. Zu viel der Ehre! Bin ich doch «nur» aus lauterer Freude und innerem Antrieb, seit meiner Jugendzeit, meinem Forschungsdrang auf historisch-volkskundlichem und naturwissenschaftlichem Gebiet gefolgt. Immer noch sprachlos, danke ich Ihnen für diese grosse Anerkennung, die mir neuen Antrieb für weitere Tätigkeiten gibt.

Ihr Jakob Zollinger»

Tochter Eva Zollinger weiss: «Der Dr. h. c. bedeutete unserem Vater viel. Spät bekam er jetzt auch noch Anerkennung von Fachgremien.» Und Sohn Röbi erinnert sich, dass der Ehrendoktor wochenlang das dominierende Thema in Ottikon war. Die Ehrung habe seinem Vater eine grosse Genugtuung verschafft. Zurückhaltender hat sich Fritz Zollinger zur Auszeichnung seines Bruder geäussert: «Der späte Ehrendoktor dürfte für ihn stille Genugtuung gewesen sein, mehr nicht. Da hat die Erziehung des Vaters nachgewirkt: Man verhält sich zurückhaltend und bescheiden.» Bestätigung findet die Sicht des Bruders in den Tagebüchern Jakob Zollingers. Er hat davon über Jahrzehnte zwei parallel geführt. In einem kleinformatigen Kalender notierte er das Tagesgeschehen. In den etwas grösseren Büchern schwelgte er in Text und Zeichnungen oder Aquarellen in Erinnerungen an die ihm so wichtigen Naturerlebnisse – Stimmungsbilder nannte er sie. In beiden Tagebüchern wird der Ehrendoktor mit nur je einem knappen Satz erwähnt.

Das Ehepaar Zollinger rätselt monatelang, wie es zu dieser Doktorwürde gekommen ist. Wer nur hat das eingefädelt? Denn von selbst geschieht so etwas nicht, sind sich die beiden einig. Bekannt ist, dass der Volkskundler Arno Niederer ein grosser Bewunderer von Zollingers Arbeiten gewesen ist. Ihm hat Heinz Lippuner, Wetziker Kantonsschullehrer aus dem Grüt und Privatdozent an der Universität, Ende der 1990er-Jahre erstmals die Idee eines Ehrendoktors Zollinger gesteckt. Doch dann verstirbt Niederer, und Lippuner verlässt altersbedingt die Universität. Er erzählt seinem Nachfolger in der Vereinigung der Privatdozenten, Ruedi Schwarzenbach, dem Rektor der Wetziker Kantonsschule, jedoch von dieser Idee. Die Privatdozenten schlagen am Ende die Promotion vor, und die zuständige Prüfungskommission kommt zu einem positiven Ergebnis. Jakob Zollinger hat diese Geschichte nicht mehr erfahren.

Aber ist er von der späten Ehrung tatsächlich so sehr überrascht worden, wie er in seinem Dankesbrief an Professor Weder schreibt? Da sind doch Zweifel angebracht. Einerseits verweist er auf wiederholte Anspielungen in seinem Bekanntenkreis. Das Thema muss also immer wieder einmal aufgegriffen worden sein. Und dann ist er in seinem kurzen Brief an Rektor Weder auch nicht um die Nennung von Ehrendoktor-Kollegen unter den Lokalhistorikern verlegen: Heinrich Hedinger aus dem Zürcher Unterland, Heinrich Krebser aus Wald und der Wädenswiler Peter Ziegler. In diese Reihe passt der Name Jakob Zollinger fraglos ausgezeichnet, das muss auch ihm klar gewesen sein.

Wie dem auch sei – es finden sich zahlreiche Personen, die diese späte Ehrung Jakob Zollingers für sein lebenslanges Forschen gutheissen. Für Ruedi Schwarzenbach ist Zollinger ein beispielhafter Forscher auf dem Land, der aus persönlichem Interesse und ohne akademischen Hintergrund wichtige Forschungsarbeiten betrieben hat. Heinz Lippuner sagt, für seine tiefschürfenden Forschungen habe Zollinger den Ehrendoktor mehr als verdient. Ein schönes Beispiel für das grosse Echo, das die Ernennung ausgelöst hat, ist der Gratulationsbrief, den ihm der Grütner Hausarzt Christoph Meili im Sommer 2003 geschrieben hat:

«Lieber JakobDie Würdigung Deines Lebenswerkes mit dem Ehrendoktortitel freut uns ausserordentlich. Deshalb vor allem, weil er die Anerkennung einer Leistung bedeutet, die nicht dem Ehrgeiz des Karrieredenkens entsprungen ist. Es ist ein beseeltes Werk, so auch eine Gnade, es schaffen zu müssen und zu können. Wir glauben deshalb in Deinem Sinne zu denken, wenn wir meinen, dass für Dich die grösste Genugtuung darin besteht, dass die «Gesellschaft» den kulturschaffenden und -erhaltenden Wert deiner Arbeit beachtet und damit Zeugnis ablegt von einem immanenten Verantwortungsgefühl.

Wir wünschen Dir noch für lange Zeit die Kraft, auf Deinem Weg weiterzugehen.

Mit herzlicher Gratulation und lieben Grüssen Ch. und Ch. Meili»

Jakob Zollinger bezeichnet in seiner Antwort das Glückwunschschreiben des Ehepaars Meili als die «treffendste und zugleich gehaltvollste und tiefsinnigste von all den vielen Gratulationen», die er habe entgegennehmen dürfen.

In einer Ecke des Estrichs ihres Müllerhauses in der Ottiker Chindismüli findet Elisabeth Zollinger-Anliker 15 Jahre nach dem Ehrentag an der Universität Zürich nach einigem Stöbern eine prall gefüllte Schuhschachtel voller Glückwunschschreiben zum Ehrendoktor. Gut 200 sind es, allesamt in zollingerschem Sammeleifer aufbewahrt. Viele von ihnen hat Jakob Zollinger schriftlich verdankt und beantwortet. Seminarkollegen, Jugendfreunde, Lehrerinnen und Lehrer, einzelne Schüler, Nachbarn und viele mehr drücken ihre Freude aus über den wohlverdienten Ehrentitel. Manche freut besonders, dass ein Nichtakademiker zum Zuge gekommen ist. Peter Surbeck, Ustermer Sekundarlehrer und Historiker, drückt es treffend aus: «Die Würde eines Dr. h. c. war meines Erachtens lange Zeit in dem Sinne zweifelhaft, als nur bereits gekrönten Häuptern eine weitere Krone aufgesetzt wurde. […] Dabei war dieser Ehrentitel in der Vergangenheit sicher für Nichtakademiker gedacht, die aus bescheidenen Anfängen heraus Grosses geschaffen haben. Und das ist bei dir der Fall!» In manchem Schreiben kommt der Stolz zum Ausdruck, dass ein Oberländer aus einfachen Verhältnissen berücksichtigt worden ist – und in der Ehrung des Kollegen, des Mitbürgers, des Vereinsmitglieds sonnt man sich auch gern ein wenig. Das betonen Glückwunschschreiben des Stadtrats von Uster, des Gemeinderats Gossau, der Antiquarischen Gesellschaft Wetzikon, der Sektion Bachtel des Schweizerischen Alpen-Clubs. Ja, selbst aus Kalifornien liegt ein Glückwunschschreiben vor. Der Swiss Athletic Club in San Francisco gratuliert – stellvertretend – Jakob Zollingers Bruder Emil, genannt Migg, zur Ehrendoktorwürde seines Bruders in der fernen Heimat. Auch ein ehemaliger Schüler Zollingers möchte sich vom Ruhm eine kleine Scheibe abschneiden. Auf seiner Gratulationskarte bemerkt er trocken, wenn ihn künftig jemand frage, wo in Herschmettlen er denn aufgewachsen sei, dann werde er nicht mehr sagen, im Flarz Zollinger/Girschweiler gegenüber der Weinschenke, sondern ganz einfach: «Im Tokterhuus.»

Worin aber liegt die besondere Leistung Jakob Zollingers als Forscher? Die Laudatio an der Universität Irchel deutet einiges an: Er hat ein Leben lang seine Umgebung in der historischen Dimension erforscht: Das Entstehen der Drumlinlandschaft fasziniert schon den Knaben in Herschmettlen, ebenso wach ist sein Interesse für die Pflanzen und Tiere seiner Umgebung. Sein besonderes Augenmerk gilt den alten Wirtschaftsweisen, den Flurnamen, den Bauernhäusern und dem Leben darin. Jahrelang hat er Häuser besichtigt, aufgenommen, gezeichnet, dokumentiert und katalogisiert, zum Teil nebenberuflich, drei Mal auch während halb- oder ganzjähriger Urlaubsphasen vom Lehrerberuf. Als es dann aber gilt, sein Buch über das Zürcher Oberland abzuschliessen, gewähren ihm die Schulbehörden keinen weiteren Urlaub mehr, und andere müssen das Werk vollenden, das er von langer Hand und mit reichem Material vorbereitet hat.

Ein ganz und gar ungewöhnliches Kleinod ist seine Herschmettler Chronik. Darin hat er zwischen 1949 und 1964 – also im Alter von 18 bis 33 Jahren – die Entwicklung seines Heimatdorfes zuoberst im Glatttal in 19 handgeschriebenen, kleinformatigen Heften dokumentiert. Sie sind mit vielen Skizzen, Tabellen und Zeichnungen illustriert – wahrscheinlich ist Herschmettlen die besterforschte Kleinsiedlung weit und breit. Die Chronik enthält Informationen zur Geologie und Bodennutzung, zu Einwohnern, zur Wasserversorgung, zum Schulwesen und zu Kirchlichem. Neben Anekdoten aus dem Dorf wird darin auch der Dorfbrand von 1870 und seine Folgen geschildert. Jakob Zollinger hat seine Herschmettler Chronik mannigfach ausgewertet. So bezieht eine ganze Anzahl seiner gesamthaft 75 umfangreichen Beiträge im Heimatspiegel, der historisch-kulturellen Monatsbeilage des Zürcher Oberländers, ihren Stoff aus der Chronik. Die Vielfalt der Themen lässt sich an einigen der Titel ablesen: «Mannhafte Wächter im Blumengarten der Töchter – die Geschichte des Nachtheuelvereins Herschmettlen», «Ein Haus erzählt – zum Grossbrand vom 20.Juli 1996», «Kein Platz für Tante Emma – zur Schliessung des Dorfladens in Herschmettlen», «Grenzstreit am Gerbel – Sonnen- und Schattenseiten eines Oberländer Hügels», «Eine Oberländer Kleinsennerei – als es noch Fuchsrütlerkäse gab».

Eine eigene Qualität erhalten Zollingers Publikationen durch seine Illustrationen. Mit Recht wird in der Laudatio der Universität ihr besonderer Charme hervorgehoben, den sie dadurch erhalten, dass der Autor auch ihr Illustrator ist und sie so eigentliche Gesamtkunstwerke darstellen. Ob mit dem Bleistift, mit Farbstiften, Tuschefeder, Ölkreide oder Wasserfarben – Zollingers zeichnerisches Talent ist offensichtlich, seine Gabe des genauen Hinsehens ebenso. Und dann sind da seine berühmten Fragen. Schon im Jünglingsalter hat er einen Fragebogen mit 65 Fragen entwickelt, den er dann mit Dutzenden vorwiegend älteren Frauen und Männern aus seiner Umgebung systematisch durchgeht. Später wechselt er zu Tonbandinterviews mit betagten Gewährsleuten. Der Volkskundler Richard Weiss hat sich schon beim ersten Kontakt erstaunt über die innovative Forschungsmethode Zollingers gezeigt. Er sei ein früher Repräsentant des Forschungsgrundsatzes «Grabe, wo du stehst» und der Oral History, der Geschichte, die aus mündlichen Erzählungen geschrieben wird. «Zollinger betrieb Feldforschung, als die Studierten an der Uni noch mehrheitlich in Büchern blätterten» stand in einem Zollinger-Porträt im Tages-Anzeiger.

Stoff und Themen gibt es also genug, um in den folgenden Kapiteln den Werdegang Jakob Zollingers nachzuzeichnen. Zumal da auch noch vom Kleinbauernbub aus einer religiösen Familie, vom erfolgreichen und vom leidenden Schüler, vom Lehrer, vom Erzähler, vom politischen Kämpfer ganz eigener Art, vom Ehemann, vom Vater und vom Lebemann, der er zeitweise auch war, zu berichten ist.

Zollikon, Oberottikon, Herschmettlen

Die Zollinger hiessen ursprünglich Zolliker und stammen aus Zollikon am Zürichsee. 1332 ist das Geschlecht in Grüningen und in den umliegenden Gemeinden, also auch in Gossau, erstmals nachgewiesen. Das hat der junge Jakob Zollinger Ende der 1940er-Jahre bei seinen Nachforschungen im Staatsarchiv und auf dem Notariat Grüningen herausgefunden. Die Familienchronik begründet er in seinen Jugendjahren und führt sie bis 1947. Dann übernimmt beim Umzug der Familie auf den neu erbauten Bauernhof im Grüt sein Vater Emil die Aufgabe, womit sie zu einer eigentlichen Hofchronik wird. Ab 1967 verfasst sein älterer Bruder Fritz weitere Einträge.

Der erste bekannte Vorfahre der Familie Zollinger ist Peter. Er wird 1535 in Oberottikon geboren. In dieser Zeit verbreitet sich Zwinglis Reformation im Zürcher Oberland. Die Kirchgemeinden führen deswegen erstmals zuverlässige Tauf-, Ehe- und Todesregister. Von diesem Zeitpunkt an lässt sich die Geschichte der Familie nachverfolgen. So ist im Gossauer Taufregister für den 4. April 1557 die Geburt des ersten Sohnes von Peter Zollinger vermerkt. Johannes ist sein Name, und als Taufzeugen sind Hans Isler aus dem Hanfgarten und Anna Dürsteler aus Adletshausen aufgeführt. Jörg Zollinger – ein weiterer Sohn von Peter Zollinger – wird 1592 als Schneider zu Ottikon bezeichnet. Der Chronist vermutet, dass Jörg nur im Nebenberuf als Schneider gewirkt hat, weil in jener Zeit die Bauernhöfe so klein sind, dass ein Zusatzeinkommen unabdingbar ist. Drei Generationen später heiratet Hans Jacob Zollinger im Jahr 1723 Anna Egli aus dem Nachbardorf Herschmettlen. Weil ihm sein Vater Ezechiel keinen Hof hinterlässt, zieht er mit seiner Einheirat nach Herschmettlen um. Von nun an bleibt die Familie Zollinger über mehr als 200 Jahre bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts in der südlichsten Aussenwacht der Gemeinde Gossau sesshaft. Das Ehepaar Zollinger-Egli hat sieben Kinder, von denen aber drei das Kindesalter nicht überleben – die Kindersterblichkeit ist zu dieser Zeit hoch. 1732 wirkt Hans Jacob – genannt Jagli – in der Kirchgemeinde Gossau als «Ehegaumer». Als verlängerter Arm des Pfarrers ist er dabei eine Art Sittenpolizist. In der Gemeinde gibt es sechs solche Ehegaumer. Weil sie jeweils am Sonntag nach der Predigt in der Kirche beisammen stillstehen und aktuelle Fragen besprechen, heisst ihr Gremium Stillstand – es ist quasi der Gemeinderat. Diese Institution beleuchtet Jakob Zollinger in einer Abhandlung zur Gossauer Kirchengeschichte, die er 1982 in der Vierjahresschrift Gossau – Deine Heimat publiziert. In ihrem Amtseid müssen die Ehegaumer schwören, Hurerei und Ehebruch anzuzeigen. Ebenso haben sie Ehescheidungen zu verhindern sowie das Schwören, Gotteslästerung, Trunksucht, Spielen, Tanzen und andere Laster zu bekämpfen. Das ist alles andere als ein leichtes Pflichtenheft, das Amt ist denn auch nicht begehrt. Hans Jacob Zollinger absolviert eine Amtszeit von zwei Jahren. Die Bedeutung seiner Funktion unterstreicht die Tatsache, dass der Grüninger Landvogt die Ehegaumer vereidigt.

Hans Heinrich, der jüngste Sohn des Ehepaars Zollinger-Egli, heiratet 1761 die Baumerin Susanna Spörri und übernimmt den elterlichen Hof. Das Paar hat nicht weniger als elf Kinder, von denen aber ebenfalls sechs im Kindesalter sterben. Weil es üblich ist, dem nächstgeborenen Kind den Namen des zuletzt verstorbenen zu geben, haben Susanna und Hans Heinrich zwei Töchter namens Anna Cleopha und vier Knaben mit dem Namen Hans Jakob.

Zu Lebzeiten Hans Heinrichs beginnen die Eintragungen des Notariats Grüningen. So kann Jakob Zollinger nachverfolgen, welche Käufe und Verkäufe von Äckern, Wiesen und Waldparzellen getätigt werden. 1775 kauft Hans Heinrich gemäss Grundbuch einen Acker und drei weitere Grundstücke rund um Herschmettlen. Im Gegenzug verkauft er ein Wegrecht. Bei seinem frühen Tod im Jahr 1783 mit erst 45 Jahren hat er seinen Hof auf sieben Grundstücke vergrössert. Als 1797 die Mutter Susanna stirbt, leben nur noch vier Kinder: die Söhne Hans Jakob und Felix sowie die Töchter Maria und Susanna. Die Brüder zahlen die beiden ledigen Schwestern aus. Maria bekommt 35 Gulden, Susanna 40. Das Geld wird ihnen allerdings erst bei ihrer Heirat ausbezahlt, und das zinslos. Bis dahin haben sie ein Wohnrecht bei ihren Brüdern. «Womit sie dann des gänzlichen ausgericht heissen seijn und bleiben, und an ihre Brüder des väter- und mütterlichen Erbguts halber weiter nichts zu suchen noch anzustreben haben sollten», lautet der unmissverständliche behördliche Kommentar zu dieser Abfindung. Gleichzeitig teilen die Brüder den Hof auf. Sie bauen eine zweite Wohnung an die bestehende an und teilen diese mittig – eine damals übliche Methode, zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Diesem Phänomen, dem sogenannten Unterschlagen einer Wohnung, widmet sich der Bauernhausforscher Jakob Zollinger 150 Jahre später intensiv.

Im gleichen Jahr 1797 heiratet Felix Zollinger Anna Diener aus Binzikon-Grüningen. Das Paar hat acht Kinder, zwei weitere Knaben werden tot geboren und nur gerade zwei der Kinder überleben das Kindesalter. Im Totenregister der Kirchgemeinde ist damals als häufigste Todesursache «Gichter» – eine Krankheit, die sich in Krämpfen und Lähmungserscheinungen äussert – genannt. Die Säuglinge sterben in der Regel im Alter von einem bis fünf Monaten.

Für kurze Zeit bricht damals die europäische Geschichte in die kleine Welt zuoberst im Glatttal ein. Fremde Truppen besetzen die Schweiz während der Koalitionskriege. Im August 1799 bietet sich den Einheimischen ein besonderes Spektakel. Der russische General Alexander Korsakow zieht mit seinem Heer südlich des Herschmettler Haushügels Gerbel auf der alten Landstrasse Rapperswil–Zürich vorbei. Eine Woche später folgen die verbündeten Österreicher unter General Friedrich von Hotze. Er bezieht mit 5300 Mann im nahen Grüningen Quartier. Ganz Herschmettlen soll dem Durchzug der Truppen staunend zugeschaut haben. Einen Monat später geht es in die umgekehrte Richtung zurück: Die in der zweiten Schlacht von Zürich geschlagenen Russen ziehen plündernd ostwärts ab, verfolgt von den siegreichen Franzosen. Vor allem auf den Höfen in der Fuchsrüti richten sie grosse Schäden an.

Das Wappen der Familie Zollinger mit einem Auszug aus dem Stammbaum. Jakob Zollinger hat es als 19-Jähriger recherchiert und in seiner Familienchronik dargestellt. In der untersten Reihe finden sich Jakob und seine fünf Geschwister.

Doch zurück zu den privaten Angelegenheiten der Familie Zollinger. Die Brüderteilung führt auch zu einer Präzisierung des Familiennamens. Um die beiden Zollinger-Zweige auseinanderzuhalten, gibt man ihnen Beinamen. Seit Ezechiel haben seine Nachkommen den Beinamen «s’Zäche» getragen, jetzt kommt Felix hinzu. «S’Zäche Felixe» ist fortan der Beiname des Zweigs, dem Jakob Zollinger entstammt. Die Familie bleibt nicht untätig. Es gelingt Felix, durch zahlreiche Zukäufe sein Heimwesen in den folgenden Jahren markant zu vergrössern. Bei seinem Tod umfasst es nahezu acht Jucharten; vier Jahrzehnte zuvor waren es lediglich dreieinhalb Jucharten – eine Jucharte entspricht etwa dem dritten Teil einer Hektare. Der einzige Sohn von Felix, Hans Jakob, ist dann weit weniger rührig. Er ist auf dem Landhandel kaum aktiv und stirbt bereits 1858 mit 56 Jahren. Ob er selbst an der wenig ruhmreichen Züriputsch-Episode der Herschmettler beteiligt war, ist nicht belegt, es ist aber wahrscheinlich. Die konservativen Bauern auf der Landschaft zwingen damals die liberale Zürcher Regierung zum Rücktritt. Am 6. September 1839 zieht eine Schar Herschmettler, mit Stöcken und Knüppeln bewaffnet, gegen Zürich. Aber schon vor dem Wirtshaus Hirschen in Egg «muss der Durst grösser gewesen sein als ihr Patriotismus» heisst es in der Zollinger-Chronik. Die Männer bleiben im Wirtshaus hängen. «Als ihr Freiheitsdrang genug mit Flüssigem abgekühlt war, schenkten alle ihre Waffen der Wirtin als Brennholz» – so viel zu den Herschmettler Kriegshelden.

Die Ehefrau von Hans Jakob, Elisabeth Bünzli aus Bäretswil, stirbt bereits mit 45 Jahren. Von den fünf Kindern überleben drei, Sohn Heinrich (1830–1907) übernimmt das väterliche Erbe. In einem umfangreichen Auskaufsvertrag wird das Erbe detailliert aufgelistet. Die beiden Schwestern werden mit je 500 Franken für ihren Verzicht auf die Realteile entschädigt. Der vergleichsweise stattliche Hof bleibt also ungeteilt – eine gute Voraussetzung für die Zukunft der bescheidenen Existenz. Kommt hinzu, dass der junge Bauer in den Folgejahren Torfland und kurz darauf ein Stück Ackerland zukaufen kann.

Doch dieses gedeihliche Fortkommen hin zu einem bescheidenen Wohlstand findet in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1870 ein jähes Ende. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Herschmettlen haben sich an diesem Mittwochabend nach dem Schulexamen und dem anschliessenden Umtrunk in den beiden Dorfwirtschaften noch kaum schlafen gelegt, als um halb 12 Uhr nachts das Feuerhorn ertönt. Im Oberdorf steht eine kleine Scheune in Flammen. Ein Anwohner hat das Feuer gelegt, wie sich später herausstellt. Angefacht durch einen kräftigen Westwind breiten sich die Flammen in Windeseile aus. Zuerst fängt das angrenzende Dreifamilien-Flarzhaus Feuer, in dessen mittlerem Teil «s’Zäche Felixe» wohnen. Sie können bloss ihr Leben retten, sonst aber fast nichts. Auch die hinter dem Haus stehende, noch nicht versicherte Scheune geht in Flammen auf. Das Vieh kann bis auf zwei Schweine mit nachbarlicher Hilfe gerettet werden. Noch bevor die auswärtigen Feuerwehren eintreffen, brennen vier weitere Häuser, und das oberste im Dorf beginnt ebenfalls Feuer zu fangen. Es findet in den alten, hölzernen Häusern mit ihren Schindeldächern allzu leichte Nahrung, und zu allem Übel dreht plötzlich der Wind. Ein kräftiger Föhn bläst das Flammenmeer und die herumfliegenden Holzstücke in Richtung Mittel- und Unterdorf. Bis über den zwei Kilometer entfernten Rebberg am Bernet hinaus seien brennende Teile in Richtung Oberottikon geflogen, berichten Augenzeugen. Erst als die grossen Pumpenspritzen aus Hombrechtikon, Rüti, Hinwil und Wetzikon eintreffen, kann das Feuer wirksam bekämpft werden. Der Doppelflarz im Mitteldorf, in dem später Jakob Zollingers Familie wohnen wird, beginnt ebenfalls zu brennen, kann dann aber vor der gänzlichen Zerstörung bewahrt werden.