Jeden Morgen steht nen Doofen auf - Gerwin Merten - E-Book

Jeden Morgen steht nen Doofen auf E-Book

Gerwin Merten

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Anhand authentischer Kriminalfälle stellt der Autor seine Ermittlungsarbeit dar. Die aufkeimende Organisierte Kriminalität im Ruhrgebiet der 70er bis 80er-Jahre wird von ortsansässigen Tätern und Banden begangen. Die gesellschaftlichen und technischen Entwickelungen beeinflussen Täter und Ermittler. Die Zusammenarbeit mit einem leichtlebigen V-Mann wird für den Ermittler immer wieder zur Gratwanderung zwischen Vertrauen und Kontrolle. Lebensweise, Aufstieg und Fall des V-Manns werden spannend geschildert. LeserInnen dürften trotz seiner kriminellen Machenschaften Sympathie und Erheiterung empfinden. Der Buchtitel ist sein Lebensmotto. Am konkreten Fall werden Erstinformation und die eingeleiteten Ermittlungsschritte dargestellt. Eigene Fehler sowie Versäumnisse von Politik, Gesellschaft und Justiz werden deutlich. Schließlich wird auch die Verdrängung der örtlichen Kriminalität durch internationale kriminelle Strukturen erfahrbar. Drei Jahrzehnten Umgang mit der OK erforderten den häufigen Einsatz von Schusswaffen. Dennoch hat der Ermittler niemals schießen müssen. Gründliche Einsatzplanung, Taktik und Fortune haben entscheidend dazu beigetragen. Aus Sicherheits- und Datenschutzgründen wurden die Namen der beteiligten Personen abgeändert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gerwin Merten

Jeden Morgen steht nen Doofen auf

- authentische Kriminalfälle

© 2021 Gerwin Merten

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:      978-3-347-30004-0

Hardcover:      978-3-347-30105-4

e-Book:             978-3-347-30005-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Jeden Morgen steht nen Doofen auf -authentische Kriminalfälle

Inhalt

Prolog

Der Vertrauensmann

Der Kriminalist

Gemeine Jugendspäße

Verhältnis Vertrauensmann und Kriminalist

Mordplan gegen Chefermittler

Kalksandsteine statt Felgen

Zuhälter werden ausgenommen

Raffgier

Nicht alles, was glänzt, ist Gold

Ganoven zeigen Charakter

Absatzhilfe für Volkswagen

Grenzgänger

Knalleffekt und Branchenwechsel

Autoverleih nach Osten

Nachtrag

Prolog

Sie ereigneten sich von Anfang der 70er-Jahre und setzten sich bis in die 90er fort. Es war Zeit des Aufschwungs nach dem Krieg und der Deutschen Mark. Zum besseren Verständnis möchte ich kurz die Zeit beschreiben. Viele Unternehmen, so auch der größte Arbeitgeber im Revier, die Ruhrkohle AG, stellten damals gerade von der Barauszahlung per Lohntüte auf Banküberweisung um. Den sogenannten Lohntütenball am Zahltag zum Ende des Monats habe ich als Polizist noch miterlebt. In den unzähligen Kneipen im Pott wurden Liebe LeserInnen Gerwin Merten ist mein Pseudonym. Über mehrere Jahrzehnte war ich als Kriminalist im Bereich der Organisierten Kriminalität tätig. Die von mir bearbeiteten Fälle versuche ich unterhaltend und informierend darzustellen. an diesem Tag die ausstehenden Deckel bezahlt und gebührend gefeiert. Entsprechend war das Einsatzaufkommen der Polizei. Der monatliche Durchschnittslohn betrug etwa eintausendzweihundert Deutsche Mark brutto. Frauen erhielten gerade die Erlaubnis, ohne schriftliche Genehmigung ihres Ehemannes, eine Arbeit aufzunehmen. Die Straßen waren im Verhältnis zu heute nahezu leer. Das Bild prägten VW Käfer, Opel Kadett und Ford Taunus. Es gab noch den Tante-Emma-Laden, wo im Verlaufe des Monats noch Einkäufe in einem Buch angeschrieben wurden. Hochkonjunktur hatte das Büdchen, wie der Kiosk im Ruhrgebiet genannt wurde. An Fast Food, Mobiltelefon, Fax, Computer oder gar Internet war noch nicht zu denken. Lange nicht jeder besaß einen der ersten Farbfernseher oder ein Telefon. Aber das Wirtschaftswunder entfachte einen riesigen Aufschwung. In den 90ern war die technische Entwicklung schon wesentlich rasanter. Die folgenden Fälle sind authentisch. Kleine Details mussten jedoch zum Schutz von einzelnen Beteiligten unwesentlich abgewandelt werden. Um Persönlichkeitsrechte nicht zu verletzen und eine auch heute noch denkbare Gefährdung auszuschließen, habe ich fiktive Namen benutzt. Die geschilderten Fälle verdeutlichen aber auch die von mir über nahezu fünfzig Jahre beobachtete und erlebte Entwicklung der Kriminalität in Deutschland. Weil ich schon damals eine Veröffentlichung plante, habe ich jedes Jahr im Urlaub die besonderen beruflichen Ereignisse in Kladden notiert. Später nutzte ich ein Notebook. Zu Beginn war die Kriminalität geprägt durch überwiegend ortsansässige Kriminelle, zu denen seitens der Polizei ein loser Kontakt bestand, der auch von gegenseitigem Respekt bzw. gewissem Verständnis bestimmt war. Kurz, man kannte sich. Mit den offenen Grenzen und der Migration ergab sich der Wandel zu kriminellen Organisationen aus dem Ausland, Mafia-Strukturen bis hin zu heute herrschenden Clans. Polizeiliche Kontakte in diese Szene sind, schon wegen der Sprachbarrieren und der kulturellen Unterschiede, nahezu ausgeschlossen. Zum Ende dieses und insbesondere in meinem Folgebuch wird deutlich werden, wie intensiv und mit welchen Mitteln die örtliche Kriminalitätsszene verdrängt wurde.

Das Besondere an meiner Geschichte ist wohl das Verhältnis zwischen dem Kriminalisten und einem Kleinkriminellen, der sich zu einem Vertrauensmann (V-Mann) entwickelte. Die offizielle Bezeichnung ist V-Person, weil sie auch weiblich sein könnte. Da es sich in diesen konkreten Fällen um eine männliche Person handelt, werde ich bei den maskulinen Begriffen bleiben. Die Vorstufe zum V- Mann ist der Informant. Dieser liefert in bestimmten Einzelfällen, aus welchen Motiven auch immer, verdeckt der Polizei Informationen über Straftaten und Täter. Der V- Mann dagegen ist zwar Informant, arbeitet aber mehr oder weniger regelmäßig mit der Polizei zusammen. Er kann auch gezielt von dem V-Mann-Führer eingesetzt werden. Wegen des Entdeckungsrisikos hält möglichst nur ein Ermittler den Kontakt. Informanten und V-Personen handeln aus sehr unterschiedlichen und auch wechselnden Motiven. Es können Geltungsbedürfnis oder Gerechtigkeitsempfinden sein. Ein Anreiz kann die finanzielle Belohnung sein. Nicht selten erhofft derjenige sich als Beschuldigter in einem anstehenden Strafverfahren eine mildere Beurteilung. Gerichte bewerten natürlich nicht nur die angeklagten Delikte, sondern auch die Persönlichkeit. Klar ist, dass der V-Mann sich in der Szene bewegen oder aber mindestens ein Grenzgänger sein muss. Ein Pastor wird der Kripo kaum relevante Informationen liefern können, es sei, denn er verletzt z. B. das Beichtgeheimnis. Also muss der V-Mann schon mindestens ein ehemaliger Krimineller sein. Problematisch bleibt bei dem V-Mann regelmäßig sein persönlicher Umgang mit Recht und Gesetz. Er hat jedoch keinen Schutz zu erwarten, wenn er weiterhin selbst straffällig wird. Es muss absolut verhindert werden, dass Informant oder V-Person namentlich in die Ermittlungen hineingezogen werden, um jegliche Gefährdung weitgehend auszuschließen. Nur so kann auch die zukünftige Informationsgewinnung gesichert werden. Hierzu gibt es eine sogenannte Vertraulichkeitszusage. Auf deren Basis können Polizeibeamte, die den V-Mann führen oder auch kennen, vor Gericht jegliche Aussage zu der Person verweigern. Ich werde in der Folge aber auch noch ein Beispiel schildern, in dem ein Landgericht sich damit nicht abfinden wollte. Meine Weigerung fand zwar spät aber dennoch rechtzeitig die Unterstützung der Politik.

In meinem Fall hatte sich eine persönliche Beziehung zwischen dem V-Mann und mir, dem Kriminalisten, entwickelt. Diese Beziehung war jedoch rein dienstlicher Natur. Sie war geprägt von Respekt, Anerkennung und Vertrauen, wie der Begriff schon besagt. Dieser V-Mann war für mich als Kriminalisten schon etwas Besonderes, weil sein Handeln zumindest sozial geprägt war. Bei vielen der von ihm im Laufe der Jahre begangen Straftaten konnte ich ein innerliches Grinsen nicht vermeiden, denn seine Opfer waren gleichzeitig auch Täter. Er war ein absoluter Sympathieträger, der sogenannte „Traum einer Schwiegermutter“. Seine Fantasie und sein Geschick versetzten ihn in die Lage, die Schilderung von Ereignissen innerhalb von Sekunden anzupassen und in seinem Sinne darzustellen. Oft ist es ihm durch sein sympathisches Auftreten gelungen, sein Umfeld, nicht zuletzt die Gerichte, vollkommen für sich einzunehmen. In der Folge gab es eine Reihe sehr milder Urteile.

Es wird dem Leser sicherlich nicht leicht fallen, die Ereignisse nicht unter den heutigen technischen Aspekten zu betrachten. Der Mangel an Technik erforderte eine völlig andere Kommunikation. Die Ermittlungsarbeit war gelegentlich weniger kompliziert, weil die Täter sich untereinander weniger schnell verständigen konnten. Unser Modellprojekt als erste OK-Dienststelle in NordrheinWestfalen war 1974 überfällig. Im Rahmen eines Verfahrens gegen Essener Zuhälter wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung führten wir 1974 die erste Telefonüberwachung in NRW im sogenannten Festnetz durch. Anfang der 80er gab es aber schon in den Pkw der Topkriminellen das C-Netz, auf das wir wiederum keinen Zugriff hatten. Folge war, dass sie Gespräche, wenn es zur Sache kam, vom Festnetz abbrachen und sich zu Telefonaten vom Auto aus verabredeten. Die Organisierte Kriminalität war im Gegensatz zur Polizei früh damit ausgestattet und nutzt den ständigen technischen Vorsprung bis heute weidlich aus. In einem Kfz-Verfahren führten wir das erste Ermittlungsverfahren in NRW durch, das mit Computern unterstützt wurde. Die Zukunft der kriminalpolizeilichen Ermittlungen wurde eingeläutet.

Nach einer kurzen persönlichen Vorstellung werden die Ereignisse phasenweise von dem Kriminalisten oder aus der Sicht des V-Mannes geschildert, der regelmäßig mit seinen Erstinformationen beginnt.

Der Vertrauensmann

„Mein Name ist Fred Riedel, ich bin 1946 geboren und in Essen-Altendorf, einem typischen Arbeiterviertel des Ruhrgebiets, aufgewachsen. Heute ist Altendorf fest in der Hand des Libanesen Clans, da musst du höllisch aufpassen. Mein Vater, ein sogenannter Kruppianer, ist früh verstorben, sodass ich mich kaum an ihn erinnern kann. Meine Mutter, die wegen der kärglichen Rente in einer Heißmangel in der Nachbarschaft Geld hinzuverdiente, hat mich allein mit mehr oder weniger Erfolg großgezogen. Die Realschule habe ich mit Ach und Krach geschafft, nicht weil es mir an Intelligenz mangelte, nein das Herumziehen mit Freunden war mir wichtiger. Ich bin schlank, dunkelblond und wie die Leute sagen, ausgesprochen gutaussehend. Die Natur hat mich mit einem sonnigen und freundlichen Gemüt ausgestattet. Ich gehöre nicht zu den Größten und Stärksten. Daher habe ich, um mich durchzusetzen zu können, schon im Kindergarten all meine Cleverness und Tricks dazu benutzt, größere und stärkere Jungen auf meine Seite zu ziehen. Meist waren dies keine geistigen Leuchten, aber sie dienten meinen Zwecken. Mit allerlei Notlügen konnte ich mich in meiner Jugend immer wieder brenzligen Situationen entziehen. In der Schule und auf der Straße bedurfte es schon einer Menge Tricks um sich durchzumogeln. So bekam ich schnell den Spitznamen „Lügen-Fred“ und wurde ihn nie wieder los. Zumindest für das Milieu und natürlich auch für die Polizei. In der Jugendgang in unserem Viertel war ich wegen meiner Cleverness anerkannt. Ich wusste, auf welchen Wegen wir an Zigaretten, Alkohol oder auch Mädchen für Partys kamen. In dieser Zeit lernte ich auch Brigitte Knaup kennen, die in unserem Viertel wohnte. Mal waren wir zusammen, mal war sie die Freundin eines anderen. Sie nahm das nicht so genau, kam aber immer wieder zu mir zurück.

Noch etwas zu unserer Jugendbande. Die Ideen hatte ich und kannte auch die Tricks. Andere führten sie aus. Da es sich meist nicht um legale Sachen handelte, fiel der ein oder andere auf und landete beim Jugendrichter. Aber das war nicht weiter tragisch. Es blieb als Jugendlicher zunächst bei Verwarnungen. Später konnten Wochenendarreste oder sogar Bewährungsstrafen folgen. Wenn das Unglück es wollte, dass die Bewährung widerrufen wurde, halfen wir uns mit meiner Idee. Da ich ein kluges Kind war, hatte ich von der Vollstreckungsverjährung gehört. Das heißt, Jugendstrafen verjähren, wenn sie nicht innerhalb eines Jahres vollstreckt werden. Aber die Jugendknäste waren damals häufig überfüllt. Bekam einer von den Jungs einen freien Platz zur Vollstreckung zugewiesen, musste er etwas vorweisen, was belegte, dass seine soziale Entwicklung durch eine Verbüßung ausgerechnet jetzt beeinträchtigt würde. Also wurden Unterlagen über eine neue Lehrausbildung, Berufsförderung oder Ähnliches vorgelegt. Nicht in allen Fällen waren die echt. Durch einsitzende Delinquenten und plappernde Jugendgerichts- oder Bewährungshelfer waren wir über die aktuelle Vollstreckungslage im Bezirk des Landgerichts Essen gut informiert und konnten so zeitgerecht reagieren. In vielen Fällen schafften wir es so bis zur Vollstreckungsverjährung. Das wurde gebührend gefeiert und mir zugerechnet. Ich beherrschte den Umgang mit dem System. Diesen Trick haben wir auch mit anderen Jugendgangs abgesprochen. Wir waren schon damals, auch ohne Smartphone, gut vernetzt.

Aber die Geschichte gibt es heute auch noch bundesweit. Wird inzwischen, dank sozialer Medien, vermutlich noch ausgefeilter funktionieren. Gerwin Merten kennt die Masche. Das geht ihm natürlich total gegen den Strich. Aber wer fragt den Bullen schon?

Verrat untereinander war damals undenkbar. So konnte ich mich während meiner Jugendzeit als Lenker im Hintergrund sauber halten. Als Erwachsener bin ich dann das ein oder andere Mal unglücklicher-weise aufgefallen. Mit einigen auch derben Späßen stieg mein Ansehen bei den Jungs in unserer Gang. Letztendlich bewahrten mich mein sonniges Gemüt und meine Cleverness nicht vor herben Rückschlägen. Ich wurde von den Bullen geschnappt und von Zuhältern gefoltert. Am Ende kam es ganz dicke. Ich habe alles verloren und bin einfach von der Bildfläche verschwunden.“

Der Kriminalist

Zunächst möchte ich erklären warum ich mich, als Kriminalist bezeichne und nicht Kriminalbeamter oder gar Dienstgrade benutze. Im Gegensatz zu dem Kriminalbeamten recherchiert der Kriminalist aktiv, um den Täter zu ermitteln und zu überführen. Bei dem Kriminalbeamten, dieser Begriff trifft leider auf eine überwiegende Mehrheit unserer Branche zu, steht das Verwalten durch einen Beamten im Vordergrund. Auf diesen Punkt gehe ich im Verlauf der Schilderungen noch häufiger konkreter ein.

Ich bin ein Jahr jünger als Fred. Als Kind des Ruhrgebiets bin ich gegenüber einer Zeche, auf der mein Vater Obersteiger war, aufgewachsen. Ich bin mittelgroß, schlank, habe hellblondes kurzes Haar und einen Schnäuzer. Ich treibe von Kindheit an bis heute Sport aller Art. Der Ausdauersport hat mich mental und charakterlich geprägt. Ein Aufgeben ist mir ebenso fremd, wie Ermüdung. Das versetzte mich in die Lage, auch mal über 36 Stunden einen laufenden Einsatz zu führen. Die total zerrüttete Ehe meiner Eltern zwang mich, mit siebzehn Jahren das Elternhaus zu verlassen und die Schulausbildung am Gymnasium abzubrechen. Der Polizeiberuf bot sich an, weil dort während der Ausbildung schon eine Unterkunft und ein eigenes Einkommen geboten wurden. Militär kam als Alternative nicht in Betracht, weil ich mich ideologisch eher zu den 68ern zähle. Meine Grundeinstellung brachte mir schon bei der vermeintlich zivileren Polizei genügend Probleme. Nach der Grundausbildung wechselte ich früh innerhalb der Schutzpolizei vom Streifendienst in ein ziviles Team zur Kriminalitätsbekämpfung in Essen. In dieser Zeit gab es massive Auseinandersetzungen mit meinem Schutzbereichsleiter, der den ehemaligen SS-Reiteroffizier noch nicht abgelegt hatte sowie mit einem politisch verstrickten Polizeipräsidenten. Ich trat mit Kollegen massiv gegen deren Bevorzugung von Prominenten und Parteifreunden ein. Dies war meiner Karriere nicht gerade förderlich. Es brachte mir in der Personalakte die Bewertung „mangelnde charakterliche Eignung für Führungsfunktionen“ ein. Wenige Jahre später erreichte ich nach einem Kriminaldienstlehrgang mein zu Beginn angepeiltes Ziel, die Kriminalpolizei. Im Team waren wir über ein Jahr als Kriminalwache der Ruhrgebietsgroßstadt Essen außerhalb der Bürodienstzeit, also nur im Spät- und Nachtdienst, für sämtliche anfallende Kriminalität zuständig. Das ging vom Einbruch über Raub bis hin zum Tötungsdelikt. Da anschließend in meiner Wunschdienststelle für Einbruch und Raub, keine Stelle frei war, blieb mir nur der Wechsel in das Kommissariat für Kfz-Diebstahl. Hier fühlte ich mich von Anfang an fehl am Platze. Wegen der Masse der Delikte wurde nicht ermittelt, sondern die Kriminalität verwaltet. Hier hatte ich es leider ausschließlich mit Kriminalbeamten zu tun. So gingen in meinen ersten Monaten ein Großteil aller Festnahmen des Kommissariats auf mein Konto. Mein Engagement stieß bei meinen Kollegen und auch bei dem Dienstellenleiter auf Ablehnung. Als ich über die Täter eines Kfz-Diebstahls in Essen-Steele auf eine Serie von bewaffneten Raubüberfällen auf Poststellen am Niederrhein stieß, galt das nicht als Erfolg. Der Dienststellenleiter entzog mir die weiteren Ermittlungen und gab sie an eine Dienststelle in Kleve weiter. Seine Begründung: „Mir ist die Aufklärung von zehn abgebrochenen Autoantennen - die gab es damals noch - wichtiger als zehn geklärte Raubüberfälle.“ Das entsprach nicht meinem Berufsethos oder meinem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl, welches wohl vielen engagierten Polizisten und Kriminalisten zu eigen ist. Da die Gräben unüberwindbar waren, entschied die Leitung der Kripo meinen Wechsel in mein Wunschkommissariat für Einbruch und Raub. Als Neulinge wurden mein Kollege Werner und ich einem erfahrenen Kriminalisten im Bereich Innenstadt zugeordnet. Da gab es schon mal den ein oder anderen Banküberfall, einen Einbruch in ein Teppichlager oder eine Edelboutique mit erheblichen Sachschäden. Unser Tutor berichtete gelegentlich aus Nachkriegszeiten, als er einen festgenommenen Räuber auf der Stange seines Dienstrades zur Wache fuhr. Oder als er nach einem Einbruch in ein Lebensmittellager durch ehemalige Zwangsarbeiter seine neuen Hilfspolizisten, ausgerüstet mit Schlagstock und Armbinde statt Uniform, zum Tatort schickte. Nachdem diese nicht zurückkamen, erschien der Inhaber in der Wache und berichtete, dass die Hilfspolizisten ihm auch noch die restlichen Waren gestohlen hätten. Die kamen zwangsläufig auch nie wieder zum Dienst.

Nach einem Jahr erfolgreicher Arbeit in der Innenstadt wurden mir und meinen Partner Werner ein eigener Bereich zugewiesenen. Wir übernahmen von pensionierten Kollegen ein Problemrevier im Essener Norden. Hier konnten wir noch unabhängiger und freier arbeiten. In wenigen Jahren haben wir die dortigen Probleme deutlich reduziert und waren schnell in der örtlichen Szene bekannt. Unsere Arbeit ging dort weit über das übliche Ermitteln hinaus. Eigentlich überschritten wir immer wieder die Grenzen zur Sozialarbeit. Im Norden existierten damals mehrere Notunterkünfte, in die sich die Schutzpolizei nur mit mindestens drei Streifenwagen hinein traute. Wir fassten dort schnell Vertrauen, nachdem wir einem brutalen ehemaligen Fremdenlegionär das Handwerk legten. Über Jahre hatte er den dort lebenden alten Menschen regelmäßig einen erheblichen Teil ihrer lebensnotwendigen Sozialhilfe oder Rente geraubt. Er hat die Menschen drangsaliert, bedroht und geschlagen. Jugendlichen, die hin und wieder Straftaten begangen, haben wir in Zusammenarbeit mit einem sehr engagierten Pastor, der die Jungs fantastisch betreute, immer wieder auf die Finger geschaut. Da waren zum Beispiel unbekannte Täter über das Dach eines Speditionslagers eingebrochen und hatten sich am Seil heruntergelassen. Es war natürlich unsere Klientel. Die Jungs hatten Krüti, so sein Spitzname, hinuntergelassen. Als wir ihn fragten, warum er im Lager so viele verschiedene Flaschen geöffnet hatte, meinte er: „Die Jungs oben auf dem Dach wollten Schnaps. Weil ich nicht lesen kann, habe ich überall probiert. Die Sache mit dem kaputten Fahrrad war so. Mir war das alles zu weit in der Halle. Da habe ich das Rad gesehen und bin damit herumgefahren. Weil es so dunkel war, bin ich vor einen Stapel mit Kisten gedonnert.“ Mein Lieblingsklient, Krüti, war nicht der Hellste, aber der Stärkste. Hier zwei Beispiele seiner Aussagen: „Mit dem Einbruch in die Trinkhalle habe ich nichts zu tun. Ich war das nicht, das waren die anderen. Die haben aber das Fenstergitter nicht aufgekriegt und haben gemeint ich sei stark. Da habe ich es für die rausgerissen.“ Krüti stand unter Bewährung und hatte während einer Discoveranstaltung im Gemeindehaus draußen zwei fremde Jugendliche verprügelt. Auf den Vorwurf von uns und dem Pastor, dass er seine Bewährung gefährdet, kam prompt die Antwort: „Mein Freund Horst kam herein und sagte, dass ihn draußen einer verprügelt hätte. Als ich rauskam, standen da aber zwei, weil ich nicht wusste, wer es war, habe ich beide vermöbelt.“ Wie in vielen Fällen, haben wir uns auch diesmal vor Gericht für unseren Klienten eingesetzt. Eigentlich waren es passable Jungs, die nur im falschen Milieu aufgewachsen sind. Zumindest im Falle von Krüti scheint sich unser Einsatz gelohnt zu haben. Ich habe ihn Jahre später als Pflasterer in der Innenstadt getroffen. Er erzählte mir, dass er verheiratet sei und zwei Kinder habe. Seit Verbüßung einer Jugendstrafe habe er keine Straftaten mehr begangen. So was macht Mut. Im Laufe der Zeit führte aber zwangsläufig auch die Arbeit in den Problemvierteln zu deliktsübergreifenden Ermittlungen, die die Zuständigkeit eines Kommissariats überschritten. Mit ähnlich denkenden Kollegen des Kommissariats ermittelten wir dann plötzlich im Bereich der Organisierten Kriminalität. Die Jungs kamen schließlich aus dem Milieu. Diese Aktivitäten waren wieder mal nicht im Interesse des Dienststellenleiters, den ausschließlich sein Ressort Einbruch und Raub interessierte. Darauf wies er uns immer wieder hin. Leider war die Realität draußen eine andere. Die Kriminellen hielten sich weder an örtliche Zuständigkeiten z. B. Polizeipräsidien oder Ländergrenzen, noch an die fachlichen Zuständigkeiten von Kommissariaten. So wurden schon mal mit geklauten Autos Banküberfälle oder Einbrüche ausgeführt. Das entsprach jedoch in keiner Weise der damaligen Organisationsform der Kripo. Daraufhin haben wir 1974 einen umfassenden Bericht zu unseren Ermittlungen in der Organisierten Kriminalität (OK)dem Innenminister vorgelegt. Der Bericht löste eine schon schwelende politische Diskussion aus. Nachdem der damalige Innenminister vorschnell in den Medien erklärt hatte, dass es in Nordrhein-Westfalen keine OK gibt, bekamen wir überraschend Unterstützung von dem damaligen Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft. Unter dem Druck der Gewerkschaft, die sich eigentlich eher für Personalfragen zuständig fühlt, konnten wir dann in Essen als Pilotmodell die erste Dienststelle für Organisierte Kriminalität in NRW aufbauen. Dieser Innenminister distanzierte sich später persönlich von der Einschätzung seiner Ministerialbeamten. Er hat mich anlässlich seines achtzigsten Geburtstages in eine hochrangige Politikerrunde eingeladen. Ich hatte Gelegenheit, meine Sicht dem damaligen Vizekanzler und dem zukünftigen Innenminister zu erläutern. Unsere neue Dienststelle bestand aus sieben Beamten, dem Dienststellenleiter und sechs Ermittlern. Dienstellenleiter wurde ein absolut toller und liebenswerter Mensch, gleichzeitig einer der erfolgreichsten Kriminalbeamten in NRW. Ob Ganoven oder Kollegen, alle kannten ihn deutschlandweit unter dem Spitznamen „Dalli“. Das war eine Ableitung seines Nachnamens, die aber aufgrund einer gleichnamigen Quizsendung im Fernsehen entstand. Er war der gleiche Typ, wie der langjährige Moderator. Er war ein Energiebündel. Für mich war er zugleich Mentor und Vaterfigur. Obwohl er mich duzte und wir auch gelegentlich privaten Kontakt hatten, blieb ich aus Achtung ihm gegenüber immer beim Sie. In den Jahren unserer Zusammenarbeit habe ich unendlich viel von ihm gelernt. Nicht zuletzt auch, mit Menschen aus dem Milieu fair umzugehen. Die Erfolge stellten sich zwangsläufig sehr schnell ein. Abgesehen von der täglichen Arbeit sorgte Dalli dafür, dass wir uns als eine Familie fühlten. Er organisierte gemeinsame Grillnachmittage mit unseren Familien oder gemeinschaftliches Angeln.

An dieser Stelle erlaube ich mir kurz noch einen Hinweis zu der von Fred geschilderten Vollstreckungsverjährung im Jugendstrafrecht. Ich kenne die Geschichte nicht nur von ihm. Ich habe auch mit anderen Jugendlichen darüber gesprochen. Das kolportiert absolut den Sozialisationsgedanken des Jugendstrafrechts. Die zeitliche Differenz zwischen Tat und Urteil ist absolut verfehlt. Verfahren ziehen sich zu lange hin. Es fehlt der Bezug zur Tat. Nach mehreren Bewährungsstrafen nehmen die Jugendlichen eine zu verbüßende Haftstrafe entgegen und hegen insgeheim zeitgleich die Hoffnung, diese durch alle möglichen Tricks abwenden zu können. Im Hinterkopf akzeptieren sie nicht einmal mehr das Urteil. Aber hier sind Justiz und Politik gefragt. Eine Lösung könnte ein „Haus der Jugend“ sein, wo spezielle Sachbearbeiter der Polizei, Gerichtshelfer, Staatsanwälte und Richter gemeinsam agieren. An diesem Thema habe ich mich später im Stab jedoch vergeblich abgearbeitet.

Um Gefährdungen von Beteiligten auszuschließen, habe ich mit der geplanten Buchveröffentlichung lange gewartet. Heute habe ich natürlich auch einen persönlichen Abstand zu allen Ereignissen und betrachte diese inzwischen auch aus anderer Sicht. Zuletzt habe ich einen gut funktionierenden Präventionsrat einer Großstadt aufgebaut, Jahre europaweit Verkehrsunternehmen in Großstädten beraten und mit der Migrationswelle 2015 in einem Team für das Land NRW die Abläufe zum Asylverfahren neu organisiert. Nebenher war ich Schöffe am Landgericht Essen. Nun sollte ich aber endlich zur Sache kommen.

Gemeine Jugendspäße

Lassen wir Fred nun zu Beginn doch mal schildern, was das konkret für derbe Späße waren, die er meinte:

„Na klar, den ein oder anderen habe ich noch im Kopf. So ist mir aufgefallen, dass im Nachbarstadtteil einige Bergleute ihren Heimweg von der knochenharten Schicht und auch den Hinweg abkürzten, indem sie die etwa hundert Meter lange Röhre einer Köttelbecke zur Unterquerung eines Bahngeländes benutzten. Da nur im unteren Teil der Röhre die Kacke floss, durchwanderten sie breitbeinig die Röhre. Sie begingen die trockenen Rundungen. So kamen sie zwar langsam voran. Es war anstrengend. Ihr Weg verkürzte sich aber um fast einen Kilometer. Nach der Schicht mussten die total ausgelaugten Bergleute gegen die Strömung laufen. Das brachte mich auf die geniale, aber auch blöde Idee, mitten in der Röhre die Ränder mit Wagenschmiere vom Schrottplatz einzuschmieren. Wir haben nach Schichtende dort gelauert und gesehen, dass zwei Männer abrutschten und in die Köttelbecke fielen. Die mussten dann mit nassen und total eingesauten Klamotten nach Hause gehen. Wir konnten uns kaum an ihrem Schaden weiden. Wir mussten flüchten, weil die anderen uns sicher derbe verprügelt hätten. Was eigentlich nicht unverdient gewesen wäre. Mein Vater hätte ja auch einer der Männer sein können.

Ich wollte einige Wochen später noch einen draufsetzen und sie alle durch die Kacke rennen sehen. Meine Jungs waren begeistert, fragten aber, wie wir das anstellen sollten. Ich ließ zwei von unserer Truppe von dem Motorrad eines Nachbarn Sprit klauen. Sie mussten die Karre, die unter seinem Balkon im Hochparterre stand, nur umkippen, den Tankdeckel öffnen und den auslaufenden Sprit auffangen. Am nächsten Tag lauerten wir mit der ganzen Truppe abends nach der Spätschicht am anderen Ende der Röhre auf die kommenden Malocher. Jeder wollte bei dem Spaß dabei sein. Als die Männer sich laut miteinander quatschend und lachend in der Mitte der Röhre befanden, haben wir den Sprit in die fließende Köttelbecke gegossen und angezündet. Die Flammen schwammen langsam auf die Männer zu und machten die Röhre taghell. Ihnen blieb nichts anderes übrig als die Beine in die Hand zu nehmen und vor dem nahenden Feuer durch die Kacke zurückzurennen. Alle waren total eingesaut und werden mächtig gestunken haben. Die haben geschimpft und getobt vor Wut. Wehe, wenn die uns erwischt hätten. Das geilste dabei war, dass sie uns nicht einmal gegen den Schein erkennen und noch weniger verfolgen konnten. Auch wenn mir im Inneren die Malocher doch etwas leidgetan haben, war die Show affengeil. Meine Kumpels hatten keinerlei Gewissensbisse, sie waren einfacher gestrickt. Ich genoss die Hochachtung aller, denn ich wusste, wie`s geht!“

Verhältnis Vertrauensmann und Kriminalist

„Na ja, bei meiner kaufmännischen Lehre im KruppKonsum hat mir das nicht geholfen. Ein halbes Jahr die Berufsschule geschwänzt, immer wieder ermahnt und Besserung gelobt, doch dann war der Job futsch. Aber wollte ich bei meinen Talenten ein kleiner Verkäufer werden? Nein, da musste ich mehr draus machen. Ich begann Leute abzuzocken. Zeitweise ging das auch super. Es ging steil bergauf. Ich hatte die dicke Kohle, fuhr einen BMW und später sogar Mercedes und Porsche. Ich habe geldgierige Säcke verarscht und abgezogen, die sich zu Unrecht bereichern wollten. Ja, so habe ich gelebt und zeitweise gar nicht so schlecht. Gegenüber der Polizei, den Staatsanwälten und Richtern war ich der wohlerzogene, höfliche und immer wieder reuige kleine Übeltäter, der die Gier anderer nur umgelenkt hat. Ich war auch in der Lage, wenn mir die Bullen Beweise vorhielten, die meine Version der Taten widerlegten, ohne langes Zögern und Überlegungen meine neue Version der Beweislage anzupassen. Wenn ich im Einzelfall mal durch unglückliche Umstände aufgekippt war, konnte es mein Anwalt erreichen, dass ich auf freiem Fuß blieb und weiter Geld verdienen konnte. Er lebte ja schließlich auch von meiner Arbeit oder? Aber top war er und sorgte dafür, dass immer wieder Einzelverfahren zu Sammelverfahren zusammengefasst wurden. Seine Plädoyers und meine reumütigen Beichten brachten mir niedrige Strafen, Bewährung und immer wieder neue Bewährung ein. Die Gerichte glaubten an das Gute in mir und erkannten auch, dass meine angeblichen Opfer die eigentlichen Kriminellen waren. Als dann nichts mehr ging, blieben mir nur noch Deals mit Staatsanwaltschaft, Gerichten und Polizei. Durch meinen persönlichen Kontakt zu Gerwin Merten wurde ich ein ausgebuffter langjähriger Vertrauensmann (V-Mann) der Polizei. Mein Einsatz für Gesellschaft und Gerechtigkeit wurde mir gedankt. Es wurden Strafen gemildert und zum Teil sogar erlassen.

Aber später kam dann der unaufhaltsame Absturz. Immer häufiger und immer krasser bin ich dann an den Großen und Brutalen gescheitert. Die Mafia kannte keine Gnade. Man hat mir Frau und Freunde genommen und mir für meine Heimat Aufenthaltsverbot bei Todesandrohung erteilt. Ich will der weiteren Geschichte nicht vorgreifen, aber ich habe alles verloren und musste schließlich schlichtweg von der Bildfläche verschwinden.

Mein Lebenstraum von einer Familie, einer Villa mit Pool und Luxusautos war zeitweise zum Greifen nahe. Es war zwar nicht legal, was ich gemacht habe, aber als Kriminellen würde ich mich nicht bezeichnen, nein! Eher ein Robin Hood für Arme. Zugegeben, einer der sich selbst hilft. Bis auf die dummen Jugendstreiche und die Felgengeschichte habe ich es immer vermeiden können, ehrlichen Leuten zu schaden. Übrigens Mitte der Sechziger gab es noch nicht die Technik, die es heute gibt. Das hat mir die Arbeit erleichtert. Für die Kripo, unser Gegenüber, war es so, dass sie eh immer der Technik hinterherhinkten.“

Wenn ich hier mal eingreifen darf, Fred beschreibt es zutreffend. Die damaligen Umstände beeinflussten sowohl die kriminellen Aktivitäten als auch die Maßnahmen der Polizei. Die zunehmende Technik machte es den Kriminellen leichter miteinander zu kommunizieren. Die Polizei wurde und wird weiterhin nur zögerlich technisch nachgerüstet, sodass ihr Gegenüber immer einen Vorsprung hat. Bei meinen Auslandsermittlungen habe ich festgestellt, dass die technische Ausrüstung der Polizei in allen anderen europäischen Ländern unserer über Jahre voraus war. Die Kriminellen sind und waren uns eh diesbezüglich immer voraus. Ich glaube nicht, dass sich das jemals ändern wird, weil das große Geld auf der anderen Seite gemacht wird. Die Sicherheitsbehörden erwirtschaften nichts und die Schäden durch die Kriminalität wurden unterschätzt. Das galt insbesondere für die kriminellen Organisationen und die Mafia. Wir werden im Verlauf der Berichte zu den einzelnen Fällen jeweils speziell auf diese Dinge eingehen.

Noch ein Hinweis von mir zur V-Mann-Tätigkeit. Das war damals eine sehr spontane und eher ungeregelte Zusammenarbeit. Es gab zu Beginn maximal eine mündliche Absprache mit dem Staatsanwalt. Heute gibt es feste Regularien, wie V-Personen-Führer, VP-Akten und Vertraulichkeitserklärungen. Fred sollte jetzt aber endlich mal über seine Lebenseinstellung sprechen. Trotz seiner regelmäßigen Straftaten entwickelte ich eine gewisse Sympathie für ihn. Was dann auch zu einer langjährigen „Zusammenarbeit“ geführt hat. Von einer vollen gegenseitigen Akzeptanz konnte man nicht sprechen aber doch von einer gewissen Duldung. Nennen wir es stillschweigendes Verständnis für die andere Position.

„Ja also Gerwin Merten kennt sie, meine beiden Lebensmottos:

„Jeden Morgen steht nen Doofen auf.“ „Das Schlimmste ist als Schnapper geschnappt zu werden.“

Sie haben sich aber erst im Verlauf der Zeit entwickelt. Wenn Ihr euch fragt, was damit konkret gemeint ist. Also zum einen sind die Menschen oft nicht vorsichtig oder misstrauisch genug, sodass man täglich auf potenzielle Opfer trifft, platt gesagt, nen Doofen. Zum anderen war es mir immer Genugtuung, wenn ich jemanden hereinlegen konnte, der sich eigentlich illegal bereichern wollte. Einen sogenannten „Schnapper“. Möglicherweise habe ich ja die gleiche Macke wie Gerwin Merten, ein zu stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Kann sein, dass das mit der Lebenssituation meiner Mutter zusammenhing. Unterstützung hat sie von keiner Seite erhalten.

Anfang der Siebzigerjahre entschlossen sich drei Jungs aus unserer ehemaligen Bande im Viertel, die beliebten Alufelgen und Reifen von Autos zu klauen. Vier aus unserer Gang waren aufgestiegen und bewegten sich im Zuhältermilieu. Viele andere hatten inzwischen Malocher Jobs und waren sogenannte solide Bürger geworden. Ich war da schon wieder fest mit meiner Brigitte zusammen, die ihre Lehre als Friseuse geschmissen hatte. Sie ackerte tageweise im Bordell in der Stahlstraße als Nutte. Ein festes Zimmer konnte sie sich dort damals noch nicht leisten, sondern sprang immer wieder für Freundinnen ein. Mich hat das nicht sonderlich gestört. Sie ist schon vorher immer wieder mit Typen über die Dörfer gezogen. Es kam Geld rein und ich konnte abends auch mal zocken gehen. Ich war kein Zuhälter, nein! Sie machte das freiwillig, damit wir ohne Arbeit gut leben konnten. Und der BMW musste ja auch bezahlt werden, oder? Außerdem habe ich ja auch Tattas reingebracht. Später haben wir auch eine kleine Wohnung in einem besseren Viertel bezogen. Mit Brigitte war ich viele Jahre zusammen, bis sie mich wegen des Bosses der Jugo-Mafia verließ. Aber dazu komme ich später.“

Die Problematik der V-Mann-Führung habe ich schon angesprochen. Diese Probleme werden später immer wieder auftauchen. Regelmäßig wurden in unserer OK- Dienststelle gezielt von uns ausgewählte Polizeistudenten während ihres Praktikums eingesetzt. Wir mussten dabei jedoch beachten, dass sie zum einen persönlich nicht überfordert wurden und zum anderen keine Informationen erhielten, die unsere Arbeit hätte gefährden können. Erschreckt hat uns die abschließende Aussage eines Studenten nach seinem Praktikum vor dem Behördenleiter: „Die paktieren dort mit Kriminellen, das ist meiner Ansicht nach ungesetzlich. Dieser intelligente junge Mann, der übrigens später nach langer Erfahrung als Führungskraft diese Aussage widerrufen hat, hat diesen Auftrag vollkommen einseitig wahrgenommen. Ich werde zu Beginn einen Fall aus der Chronologie herausnehmen und vorziehen, weil er die Unverzichtbarkeit der Arbeit mit Informanten und V-Männern deutlich macht. Sie versetzt uns als Polizei in die Lage, Gefahren einzuschätzen und Schäden zu vermeiden.

Mordplan gegen Chefermittler

Der Fall ereignete sich Anfang 1975. Unsere Dienstelle für Organisierte Kriminalität war gegründet. In diesem Fall war nicht ich, sondern mein langjähriger Partner Werner der verantwortliche Sachbearbeiter. Wir alle haben ihm zugearbeitet. Die Ermittlungen richteten sich gegen einige führende Zuhälter in unserer Stadt. Werner hatte in einem umfassenden Bericht dargelegt, wie sie inzwischen einen erheblichen Anteil der örtlichen Kriminalität in der Hand hatten und steuerten. Er belegte deren Beteiligung an der Förderung der Prostitution, dem illegalen Glückspiel, Körperverletzungen, Einbrüchen und Raubüberfällen. Auf diese Weise kam Palma, der anerkannte Boss, zu beträchtlichem Vermögen. Deutschlandweit rangierte er bei den Zuhältern unter den Top Ten. Er besaß Luxusfahrzeuge, eine Gaststätte, eine Bar und eine Luxusjacht. Auf diese Luxusjacht lud er nicht nur seine Gang ein, nein auch seine Anwälte verbrachten darauf Urlaubstage auf Mallorca, wo die Jacht lag. Wenn die Truppe anwesend war, gehörte ihr quasi der Urlaubsort Cala d`Or. Niemand wagte dort, sich dagegen aufzulehnen. Muckte gelegentlich mal ein nicht informierter Tourist auf, wurde er schlicht platt gemacht. Es gab enge Geschäftsverbindungen zu den Milieus in anderen Städten, speziell zu Hannover und Frankfurt. Auf der Basis des Berichtes leitete die Staatsanwaltschaft Essen gegen Palma und seine engsten Mittäter ein Verfahren wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ ein. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft erließ der Ermittlungsrichter einen Beschluss zur Überwachung mehrerer relevanter Telefonanschlüsse. Dies war die erste Telefonüberwachung in NRW. Die aufgezeichneten Gespräche liefen bei einer dafür neu eingerichteten Dienststelle beim LKA in Düsseldorf auf. Wir Ermittler mussten also täglich nach Düsseldorf, um dort die auf Tonband aufgezeichneten Gespräche abzuhören. Was heute digital aufgezeichnet und an den Sachbearbeiter übermittelt wird, befand sich vor Ort auf riesigen Tonbandspulen. Auch unser Dienststellenleiter beteiligte sich an dieser aufwendigen Arbeit. Für uns Jüngeren war es immer wieder ein Spaß zu beobachten, wie Dalli mit der Technik zu kämpfen hatte, wenn er mal wieder Vor- und Rücklauf verwechselt hatte. Dann gab es Bandsalat. Während der Ermittlungen kam es dann zu einer unvorhergesehenen Störung. Der Bericht hatte unseren neuen jungen, gut aussehenden und noch ziemlich unerfahrenen Ermittlungsrichter wissbegierig gemacht. Er war gleichzeitig auch als Haftrichter für alle Vorführungen durch die Polizei und die späteren Haftprüfungen zuständig. In diesem Zusammenhang hatte er viele Ermittlungsberichte aus dem Milieu auf den Tisch bekommen. Nun wollte er unbedingt mal persönlich erfahren, was sich dort abspielt. Statt uns dahingehend anzusprechen, was ihm wahrscheinlich unangenehm war, begab er sich eines Abends auf eigene Faust in die Szene und das Nachtleben. Er war in mehreren Bars, deren Existenz er aus den Akten kannte. Dort trank er das ein oder andere Bierchen und beobachtet das Leben. Was ihm dabei entgangen war, war die Tatsache, dass einer aus dem Milieu, der schon mal vor ihm gesessen hatte, ihn erkannte. Und schon wurden unsere Zuhälter informiert und aktiv. Sie setzten zwei attraktive, professionelle Damen auf den jungen Richter an. Im Verlaufe der Nacht gelang es den charmanten Damen, ihn derart betrunken zu machen, dass sie von ihm und jeweils der anderen Dame äußerst kompromittierende Fotos aufnehmen konnten. Nach erreichtem Ziel setzte man ihn in ein Taxi und schickte ihn nach Hause.

Diesen Vorfall bekamen wir am folgenden Tag aus den Telefonaufzeichnungen mit. Die Jungs hatten Palma telefonisch in seiner Gaststätte über das Erscheinen des Richters informiert. Er gab dann Anweisungen, ihn zu kompromittieren. Später wurden Aussagen getroffen, wie: „Super jetzt haben wir den Haftrichter in der Hand!“ „Wenn der jemanden von uns einsperren will, dann muss er mit einer Veröffentlichung der Fotos rechnen!“ Aber das war lange noch nicht alles. Bei Palma meldete sich plötzlich der Anwalt aus der Kanzlei, die ihn und die anderen Zuhälter regelmäßig vertrat. Wohl wegen seines Alters, der großen schlanken Gestalt und seines steifen Ganges nannten sie den Kanzleichef „Gichtlatte“. Irgendwer hatte ihm die Information mit den Fotos gesteckt. Der Anwalt forderte von Palma die sofortige Übergabe von Fotos und Negativen. Palma räumte in dem Telefonat ein, von den Fotos zu wissen, bestritt jedoch den Besitz. Es wurde intensiv über den Wert die Fotos für die Kanzlei diskutiert.

Nun war eine wilde Jagd nach den Fotos eröffnet. Die Anwaltskanzlei wollte unbedingt die Fotos. Wir mussten