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Josef Brustmann wächst in großer Armut als achtes von neun Kindern auf. Zwei sterben viel zu früh, die anderen wärmen einander mit Singen, Lachen und Musizieren. Der Vater, für 8 Jahre von Krieg und Kriegsgefangenschaft verschluckt; dass er Josef liebt, zeigt sich erst ganz spät, aber auch, dass es dafür nie zu spät ist. Josef gibt alle Liebe weiter an seine Kinder und Enkelkinder. Seine eigenen Großväter kürzten unglücklich ihr Leben ab. Trauer, die lange nachhallt in den nächsten Generationen. Vertrieben werden aus der Heimat, zufällig stranden im »gelobten« Land Bayern, in Waldram bei Wolfratshausen, ehemals Föhrenwald, ehemals Displaced-Persons-Lager und jüdisches Schtetl. Wie schnell die einen »vergessen« können, die anderen nie; was ist der Mensch, was ist das Leben? Für beides gibt es keine Generalprobe.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Allitera VerlagEin Verlag der Buch&media GmbH, München©️ 2023 Buch&media GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: Dominik BrustmannUmschlagvorderseite: Josef Brustmann © Monika Schuh-WibmerLayout und Satz: Johanna ConradGesetzt aus der Alte Haas Grotesk und der Sabon LTPrinted in EuropeISBN print 978-3-96233-400-0ISBN epub 978-3-96233-401-7ISBN PDF 978-3-96233-402-4
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»Schon die Wagenfahrt durch den verglasten,harten Herbstnachmittag und das naive Land warso schön … Und das war Böhmen, das ich kannte,hügelig wie leichte Musik und auf einmal wieder ebenhinter seinen Apfelbäumen, flach ohne viel Horizontund eingeteilt durch die Äcker und Baumreihenwie ein Volkslied von Refrain zu Refrain.«
Rainer Maria Rilke
PROLOG
Für seinen Arbeitgeber und Mäzen Friedrich Wilhelm III. untersuchte der Wissenschaftler und professionelle Herumtreiber Alexander von Humboldt die Blätter eines Eichenbaumes auch ihrer Form halber. Trotz gewissenhaftester, geduldigster Suche gelang es ihm nicht, zwei in Form und Größe identische Blätter an einem einzelnen Baum ausfindig zu machen. So auch wir Blättermenschen an unseren anverwandten Stammbäumen. Jeder von uns, ausnahmslos, ein solchermaßen einzigartig beschriebenes Blatt.
Wie unvorstellbar aber, unbegreiflich und verstörend, dass jeder von uns so eigenartigst erschaffenen Menschen trotzdem an seinem Ende untergemäht wird unter gleichförmigstes Todesheu und zurückverwandelt in die allergemeinsten Stäublein, Sandkörner und Erdkrumen. Welch gigantischer Verschwendungsakt der Natur.
WEITER WEISS ICH NICHT ZURÜCK
Mein Großvater Alois Brustmann sen., »Kürschner-Bauer« in Kodau / Südmähren
Mit der Schrotflinte habe er wohl Nüsse vom Baum schlagen wollen, so die kirchen- und dorfgefällige Version von des Kürschner-Bauern Tod, der der Vater meines Vaters war. Als fescher Junggeselle, Hagestolz und gut gekleideter Oberkellner in einem großen Brünner Café arbeitend, hatte er erst spät in das »Sach« der schon etwas altjüngferlichen Mathilde Wozulek eingeheiratet. Meiner Großmutter Mathilde waren in eineinhalb Jahren fünf Brüder an Diphtherie weggestorben. Sie war die Einzige noch am Hof, überschwer mit Trauer und der Verantwortung beladen, das eigene Geschlecht und den ihr zugefallenen Hof nicht aussterben zu lassen; die ihr noch verbliebene Schwester war schon »drüber«. Mit zweiundvierzig Jahren suchte sie auf den letzten Drücker noch einen Mann und vor allem Kindsvater und machte damit meinen Großvater Alois Brustmann im Jahr 1908 zum angesehenen Kürschner-Bauern, machte ihn zum Mitbesitzer des größten Hofes am Ort, des »Kürschner- Hofes«, von dem man stolz zwei- oder gar vierspännig zum Markt oder zum Kirchweihfest in die umliegenden Dörfer fuhr. Meine Großeltern lebten in Kodau, einem kleinen Ort in der tschechischen Markgrafschaft Mähren nahe der Stadt Brünn, in etwa zwischen Wien und Prag. Das Dörflein lag friedlich in einem Flusstal, an den Nordabfall des Berges Kadovská Hora angelehnt.
Kodau
Eine Zweck- und Vernunftehe wird sie wohl gewesen sein, die Ehe von Mathilde und Alois. Unglücklich beide, aber doch auch unbewusst dem ewig-alten Drange, der ewig-alten Lust oder Pflicht nachkommend, sich selbst, seine Art und sein Geschlecht an eine unbestimmte Menschenerdenzukunft weiterzugeben. Im Übrigen: Schon sieben Kinder waren sie gewesen bei Mathilde und sieben bei Alois. Mit einem späten Sohn hielten sie das Familienflämmchen gerade noch am Leben, und so oft legte sich mein Vater später auf meine Mutter, bis die Sieben als Kinderzahl wieder aufgefüllt war und die alte Ordnung wieder seine Ordnung hatte. Sieben Kinder hatte dann auch einer meiner Brüder und sieben Kinder auch eine meiner Nichten. So wandert diese heilige Zahl beständig durch unser Geschlecht und gibt sich unbedingt recht.
Mitten ins Herz soll er gezielt haben, der Kürschner-Bauer, mitten ins eigene, unglückliche Liebeskummerherz, und hatte sich aber doch auch noch mit einem leibhaftigen Sohn der Welt geschenkt und verpflichtet und sich so bis heute erinnerbar gemacht.
Am Grab des Kürschner-Bauern wird mein Vater als Dreizehnjähriger neben Mathilde gestanden haben in seinem guten schwarzen Anzug, schon früh das Erbe als Jungbauer antretend, als neuer »Kürschner-Bauer« dem Vater erschrocken, ratlos und verzweifelt nachtrauernd zwar, aber gehalten doch auch von tiefer, tiefster Mutterliebe.
Was mein Vater über seinen Vater zu erzählen wusste, war nur wenig, waren wenige späte Blätter, zur Erde hinabsegelnd vom Baum. Dass er mit dem Vater vergnüglich oft Verwandte besucht habe, dieser aber nicht gerne Bauer gewesen sei, seinen Pflichten nur unwillig oder gar nicht hinterherkam und einen Apfel habe schälen können in einem Atemzug, ohne das Messer abzusetzen und die Apfelhautspirale abreißen zu lassen und man diese schöne Girlande am Ende wieder zu einem Apfel zusammenfügen konnte. Und mit ihm zum Markt fahren, das gepflückte Obst, das geerntete Gemüse feilbietend, dort mit den Menschen lustig sein, aber auch geschickt mit ihnen verhandeln. Sehr viel mehr Erinnerung an seinen Vater war ihm nicht geblieben oder war durch Schmerz, Trauer und Verlassensein mit zu Grabe getragen worden. Sechs Jahre Volksschule − mehr Zeit hatte mein Vater nicht fürs kleine Einmaleins, für geistige Nahrungsaufnahme und weltöffnende Bildung, dann war er bereits Herr in Haus und Hof und bald schon stand er als Soldat im Feld und schnappte der gefräßige Krieg nach ihm.
Mein Vater Alois Brustmann jr. mit dreizehn Jahren
Als mein Vater 1948 aus dem Krieg zurückkam, als Krieg und Heimat verloren und verspielt waren, war seine Frau bereits mit drei kleinen Kindern und der Schwiegermutter Mathilde nach Oberbayern zwangsexiliert worden. Nur kurz vor seiner Rückkehr war seine heißgeliebte Mutter Mathilde gestorben. Von einem bayerischen Landdoktor war sie mit einer Spritze »kaltgemacht worden«. Herzspritze sagten die Leute damals dazu, denn das Hinmorden von Lebensüberflüssigem war gut eingeübt und gelang kurz nach dem Krieg noch ohne große Skrupel.
Schon für die Beerdigung seines erstgeborenen Sohns Günther, meines ältesten Bruders, hatte mein Vater keinen Fronturlaub bekommen.
Nie hat mein Vater geklagt über sein brutales Lebensschicksal, das ihm härteste Entbehrung von Familienglück und Leibeswohl auferlegte und ihn acht überlange Jahre in Angst und Not hielt, ihm Heimat, Haus und Hof mitsamt Äckern und Getier fortspülte. Nie hat er geklagt, gelitten und getrauert sicher, insgeheim.
Schon seine Einberufung zum Militär glich einem absurden Theaterstück, diesen Tag, den 25. September 1939, sollte mein Vater nie mehr vergessen.
Es war gerade »Kirta« gewesen, Kirchweih, eines der schönsten und größten Feste auf dem Land. Da wurde drei Tage am Stück nur gefeiert, getanzt und gesungen. Alle jungen Frauen und Männer in Kodau hatten sich an diesem Abend vor dem Gasthaus »Zur blauen Traube« auf dem bretterbeschlagenen Tanzplatz eingefunden, als ein hoher militärischer Funktionär um Aufmerksamkeit und Ruhe bat, was ihm nur schwer gelang, und achtundzwanzig junge Männer des Vierhundertseelendörfleins kurzerhand vom Tanzplatz weg zum Militär einzog. Die Stimmung war dahin, viele der Mädchen weinten. Nur wenige Monate zuvor hatte mein Vater meine Mutter geheiratet.
Im Krieg kam mein Vater viel herum. Zunächst war er durch Hitlers »Annexion« des Sudetenlandes plötzlich ein deutscher Soldat geworden und für längere Zeit im österreichischen Hollabrunn stationiert. Da er gut reiten konnte, war er immer mit von Pferden gezogenen Artilleriegeschützen zugange. Das war sein großes Glück, so musste er nie an allervordester Front kämpfen. Österreich, Italien, Jugoslawien, aus diesen Ländern schickte er zu Beginn des Krieges Postkarten an seine Frau mit Landschafts- und Städtebeschreibungen eines Touristen. In Jugoslawien, das durch Titos Partisanen zu einem brandheißen Pflaster für deutsche Soldaten geworden war, geriet mein Vater in Gefangenschaft. Dass er, als seine Kompanie unter schweren Partisanenbeschuss geriet, schnurstracks die Zügel der Zugpferde durchtrennte, um deren Überleben zu sichern und erst dann selbst in Deckung ging, sagt viel aus über sein Verhältnis zu Pferd und Tier.
Mein Vater Alois Brustmann jr. in tschechischer Uniform
Die Schilderung seiner allerletzten Kriegsetappe, seiner Heimkehr zu der nach Bayern ausgewiesenen Familie drei Jahre nach Kriegsende, hat mir immer gefallen: Ankunft mit dem Soldatentransport in Traunstein. Vor ihm lag der Fußweg nach Teisendorf, hin zum Einödhof des Feldl-Bauern. Dieser war als Einziger bereit gewesen, meine Mutter mitsamt ihrer Schwiegermutter Mathilde und den drei kleinen Kindern aufzunehmen.
Mein Vater ging zu Fuß eine gute Wegstunde, als Kriegsverlierer, als Heimatverlorener. Um nicht mit gänzlich leeren Händen heimzukommen, kaufte er in Traunstein, gerade eben dem Soldatentransport entstiegen, von seinem winzigen Soldatensold, da hatte er acht Jahre einen verdammt schlechten Stundenlohn, in einem kleinen Laden eine Perpendikeluhr der Marke Kienzle. Er trug die Uhr im Rucksack. Spirale und Klangstäbe des Uhrwerks hätten beim Gehen aufeinandergeschlagen und ihn mit dieser zarten Begleitmusik ganz unwirklich heiter gestimmt. Sie hätte so schön »geglinselt« im Rucksack, die Uhr, so seine sprachmusikalische Beschreibung. Einer, der seine besten und wertvollsten Jahre und auch sonst alles verloren hatte, freute sich über das »Geglinsel« seiner Heimkehreruhr wie ein Hans im Glück. Ich hörte ihn diese Geschichte gern erzählen. Er war ein sensibler, feiner Mensch, mein Vater.
MEIN GROSSVATER JOSEF HUBER
Mein Großvater Josef Huber war der Sohn von Bauern. Schon mit drei Jahren starb ihm die Mutter, mit zehn der Vater. Als Vollwaise bekam er daraufhin einen amtlich bestellten Vormund. Dass mein Großvater trotz dieser traurigen Lebensgeschichte zum Singen, Geigen- und Klarinettenspiel fand, verwundert, als alleiniger Hoferbe mag er in einer privilegierten Position gewesen sein. Ein Erzählungsbild, das sich von ihm erhalten hat: Ein kleiner Zug von Soldaten durchs Dorf ziehend; jedem dieser Soldaten ließ mein Großvater vom Metzger einen Kranz Wurst um den Hals hängen, mit der Bitte, im Nachbardorf am Grab seiner Mutter ein Ständchen zu singen. In diesem Bild schien alles damals schon zusammengefasst: die Verschwendungssucht, die Zuneigung zum Lied und das sehnsuchtsvoll Suchende nach der Mutter.
Als er meine Großmutter Maria Denk heiratete, war er der Traurigkeit und Trunksucht schon so ergeben, dass die Vormundschaft direkt auf meine Großmutter übertragen wurde. Die Ehe war ein Unglück. Zu Hause nicht zu Hause, war er immer auf der Flucht. Die tief in den mährischen Sand gegrabenen, schönkalten Weinkeller waren schon eher seine Heimat und in den Wirtshäusern war er als verschwenderisch-spendabler Unterhalter, lustigangesoffener Sänger und Musikant immer gern gesehen. Auf einem Südmährischen Landsmannschaftstreffen, zu dem mich mein Vater Jahrzehnte später mitnahm, war der Huber Josef immer noch in aller Munde ob seiner Lustigkeit und wunderschönen Stimme. Aber damals: Wie oft wurde meine Mutter als kleines Mädchen ihm nachgeschickt ins Wirtshaus, um ihn heimzuholen, und wie schlimm und peinlich für sie das immer war. Die Aussteuer, die sich damals alle Mädchen bis zu ihrer Verheiratung mühsamfleißig und hoffnungsfroh zusammennähten, zusammenstickten, war auch meiner Mutter ganzer Stolz und einziges Besitztum. Mit sechzehn Jahren war ihr »Heiratsgut« schon weit gediehen. Dass ihr der Vater ihre einzige Habe, ihr einziges Glück entwand, die Aussteuer irgendwo für wenig Geld versetzte, um sich damit einen irrsinnigen Rausch anzusaufen, hat sie ihm nie verziehen. Im Stillen weitergeliebt hat sie ihn ganz bestimmt, sonst hätte sie mir nicht seinen Namen gegeben. Ich kam, als er ging, im selben Jahr 1954, exakt neun Monate nach seinem Tod.
Mit vier Kindern und einem Bauernhof ohne Bauern war meiner Großmutter das Leben wie ein Mühlstein um den Hals. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, ihr einziger Sohn aus dem Krieg nicht mehr zurückkam, er war in Russland vermisst und die ganze Familie wartete noch schrecklich lange Jahre heimlich auf ihn, ließ sich meine Großmutter scheiden, eine kühne und damals extrem seltene und ungewöhnliche Entscheidung.
Mein Großvater Josef Huber mit Familie und Pferden
Mein Großvater, einst stolzer, mit mächtigem, kaiserlich gezwirbeltem Bart einherschreitender K.u.K-Bürger, wurde nach dem Auseinanderfallen dieser lange so prächtigen und halbwegs gütigen Habsburgeridylle von den Tschechen nach Österreich abgeschoben, von den Österreichern nach Deutschland, von den Deutschen zurück nach Österreich. Jetzt war er nichts mehr. Seine letzten Lebensjahre war er mehr oder weniger heimatlos, einsam, schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und trank sich an seinem fünfundsechzigsten Geburtstag einen solch schönen Rausch an, dass er auf dem Heimweg in eisiger Nacht auf einer Holzbank zu sitzen kam, einschlief und erfror. Ein sanfter, schmerzfreier Tod, sagten die Ärzte, man habe ihn auf dem Heimweg noch singen hören.
Im österreichischen St. Johann im Pongau legte man ihn in ein Armengrab, das sich wie durch ein Wunder bis heute erhalten hat. Erhalten hat sich auch seine ganz außergewöhnliche Sing- und Musizierlust in unserer mittlerweile riesigen Familie. Wir haben ihm viel zu verdanken, dem Josef Huber, und wer ihm in St. Johann am Grab ein Lied singt, dem häng ich einen Wurstkranz um den Hals.
Genauer gesagtweiß ich nichts von mir.Was da in mir röhrt,vielleicht ein einsamer Hirsch?Was da in mir brüllt,vielleicht ein sagenhafter Wasserfall?Was da in mir singt, vielleicht mein Großvater?Was da in mir denkt, bin kaum ich.Viel eher schon ein Anderer,der von sich und mir nichts weiß.
Mein Großvater Josef Huber
DUIN
Deutsch-tschechischer Geburts- und Taufschein meiner Mutter Valerie Brustmann, geb. Huber, aus dem Jahr 1917
Meine Mutter war die älteste Tochter des Josef Huber und der Maria Denk. Zwei jüngere Schwestern hatte sie und einen älteren Bruder, der Walter hieß und nicht mehr aus dem Krieg heimkam.
Kodau, 30. April 1945, sechs Jahre nach ihrer Heirat, da zerschlugen russische Soldaten die Eingangstür des Bauernhauses meiner Eltern und befahlen meiner Mutter kalt, am nächsten Tag den Bauernhof zu verlassen. Mit ihren drei kleinen Kindern und der alten Schwiegermutter (mein Vater war schon in Kriegsgefangenschaft) wurde sie anderntags in einen überfüllten Viehwaggon gepfercht, mitnehmen durfte man nur, was man mit eigenen Händen tragen konnte, die Kinder waren ein, zwei und vier Jahre alt.
Die schwere Rolltür des Viehwaggons schnappte zu, niemand wusste vom Ziel der Reise. Vor Sibirien hatte man die größte Angst. Als die Tür am nächsten Tag wieder aufgeschoben wurde, strahlte der Himmel blau, in den Bergen hing noch reichlich Schnee, man war in Teisendorf, in Oberbayern, aufgeschlagen. Am Bahndamm ein bizarres Gewirr von Menschen. Die heimatlosen Flüchtlinge mit Kindern und all ihrer kümmerlichen Habe, dazwischen die Einwohner von Teisendorf, Bauern und Handwerker meist, von den amerikanischen Besatzern gezwungen, Flüchtlinge aufzunehmen. Nur meine Mutter mit den drei kleinen Kindern und ihrer schon reichlich alten Schwiegermutter blieb am Ende übrig. Weinend saßen sie auf ihren Armutsbündeln. »Jetzt kummts mit mir«, erbarmte sich der Feldl-Bauer aus Oberteisendorf kurzsilbig der fünf Unglücklichen und nahm sie gottlob in seinen schönen Einödhof auf. Als mein Vater drei Jahre später aus der Kriegsgefangenschaft dorthin entlassen wurde, lebte man noch sieben weitere Jahre auf diesem Gehöft im ersten Stock eines kleinen Austragshäusels. Zwanzig Quadratmeter Wohnfläche, kein Strom, kein fließend Wasser, Plumpsklo im Freien, das war im Winter schneeverschneit. Unter unserer Kammer im Parterre befanden sich der Brotbackofen und die Waschküche der Bäuerin; im Winter zogen die heißen Dämpfe von unten zu uns nach oben und legten sich als dünne Eisschicht an Innenwände und Fenster, Eisblumen waren noch nicht ausgestorben. Das Einvernehmen aber mit den Bauersleuten war gut und man musste nicht hungern, musste nicht frieren.
Ausweisungsbescheid vom 15. März 1946 / 10 Uhr
Mohnmühle aus dem Fluchtgepäck Südmährens
in den räumen meiner träumewill ich wachenwachschlafen und wachträumenwill ich michmit den eisblumenin der frühmessedes wintertages
Mein Geburtshaus, das Austragshäusel des Feldl-Bauern in Unterwiesen / Oberteisendorf in Oberbayern / Deutschland
als achtes von neun kindern bin ich geborenin schuld scham armut und schönheitnur darum weiß ich so viel davon
Nach zehn Jahren ärmlichsten Hausens erhielten meine Eltern eine staatliche Flüchtlingsentschädigung, Lastenausgleich genannt, und erstanden ein Reihenhaus in Waldram, einem Ortsteil von Wolfratshausen, südlich von München. Die damit verbundenen Schulden machten meinen Vater für alle Zeit zu einem zähen, eisernen Sparer. Waldram hieß kurz vorher noch Föhrenwald und war nach dem Zweiten Weltkrieg größtes europäisches Auffanglager für Juden gewesen, die den Holocaust überlebt hatten.
Da, wo meine Mutter später in Waldram jahrzehntelang an ihrem Küchentisch bei der Arbeit gestanden hatte, da war eines Tages eine »Duin« im Stragula, eine Delle im Linoleum. Und als meine Mutter dann gestorben und so für immer weg war, war da nur noch diese Duin im Boden, diese kleine Spur ihres fast nur aus Arbeit bestehenden Lebensverflugs. Meine Mutter war eine einfache, fleißige Frau. Durchaus intelligent war sie, aber bei dem fest umrissenen Wirkungsbereich ihres Lebens floss dieses Gescheitsein immer nur in tägliche Haushaltsaufgaben und lebenskluge Kindererziehung, aber was heißt da schon »nur«.
Meine Mutter hat unablässig gearbeitet. Und die Arbeit ging ihr nie aus. Als sie mit vierzehn Jahren auf dem Bauernhof ihres Onkels als Dienstmagd »einstand«, war das wohl eine harte Zeit. Zum ersten Mal weit weg von den Eltern und Geschwistern. Und dann die durchaus harte, schwere, oft überschwere Arbeit auf dem Hof, auf den Äckern. Und wie sie einmal als junges Mädchen regendurchnässt beim Pflügen in einer tiefen Ackerfurche zu Fall kam mit zerrissener Schürze und in dieser Ackerfurche erschöpft liegen blieb und bitterlich weinte, das wusste sie auch später immer und hat es oft erzählt. Zehn Kinder hatte meine Mutter, zwei kleine Kinder starben ihr schon nach wenigen Tagen weg, das letzte Kind, das Zehnte, konnte sie nicht bis zum Ende austragen. Die anderen sieben hat sie sorgen- und liebevoll großgefüttert. Man kann sagen, dass sie für ihre Kinder ihr Leben gegeben hat. Das klingt in der Rückschau übergroß, war aber für sie selbstverständlich und nichts Besonderes, auch weil viele andere Mütter es damals nicht anders machten, und wenn die Stare in unserem Garten unermüdlich und pausenlos im Vogelhaus ein- und aussausen, um ihre Jungvögel zu füttern, denke ich immer an sie. Die Kinder, die häusliche Arbeit und der Garten waren ihr ganzes Leben. Meine Mutter hatte keine Hobbys, keine »Suchten«, wie sie solch sündhaften Zeitvertreib genannt hätte, schon das Wort »Hobby« wäre ihr nicht über die Lippen gegangen. Meine Mutter sang sehr gerne und sehr schön. Natürlich sang sie nur bei der Arbeit, nur keine Zeit vertun.
Als sie nichts mehr arbeiten konnte, war das nicht leicht für sie, trug sie schwer daran. »Wie hab ich gern gearbeitet, so gern gearbeitet, immer so gern gearbeitet«, war eine ihrer wenigen Klagen, die aber durchaus freudiges Sichzurückerinnern an die eigene Kraft und Ausdauer, Geschicklichkeit und hauswirtschaftliche Meisterschaft mit einschlossen. Zum Geburtstag buk sie mir meinen Lieblingskuchen, einen Kakaokuchen, der dunkel und fein duftend in dem noch aus der alten Heimat stammenden »Bratscherben« lag. An Weihnachten strickte sie mir Socken oder Handschuhe, ich habe immer noch welche, sie werden mir bis zu meinem Lebensende nicht ausgehen. Vor allem die gestrickten Handschuhe waren von spezieller Qualität, da sie diese mit Überresten ihrer alten, lachsfarbenen Unterwäsche zu füttern pflegte. Nur nix verkommen lassen, nur nix wegschmeißen, »nur net urassen«, was so viel wie verschwenden hieß und sich wohl vom lateinischen »urgere« ableitete. Als sie sich, schon bettlägerig, in ihren letzten Lebenstagen mit weit umherschweifenden Gedanken zum Sterben anschickte, sagte sie zu mir: »Jetzt lieg ich da so nutzlos herum, dabei wollt ich dir doch noch unbedingt einen Kakaokuchen stricken.«
»Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder«, schrieb Ingeborg Bachmann in einem ihrer letzten Sehnsuchtsgedichte. Aus Böhmen kam auch meine Mutter, wie für Böhmen so reichte es auch für sie nicht bis ans Meer, ohnehin konnte sie nicht schwimmen. Nie war sie im Urlaub, nie in Italien, nie saß sie in einem Flugzeug. Es fiel ihr nicht schwer, und der schöne Gemüse- und Blumengarten hätte eine längere Abwesenheit auch gar nicht zugelassen. Einziges »Ausspannen« von der Arbeit waren der tägliche Kirchgang und die alljährliche Pilgerfahrt nach Altötting. Meine Mutter war immer zufrieden mit ihrem Leben, sicher ab und an auch glücklich, natürlich auch unglücklich, selbstverständlich. Die Liebe zu ihren Kindern versuchte sie möglichst gerecht und gleichmäßig zu verteilen.
Meinen Vater hatte sie kennengelernt, als sie mit sechzehn Jahren das erste Mal zum Kirchweihtanz gehen durfte: ahh – die böhmische Musik. Allen Männern, die meine Mutter zum Tanz aufforderten, hatte sie vor lauter Scheuund Jungsein einen Korb gegeben. Zum Schluss Damenwahl. Allen Mut nahm sie da zusammen. Sie wählte meinen Vater, den »Kürschnerloisl«, wie dieser nach seinem Hofnamen genannt wurde. Sie waren beide fesch, tanzten schön miteinander, mein Vater brachte sie nach Hause, das Zuhause lag lediglich auf der dem Wirtshaus gegenüberliegenden Straßenseite. Natürlich keine Spur von Kuss oder Zärtlichkeit oder Zutraulichkeit am Hoftor, um Gottes willen. Und doch, schon am nächsten Tage hieß es: »Loisl, wen hast du denn da gestern hoamgweist (heimgebracht)? Aha, die Waltschi«, wie man meine Mutter beim Namen rief, der eigentlich Valerie bedeuten sollte. Dabei blieb es. Den ersten Mann, den sie anfasste in ihrem Leben, hat sie geheiratet. Später neun Kinder, sechsundzwanzig Enkelkinder, siebzehn Urenkelkinder. Was für eine Lebensernte. Mein Vater allerdings blieb für immer ein Einzelkind.
Nur einmal stand meine Mutter in der Zeitung. Es war die Sterbeannonce. Es wäre ihr sicher unangenehm und nicht recht gewesen. Dass meine Mutter mir den Namen ihres Vaters gegeben hatte und ich meiner Tochter später den meiner Mutter, war so blindnah, dass mir diese enge Verknüpfung erst sehr spät aufdämmerte.
LAVOIR
Waldram, Gründonnerstag, 1967. Der Pfarrer hatte meinen Vater auserwählt für die kirchliche Fußwaschung. Natürlich wusch sich mein Vater die Füße vorher schon zu Hause im »Lavor«, einer kleinen, runden, vernickelten Waschschüssel, die ihren Namen dem mährisch-österreichischen Dialekt meiner Eltern verdankte, in den sich schnell auch Italienisches und noch mehr Französisches einmischen konnte. In dieses Lavoir schüttete meine Mutter heiße Seifenlauge, in der mein Vater sich die Füße wusch, sich anschließend die aufgeweichten Hornhäute herunterraspelte, seine Hühneraugen traktierte, sich die Zehennägel mit immer zu stumpfer Schere schnitt. Alle Vorbereitungen des Vaters waren für uns Kinder in diesem Lavoir versammelt, aus dem sich Ehrfürchtiges, Feierliches hob, Erwartungsvolles, etwas, das meinen Vater die Füße sorgsamer als sonst waschen ließ. Er war ausgewählt und er war sich dieser Ehre bewusst. Er war einer von zwölf, die Zahl stand für die zwölf Apostel des letzten Abendmahles, einer der zwölf auserwählten Bürger des Ortes, dem der Pfarrer im letzten Gottesdienst vor der Osternacht vor allen anderen dörflichen Kirchgängern die Füße waschen sollte, wie es Jesus damals an diesem Abend, der Überlieferung nach, mit seinen Jüngern tat.
Ein gewisser Stolz war meinem auserwählten Vater anzumerken, der aber seine Gottesdemut nicht kleiner machte und das Heilige nur noch heiliger. Dieses Simulacrum erhellte uns die Wohnküche, in der unser Vater sich die Füße so feierlich und gewissenhaft wusch, und nahm im Grunde die Fußwaschung in der Kirche, diese heilige Handlung, schon vorweg. Die Kirche ereignete sich gerade in unserer Küche und wir Kinder waren leiser als sonst und braver, ein wenig verwundert und mitverzaubert, vielleicht auch, weil sich während dieser konzentrierten Waschtätigkeit alles Immerstrenge von unserem Vater löste und wir Kinder vor ihm sicher schienen.
In meinem Vater wohnte ein tiefer, frommer Kinderglaube, der sich aber erwachsen ernst nahm, sich nie anzweifelte, nie überprüft wurde, sich nie in Frage stellte. Dass er den Krieg überlebt hatte, war für ihn zweifelsfrei eine Vorsehung Gottes gewesen. Während einer seiner letzten Lebensnächte, in der ich neben ihm wachte, betete er unablässig uralte Kirchengebete, die ihn aus seiner Kinderzeit aufsuchten, bezeichnete mich als Himmelsengel (du Liebreiche, du Segensreiche, du Himmlische), wobei er mich im Delirium vermutlich mit der Gottesmutter Maria, oder noch wahrscheinlicher, mit meiner ältesten Schwester Erna verwechselte, die ihm am allernähesten von seinen sieben Kindern war.
