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Angriffslustig, fordernd, unbequem. In einer Partei, die den offenen Streit meidet, hat CDUGesundheitsminister Jens Spahn die Rauflust als Marktlücke entdeckt und konsequent besetzt. Islam, Hartz IV, Rente – Spahn äußert gerne und klar seine Meinung. Oft konfrontativ. Im Asyl-Streit ist er fest auf der Seite der CSU. Sein politischer Ehrgeiz ist außergewöhnlich. Sein Ziel ist das Kanzleramt. Dafür ist er bereit, vieles zu tun. Notfalls stellt er sich auf einem Parteitag gegen den Willen der Parteiführung zur Wahl. Freund und Feind trauen ihm das zu. Die Kampfkandidatur ist die Konstante in seiner Karriere. Was treibt Jens Spahn an? Warum polarisiert er so? In Gesprächen mit annähernd 100 Freunden und Gegnern, Weggefährten und Kritikern, den Eltern und dem Ehemann von Jens Spahn, zeichnet der Autor den Weg eines rastlosen und unnachgiebigen Politikers nach, der als Privatmensch sensibel, reflektiert und introvertiert sein kann.
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Michael Bröcker
Jens Spahn
Die Biografie
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rosenheim
Umschlagmotiv: © Maximilian König, Berlin
E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN (E-Book): 978-3-451-81676-5
ISBN (Buch): 978-3-451-38336-6
Inhalt
1. Vorwort
2. »Er ist mir zu schnell groß geworden« – Kindheit und Jugend in Ottenstein
3. »Ahaus – ausgesprochen radioaktiv« – wie die Castor-Gegner Spahn politisierten
4. »Wir haben ein Wowereit-Problem« – erste Kandidatur, erste Widerstände
5. »Ich kenn’ Sie doch aus der ›Aktuellen Stunde‹« – der Hinterbänkler in Berlin
6. »So klug wie anrüchig« – ein Freundschaftsdienst mit Folgen
7. »Jemand wie Sie gehört aufgehängt« – das Renten-Drama
8. »Der kann ja Fachpolitik« – Aufstieg zum Gesundheitsexperten und neue politische Freunde
9. »Ein Mann wie eine Walze« – Spahn, sein Mann und das Problem mit den Schwulen
10. »Der Clübchengründer« – der Schweiger wird zum Netzwerker
11. »Bevor es der Armin macht« – der Rivale im eigenen Land
12. »Jetzt erst recht« – der Übergangene putscht sich ins Präsidium
13. »Eine Art Staatsversagen« – Geburt eines Merkel-Kritikers
14. »Welcome Deputy Finance Minister« – Spahns mächtiger Förderer
15. »Dann ziehe ich dir den Stecker« – der Zwei-Minuten-Eklat beim Parteitag
16. »Denen überlassen wir das Land nicht« – die Anti-Merkel-Troika
17. »Die Mitte ist rechts von uns« – ein alter Richtungsstreit und eine neue Rivalin
18. »Der muss schon loyal sein« – endlich Minister
19. »Anstrengend, aber nie langweilig« – Minister für Integration, Flüchtlinge, Soziales – und Gesundheit
20. »Ich kann mit der Frau nicht arbeiten« – Spahns Rolle beim Fast-Bruch der Union
21. »Kanzler, was sonst?« – Ein Ausblick
Personenregister
1997. Bischöfliche Canisiusschule, Ahaus in Westfalen. Es ist Jens Spahns erste und letzte Freundin, die seine Ambitionen früh erkennt. Elfte Klasse. »Wir haben ausgetüftelt, wer unter Jens welches Ministerium bekommt. Ich war für das Finanzministerium vorgesehen«, sagt Heike Wissing, Mitschülerin und in der sechsten Klasse Kurzzeitfreundin. Jens Spahn spielt Kanzler. Er wollte immer was »Großes« werden in der Politik, sagen seine Mitschüler. Die Nummer eins sein. »Bundeskanzler, was sonst?«, texten sie unter ein Foto des Einser-Abiturienten in der Abschlusszeitung.
Dieses Ziel wird Jens Spahn in den nächsten 20 Jahren nicht mehr aufgeben. Nach oben kommen. Politik machen. Führen. Anführen. Er organisiert das Ferienzeltlager der Katholischen Jugendgemeinde, wird Verbandsvorsitzender. Er ist Stufensprecher, weil er der beste Redner ist. Er organisiert Anzeigenkampagnen für ein Atomzwischenlager in seiner Heimat, weil ihn der linke Mainstream ärgert. Und weil ihn Widerstände anspornen. Bis heute. Seine politischen Ämter erkämpft er sich, oft gegen Bewerber, die einflussreiche Unterstützer haben, wie bei der Kandidatur für das Präsidium beim Bundesparteitag 2014 in Köln. Bundesminister wird er, weil Angela Merkel nach einem desaströsen Ergebnis bei der Bundestagswahl 2017 ein Zeichen der Erneuerung setzen muss und dem Druck des Wirtschaftsflügels und der Jungen Union nachgibt.
Warum sollte er jetzt, erst 38 Jahre alt, diesen Drang zügeln? »Wer 40 ist und keinen Ehrgeiz hat, kann nach Hause gehen«, sagt Spahn gerne, wenn es um seine Zukunftspläne geht. »Ohne Ehrgeiz schafft man auch nicht das Seepferdchen.« Damit ist die Sache mit den Kanzlerambitionen schon mal klar. Sein Aufstiegswille erinnert an Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Wenn Angela Merkel ihren Widersacher nicht zum Bundesminister befördert hätte, wäre Jens Spahn in der Bundestagsfraktion gegen den Vorsitzenden Volker Kauder und damit gegen den Kandidaten der Kanzlerin angetreten. Oder vielleicht gleich auf dem Bundesparteitag im Dezember gegen die Parteivorsitzende.
Jens Spahn will Bundeskanzler werden. Daran lässt er in den vielen Gesprächen, die ich mit ihm für dieses Buch, aber auch in den Jahren davor geführt habe, keinen Zweifel. Daran lassen auch seine Freunde und die politischen Gegner keinen Zweifel. »Man merkt bei ihm jede Sekunde, dass er nach ganz oben will«, sagt SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Den berühmten Satz Erwin Teufels, »Das Amt muss zum Mann kommen, nicht der Mann zum Amt«, hält Spahn für Unsinn. Wer gestalten will, müsse sich ein Amt auch erkämpfen. So sieht er das. Wenn der gelernte Bankkaufmann und Politikwissenschaftler nur den Hauch einer Chance sieht, bis zur nächsten Bundestagswahl seine Konkurrentin, Parteiliebling Annegret Kramp-Karrenbauer, zu überholen, wird er es versuchen. Und wenn er es 2021 nicht schafft, wird er es vier Jahre später versuchen. Und wenn er in der Politik scheitert? Eine Exit-Strategie hat er nicht. »Er braucht sie auch nicht. Wir würden eine lange Reise machen, die Wunden lecken und dann was ganz Neues machen. Und es wäre auch völlig okay«, sagt Spahns Ehemann Daniel Funke. Aber an einen Ausstieg Spahns denkt derzeit ohnehin niemand. Im Gegenteil.
»Wenn ich mir den Kanzler nicht zutrauen würde, müsste ich das hier ja alles nicht machen«, sagt Jens Spahn zu mir schon 2013. Seine Karriere ist ein permanentes Aufbegehren. Die Kampfkandidatur die Konstante. Die Ämter, vom Kreisvorsitz bis zum Ministeramt, sind das Ergebnis eines politischen Feldzugs. Jens Spahn geht dabei strategisch vor, nicht polternd. Er rüttelt nicht am Zaun des Kanzleramtes. Er verliert es nur nicht aus den Augen.
Um es gleich vorwegzusagen: Ich traue ihm das Kanzleramt zu. Den Job, meine ich. Als politischer Journalist beobachte ich Jens Spahn seit über zehn Jahren. Der CDU-Politiker ist trotz seines jungen Alters ein alter Hase im Geschäft. Klug, wissbegierig, hartnäckig und politisch mit allen Wassern gewaschen. Er bespielt die Medien, er inszeniert seine Botschaften unter kreativer Ausnutzung der deutschen Sprache, er schmiedet Bündnisse und arbeitet sich schnell in neue Themen ein. Jens Spahn hat ein außergewöhnliches Netzwerk an Beratern und Unterstützern geknüpft, das ihm hilft, Perspektiven zu erfahren, die im Kreisvorstand in Borken nicht vorkommen. Zugleich hat er den Draht zur Heimat nie verloren. Und er hat einflussreiche Förderer wie Wolfgang Schäuble, Volker Bouffier und Edmund Stoiber. Sie verleihen dem jungen, aufmüpfigen Konservativen die nötige politische Schwere.
Jens Spahn hat eine politische Agenda, die man kritisieren kann, die aber Konturen hat. Er will die CDU nach rechts rücken. Also in die Mitte, wie er es sieht. »Die Mitte ist mittlerweile rechts von der CDU«, sagt er. Die Korrektur der Flüchtlingspolitik ist für ihn der Weg, um das gespaltene Bürgertum wieder hinter der Union zu versammeln.
In der Flüchtlingskrise steigt er zum wortmächtigen Kritiker der Kanzlerin und ihrer Politik auf und nutzt die Rolle zur Profilierung in eigener Sache. Jens Spahn verweigert sich der Willkommenskultur, er sieht die Zuwanderung muslimischer Flüchtlinge als Belastung. Deutschland werde »antisemitischer, schwulenfeindlicher, machohafter und gewaltaffiner«, sagt er.
Und: Jens Spahn will einen anderen Politikstil. Mehr Diskussion. Mehr Kontroverse. In einer Partei, die den offenen Streit meidet, hat Spahn die Rauflust als Marktlücke entdeckt und konsequent besetzt. Die asymmetrische Demobilisierung, das Kampagnenkonzept der Merkel-Jahre, hält er für ein intellektuelles Armutszeugnis. Und Merkels Favoritin für die eigene Nachfolge, CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, wähnt Spahn in diesem Lager der politischen Weichzeichner und Angepassten. Jens Spahn will herausfinden, wie viele in der Partei das so sehen wie er.
Er strebt den ersten Platz an. Davon bin ich nach den Recherchen zu diesem Buch überzeugt. Das Gedankenspiel muss also erlaubt sein: Was wäre, wenn Jens Spahn Bundeskanzler wäre? Wie würde er das Land verändern? Für welche Politik stünde er? Was treibt ihn? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, muss sich dem Menschen nähern, sich ins Münsterland vorarbeiten. Jetzt schon eine Biografie, fragen Sie? Gerade jetzt! Jens Spahn ist 38 Jahre alt. Sebastian Kurz ist 32. Emmanuel Macron 40. Der liberal-konservative irische Premierminister Leo Varadkar ist 39 Jahre alt. Der neue Chef der spanischen Konservativen und mögliche künftige Regierungschef, Pablo Casado, ist 37 Jahre alt. Die Jungen erobern in Europa politische Führungsämter. Und sie sammeln – mit unterschiedlichen Zielen, aber in ähnlicher Strategie – Bewegungen hinter sich, die sich von den etablierten politischen Eliten missverstanden oder ignoriert fühlen.
Jens Spahn ist einer der bekanntesten deutschen Politiker. Zugleich einer der umstrittensten. Kein Christdemokrat wird so kritisch beäugt und ist trotzdem so präsent. Im Netz ätzen seine Gegner mit dem Spruch »Lebe so, dass Jens Spahn etwas dagegen hätte« gegen den konservativen Schwulen. Die Ansichten über ihn sind kontrovers, auch in meinem persönlichen Umfeld. Schwarz oder weiß. Keine Grautöne. Eines aber hat jeder, der über ihn spricht: eine Meinung. Warum polarisiert er so? Auch das ist eine Frage, die beantwortet werden soll. Dabei kommen zwei Spahns zum Vorschein. Der Privatmensch, herzlich, bodenständig und reflektiert. Suchend und fragend, selten belehrend. Und der Politiker, der als arrogant und überheblich wahrgenommen wird. Wie passt das zusammen? Für die einen Hoffnungsträger und Botschafter eines modernen Konservatismus. Für andere ein schnöder Karrierist. Dazwischen ist wenig. Und immer wieder die Frage: Handelt er aus Überzeugung oder aus Kalkül? Bei Jens Spahn lasse sich die Motivation für die politischen Initiativen nicht immer »chemisch rein« nach Überzeugung und Profilierung trennen, sagt Wolfgang Schäuble dazu gewohnt ironisch.
Auch die ungewöhnliche Entfremdung zwischen dem homosexuellen Politiker und der organisierten Community wird Thema dieses Buches sein. Darf einer, der selbst zu einer Minderheit gehört, Minderheiten so hart kritisieren?
Die Recherchen führten in die Archive des Münsterlandes, in Spahns Heimatort, nach Ahaus-Ottenstein. Sie führten nach Berlin und Brüssel, nach Bielefeld und München, nach Washington und Wien, nach London und Düsseldorf. Aus Gesprächen mit annähernd 100 Weggefährten und Zeitzeugen, Freunden, Familienmitgliedern, Gegnern und Beobachtern entwickelte sich das Bild eines Mannes, der Widerstand braucht wie die Luft zum Atmen. Die meisten, die für dieses Buch angefragt wurden, ließen sich auf ein Gespräch ein. Einige wollten anonym bleiben, andere sprachen offen. Auch Spahns Eltern und sein Mann Daniel Funke geben erstmals ausführlich Auskunft. Die Bundeskanzlerin, die in vielen Passagen als politischer Gegenentwurf zu Spahn auftaucht, wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Ihr Sprecher erklärte, dass Angela Merkel für Biografien aktiver Politiker generell nicht zur Verfügung stehe. Jens Spahn gab in mehreren mehrstündigen Interviews Auskunft. Er versuchte nicht, mich bei den Recherchen in seinem persönlichen Umfeld aufzuhalten.
Die Idee zu dem Buch hatte ich im Frühjahr 2017. Aber vor allem die zurückliegenden acht Monate waren intensiv. Die Arbeit abseits des täglichen Jobs, abends, an Wochenenden und im Urlaub ging zulasten meiner Familie. Für die Unterstützung, die Geduld und die Beratung möchte ich mich sehr bei meiner Frau Tina bedanken. Ohne sie wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.
Das gilt auch für Maximilian Plück, einen exzellenten Journalisten und liebenswürdigen Kollegen, der bei diesem Buch außergewöhnliche redaktionelle und ideelle Hilfe geleistet hat. Seine Recherchen finden sich vor allem in den Kapiteln wieder, die im westlichen Münsterland spielen. Plück kommt aus der Ecke und hat mir die Region, die Mentalität und das Umfeld, in dem Jens Spahn aufgewachsen ist, nähergebracht. Für seine Kreativität und seine Mitwirkung bedanke ich mich sehr. Geholfen hat mir auch mein Kollege Dr. Frank Vollmer, der wichtige Anregungen gegeben hat und das Manuskript von manch unsinniger Formulierung, Fehlern und Widersprüchen befreit hat. Beim Verlag Herder bedanke ich mich für die professionelle und gute Zusammenarbeit, namentlich bei Patrick Oelze, Gisa Wörlein, Katrin Pommer und Volker Resing sowie dem akribisch arbeitenden Lektor David Bruder.
Ein Wald mitten in Thüringen. Der kleine Junge schreckt hoch. Gerade noch ist er durch die Natur gepirscht. Wie lange er unaufmerksam war? Er weiß es nicht. Er wähnte die anderen Kinder und die Erwachsenen allesamt in Rufweite. Doch sie sind nicht mehr da. Der Junge bekommt es mit der Angst. Er weint. Durch den Wald zu streifen, das kennt er von daheim im westlichen Münsterland. Aber dieser Wald ist anders, größer, zerklüfteter, furchteinflößender. Dass er überhaupt zu Besuch ist, verdankt der Elfjährige einem Projekt, mit dem kurz nach der Wende Ost- und West-Familien zusammengeführt werden sollen. Seine Eltern bekommen eine Familie aus Thüringen zugelost. Dies ist nun der erste Besuch der Spahns in der ehemaligen DDR.
Diese Stille im Wald. Niemand zu sehen. Als die erste Welle der Angst überwunden ist, denkt er sich: »Irgendwas musst du doch tun.« Der Junge hört in der Ferne Autogeräusche. Wo es Autos gibt, muss es Hilfe geben. Der Junge läuft den Geräuschen nach. Aber die Straße ist viel weiter entfernt als gedacht. Inzwischen haben die Erwachsenen das Fehlen des Jungen bemerkt. Die Einheimischen sind aufgeschreckt. Alle Bewohner werden zusammengetrommelt und gehen auf die Suche. Bei den Eltern wächst die Sorge. Sie wissen, dass ihr Ältester selbstständig ist, das war er schon immer. Doch die Aufregung der Ortsansässigen, der Hinweis auf die »wilden Tiere« im Wald und auch der eilig aufgestellte Suchtrupp dienen nicht gerade der Beruhigung.
Jens Spahn braucht fünf Stunden, ehe er wieder auf die Zivilisation trifft und sich zu dem Dorf durchfragen kann. 26 Jahre später sitzt er in seinem hellen Ministerbüro an der Berliner Friedrichstraße, dreht nachdenklich einen Bergmannsstock in der Hand, den er sich immer dann schnappt, wenn er sich konzentrieren will. »Das war das einzige Mal in meiner Kindheit, dass ich mich verloren gefühlt habe, für ein paar Stunden«, sagt er.
Jens Spahn wächst in Ahaus-Ottenstein auf – einer 3700-Seelen-Gemeinde einen Steinwurf von der holländischen Grenze entfernt. Nicola Wöstmann, eine Freundin Spahns seit Kindergartentagen, beschreibt es so: »Aufwachsen im Münsterland bedeutet Geborgenheit, System und Rituale und dadurch auch Halt.« Es werde nur schwierig, wenn man sich außerhalb der Norm bewege. »Ich habe meine Kindheit sehr genossen, habe alles mitgemacht: Sportverein, Karnevalsverein und Musikverein. Und doch wollte ich möglichst früh den Führerschein haben, damit ich was von der Welt sehe.« Bei ihrem Freund Spahn ist es ähnlich. Das Münsterland sei ein bisschen wie »Bullerbü«, sagt Wöstmann. Schmucke Eigenheime, gepflegte Vorgärten und der Mittelklassewagen unter dem Carport. Vollbeschäftigung, gesunder Mittelstand. Viele engagieren sich ehrenamtlich. »Einen solchen Zusammenhalt findet man in den Großstädten eher selten«, sagt Wöstmann. Spahns Heimat Ottenstein ist das Idyll schlechthin. Viele rote Klinkerhäuser gruppieren sich um die Kirche St. Georg im Ortskern, drumherum Felder und Wälder. Der Karneval und das Schützenfest sind Institutionen im Kalender. Die Kinder lässt man einfach laufen. Spahn und seine Freunde schwimmen im Badesee oder bauen Holzhütten im Wald. »Klingt nach kitschiger Idylle, war aber so«, sagt Jens Spahn. Seine Mutter Ulla Spahn erinnert sich, wie ihr Sohn mit seinem Pedal-Trecker die Dorfstraße rauf- und runterjagt. »Zwei Sätze Reifen hat Jens durchgefahren – so viel war er unterwegs. Er saß ewig auf dem Ding.«
Die Spahns wohnen in einem Haus in der Ortsmitte. Bei ihnen herrscht eine für das Münsterland klassische Rollenverteilung: Die Mutter bleibt für ihren Ältesten, seine zwei Jahre jüngere Schwester und seinen vier Jahre jüngeren Bruder daheim. Zuvor hat sie im Sekretariat des Unternehmens Pietsch, eines Sanitär-Großhändlers, gearbeitet und so auch Georg Spahn kennengelernt. Der absolviert eine kaufmännische Ausbildung und hilft mit, den kleinen Betrieb zu einem respektablen Mittelständler mit mehr als 1000 Beschäftigten aufzubauen. Am Ende seiner Laufbahn ist er Prokurist.
Jens Spahn genießt die Kindheit zu Hause. »Ich wollte nie in den Kindergarten, hab’ Zeter und Mordio geschrien, weil ich mich zu Hause so wohl gefühlt habe.« Spielgefährten sind die Geschwister, die drei haben bis heute ein gutes Verhältnis. »Die waren immer ein Team, da gab es keine Rivalität, höchstens, wenn es ums Essen ging. Bei Jens vor allem, wenn selbstgemachte Bolognese auf den Tisch kam«, erzählt die Mutter. Dabei sind die drei charakterlich verschieden. »Ich bin wie mein Papa, nicht so redefreudig«, sagt Jens Spahn. »Wenn es ins Persönliche geht, dann habe ich viel mit mir selbst ausgemacht.« Die beiden Geschwister hätten sich da schon eher mitgeteilt. »Ich war der große Schweiger und bin damit bis heute gut gefahren«, sagt Spahn. Der Wunsch, die Dinge alleine zu regeln, führt bei Jens Spahn früh zur Selbstständigkeit. Das wiederum ist eine Herausforderung für die Eltern. »Manchmal hätte ich mich gerne ein bisschen mehr um ihn gekümmert. Der ist mir viel zu schnell groß geworden«, sagt Ulla Spahn.
In der Grundschule fällt Spahn durch seine direkte Art auf. Für manche ist sie schmerzhaft. »Die Sache mit dem Poesiealbum war ein kleines Drama«, erinnert sich Wöstmann. »Ich war acht oder neun Jahre alt und hatte es in meiner Klasse rumgereicht.« Nette Sprüchlein wie »Lebe glücklich, lebe froh wie der Mops im Haferstroh« schreiben die Schulfreunde hinein. Nur von Jens Spahn kommt etwas wenig Poetisches zurück: »Blöde Nicola, da ich weiß, dass du in Maik verliebt bist, will ich dich nicht länger stören. Dein Jens«. Wöstmann, die heute als Psychologin in München arbeitet, lacht, wenn sie an die Szene denkt. »Er hat zwar durch eine sehr gute Beobachtungsgabe brilliert, das aber nicht unbedingt charmant rübergebracht«, sagt sie. Das achtjährige Mädchen zeigt ihrer Mutter Jens Spahns Eintrag im Poesiealbum, die wendet sich an Ulla Spahn. »Jens wurde dann dazu verdonnert, ein neues Sprüchlein reinzuschreiben.« Das tut er. Er löscht den Originaltext und schreibt etwas Unverfängliches. Weil der Tintenlöscher verblasst, ist heute wieder der Originalspruch zu lesen. »Unserer Freundschaft hat die Episode keinen Abbruch getan«, sagt sie.
Bei Familie Spahn geht es harmonisch zu. »Wir haben nicht viel gestritten«, sagt Ulla Spahn. Heißt aber nicht, dass die Eltern den Kindern alles haben durchgehen lassen. »Wir waren auch streng, aber grundsätzlich musste er vor nichts bange sein«, sagt Georg Spahn. »Bei uns in der Familie herrschte viel Vertrauen.« Schon in den ersten Schuljahren merkt Ulla Spahn, wie leicht Jens das Lernen fällt. »Er hat sich nicht anstrengen müssen. Jens hat etwas gelesen, dann hatte er das verinnerlicht. Gelesen hat er pausenlos.« Das geht schon in der Grundschulzeit los. »Und er hat uns Löcher in den Bauch gefragt. Er war so neugierig, wollte immer verstehen, wie die Dinge funktionieren.« Auch das habe er sich bis heute bewahrt. »Wenn ich bei ihm zu Hause die Sachbücher sehe, die er zur Entspannung liest – das würden andere wohl nur während ihres Studiums anschauen«, sagt die Mutter.
Dass Jens das Gymnasium besuchen wird, steht für die Lehrer außer Frage. Das Grundschulgutachten für die weiterführende Schule attestiert ihm »kritisches Denkvermögen«. Auch könne er Gelerntes gut behalten. Geeignet, heißt es kurz und knackig. Mit den Eltern kommt es trotzdem zum Konflikt. Georg und Ulla Spahn wollen den Jungen auf die Bischöfliche Canisiusschule schicken. Die von den Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel geleitete Institution gilt als das bessere der beiden Gymnasien. Christlich, konservativ, streng. Eltern, die ihre Kinder dort anmelden wollen, warten nächtelang vor der Schule für einen Termin mit der Schulleiterin, Schwester Adelgundis Pastusiak. Die Nonne entscheidet nach einem persönlichen Gespräch mit den übernächtigten Eltern, ob das Kind angenommen wird. Die Spahns könnten es sich einfach machen und auf das Bewerbungsritual verzichten. Schließlich will der Sohn nicht auf die Nonnenschule. Er ist sauer. Zwei seiner besten Freunde, mit denen er seit Kindergartentagen zusammengeblieben ist, sind am städtischen Gymnasium angemeldet. Es gilt als progressiv, politisch eher links. Die übrigen Freunde gehen zur Haupt- oder Realschule. Das Aufbegehren des Zehnjährigen ist vergeblich. Er muss zum »Nonnenbunker«, wie die Schule im Volksmund heißt. Jahre später wird Spahn als Stufensprecher bei der Abiturrede in Anlehnung an Friedrich Nietzsche sagen, man könne die Höhe der Türme erst aus der Distanz ermessen – er meinte dabei auch ein bisschen sich selbst. Im Rückblick bezeichnet er die Entscheidung der Eltern als großes Glück.
Der Junge braucht Zeit, um mit dem Gymnasium warmzuwerden. Seine damalige Mitschülerin Heike Wissing (geborene Olbring) erinnert sich, dass Spahn zu Beginn kein Überflieger war. »Jens war nicht der Elite-Schüler, der er zum Abitur war. In der fünften und sechsten Klasse war er so mittelmäßig wie wir alle.« Wissing glaubt jedoch, dass Georg Spahn seinem Sohn klar gemacht habe, dass die Schulnoten stimmen müssten, wenn er im Leben etwas erreichen wolle. Mittelmaß reiche nicht aus. Die Rolle des Vaters ist für Jens Spahn besonders wichtig. Er nennt ihn sein Vorbild: »Job, Büro, großes Auto – das hat Eindruck auf mich gemacht«, beschreibt Jens Spahn. »Mir war immer klar: Handwerk ist nicht meins, ich bin eher einer, der im Büro landet.« Die Ansage des Vaters leitet den Umschwung bei den schulischen Leistungen ein. »Das war, als hätte jemand bei ihm einen Schalter umgelegt. Der konnte auf einmal alles sehr gut. Sogar Sport. Im Spagat über so einen blöden Kasten drüber? Wir sind reihenweise dran gescheitert. Für Jens kein Problem«, erzählt Wissing.
Franz-Josef Große-Berg ist Religions- und Sportlehrer. Vor seiner pädagogischen Laufbahn war er Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Aber er ist kein Schinder. Dank seiner freundlichen, humorvollen Art wird er Vertrauenslehrer der Schule – ein Posten, den er bis zur Pensionierung behält. »Jens zählte nicht zu den Sportlichsten. Das hat er aber durch Ehrgeiz wettgemacht. Und er konnte sich quälen. Jens wollte ja gut sein.« Es gibt kein Fach, in dem Jens Spahn nicht zu den besten Schülern gehört. »Er war der Schüler in unserer Stufe, der die meisten Sprachen gelernt hatte: Latein, Englisch, Französisch, Russisch und Griechisch«, sagt Wissing. Ein echter Streber.
Für Ulla Spahn geraten die Elternsprechtage zum Kurzbesuch. »Ich saß vor den Lehrern, und die meinten nur: ›Was sollen wir lange reden, Frau Spahn? Sie sehen ja seine Noten. Das passt alles.‹ Dann war ich wieder weg.« Jens Spahn lehnt sich trotzdem nicht zurück, er nimmt die Schule ernst. Er ist fleißig. Eine Leseratte. »Die ersten Lateinvokabeln haben wir noch zusammen gepaukt, jeden Abend saßen wir zusammen, und ich habe Lektion für Lektion abgefragt«, erinnert sich die Mutter. »Aber irgendwann hat er dann gesagt: ›Lass mal, Mama. Das mach ich jetzt alleine.‹«
Sein Fleiß treibt skurrile Blüten. Der Freundeskreis trifft sich im Dorfpark, man sitzt auf der Wiese und redet. »PGs« nennt sich die Clique selbst: die »Park Gang«. »Jens war zwar auch gerne dabei, zugleich aber ehrgeizig«, erinnert sich Wöstmann. »Er hat dann zum Abhängen im Park seine Lateinvokabeln mitgebracht und da nebenher noch draufgeschaut.« Das Engagement zahlt sich aus. Sein Lehrer Heinrich Walters, der Spahn seit der fünften Klasse in Latein unterrichtet, erinnert sich an einen außergewöhnlich guten Schüler. »Qualitativ herausragend, wenn ich meine 38 Dienstjahre betrachte. Das ging über das Streben nach einer guten Schulnote hinaus.« Jens Spahn nimmt am Bundeswettbewerb Latein teil und wird dort für Einzel- und Gruppenarbeiten ausgezeichnet.
Im Unterricht lässt Jens Spahn die Mitschüler seine Überlegenheit nicht spüren. »Ich habe ihn persönlich nie schnöselig oder arrogant erlebt«, sagt Walters. Während andere Jugendliche am Ablativus absolutus oder am Gerundivum verzweifeln, meistert Spahn die Grammatik mit Leichtigkeit. »Auch wenn ich bemüht war, Abschreiben zu unterbinden, muss man sagen: Wenn es Klassenarbeiten in Latein gab, waren die Plätze direkt neben Jens die beliebtesten«, sagt Walters.
Die Schule sei ihm nie wirklich schwergefallen, blickt Spahn zurück. »Ich war nicht so unbeliebt wie die meisten Streber, aber war jetzt auch nicht einer von den coolen Jungs.« Nicola Wöstmann sagt, das Faszinierende an Spahn sei, dass er eine gute Kombination an Fähigkeiten aufweise: »Auf der einen Seite sehr sozial und gesellig, zugleich aber zielstrebig, intelligent und ehrgeizig.« Nebenbei spielt Jens Spahn in der Theater-AG. Er gibt in Oscar Wildes »Bunbury – oder Ernst sein ist alles« den Hochwürden Kanonikus Dr. Frederick Chasuble. »Hat er richtig gut gemacht. Öffentliche Auftritte lagen ihm«, erzählt Wissing. So sieht es auch die Lokalpresse nach der Premiere: »Unnachahmlich komisch trat Jens Spahn als Pastor Chasuble auf und erzielte mit markigen Reden häufigen Zwischenapplaus.« Er habe früh ein Faible fürs Rampenlicht gehabt, gibt Spahn zu. Vor größeren Gruppen aufzutreten, fällt ihm nicht schwer. »Ich war mit Begeisterung Messdiener.« Das sei ja auch eine Form von Entertainment, findet Spahn. »Es ist faszinierend. Die Gemeinde schaut dir zu, wenn du da vorturnst.« Wenn man ihn nach seiner ersten öffentlichen Rede fragt, antwortet Spahn: »Die Fürbitten und die Lesung in der Kirche.« Die Gottesdienste üben einen besonderen Reiz auf ihn aus. »Du ziehst was an, verkleidest dich, marschierst mit dem Pfarrer aus der Sakristei ein. Die katholische Kirche ist immer auch ein bisschen großes Kino. Deshalb mag ich die ja.« Ein Kreuz hängt noch heute in Spahns Berliner Wohnung.
Der Drang in die Öffentlichkeit beschränkt sich nicht auf das Messdieneramt. Die Eltern überfällt er nach dem Schulwechsel mit einer neuen Idee. Eines Nachmittags, da ist Jens Spahn elf oder zwölf Jahre alt, kommt er nach Hause und sagt zu seiner Mutter: »Mama, ich bin Karnevalsprinz.« Die fünfte Jahreszeit ist in »Wotteltown«, so der karnevalistische Spitzname Ottensteins, gesellschaftliches Pflichtprogramm. Aber die Spahns sind bisher nicht als Speerspitze der Bewegung aufgefallen. »Die Geschichte mit dem Karnevalsprinz ist bezeichnend für Jens«, sagt Vater Georg Spahn: »Er war schon immer selbstständig und ein bisschen dickköpfig. Was er will, das will er.« Und so sieht das Dorf bald in der Lokalzeitung das Foto des Kinderprinzenpaars Jens I. und Sonja (Kleinpass) II. Die Mitschüler werden zum Büttenabend eingeladen. Das Programm ähnelt dem einer großen Karnevalssitzung. Es gibt einen Elferrat, Funkenmariechen – nur eben keinen Alkohol, sondern Fanta, Sprite und Kekse.
Es ist die Zeit, in der sich die ersten Schüler für ihre Mitschülerinnen interessieren. Auch Spahn macht erste zarte Gehversuche in Sachen Liebe. »Es muss so in der sechsten Klasse gewesen sein. Da waren wir kurze Zeit ein Paar«, erinnert sich Heike Wissing. »Das war aber alles total unschuldig – kein Knutschen, nicht mal mit Händchenhalten.« Die Mädchen aus dem benachbarten Ortsteil Alstätte treffen sich häufig mit Jens Spahn und seinen Kumpels. Zwei Sommer lang ist das Anlaufziel Ottenstein. Treffpunkt war meist »Jens’ Kinderzimmer«, erinnert sich Wissing. »Zu sechst oder acht saßen wir dann da und haben gequatscht. Ich weiß noch, das Erste, was mir damals auffiel, war das Bücherregal mit der Komplettausgabe der Lustigen Taschenbücher. Darauf waren wir damals alle neidisch.«
Die beiden »gehen miteinander«, sie sind ein Paar. Einmal sitzt Heike Wissing bei Spahns im Wohnzimmer. »Da hing dieses Bild von ihm an der Wand, mit goldenen Engelslöckchen. Total niedlich.« 25 Jahre später muss sie zufällig Unterlagen bei den Spahns vorbeibringen. Der Vater macht die Tür auf. Heike Wissing stellt sich vor. »Da sagte Georg Spahn nur: ›Ich weiß, wer Sie sind. Sie haben schon mal bei uns auf dem Sofa gesessen.‹« Heike Wissing lacht. »Es gab augenscheinlich nicht so viele Mädchen, die bei Spahns zu Hause auf dem Sofa gesessen haben.«
Die Tanzschule besucht er nicht mit Heike Wissing, sondern mit seiner Kindergarten-Freundin Nicola Wöstmann. »Ich habe damals sehr gerne den Kurs mit ihm gemacht. Er hat ein wahnsinnig gutes Taktgefühl. Es ist angenehm, wenn der Partner die Führung übernimmt, das beherrschte er«, sagt sie und fügt hinzu: »Okay, je später der Abend und je mehr getrunken wurde, desto wilder wurde sein Tanzstil.« Noch heute, so berichtet ein Mitschüler, werde ihm schwindelig, wenn er daran denke, wie Jens Spahn bei den Abitur-Feiern die Mädels im Discofox über die Tanzfläche geschleudert habe.
Während der Sommerferien fährt Jens Spahn mit der Katholischen Jungen Gemeinde ins Ferienlager, übernachtet auf Luftmatratzen oder Isomatten in einer Turnhalle. »Jens hat das geliebt. Er mochte es immer schon, unter Leuten zu sein«, sagt Ulla Spahn.
Sebastian Banken, heute Projektmanager bei einer großen Eventagentur, ist mit Spahn zusammen in der Jugendgruppe. »Die KJG war immer ein bisschen alternativ«, erinnert er sich. Es geht entspannt zu. Die KJGler treffen sich einmal in der Woche im Ottensteiner Jugendheim. Die Leiter machen dann das Programm – Schwimmen, Fußball, Schnitzeljagd. »Da gab es kein strenges Korsett«, sagt Banken. »Man konnte in den Gruppen das machen, worauf man Lust hatte.« Er lernt Jens Spahn als »extrem locker« kennen, als »witzigen, entspannten Typ«. Spahn empfiehlt sich schnell für Führungsaufgaben. Betreut er am Anfang nur eine Gruppe mit acht bis zehn Jungen, hat er später die Verantwortung für die Finanzen des Lagers. »Das waren damals immerhin 20.000 bis 30.000 Mark«, erinnert sich Spahn. Als Gruppenleiter habe er ein Gespür für den Umgang mit Kindern entwickelt, sagt Banken. Spahns souveränes Auftreten hilft ihm dabei. »Er wurde als Alphatier akzeptiert, war aber den Kindern und Jugendlichen gegenüber nicht autoritär«, so Banken.
In Diskussionen unter den Gruppenleitern nimmt Spahn gerne kontroverse Positionen ein. »Das musste nicht unbedingt bis ins letzte Detail seine Meinung sein. Aber wenn er das Gefühl bekam, dass etwas ins Stocken geriet, hat er mit ein paar provozierenden Thesen dagegengehalten – und schon kam man voran«, sagt Banken. Diese Methode wendet Spahn auch heute in der Politik an. Spahn nimmt extreme Positionen ein, am Ende liegt der Kompromiss nahe an dem, was er eigentlich haben wollte. »Er war in diesen Diskussionen nie nachtragend. Jens findet niemanden doof, nur weil er eine andere Position hat«, erzählt Banken.
Zu der Zeit verteilen die Jugendämter benachteiligte Kinder auf die Sommerlager. Im Leiterkreis wird heftig gestritten, wie man mit den Kindern aus schwierigen Verhältnissen umgehen soll. Jens Spahn habe stets versucht, das Gespräch auf die Sachebene zu holen, sagt Banken. Wenn man eine bestimmte Anzahl an schwierigen Fällen in der Gruppe dabei haben wolle, müsse man den Personalschlüssel dafür haben, argumentiert Spahn. »Allein über die emotionale Schiene musste man ihm nicht kommen.« Jens Spahn bringt sich auch beim Dachverband, dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), ein und steigt dort zum Kreisvorsitzenden auf.
Der BDKJ ist der mit Abstand größte Verband im Kreis Borken. Der Vorsitzende sitzt im Jugendhilfeausschuss des Kreises. Da geht es um Politik, um die Interessen der Jugend im Kreis. Trotz des Einflusses bewerben sich nicht sehr viele um den Posten, denn das ist mit Arbeit verbunden. »Ich habe fast jedes Wochenende auf der Jugendburg in Gemen verbracht«, erinnert sich Spahn. Im Diözesanverband werden die Diskussionen dann politisch. Es ist die Feuertaufe für den angehenden Politiker. Es geht um Atomenergie. »Die Mehrheit war deutlich alternativer angehaucht als ich und damit auch mein Kreisverband«, erinnert sich Spahn. »Ich habe die Diskussionen geschätzt, auch und gerade, weil ich mit meiner Meinung oft in der Minderheit war.«
Sportlehrer Große-Berg macht zu dieser Zeit eine Beobachtung, die im späteren Leben von Jens Spahn noch ausgeprägter wird: »Jens ist kein Kumpeltyp. Dafür ist er zu schweigsam.« Er beobachte häufig, ehe er sich äußere. »Das heißt aber nicht, dass er ein Einzelgänger ist. Im Gegenteil: Ich würde ihn als Gruppenmensch bezeichnen. Er umgibt sich gerne mit anderen.« Das müssten nicht die Intellektuellen sein. »Er mag es auch gerne mal bodenständig«, sagt Große-Berg. Diese Bodenständigkeit bekommt er in einer ganz besonderen Herrenriege.
Daniel Hemming sitzt auf seiner Terrasse in einem Neubaugebiet in Ottenstein. Der gelernte Zimmermann blickt auf ein riesiges Piratenschiff, das er für seinen ältesten Sohn im Garten gebaut hat. Eine Attraktion für die Kinder in der Nachbarschaft. Hemming ist einer der ältesten Freunde Spahns. Als sie 16 oder 17 Jahre alt sind, gründen sie mit Freunden einen Stammtisch namens »Hau wech«. Es ist ein verschworenes Männerbündnis, das bis heute Bestand hat. Wenn einer aus dem Kreis ein Problem hat, so beschreibt es Hemming, genüge ein Anruf, schon stünden die Stammtischbrüder auf der Matte. Jens Spahn ist gern mit seinen Kumpels zusammen. Sein erstes Geld, das er als Jugendlicher bei einem Maschinenbauer und als Kellner verdient, gibt er für Partys mit den Jungs aus. Da es in der Region keine Clubs gibt, fahren die Freunde damals kilometerweit mit dem Fahrrad, um auf einer Zeltparty der Katholischen Landjugendbewegung zu feiern. Dass sich Jens Spahn nicht für Mädchen interessiert, ist in der Clique kein Thema. »Ich war ein recht geselliger Typ, bin ziemlich früh feiern gegangen«, sagt Spahn. »Da ging’s dann ab zur Sektbar. Die Jungs haben die Mädels angesprochen, sich aber nicht weiter gewundert, dass ich mich da rausgehalten habe.« Gefeiert wird bis früh morgens, manchmal fallen die Jugendlichen um 6 Uhr morgens bei den Spahns ein, um sich in der Küche ein Spiegelei zu braten. »Meine Eltern mussten eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen«, sagt Spahn.
Einmal im Monat treffen sich die »Hau-wech«-Jungs in der Kneipe »Dertmann«. Spahn, der durch seine ehrenamtliche Tätigkeit auch neue Freunde gefunden hat, bringt die Freunde von der Katholischen Jugend mit dem Stammtisch zusammen. Hemming profitiert davon: An einem der Partyabende im Pfarrheim lernt er seine spätere Frau kennen.
Dass Jens schwul ist, merken seine Kumpels früh. »Wir beide haben darüber nie direkt gesprochen. Das war mir irgendwann einfach klar«, sagt Hemming. Die Zeiten seien schwieriger gewesen als heute. »Sicherlich ist er deswegen mal blöd angequatscht worden, aber Jens kann sich gut mit Worten verteidigen. Das hat mich immer beeindruckt: Er kann extrem gut argumentieren. Er legt ein Thema auf den Tisch, und du kannst noch so gut vorbereitet sein: Er redet dich in Grund und Boden.« Wenn auf den Partys der Landjugend der Alkohol fließt und es auch mal ungemütlich wird und die Fäuste fliegen, ist Jens Spahn nicht dabei. »Er konnte Schlägereien immer gut aus dem Weg gehen«, sagt Hemming. »Wir anderen sind da schon mal häufiger reingeraten.«
Wenige Jahre nach der Stammtischgründung satteln die Freunde noch einen Karnevalsverein oben drauf. Sie bauen jedes Jahr einen eigenen Karnevalswagen. 2000, als über Frauen bei der Bundeswehr diskutiert wird, ist es ein pinkfarbener »Leopardin II«-Panzer, der Konfetti aus der Kanone abfeuert. 2001 war es ein überdimensionaler Kickertisch, 2002, als Holland nicht mit zur WM durfte, ein oranger Wohnwagen. »Und 2003, als Jens frisch in den Bundestag gewählt ist, haben wir ihm den Reichstag nachgebaut.« Auf den Fotos aus dieser Zeit sieht man einen ausgelassenen Jens Spahn. Einer, der sich wohlfühlt in dem Kreis von Leuten, der überwiegend aus Handwerkern besteht: Zimmermann, Fliesenleger, Maurer, Tischler. Zwei, von denen Spahn es nicht erwartet hätte, werden nach Jahren auf Altenpfleger umsatteln. »Die sind mit diesem neuen Job total glücklich. Die sind für mich das positive Beispiel schlechthin, wenn mal wieder nur über die Unattraktivität dieses Berufs gesprochen wird«, sagt der Gesundheitsminister.
Jahre später lernt Spahns Ehemann Daniel Funke die Gruppe kennen. Spahn wirft ihn ins kalte Wasser: »Wir waren in Ottenstein zu einem Sommerfest eingeladen. Da waren alle schon da. Allesamt Familienväter mit selbst gebautem Eigenheim. Es wurde gegrillt. Kinder und Ehefrauen waren auch da – letztere sind übrigens die, die da immer die Hosen anhaben«, erzählt Funke von dem ersten Zusammentreffen mit Spahns ältesten Freunden. »Und dann kamen Jens und ich an, natürlich zu spät. Das war wie in so einem Western, wenn im Saloon die Musik erstirbt. Und ich habe gedacht: Jetzt behandeln sie ihn hier wer weiß wie. Und was passiert? Er ist einer von den Jungs – völlig gleichberechtigt. Da ging es nicht um Prestige, nicht um: ›Wen kennst du …?‹.«
Spahn lädt seine Freunde im Mai 2010 zum 30. Geburtstag in die Hauptstadt ein. Gefeiert wird in einer urigen Berliner Eckkneipe. Die Gästeliste ist eine wilde Mischung aus Spahns Leben. Familie, Schulfreunde, Azubikollegen, schwule Freunde, Politiker. »Der Wirt war etwas fassungslos, als wir ihm die Kneipe trockengelegt haben. Diese münsterländische Trinkfestigkeit kannte er nicht«, sagt Hemming. Auch als Bundesminister hält Spahn den Kontakt zu den Freunden aus der Heimat, obwohl es zeitlich schwieriger geworden ist. Für die Stammtischfahrt 2018 hat sich Jens Spahn schon angemeldet. Geplant ist eine Fahrradtour durch die Niederlande. Im Frühjahr 2018 ist Spahn spontan bei Hemming in Ottenstein zu Besuch. »Und dann sagt er: ›So, jetzt sind wir ja da, wo wir hinwollten‹«, erzählt Hemming. »Jens sagt Dinge immer sehr bewusst. Dass er da in der Mehrzahl spricht, sollte dann wohl signalisieren: ›Ich weiß, dass Ihr mich all die Jahre unterstützt habt.‹ Ich rechne ihm das hoch an.« Dass Jens Spahn Bundesminister ist, verdankt er einer Busreise.
Im Herbst 1995 biegt der Reisebus auf den Ahauser Kirmesplatz ein. Auf der geschotterten Fläche, auf der die Bewohner ihre Autos parken, wenn sie in die nahegelegene Fußgängerzone schlendern, warten ein paar Jugendliche. Aus der Gruppe sticht ein 15-jähriger Junge heraus, groß, dunkle Locken. Jens Spahn hat bis dahin keine Berührungspunkte mit der Jungen Union, er konzentriert sich auf die Schule, die Jugendarbeit in der KJG und seine späteren Stammtischfreunde. Einige Mitschüler, die sich in der JU engagieren, fragen ihn jedoch, ob er nicht einfach einmal mitkommen wolle auf eine Exkursion in den Landtag nach Düsseldorf. Nach dem politischen Pflichtprogramm wolle man die längste Theke der Welt, die Düsseldorfer Altstadt, unsicher machen. Spahn ist neugierig, und deshalb steht er nun da und wartet auf den Reisebus.
Auf der Fahrt merkt Spahn, dass er unter Gleichgesinnten ist. Ihm gefällt die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spaß, die er bei der JU erlebt. Noch im Bus unterschreibt der Gymnasiast die Beitrittserklärung. Der fünfeinhalb Jahre ältere Markus Jasper hält sie ihm unter die Nase. Jasper ist von beeindruckender Statur: 1,98 Meter groß, rote Haare, ein spitzbübisches Lächeln. Jasper ist das, was man gemeinhin als kommunikativ bezeichnet: humorvoll, Schülersprecher, ein ausgewiesener Netzwerker. Und politisch interessiert. Jasper und Spahn freunden sich schnell an. Bis heute ist der aus Heek-Nienborg stammende Politiker einer von Spahns wichtigsten Vertrauten.
»Mir ist von Anfang an klar, dass er zu Höherem berufen ist«, sagt Jasper, heute Kreisgeschäftsführer in Borken. »Jens hatte bei seinem Eintritt ja schon viel Verbandserfahrung. Man spürte bei ihm den Homo politicus. Der kannte sich mit politischen Dingen aus.«
Der JU-Stadtverband funktioniert damals nicht mehr richtig. Es finden sich zu wenige Schüler, die Lust haben, sich zu engagieren. Spahn kommt das nach eigenen Worten zugute: »Die waren dann eher dankbar, als ich gesagt habe: Okay, ich mach das jetzt mal.« Er rührt dann die Werbetrommel und vervierfacht innerhalb kürzester Zeit die Mitgliederzahlen. »Wir hatten im Stadtverband bald mehr Mitglieder als woanders ganze Kreisverbände.« Mit dieser geballten Schlagkraft ist es ihm dann zwei Jahre später möglich, das Projekt Kreisvorsitz anzugehen.
Als Spahn in die CDU-Jugendorganisation eintritt, ist Ahaus Kernregion einer politischen Debatte, die bundesweit die Gemüter erhitzt. Die Kleinstadt nahe der niederländischen Grenze lebte viele Jahre überwiegend von einem Industriezweig, der inzwischen so gut wie ausgestorben ist: der Jute und Baumwolle. Die Städte Rheine, Ahaus und Gronau bilden das sogenannte Textildreieck. Zeitweise verfügt die Region über die bedeutendste Baumwollspinnerei-Kapazität auf dem europäischen Festland. Zu Tausenden sind die Menschen in den großen Fabriken beschäftigt. Insbesondere die Firma van Delden gilt als Branchenriese, eine Zeit lang zählt sie zu den 50 größten Textilfirmen der Welt.
Doch die Branche hat der Billig-Konkurrenz aus Fernost nicht viel entgegenzusetzen. In den 70er-Jahren schließen umtriebige CDU-Politiker deshalb einen politischen Deal mit der Gesellschaft für Zwischenlager, einer Tochterfirma der großen Energieversorger und der Bundesregierung. Der Deal soll der Stadt das wirtschaftliche Überleben sichern. Kritiker würden sagen: Sie haben die Stadt verkauft.
Das Zeugnis dieses Paktes steht drei Kilometer vor den Toren der Stadt. Wer die Landstraße von Ahaus in Richtung Münster fährt, passiert kurz nach der Stadtgrenze auf der linken Seite einen unscheinbaren bräunlichen Bau. Er sieht aus wie ein Hochregallager oder die Produktionshalle eines metallverarbeitenden Betriebs. Auffällig sind allerdings das fehlende Firmenlogo und die strengen Sicherheitsmaßnahmen. Darüber können auch die vor dem Gebäude grasenden Wisente nicht hinwegtäuschen. Hier steht das Brennelemente-Zwischenlager Ahaus (BZA), je nach Sichtweise Fluch oder Segen für die Region.
Am 2. September 1977 titeln die Ruhr-Nachrichten: »Ahaus als Zwischenlager für Atommüll empfohlen«. Ursprünglich sollte auf der freien Fläche eine Fabrik zur Herstellung von Brennelementen entstehen, zwischenzeitlich ist eine Urananreicherungsanlage im Gespräch. Nach kontroverser Diskussion erteilt die Stadt im Herbst 1983 die Baugenehmigung für das Atommüll-Zwischenlager, im Juli 1984 erfolgt der erste Spatenstich. Rechtsstreitigkeiten mit den Gegnern führen zu Verzögerungen, immer wieder wird gerichtlich ein Baustopp verhängt. Doch die Befürworter setzen sich auf dem Weg durch die Instanzen durch. Das Zwischenlager wird 1989 fertiggestellt. Im Gegenzug gibt es »Strukturhilfen« der Energieversorger und der Landesregierung. Im Klartext: Millionen für den Stadthaushalt. Die Politik gibt das Geld mit vollen Händen aus: Ahaus verfügt bald über ein Wellenfreibad mit beheiztem Becken; das marode Barockschloss, dem die Stadt ihren Namen verdankt, erstrahlt in neuem Glanz – finanziert mit dem Geld für das Atomzwischenlager.
Allerdings akzeptieren die Stadtoberen damit auch, dass ein Riss durch die Stadt verläuft: auf der einen Seite die Anhänger der CDU, die seit jeher in dem katholisch geprägten Flecken politisch dominieren und das Zwischenlager befürworten – ihnen gegenüber eine wachsende Zahl von Bürgern, denen es nicht behagt, in der Nachbarschaft von strahlendem Atommüll zu wohnen. Neben einer Bürgerinitiative namens »Kein Atommüll in Ahaus« gründet sich Anfang der 80er-Jahre auch eine eigene Partei, die Unabhängige Wählergruppe Ahaus (UWG), die das Vorhaben bekämpft.
Am 24. Juni 1992 wird der erste radioaktive Müll aus dem Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop nach Ahaus gebracht. Es gibt Proteste. 50 Demonstranten blockieren vorübergehend die Schienen. Einige Tage später wird das Rathaus mit Kuhmist und Graffiti beschmiert. Das zementiert den Ruf der BZA-Gegner, eine überschaubare Gruppe von Spinnern zu sein. Doch die Vorbehalte in der Bevölkerung wachsen, und damit wächst auch die Zahl der Sympathisanten. Vor allem auf die Jugend der Region übt die Anti-Atomkraft-Bewegung eine Faszination aus.
Anders bei Jens Spahn. Der Schüler interessiert sich zwar für das Thema, liest Bücher über Sinn und Unsinn der Atomkraft. Doch kommt er zu einem gänzlich anderen Schluss als viele seiner Mitschüler: »Ich hielt das Konzept der Kernenergie für vernünftig. Und es wollte nicht in meinen Kopf rein, dass die anderen zwar mit Emotionen, aber nicht mit Fakten argumentierten.« Spahn versteht nicht, warum Menschen sich gedankenlos auf einem Mallorca-Flug einer deutlich höheren Strahlendosis aussetzen, als sie bei einem einjährigen Campingaufenthalt direkt neben einem Castorbehälter abbekommen würden. »Hat damals aber keinen interessiert oder die Leute schlicht nicht erreicht«, sagt Spahn. Noch heute ist Jens Spahn ein Befürworter der Kernenergie – Fukushima hin oder her.
Die Leserbriefspalten der Münsterland Zeitung sind Ende der 90er-Jahre gut gefüllt mit Briefen der Zwischenlager-Gegner. Für sie sind die Beiträge in der Lokalzeitung die beste Methode, um sich Gehör zu verschaffen. Gegen die CDU-Ratsmehrheit, die Ahaus seit Jahr und Tag hat, haben sie keine Chance. Sie suchen ihr Heil in einer öffentlich geführten Debatte. Das ist ganz nach dem Geschmack von Jens Spahn, der Anfang 1997 zusätzlich der CDU beigetreten ist. Er schaltet sich ein. Am Mittwoch, 21. Mai 1997, erscheint unter der Überschrift »Kernenergie nutzt Umwelt« sein erster Leserbrief. Spahn schreibt sich darin den Frust von der Seele. Er preist die Klimafreundlichkeit des Energieträgers, erkennt zwar auch »ein gewisses Restrisiko« an, hält dies aber für beherrschbar. »Der ungebrochene Fortschrittsglaube der 50er- und 60er-Jahre hat sich bis heute in die Kehrseite gewendet, in eine vorherrschende Skepsis gegenüber technischem Fortschritt«, schreibt er und fügt hinzu: »Was ja schon die zu Hunderten aus dem Nichts entstandenen Bürgerinitiativen zeigen, die allerorts äußerst wirksam technische Projekte be- und sogar verhinderten.« Spahn schließt mit der Einschätzung, dass die Kernenergie zum jetzigen Zeitpunkt die einzige Alternative zu den in absehbarer Zeit verbrauchten fossilen Brennstoffen darstelle. Die Kernenergie alternativlos? Der späteren Kanzlerin und damaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel dürfte das gefallen haben. Die beiden kennen sich zu dem Zeitpunkt nicht, waren sich aber später wahrscheinlich nie wieder so einig wie in der Frage der Kernenergie. Für die Atomkraftgegner in Ahaus oder Gorleben hat die CDU-Umweltministerin Merkel zu der Zeit keinerlei Verständnis. Wenn sie die Gefahren der Atomenergie beschreiben soll, nimmt sie Anleihen bei der Hausarbeit. »Wenn Sie einen Kuchen backen, geht auch nicht alles nach Rezept, da fällt schon mal ein Mehlstäubchen ab. Ja und?«, sagt Angela Merkel laut Spiegel 1997. Die Kernenergie sei beherrschbar, sagt die Physikerin.
Spahns Leserbrief erscheint. »Ich war stolz wie Bolle«, sagt er. Bei der Morgenlektüre seiner Lokalzeitung liest sich auch Felix Büter an dem Leserbrief fest. Der damals 38-Jährige ist stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender im Ahauser Stadtrat. »Jens war noch sehr jung, man könnte auch sagen: vielleicht etwas unbedarft«, erinnert sich Büter. Das Thema Zwischenlager ist zu diesem Zeitpunkt schon so emotional aufgeladen, dass es in der Region Familien spaltet und Vereine entzweit. »Insofern konnte ich erahnen, was da auf ihn zukommen würde.« Büter hat zwar schon von dem ungestümen Ahauser JU-Chef gehört, er kennt ihn aber noch nicht. Er greift zum Telefonhörer und wählt Spahns Nummer. »Mir war wichtig, ihm zu signalisieren: Wenn da was kommt, stehst du nicht alleine da.« Jens Spahn rechnet dagegen nicht mit relevanten Reaktionen. Am Freitagabend geht Spahn wie üblich in der Gaststätte um die Ecke kellnern. Ein Familienfest. Es wird spät. Um 6 Uhr morgens kommt er nach Hause, die Zeitung liegt im Briefkasten. »Und dann waren da fünf Leserbriefe gegen mich drin«, erinnert sich Spahn. Er ist überrascht. Offenbar hatte er einen Nerv getroffen. In den Briefen werden Spahn Zynismus, Unchristlichkeit, fehlende Bürgernähe und Naivität vorgeworfen, er mache sich zum Erfüllungsgehilfen der Atomkonzerne. In einem Brief wird Spahn vorgeschlagen, er möge »sich einmal mit den krebskranken Kindern von Sellafield unterhalten und mit den Fischern, die in der radioaktiv verseuchten Irischen See fischen müssen«. Spahn ist übermüdet und reagiert emotional. »Was da stand, hat mich völlig fassungslos gemacht.«
Er hatte das Konfliktpotenzial unterschätzt. Das Zwischenlager spielt zumindest in Ottenstein keine große Rolle. In Ahaus schon. »Da bin ich auch ein- oder zweimal bespuckt worden von einigen«, erinnert er sich. Vize-Fraktionschef Büter hält Wort. »Wir haben uns dann auch wegen der harschen Reaktion auf Jens’ Brief häufiger auf diesem Weg zu Wort gemeldet«, sagt Büter. So tragen Gegner und Befürworter des Zwischenlagers ihren Streit über die Leserbriefspalten aus. Spahn spricht später von einem »Leserbriefe-Pingpong«.
Für den Nachwuchspolitiker hat sein erster medialer Aufschlag einen netten Nebeneffekt: Die CDU kann jetzt mit seinem Namen etwas anfangen. Spahns Sportlehrer Franz-Josef Große-Berg ist zu diesem Zeitpunkt Chef des Ahauser Ortsverbands der Partei. »Wir haben gesagt: Den müssen wir fördern. Uns war schon klar: Der ist auch hin und wieder rebellisch. Aber warum nicht? In dem Alter ist das doch völlig normal.« Auch Vize-Fraktionschef Büter erkennt das Potenzial. Ihm gefällt, dass der »junge Kerl gegen den Strom schwimmt«. Die Jugendlichen in Ahaus sind zu dem Zeitpunkt mehrheitlich auf der Seite der Atomkraft-Gegner. Büter behält den 17-Jährigen im Auge. »Mein Gefühl war, dass er ein Talent für politische Arbeit hat. Man merkt, wie jemand sich mit bestimmten Themen beschäftigt.« Jens Spahn kratze nicht nur an der Oberfläche, sondern arbeite sich tief ein in die Themen, nicht nur in der Atomdiskussion. Und: »Jens ist diskussionsfreudig, aber nicht verbohrt. Er setzt sich kontrovers mit den Dingen auseinander.«
