Jenseits der weißen Linie - Dragana Oberst - E-Book

Jenseits der weißen Linie E-Book

Dragana Oberst

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Beschreibung

Im Belgrad der sechziger Jahre zerfällt eine Familie: Janas Vater verschwindet eines Tages, die Mutter wandert nach Deutschland aus, um der Arbeitslosigkeit und Armut in Titos Jugoslawien zu entkommen. Die Kinder bleiben bei einer Pflegefamilie zurück, bevor auch sie voneinander getrennt werden. Das Mädchen wächst auf dem Land auf, bei Großmutter Dara. Die alte Bäuerin kümmert sich rührend um das Kind, doch gegen die anhaltende Sehnsucht nach der verlorenen Familie kann auch sie nichts ausrichten. Erst nach Jahren darf Jana zu ihrer Mutter nach Deutschland reisen. Aber noch ehe sie beginnen kann, die neue Welt verstehen zu lernen, beschließen die Behörden, sie bis zum Schulabschluss zurückzuschicken. Für weitere drei Jahre wird Jana von der Mutter getrennt. Ihre Rückkehr nach Jugoslawien offenbart einen neuen Bruch. Auch unter ihresgleichen ist sie plötzlich eine Fremde. Als das Mädchen Anfang der siebziger Jahre endgültig nach Deutschland zieht, gerät es auf der Suche nach sich selbst in schwere Konflikte. Die Figur und das Schicksal des Vaters bleiben für das Kind rätselhaft, denn niemand ist bereit, offen darüber zu sprechen. Lange nach seinem Verschwinden soll Jana ihn besuchen, aber der Ort, an dem dies geschieht, ist ein Ort des Schreckens. Die Intensität des autobiographischen Romans entsteht durch ruhige, fast stille, ungewöhnlich ausdrucksstarke Bilder. Die Autorin konfrontiert den Leser mit der tiefen Verwundung, entstanden an frühen Wendepunkten im Leben eines Kindes und während seiner immerwährenden Suche nach Familie, Heimat und Identität. Sie stellt sich der Wucht des Schmerzlichen, indem sie unaufgeregt und detailkonzentriert schreibt, wann immer sie das real Fürchterliche schildert. Der parallele Entwurf einer uns verlorengegangenen, unverbrauchten Welt bildet dazu einen fesselnden Kontrast.

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2019

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© by Dragana Oberst, Bad Herrenalb, 2019

Alle Rechte vorbehalten

www.dragana-oberst.de

Die Originalausgabe erschien 2014 im A1 Verlag, München

Umschlagentwurf & Gestaltung: Konturwerk, Herbert Woyke

Titelmotiv: Dragana Oberst privat

E-Book-Erstellung: Konturwerk, Herbert Woyke

ISBN (Print) 9783748167419

ISBN (E-Book) 9783749449323

Für Dragan, Oliver, Alexander und Leo

Die Bushaltestelle

Der Schnee in den Vororten Belgrads türmte sich an den Straßenrändern in schmutzigen Hügeln auf. Die Fußgängerpfade entlang der Bürgersteige erinnerten an abgetragene Maulwurftunnel. Wer sich entschied, einen solchen Pfad zu nehmen, reihte sich ein in eine endlose, sich träge vorwärts schiebende Menschenkolonne.

Zu dritt waren wir unterwegs, mein Bruder, ich und sie, unsere Mutter. Mein Bruder lief weit voraus und trug den Koffer. Seine viel zu kurzen Hosenbeine standen merkwürdig ab. Sie waren nass geworden und steif gefroren. Die braunen Schuhe hinterließen im frischen Schnee graphische Spuren. Neulich noch Inhalt eines Paketes des Roten Kreuzes, waren sie ihm ein ganzes Stück zu groß. Unsere Mutter folgte ihm und zog mich schräg hinter sich her. Ein Nebeneinander war nicht möglich auf dem schmalen Pfad. Meine Hand steckte in ihrer, tief in der Tasche ihres grauen Mantels. Es war zu kalt für die dünnen Seidenstrümpfe und ihre schwarzen Pumps, deren schmale Absätze bei jedem Schritt im Schnee versanken. Unter dem Mantel trug sie ihren Faltenrock und den weichen, hellen Pullover, das Beste, was sie hatte. Man musste sich ordentlich anziehen, wenn man nach Deutschland fuhr.

Der Kloß in meinem Hals schwoll an. Mein Kopf war sonderbar leer. Weg mit den Gedanken, ich wollte sie nicht. Einer blieb hartnäckig, er kehrte immer wieder zurück: Warum weinen wir nicht mehr?

In der Nacht hatten wir nichts anderes getan, lagen zu dritt in dem fremden Bett, in einem ungeheizten, kahlen Zimmer. Mein Bruder und ich umklammerten ihren warmen, weichen Körper, bleib hier, du darfst uns nicht allein lassen, was sollen wir denn tun ohne dich?

Sie hatte Mühe mit dem Sprechen, ich werde nicht lange weg sein, bald komme ich wieder und hole euch, oder ich habe bis dahin so viel Geld verdient, dass ich hierbleiben kann. Ihre Brust bebte, und sie streichelte unsere Köpfe, so kann es nicht weitergehen, wir wollen nicht von Almosen leben. Eines Tages werdet ihr das begreifen.

Noch begriffen wir gar nichts, irgendwann jedoch hatten wir keine Tränen mehr, und der Schlaf erbarmte sich.

Der Schnee an der Bushaltestelle war zu einer trüben, glatten Eisfläche gefroren. Habt acht, rutscht nicht aus, kommt her, ich will euch noch einmal umarmen.

Mein Bruder sagte nichts. Er war eigenartig blass. Sie zog ihn zur Seite und redete auf ihn ein, pass gut auf deine Schwester auf, du bist mein Großer und schon vernünftig.

Es kam Bewegung in die Menschenmenge an der Haltestelle, der Bus war zu sehen, er quälte sich langsam den Hügel herauf.

Sie hob den Koffer und ließ ihn wieder sinken.

Einer der Wartenden hatte uns zugesehen. Er trat näher und nahm ihr Gepäck, kommen Sie, junge Frau, steigen Sie ein, der Bus fährt gleich ab.

Die Falttür schloss sich nur mit Mühe hinter den Eingestiegenen, der Motor heulte wieder auf, der Bus schaukelte und setzte sich in Bewegung.

Wir standen regungslos da und schauten ihm nach. Es war still geworden, der nächste fuhr erst in einer halben Stunde. Die kalte Hand meines Bruders wischte mir übers Gesicht. Wir gehen. Du frierst.

Eine nächtliche Zugfahrt

Im voll besetzten Abteil des Dampflokzuges auf der Strecke Belgrad – Niš aufgeheizte, stickige Luft und mal leises, mal lautes Stimmengewirr.

Ein schwerer Hustenanfall droht meine Brust zu sprengen, und Oma Daras große, raue Hand ruht auf meiner glühenden Stirn. Das elende Fieber will nicht vergehen, sagt sie leise, halb zu sich selbst, halb zu unseren Mitreisenden.

Ich will weder hören noch sehen, doch wenn ich die Augen schließe, sind die Bilder wieder da, breiten sich aus hinter meinen geschwollenen Lidern. Sie kreisen um das Haus, das einige Kilometer stadtauswärts in Richtung Avala steht, in Jajince, einem der Vorstadtviertel, die entlang der Ausfallstraßen wuchern. Dort ist es eingeschlossen und verriegelt, das qualvolle Jahr seit Mutters Abreise. Kein Lachen, keine Wärme gibt das Gebäude her. Nur die großen, dunkel umschatteten Augen meines elfjährigen Bruders, der riesige Blecheimer voll Kohle aus dem Keller schleppt und immer dünner und dünner wird, die harsche Stimme einer fremden Frau ohne Gesicht, die kargen, lieblosen Mahlzeiten und Nächte, die nicht heilen.

Die Bilder stellen mir nach, seit wir Belgrad verlassen haben und mir klar geworden ist, dass mein Bruder nicht mitkommen darf. Eine Art Familienrat, bestehend aus Mutters nächsten Verwandten, war zusammengekommen, und da war die Entscheidung gefallen, gegen Oma Daras Wunsch. Sie hätte auch ihn nach Krčmare mitgenommen, man kann die Kinder doch nicht voneinander trennen … Der Familienrat sah das anders, das geht nicht, du kannst nicht für beide sorgen, mit der Kleinen ist das etwas anderes, aber der Junge kommt bald in die schwierigen Jahre.

Einer nach dem anderen waren die Meinen gegangen, ohne dass ich verstand, was mit uns, was mit ihnen geschah. Zuerst war unser Vater verschwunden, vor mehr als einem Jahr. Irgendwann war er einfach nicht mehr nach Hause gekommen, und weil Mutter und er zuvor heftig gestritten hatten, wagte ich es nicht, sie nach ihm zu fragen. Danach sprach Mutter wenig und weinte viel, und wenn ihre Freundin, Tante Bosa, zu Besuch kam, flüsterten die beiden, wenn von Vater die Rede war.

Wenige Monate später packte sie ihren Koffer, um nach Deutschland zu fahren. Ich hatte keine Vorstellung, wo dieses Land war und warum wir nicht mitkommen durften. Sie brachte uns in der Nachbarschaft bei einer Pflegefamilie unter. Unsere Hoffnung, dass Mutter und Vater uns eines Tages dort herausholen würden, verflüchtigte sich mit jedem neuen Tag. Schließlich, nach vielen Monaten, als wir beide so schwach geworden waren, dass Fieber und Husten nicht weichen wollten, kam Tante Rada, Mutters ältere Schwester, uns besuchen. Kurz danach tagte der besagte Familienrat.

Das regelmäßige, dumpfe Klack-Klack der Zugräder begleitet uns durch die Nacht und wirkt seltsam beruhigend, und irgendwann löst der Schlaf die Albträume ab.

In Niš angekommen weckt Oma Dara mich vorsichtig, steh auf, Jana, wir müssen jetzt umsteigen, komm her, wir packen dich warm ein.

Ich schaue durch das Fenster des Zuges, auf dessen aufgeheizten Scheiben Tausende Schneeflocken zu kleinen Rinnsalen vergehen. Dann denke ich an meinen Bruder und spüre der einzigen Frage nach, die die Nacht überlebt hat, der Frage, was aus ihm werden wird, und ich gebe sie ab an den heller werdenden Winterhimmel, für den Fall, dass da oben jemand ist, der sie zu beantworten weiß.

Abenddämmerung

Sobald es zu dämmern begann, pflegte Oma Dara hinauszugehen, um ihren abendlichen Pflichten nachzukommen. Die selbst gestrickten Wollstrümpfe wurden dazu neu gebunden. Sie mochte keine Strumpfbänder, die schnitten unangenehm ins Fleisch, nein, sie stattete ihre Strümpfe mit geflochtenen Wollbändern aus, die man mehrmals ums Bein schlang – und das hielt. Das Kopftuch musste auch neu geknotet werden. Das schüttere, weiße Haar glitt zuweilen darunter hervor und war ihr lästig. Mit einer geübten Handbewegung strich Oma Dara ihr Haar zurück und band das Tuch unter dem Kinn fest, um es danach, nicht minder geschickt, ein wenig aus dem Gesicht zu ziehen.

So etwas wie einen Mantel besaß sie nicht, und wenn sie in die Kälte hinausmusste, band sie sich ein großes Dreieckstuch über Kopf und Schultern. Das war eine „Prekrstaljka“, ein Überkreuztuch, das tatsächlich an den Enden vorn überkreuzt und am Rücken festgebunden wurde. Auch Handschuhe trug sie selten. Ihre knochigen, großen Hände hatten etwas Männliches und waren an Kälte und Wärme gewöhnt.

Ich komme, ihr Ungeduldigen, murmelte sie vor sich hin, während sie hinausging, und meinte unsere gackernden Hühner und quietschenden Schweine, die lautstark ihre Bedürfnisse äußerten, ich lasse euch doch nicht verhungern, wo denkt ihr hin?

Zuerst holte sie für die Nacht frisches Wasser aus dem Brunnen. Der Blecheimer, der an einer eisernen Kette hing, sauste in die Tiefe und prallte dabei unzählige Male an die Brunnenwände aus gemauertem Stein. Oma Dara war darin geübt, mit einer Hand die sich rasend schnell drehende Holzwinde abzubremsen und gleichzeitig der wild rotierenden Eisenkurbel auszuweichen, mit deren Hilfe man den vollen Eimer wieder herausholte.

Der einfache Mechanismus litt chronisch an Fettmangel und quietschte entsetzlich. Es war eben kein Mann im Haus, und Kurbellager zu fetten war Männersache. Die Geräusche gaben dem Kenner genaue Auskunft über den Stand der Aktion. Ein lautes, dröhnendes Donnern verriet die Abwärtsphase, ein quälendes Quietschen war ein Zeichen dafür, dass der Eimer dieses Mal voll war, was man nicht immer erreichte. Manchmal prallte er so auf der Wasseroberfläche auf, dass die Kette sich seitlich am Bügel verhakte und der Eimer sich nur zu einem Viertel füllte, sodass alles von vorn beginnen musste.

War die mühevolle Prozedur am Brunnen einmal beendet, kamen unsere Hühner, Schweine und Schafe zu ihrem Recht, und schließlich wurde Šara gemolken, die Kuh. Auch sie bekam Futter und ein wenig frisches Stroh für ihr Nachtlager.

Während Oma Dara draußen war, klebte ich am Fenster, die Nase fest an die Scheibe gepresst. Viel war es nicht, was mir hätte entgehen können, und doch: Die Welt war draußen. Sowohl die kleine, in der wir lebten, als auch die große, von der in Büchern zu lesen stand und die weit hinter den Bergen Kopaoniks beginnen musste. War es diese Sehnsucht, die solche Abende in der Dämmerung unvergesslich machte, oder die wärmende Geborgenheit, die aus dem Inneren des mich umgebenden Raumes herrührte?

Im Ofen, der gleichzeitig unser Herd war, knisterte derweil fröhlich das Feuer, und ich konnte seine wohlige Wärme auf meinem Rücken spüren. Dabei summte ich leise vor mich hin und trommelte mit den Fingern auf dem Fensterbrett herum, versunken zwischen Traum und Wachsein.

Das Fenster überragte die hohe Mauer, die unser Haus umgab, und so konnte ich hinausschauen auf einen kleinen Dorfplatz und den Bach, der sich seinen Weg mitten durch den Ort gegraben hatte. Im Frühjahr, nach der Schneeschmelze, oder nach so manchem sintflutartigen Regenfall im Hochsommer, schwoll diese kleine Wasserader schnell an und verwandelte sich manchmal in ein reißendes, braunes Ungeheuer, das alles mitnahm, was sich ihm in den Weg stellte – ob Baum, Tier oder Mensch.

Meine Erinnerung haftet besonders an dem alten Holzsteg mit dem krummen Handlauf und den teilweise fehlenden Sprossen. Wer mit Hilfe dieser Brücke das andere Ufer erreichen wollte, musste schon einigen Mut und noch mehr Geschicklichkeit aufbringen. Wohl deshalb riskierten Betrunkene und Kinder lieber nasse Füße und nahmen den Weg mitten durch den Bach, den einen oder anderen aus dem Wasser ragenden Stein als willkommene Insel nutzend.

Um diese Tageszeit huschte nur da und dort eine in dunkle Kleider gehüllte Gestalt über den kleinen Platz, passierte vorsichtig tastend den schmalen Steg über dem Bach und verschwand wieder, ins warme Innere eines der Dorfhäuser strebend.

Hier und da erhellte das weiche Licht einer Petroleumlampe das Fenster eines Hauses. Mehr als ein Zimmer wurde weder geheizt noch beleuchtet. Die langen Winterabende verbrachte man immer gemeinsam in einem einzigen Raum, ganz gleich, wie groß die Familie war.

Auch Oma Dara und ich fühlten uns als eine Familie, wenn auch als eine kleine. Ins Haus zurückkommend brachte sie Wasser und Brennholz mit, und einen ordentlichen Schub abendlicher Kälte.

Mein Gott, Kind, du wirst dir noch die Augen verderben, wenn du immerzu ins Dunkle hinausstarrst! Zünde doch die Lampe an!

Ich gab selten Antwort, und meist vergaß Großmutter, was sie soeben gesagt hatte. Stattdessen setzte sie sich auf ihren dreibeinigen Schemel vor den Ofen, wärmte ihre kältestarren Finger über der heißen Platte und schob reichlich Brennholz nach.

Ehe sie sich versah, saß ich auf ihrem Schoß. Wir genossen dann gemeinsam die Wärme und schauten dem Spiel der flackernden Glut gespannt zu. Großmutter strich dabei zärtlich mit ihrer rauen Handfläche über mein kurzes Haar, während ich immer tiefer rutschte, bis ihr langer Wollrock mich knapp über dem Boden auffing, und so verweilte ich lange, mich an ihren Knien festhaltend, und wartete geduldig, bis sie zu erzählen begann.