Jesses, a Wirt! - Ludwig Hagn - E-Book

Jesses, a Wirt! E-Book

Ludwig Hagn

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Beschreibung

München, Paris, New York – schon früh zog es den Gastronomen Wiggerl Hagn in die weite Welt. Doch schließlich kehrte er zurück in seine Heimatstadt München. Gemeinsam mit seiner Mutter, später mit Frau Christa und Tochter Stephanie, prägte er die Wirtshauskultur, führte mehrere Gasthäuser und gründete eine Brauerei. Er war einst jüngster und später dienstältester Wiesnwirt und führte zuletzt das legendäre Löwenbräuzelt. Hagns Weg war nicht nur von Erfolgen, sondern auch von Rückschl.gen geprägt. Doch jeder Sturz wurde zum Wendepunkt. In diesem Buch erzählt er von Bier und Politik, weltweiten Freundschaften, der Magie des Oktoberfests – und den Menschen, die sein Lebenwirklich reich gemacht haben. Schon mit fünf Jahren wusste Wiggerl Hagn, dass seine Berufung in der Gastronomie lag: „Weil ich ein Kocherer bin!“

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titelseite

Jessas, a Wirt!

Erinnerungen vonWiesn-Legende Wiggerl Hagn

MIT BRIGITTE VON IMHOF

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

 

Originalausgabe

1. Auflage 2025

Copyright 2025 by Wiggerl Hagn, Brigitte von Imhof

2025 Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag,

Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag GmbH,

Christoph-Rodt-Straße 11, 86476 Neuburg an der Kammel www.deutscherwirtschaftsbuchverlag.com

Alle Rechte vorbehalten.

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors nicht zulässig. Das gilt gleichermaßen für Vervielfältigungen, Über- setzungen, Verfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Wir behalten uns die Nutzung der Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor. Falls die Publikation Links zu externen Webseiten Dritter enthält, haben wir auf deren Inhalte keinen Einfluss; für diese fremden Inhalte können wir keine Gewähr übernehmen. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung nicht erkennbar.

 

Redaktion & Text: Brigitte von Imhof

Gestaltung, Satz und Lektorat: Eva Stadler

Korrektorat: Christiane Gsänger

Cover- und Umschlaggestaltung: Eva Stadler

Bildnachweis: Cover: Regina Recht Photography; Foto Heldensteiner: privat; alle anderen Bilder: privat

eBook: ePUBoo.com

ISBN druck: 978-3-69066-090-7

ISBN ebook (PDF): 978-3-69066-092-1

ISBN ebook (EPUB, Mobi): 978-3-69066-091-4

 

Der Anteil der Buchverkaufserlöse, der dem Autor zusteht, wird an die Münchner Wiesn-Stiftung gespendet. Wiggerl Hagn hat diese gemeinnützige Organisation 1999 zusammen mit der Vereinigung der Wiesn-Wirte und dem Verein Münchner Brauereien gegründet. Die Stiftungsgelder fließen in soziale Projekte und Einrich- tungen vorrangig im Raum München. Unterstützt wird die Wiesn-Stiftung auch von der Stadtsparkasse München.

VORWORT
Der Bub mit dem SchöpflöffelEINE KINDHEIT IM ZERBOMBTEN MÜNCHEN
Schafkopfen in ManhattanRAUS IN DIE WEITE WELT
… Wiesnwirt sein dagegen sehrALLER ANFANG IST SCHWER
„Geh zum Friseur, mia heiratn!“MIT CHRISTA KAM DAS GROSSE GLÜCK
Zwischen Raufbolden und leichten MädchenWILDE JAHRE MIT DEM „MÄRZENKELLER“
Am Tag, als das Oktoberfest stillstandEIN ATTENTAT ERSCHÜTTERT DIE WELT
Endlich ein eigenes Bier!RAUCHVERBOT ALS GENICKBRUCH
„Hagäään, anzappfäään!!“LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU
Weg mit der Trinkgeldsteuer!ALS WIRTE ZU REVOLUZZERN WURDEN
157 Pils zum VorglühenROBUSTE AMERIKANER, FREUNDE FÜRS LEBEN
Das G’schiss mit den NylonstrümpfenDER MÜNCHNER FASCHING – BESSER ALS SEIN RUF
Eine Orgel für Papst BenediktWIE MAN DEN HEILIGEN VATER NACH REGENSBURG LOCKT
Burnout? Nein danke!WAS WÄR’ EIN WIESNWIRT OHNE SEINE BEDIENUNGEN?
„Wiggerl, du spinnst!“DAS GROSSE LOS: DIE „HIRSCHAU“
Auch in der zweiten Reihe sieht man gutWEG FREI FÜR DIE NÄCHSTE GENERATION
Gigantismus auf RussischEIN LETZTER BESUCH BEI EINEM ALTEN FREUND
We are the ChampionsMIT MUSIK GEHT ALLES BESSER
RammadammaNACH DER WIESN IST VOR DER WIESN
Wo sind die Freunde, wenn man am Boden liegt?LEICHENFLEDDEREI OHNE LEICHE
Ohne Euch ist alles nichtsWO DAS WAHRE GLÜCK LIEGT

Vorwort

Als ich ein Dreikäsehoch war, bin ich mit meiner Mutter im Winter fast jedes Wochenende auf die Obere Firstalm gefahren – eine einfache Skihütte im Spitzingsee-Skigebiet, die dem Skiclub München gehörte. Meine Mutter war eine leidenschaftliche Skifahrerin, also packte sie mich samt ihrer Skiausrüstung, einem Schlitten für mich, den Rucksack voll mit Lebensmitteln und ein paar Anziehsachen zusammen. Mein Vater hatte es nicht so mit Sport, außerdem musste ja einer in der Wirtschaft in München sein; er blieb lieber daheim. So stiegen nur die Mutter und ich in München in den Zug nach Schliersee-Neuhaus, von dort ging es mit dem Bus rauf zum Spitzingsattel und dann mussten wir nochmal eine gute Stunde zu Fuß durch den Schnee stapfen, bis wir endlich auf der Hütte waren.

Der Krieg war gerade zu Ende gegangen, die Lebensmittel waren knapp. Jeder auf der Hütte brachte mit, was er halt auftreiben und zum Essen beisteuern konnte. Eines Tages, als alle beim Skifahren waren und ich mich langweilte, fand ich in den Sachen meiner Mutter ein Glas Honig und Kölnisch Wasser. Das Parfüm duftete wunderbar und ich dachte mir, mit ein paar Löffeln Honig kann es eigentlich nur noch besser werden. Und so pritschelte ich hingebungsvoll vor mich hin, bis mein „Cocktail“ zu einer sämigen, wohlduftenden Masse verrührt war. Meine Mutter war von meiner Kreation nicht annähernd so begeistert wie ich. Im Gegenteil, sie schimpfte mich aus und meinte, ob ich denn eine Ahnung hätte, mit welchen Kostbarkeiten ich da so herumpantschte.

–„Warum machst’n so an Schmarrn?!“, stellte sie mich zur Rede.

–„Weil ich ein Kocherer bin“, rechtfertigte ich mich.

Das war der Beginn eines langen, langen Wirtelebens.

Der Bub mit dem Schöpflöffel

EINE KINDHEIT IM ZERBOMBTEN MÜNCHEN

Meine Geburt am 10. Dezember 1939 war sicher ein bewegendes Ereignis für meine Eltern und Großeltern. Für den Rest der Welt – oder zumindest Europas – war das Jahr 1939 erschüttert vom Beginn des Zweiten Weltkriegs, der am 1. September mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen seinen verheerenden Anfang genommen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war das Nazi-Regime unter Adolf Hitler bereits seit sechs Jahren an der Macht. „Der Führer“ verbreitete über das Radio Lügen und behauptete, Polen hätte Deutschland angegriffen. Das war seine Rechtfertigung für den Angriff. Es war eine ungleiche Schlacht – fünf deutsche Armeen mit 1,5Millionen Mann, 2.000 Panzern und 1.900

Flugzeugen überrannten die polnischen Streitkräfte, die deutlich unterlegen waren. Innerhalb von fünf Tagen wurden alle Grenzgebiete besetzt. Am 7. September standen deutsche Truppen nur noch wenige Kilometer vor Warschau. Polens Luftwaffe war ausgeschaltet, die Armee eingekesselt. Am 17. September war dieser Krieg praktisch vorbei. Aber Hitlers Machthunger hatte gerade erst begonnen…

Damals wohnten meine Eltern, Ludwig und Berta Hagn, in München in der Schützenstraße 10 – zwischen Hauptbahnhof und Stachus. Sie führten dort eine Gastwirtschaft, die „Bayerische Krone“. Wegen einer Beinverletzung, die er sich bei der Arbeit in der Metzgerei zugezogen hatte, wurde mein Vater vom Dienst an der Front freigestellt. Laut Verordnung der Nazi-Regierung sollte er seine Gastwirtschaft zur „Volksversorgung“ weiter betreiben.

Kennengelernt hatten sich meine Eltern im „Augustiner“ in der Neuhauser Straße. Mein Vater war dort Metzger, meine Mutter Köchin. Die beiden verliebten sich, wurden ein Paar – und träumten von einer eigenen Wirtschaft. Nur: Das nötige Startkapital fehlte. Die damalige Betreiberin des „Augustiner“, eine gewisse Viktoria Meier, war so beeindruckt vom Fleiß der beiden, dass sie ihnen das Geld für die Existenzgründung lieh.

1936 ging der Traum meiner Eltern in Erfüllung. Sie übernahmen die „Bayerische Krone“, eine urige Wirtschaft, Stammlokal der Ringer und Gewichtheber vom TSV 1860München sowie vom Radsportclub RC Amor. Auch der Schnauzerclub (gemeint ist die Hunderasse, nicht der Schnurrbart!) war re gelmäßig zu Gast. Meine Eltern hatten damals bereits einen Riesenschnauzer namens Jumbo. Der war im Viertel berühmt. Wenn sich jemand hinsetzte und den Hut nicht abnahm – damals trugen alle Männer Hut oder Militärmütze –, sagte mein Vater: „Hütchen heiß! “ Und Jumbo sprang den Hutträger von hinten an und zog ihm den Deckel vom Kopf. Nicht alle Hutträger fanden das witzig. Mein Vater und die meisten Gäste allerdings schon, und der Jumbo sowieso.

Bald schon litt München schwer unter den Bombenangriffen der Alliierten. Zwischen 1940 und 1945 wurde die Stadt insgesamt 74-mal von britischen und amerikanischen Bomberverbänden angegriffen. Besonders verheerend waren die Angriffe in den Jahren 1944 und 1945. Etwa 90 Prozent der Altstadt wurden beschädigt oder zerstört, insgesamt lagen rund 50 Prozent des gesamten Stadtgebiets in Schutt und Asche. Über 6.000Menschen verloren ihr Leben, rund 15.000 wurden verletzt und mehr als 300.000 Einwohner wurden obdachlos. Münchens Bevölkerung schrumpfte durch Krieg, Deportation, Flucht und Zerstörung von 840.000 auf etwa 500.000. Die Stadt verwandelte sich in eine Trümmerlandschaft aus ausgebrannten Gebäuden, eingestürzten Straßenzügen und notdürftig errichteten Behausungen. Auch unser Haus mit der „Bayerischen Krone“ wurde bei einem Angriff zerstört. Meine Eltern standen auf einmal ohne Wohnung und ohne Wirtschaft da. Ich war vier Jahre alt und habe keine Erinnerung an diese Zeit, die – wäre ich nur ein paar Jahre älter gewesen – sicher tiefe Spuren hinterlassen hätten.

Anders als viele ausgebombte Familien hatten wir gleich zwei Optionen: entweder zur Oma mütterlicherseits nach Asbach im Dachauer Land, wo sie eine kleine Bauernwirtschaft betrieb. Oder zu meiner Oma väterlicherseits nach Grasbrunn, einem kleinen Dorf im Münchner Osten. Weil es näher an der Stadt lag, entschieden sich meine Eltern für Grasbrunn. Es war der Ort meiner ersten bleibenden Erinnerungen, mein erstes Zuhause, das ich wahrgenommen habe, wenn man so will. Für viele andere, die keine Verwandten auf dem Land hatten, war das Schicksal deutlich ungewisser. Sie mussten in Notunterkünften, Schulgebäuden oder notdürftig eingerichteten Lagern unterkommen, häufig zusammengepfercht mit anderen Familien, oft unter schlechten hygienischen Bedingungen. Manche fanden Aufnahme bei fremden Bauern gegen Arbeit, andere wurden in entfernte Gegenden evakuiert, wo sie weder Verwandte noch Bekannte hatten. Die Unsicherheit, was wohl als Nächstes passiert, und die tägliche Sorge um das Nötigste bestimmten ihren Alltag. Während wir uns zumindest auf vertraute Gesichter und sicheres Dach überm Kopf verlassen konnten, begann für viele das Überleben erst richtig mit der Flucht aus der zerbombten Stadt.

Einer der eindrucksvollsten Kindheitsmomente war der Einmarsch der US-Armee 1945 kurz vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht und dem Ende des Zweiten Welt-

kriegs. Ich traute meinen Augen kaum, als eines Tages Panzer auf Grasbrunn zurollten. Aber noch mehr als die Fahrzeuge faszinierten mich die Soldaten – ich hatte noch nie einen Schwarzen gesehen und starrte mit offenem Mund. Einer winkte mir zu, drückte mir Datteln ohne Kerne und einen Schokoriegel in die Hand – ich war wie elektrisiert vor Glück. Dann hob er mich und meinen Cousin Herbert Hindl auf seinen Panzer – und so fuhren wir wie Könige durch Grasbrunn. Ein unvergesslicher Moment!

Grasbrunn war nur als Zwischenstation gedacht. Unmittelbar nach Kriegsende machten sich meine Eltern auf die Suche nach einer geeigneten Gaststätte in München. Und sie wurden fündig. 1945 übernahmen sie den „Postgarten“, ein traditionsreiches Gasthaus mit Metzgerei in der Zweibrückenstraße 8 in der Nähe des Isartors. Die Fassade ziert bis heute ein Wandgemälde von Gottlieb Gottfried Klemm aus dem Jahr 1905, das einen Postreiter in historischer Tracht zeigt und an die Geschichte des Gasthauses erinnert. In der Hauswand befindet sich auch eine Kanonenkugel aus dem Dreißigjährigen Krieg, die man beim Bau des Vorgängergebäudes gefunden hatte.

1946 wurde ich eingeschult. Die Volksschule in der Frauenstraße, die für unser Viertel eigentlich zuständig war, war ausgebombt. Also ging ich zur Blumenschule am Sendlinger Tor. Der Schulweg führte durch die Steinhaufen der fast völlig zerstörten Altstadt. Für mich als Kind war es ein einziger großer Abenteuerspielplatz – den traurigen Hintergrund kannte ich ja nicht.

Gleich am zweiten Schultag fragte der Lehrer, wer daheim einen Schöpflöffel hätte. Ich meldete mich und brachte ihn tags darauf mit. Prompt wurde ich zum „Klassenschulspeisungschef“ ernannt und fortan für die Essensausgabe in der Pause eingeteilt. Es gab Bohnen, Erbsensuppe, Blumenkohlsuppe, manchmal sogar Spaghetti. Freitags bekamen wir einen Riegel Hershey’s-Schokolade – ein Hochgenuss! Heute kommt sie geschmacklich nicht an Milka oder Lindt ran, aber damals war sie das Symbol für das Ende des Kriegs und der Entbehrungen. Hershey stand für Aufbruch und Hoffnung.

Alles in allem hatte ich eine unbeschwerte Kindheit. Es fehlte an vielem, aber ich spürte den Mangel nicht. Meine Eltern arbeiteten hart. Meine Mutter hat die Küche organisiert, der Vater hat sich um die Waren, den Einkauf und die Metzgerei gekümmert. Viel Freizeit gab es nicht, kein Familienleben. Mein Vater war nicht übermäßig streng, aber konsequent. Mit ihm konnte man herrlich blödeln. Er war ein überaus geselliger Mensch, war Mitglied in zig Vereinen. Eine seiner herausragenden Eigenschaften war seine grenzenlose Großzügigkeit. Er konnte einfach nicht Nein sagen. Wer knapp bei Kasse war oder anderweitig Hilfe brauchte, konnte auf ihn zählen. Das brachte meine Mutter manchmal an den Rand des Wahnsinns. Bei ihr biss jeder Bittsteller auf Granit.

Wir hatten einen alten Opel P4, Baujahr 1935, den mein Vater zu einem Lieferwagen umgebaut hatte. Ganz offiziell war er nun ein „Behelfslieferwagen“ und wurde als solcher mit einem Schriftzug an der Seitentür gekennzeichnet. Man muss wissen, dass ein Großteil der privaten Pkws nach Kriegsende von den Alliierten beschlagnahmt wurde. Sie hatten nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes die Kontrolle in Deutschland übernommen und mussten mit ihren Truppen für Sicherheit, Ordnung und Verwaltung sorgen. Dafür brauchten sie Fahrzeuge, um Personal und Material zu trans portieren. Für die meisten Zivilisten war es aufgrund des Mangels an Treibstoff und Ersatzteilen kaum noch möglich, ihre Autos überhaupt zu nutzen. Viele Fahrzeuge standen ungenutzt herum, wodurch sie für die Alliierten leichte Beute und von großem Nutzen waren.

Unser klappriger Opel wurde in Ermangelung von Benzin und Diesel mit Holzgas betrieben. Der Holzvergaser, ein verwegenes Trumm aus Eisen, das an einen Badezimmerofen erinnerte, hockte auf dem Rücksitz. Durch eine Klappe wurden trockene Hackschnitzel in den Ofen gefüllt und angezündet. Durch die begrenzte Luftzufuhr entstand so in der Hitze Holzgas, bestehend aus Kohlenmonoxid, Wasserstoff und Methan. Das Gas wurde durch Filter und Kühler geleitet, um Teer und Schmutz zu entfernen, und dann dem Motor wie ein normales Kraftstoff-Luft-Gemisch zugeführt. Das Auto fuhr dann mit etwas weniger Leistung als mit richtigem Treibstoff.

Einmal fuhr ich mit meinem Vater in den 50 Kilometer entfernten Chiemgau, um eine Ladung Äpfel abzuholen. Man musste ja immer zusehen, wo etwas zu kriegen war, und das war meistens auf dem Land. Mein gut vernetzter Vater bekam regelmäßig solche Zurufe, dann hieß es schnell handeln. Der Weg dorthin führte auf der Autobahn München–Salzburg, der heutigen A8, in Richtung Süden. Ein Abschnitt davon ist die Mangfallbrücke, die das Mangfalltal überspannt. Die war jedoch 1945 von der deutschen Wehrmacht gesprengt worden, um einen Vormarsch der amerikanischen Truppen zu verhindern oder zu verzögern. Jedenfalls mussten wir durch das Mangfalltal fahren. Bergab war das natürlich kein Problem. Aber die steile Bergstraße rauf schaffte unser Opel nicht. Mein Vater hatte die Idee, zu wenden und im Rückwärtsgang den Berg hochzufahren. Das klappte, wenn auch mit Ach und Krach.

Die Schule … oh mei. Meine Eltern hatten keine Zeit, mit mir zu üben oder die Hausaufgaben zu kontrollieren. Ich nützte das gnadenlos aus – spielte Fußball, trieb mich mit Freunden herum, machte Blödsinn. In der Volksschule wurstelte ich mich mit meinem Null-Aufwand noch einigermaßen durch. Aber als ich dann auf die Luitpold-Oberrealschule kam, wurd’s eng. Meine Noten wurden immer schlechter, bis schließlich der Direktor meine Eltern zu sich bestellte und ihnen empfahl, mich aufs Internat zu schicken. Ich war zunächst völlig vor den Kopf gestoßen und lehnte diese Internatsidee empört ab. Aber mein Vater ließ sich nicht erweichen und überzeugte mich schließlich, dass der einzige Weg, einen halbwegs anständigen Schulabschluss hinzukriegen, über so ein Internat führte.

Die renommierten Klosterschulen Schäftlarn und Ettal lehnten mich wegen meiner schlechten Noten ab. In Englisch und Französisch hatte ich Fünfer, Mathe und Wirtschaft waren geringfügig besser. Das Kolleg der Schulbrüder in Illertissen im Allgäu war unsere nächste Anlaufstation. Der Direktor dort ließ durchblicken, dass eine gute Religionsnote meine Aufnahmechancen deutlich verbessern würde. Der Religionslehrer in meiner Münchner Oberrealschule, Monsignore Pöhlein, schlug meinem Vater einen Deal vor: „Wenn ich deinen Buam loswerd, geb ich ihm einen Zweier.“ Ich sollte erwähnen, dass ich dem Monsignore mal einen echten Kalbsschwanz an den Talar gebunden hatte und er so unter Hohn und Gelächter durchs Schulgebäude spazierte. Er hatte allen Grund, mich loswerden zu wollen.

So kam ich mit 14 Jahren nach Illertissen. Die meisten der rund 250 Schüler dort waren sehr brav – also passte ich mich notgedrungen an. Ich setzte mich neben Albert Krötzinger, den Klassenbesten – super Entscheidung! Albert ließ mich abschreiben und half mir beim Lernen – wir sind bis heute Freunde. Eine Schulaufgabe, die ich von Albert anfertigen ließ, habe ich mit dem Vermerk: „Hagn 6, Krötzinger l“ zurückbekommen.

In der „Studierzeit“ war Ruhe Pflicht. Wer redete, zahlte ein Zehnerl in die Schwätzerkasse. Als mein ganzes Taschengeld draufzugehen drohte, schwenkte ich um und lernte lieber in der Studierzeit anstatt rumzublödeln. Ich wurde besser – kein Streber, kein Einserschüler, aber solides Mittelfeld, sodass ich jedes Jahr ohne Gehänge und Gewürge versetzt wurde.

Das Kolleg bot ein breites Spektrum an außerschulischen Aktivitäten, darunter Chöre, Orchester, Sport- und Theatergruppen. Bald fand ich heraus, wo meine Stärken lagen: Ich veranstaltete Bunte Abende, Theater und Sketche, die wir in der Schulaula aufführten. Darüber hinaus organisierte ich Ausflüge nach München. Meine Mitschüler kamen ja aus allen Teilen Deutschlands und die bayerische Hauptstadt mit allen ihren Sehenswürdigkeiten war schon ein Highlight. Es war selbstverständlich, dass die Stadtführungen in der elterlichen Wirtschaft endeten.

Seit 1950 betrieben meine Eltern den „Rheinhof“ am Hauptbahnhof. Er war stadtweit berühmt für seine Rumpsteaks. 400 Stück gingen mittags raus, bevor das Abendgeschäft richtig begann. Vor allem für die US-Soldaten war der „Rheinhof“ ein beliebter gastronomischer Anlaufpunkt. München war ja nach Ende des Krieges Hauptquartier der US-Militärregierung für Bayern, mit mehreren großen Kasernen wie etwa der McGraw-Kaserne und der Prinz-EugenKaserne. Bis zu 10.000 US-Soldaten hielten sich in München auf, teilweise mit Familienangehörigen. Wenn ich am Wochenende heimkam und in der Wirtschaft mithalf, nützte ich gerne die Gelegenheit, mein Schulenglisch an den Mann zu bringen. Ich hatte ja immer das Bild der freundlichen GIs vor Augen, die damals in Grasbrunn Schokoriegel, Dörrobst und Kaugummi an uns Kinder verteilt hatten. Die amerikanischen Soldaten brachten auch ihren Lifestyle mit nach München – Musik, Filme, Mode. Die lässigen US-Jungs beeindruckten mich sehr.

Im Jahr 1953 ergab sich für die Eltern die Gelegenheit, das Schützenzelt auf dem Münchner Oktoberfest zu übernehmen. Die Schützenvereine hatten sie der Stadt München als Pächter vorgeschlagen. Das Zelt hatte damals noch einen Kiesboden und Planen als Seitenwände. Ganz anders als heute, war ein Wiesnzelt damals kein gastronomisches Prestige objekt, sondern ein auf 16 Tage im Jahr beschränktes Zusatzgeschäft für einen Wirt.

Dann kam das Jahr 1956. Ich hatte gerade die Mittlere Reife in der Tasche, da wurde mein Vater schwer krank. Es war was mit der Leber, so viel stand fest. Doch eine richtige Diagnose gab es nicht, beziehungsweise ich erfuhr nie etwas Genaues. Mein Vater war nicht der Typ Mensch, der seine Schwächen zeigte; er setzte auf Verdrängung. Er hatte sich nie geschont, nie geklagt und spielte den Ernst seiner Krankheit herunter. „Die Krankheit is von alloa kumma, oiso geht’s aa von alloa“, lautete sein Durchhaltespruch und beendete so alle Fragen nach seinem Befinden. Wenn nur alles so einfach gewesen wäre! Als ich aus dem Internat zurückkam, stand bereits fest, dass es keine Hoffnung mehr für ihn gab. Er war nur noch Haut und Knochen. Am 11. März 1957 starb er an einer Leberzirrhose, mit nur 48 Jahren. Ich war allein bei ihm, als er starb.

Im Jahr davor hatte ich zum ersten Mal auf der Wiesn mitgeholfen – war so etwas wie ein besserer Hausmeister, der Hausl vom Löwenbräu. Holte die Waren in der Großmarkthalle und im Schlachthof, wechselte kaputte Glühbirnen aus, putzte das Besteck. Das Zelt hatte knapp 1500 Sitzplätze, zwei Ordnungskräfte und eine Kartoffelschälerin. Da standen wir nun: meine Mutter Berta, 42, frisch verwitwet und voller Sorge. Und ich, 17, mit dem Plan, Tierarzt zu werden.