Johann Friedrich Cotta - Bernhard Fischer - E-Book

Johann Friedrich Cotta E-Book

Bernhard Fischer

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Beschreibung

Man nannte ihn den »Napoleon des deutschen Buchhandels". Johann Friedrich Cotta, ein Jurist mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Interesse und Talent, war ein Quereinsteiger: 1787 kaufte er die Tübinger J. G. Cotta`sche Buchhandlung von seinem Vater und machte in wenigen Jahren mit Genie und Tatkraft aus einem provinziellen Universitätsverlag den bedeutendsten Universalverlag seiner Zeit. Herzstück war der »Klassikerverlag" mit den Werken Goethes und Schillers, dazu verlegte er über 60 Zeitungen und Zeitschriften und betrieb einen Kunst- und Landkartenverlag. Mit großzügigen Honoraren und zukunftsweisenden Verträgen war er ein Vorkämpfer der Autorenrechte. Er wirkte für Reformen des Buchhandels und agierte als »Deputierter" des deutschen Buchhandels auf dem Wiener Kongress gegen den »Nachdruck" und für »Pressfreiheit". Cottas Biographie wird hier zum ersten Mal umfassend aus den Quellen erzählt. Sie zeigt mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen den Verleger, Unternehmer und Politiker als exemplarische Gestalt in einer Umbruchszeit, in der so gut wie alle Institutionen und Traditionen ins Wanken kamen und auf allen Gebieten Neuland betreten wurde. Cotta war ein Pionier der öffentlichen Meinung, der deutschen »Nationalliteratur" wie der wissenschaftlichen und industriellen Revolution. Gleichzeitig wird aber auch ein kritischer Blick auf Cottas komplizierten, von Eitelkeit und mancher inneren Unsicherheit geprägten Charakter geworfen.

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Seitenzahl: 1967

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Bernhard Fischer

Johann Friedrich Cotta

Verleger – Entrepreneur – Politiker

Autor und Verlag dankenVeronika und Dr. Christoph Burger, Tübingen,der Landesbank Baden-Württemberg, der Sparkasse Tübingenund der Berthold Leibinger Stiftungfür die großzügige Förderung.

Liselotte Lohrer-Jünger †,Dorothea Kuhn undFriedrich Pfäfflinmit großem Dank herzlich gewidmet.

Inhalt

Einleitung

Von Tübingen auf den nationalen Markt · 1787–1794

Die ersten Jahre

Ausgangsbedingungen und das erste Jahr als Verleger

Die schwäbische Autorenschaft

Umbruchslage im deutschen Buchwesen

Der Eintritt Christian Jakob Zahns

Unterhaltende Bildungslektüre

Bastion der »Rechtlichkeit« und »Solidität« im Süden

Expansion auf den norddeutschen Markt

Jakobiner und Girondisten

Ernst Ludwig Posselt

Politische Zeitung und literarische Zeitschrift: Schiller

Der Aufbau des politischen Verlags · 1795–1798

Der Anfang der ›Horen‹

›Europäische Annalen‹

Die Bilanz des Jahres 1795

Das Ende der ›Horen‹ und der ›Musen-Almanach‹

Das ›Taschenbuch für Damen‹

Der Reformlandtag im Herzogtum Württemberg

Goethe

›Neueste WeltKunde‹ / ›Allgemeine Zeitung‹

Die Trennung von Zahn

Cottas Klassikerverlag · 1799–1806

1799: Parisreise im Auftrag der Landschaft

›Wallenstein‹

A. W. Schlegel und die Romantiker

Fichte und Schelling

In diplomatischer Mission nach Paris 1801

Auf dem Weg zum Universalverlag

Buchhandelsreform – die Allianz mit F. J. Bertuch

Erbprinz Friedrich Wilhelm und das ›AZ‹-Verbot 1803

Wieland und Jean Paul

Eine Epoche geht zu Ende

Klassikerverlag I

Cotta und Frankreich

Zwischenbilanz 1806

Unter Napoleon · 1807–1814

Das Ende des alten Preußen

Das ›Morgenblatt für gebildete Stände‹

Hotelier in Baden bei Rastatt

Johannes von Müller

Steindruck-Experimente / Umzug nach Stuttgart

Die Verlegung der ›AZ‹ von Ulm nach Augsburg

Buchhandelskrise und Buchhandelsreform

Klassikerverlag II

Im Befreiungskrieg

Im Vorfeld des Wiener Kongresses

Verfassungskämpfe · 1815–1819

Kongress-Deputierter der deutschen Buchhändler

Cottas politische Geschäfte in Wien

»Sekretair der gewählten Deputierten« im Landtag

Doppelspiel im Landtag

Der Vermittler als Nestbeschmutzer

König Wilhelms Verfassungsultimatum

Auf dem Weg zu einer liberalen Sozialpolitik

Zwischen den Landtagen von 1817 und 1819

›Deutscher Beobachter‹ und ›Bundeszeitung‹

Cottas Verlag 1815–1819

Die Buchhandelssache am Frankfurter Bundestag

Von Schmalz nach Karlsbad

Karlsbad und die Folgen · 1819–1827

Aus der Gnade verwiesen

Familienbande

Verlagsgeschäfte

Müllner

Die zweite Heimat Bayern

Im württembergischen Landtag

Das Zeitalter der Revolutionen

Verpflichtung auf die Heilige Allianz

Elisabeth von Gemmingen-Guttenberg

Adoptivsöhne

Pionier der Dampfschifffahrt auf Bodensee und Rhein

In Paris

Die ›Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik‹

›Goethes Werke. Ausgabe letzter Hand‹

Jean Pauls und Schillers Verlagsrechte

Verlegerkollegen

Die Gründung der Literarisch-artistischen Anstalt

Kolb, Lindner, Heine

Die Sammlung Boisserée

Im Bann der hohen Politik · 1827–1832

Geld

Cotta in München: Das ›Ausland‹ und das ›Inland‹

Das Zerwürfnis mit Goethe

Handelsverträge und Zollvereine

Das »Juden-Gesetz« im württembergischen Landtag 1828

München, Wien

Berlin

Georg Andreas Reimer

Friedrich Sonntag und das ›Inland‹

Julirevolution

Abschied

Letzte Rechnungen

Anhang

Anmerkungen

Abkürzungen und Siglen

Literaturverzeichnis

Personenverzeichnis

Tafeln I

Nach S. 392:

1. Wilhelmine Cotta, 1802 (Gottlieb Schick; Staatsgalerie Stuttgart; Bildnachweis: mediapool)

2. Herzog Friedrich II. von Württemberg, um 1800 (Unbekannt; Privatbesitz)

3. Cottas französischer Pass für die Rückreise von Paris, November 1799 (HSTA Stuttgart, A 11 Bü 44)

4. König Max I. Joseph von Bayern im Könungsornat, 1822 (Joseph Karl Stieler; Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek, München; Bildnachweis: bpk)

5. Cotta an König Max I. Joseph von Bayern, November 1803 [Entwurf] (CA)

6. Cottas Kalkulationen von Jean Pauls ›Flegeljahren‹ (9.IV.1804) und des ›Schmelzle‹ (10.IV.1809) (CA)

7. Cottas Instruktion für das ›Morgenblatt‹, Anfang 1807 (CA)

8. Cottas und Carl Bertuchs Denkschrift der Buchhandelsdeputierten, November 1814 (CA)

Tafeln II

Nach S. 548:

9. Königin Katharina von Württemberg, um 1816 (Franz Seraph Stirnbrand; Schloss Hohenheim; Bildnachweis: LMZ Stuttgart)

10. Cottas Handexemplar des Verfassungsentwurfs von 1819 (CA)

11. König Wilhelm I. von Württemberg, 1822 (Joseph Karl Stieler; Privatbesitz, Archiv des Hauses Württemberg, Altshausen)

12. Cottas Vermögensinventar von 1826 (CA)

13. Elisabeth von Cotta, 1829 (Wilhelm Hensel; SMBPK Kupferstichkabinett, Berlin; Bildnachweis: SMB/Jörg P. Andres, bpk)

14. Cottas und Goethes Vertrag über die ›Werke. Ausgabe letzter Hand‹, März 1826 (CA)

15. König Ludwig I. von Bayern, um 1830 (Joseph Karl Stieler; Kurpfälzisches Museum, Heidelberg; Bildnachweis: bpk)

16. Johann Friedrich Cotta Frhr. von Cottendorf, Gedenklithographie 1833 (DLA Marbach)

Einleitung

Man riskiert nicht viel mit der Behauptung, dass nur wenige Persönlichkeiten der »Goethezeit« so sehr nach einer umfassenden biographischen Darstellung verlangen wie Johann Friedrich Cotta. Blickt man auf sein vielfach verwobenes Wirken, als Schöpfer des zu seiner Zeit größten und bedeutendsten Verlagsimperiums, als »Bonaparte«, als »Napoleon« des deutschen Buchhandels, als Protagonist im Kampf für Pressefreiheit und für Autoren- und Verlegerrechte, als Politiker und Diplomat, als Industriepionier und Großagrarier in Württemberg und Bayern, als Gesprächspartner der Klassiker wie als vertrauter Berater von Königen und Fürsten, dann versprechen schon die Konturen seines Lebens eine fesselnde Darstellung.

Die archivarischen Quellen scheinen üppig zu sprudeln: eine überbordende Fülle von fast 4.400 nachgewiesenen Briefen aus der eigenen Feder von Johann Friedrich Cotta, das Cotta-Archiv im Deutschen Literaturarchiv Marbach mit weit mehr als – geschätzt – 30.000 Briefen an ihn und seinen Verlag, mit einer Vielzahl von Geschäftsbüchern und -unterlagen, die auch die industriellen und landwirtschaftlichen Aktivitäten umfassen, dazu vielfältige Spuren in Lebenszeugnissen und Briefen Dritter und zuhauf in den Behördenarchiven. Was wunder also, dass die Forschung sich immer wieder darangemacht hat, ein Lebensbild dieser markanten Persönlichkeit zu zeichnen. Allein, entweder widmeten sich die Autoren weitgehend einem einzigen Aspekt dieses Lebens, wobei der Atem selbst hier oft nicht ausreichte, den ganzen Bogen von den frühen Jahren bis zum Lebensende zu spannen, oder sie beschränkten sich von vornherein auf eine charakterisierende Skizze, in der das übersichtliche Format, die »großen Linien«, die klare Kontur und die leuchtenden Farben für die fehlende Differenziertheit, auch die fehlenden Schatten entschädigten.

Immer ideale Karikatur, nie porentiefes realistisches Porträt. So sind der knappe Eintrag im Lupin’schen Handbuch von 1826, der unter seinen Augen und vermutlich nach seinen Angaben entstand,1 und der monumentale Nekrolog in »seiner« geliebten ›Allgemeinen Zeitung‹ aus der Feder seines Vertrauten Carl August Böttiger,2 immer noch sprechende und frische Quellen, die, angefangen vom ›Neuen Nekrolog der Deutschen‹3 über die ›ADB‹4 und die ›Schwäbischen Lebensbilder‹5 bis zur heutigen ›NDB‹,6 immer wieder herangezogen wurden. Albert Schäffles ›Cotta‹ von 18957 – verfasst und erstmals publiziert 1887 zur 100-jährigen Übernahme des Verlags durch Johann Friedrich Cotta in der ›Allgemeinen Zeitung‹, als Buch erschienen 1895 wie eine Festschrift zum eigentlichen Gründungsjubiläum des Klassikerverlags: zum 100. Geburtstag von Schillers ›Horen‹ – schritt den Kreis der öffentlichen Wirksamkeit des »Geisteshelden. (Führende Geister)«, so der Reihentitel, mit festem Urteil ab: »als Verleger und Freund der großen Dichter«, »als Schöpfer der ›Allgemeinen Zeitung‹ und als politisch Verfolgter«, als »Verfassungspolitiker«, als Gründer des süddeutsch-preußischen Zollvereins, Mitbegründer der Bodenseedampfschifffahrt und Matador der Buchhändler. Diesen ausgetretenen Pfaden brauchte Herbert Schiller in seiner Darstellung in den ›Schwäbischen Lebensbildern‹ wie die anderen Lexikographen nur zu folgen.

Umfangreiche Arbeiten zu einzelnen Tätigkeitsbereichen verfassten Ulrich Riedel, der 1951 seine Dissertation dem ›Verleger Johann Friedrich Cotta. Ein Beitrag zur Kultursoziologie seiner Zeit und zur Verlagssoziologie‹ widmete, und zuletzt Monika Neugebauer-Wölk. Ihre Doppelbiographie von 1989 ›Revolution und Constitution. Die Brüder Cotta‹ setzte sich mit dem politischen Johann Friedrich Cotta auseinander, schenkte ihm aber bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit wie dem freilich bis dahin fast gänzlich vergessenen älteren jakobinischen Bruder Christoph Friedrich und vernachlässigte dementsprechend die 1820er Jahre bis auf die Handelsvertragsmission nach Berlin fast völlig. Gleichwohl ist ihr Werk das bislang vollständigste und detailreichste, und mit Dankbarkeit hat auch die vorliegende Arbeit sehr viel von ihm profitiert.

Die Masse der Untersuchungen über Cotta ist verlags- und buchhandelsgeschichtlich ausgerichtet, wobei der eine Schwerpunkt auf dem Verhältnis zu bedeutenden Autoren lag, der andere auf bedeutenden Werken und hier im Besonderen auf den Periodika, allen voran der ›Allgemeinen Zeitung‹. Zu nennen ist zuerst die nach wie vor einzige und, was ihre profunde Quellenkenntnis angeht, unüberholte Arbeit zur Gesamtgeschichte der Verlegerfamilie Cotta: Liselotte Lohrers Firmenfestschrift von 1959: ›Cotta – Geschichte eines Verlags. 1659–1959‹, in der naturgemäß Johann Friedrich Cotta das größte Interesse auf sich zog. Zu nennen sind hier dann die verschiedenen großen Briefwechselausgaben seit Wilhelm Vollmers mustergültigem ›Briefwechsel zwischen Schiller und Cotta‹ von 1876: die Korrespondenzen mit Goethe, Schelling und Varnhagen von Ense, sowie die dreibändigen ›Briefe an Cotta‹, dann die in vielen Briefeditionen verstreuten Briefe von und an Cotta, die zusammen einiges Licht in seine Wirkens- und Lebensumstände gebracht haben. Zu nennen sind die Arbeiten von Eduard Heyck, Karin Hertel, Michael von Rintelen und allen voran die luzide Untersuchung von Daniel Moran zur ›Allgemeinen Zeitung‹ und zu Cottas politischer Presse sowie eine Fülle von Studien zu Detailproblemen einzelner Werke oder Zeitschriften. Überblickt man die Erträge der Forschung, zu der auch Helmuth Mojems Repertorium seiner Briefe und die bibliographische Aufarbeitung seiner Verlagsproduktion »nach den Quellen« gehören, scheint alles bereitet für die umfassende biographische Darstellung Johann Friedrich Cottas.

Dass sie bis heute trotz aller dieser Vorarbeiten nicht vorliegt, rührt aus den schier unüberwindbaren Schwierigkeiten, die aus dem Missverhältnis zwischen der Ereignisdichte, der offenbaren Wirksamkeit des »Helden« und seinen so spärlichen Erklärungen entstehen. Cotta hinterließ keinerlei Tagebücher8 oder irgendwelche autobiographische Aufzeichnungen. Seine der Nachwelt hinterlassenen »res gestae« sind die verschiedenen Geschäftsbücher des Verlags, die Verträge, Inventare und Kalkulationen. Es war nicht allein der »Drang der Geschäfte«, der ihn bei seinen Briefen zur knappen Sachlichkeit und zur größten Zurückhaltung, was persönlichfamiliäre Mitteilungen anging, bestimmte. Über Dritte wie über Politik wie über die Interna verlegerischer oder politischer Strategie, über sein Denken und Wünschen ließ er sich nur äußerst ungern vernehmen. Die Briefüberwachung hatte daran ebenso ihren Anteil wie sein vorsichtiger, ja furchtsamer Charakter, der ihn auch viele Schreiben seiner Briefpartner dem »Vulcan opfern« ließ.9 Sein »eignes Talent« für das »geheimnißvolle versteckte u. äußerst verschloßene Treiben« (so Carl Bertuch an seinen Vater aus Wien10) war gepaart mit seltner Intransigenz seiner Überzeugungen und Gesinnungen. Cotta vermied es, Spuren zu hinterlassen, vieles ließ er schriftlich, wenn er es denn überhaupt berührte, im Unklaren, was nur im Gespräch offen ausgesprochen werden durfte, und wenn er, wie beim Umzug von Familie und Verlag nach Stuttgart im Jahr 1810 Gelegenheit hatte, Heikles – falls überhaupt noch vorhanden – zu beseitigen, dann hat er sie offenbar weidlich genutzt. Jedenfalls ist die Überlieferung gerade für die Frühzeit des Verlags wie für die staatspolitischen Beziehungen zu seinem Bruder, zur württembergischen Landschaft wie zum Kronprinzen Friedrich Wilhelm überaus lückenhaft. Und was sein Familienleben angeht, so begab er sich kaum ohne seine erste und dann seine zweite Frau auf Reisen, sodass auch hier jeder Anlass zum vertraulichen Briefwechsel fehlte. Wo aber Briefe vorliegen, stellt sich oft Cottas Handschrift einem bequemen Verständnis in den Weg, Spur der ständigen Hast wie seines cholerischen Charakters, die kaum Konzepte kennt und mit zunehmendem »Drang der Geschäfte« auch den Zeitgenossen Rätsel aufgab. Die üblichen Suspensionen – hier wiedergegeben mit dem Zeichen »ℓ« –, die abgeschliffenen Endungen, mit denen Cotta die Interpunktion ligiert, kombinieren sich mit häufigen Abkürzungen; Buchstaben, Silben und Wörter werden zu Kürzeln verschliffen, die sich der diplomatischen Wiedergabe entziehen. Dazu kommen der eigenartige Fluss der Schrift, der die Wörter nicht voneinander absetzt, der u-Bögen, Umlaut-Striche und i-Punkte in Schlingen an den Wortkörper bindet, und die unbeherrschte Mischung zeilendurchbrechender Großbuchstaben und Ober- und Unterlängen mit teils winzigen Kleinbuchstaben.

Was aber kann man von einer Biographie erwarten, wenn der Held sich gleichsam in sich und seine Taten einschließt?

Zunächst, dass sie überhaupt das bietet, was sich über dieses Leben von der Wiege bis zur Bahre ausmachen lässt, nach gewichteten und kritisch gewürdigten Quellen – davon, dass manches Urteil der Zeitgenossen von Hass und Missgunst entstellt, allerdings auch von Hass und Missgunst erleuchtet ist, wird noch zu sprechen sein. Ebenso wichtig ist es dann, nicht nur der Vielfalt seiner überdies eng verwobenen Handlungsfelder im Einzelnen nachzugehen, sondern sein Handeln im Geflecht dieser Handlungsfelder je nach ökonomischen, politischen oder soziokulturellen Handlungsbedingungen und -spielräumen, je nach den personellen Konstellationen mit ihren eigenen Motiv- und Interessenlagen zu erhellen. Zu dieser Aufgabe gehört gleichermaßen, das erklärt Individuelle des Helden, seine Weltsicht und sein Handeln in Wort und Tat, seinen Charakter als individuelles Ereignis anschaulich zu machen und es im Sinne einer exemplarischen Biographik als prägnanten Ausdruck seiner Epoche darzustellen.

Schon ein kursorischer Blick auf Cottas Leben, auf seinen Verlag und seine sonstigen vielfältigen Aktivitäten und Verbindungen zeigt den Helden als ein herausragendes Beispiel, wie in einer Umbruchslage, in der so gut wie alle Institutionen und Traditionen ins Wanken kamen und auf allen Gebieten Neuland betreten wurde, demjenigen Spielräume entstehen konnten, der seinen Zukunftssinn mit Findigkeit, Tatkraft, sozialer Intelligenz, mit intellektueller Präsenz und Phantasie wappnete, um einer mit Überzeugungskraft vertretenen, offen auf dem Markt der Ideen debattierten guten Sache zum Sieg zu verhelfen. Wie in Napoleon, so vereinigten sich in Cotta Entschlusskraft, Raschheit der Entscheidung mit einer überlegenen Weitsicht und strategischem Genie. Er war – wie Droysen von Alexander dem Großen sagt – gewohnt, »kühne Pläne durch kühnere Mittel zu verwirklichen«;11 die Überraschung, das Plötzliche war sein Element, auch in dem Sinn, dass er jede sich bietende Gelegenheit beim Schopfe packte, wobei er in seinen Geschäften durchweg spekulatives Kalkül, Liberalität und Gemeinsinn verband.

Cotta entsprach dabei einem neuen Typ des Menschen, der mit seinen spezifischen Talenten wesentlich Individuum war, d. h. sein Leben, seine Biographie ganz aus ihnen heraus gestaltete, und dessen Talente – glückliche Fügung – mit den gesellschaftlichen Tendenzen und Bedürfnissen seiner Zeit koinzidierten. Cotta steht würdig an der Seite der Vielzahl von Selfmademen-Erfindern und -Wissenschaftlern, die ihre Wissenschaften entweder auf neue Grundlagen stellten oder gar erst erfanden, von Weltumseglern und Staatsmännern, an denen die Zeit seit 1750, erst recht dann seit 1776 und 1789 so reich ist, auch wenn die Schicksale eines James Cook, eines James Watt, eines Alexander von Humboldt, eines Napoleon, eines Moritz Roentgen oder eines Friedrich von Motz sicher farbiger zu erzählen sind.

Im persönlichen Leben in Tübingen und Stuttgart über weite Strecken gutbürgerlich, diskret, fast völlig unscheinbar, ragt Cotta mit seinen Auftritten in der Ständeversammlung und mit seinen diplomatischen Missionen in die große Ereignisgeschichte. Aber die ist nicht sein eigentliches Gebiet. Seine eigentliche Sphäre, die sein wahres Format bestimmt, zeigen seine ins Universale zielenden Zeitungs- und Zeitschriftengründungen und seine klassischen Autoren, angefangen mit Goethe und Schiller über Alexander von Humboldt bis Schelling, zu denen noch viele meist vergessene Gründergestalten in ihren Wissenschaften zu rechnen sind: Sulpiz Boisserée in der Kunstgeschichte, Brönsted, Gau, Panofka in der Archäologie, Flatt in der Theologie, Bohnenberger und Lindenau in der Mathematik und Astronomie, Klüber im Staatsrecht, Poppe, Dingler und Prechtl in der Technologie, Laurop und Hartig in der Forstwissenschaft, Schwerz in der Agronomie, Wiebeking und Pechmann im Wasserbau.

Waren seine Autoren bahnbrechende Pioniere der literarischen, kulturellen und wissenschaftlichen Umwälzungen, so war Cotta Pionier in der Entwicklung des Buchwesens, angefangen von der Produktionstechnik bis zum Vertrags- und Geldwesen. Als einer der Ersten suchte er den überkommenen Kupferstich durch die Lithographie abzulösen und setzte er Schnellpressen ein, er rationalisierte und dynamisierte die Distribution, angefangen vom Bestellwesen bis zur Lager- und Vorratshaltung. Cotta dachte in anderen Dimensionen und anderer Geschwindigkeit als die meisten seiner Zeitgenossen. Cotta war ein Genie der öffentlichen Kommunikation, der vor allem den Ideenproduzenten eine Infrastruktur zur Verfügung stellte, welche ihren Ideen größtmögliche Zirkulation und Austausch und damit größtmögliche Wirkung verleihen konnte. Selbstredend gehörten zu dieser Infrastruktur auch seine »Fonds«, aus denen er seine Autorenhonorare als Prämie für neue Ideen bestritt, so wie er eben überzeugt war, dass gute Honorare die innovative Kreativität anspornten. Als Infrastrukturstratege wirkte er im Hintergrund. Sein Talent bestand in der Ahnung von gesellschaftlichen Tendenzen, von zukunftsmächtigen Ideen, die er in seinem Verlag publizierte und ventilierte, denen er eine Plattform bot, denen er sein politisches Wirken widmete, die er auf seinen Gütern und in seinen Fabriken beispielgebend umsetzte oder für deren Durchsetzung er sein Kapital einsetzte.

Cotta ist eine markante Gestalt des Individualismus in einer Zeit, welche die Produktivkraft der Individualität in allen Bereichen des Lebens entfesselte, nicht zuletzt weil sie der neuen Ideen für die Modernisierung wie für das Aushalten von deren Zumutungen bitter bedurfte. Das Aufbrechen der ständisch »polizierten« Gesellschaft mit ihren traditionalen absehbaren Biographien, der immer größere Druck eines immer stärker auf den Markt bezogenen Lebens zwangsemanzipierte das Individuum. Sein Schicksal war Selbstverwirklichung im maximalen Einsatz der individuellen Fähig- und Fertigkeiten, um sich auf dem Markt zu behaupten und so zum gesellschaftlichen Fortschritt und zum gesellschaftlichen Wohlstand beizutragen.

Cotta hatte Spürsinn für das Zukunftsweisende, was über weite Strecken bedeutet: einen immer wachen Hang zur Spekulation – also Möglichkeitssinn, der sich auch in seinen rastlosen politischen Kalkulationen zur Geltung brachte –, gepaart mit einem alles durchdringenden Sinn für Rationalisierungs- und Skaleneffekte, Synergien in arbeitsteiligen Prozessen auf Betriebs- wie auf Weltwirtschaftsniveau. Wenn aber etwas Cotta für die Zukunft prädestinierte, dann war es wohl sein mathematisches Talent, sein Faible für die klare Ordnung der reinen Zahl, der reinen Proportion, Ausdruck wohl auch eines nicht ganz gefestigten Charakters, auch wenn er sich redlich um stoische Gemütsruhe bemühte. Die mit dem universalen Markt als Verkehrs- und Austauschinstanz einhergehende Ökonomisierung des Lebens bevorzugte mathematische Talente, denen es um Erkenntnis und Realisierung von Rationalitätsgewinnen, um Effizienzsteigerung der Arbeits- und Kapitalanwendung, um Ressourcenverfügbarkeit und -konsumtion, um produzierte Güter und ihren Absatz ging. Das war Cotas Welt: das quantitative Kalkül jenseits des Glaubens und Meinens. Er fand Alliierte in allen Sorten von unvoreingenommenen innovativen Charakteren, die ihm Ideen antrugen. Dass sie ihn fanden, machte sein Honorar und machten seine Verbindungen, die er mit Großzügigkeit und Solidität knüpfte.

Mein Dank gilt Friedrich Pfäfflin, Thomas Föhl und Michael Knoche, deren Anmerkungen und Ermunterung mir den langwierigen Weg bis zur endgültigen Fassung sehr erleichtert haben. Zu herzlichem Dank verbunden bin ich meinen Kollegen vom Cotta Archiv im Deutschen Literaturarchiv, die mir jeden Wunsch mit größter Hilfsbereitschaft erfüllt haben und mit größtem Interesse für jede Auskunft in den oft verteufelt komplizierten Sachverhalten bereitstanden. Gleichermaßen danke ich vielen Archiven und Bibliotheken, stellvertretend seien das Stuttgarter Hauptstaatsarchiv und das Badische Generallandesarchiv in Karlsruhe namentlich genannt, die mir ihre Materialien gerne und selbstverständlich mit allen erdenklichen Auskünften zur Einsicht und zum Zitat zur Verfügung stellten. Zu großem Dank verpflichtet bin ich ferner der Therese-Huber-Arbeitsstelle in Osnabrück für die Mitteilung einschlägiger Briefe von Therese Huber zu Cottas Familiengeschichte, Angela Steinsiek für die Jean-Pauliana und Dirk Sangmeister für eine Fülle von erhellenden CottaErwähnungen in weitverstreuten Quellen. Von Herzen danken möchte ich Manfred Koltes, dessen TUSTEP-Expertise entscheidend für das typographische Gelingen und das Register war, Thedel von Wallmoden für sein persönliches Engagement bei der Entwicklung dieses Buchprojekts und Michael Klett für sein großes Interesse an seinem großen Ahn, und vor allem allen, deren großzügige finanzielle Zuwendungen ein erschwingliches Buch für ein breiteres Publikum haben entstehen lassen: der Familie Veronika und Christoph Burger sowie der Familie Cotta, der Landesbank Baden-Württemberg, der Sparkasse Tübingen und der Berthold Leibinger Stiftung.

Weimar, im Februar 2014

Bernhard Fischer

Von Tübingen auf den nationalen Markt 1787–1794

Die ersten Jahre

Johann Friedrich Cotta wurde am 27. April 1764 als fünftes Kind und dritter Sohn des Hof- und Canzleybuchdruckers Christoph Friedrich Cotta und der Rosalie Marianne Cotta, geb. Pirker, in Stuttgart geboren.

Von seiner Kindheit und Jugend weiß man wenig. Er verbrachte sie im elterlichen Haus in Stuttgart, das mit Druckerei und Schriftgießerei unfern dem Neuen Schloss am Großen Graben in der Reichen Vorstadt (Haus Nr. 423), an der späteren Königstraße 42, gegenüber dem Rapp’schen Garten lag. Die Familie lebte hier erst seit 1761, nachdem das alte Anwesen samt der Druckerei dem verheerenden Hirschgassenbrand in der Nacht vom 3. auf den 4. August 1761 zum Opfer gefallen war; im selben Jahr gelang es, das Privileg der Stuttgarter ›Hofzeitung‹ zu erwerben, die in dem neuen Anwesen untergebracht war.

Der Vater Christoph Friedrich (geb. 1724) gehörte nicht zur Schicht der Hofbediensteten, er war kein Beamter und blickte auf ein bewegtes Leben zurück. Anders als sein älterer Bruder Johann Georg IV. (geb. 1720), ein gelernter Drucker, hatte er zunächst als Kavallerieoffizier in den österreichischen Grenztruppen in Ungarn gedient. Sein Kommandeur in Bunich, das zum Karlstädter Generalate gehörte, war der spätere österreichische Generalfeldmarschall Ernst Gideon Frhr. von Laudon, den er noch vor dem Beginn des Siebenjährigen Kriegs verließ.1 Nach seiner Rückkehr hatte er sich mit seinem Bruder Mitte der 1750er Jahre in Stuttgart zusammengetan, bevor er allein die Druckerei führte – das Schicksal seines Bruders dagegen verliert sich.

Am 28. April 1757 heiratete Christoph Friedrich Cotta in der Stuttgarter Stiftskirche die achtzehnjährige Rosalie Marianne Cajetane Pirker, deren Eltern, insbesondere ihre Mutter zum musikalischen Hofstaat gehörten, genauer gehört hatten, denn zur Zeit der Hochzeit waren sie beide in württembergischem Festungsarrest. 1760 wusste sich Christoph Friedrich für sich und seine Nachkommen das dauerhafte Privileg des Hof- und Canzleybuchdruckers dadurch zu verschaffen, dass er mit dem Ersuchen, eine Druckerei und eine Buchhandlung in Ludwigsburg errichten zu dürfen, den Bau des dafür notwendigen Gebäudes – heute: Stuttgarter Straße 33 – versprach und das Druckprivileg dort mit dem unbefristeten in Stuttgart verband.2 Dass 1768 bis 1773 die Familie des Obristwachtmeisters Schiller mit Sohn Friedrich eben in diesem Ludwigsburger Anwesen wohnte, wird der kleine Johann Friedrich kaum wahrgenommen haben.

Rosalie Cotta, die ihrem Mann eine Vielzahl von Kindern gebar, war eine geborene Pirker oder Pyrker. Von hierher meint man einen Schatten auf Johann Friedrich Cottas Leben fallen zu sehen. Ein Gutteil seiner späteren Ängstlichkeit und Vorsicht mag aus dem Schicksal seiner Großmutter, der unglücklichen Marianne Pirker rühren, die zusammen mit ihrem Mann Franz am 16. September 1756 auf Befehl des Herzogs Carl Eugen verhaftet worden war – es heißt, sie, die berühmte Sängerin, habe der Herzogin eine Liaison des Herzogs hinterbracht. Wenn dem so war, so musste sie dafür fürchterlich büßen. In den folgenden acht Jahren auf den Festen Hohentwiel und Hohenasperg verfiel Marianne Pirker dem Wahnsinn. Mit Strohhalmen aus ihrer Matratze und mit ihren Haaren bastelte sie Blumen, die »aus dem Kerker geschmuggelt und zusammen mit der Geschichte ihres Schicksals an die Höfe gesandt wurden, von denen man sich Fürsprache erhoffte«.3 Frei kam sie erst im Jahr von Johann Friedrich Cottas Geburt, im Herbst 1764. Sie lebte dann, gebrochen an Körper, Geist und Stimme, mit ihrem Mann zunächst in ihrem Geburtsort Eschenau bei der Familie von Killinger, bis sie 1766 nach Heilbronn umzogen.4

Cottas Patenonkel, der gleichnamige Theologe und Tübinger Universitätskanzler Johann Friedrich Cotta, sah sein Patenkind für ein Theologiestudium vor.5 Hintergrund war, dass die Tübinger Postmeisterei auf den erstgeborenen Sohn Christoph Friedrich (geb. 1758), die Druckereien und die Tübinger Verlagsbuchhandlung aber auf den zweitgeborenen Johann Georg (geb. 1761) übergehen sollten, das Familienvermögen demnach für den als dritten Sohn geborenen Johann Friedrich keine Grundlage für ein selbständiges Einkommen bot. Doch der Lebensplan des Patenonkels, in dessen Besitz das Cotta’sche Familienvermögen lag6 und dessen Wünsche deshalb bestimmendes Gewicht hatten, hatte nur bis zu seinem Tod im Jahr 1775 Bestand. Legt man die gewöhnliche Schülerkarriere zugrunde, so befand sich Johann Friedrich eben mitten in seiner Lateinschulzeit, die auf mehrere Jahre Privatunterricht – eher dies – oder den Unterricht auf der deutschen Schule gefolgt war und etwa von 1772 bis 1778 dauerte. Jetzt erweckten des Vaters Erzählungen vom Kriege, den dieser im Jahre 1740 im Heere Laudons mitgemacht hatte – oder vielleicht auch nur mitgemacht haben wollte (Laudon trat erst 1742 in österreichische Dienste) –, sowie die Lektüre militärischer Schriften im kleinen Johann Friedrich das Verlangen, eine Laufbahn als »Genieoffizier« einzuschlagen, was der Vater, nun im Besitz des Familienvermögens und frei in seinen Entscheidungen, gewährte.

Johann Friedrich kam wie die meisten Söhne der höheren Familien in den Genuss der vierjährigen halbakademischen Ausbildung auf dem 1686 gegründeten Gymnasium illustre. Hier widmete er sich vor allem der Geschichte und mit besonderer Hingabe der Mathematik, gab aber, nachdem er seine Schulzeit abgeschlossen hatte, den militärischen Berufswunsch auf und immatrikulierte sich kurz vor seinem 18. Geburtstag am 9. April 1782 für das Studium der Rechte in Tübingen.7 Trotzdem hielt er seinem Lieblingsfach die Treue, indem er neben der Juristerei bei dem berühmten Mathematiker Christoph Friedrich Pfleiderer, der nach mehrjährigem Wirken an der Warschauer Militärakademie kurz vorher an die Tübinger Universität gekommen war, Mathematik studierte. Auch für Experimente nutzte er seine Zeit. So etwa baute er 1784 eine kleine Montgolfiere, von deren Aufstieg er seinem Vater unter dem 16. Februar 1784 berichtete:

Gestern machte ich einen Versuch mit einem papiernen Luftball v. 132 CubikFuß körperℓn Inhalts, an dem ich seit Mittwoch arbeitete; er stieg pp 50 Schuh, stieß sich aber gleich anfangs an einen Baum, wodurch er eine horizontale Lage bekam, daher die Montgolfische Gaz leichter entfliehen konnte, nachdem er auf diese Art die Höhe v. 50 Schuh erreicht hat, schwebt er pp 100 Schuh in einer horizontalen Lage fort u. fiel. Nächstens will ich aber einen bessern steigen lassen, wenn Sie mir gütigst erlauben, wie viel ich darauf verwenden darf. In Eil

Gezeichnet »Ihr / Geh. Sohn / J.F.«8 – Das naturwissenschaftliche Interesse und Talent, die sich schon in den astronomischen und mathematischen Kollegheften seiner Gymnasiastenzeit niedergeschlagen hatten, waren bei Cotta zeit seines Lebens bestimmend. Noch im Jahr 1820 wird er sich gegenüber Adolf Müllner als Mathematiker apostrophieren, der »wann u. wo ein Augenblick frei ist,« seine Zeit mit der Mathematik zubringe.9

Zur schönen Literatur hatte er in seiner Studienzeit wie später keine wirkliche Neigung. Dass er etwa in seinen Studentenzeiten oder später irgendeinen poetischen Text verfasst hätte, ist nicht überliefert. Sein prosaischer Kopf bedurfte immer der Vermittlung und Empfehlung, wenn es um die schönen Künste ging. Bezeichnenderweise hatte er zu Gotthold Friedrich Stäudlin – dem Freund seines Vaters wie August Bürgers, des Herausgebers der ›Schwäbischen Blumenlesen‹ und ›Musenalmanache‹ im Tübinger Cotta-Verlag und zweiten Protagonisten der jungen schwäbischen Literatur neben Schiller – keine Beziehung. Ebenso wenig trifft man ihn im Zirkel der mit ihm verbundenen poetisierenden Stiftler: Conz, Lang, Reinhard, Duttenhofer, der sich am Göttinger Hainbund um Voß, Boie und Hölty orientierte. Womöglich hat ihm der empfindsame Freundschaftskult nicht zugesagt, der im Umgang zwischen Stäudlin, Reinhard und Conz herrschte. Zudem gehörten sie einer anderen Generation an.

Auch zum Stuttgarter Kreis um Schiller, Petersen, Armbruster – allesamt Karlsschüler – hatte er keinen Kontakt, anders als zu dem sechs Jahre älteren Christian von Massenbach, dem Jugendfreund Schillers, der seit 1771 die Hohe Karlsschule besuchte.10 Vermutlich lernte Cotta Massenbach erst im Jahr 1775 kennen, als die Karlsschule nach Stuttgart umzog, und wahrscheinlich spielte dabei beider mathematisches Interesse eine Rolle. Massenbach beschäftigte sich intensiv mit Integral- und Infinitesimalrechnung, was ihn für seine Berufung 1778 zum Professor der Mathematik, Taktik und Strategie an der Karlsschule qualifizierte. Er verließ Stuttgart 1782, um in Berlin im Stab des Generalquartiermeisters von König Friedrich II. angestellt zu werden.

Sichereres zu Cottas Umgang lässt sich erst für seine Studienzeit in Tübingen sagen. Er verkehrte in der studentischen Umgebung seines Bruders Christoph Friedrich, der seit dem Juli 1781 hier als Reichspostmeister amtierte und gleichzeitig Jura studierte.11 Welcher Geist hier herrschte, lässt das Stammbuch des Christoph Maximilian von Griesinger erkennen, in das sich die drei Cotta-Brüder Christoph Friedrich, Johann Georg und Johann Friedrich, Letzterer gleich zwei Mal, neben einigen späteren Führern der schwäbischen Ständeopposition wie Eberhard Friedrich Georgii, Christian Friedrich Batz, Karl Heinrich Gros und Christian Jakob Zahn eintrugen. Die Stammbuchverse zeigen die Lieblingsautoren Klopstock, Wieland, Hagedorn, Gellert, Ramler, Bürger, natürlich Horaz. Spürbar ist das Aufbegehren der Studenten, die mit Klopstockbegeisterung und Freiheitspathos gegen die in der Karlsschule und den Niederen Klöstern angedrillte Disziplin revoltierten. Da hieß es: »Eins ist Noth, Freyheit«(Schweppe); oder: »Freiheit! / Silberton dem Ohr! / Licht dem Verstand, und hoher Flug zu denken! / Dem Herzen gros Gefühl!« (Sch..ll, Im Sept. 1782); oder: »Gesez hat noch keinen großen Mann gebildet, aber Freiheit brütet Koloße und Extremitaeten aus.« Schiller (Gottfr. L. Beer).12

Aus diesem Holz war Johann Friedrich Cotta nicht geschnitzt – er schrieb ganz bieder stoisch am 17. April resp. am 31. Oktober 1782:

»Die wahre Ruhe der Gemüther / Ist Tugend und Genügsamkeit.« und »Durch Tugend allein bahnen wir uns den Weg zu unserm Glück.«13

Cottas Bindungen in diesem »Freundeskreis« müssen eher lose gewesen sein, mit den meisten dieser Kommilitonen wird sich später sein Lebensweg kreuzen, ohne dass sich in den Briefen Reflexe von vertrauter Nähe fänden. Geduzt hat sich Cotta ohnehin nur mit ganz wenigen Menschen, etwa mit Henri Knapp, mit dem er wohl einmal in Jugendtagen unter einem Dach gewohnt hat.

Wir finden Cottas Hand in einem weiteren Tübinger Studentenstammbuch verewigt. Seinem Kommilitonen Friedrich Kegele aus Wimpfen schrieb er mit demselben Stoizismus: »Um tugendhaft zu seyn, dazu sind wir auf Erden«;14 aber auch im Kegele’schen Kreis haben sich keine Freundschaftsbindungen ergeben, wenngleich Victor Matthias Bührer, Johann Friedrich Gaab und Johann Eberhard von Wächter später in Cottas Verlag als Autoren erscheinen werden.

Dass sich in Tübingen keine engere Beziehung zu dem drei Jahre älteren Stiftler Karl Friedrich Reinhard ergab, wird Cotta später bedauert haben. Auch Reinhard hatte starke naturwissenschaftliche Interessen, die er mit seinen Freunden Christoph Gottfried Bardili und Johann Friedrich Wurm teilte.15 Vielleicht stand einer näheren Bekanntschaft der Altersunterschied im Wege, vielleicht war aber nur die Zeit zu kurz, da Reinhard bereits im Herbst 1783 sein Studium der Theologie und Philologie abschloss und nach Balingen ging.

Im Jahr 1785 wurde Cotta in Rechtswissenschaften promoviert, ohne dass man wüsste, an welcher Universität und welche Dissertation welches Professors er als Respondent verteidigt hätte. Den Doktortitel auf diese Weise zu erlangen war damals nicht bloß in Tübingen üblich, eine eigene Dissertation abzufassen war die absolute Ausnahme. Durchaus auf ausgetretenen Pfaden für württembergische Absolventen der alma mater bewegte er sich, als er nach dem Studium eine Anstellung als Hauslehrer und Erzieher finden sollte. Sein Mentor Pfleiderer vermittelte ihm an seiner statt in Polen eine Stelle als Hofmeister bei der Fürstin Isabella Lubomirska, der Schwester des Fürsten Adam Czartoriski, die er 1788 antreten sollte. Diese Anstellung hätte ihn aus dem verschlafenen Universitätsstädtchen zu einer der ersten Familien Europas versetzt, die ein Gutteil ihres Lebens im Ausland zu verbringen gewohnt war. Cottas Vorgänger als Hofmeister des 1777 geborenen Zöglings Prinz Henryk Ludwik war der Florentiner Gelehrte Abbé Scipione Piattoli, der eine Zeitlang als Privatsekretär des polnischen Königs Stanislaus II. gedient hatte.16 Um solchen Ansprüchen auch nur einigermaßen gerecht zu werden, ging Cotta gleich nach seiner Promotion Ostern 1785 zusammen mit dem Stuttgarter Kupferstecher Johann Gotthard Müller für mehrere Monate nach Paris. Kaum angekommen, berichtete er seinem Vater am 18. April 1785 seine Reisedenkwürdigkeiten:

Meine Briefe von Carlsruhe und Straßburg werden Sie, lieber Papa, erhalten, und der Hℓ Hänlein von meiner weitern Reise Sie benachrichtiget haben.Wir reiseten mit gutem Wetter leztern Mittwoch um 10 U. mit der Diligence ab; mit deren Einrichtung ich Sie ein wenig bekannt zu machen suchen will. Der Wagen hangt in Riemen, so daß man ser gut färt, die Size sind nicht wie bei den deutschen, sondern 3sizig gegen einander, so daß auf dise Art 6 Personen Plaz haben, an jedem der beiden Kutschentürlein ist nun auch ein Siz angebracht, der auf dise Art eingerichtet ist, daß man ihn herausschlagen u. als eine 2staflige Stiege zum Einstieg in den Wagen brauchen kann, alles auf die bequemste u. solideste Weise. Auf diese Art können nun 8 Personen in dem Wagen sizen, alle sehen gegeneinander, in der Mitte ist der Plaz für die Füsse, der aber freilich zimlich enge wird, wenn der Wagen ganz besezt ist, wie es bei uns war. Wir viere reiseten nemlich in Gesellschaft 2er Frauenzimmer, 3er Offizier u. eines Böhmischen Grafen namens Berthold, ein ser interessanter Mann, der schon einen grossen Teil Europens durchreiset hat. Auf die Art waren es 10 Personen, davon 2 bei dem Conducteur in einem vornen am Wagen angebrachten nebenSiz saßen.

Ausser den schönen Aussichten habe ich auf der Reise nicht viel profitiren können, die Geschichte unsrer PostWagenGesellschaft ist aber so interessant, daß ich mir die Zeit nehmen werde, sie aufzusezen. Im Elsaß hat man schlechte Pferde auf den Posten, desto besser werden sie aber in Lotringen u. in Frankreich, wo es eine rechte Lust ist, 6 starke normännische Pferde einen so stark beladenen Wagen im Galop manchmal ziehen zu sehen Beschwerlich war unsre Reise wegen der grossen Hize ser, wir machten immer kurz NachtQuartier von 3–4 Stunden, am lezten Tage aber gar keines, so daß wir ser ermüdet gestern Abends hier ankamen, wo wir noch über eine Stunde wegen d Logis herumsteigen mußten, weil der lezte Brief des Hℓ Prof. Mullers nicht ankam. Nun logiere ich in einem recht guten Quartier, u. was das beste ist bei dem Hℓn Prof. M. selbst, dessen Güte u Freundschaft gegen mich Ihnen nicht genug rümen kann.

Was mir weiters auf meiner Reise aufgestossen, werden Sie aus meinem Tagebuch sehen das ich Ihnen, sobald es fertig ist, übersenden werde. Den heutigen Tag brachte ich mit Auspacken u. einigen Gängen, um mich mit der Stadt bekannt zu machen, zu. Ich schliesse mit meiner Empfelung an die liebe Eltern u. dem herzℓn Wunsch, daß Sie sich alle recht wol befinden möchten, so wol wie

Ihr

gh Son

J.F. Cotta17

Während Müller nun im offiziellen Auftrag an seinem berühmten ganzfigurigen Porträt Ludwigs XVI. arbeitete, vervollkommnete Cotta seine Sprach- und »Weltkenntnisse«.

Der Aufenthalt am Vorabend der Halsbandaffäre endete abrupt. Sein Vater rief ihn zurück, um ihm die Tübinger Postmeisterstelle anzubieten, die Cottas älterer Bruder Johann Georg, der sie von Christoph Friedrich jun. bei dessen förmlichen Studienantritt im April 1782 übernommen hatte, aufgrund von Unterschlagungen hatte aufgeben müssen.18 Johann Friedrich lehnte ab,19 blieb aber in Tübingen, um dann – immer noch im Wartestand auf seinen Dienstantritt bei der Fürstin Lubomirska – als Hofgerichtsadvokat zu praktizieren. Prozesse vor dem seit 1514 in Tübingen angesiedelten Hofgericht, das mit den Appellationen in Stadtgerichtsentscheidungen über 50 fl. (Gulden) Wert betraut war, waren selten – gewöhnlich trat es überhaupt nur einmal im Jahr zusammen.20 Cotta, der keinerlei Ruf als Advokat und Rechtskundiger hatte, also auch keine Fälle betreuen musste, nutzte die Muße, weiter den naturwissenschaftlichen Studien bei seinem verehrten Lehrer Pfleiderer nachzugehen. Möglicherweise jetzt entstand die gemeinsame Bearbeitung des ersten Bandes von Jean-Henri Lamberts ›Dissertations logiques et philosophiques: Fragmens relatifs à la logique‹ (1782), dessen Manuskript sich im Cotta-Archiv erhalten hat. In dieser beschaulichen Zeit wohnte er in einem Zimmer der Verlagshandlung gegenüber der Stiftskirche und arbeitete sogar schon im Verlag mit, der eine Zeitlang von seinem älteren Bruder Johann Georg, zuletzt von Faktoren geführt wurde.21

Im Sommer 1787 überstürzten sich die Ereignisse. Vor einer Reise nach Wien an den kaiserlichen Hof bot Christoph Friedrich Cotta seinem Sohn Johann Friedrich den Kauf des Verlags an. Vielleicht wollte er den Verlag der Familie erhalten und seinem Sohn ein sicheres Auskommen sichern, möglicherweise dachte er daran, angesichts seines Alters – er war nun immerhin 63 Jahre alt – seine Verhältnisse zu ordnen; vielleicht aber bewog ihn zu diesem Angebot der wachsende Schaden, den die 1783/84 gegründete, an die bestehende Kupferdruckerei angegliederte Akademische Druckerei der Karlsschule bei Druckern wie Verlegern verursachte22 und der ihn an einen Verkauf gegen gutes Geld denken ließ. Johann Friedrich jedenfalls zog das Angebot ernsthaft in Betracht und wandte sich am 11. Juli an Philipp Erasmus Reich, den Chef der berühmten Weidmann’schen Buchhandlung in Leipzig, mit der Bitte um Rat.23 Jedes Wort wägend, stellte er sich dem damaligen Doyen der »Nettohändler« vor, verfasste gleichsam sein Entrébillet in die Welt des großen Buchhandels und unterwarf sich dem prüfenden Blick des ungekrönten Haupts des Leipziger Buchhandels. Er sei juristisch und mathematisch studiert, belesen, bekannt mit Gelehrten und Bücherliebhabern, durch den Umgang mit den Faktoren ausgestattet mit »so viele[n] praktische[n] Kentnisse[n] vom Buchhandel, daß ich glauben sollte, ich könte in dieser Rücksicht eine Buchhandlung füren«. Demütig bat er um Hinweise, wie er einen fairen Preis für die Handlung finden, wie man die Schulden und Forderungen ansetzen könne. Ausdrücklich bekannte er sich zu den Grundsätzen solider und rechtlicher Geschäftsführung: »Ich würde keine andern als gute Bücher in Verlag nemen und immer auf schönen Druck und Papier sehen. Meine Handlungs Grundsäze wären die Garvische.« Ob Reich ihm raten, ob er, Cotta, als Buchhändler sein Glück machen könne?

Er hatte Reichs offenbar ermutigende Antwort vom 7. August schon in der Tasche, als er wieder schwankte. Im September erreichte ihn ein von Pfleiderer vermitteltes Angebot des berühmten Schweizer Mathematikers Georges-Louis LeSage, bei einem Herrn Mallet in Genf eine Stelle anzutreten. Laut Cottas biographischem Abriss in den ›Zeitgenossen‹ sollte er »als Erzieher bei Herrn Mallet in Genf« arbeiten; dessen »Familie lebte einen Theil des Jahres in der Schweiz, den andern in Paris«. Später soll dieses »Haus Mallet, eines der reichsten jener Zeit«, durch die Französische Revolution sein ganzes Vermögen verloren haben und über Hamburg nach St. Domingo ausgewandert sein, »um dort die Trümmer ihres Vermögens zu retten«.24

Allein, aus diesen Angaben wird man nicht recht schlau. Die bedeutende Bankiersfamilie in Paris, die in der Revolution verarmte, bevor sie mit der Banque de France wieder aufstieg, lebte in Paris und ging nicht nach Amerika; die Familie von Paul Henri Mallet, dessen drei Söhne in den 1780er Jahren in Genf geboren wurden, musste 1793 Paris verlassen, allerdings machte sie sich später auf nach Amerika. Es bleibt mysteriös, möglicherweise sind verschiedene Schicksale der vielverzweigten Hugenottenfamilie ineinandergeblendet. Wahrscheinlicher angesichts des elaborierten mathematischen Talents und einer offenbar angestrebten wissenschaftlichen Karriere ist ohnehin, dass Cotta nicht als Erzieher oder Hauslehrer minderjähriger Kinder dienen sollte,25 sondern als Begleiter und Sekretär. Dann wäre im Bekanntenkreis von LeSage und Pfleiderer wohl an den unverheirateten Astronomen, Mathematiker und Naturgeschichtler Jacques-André Mallet-Favre zu denken, der auf den Rat LeSages hin bei Daniel Bernoulli in Basel studiert hatte. Hier hätte also der Einstieg in eine wissenschaftliche Karriere gelockt,26 die ihn an der Seite von LeSage nach Paris führen sollte, von hierher erschließt sich seine Bemerkung gegenüber Reich, dass es ihm »an andern Aussichten, durch meine wissenschaftliche Kenntnisse eine Versorgung zu erhalten, nicht« fehle.27 Cotta bat sich Bedenkzeit aus, er könne sich erst entscheiden, wenn sein Vater aus Wien zurück sei.

Die Entscheidung für den Kauf der Tübinger Handlung fiel im Oktober. Mit Hinweis auf seinen betagten Vater und auf familiäre Rücksichten schlug Cotta die Stelle bei Mallet-Favre aus. Auch die Aussicht auf die polnische Hofmeisterstelle hatte sich unterdessen angesichts der politischen Wirren in Polen zerschlagen. Wahrscheinlich riet nicht nur Pfleiderer ab, die Stelle anzunehmen,28 sondern die Fürstin Lubomirska selbst sagte den für 1788 vorgesehenen Antritt der Hofmeisterstelle ab.29 Darauf deuten zumindest die 1788 bezahlten 300 Dukaten hin,30 die am ehesten als freiwillige Abstandszahlung zu verstehen sind, zu der sie im Falle einer Absage vonseiten Cottas nicht verpflichtet gewesen wäre und die nun beim Kauf der väterlichen Buchhandlung eine segensreiche Rolle spielten.

Ausgangsbedingungen und das erste Jahr als Verleger

Am 1. Dezember 1787 übernahm Johann Friedrich Cotta die Tübinger Verlagshandlung von seinem Vater. Der Kaufvertrag nennt einen Preis von 17.000 fl. für die Verlags- und Sortimentslager und die beiden der Stiftskirche gegenüberliegenden Häuser, eine Summe, die nach sofort fälligen 2.000 fl. in der Hauptsache in zweijährlichen Raten von 3.000 fl. bis zum Dezember 1798 zu zahlen war.31 Der »ohne Zinse« innerhalb von zehn Jahren zu zahlende Kaufpreis war, wie Cotta an LeSage geschrieben hatte, in der Tat »très acceptable«.32 Die späteren Vermögensinventare beziffern allein den Wert der Tübinger Häuser (samt Scheune) auf 17.000 fl. Wenn also der Vater seinem Sohn die Lagerbestände geradezu schenkte, dann weil das Tübinger Sortiments- und Verlagslager wie das Leipziger Lager nicht besonders umfangreich und die zum größten Teil überalterte Ware nahezu wertlos war.

Johann Friedrich Cotta übernahm einen keineswegs florierenden Verlag. Die Ursachen für den Niedergang der an die Tübinger Universität angeschlossenen Verlagshandlung sind vielfältig und reichen zum Teil bis in die Zeit des Großvaters Johann Georg III. (1693–1770) zurück. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass der Niedergang mit dessen schier unerschöpflicher Energie, seinem strategischen Kalkül und Durchsetzungsvermögen zusammenhing, mit denen er seinem Enkel als Vorbild gedient haben könnte. Der Großvater suchte früh die Begrenzung des an die Universitätsstatuten gebundenen Verlags zu überwinden und die strikte Trennung von Buchhändlern/Verlegern, Druckern und Buchbindern aufzuheben. Die Finanznot des württembergischen Herzogs ermöglichte es ihm, an der Universität vorbei und sogar gegen die Universität erfolgreich zu sein. Mit sehr viel Geld erwarb er im Jahre 1715 von den Behörden das zwanzigjährige Privileg auf den Kalendervertrieb und -import. 1722 erreichte er beim Herzog die Gewährung der Gewerbefreiheit, was er u. a. für den Betrieb einer Bierbrauerei nutzte;33 im selben Jahr erwarb er beim Universitätssenat die Konzession für eine Presse zum Druck seines Verlags, 1723 erwirkte er die herzogliche Erlaubnis, für das Hofgesangbuch und seinen Verlag beliebig viele Pressen zu betreiben.34 Als Folge des Umzugs von Johann Georg III. in die Residenzstadt Ludwigsburg im Jahre 1730, der Errichtung der dortigen Druckerei samt der Verlegung der Pressen dorthin und der neuen Funktion als Hof- und Kanzleibuchdrucker (1735) wurde der Tübinger Verlag nur noch mit der linken Hand betrieben. Faktoren führten die dortigen Geschäfte.

Der Druck für Hof und Behörden wurde das neue Kerngeschäft der Cottas, die von der wachsenden Administration des Herzogtums profitierten. Selbstverständlich folgte Cottas Großvater dem Hof nach Stuttgart, der im Jahr 1733 nach dem Tod des Herzogs Eberhard Ludwig und dem Regierungsantritt Karl Alexanders dorthin umzog. Der Druckereibetrieb blieb auch unter Christoph Friedrich sen., Johann Friedrichs Vater, das Hauptgeschäft, wenngleich er seine Stuttgarter Aktivitäten über den Bibel- und Kalenderdruck hinaus ins Verlagsgeschäft ausdehnte. Im Jahr 1761 sicherte er sich ein Zeitungsprivileg und gründete die ›Stuttgarter Hofzeitung‹; zudem druckte und verlegte er in den 1760er und 1770er Jahren eine Reihe von französischen und italienischen Theaterstücken, aber auch Johann Caspar Schillers ›Öconomische Beyträge zur Beförderung des bürgerlichen Wohlstandes‹ (1767) und die von Gotthold Friedrich Stäudlin aus Johann Jacob Bodmers Nachlass herausgegebenen ›Appollinarien‹ (1783). Die bescheidene Blüte dieses Verlags- und Sortimentsgeschäfts fiel in die 1770er und den Anfang der 1780er Jahre, für die das Chr. Fr. Cotta’sche ›Verzeichniß der Bücher welche theils auf eigene Kosten gedruckt worden, theils in Menge zu haben sind‹ 59 resp. 30 (bis 1783) Titel nachweist.

Für den Niedergang des Tübinger Stammhauses der Cottas war des Weiteren die immer stärker werdende Konkurrenz seitens der Stuttgarter und Tübinger Druckerverleger Heerbrandt, Fues und Schramm verantwortlich, die ihrerseits über ihren angestammten Bereich des Dissertationsdrucks hinausdrängten, sowie im Sortimentsbereich der zunehmende Import ausländischer Ware auch durch »Pfuscher und Afterbuchhändler«.35 Vor allem litt die J. G. Cotta’sche Buchhandlung am Bedeutungsverlust der Tübinger Universität.36 Fiel schon ihr traditionelles Bildungsangebot im überregionalen Vergleich mit den führenden »modernen« Universitäten in Göttingen und Halle immer weiter zurück, so wurde sie überdies in Württemberg als Hohe Schule durch die von Herzog Carl Eugen 1782 gegründete Hohe Karls-Akademie in Stuttgart abgelöst, die aus der 1770 auf der Solitude eingerichteten Militär-Pflanzschule hervorging. Reichlich versehen mit finanziellen Mitteln, war sie das Lieblingskind des Herzogs. Seine »Pflanzschule« einer säkular-pragmatisch ausgerichteten administrativen, gleichwie künstlerisch-kunsthandwerklichen Elite war als das entscheidende Instrument bei der Homogenisierung des durch etliche Zukäufe im 18. Jahrhundert erweiterten Herzogtums, bei der Modernisierung und beim Aufbau eines straff, im absolutistischen Geist geführten Landes gedacht.37 Die württembergische »Grande Ecole« wurde zum Medium der Aufklärung im Lande, auch wenn die Schüler über die militärische Disziplin klagten.

Des einen Leid ist des andern Freud. Die Verlagerung des akademischen Zentrums ins sechs Wegstunden entfernte Stuttgart entzog Tübingen die Bedeutung als geistige Hauptstadt des Herzogtums. Tübingen zahlte den Preis für einen obrigkeitlich betriebenen Elitenwechsel, von dem die Stuttgarter Verleger und Drucker unmittelbar profitierten. Wie schmerzhaft das den Tübinger Cotta-Verlag traf, demonstriert der Vergleich seiner Produktion mit der des Metzler-Verlags, der lange Zeit das »Zentrum geistlicher Publizistik« gewesen war,38 nun mit der Karlsschule zu einer Art Universitätsverlag und zum führenden württembergischen Verlag avancierte. Bei Metzler erschienen in den 1770er und 1780er Jahren eine ganze Reihe von Werken der Karlsschul-Professoren und der neuen »Funktionselite« über Themen, die zum neueren Lehrprogramm gehörten, und es erschienen zunehmend belletristische Titel, darunter Werke von Christian Friedrich Daniel Schubart, Klopstock, Schiller, Friedrich August Clemens Werthes.

Demgegenüber wirkt das Programm des Tübinger Cotta-Verlags – wie hätte es anders sein können – angestaubt, bestimmt von den traditionellen Disziplinen (Theologie, Jura, Medizin, Philosophie, klassische Sprachen und Künste) und den Tübinger Professoren. Auch wenn im Laufe der 1780er Jahre eine Belebung des Verlags spürbar ist – möglicherweise geht sie auf eine Mitarbeit der studierenden Christoph Friedrich jun. und Johann Friedrich Cotta zurück –, so ging nur weniges über den theologischen und juristischen Bereich hinaus. Als literarischer Verlag hatte er nur einige wenige, allerdings bedeutende Werke vorzuweisen: die von dem mit Christoph Friedrich Cotta sen. befreundeten Stäudlin herausgegebenen ›Schwäbischen Musenalmanache‹ / ›Schwäbischen Blumenlesen‹ sowie seine ›Vermischten poetischen Stücke‹ (1782).

Johann Friedrich Cotta hatte sich gründlich auf seine Aufgabe vorbereitet, nun ging er entschlossen und tatkräftig zu Werke. Das war allerdings auch bitter nötig, da er über keine eigenen Mittel verfügte – gegenüber Böttiger kokettierte er später einmal damit, dass er mit nur 20 fl. »baar Vermögens« angefangen habe39 –, das Verlagsgeschäft aber ein größeres Eigenkapital voraussetzte. Da die laufenden Einnahmen aus Verlag und Sortiment einstweilen nicht ausreichten, war er, um dem Vater den Kaufpreis abzubezahlen und vor allem um neue Verlagsartikel vorzufinanzieren, auf Kredite angewiesen. Abgesehen von einer Reihe kleiner kurzfristiger Ausborgungen lieh er sich deshalb im Jahr 1788 größere Summen: beim Amtspecial Bengel über 1.000 fl. (Januar); bei seinen Verwandten, dem Apotheker Gottlob Gmelin, 1.025 fl. (im Februar/März), und Karl Rudolf Wölffing, der nun die Cotta’sche Postmeisterei in Tübingen führte, 920 fl. (April); bei den Calwer Kaufherren C. M. Doertenbach und Notter & Co. in Calw 1.500 resp. 2.000 fl. (April); schließlich bei H. v. Escher 484 fl. (November).

Diese Darlehen samt dem kreditierten Kaufpreis von 17.000 fl. ließen Cottas Verbindlichkeiten auf mehr als 20.000 fl. anschwellen. Allein, diese Last zwang ihn dazu, vornehmlich solche Artikel zu verlegen, die binnen kurzer Frist die Auslagen wieder einspielten und schnell Gewinn brachten, der dann für die Verbesserung der Kapitalbasis und die Ausdehnung des Verlags genutzt werden konnte. Entsprechend war Cottas Jahresproduktion von 1788 geprägt von kleineren Schriften wie Bernritters satirischen ›Reden und Dialogen‹, Elsässers ›Freien Gedanken‹ (1.500 Auflage, 4 1/2 Bogen) und Weissers Preisschrift ›Ueber die Fleisch-Taxen‹ (1.000 Auflage, 8 Bogen). Ebenso waren die größeren Werke wie Gerhards ›Loci theologici‹, deren abschließende Bände 21 und 22 samt Index erschienen, und ›Ferrariensis de Usufructu dissertationes variae‹ in der kleinen Auflage von 500 Exemplaren auf das enge fachwissenschaftliche Publikum zugeschnitten; auch diese Grundlagenwerke, die das akademische Verlagsprogramm fortführten, waren vom Mitteleinsatz und Risiko überschaubar und brachten sicher schnellen Gewinn. Den deutlichsten Hinweis, in welcher Richtung Cotta den Verlag zu entwickeln wünschte, gibt das erste Heft der ›Beyträge zur Naturgeschichte des Herzogthums Wirtemberg‹ aus der Feder des Stuttgarter Gymnasialprofessors Gottlieb Friedrich Rösler, eines der naturhistorischen Pioniere Württembergs und Lehrers von Cotta auf dem Gymnasium illustre. Die Auflagenhöhe von 1.000 Exemplaren wie der Umfang (16 1/2 Bogen), dazu die aufwendige Ausstattung mit einer großformatigen Kupfertafel machen dieses Werk angesichts der Marktenge zu einem spekulativeren Unternehmen, dessen Motive gleichermaßen in den persönlichen naturwissenschaftlichen Interessen Cottas wie in der Absicht liegen, das Verlagsprofil zu aktualisieren. Charakteristisch für seine finanzielle Umsicht, suchte Cotta auch hier das Risiko zu begrenzen. Einen Abschnitt dieses Werks veröffentlichte er als Separatdruck unter dem Titel ›Naturhistorische und Technologische Nachrichten von der Saline zu Sulz im Herzogthum Wirtemberg‹. Der Sparsamkeit opferte Cotta jeglichen Buchschmuck, der sich ohnehin meist auf Holzschnitt-Vignetten beschränkt hatte.

Ein Titel, Gärtners botanisches Werk ›De fructibus et seminibus plantarum‹, zeigt einen weiteren Weg, wie Cotta die heikle Liquidität zu schonen suchte: den Kommissionsverlag. Cotta kaufte Partien des im Selbstverlag erschienenen Werks, um sie zu vertreiben; bei Bedarf kaufte er nach, bei mangelndem Absatz remittierte er die liegengebliebenen Exemplare. Er nutzte die Vorfinanzierung durch die Autoren, reduzierte dabei den eigenen Kapitaleinsatz auf die für den Kauf notwendigen Mittel und deren Verzinsung. Cotta machte sich dabei den Umstand zunutze, dass der Selbstverlag insbesondere bei aufwendigen Kupfer-Werken geradezu die Regel war, da die enormen Kosten für Kupferstiche die Autoren oft keine Verleger finden ließen und zum Selbstverlag zwangen. Cotta folgte den üblichen Gepflogenheiten, wenn er den Kapitaleinsatz dadurch reduzierte, dass nur ein Teil der Honorarsumme in barem Gelde, der andere in Büchern zu vergüten war. Bezeichnenderweise wurde diese Praxis fast ausschließlich im Verkehr mit Gelehrten geübt, die auch die wichtigsten Sortimentskunden waren und bei denen das eigene Schreiben ganz ursprünglich mit der Idee des gelehrten Austausches verknüpft war.

Mit der Produktion des ersten Jahres führte Cotta im Wesentlichen die überkommenen Verlagsbeziehungen und das alte Verlagsprofil weiter. Ein grundlegender Neuaufbau wäre gar nicht möglich gewesen, bedenkt man, wie sehr der Verlag an die Tübinger Universität und Gelehrtenrepublik gebunden war, die er ja auch als »Buchführer« mit den wichtigen Neuerscheinungen versorgen sollte. Den Kernbereich des Verlags bildete die theologische und juristische Fachliteratur, der die religiösen Erbauungsschriften wie deren säkulare Pendants der moralischen Erziehungsliteratur angelagert waren. Zu diesen Verlagssparten kamen allerdings noch die Naturwissenschaften und die »Aktualitäten«, deren Verfasser – und hier zeigt sich das erste Aufbrechen der Tradition – einer anderen sozialen Schicht als der akademischen entsprangen: dem (Hof-)Beamtentum. Cottas Vater, der Hof- und Kanzleibuchdrucker, dessen Verlag gerade mit diesem Personenkreis eng verbunden war, war wohl maßgeblich beteiligt an der Ausweitung des Tübinger Gelehrtenverlags nach Stuttgart, der für die Autoren schließlich mit einer Verbesserung des Vertriebs einherging. Er lieferte größere Partien von eigenen Erzeugnissen, vermittelte Kommissionen, übernahm Artikel in sein Sortiment, und es ist angesichts dieser engen geschäftlichen Beziehungen anzunehmen, dass er auch Autoren auf den Verlag seines Sohnes hinwies.

Vergleicht man nun das Profil von Cottas Jahresproduktion von 1788 mit dem des zu dieser Zeit in Württemberg führenden Metzler-Verlags, dann zeigt sich, dass selbst die innovativen Akzente keineswegs originell waren. Gerade der Ausgriff aus den Traditionsfeldern Theologie und Rechtswissenschaften auf die »moderne« Naturwissenschaft mit Röslers ›Beyträgen‹ holte nur etwas nach, was Metzler vorgemacht hatte. Cotta führte im Grunde den Verlag nur an die Gegenwart heran. Erleichtert wurde ihm das dadurch, dass es zu dieser Zeit hier wie anderswo so gut wie keine exklusiven Verlagsbeziehungen gab. Als Beispiel sei Wilhelm Gottfried Ploucquet angeführt, dessen Werke bei Heerbrandt, Schramm und Fues erschienen und der, auch als seine große medizinische Bibliographie in den 1790er Jahren bei Cotta herauskam, weiter bei diesen Verlegern publizierte. Ein weiteres Beispiel wäre Stäudlin, der seinen ›Albrecht von Haller‹ 1780 bei Heerbrandt, seine ›Musenalmanache‹ und ›Blumenlesen‹ bei Cotta in Tübingen und seine zweibändigen ›Gedichte‹ (1788–1791) bei Mäntler in Stuttgart herausbrachte. Ein drittes Beispiel wäre Magnus Friedrich Roos, dessen theologische Werke bei Fues, Cotta, Metzler und Erhard erschienen. Es war nicht schwer, von Tübingen wie von Stuttgart aus Autoren von anderswoher zu gewinnen, sodass sich Verlagsprofile nicht sonderlich voneinander unterschieden. Alle Verlage waren eingeschränkt auf den begrenzten Kreis württembergischer Autoren, der sich aus der Tübinger akademischen Gelehrtenrepublik, aus kirchlichen Würdenträgern, aus den Professoren und Absolventen der Hohen Karlsschule, teils Hof- und Regierungs-, teils Landschaftsbeamten, rekrutierte.

Vom akademischen Geschäftsauftrag der »J. G. Cottaischen Buchhandlung«, dem finanziellen Handlungsspielraum und den Bedingungen des lokalen, regionalen und überregionalen Markts aus war dieser erste Aufbau einer lokalen, im besten Falle regionalen Marktposition nur folgerichtig. Die Beziehungen zur ansässigen Autorenschaft und zum regionalen Publikum bildeten die Operationsbasis für die schrittweise Expansion auf den Markt des sogenannten Reichsbuchhandels und dann Norddeutschlands, mit der sich das Risiko des Nachdrucks potenzierte. Der Verlag war durch Druckprivilegien nur in Württemberg zu schützen, während er in anderen Territorien dem Nachdruck schutzlos ausgeliefert war. Privilegien konnten nur von Landeskindern erworben werden, das kaiserliche Privileg aber, das als einziges reichsweiten Schutz gewähren sollte, war eine stumpfe Waffe; Kontrolle und Durchgriff gab es so wenig, dass nicht einmal die betrügerische Angabe, ein Werk sei mit kaiserlichem Privileg gedruckt, verfolgt wurde.40 Das Verlustrisiko durch den Nachdruck war umso empfindlicher, da bei Artikeln, die auch für den auswärtigen Markt produziert waren, die Auflagenhöhe notwendig größer bemessen sein und also mehr Kapital investiert werden musste. Das auswärtige Geschäft machte über die unumgänglichen Messereisen, die Transportkosten, den Druck von Katalogen und Zirkularen, die Insertion von Avertissements in Zeitungen hinaus noch zusätzliche Kosten, indem es, um die stetige Nachfrage des Buchhandels zu befriedigen, ein ausgedehntes Verlagslager und einen Leipziger Kommissionär als Sachwalter erforderte.

So wichtig nun die regionale Operationsbasis für Cotta war, so sehr stellte sie einen Hemmschuh für eine erfolgreiche Expansion dar. Im »zurückgebliebenen« Südwesten produzierte Bücher waren auf dem norddeutschen Markt kaum konkurrenzfähig. Im Süden bestimmte immer noch die traditionelle Gelehrtenrepublik das Publikum wie die Autorenschaft, während die publikumsträchtigen Autoren, die neuen Publikumsschichten und die neue »extensive« Lektüre im Norddeutschen beheimatet waren. Religiöse Traditionen, die pietistische Verpönung der Unterhaltung und des Amüsements, waren dafür verantwortlich, dass sich in Württemberg die Lektüre meistens immer noch auf die Bibel, auf Erbauungsschriften und Kalender beschränkte, während ein Fachpublikum meist lateinisch verfasste theologische, juristische, medizinische Abhandlungen studierte. Allerdings wuchs auch hier das Publikum neuen Typs im Umkreis des Hofes, in der Beamtenschaft und in den bürgerlichen Berufen, wobei die Bedeutung, welche die Errichtung der Hohen Karlsschule für das geistige Klima hatte, kaum zu überschätzen ist. Sie stellte geradezu einen Säkularisationsschub in der religiösen, vom Pietismus geprägten Kultur Württembergs dar, vor allem urbanisierte sie die Residenzstadt Stuttgart. Diese Entwicklung war so augenfällig, dass selbst Schiller, der unter Carl Eugens Regiment so sehr gelitten hatte, bei seiner Rückkehr nach Schwaben staunte.

»Die Militairacademie« – so schrieb er Körner im März 1794 – »ist jetzt aufgehoben; und dieß wird mit Recht beklagt, obgleich sie nicht mehr in ihrer Blüthe war. Außer den beträchtlichen Revenuen, welche Stuttgardt daraus zog, hat dieses Institut ungemein viel Kenntnisse, artistisches und wissenschaftliches Interesse unter den hiesigen Einwohnern verbreitet, da nicht nur die Lehrer der Academie eine sehr beträchtliche Zahl unter denselben ausmachen, sondern auch die mehresten Subalternen und Mittleren Stellen durch academische Zöglinge besetzt sind. Die Künste blühen hier in einem für das südliche Deutschland nicht gewöhnlichen Grade; und die Zahl der Künstler, darunter einige keinem der Eurigen etwas nachgeben, hat den Geschmack an Mahlerey, Bildhauerey und Musik sehr verfeinert. Eine Lesegesellschaft ist hier, welche des Jahres 1300 fl. aufwendet, um das Neueste aus der Litteratur und Politik zu haben. Auch ist hier ein passables Theater mit einem vortrefflichen Orchester und sehr gutem Ballet.«41

Dennoch: Bedenkt man, wie sehr Autorschaft eine kollektive Größe ist, wie stark Geschmack, Stil und Thematik geprägt waren von Bildungstraditionen und -niveau, dann war von den württembergischen Autoren, vor allem im lukrativen Geschäft mit der Unterhaltungsliteratur in der Konkurrenz mit den Leipziger Verlegern nicht viel zu erwarten. Entsprechend lag hier das wichtigste Geschäftsfeld für die süddeutschen Nachdrucker in der freien Reichsstadt Reutlingen, für Christian Gottlieb Schmieder in Karlsruhe42 und für die Österreicher wie den Ritter von Trattner. Die Nachdrucker ergänzten die einheimische Literatur um das, was die eigenen Autoren nicht oder in nicht ausreichendem Maße beibrachten. Dass ein süddeutscher Verlag die Erstausgaben norddeutscher Autoren für das gesamte Gebiet des deutschen Buchhandels besorgt hätte, war zu diesem Zeitpunkt 1788 nicht allein wegen der traditionell engen Bindung der Autoren an ihre ortsansässigen Drucker und Verleger nahezu unmöglich, und überdies fehlte es den süddeutschen Verlegern an Kapital.

Die schwäbische Autorenschaft

Den besten Einblick in die historische Physiognomie der schwäbischen Autorenschaft und ihre Entwicklung geben Balthasar Haugs ›Zustand der schönen Wissenschafften in Schwaben‹ aus dem Jahr 1762 und sein bezeichnenderweise in der Akademiedruckerei der Hohen Karlsschule gedrucktes und Herzog Carl Eugen gewidmetes Repertorium ›Das Gelehrte Wirtemberg‹ von 1790. Haugs ›Zustand‹ demonstriert den Bildungsstand schon mit seiner Mischung späthumanistischer, ja barocker Züge mit aufklärerischen Ideen wie dem Genie-Begriff. Kulminiert diese Schrift, die mit dem Blick auf die Antike und dem Topos »Es ist jetzt schwerer, gelehrt zu seyn«43 ansetzt, in dem Projekt einer Gelehrten Gesellschaft und einer von dieser zu besorgenden Monatsschrift, so ist demgegenüber das spätere ›Gelehrte Wirtemberg‹ eine Leistungsschau des Bildungsfortschritts. Sein enkomiastischer Zug ist unübersehbar und erschöpft sich nicht in der Widmung an den Herzog als »Wohlthaeter der Jugend«, »Beförderer der Künste« und »Beschüzer der Wissenschaften«. Offenbar handelte es sich um die vom Herzog selbst angeregte44 Erfolgsbilanz seiner bisherigen Regierungszeit. Akribisch sind hier die Gelehrten, ja alle die Stände erfasst, »die in Kenntnissen sich über die Volksclasse hinauf schwingen«.45 Ferner legt Haug das ganze Bildungssystem dar. Und er zählte für 1790 insgesamt: 1.320 Schullehrer46 für 100.000 Schulkinder,47 unter diesen 2.207 zur »Sammlung höherer Kenntnisse bestimmte«,48 das »Seminarium aller künftigen Gelehrten«,49 die in den 3.118 Studierenden auf den höheren Schulen50 eingerechnet sind, und deren 99 Präceptoren.51 An eigentlichen Gelehrten errechnete Haug 2.050 (davon 1.200 Theologen, 450 Juristen, 200 Mediziner und 200 ältere Candidaten der Fakultäten),52 dazu kämen 475 gebildetere Kaufleute53 und 1.324 höhere und niedere Beamte, incl. der »Schreiber«, jenes für Württemberg eigentümlichen Typus nichtstudierter Beamter. Insgesamt schätzt er etwa 6.000 Funktionsträger, unter ihnen seien 2.000 Gelehrte bei einer Gesamtbevölkerung von 600.000 Einwohnern, von denen 285 »einheimische Schriftsteller« seien.54

Diese 285 von Haug im Lande erhobenen Autoren rekrutierten sich zu einem knappen Drittel aus theologischen (Pfarrer, hohe kirchliche Beamte wie Superintendenten etc., Diacone, Vicare u. Ä.) und zu einem guten Viertel aus weltlichen Beamten (Räte, Secretäre, Amtmänner u. Ä.). Ein Fünftel der Autoren bestand aus Professoren der Philosophie, der Theologie, des Rechts und der Medizin, von denen ein guter Teil an der Hohen Karlsschule unterrichtete; dazu kamen noch ein gutes Zehntel an Ärzten und ein Dutzend Advokaten. Entsprechend verzeichnen die bibliographischen Einträge fast ausschließlich gelehrte Abhandlungen; schöne Literatur ist so selten ausgewiesen, dass man deren Autoren – sieht man ab von Verfassern bloßer Casualcarmina – allesamt nennen kann: den Satiriker Friedrich Bernritter, Christian Friedrich Bühler, Victor Matthias Bührer, Karl Philipp Conz, Jakob Heinrich Duttenhofer, Theophil und Marianne Ehrmann, Eberhard Friedrich Freiherr von Gemmingen, Christian Gottlieb Göz, Friederike Louise Haas, Balthasar und Christoph Friedrich Haug, Johann Ludwig Huber, Eberhard Friedrich Hübner, Christian Kausler, Immanuel Leopold Keller, Philipp Gottfried Lohbauer, Rudolf Friedrich Magenau, Christian Ludwig Neuffer, Johann Wilhelm Petersen, Johann Friedrich Schlotterbeck, Christian Friedrich Daniel Schubart und Gotthold Friedrich Stäudlin.

Aber es gab wohl noch andere, von Haug nicht als Gelehrte angesehene Autoren, die eine Literatur verfassten, die ihm unwürdig und damit nicht referierbar schien. So heißt es in den lapidaren Schlussbemerkungen seiner einleitenden Gelehrtengeschichte:

2) Die Leserei ist stark: die Bücher aber vorzüglich: Historie, periodische Schriften, Romanen, Erbauungsbücher; diss aber meistens bei der niedern Volksclasse.

3) Die Schreibseeligkeit waechst zusehends; die Producte aber schlagen vor: in der Theologie, in belles Lettres, in Zeitschriften, in der Historie. Das erste ist Folge der Gelehrtenzahl: das andere: Geniesucht: das dritte: Neugier und Bequemlichkeit: das vierte: Liebhaberei und Staerke des Verkehrs.

Die sogenannte Aufklaerung wird nach aller Aussicht auch eine litterarische Revolution ausbrüten; aber ich sorge: aetas parentum pejor avis &c &c.55

Haugs ›Gelehrtes Wirtemberg‹, das noch der traditionellen Gelehrtenrepublik mit der idealen Koextension von Autorschaft und Publikum verpflichtet ist, bezeugt, dass auch in Württemberg Schriftlichkeit, Autorschaft und Publikum durch die »extensive Lektüre«, durch »Lesewut« und »Geniesucht« im Begriff waren auseinanderzutreten. Trotzdem war für ihn und seinen Stand, und dies nicht nur in Württemberg, der Codex der respublica litteraria nach wie vor gültig. Wie sehr er noch die literarische Öffentlichkeit prägte, zeigen die Anonymität und die Pseudonyme im Bereich der Unterhaltungsliteratur vor allem bei solchen Autoren, die im Spagat zwischen den verschiedenen Öffentlichkeiten: Gelehrtenrepublik und literarischem Markt, publizierten, die dabei aber – qua Amt – in der alten Gelehrtenkultur beheimatet waren und also Respektverlust und Ächtung fürchten mussten. Dies deutet auf die Spannungen hin, die zwischen den alteingesessenen Verlagen als Teil der gelehrten Schreibordnung und den »neuen« Autoren und ihrer Literatur bestehen mussten. Ein Verleger wie der »akademische Buchführer« Cotta, der als cives academicus der Rechtsaufsicht der Universität unterstand, teilte den sozialen Codex und musste ihn teilen.

Die Folgen lagen auf der Hand. Ehrbare Verleger wie Metzler oder Cotta konnten den Stoff der »extensiven Lektüre« so gut wie nicht verlegen, ohne Zuflucht zur Anonymität oder zur Camouflage mithilfe von Pseudonymen und fingierten Druckorten etc. zu nehmen. Zugänglich war für sie die Grauzone moralisch-bildender Unterhaltungslektüre und selbstverständlich die hohe schöne Literatur, in der die Gelehrten traditionell als nobilitas litteraria beheimatet waren. Von daher mussten die eingesessenen Verleger den Bereich der minderen Unterhaltungsliteratur den weniger ehrenwerten Kollegen oder den – zum Verlag eigentlich nicht zugelassenen – Druckern und Buchbindern überlassen. Wenn also Bewegung in das ausgesprochen »policierte« württembergische Verlagswesen kam und dessen innere Ordnung durch Übergriffe gestört wurde, dann lag das nicht nur an der Geschäftstüchtigkeit der zum Verlag und zum Buchvertrieb Unbefugten, sondern auch an den sozialen Hemmnissen der Verleger, die am literarischen Markt im Wesentlichen nur im Hochliteratur-Segment teilnehmen konnten. Hier aber waren die eingesessenen Verleger behindert von ihrem an ihren Traditionsautoren gebildeten Geschmack, sodass sich viele der modernen Autoren in Württemberg mit dem Selbstverlag und der Überlassung von Kommissionen behelfen mussten, wenn sie es nicht vorzogen, angesichts der »geistigen Enge« das Land zu verlassen.

Umbruchslage im deutschen Buchwesen