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Johannes Kepler (1571–1630), berühmt als Astronom und Mathematiker, war von Haus aus Theologe; seine Interessen umfassten aber auch Philosophie, Geschichte, Physik, Meteorologie und Astrologie. Auf der Suche nach den Gesetzen kosmischer Harmonie fand er, mit Hilfe der Beobachtungen Tycho Brahes, drei Planetengesetze, die seinen Namen tragen. Seiner Zeit voraus, setzte er das heliozentrische Weltbild des Kopernikus durch und erkannte die wahren Dimensionen des Sonnensystems, blieb jedoch befangen in der Vorstellung eines endlichen, von Gott geschaffenen Kosmos. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2021
Mechthild Lemcke
Johannes Kepler (1571–1630), berühmt als Astronom und Mathematiker, war von Haus aus Theologe; seine Interessen umfassten aber auch Philosophie, Geschichte, Physik, Meteorologie und Astrologie. Auf der Suche nach den Gesetzen kosmischer Harmonie fand er, mit Hilfe der Beobachtungen Tycho Brahes, drei Planetengesetze, die seinen Namen tragen. Seiner Zeit voraus, setzte er das heliozentrische Weltbild des Kopernikus durch und erkannte die wahren Dimensionen des Sonnensystems, blieb jedoch befangen in der Vorstellung eines endlichen, von Gott geschaffenen Kosmos.
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Mechthild Lemcke, geb. 1951, lebt und arbeitet nach Studien in Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaften als freie Autorin in Frankfurt am Main. Veröffentlichungen: Hegel in Tübingen (Tübingen 1984, mit Christa Hackenesch); Jugendlexikon Philosophie (Reinbek 1988, mit H. Delf, J. Georg-Lauer, C. Hackenesch).
rowohlts monographien
begründet von Kurt Kusenberg
herausgegeben von Uwe Naumann
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2022
Copyright © 1995 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Für das E-Book wurde die Bibliographie aktualisiert, Stand: Januar 2022
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Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier
Covergestaltung any.way, Hamburg
Coverabbildung akg-images (Johannes Kepler. Anonymes Gemälde, um 1620. Straßburg, Fondation Saint-Thomas)
ISBN 978-3-644-01258-5
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Keplers Lebens- und Arbeitsweg nachzuzeichnen, ohne in Heldenverklärung einerseits und Profanierung andererseits (‹Kepler zum Anfassen›) zu verfallen, war Ziel meiner Arbeit. Ich war mir bewusst, dass jede Auswahl von Zitaten, jede Hervorhebung einzelner Ereignisse Akzente setzt, die ein bestimmtes Bild ergeben. Bevor ich Sie nun bitte, sich selbst ein Bild von Kepler zu machen, möchte ich meiner Familie danken, die mich während der Arbeit an diesem Buch in jeder Hinsicht unterstützt hat.
Umbruchzeiten sind Krisenzeiten: Das Alte ist nicht mehr bestimmend, das Neue noch unbestimmt. Keplers Lebenszeit – die Jahre zwischen Renaissance, Reformation und Gegenreformation – war geprägt von zahlreichen Spannungen: Die Neuentdeckung verschollen geglaubter Schriften Platons hatte der Philosophie zur Zeit der Renaissance neue Impulse gegeben und eine intensive Auseinandersetzung mit klassischer Philologie und Textkritik eingeleitet. Die Reformationsbewegung knüpfte mit Martin Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche an diese Tradition an. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern tat ein Übriges, klassische Texte ebenso wie das übersetzte Evangelium und konfessionelle Streitschriften zu verbreiten.
Luthers Reformideen fanden breite Zustimmung in der Bevölkerung, führten jedoch – nachdem etliche Einigungsversuche zwischen Katholiken und Protestanten ergebnislos verlaufen waren – zu einer Verhärtung der Fronten. Der Reformeifer blieb indessen nicht bei Luthers Vorstoß stehen: Mit Zwingli und Calvin traten neue Reformkonzepte auf den Plan. Die Spielarten des Protestantismus kämpften dabei untereinander oft erbitterter und unduldsamer als gegen die römische Amtskirche; diese versuchte ihrerseits – etwa durch Gründung des Jesuitenordens – der Neuerungswelle zu begegnen.
Um sich gegenüber anderen Gruppierungen abzugrenzen, gingen die neugegründeten Glaubensgemeinschaften gegen Mitte des 16. Jahrhunderts dazu über, ihren Glauben in sogenannten Konfessionen aufzuzeichnen. Diese Festlegung leitete jedoch – entgegen dem ursprünglichen Grundsatz, nur die Heilige Schrift als maßgeblich anzuerkennen – einen Prozess der Dogmatisierung und Entmündigung ein, eine Entwicklung, die zuvor an der römischen Amtskirche kritisiert worden war.
Reformation und Gegenreformation waren zugleich untrennbar verknüpft mit der Auseinandersetzung um die Frage, wer in Glaubensdingen die Oberhand behalten solle – die staatlichen oder die kirchlichen Instanzen. Im Augsburger Religionsfrieden vom September 1555 war es der Landesherrschaft überlassen worden, sich entweder für die lutherische oder die katholische Konfession zu entscheiden, eine Entscheidung, die dann für alle Untertanen nach der Devise «Cuius regio eius religio» (wessen Gebiet, dessen Religion) verbindlich sein sollte. Die Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens trugen zwar zunächst zu gegenseitiger Duldung bei, enthielten indes so viel Auslegungsspielraum, dass sie ihrerseits zur Quelle ständiger Spannungen wurden, die sich schließlich im Dreißigjährigen Krieg entladen sollten.
So wurde das Zeitalter der Glaubenskriege zum Auftakt für die Entstehung absolutistischer Staaten: Die Landesherren suchten die in Ständen zusammengefassten Zwischengewalten durch den Aufbau einer zentralen Verwaltung in ihrer Bedeutung herabzumindern oder aber sie direkt in Abhängigkeit zu bringen. Die Konfessionen spielten in diesem Machtkampf die Rolle des Züngleins an der Waage, wobei sich ihre Vertreter meist auf die Seite schlugen, die ihnen am meisten zu bieten versprach. Kirchliche und staatliche Machtinteressen gingen dabei oft eine alles andere als heilige Allianz ein.
Auch in den Wissenschaften war vieles im Umbruch; der humanistische Elan wirkte noch nach, doch gab es erste Zeichen für eine Gegenbewegung: Die Renaissance hatte mit ihrer Verehrung des klassischen Altertums den Bildungskanon erweitert und reformiert. Der Schwerpunkt der Ausbildung lag auf dem Erlernen und der eleganten Handhabung der lateinischen und griechischen Sprache. Die «heidnischen» Anteile der klassischen Bildung erschienen dem Protestantismus jedoch zunehmend suspekt und wurden schließlich offen bekämpft.
Neben das sehr stark an sprachlicher und bildlicher Symbolik orientierte Denken von Renaissance und Humanismus trat im Verlauf des 16. Jahrhunderts ein am Quantitativen und Messbaren orientierter Rationalismus und Empirismus, der die Trennung von Glauben und Wissen betrieb. Doch diese Entwicklung deutete sich zu Keplers Zeit erst an und zeigte sich in einem Auseinanderdriften von Physik und Metaphysik, von Naturwissenschaft und Philosophie bzw. Theologie.
Abseits der Universitäten fristete die Ingenieurskunst ein Schattendasein als sogenannte unfreie Kunst; anders als die klassischen «Freien Künste» Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik, die seit alters als eines freien Mannes für würdig erachtet wurden, war sie wegen ihrer Ausrichtung auf praktische Nutzanwendung zwar geschätzt, aber nicht geachtet. Zur Zeit der Renaissance hatte sie vor allen Dingen im Zusammenhang mit der Erfindung von Kriegstechnologien (Pulvergeschütze, Sprenggeschosse) einen beträchtlichen Aufschwung genommen. Nun kündigte sich, unter anderem mit Galileis ballistischen Experimenten, ein Brückenschlag zwischen Wissenschaft und angewandter Technik an. Neu daran war, dass technische Themen Eingang in die akademische Bildung fanden. Damit begann sich die Trennung von «freier» und «unfreier» Kunst aufzulösen. Dass damit der Siegeszug der Naturwissenschaften eingeleitet wurde, die später die Geisteswissenschaften als Leitwissenschaft ablösen sollten, war damals freilich noch nicht abzusehen.
Im 16. und 17. Jahrhundert machten aber auch technische Neuerungen wie die Erfindung der Taschenuhr, des Fernrohrs und des Mikroskops Messungen und Untersuchungen möglich, von denen man vorher nur hatte träumen können. Eine sich rasch entwickelnde Mathematik, die zu Keplers Zeit auch noch zahlenmystische Spekulationen einbegriff, ließ viele zuvor unerschlossene Bereiche berechenbar erscheinen.[1] William Gilberts um 1600 entwickelte Lehre vom Erdmagnetismus bestätigte die Vermutung, es gäbe eine Fernwirkung von Kräften. Doch in Nikolaus Kopernikus’ heliozentrischem Modell unseres Planetensystems kulminierten die Spannungen und Verwerfungen der Epoche; hier fanden sie ihren bahnbrechenden Ausdruck. Sein Modell forderte zum Überdenken der Stellung der Erde – und damit auch der des Menschen – im Kosmos heraus: Der zentrale Ort des Heimatplaneten stand zur Disposition und damit auch die Frage, ob Gott die Welt für den Menschen geschaffen habe. Hätte Kopernikus in «De revolutionibus» nur eine spezifisch astronomische Frage aufgeworfen, die keine weiteren Konsequenzen nach sich zu ziehen versprach, wäre er wohl nie ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.
Als Johannes Kepler am 27. Dezember 1571 – am Tag des heiligen Johannes, der ihm den Namen gab – in Weil der Stadt zur Welt kam, war Kopernikus bereits 28 Jahre tot. Die lutherische Familie, in die Johannes hineingeboren wurde, gehörte zu den Neureichen der kleinen freien Reichsstadt[2], die an die 1000 Einwohner zählte und vorwiegend von Katholiken bewohnt wurde. Das Weil der Stadt umgebende Herzogtum Württemberg wurde seit 1534 protestantisch regiert. Da Weil der Stadt damals weder einen protestantischen Pfarrer noch eine evangelische Kirche besaß, steht zu vermuten, dass Johannes Kepler in der örtlichen katholischen Kirche getauft wurde. Dafür sprechen die zahlreichen Äußerungen Keplers, er sei Mitglied der katholischen – im Sinne von allgemeinen – Kirche.
Kepler berichtet, er sei als Siebenmonatskind zur Welt gekommen.[3] Mutmaßungen, die diese Auskunft in Zweifel ziehen und von einer durch Schwangerschaft erzwungenen, nicht standesgemäßen Ehe sprechen, mögen plausibel klingen, lassen sich aber heute kaum erhärten.[4] Der schwere Stand, den Keplers Mutter im Haus ihrer Schwiegereltern hatte, und der unglückliche Verlauf ihrer Ehe mögen jedoch für diese Vermutung sprechen.
Keplers Eltern hatten am 15. Mai 1571 in Weil der Stadt geheiratet. Der Vater, Heinrich Kepler (geb. 19.1.1547), war das vierte, aber älteste überlebende Kind des Bürgermeisters von Weil der Stadt, Schankwirts und Handelstreibenden Sebald Kepler[5] und seiner Frau Katharina. Die Mutter, Katharina Guldenmann (geb. 8.11.1547), war die Tochter des Gastwirts und Bürgermeisters von Eltingen, Melchior Guldenmann, und seiner Frau Margarethe. Katharina Guldenmann war nach dem frühen Tod ihrer Mutter bei einer Base in Weil der Stadt aufgewachsen und hatte wohl gelegentlich in der Gastwirtschaft «Zum Engel» ihres späteren Schwiegervaters ausgeholfen.[6]
Heinrich Kepler hatte im väterlichen Geschäft mitgearbeitet und war dabei in einen handgreiflichen Streit um einen Stoffkauf verwickelt worden, der vor dem Rat geschlichtet werden musste.[7] Nach seiner Eheschließung begann er ein eigenes Handelsgeschäft.[8] Die Jungvermählten wurden mit einer beträchtlichen Mitgift[9] ausgestattet und zogen in das Haus der Familie Kepler, das an einer Ecke des Weil der Städter Marktplatzes lag und liegt. Das damalige Haus fiel Ende des Dreißigjährigen Krieges einem Brand zum Opfer; man vermutet, dass es auf den alten Fundamenten in wenig veränderter Form wieder aufgebaut wurde.
Die häuslichen Verhältnisse werden als außerordentlich spannungsgeladen geschildert. Insbesondere scheint es zwischen Katharina, der Mutter Heinrichs, und ihrer Schwiegertochter – ebenfalls Katharina – zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen zu sein. Auch das Verhältnis der beiden jungen Eheleute war wohl nicht das beste. Mit seltener, astrologisch begründeter Distanz charakterisiert Kepler im Alter von 25 Jahren seine Verwandten: Seinen Großvater Sebald schildert er als jähzornig, starrköpfig, seine Miene verriet Sinnlichkeit. Das Gesicht war rot und ziemlich fleischig; der Bart verlieh ihm ein gewichtiges Aussehen, seine Großmutter Katharina als sehr unruhig, gescheit, lügnerisch, aber eifrig in religiösen Dingen, schlank, von hitziger Natur, lebhaft, ewige Verursacherin von Verwirrungen, neidisch, gehässig, heftig, nachtragend. Von seinem Vater berichtet er, daß er Saturn im Gedrittschein zum Mars habe, der aus ihm einen lasterhaften, schroffen und händelsüchtigen Menschen gemacht habe, und von seiner Mutter, sie sei klein, mager, dunkelfarbig, schwatzhaft, streitsüchtig und von unguter Art gewesen.[10]
Möglicherweise um der häuslichen Misere zu entfliehen ließ sich Heinrich Kepler von Herzog Albas Werbern zum Feldzug der spanischen Habsburger gegen die aufständischen Niederlande verpflichten. Der Kriegsdienst hatte in der Familie Kepler, wenn man der Familienfama glauben darf, Tradition: Bereits im 15. Jahrhundert hatten zwei Vorfahren der Keplers, Friedrich und Konrad Kepler, in Kriegsdiensten gestanden und waren anlässlich der Krönung Kaiser Sigismunds 1433 in Rom geadelt worden. Durch Dürftigkeit seien seine Vorfahren jedoch, wie Kepler sagt, zu Kaufleuten und Handwerkern herabgesunken und verzichteten daraufhin auf das Führen des Adelstitels.[11] Auch von Keplers Urgroßvater Sebald, der 1522 von Nürnberg nach Weil der Stadt übersiedelte, und von dessen Söhnen heißt es, sie hätten kaiserlichen Kriegsdienst geleistet.[12] Sichtbares Zeichen des ehemaligen Adelsstandes war ein Wappen, das einen blonden Engel im Schilde führte. Dieses Wappen wurde in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Im Februar 1563 baten die Brüder Sebald, Adam, Daniel und Melchior Kepler Kaiser Maximilian II. um die Bestätigung ihres Wappens, was ihnen im Juli 1564 gewährt wurde.[13]
Heinrich Kepler zog also – sehr wahrscheinlich 1573 – in die Spanischen Niederlande, um auf katholischer Seite gegen die calvinistischen Aufständischen zu kämpfen. Der Hass zwischen Lutheranern und Calvinisten mochte der Grund dafür gewesen sein, dass der protestantische Herzog von Württemberg Herzog Alba erlaubt hatte, in seinem Land Söldner zu werben. Heinrich Kepler blieb auch nach der Abberufung Herzog Albas (1573) als Söldner in spanischen Diensten.
Katharina Kepler brachte am 12. Juni 1573 ein zweites Kind – Heinrich – zur Welt. Ob zu diesem Zeitpunkt der Vater Heinrich Kepler noch in Weil der Stadt war, ist ungewiss. Nachdem ihr Mann in den Krieg gezogen war, erkrankte Katharina Kepler an der Pest, die sie jedoch überwand. (Es ist unklar, ob die Erkrankung in die Zeit der Schwangerschaft oder in die Zeit nach der Niederkunft fällt. Heinrich litt jedenfalls zeitlebens an Epilepsie.)
Ihr zweites Kind war noch sehr klein, als sich Katharina 1575 ihrerseits auf den Weg in die Spanischen Niederlande machte, um dort ihren Mann zu suchen und ihn womöglich zur Heimkehr zu bewegen.[14] Ihre beiden Kinder ließ sie in der Obhut einer Vertrauten[15] und ihrer Schwiegereltern in Weil der Stadt zurück. Kurz nachdem die Mutter abgereist war, erkrankte Johannes schwer an den Blattern (Pocken). Trotz zarter Konstitution überstand er die Krankheit, wenngleich nicht unbeschadet. Zurück blieb eine Schädigung der Augen (Vernarbungen führten zu Mehrfachsehen auf einem Auge und zu Kurzsichtigkeit[16]) und der Hände, die wahrscheinlich gelitten hatten, als man dem Kind die Hände band, um es am Aufkratzen der Pocken zu hindern.[17]
Als die Eltern im Spätsommer 1575 nach Weil der Stadt zurückkehrten, war Johannes noch nicht ganz genesen. Heinrich Kepler kaufte kurz darauf im württembergischen Leonberg ein Haus direkt am Marktplatz[18] und übersiedelte mit Frau und Kindern dorthin. Die nächsten vier Jahre wohnte die Familie dort, wenngleich zeitweise ohne Heinrich Kepler, der bereits im darauffolgenden Jahr wieder in die Niederlande zum Kriegsdienst zog.
1577 kam Johannes Kepler nach eigenen Angaben zunächst in den deutschen Lese- und Schreibunterricht[19] und besuchte daraufhin die Leonberger Lateinschule. In Württemberg sollte es nach einer Anordnung Herzog Christophs aus dem Jahre 1559 in jeder Stadt eine mindestens durch drei, insgesamt aber durch fünf Klassen führende Lateinschule geben. Es handelte sich bei dieser – im Rahmen der «Großen Kirchenordnung» verfügten – Regelung um die erste staatlich veranlasste Schulordnung, die sowohl die Anforderungen an die Lehrerbildung als auch den Lehrplan selbst vorschrieb.[20] Herzog Christoph war es auch gewesen, der die Klosterschulausbildung als Vorstufe für das Theologiestudium an dem von seinem Vater Herzog Ulrich 1536 gegründeten Tübinger Stift ins Leben rief. Die Aufnahme in eine dieser Klosterschulen setzte hervorragende Leistungen in den ersten Lateinschulklassen voraus und war geknüpft an das Bestehen des sogenannten Landexamens, das alljährlich in der Woche nach Pfingsten zentral in Stuttgart abgehalten wurde.[21]
Die Ausbildung an den Klosterschulen, die in niedere und höhere Klosterschulen eingeteilt waren, wurde durch ein herzogliches Stipendium finanziert. Diejenigen Schüler, die diesen Ausbildungsweg einschlugen, wie später auch Johannes Kepler, verpflichteten sich, nach abgeschlossenem Theologiestudium in den Dienst der Kirche zu treten. Zweck dieser damals einmaligen Einrichtung war es, dem akuten Mangel an evangelischen Pfarrern, der in den Jahren kurz nach der Reformation herrschte, abzuhelfen.
Doch zurück zu Keplers Schullaufbahn: Der deutsche Lese- und Schreibunterricht wurde in den Räumen der Lateinschule erteilt, entweder vom Kollaborator (Schulgeselle)[22] oder, was in Leonberg vor 1559 üblich war, vom Mesner.[23] Die Lateinschule war in einem ehemaligen Nonnenkloster untergebracht, das nach Reformation und Säkularisierung in den Besitz der Stadt übergegangen war. Wie lange Johannes Kepler den deutschen Unterricht besucht hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Man kann aber wohl annehmen, dass er 1578 an die Lateinschule überwechselte, die in der Regel den begüterten und/oder besonders talentierten Schülern vorbehalten blieb.
Aus dem Jahr 1577 berichtet Kepler, seine Mutter habe ihn nachts auf einen Berg geführt, damit er sich den Kometen, der damals alle Gemüter bewegte, ansehe.[24] In das Jahr 1577 fiel auch die Geburt (20.5.1577) seines Bruders Sebald, der jedoch früh verstarb. Auch der nächstgeborene Bruder Johann Friedrich (21.6.1579) lebte nur kurz.
Die Leonberger Lateinschule führte durch drei Klassen; die insgesamt an die 40 Schüler[25] wurden von zwei Lehrern unterrichtet: einem Kollaborator, der für den Elementarunterricht zuständig war, und einem Präzeptor (Schulmeister; zu Keplers Zeit Vitalis Kreidenweis), der die fortgeschrittenen Schüler unterrichtete. In der ersten Klasse lernten die Schüler lateinisch zu lesen und zu schreiben. Auf eine korrekte lateinische Aussprache wurde besonderer Wert gelegt.[26] Wiederholen und Auswendiglernen waren die bevorzugten Unterrichtsmethoden. Neben dem lateinischen Lese- und Schreibunterricht erhielten die Schüler Unterweisungen im Katechismus und in der Heiligen Schrift. In der zweiten Klasse standen Grammatik, Stilübungen («Proverbia Salomonis»), lateinische Schreib-, Lese- und Sprechübungen, Musik und Katechismus auf dem Lehrplan. In der dritten Klasse wurden dieselben Fächer angeboten, allerdings auf einem anspruchsvolleren Niveau. Äsops «Fabeln», Ciceros Briefe und Terenz wurden behandelt.
Da Kinder zur damaligen Zeit häufig zu allerhand Arbeiten im Haus und auf dem Feld hinzugezogen wurden, muss man davon ausgehen, dass viele Schüler nicht regelmäßig am Unterricht teilnehmen konnten. Zwar gab es Unterstützung für bedürftige Kinder in Form von Schulspeisung und Nachlass des Schulgeldes, doch waren die Pfarrer darüber hinaus gehalten (laut Kirchenordnung von 1559), den Eltern zweimal jährlich ins Gewissen zu reden, dass sie ihre Kinder auch regelmäßig zur Schule schickten.[27]
Dass Keplers Schulbesuch immer wieder unterbrochen wurde, weiß man von ihm selbst. Allerdings ist es nicht möglich, alle Unterbrechungen zu datieren. Eine Zäsur ergab sich auf alle Fälle durch die Übersiedlung der Familie nach Ellmendingen bei Pforzheim. Keplers Vater war 1576 erneut in die Spanischen Niederlande in den Krieg gezogen und dort 1577 nur mit knapper Not dem Galgen entkommen. Zurückgekehrt habe der Vater (der am 26.9.1577 das Leonberger Bürgerrecht erwarb) das Haus verkauft (der Verkauf ist aber erst für den 14.9.1579 verbürgt)[28] und eine Gastwirtschaft aufgemacht. Nachdem ihm im folgenden Jahr ein explodierendes Pulverhorn das Gesicht verletzt hatte, übernahm Heinrich Kepler 1579 das Gasthaus «Zur Sonne» in Ellmendingen.[29]
Spätestens zur Zeit der Übersiedlung nach Ellmendingen und in den Jahren 1580–82 dürfte Keplers Schulbesuch eher sporadisch gewesen sein. Er musste seinen Eltern zur Hand gehen, schwere und, wie er es nennt, ‹schmutzige› Feldarbeit verrichten, die ihm durch und durch zuwider war. Die Lateinschule in Leonberg konnte er wohl nur noch im Winter besuchen. Kepler berichtet, er habe erst im Winter 1582 die zweite Klasse und im Winter 1583 die dritte Klasse vollenden können.[30] Tatkräftig unterstützt wurde er dabei durch seine Lehrer, die ihn seiner Begabung wegen lobten, obwohl er – wie er sagt – die schlechtesten Sitten unter seinesgleichen gehabt habe.[31]
In seiner Nativität (Horoskopausdeutung) von 1587 berichtet Kepler, er sei als Kind gänzlich dem Spiel ergeben gewesen und habe auch später die Neigung gehabt, seine Zeit zu vertun, wenngleich es ihn danach bitter gereut habe. Rückhaltlos gibt er Auskunft über seine Vorlieben und Abneigungen, seine Stärken und Schwächen. Er charakterisiert sich als Person, die schwierige Aufgaben reizen, Aufgaben, vor denen andere meist zurückschreckten. Fleißig sei er eigentlich nur aus Wissbegierde, dem Vergnügen, schwierige Aufgaben schließlich doch zu bewältigen, und dem Wunsch nach Lob und Anerkennung gewesen. Hinzu sei seine Abneigung gegenüber körperlicher Arbeit gekommen, die ihn bewogen habe, sich in der Schule besonders anzustrengen. Fromm sei er gewesen bis zum Aberglauben und habe sich selbst, wenn er sich eines Vergehens für schuldig befunden habe, Bußen auferlegt (Aufsagen bestimmter Predigten). Große Verzweiflung habe ihm der Gedanke bereitet, er könne wegen seiner Verfehlungen nicht zum Propheten taugen. Doch zugleich habe in ihm so viel Spottlust und Widerspruchsgeist gesteckt, dass es ihn trieb, andere zu reizen und unorthodoxe Meinungen zu vertreten.[32]
Ob es seine Begabung, seine physische Schwäche, seine Abneigung gegen schwere körperliche Arbeit, die Aussicht auf ein Stipendium oder alles zusammen war, das seine Eltern bewog, ihn weiter die Schule besuchen zu lassen, muss letztlich dahingestellt bleiben. 1583 gab Heinrich Kepler die Bewirtschaftung der Ellmendinger «Sonne» auf und kehrte mit seiner Familie nach Leonberg zurück. Er hatte, wie Johannes Kepler berichtet, sein ganzes Vermögen verloren.[33] Bevor wir der weiteren Schullaufbahn Keplers folgen, sei ein Ereignis aus der Ellmendinger Zeit nachgetragen, das freilich erst aus der Rückschau seine besondere Bedeutung erhält. Sein Vater nahm Johannes eines Nachts mit hinaus, um ihm eine Mondfinsternis zu zeigen.[34]
Am 17. Mai 1583 bestand Johannes Kepler das Landexamen in Stuttgart[35], das ihm die geistliche Laufbahn eröffnete. Doch erst am 16. Oktober 1584 wurde er in die Klosterschule Adelberg aufgenommen.[36] Diese zeitliche Verzögerung mochte mit dem Andrang zusammenhängen, der unterdessen beim Stuttgarter Landexamen herrschte. Manche Schüler, die das Landexamen bestanden hatten, mussten lange auf eine freie Schulstelle warten (manche gar das Landexamen wiederholen), da die Klosterschulen pro Jahr nur 25 Schüler aufzunehmen pflegten.[37] Wenn man bedenkt, dass es damals sechs «niedere» Klosterschulen gab – Adelberg, Alpirsbach, Blaubeuren, St. Georgen, Königsbronn und Murrhardt[38] –, an denen bisweilen nur ein Lehrer tätig war, kommen auf einen Jahrgang pro Schule vier bis fünf Schüler.
Keplers Eltern waren nach Leonberg zurückgekehrt, seine Schwester Margarete dort geboren und am 26. Mai 1584 getauft worden, als sich Johannes im Herbst nach Adelberg aufmachte. Das ehemalige Prämonstratenserkloster liegt im Filstal in der Nähe des Hohenstaufen. Das Leben in der Klosterschule trug noch nahezu alle Kennzeichen mönchischer Zucht. Der Tag begann sommers um vier, winters um fünf Uhr mit Psalmensingen. Die Schüler lebten in strenger Klausur. Es war ihnen verboten, mit dem Dienstpersonal zu verkehren und den Klosterbezirk auf eigene Faust zu verlassen. Nur gelegentlich wurde ihnen zur Erholung ein Spaziergang unter Aufsicht eines Schulmeisters gestattet. Die Schüler waren gehalten, die ihnen ausgehändigte mönchisch einfache Kleidung zu tragen. In der Öffentlichkeit und zum Essen mussten sie in schwarzer Kutte erscheinen. Es wurde von den Zöglingen erwartet, dass sie untereinander ausschließlich lateinisch sprachen; der Unterricht wurde von den beiden in Adelberg tätigen Präzeptoren[39] selbstredend lateinisch erteilt.
Die Stipendiaten wohnten in den Mönchszellen, die sie auch selbst zu reinigen hatten, unter ständiger Aufsicht eines in unmittelbarer Nähe untergebrachten Präzeptors. Sie waren verpflichtet, Fehltritte ihrer Mitschüler – etwa Fluchen, Lügen oder Verstöße gegen die Hausordnung – anzuzeigen, wollten sie sich nicht mitschuldig machen. Es herrschte mithin ein Klima ständiger Bespitzelung und Überwachung. Wirkte dieses Gebot schon entzweiend, tat ein Übriges die sogenannte Lokation, die Rangordnung der Schüler nach Leistungen, die geradezu darauf zielte, Wettstreit und Neid unter den Schülern zu schüren. Da – wie schon angedeutet – die Gesamtschülerzahl an einer niederen Klosterschule, die durch zwei Klassen führte, mit etwa zehn Schülern sehr überschaubar war, ließen sich Misshelligkeiten und Differenzen kaum verbergen. Und hatte man es sich erst einmal mit jemandem verdorben, war die Möglichkeit, demjenigen auszuweichen und andere Freundschaften zu schließen, ziemlich begrenzt.
In seinem zweiten Adelberger Jahr sah sich Johannes Kepler aus Angst dazu gedrängt, Verfehlungen zweier seiner Mitschüler (Georg Molitor und Johannes Wieland) anzuzeigen.[40] Mit diesem Schritt zog er sich offenbar nicht nur den Hass der beiden Betroffenen zu, sondern er lieferte damit auch einigen anderen Schülern, die aus unterschiedlichsten Gründen etwas gegen ihn hatten – Kepler nennt in diesem Zusammenhang Eifersucht, Neid auf seine Begabung und Konkurrenz –, einen Vorwand, ihn zu ächten. Daran änderte auch seine Bitte um Vergebung nichts. Die Feindschaften, die damals entstanden (oder die – wie im Falle von Johann Ulrich Holp, dem Sohn des Leonberger Stadtpfarrers – bereits von Leonberg herstammten), sollten ihn bis nach Maulbronn und zum Teil bis nach Tübingen begleiten. Kepler schreibt, er habe Hartes erduldet und sei von Kummer fast aufgezehrt worden. An Händen und Beinen bilden sich Geschwüre, eine Erkrankung, die ihn immer wieder heimsuchen wird, ebenso wie Kopfschmerzen und Fieberanfälle.[41] Die Einsamkeit, in die ein solches Schulsystem den Einzelnen zu treiben vermochte, lässt sich jedoch nur erahnen.
Bereits in Leonberg hatte er begonnen, sich mit theologischen Fragen zu beschäftigen. In seinen Bemerkungen zu einem Brief Matthias Hafenreffers[42] schreibt Kepler: Im Jahr 1583 fing ich an soweit einsichtig zu sein, daß, als ich in Leonberg in Württemberg eine Predigt aus dem Römerbrief von einem jungen Diakon hörte, der überaus weitläufig die Calvinisten widerlegte, mich tiefer Kummer über die Kirchenspaltung quälte. Immer wieder geschah es mir, daß mich ein Prediger, der sich über den Sinn der Schriftworte mit seinen Gegnern auseinandersetzte, nicht befriedigte, und wenn ich sie im Text selbst gelesen hatte, mir die Auslegung der Gegner, wie ich sie aus der Wiedergabe des Predigers erfahren hatte, eine gewisse Überzeugungskraft zu haben schien. Im Jahr 1584 wurde ich vom Herzog von Württemberg unter die Zöglinge von Adelberg angenommen und empfing von da an die Heilige Eucharistie. Es kamen zu uns von Tübingen auf je zwei Jahre Praeceptoren, selbst auch junge Leute, und sie versahen zugleich das Predigeramt: Überaus weitläufig widerlegten sie das Zwinglianische Dogma vom Heiligen Abendmahl. Sie brachten mich in große Unruhe, und nicht selten hatten ihre dringenden Ermahnungen (nämlich wir sollten die Verzerrungen der Calvinisten gut im Auge haben und uns davor in Acht nehmen) die Folge, daß ich, in die Einsamkeit zurückgezogen, selbst mit mir nach einer Entscheidung zu suchen begann, was nun eigentlich umstritten sei? Welcher Weise die Teilnahme am Leib Christi sei? Und wie ich meine Verstandeskraft anstrengte, brachte ich gerade die als die vernünftigste heraus, die ich später von der Kanzel als die calvinistische abweisen hörte. Da also sah ich, daß ich meine Ansicht korrigieren müsse. Und doch blieb die Frage, ob Jesus Christus beim Abendmahl leibhaftig (nach lutherischer Lehre) oder nur im Geiste (nach calvinistischer Lehre) anwesend sei, ein Problem, das ihn sein Leben lang verfolgen sollte. Gerade weil er seine frühe Überzeugung auch später nicht korrigierte, geriet er in Gegensatz zur offiziellen Lehrmeinung, worüber er freilich zunächst Stillschweigen bewahrte.
Ein anderes Thema, mit dem er sich in seiner Adelberger Zeit befasste, war die Prädestinationslehre Luthers. Immer auf der Suche nach eigenen Antworten schreibt der dreizehnjährige Kepler nach Tübingen und bittet darum, ihm eine Abhandlung über die Prädestination zu schicken. Anfangs ein glühender Vertreter des unfreien Willens (ganz im Sinne Luthers), bekehrt er sich später zur gegenteiligen Auffassung. Die Ernsthaftigkeit, mit der er sich mit Glaubensfragen auseinandersetzte, bot seinen Mitschülern freilich Grund zum Spott.
Die Unabhängigkeit von Keplers Denken zeigt sich in seiner grundsätzlichen Bereitschaft, auch die gegenteilige (und gegebenenfalls geächtete) Lehre zu prüfen und ernst zu nehmen. So bewog ihn der Blick auf die Barmherzigkeit Gottes […] zu der Meinung, daß den Heiden nicht Verdammung schlechthin bestimmt sei,[43] eine Meinung, die in der württembergischen Landeskirche gewiss keine Billigung gefunden hätte.
Auch in der Mathematik versuchte er sich an eigenen Problemlösungen und stellte sich in der Poetik schwierige Aufgaben. In seinen Gedichten mühte er sich anfangs um Akrostichen, Griphen, Anagrammatismen, dann aber, als er diese mit reifendem Urteil ihrer wahren Bedeutung nach geringschätzen konnte, versuchte er sich in verschiedenen, sehr schwierigen Arten der Lyrik, schrieb ein Pindarisches Melos, schrieb Dithyramben, interessierte sich für ausgefallene Stoffe, wie die Unbewegtheit der Sonne, die Entstehung der Flüsse, den Blick vom Atlas auf die Nebel. Er hatte seine Freude an Rätseln, suchte den beißendsten Witz, mit Allegorien spielte er so, daß er ihnen bis in die kleinsten Einzelheiten nachging und sie an den Haaren herzog.[44]
Dieser Art waren die Fluchtpunkte, die ihm Schulen wie Adelberg und Maulbronn boten. Doch zum Unterricht selbst: Als neue Fächer kamen an der niederen Klosterschule hinzu Griechisch, Rhetorik und Dialektik. Damit war der «triviale» (dreiwegige) Unterrichtskanon komplett (das Trivium umfasst Grammatik, Dialektik, Rhetorik; das Quadrivium Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik). Latein, Musik und Theologie wurden weiter unterrichtet. Die lateinische Lektüre der Bücher des Neuen Testaments verband den Religions- mit dem Lateinunterricht.
Nach zwei Jahren Unterricht in Adelberg und bestandener Abschlussprüfung (6.10.1586) wurde Johannes Kepler an die höhere Klosterschule Maulbronn versetzt. Die Schule war im ehemaligen Zisterzienserkloster untergebracht, einem eindrucksvollen Beispiel eines gut durchdachten, großzügig angelegten frühmittelalterlichen Klosterkomplexes, dessen innerster Bezirk, der vom betriebsamen Wirtschaftshof abgeschirmt war, eine abweisende Strenge ausstrahlt.
Kepler traf am 26. November 1586 in Maulbronn ein und wurde als «Novize» in die Schule aufgenommen. Mit ihm kamen einige seiner Adelberger Peiniger, zum Beispiel Molitor. Die höheren Klosterschulen, an denen die Zöglinge in der Regel drei Jahre blieben – zwei Jahre bis zur Baccalaureatsprüfung (die in Tübingen abgenommen wurde) und ein weiteres Jahr als «Veteranen» –, unterschieden sich in ihren Statuten insofern von den niederen Klosterschulen, als diese vorschrieben, dass die Novizen den Veteranen zu Diensten zu sein hätten: ein Freibrief für allerhand Schikanen und Ursache zahlreicher Auseinandersetzungen. Mit anderen Worten, Kepler, diese Mischung aus Sensibilität, Widerspruchsgeist, Spottlust, Frömmigkeit und Begabung, kam vom Regen in die Traufe.
An der Schule, die von dem evangelischen Abt Jakob Schropp geleitet wurde, arbeiteten zwei Präzeptoren: Jakob Rau (erster Präzeptor und Bibelexeget bis 1588) und Johann Spangenberger (ab 1588 erster Präzeptor). Georg Schweizer kam nach Raus Übernahme eines Pfarramts 1588 als zweiter Präzeptor frisch von der Universität hinzu. Wie berichtet wird, machte sich Kepler Spangenberger dadurch zum Feind, dass er ihn einmal vorlaut verbesserte[45], das heißt, auch vonseiten der Lehrerschaft musste er mit Missgunst rechnen.
Im März 1587 kam es zwischen Kepler und Franz Rebstock zu einer Schlägerei, weil sich Rebstock abschätzig über Keplers Vater geäußert hatte. Der relativ kleine und zierliche Kepler zog dabei den Kürzeren. Wenig später – am 4. April 1587 – erkrankte Kepler so schwer an hohem Fieber, dass er in Lebensgefahr schwebte. Doch schließlich erholte er sich.[46]
Auch in Maulbronn arbeitete Kepler an selbstgestellten Aufgaben, soweit dies der dichtgedrängte Stundenplan zuließ. Der Schulalltag, der auch hier in aller Frühe begann, war ausgefüllt durch die Lektüre von Ciceros Reden und Vergils Versen, durch griechische Grammatik und Syntax und durch die griechische Lektüre der Reden des Demosthenes. Neben dem Rhetorikunterricht gab es jeden Sonntagnachmittag Disputationsübungen zu Thesen, die den unterschiedlichsten Fachgebieten entnommen waren. Neu hinzu kam der Unterricht in Arithmetik und Astronomie. Musik und Religionsunterricht wurden fortgesetzt, Letzterer mit der Lektüre des Alten Testaments und der Briefe des Neuen Testaments. Nach zwei Jahren Unterricht legte Kepler am 25. September 1588 in Tübingen die Baccalaureatsprüfung ab und kehrte dann als Veteran für ein letztes Jahr nach Maulbronn zurück.
Unterdessen war am 5. März 1587 Keplers Bruder Christoph in Leonberg zur Welt gekommen, gefolgt von Bernhard (geboren am 13.7.1589), der jedoch bald starb. Von den häuslichen Problemen seiner Familie war Kepler dank räumlicher Distanz jedoch nur noch mittelbar betroffen. Durch Briefe erfuhr er, dass sein Bruder Heinrich eine Lehrstelle nach der andern aufgab und sich schließlich 1589 nach Österreich absetzte. Auch sein Vater suchte 1589 – und jetzt für immer – das Weite.
Vorausgegangen war ein lautstarker Streit, in dessen Verlauf Katharina Kepler ihren Mann wohl vor die Tür gesetzt hat, was ihr noch 26 Jahre später, als sie der Hexerei angeklagt war, vorgehalten wurde. Michael Hansch, Keplers erster Biograph, berichtet, Heinrich Kepler habe als Hauptmann im Seekrieg der Neapolitaner gegen Anton von Portugal gekämpft und sei auf dem Rückweg in der Nähe von Augsburg gestorben.[47]
Nachdem Johannes Kepler sein Veteranenjahr beendet hatte, bezog er am 17. September 1589 das Tübinger Stift. Von dort aus sollte er zwei Jahre lang die sogenannte Artistenfakultät der Universität besuchen (mit Unterricht in Ethik, Dialektik, Rhetorik, Griechisch, Hebräisch, Astronomie, Physik und Mathematik), bevor er nach bestandener Magisterprüfung das eigentliche, dreijährige Theologiestudium aufnehmen konnte.
Das Tübinger Stift war und ist in einem ehemaligen Augustinerkloster untergebracht, das zu Füßen des Schlossbergs zum Neckar hin liegt. Auch hier herrschte – wie an den Klosterschulen – ein nachgerade klösterliches Reglement. Vom frühzeitigen Aufstehen über das gemeinsame Gebet und die sich anschließende Bibelexegese am Morgen, dem Vorlesungsbesuch am Vormittag, der Lesung der Heiligen Schrift zum Mittagessen, der Gelegenheit zum Ausgang nach dem Essen, dem Vorlesungsbesuch am Nachmittag und dem gemeinsamen Abendessen mit Lektüre historischer Schriften bis zum Torschluss um 21 Uhr war alles minutiös festgelegt. Dem Gewinn an Bewegungsspielraum, den der Universitätsbesuch mit sich brachte, stand die strenge Kontrolle des Vorlesungsbesuchs und der Anwesenheit im Stift gegenüber. Die Stipendiaten hatten auch in Tübingen Kutten zu tragen, die sie überall als Stiftler kenntlich machten und sie selbst daran erinnerten, dass sie von Almosen lebten. Sie erhielten – neben Unterricht und freier Kost und Logis – ein (sehr) geringes Entgelt für Bücher und Kleidung, das freilich in der Regel entweder von Verwandten oder durch ein weiteres Stipendium aufgebessert werden musste. Kepler bezog – neben dem Ertrag einer Wiese, den ihm sein Großvater Melchior Guldenmann zukommen ließ[48] – ab seinem zweiten Tübinger Jahr das Ruoff’sche Stipendium, das sein Geburtsort Weil der Stadt vergab.[49]
Die Stipendiaten, die die Artistenfakultät besuchten, wurden unterrichtet, betreut, bewacht und vierteljährlich benotet von den sogenannten Repetenten, den besten Schülern des ältesten Stiftsjahrgangs. Eine weitere Kontrollinstanz waren die Famuli, die – aus mittellosen Familien stammend – am Stift niedere Dienste gegen Unterricht bei den Magisterstudenten eintauschten; sie waren verpflichtet, Stipendiaten, die gegen die Stiftsordnung verstießen, bei der Stiftsleitung anzuzeigen.
Vormittags und nachmittags verließen die Stipendiaten das Stift, um an der nahegelegenen Universität die Vorlesungen zu besuchen. Kepler hörte bei dem renommierten Gräzisten Dr. Martin Crusius Griechische Philologie, bei Georg Weigenmaier Hebräische Philologie, bei Erhard Cellius Poesie, Rhetorik und Geschichte (dieser Professor galt als besonders langweilig), bei Dr. Michael Ziegler griechische Klassiker und Naturrecht und bei dem bekannten Astronomen und Mathematiker Michael Mästlin Mathematik und Astronomie.
Mästlin hatte 1588 – ein Jahr vor Keplers Studienbeginn – in Tübingen einen Abriss der Astronomie veröffentlicht, der einen Eindruck des von ihm weitergegebenen Wissens vermitteln dürfte. Als Lehrbuch konzipiert, gibt er einen Überblick nicht nur über Ptolemaios’ Planetentheorie, sondern macht den Leser auch mit den Theorien Georg von Peuerbachs, Johann Regiomontanus’ und Nikolaus Kopernikus’ bekannt. Zwar ist Mästlin in seinem Buch streng darauf bedacht, Kopernikus’ Theorie kritisch zu präsentieren, doch dürfte er im mündlichen Umgang seine Sympathie für das heliozentrische Planetenmodell deutlicher zum Ausdruck gebracht haben.
Das Studium an der Artistenfakultät erschloss Kepler einige ihm vorher noch wenig bekannte Gebiete. Besonders wichtig wurde für ihn – neben der Beschäftigung mit Mathematik und Astronomie – das Studium philosophischer Texte. Neuplatonische und die mit zahlenmystischen Spekulationen verbundenen Theorien der Pythagoräer zogen ihn besonders an. Vor allen Dingen gewannen der Platon-Kommentar des Proklos, über den er die pythagoräische Harmonielehre kennenlernte, und sein Euklid-Kommentar große Bedeutung für ihn. Offenbar hat er sich auch schon früh mit den Texten des Nikolaus Cusanus vertraut gemacht. Julius Caesar Scaligers «Exercitationes exotericae» – ein damals in Studentenkreisen viel gelesenes Buch – beeindruckten ihn tief. Von Aristoteles las er die «Analytica posteriora» und die «Physik», während er die «Ethik» links liegen ließ.[50]
Auch in Tübingen setzte er seine poetischen Übertragungen neuer Sujets in bewährte Gedichtformen fort und stellte sich selber schwierige Aufgaben wie zum Beispiel die Schilderung der «Himmelsmechanik» vom Mond aus gesehen. Dieser Versuch sollte in den postum veröffentlichten Mondtraum eingehen, seinen einzigen literarischen Prosatext, der die spätere Science-Fiction-Literatur vorwegnimmt. Außerdem galt Kepler unter seinen Kommilitonen als gewiefter Astrologe, der immer wieder gebeten wurde, anderen das Horoskop zu stellen. (Astrologie wurde damals noch zusammen mit Astronomie an der Universität gelehrt.)
Durch das strenge Eingebundensein in das Stiftsreglement unterschied sich das Leben der dort lebenden Stipendiaten grundlegend von dem ihrer begüterten, frei lebenden Kommilitonen. Diese genossen häufig einen denkbar schlechten Ruf als Gecken, Müßiggänger, Säufer und Raufbolde.[51] An Zerstreuung bot sich den Stiftlern wenig, ausgenommen die alljährliche Einstudierung und Aufführung eines Theaterstücks auf dem Tübinger Marktplatz. Da bis ins späte 19. Jahrhundert nur Männer zum Studium zugelassen waren, mussten die zierlicheren unter ihnen die Frauenrollen übernehmen. Auf diese Art und Weise kam Johannes Kepler zur Rolle der Mariamne in einer lateinischen Tragödie, die die Enthauptung Johannes des Täufers zum Gegenstand hatte.[52] Am 17. Februar 1591 fand die Aufführung auf dem Tübinger Marktplatz in Anwesenheit zahlreicher Honoratioren, Bürger und Studenten statt.[53]
Waren es die noch winterliche Witterung, das Lampenfieber, die ungewohnte Rolle, die dramatischen Ereignisse oder alles zusammen, die Kepler in solche körperliche und geistige Aufregung[54] versetzten, dass er kurz darauf an hohem Fieber erkrankte? Offenbar war die Aufführung für ihn ein aufwühlendes Erlebnis.
Im folgenden Sommer – am 11. August 1591 – bestand Kepler die Magisterprüfung als zweitbester von 15 Kandidaten.[55] Auf seine Bitte hin stellte ihm die Universität ein glänzendes Zeugnis aus, das den Magistrat von Weil der Stadt zur Verlängerung des Ruoff’schen Stipendiums bewegen sollte und dies auch tat: «[…] dieweil obgemelter Kepler (so erst newlich in Magistrum promouiert worden) dermassen eines fürtrefflichen unnd herrlichen ingenij, das seinethalben etwas sonderlichs zuhoffen.»[56]
Das nun beginnende Theologiestudium bedeutete für Kepler, dass all seine alten Zweifel hinsichtlich der Abendmahlslehre wieder aufbrachen: Nachdem ich im Jahr 1591 den Magistergrad erlangt hatte, ging ich nunmehr an das Studium der Theologie. Als ich die Kommentare zu den Büchern des Neuen Testaments von Hunnius
