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Die Geschichte des alternden Künstlers Thor von Annen, der sich einleitend in den 60er und 70er Jahren als Bonvivant der Künstlerszene im Göttinger Zonenrandgebiet gibt. Stück für Stück werden Rückblicke auf seine Vita gegeben, Gewaltfantasien eingestreut, die mehr und mehr Zweifel erlauben. Schließlich die Implosion seiner späten Ehe mit der Bildhauerin Magdalena von Annen, die mit ihrem tragischen Todesfall endet. Die Fragezeichen der Vita des Thor von Annen werden in seinen Lebenserinnerungen aufgeklärt. Als Arthur Sennemann alias Roger Luc schildert Thor von Annen zunächst seine frühen Jahre als Künstler bevor er als Nazi par excellance in Frankreich zum Kriegsverbrecher eine unheilvolle Entwicklung nimmt. Abschließend die Aufklärung der Geschichte dreier Vietnamesinnen, die die gesamte Handlung hindurch als Schatten mit dem Leben Thor von Annens verwoben sind und die letztlich sein Schicksal besiegeln.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2020
Zu diesem Buch:
Die Geschichte des alternden Künstlers Thor von Annen, der sich einleitend in den 60er und 70er Jahren als Bonvivant der Künstlerszene im Göttinger Zonenrandgebiet gibt. Stück für Stück werden Rückblicke auf seine Vita gegeben, Gewaltfantasien eingestreut, die mehr und mehr Zweifel erlauben. Schließlich die Implosion seiner späten Ehe mit der Bildhauerin Magdalena von Annen, die mit ihrem tragischen Todesfall endet.
Die Fragezeichen der Vita des Thor von Annen werden in seinen Lebenserinnerungen aufgeklärt. Als Arthur Sennemann alias Roger Luc schildert Thor von Annen zunächst seine frühen Jahre als Künstler bevor er als Nazi par excellance in Frankreich zum Kriegsverbrecher eine unheilvolle Entwicklung nimmt. Abschließend die Aufklärung der Geschichte dreier Vietnamesinnen, die die gesamte Handlung hindurch als Schatten mit dem Leben Thor von Annens verwoben sind und die letztlich sein Schicksal besiegeln.
Karsten Sennemann, geb. 1965 in Hannover, bürgerlicher Lebenslauf, wurde über eine Erbschaft in die Welt der Kunst mit ihren Abgründen verbracht. Die Fantasie nahm dann ihren Lauf.
Kapitel 1
August 1979. Zaun
August 1979. Der Empfang: Ouverture
März 1969. Romeo und Julia
Der Empfang: Imbiss
Mai 1979. Das Projekt
Der Empfang: Zenith
Lars und Ulla
Der Empfang: Das Finale
Lars und Ulla: Die Rückfahrt
Zurück im Frühjahr 1969. Magdalena und Thor
Magdalena und Thor: Die Vernissage
Magdalena und Thor: Die Gewöhnungsphase
Beginn der 70er. Magdalena und Thor: Der Alltag
Früher
Magdalena und Thor: Und die Jahre ziehen ins Land
Die Kooperative
Magdalena und Thor: Der Anfang vom Ende
August 1979. Der Empfang: Das Ende
Oktober 1979. Magdalena und Thor: Sardinien
Kapitel 2
Lebensbeichte eines Existenzialisten
Kapitel 3
Nachspiel
Da stehen sie wieder am Zaun.
Minister Bruhns gesellte sich neben Thor und bat um etwas Aufmerksamkeit. „Lassen Sie mich einige Worte an unseren geschätzten Künstler Thor von Annen richten, der in den vergangenen zehn Jahren - ja es sind nun schon 10 Jahre - gemeinsam mit seiner wundervollen Gattin Magdalena hier eine Oase der Ästhetik und einen Treffpunkt unserer künstlerischen Avantgarde geschaffen hat. Thor, Sie blicken mit Ihren nunmehr 70 Jahren auf ein weltgewandtes Leben voller Reisen zurück. Impressionen aus diesen Zeiten haben Sie stets in wundervoller Weise in unzählige Werke und Ihr ganzes Schaffen eingebracht. Dass Sie, die Sie die ganze Welt bereisten und Ihre Eindrücke in Aquarellen und Zeichnungen von zeitloser Schönheit verewigten, Ihr Domizil in dieser Gemeinde aufgeschlagen haben, zeigt, dass trotz der erzwungenen Teilung unseres schönen Landes“, sein Blick schweifte mit einer Geste in Richtung Grenzzaun, der am Ende des Dorfes auf der anderen Seite des Wendebachs verlief, „künstlerisches Engagement in stilvollem Ambiente verwirklicht werden kann.
Thor von Annen, Sie blicken auf ein Leben zurück, dass uns aufschauen lässt. Als junger Idealist haben Sie früh die Kunstschulen in München, Dresden und Wien besucht. Mit diesem Handwerkszeug ausgestattet, wurden Sie bereits in den späten 20er Jahren unseres Jahrhunderts ein Meisterschüler von Emile Renard in Paris. Der Impressionismus war seither Ihre Leidenschaft. Kokoschka, den Sie in Dresden persönlich kennenlernen durften, war seit jeher Ihr großes Vorbild. Die Vielseitigkeit Ihres Schaffens wurde auch durch Ihr unbestrittenes Talent zum Schauspiel und durch Ihre Musikalität ergänzt, die Sie auf vielen Bühnen in Europa zu einem universellen Künstler reifen ließ, der gerade in unserer Region doch seinesgleichen sucht. Jahre des Schaffens führten Sie nach Freiburg, wo Sie sich der Landschaftsmalerei gewidmet haben. Werke, wie die Ansicht auf Kirchhofen zeugen von dieser Schaffenszeit. Ihr Porträt des Bakteriologen Robert Kirchhoff hängt – nicht ohne Grund – in der Ehrengalerie der schönen Stadt im Breisgau. Ihre Werke sind in Museen der ganzen Welt ausgestellt; erst vor kurzem konnten Sie - nicht zum ersten Male - das Porträt einer Muse nach Japan verkaufen – mit nicht geringem Erlös – denke ich.
Ich möchte mein Glas auf einen Ausnahmekünstler erheben, der sich - auch das gebührt einer Würdigung – gemeinsam mit seiner Frau, der erfolgreichen Bildhauerin Magdalena von Annen, in unserer Gemeinde niedergelassen hat, um hier ein Feuerwerk an Schaffenskraft und Phantasie zu verwirklichen. Dies ist besonders wertvoll, weil Sie als von Allen geschätzter Künstler mit Ihrem Engagement auch die soziale Wirklichkeit in Ihr Wirken einfließen lassen, wie wir an Ihrem jüngsten Werk „Flüchtlinge“ im Foyer bewundern können. Lieber Thor, ich freue mich, heute an diesem wunderschönen Sommertag das Glas zum Wohle Ihres 70ten Geburtstags zu erheben und einen Toast auf Ihre herausragende Persönlichkeit auszusprechen. Möge Ihre Schaffenskraft noch lange erhalten bleiben und Ihr Atelier und Ihre einzigartige Galerie auch weiterhin zu einem wunderbaren Mittelpunkt unseres Ortes werden lassen.
Um diesen Wunsch Nachdruck zu verleihen, kann ich Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen heute ein Stipendium der „Stiftung Hennes Filsinger“ verleihen dürfen, das Ihnen eine 4 wöchige Studienreise nach Italien - der Wiege der Kunst - ermöglicht. Dies ist Ausdruck der Bewunderung Ihres einzigartigen Lebenswerks als Künstler, der sich stets auch die Belange der vom Schicksal nicht so begünstigten Menschen einsetzt und auch ihnen einen künstlerischen Platz in unserer Gesellschaft ermöglicht. Die Reise soll – natürlich in Absprache mit Ihrer attraktiven Gemahlin-“, er neigte seinen Kopf in Richtung von Magdalena, „- die Sie begleiten wird – bereits in einer Woche beginnen und Sie auf die Insel Sardinien führen, wo Sie die Möglichkeit bekommen, Ihre Eindrücke sozusagen auf Leinwand und Papier zu bringen. Wir - als politische Verantwortliche in unserem schönen Bundesland - - und da schließe ich Herrn Grobe als Bürgermeister mit ein – sind uns vollkommen mit dem Preiskomitee der Hennes-Filsinger-Gesellschaft einig, dass die Kreativreise sozusagen eine Investition in großartige Kunstprojekte sein wird, die unser malerisches Dorf auch weiterhin zu einem Mittelpunkt der künstlerischen Elite werden lässt. Angesichts Ihrer immer guten Gesundheit und ungebrochenen Energie ist dieses Stipendium sozusagen eine Investition in die Zukunft.
Aber lassen Sie mich auch ein paar Worte an Ihre junge Gattin wenden. Frau von Annen, bitte betrachten Sie die Reise, die wir Ihrem Mann schenken, auch als ein Dankeschön an Sie selbst. Es ist einfach umwerfend, wie sehr sie Thor in seinem Schaffen unterstützen und dabei auch selbst noch künstlerisch tätig sind. Mit Ihrem Wirken stehen sie als Vorbild für die moderne Frau, die nicht nur ihrem Liebsten ein wohliges Zuhause schafft, sondern auch selbst im Arbeitsleben aktiv ist und wie ich höre, überaus erfolgreich.
Lieber Thor, liebe Magdalena, liebe Gäste, lassen Sie uns auf Ihr Wohl anstoßen!“
Der Minister erhob sein Glas und strahlte die Festgesellschaft an. Applaus brandete auf. Thor, der während der Rede einige Meter neben dem Minister stand, erhob galant sein Glas und dankte dem Minister für die Würdigung.
„Lieber Herr Minister und liebe Gäste, ich fühle mich geehrt und möchte die Verleihung des Reisestipendiums gern annehmen und freue mich, mit meiner Gattin diese Reise anzutreten. Magdalena und ich haben uns sogar einst in der Toscana kennengelernt. Seitdem haben wir mehrere Reisen in dieses wundervolle Land mit seinen stolzen Menschen unternommen. In freue mich, dass ich mich damit demütig in die Tradition der unerreichten Artistas des mediterranen Raumes –denken wir nur an Michelangelo – stellen darf. Ich werde mich dem würdig erweisen. Wie Sie alle wissen, bewundere ich dieses großartige europäische Land - dessen Sprache ich bereits in jungen Jahren lernen durfte – und das Magdalena und mir schon viele zauberhafte Momente bescherte.
Aber -“ sein Blick schweifte bedeutsam durch die Runde „lassen Sie mich in diesem Moment auch den Blick auf unsere nahe Umgebung richten, die uns vor Augen führt, dass unser Anspruch einer friedvollen Welt noch nicht überall verwirklicht werden konnte.
In den letzten Wochen hatte ich die einmalige Gelegenheit, zusammen mit diesen schrecklich traumatisierten Boat People - die vorübergehend in unserer Nachbargemeinde Friedland untergebracht sind und sich von dort aus ein neues, friedliches Leben aufbauen werden – ein Gemälde zu verwirklichen, dass die Flucht aus diesem unfassbaren Leid in Vietnam thematisierte. Eine Flucht, auf der es um das nackte Überleben ging und die die Menschen in Scharen aus dem unfassbaren Elend auf Flüchtlingsboote trieb. Ja, im Vietnamkrieg ist ein großes Leid entstanden, leider aber wohl in allen Kriegen und der Tyrannei, die auch wir damals selbst so furchtbar erleiden mussten.
Um meinen bescheidenen Beitrag für eine friedvolle Welt zu leisten, aber auch als meinen aufrichtigen Dank für die Ehre der Preisverleihung der hochgeschätzten Hennes-Filsinger-Stiftung, möchte ich das Gemälde dem Roten Kreuz in Göttingen stiften, dem Sie, lieber Herr Minister Bruhns, in ehrenamtlichem Engagement vorstehen. Möge das Bild eine Mahnung an unsere eine, friedliche Zukunft sein.“
Erneut wurde applaudiert und die Gäste stießen auf das Wohl des Künstlers an. Magdalena hatte seit einigen Wochen mit einem extravaganten Prospekt zu dem Empfang eingeladen. Entsprechend hatten sich auch mehrere kunstinteressierte Besucher der Galerie eingefunden, die eine schöne Ergänzung zu Minister Bruhns und den Honorationen der Göttinger Kunstszene bildeten. Etwas abseits unterhielten sich Lars, Thors Sohn aus einer früheren Verbindung, der mit Ulla und den Kindern angereist war, und Bekannte aus dem Dorf. Die Kinder ruinierten derweil am Wendebach ihre schicken Sonntagskleider. Thor war es etwas unangenehm, dass sie auch Lars eingeladen hatte. Er hatte nichts für die nervenden Kinder übrig, denn er fand, dass sie ihm alle Muße raubten, die für ein künstlerisches Schaffen nun mal notwendig waren. Obwohl Lars mit seinen blonden halblangen Haaren Thor wie aus dem Gesicht geschnitten war, trennte die Beiden doch eine Distanz, die Magdalena trotz der vielen Jahre ihres Zusammenlebens nicht deuten konnte. Sie hatte es letztlich erst nach einem längeren Telefonat mit Ulla geschafft, auch Lars zum Kommen zu bewegen. Die Kinder hatten diese hellen Augen, die Thor auch seinen aristokratischen Habitus verliehen, in den sie sich vor Jahren so heftig verliebt hatte.
Noch immer spürte sie das Erdbeben, dass die elegante Erscheinung dieses Mannes in einer kleinen Alabastri-Manufaktur in Volterra in ihr ausgelöst hatte. Thor unterhielt sich in fließendem Italienisch mit dem Inhaber der Manufaktur. Welchen Kontrast bildete dieser Mann zu den deutschen Männern, die doch noch immer in ihrer deutschtümelnden Provinzialität verfangen waren, nach der die Frau hinter den Herd gehört und der Mann die Versorgung der Familie sicher stellte und ansonsten nicht viel redete. Schon gar nicht war an Reisen zu denken, oder eben an die Kunst, die sie so sehr faszinierte. Noch am gleichen Abend hatte er sie auf die Terrassa einer kleinen Taverna eingeladen und bei reichlich Rotwein verloren sie sich stundenlang in ihrer Begeisterung über dieses tolle Land und seine kulturellen Reichtümer. Später hatte er sie zu ihrer Pension begleitet, nicht ohne sie am nächsten Morgen mit einem Blumenstrauß wieder in Empfang zu nehmen und sie zu einer Spritztour nach Pisa abzuholen.
Zwar kannte sie Pisa schon von Ihrer ersten Italienreise, damals noch mit Fritz, ihrem ersten Mann, mit dem sie im Käfer die weite Fahrt von Düsseldorf auf sich genommen hatte. Fritz hatte kein Interesse an solchen Unternehmungen, aber schließlich ließ er sich doch dazu überreden. Ihr großer Altersunterschied machte sich eben hin und wieder bemerkbar, besonders wenn Magdalena darauf bestand, sich die Stätten Ihrer Bewunderung in natura anzusehen. Fritz hatte sie mit dem Versprechen geheiratet, ihr diese „unvernünftige“ Bildhauerausbildung zu finanzieren. Eine ziemlich gewagte Sache, wie er fand, zumal für eine junge Frau; schließlich waren die Zeiten nicht gerade so, dass man sich mit Kunst beschäftigen sollte. Am Ende hatte er nachgegeben, denn natürlich schmeichelte es ihm, dass er sich mit seiner jungen hübschen Frau schmücken konnte. Er hatte auch die Hoffnung gehabt, dass sie ihm in seinem fortgeschrittenen Alter doch noch zu einem Stammhalter verhalf. Aber Magdalena wusste schon seit sie etwa 14 Jahre alt war, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Das war kein Problem für sie, denn in einer Mutterrolle konnte sie sich noch nie vorstellen. Mit Fritz hatte sie aber nie darüber gesprochen.
Magdalena drängte die Erinnerung an Fritz beiseite. Sie hatten eine schöne Zeit und er hatte ihr mit der Ausbildung ihren Traum verwirklicht. Vielleicht wäre sie auch ohne sein üppiges Erbe niemals weiter als bis nach Italien gekommen. So konnte sie einige Jahre ohne diesen ganzen deutschen Ballast nach Indien und Mexico reisen und dort ihren eigenen Stil erfinden – die Abraxas-Serie – mit der sie doch -zurück in Düsseldorf- gute Aufträge geangelt hatte.
Thor wohnte in der Umgebung von Volterra bei seinem alten Freund Giovanni, den er aus seiner Schauspielerzeit kannte. Giovanni und er hatten sich damals über mehrere Monate die Unterkunft geteilt und dort ihre Freundschaft begründet. Vor einigen Jahren hatte er von seinem Vater ein Weingut in der Nähe von Volterra übernommen, das er mit seiner Frau bewirtschaftete. Ihre Bambini waren schon erwachsen und hatten sich in alle Winde verteilt. Thor konnte in Giovannis vigneto so herrlich ausspannen und hatte sich auch in einem Raum neben der Veranda vorübergehend ein kleines Atelier eingerichtet, wo er die Bilder produzierte, die auch schon das Weingut in Gänze zierten. Von Giovanni hatte er sich am Morgen einen Alpha Romeo geliehen, bezeichnenderweise einen Giulia.
Es war sehr heiß in Pisa und auch der Rotwein vom Vorabend hatte Magdalena einen flauen Magen hinterlassen. Trotzdem genoss sie die Aufmerksamkeit, die ihr am Arm dieses Mannes zuteil wurde, der sich durch seine Größe und seinen blonden, künstlerisch langen Haaren und seinem eleganten Moustache von den italienischen Männern absetzte.
Magdalenas Aufmerksamkeit fokussierte sich jetzt wieder auf den Empfang. Am Haus hatte sie Tische aufgestellt, und Helferinnen aus dem Dorf stellten das Essen auf, das sie in der Gastwirtschaft „Mutter Jensen“ nebenan vorbereitet hatten. Sie holte noch die Servietten aus dem Haus, die sie vorab mit abstrakten Motiven versehen hatte. Alles sollte perfekt sein und sogar das Wetter spielte mit. 25 °C bei strahlendem Sonnenschein, besser hätte es nicht laufen können. Die ersten Gäste fanden sich beim Buffet ein; ganz vorne die Kleinen von Lars, die sich ihre Teller vollschaufelten, als gäbe es die nächsten Wochen nichts mehr zu essen. Die Gesellschaft verteilte sich allmählich um die dekorierten Stehtische und genoss offensichtlich die Mischung aus italienischer Küche und deutscher Hausmannskost, die sie Frau Jensen nicht ausreden konnte, schließlich war Rinderkraftsuppe mit Eierstich ihr Spezialgebiet. Eine Platte Mettbrötchen, Kartoffelsalat und eine Platte mit kaltem Braten rundeten das Lokalkolorit ab. Magdalena selbst hatte gestern mit Renate, einer jüngeren Cousine aus Hannover, bereits die italienischen Anteile am Buffet vorbereitet. Es gab Carpaccio, Mozzarella mit Tomaten und Basilikum sowie Pizzetti mit Rucola und Parmesan. Und diverse andere Köstlichkeiten.
Sie nahm sich selbst einen Teller und gesellte sich zu Thor, der mit Minister Bruhns und dem Leiter des Göttinger Kunstmuseums, Heinrich Schneider, bereits einen Stehtisch belegt hatte. Renate ging von Tisch zu Tisch und bot den Gästen Weißwein an. Nachdem auch Dr. Günther Richter, Kunstlehrer (und Geschichte) am Gymnasium in Friedland und seine Frau – Magdalena fiel ihr Name nicht mehr ein, sie war ein „graues Mäuschen“ die in ihrem wollenen Kostüm in der Sonne schon reichlich ins Schwitzen kam - ihre Teller auf dem Tisch platziert hatten, wurde der Platz bereits knapp. Schon etwas schwankend steuerte nun auch noch Klaus Meyer-Bertram auf ihren Tisch zu und drängelte sich zwischen das Ehepaar Richter. Meyer-Bertram war Journalist beim Göttinger Wochenblatt; er war vorhin die ganze Zeit zwischen allen Gästen umhergerannt und hatte mindestens 6 Filme vollgeknipst. Äußerlich hob er sich von der kompletten Gesellschaft ab, von Lars sei einmal abgesehen. Cowboystiefel, hellbraunes offen kariertes Hemd zur groben, dunkelbraunen Cordhose mit Schlag und darüber eine zu kleine Lederweste mit braunem Gehänge. Nur der Sommerhut aus Bast passte nicht so recht zu dem schreibenden Old Shatterhand aus der Kreisstadt. Frau Richter – Gertrud?,… Regine? – bückte sich nach der Gabel, die herunterfiel, als Meyer-Bertram die benachbarten Teller sachte zur Seite schob, damit sein Teller auch noch dazwischen passte. Er entschuldigte sich und gab ihr freundlich die Hand „Klaus, angenehm“. Magdalena ging kurz zum Buffet und holte eine neue Gabel für Frau Richter. Jetzt hatte sie ihren Namen nicht mitbekommen. Bis auf den Minister nahmen auch alle anderen das „Du“ an und sie begannen zu essen.
Minister Bruhns wollte gerade ansetzen, um Magdalena erneut für die unvergleichliche Organisation des Festes zu loben, als Meyer-Bertram das Gespräch auf die Vernissage vor 2 Wochen im Lager Friedland lenkte. Er hatte dazu letzte Woche einen –etwas knapp gehaltenen – Artikel abgesetzt, mit einem Foto von Thors jüngstem Werk, das mit seinen 3 Metern Länge die gesamte Eingangshalle des Lagers dominierte. Neben dem Bild stand Thor – er strahlte - der seinen Arm väterlich um das vietnamesische Mädchen legte, dass ihm für das Bild Modell gestanden hatte.
Die Idee kam ursprünglich von Günter Richter, der sich ehrenamtlich im Lager Friedland engagierte. Er hatte Magdalena und Thor eines Tages gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, mit den Kindern aus dem Lager ein Kunstprojekt zu starten – ehrenamtlich versteht sich. Magdalena hatte absolut keine Zeit, sie musste noch eine Bronzeplastik (eine Auftragsarbeit) für eine Düsseldorfer Firmenzentrale anfertigen und war hier schon einigermaßen im Verzug. Aber sie fand, dass es eine gute Gelegenheit für Thor wäre, um sich ein wenig aus der Lethargie zu befreien, in die er doch immer weiter verfiel. Nach einigen Anläufen konnte sie Thor dazu überreden. In der nächsten Woche holte Dr. Richter Thor ab und sie fuhren in das Aufnahmelager. Dr. Richter kannte die meist Jugendlichen bereits und versammelte sie in einem Raum. Er hatte die Idee, dass Thor ein größeres Ölbild mit den Kindern malen solle, sozusagen als Gemeinschaftswerk. Das war Thor dann doch etwas zu viel, aber wollte hier Skizzen anfertigen, aus denen er dann ein größeres Werk entwickeln würde. Im Aufnahmelager befanden sich zu der Zeit fast nur Vietnamesen und dann hatte Thor eine Idee. Er fertigte Porträtzeichnungen von den Mädchen an und bat um etwa 2 – 3 Wochen Zeit, die er für die Fertigstellung des Gemäldes benötigte. Dr. Richter hatte eigentlich einen anderen Plan gehabt und hätte sich schon gefreut, wenn Thor sich zumindest ein bisschen auf die Jugendlichen eingelassen hätte. Aber dazu waren die Generationen doch zu weit auseinander. Sprachbarrieren kamen auch hinzu, denn die Kinder sprachen so gut wie kein deutsch und die ganze Kommunikation ging über den Dolmetscher, der vom Aufnahmelager mit einem Zeitvertrag angestellt war. Aber Dr. Richter konnte Thor nicht dazu bewegen und irgendwann ließ er ihn einfach gewähren.
Dann ging es erstaunlich schnell. Thor rief schon nach 2 Wochen wieder an und sagte Dr. Richter, dass er mit dem Bild soweit fertig sei. Richter versprach, an einem der nächsten Tage bei Thor vorbeizuschauen. Er war doch sehr überrascht von dem Ergebnis. Thor hatte auf einer etwa 3*4 Meter großen Leinwand Flüchtlingskinder dargestellt, die mit angsterfüllten Gesichtern aus einem Flüchtlingslager in Vietnam herausliefen. Die Gesichter der Kinder waren die Porträts aus Friedland. Qualitativ war das Bild wirklich hochwertig, die Kinder waren so genau porträtiert, dass Richter auf Anhieb einige erkennen konnte.
Meyer-Bertram führte derweil das Wort: „Inzwischen hagelt es Leserbriefe wegen der Aktion im Lager. Da fühlen sich aber einige ganz schön auf den Schlips getreten. Bernsen von der CPU fand es geschmacklos.“ Minister Bruhns fiel ihm ins Wort. „Bernsen hat eh nichts zu melden. Wir sollten stolz sein, dass Avantgarde-Künstler unsere Region, die doch immerhin im strukturschwachen Grenzgebiet liegt, so wunderbar aufwerten. Thor von Annen hat mit der Aktion vielleicht Widerspruch erzeugt. Aber wir brauchen in unserem Land auch kritische Stimmen, die auch gesellschaftliche Tabus ansprechen. Lassen Sie Bernsen einfach rumtönen.“
„Der hat sich auch schon wieder beruhigt. Ich hatte ihm eine Einladung geschickt, und heute morgen haben wir kurz telefoniert. Er hat heute irgendwas Privates.“ Magdalena beschwichtigte die leichte Gereiztheit und so hob Bruhn direkt noch einmal an und lobte Magdalenas Organisationstalent in den höchsten Tönen.
Am übernächsten Tisch ertönte lautes Geschepper. Sabine, die Kleine von Lars hatte auf dem Hocker gestanden, damit ihr Gesicht zum Essen wenigstens über den Rand des Stehtisches ragte. Jetzt war sie mitsamt dem Hocker, ihrem Teller und 2 Gläsern zusammengebrochen. Sie fing laut an zu brüllen und drückte ihr Gesicht in Ullas Busen. Ulla tröstete und derweil sammelte Lars hektisch Gläser, Teller und Hocker auf und versuchte, zu retten, was nicht zu retten war.
Magdalena lief rüber und fragte Renate, ob sie eben abräumen und neues Geschirr holen könnte, denn es war auch die Rinderkraftbrühe von Jens umgekippt. Er hatte sich den Eierstich schon vorher aus der Suppe gepult und dabei heftig den Gaumen verbrannt. Jetzt rannte Jens schon mit den Kindern der Nachbarn Slalom durch die anderen Tische. Thor blickte leicht genervt, zumal die Aufmerksamkeit von Minister Bruhns jetzt eher bei den Kindern lag als in Gesprächen, die unter Männern angemessen wären.
Magdalena kümmerte sich derweil darum, dass die giftgrüne Götterspeise herausgebracht wurde. Frau Jensen hatte die Götterspeise mit Weißwein angerichtet, was ihr einen untypischherben Geschmack gab. Sabine musste derweil ausgebremst werden, damit sie sich ein Schälchen ohne Alkohol nahm, worauf sie unter lautem Protest wieder zu ihrer Mutter lief, was aber m Ende auch nichts nützte. Einige Gäste nahmen sich eine Tasse frisch gebrühten Filterkaffee und gesellten sich zu Thor, der in der Runde an seinem Tisch Zigaretten „Peter Stuyvesant“ verteilte, obwohl doch auf allen Tischen Zigarettenspender standen, an denen sich die Gäste inzwischen reichlich bedienten. Thor rauchte die Zigarette immer mit einer extravaganten, elfenbeinernen Zigarettenspitze. Er hob sich mit seinem dunkelblauen Blazer über einem weißen Rollkragenpullover aus der Runde hervor, insbesondere fiel das im Vergleich zu Minister Bruhns auf, dessen speckiger grauer Anzug seine geringe Körpergröße in Kombination mit dem umso größeren Leibesumfang und der mühsam überkämmten Glatze, doch recht pekig erscheinen ließ. Neben Thors stattlicher Körpergröße und seinem vollen, weißen Haarschopf, erschien der Minister wenig staatstragend. Er stammte aus dem Nachbardorf und hatte seinen Aufstieg vom Dorfbürgermeister zum Landwirtschaftsminister doch eher dem regionalen Proporz seines Wahlkreises im „Zonenrandgebiet“ zu verdanken, als einer wie auch immer gearteten Fachkenntnis in der Landwirtschaft. Was die Kunst anging, war es damit leider auch nicht besser bestellt. Auf der anderen Seite war seine Anwesenheit auf dem Empfang aber auch ein Garant für die Aufmerksamkeit der Presse und die wiederum brauchten sie, um die Aufmerksamkeit der „Kunstinteressierten“ in der Region und auch in der Landeshauptstadt auf ihre Galerie zu lenken.
