JudenHausTöchter - Renate M. Herrling - E-Book

JudenHausTöchter E-Book

Renate M. Herrling

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Beschreibung

Die Geschichten von den JudenHausTöchtern umspannen einen Zeitraum von 1933 bis 2006 und fangen Zeitgeschichte ein, erzählt aus den je persönlichen Perspektiven der Bewohnerinnen eines Hauses in einem pfälzischen Dorf. Das Haus gehörte ehemals einer jüdischen Familie und wurde vom Großvater der Autorin in einer Zwangsversteigerung erworben. Die Familie der Autorin besaß das Haus bis zum Verkauf, Unterlagen über den Kauf des Hauses und einen Restitutionsprozess nach dem Ende der NS-Zeit fand die Autorin beim Ausräumen ihres Elternhauses im Schuppen. Sie begann zu recherchieren. Im ersten Kapitel erzählt das Buch von den Veränderungen in der dörflichen Nachbarschaft, der Emigration der Söhne und dem Verlust des Hauses bis hin zur Deportation der restlichen Familie im Oktober 1940 in das südfranzösische Lager Gurs. Die Erzählstimme gehört der Tochter des Hauses, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Die Geschichte der Käuferfamilie ist teilweise autobiografisch - die Erzählstimme der Autorin heißt Regine, aufgewachsen in diesem Haus in den Wirtschaftswunderjahren. Ihre eigenen Erinnerungen mischen sich mit den Erzählungen und Botschaften dreier Frauen, die nach dem Tod des Hauskäufers durch einen Tieffliegerangriff im Februar 1945 sein Erbe antraten, einen Kolonialwarenladen, eine Mietwäscherei und eine Vorhangspannerei in dem Anwesen betrieben und nur in Andeutungen von dessen Vorgeschichte sprachen. Die Autorin hat diese Andeutungen mithilfe alter Unterlagen, die sie beim Ausräumen ihres Erbes 2006 fand, unterfüttert und die Geschichte(n) des Hauses und seiner Bewohnerinnen, den JudenHausTöchtern Franziska Gerstmann, Lene, Marianne, Greta und Regine, erzählt.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Renate M. Herrling

JudenHausTöchter

© 2020 Renate Margarete Herrling

www.renatemherrling.com

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-11940-6

Hardcover:

978-3-347-11941-3

e-Book:

978-3-347-11942-0

Lektorat

Sandra Schwarzweller, Speyerwww.text-boutique.com

Coverbild

Aquarell, rh2020

Fotografien/Materialien

Privatarchiv, rh

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Der Begriff Judenhaus wurde im nationalsozialistischen Deutschen Reich im Alltags- und Behördengebrauch für Wohnhäuser aus jüdischem Eigentum verwendet, in die ausschließlich jüdische Mieter und Untermieter eingewiesen wurden. Wer in diesem Zusammenhang als Jude galt, war im § 5 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 geregelt (…)

https://educalingo.com/de/dic-de/judenhaus (abgerufen am 20.11.2020)

Haustochter, die

Grammatik Substantiv (Femininum)

Bedeutung

1. junge Hausangestellte mit Familienanschluss

2. [veraltet] Tochter des Hauses, die nur im Haushalt der Eltern arbeitet und keinen Beruf hat

https://www.dwds.de/wb/Haustochter (abgerufen am 01.10.2020)

1933 – 1945

Eine offene Rechnung

Franziska, die Tochter aus dem Judenhaus Nummer 32, tritt auf die Adolf-Hitler-Straße.

Sie trägt eine Milchkanne und geht bedächtig, den Blick auf die Schuhspitzen gerichtet. Die Mutter hat ihr einen Auftrag gegeben.

Sie geht mit ihrer Milchkanne zwei Häuser weiter, vorbei am Kilometerstein, betritt einen Hof und senkt den Kopf noch tiefer. Franziska geht nicht gerne in fremde Höfe, denn sie ist schüchtern.

Im Kuhstall melkt gerade jemand die Kühe.

Franziska soll Milch holen.

Die Bauersleute haben ihre Schuhe beim Vater flicken lassen. Die siebzig Pfennig fürs Flicken sind noch nicht bezahlt.

Wir verrechnen das mit der Milch, Gerstmann, hat die Bäuerin gesagt. Das haben wir doch immer so gemacht.

Franziska soll jetzt die Milch holen, Milch für siebzig Pfennig.

Die Bäuerin sitzt auf ihrem Melkschemel, tut beschäftigt und schaut nur kurz auf. Dann senkt sie den Blick wieder auf die Milch, die in einem dünnen Strahl in den Eimer spritzt.

Franziska blickt auf den strammen Rücken, hält die Milchkanne hin.

Ich soll unsere Milch holen, flüstert sie.

Die Bäuerin dreht sich nicht um, schüttelt nur den Kopf.

Franziska bekommt keine Milch.

Heute nicht und auch nicht an einem anderen Tag.

Die Juden kriegen keine Milch mehr bei der Bäuerin und es bleibt eine offene Rechnung.

Töchtersache

Man sitzt in der kleinen Küche.

Die Männer sprechen von der Zukunft. Vom Auswandern ist die Rede, von Ausbildung und vom gelobten Land weit weg, woanders.

Franziska hört genau zu, aber sie redet nicht mit. Sie hat den Blick gesenkt, wie immer, wenn das Reden in der Küche laut und deutlich wird und stichelt an einem Übertuch für den Handtuchhalter in der Küche. Sticken, das liegt ihr. Feine Muster auf weißem Grund. Auswandern, das hat nichts mit ihr zu tun.

Eigentlich ist das Sticken keine richtige Arbeit. Es müsste so viel anderes getan werden, die Socken warten auf die Stopfwolle. Aber die Mutter sorgt immer dafür, dass Franziska eine Stickarbeit hat, spannt ihr ein Stückchen Stoff aus der Kiste auf einen Rahmen, sagt, mach ruhig, Fränzel, das kannst du so gut.

Sie ist der Mutter, die gar nicht ihre richtige Mutter ist, dankbar für die Fürsorge, sie weiß, dass der Vater sie verlegen von der Seite anschaut, dass er denkt, das Mädel müsste Besseres zu tun haben. Sie sitzt in der Küche und arbeitet am Fenster, bis es zu dunkel ist. Licht wird dafür keines aufgebraucht, das ist Verschwendung, für unnötige Fetzen, für Zierrat! Franziska geht nicht oft nach draußen, sie ist aus dieser Küche kaum herausgekommen, ihr Leben lang nicht. Nur ins Nachbardorf zur Synagoge oder manchmal ins übernächste Dorf, wenn aus der Gemeinde einer beerdigt wird. Das Dorf ist ihre Welt, und dass ihre alte Gasse jetzt Adolf-Hitler-Straße heißt, ändert daran nichts.

Der Bruder, ja, der hat ein Mädchen gefunden im Badischen, wird bald heiraten und wegziehen. Schon kommt er nur noch auf Besuch, der Bruder, mit dem sie aufgewachsen ist. Er ist jetzt ein Mann, hat alles über den Tabak gelernt im Dorf und sich ein Mädchen gesucht. Sie vermisst ihn manchmal, und wenn er in der Küche sitzt in letzter Zeit, redet er immer nur vom Weggehen und von seinem Mädchen. Es ist still geworden in der Adolf-Hitler-Straße, in dem kleinen Häuschen, das die Urgroßeltern gebaut haben. Franziskas Gedanken huschen umeinander, huschen fort vom Gerede der Männer, das sie nicht hören will.

Sie denkt an die Nachbarn, die nur noch im Dunklen kommen auf einen Schwatz im Hof, manchmal sagt einer, was soll’s, wir sind doch Nachbarn!

Sie denkt an die Agnes aus dem Haus nebenan, das genauso aussieht wie ihres, alt und baufällig, Agnes, mit der die Gerstmann-Kinder gespielt haben früher und die sich ausweinte bei ihr, als der Vater die Heirat verbot, weil der Bursch das falsche Gesangbuch hatte, auch dann noch, als der Bauch schon dick geworden war. Die auch nicht mit dem Weinen aufhören konnte, als der Vater schließlich nachgab und sagte, dann nimm ihn halt, lieber so einen in der Familie als so eine Schande. Franziska denkt oft an die Agnes, die dann hat heiraten dürfen, die Freundin aber nicht eingeladen hat auf ihre Hochzeit. Sie denkt an Agnes, die jetzt vorbeiläuft mit dem dicken Bauch und zu Boden schaut. Sie denkt auch an die Bäuerin, zwei Häuser weiter, die ihr keine Milch mehr gibt, denkt an den Leo aus dem Haus nebenan, der mit ihrem Bruder Fußball gespielt hat und der jetzt mit straffem Schritt vorbeimarschiert, den Arm hochreißt und sie nicht mehr grüßt. Sie denkt an Leos freundliche Mutter Liesel, die immer noch freundlich ist, weil die Christenliebe das von ihr verlangt.

Unser Herr Jesus war freundlich zu jedem, sagt sie, zum Lahmen wie zur Hur.

Die Mutter Liesel hat ihr immer über die Haare gestrichen, als sie mutterlos war und gesagt, armes Kind, wirst sehen, der Herr sorgt auch für dich.

Dann hat der Vater eines Tages eine Frau mitgebracht und gesagt:

Fränzel, schau, das ist deine neue Mutter.

Die Nachbarin ist ihr wieder durch die Haare gefahren und hat gesagt, siehst du, Kind, das hab ich dir doch gesagt, der liebe Gott sieht dich und verlässt dich nicht, jetzt hast du wieder eine Mutter.

Die neue Frau ist eine gute Frau, besorgt das Haus, besorgt die Kinder ebenso wie die Hühner und den Garten, beschert den Kindern einen kleinen Bruder, sorgt für alles und zündet die Lichter an am Schabbes, weil das Frauensache ist.

Die Brüder und der Vater reden immer noch über das Weggehen und über Geld.

Geld, sagt der Vater, wo soll es denn herkommen, ich hab keins. Franziska weiß, dass das die Brüder nicht abhalten wird vom Weggehen, sie werden einen Weg finden.

Sie wird still sein, wird nicht mitreden über die Emigration und sie wird auch nicht mitgehen ins versprochene Land oder nach Amerika, sie bleibt, wo sie hingehört, bleibt in der Adolf-Hitler-Straße bei den Eltern, die ja nicht mehr die Jüngsten sind.

Das Dableiben ist Töchtersache.

Unser Haus

Es klopft energisch an der Küchentür, dann wird sie aufgerissen. Im Rahmen steht der Fritz, der ein Stück die Gasse hinauf im Hinterhaus wohnt mit seiner Frau Lene und den Töchtern.

Ich hab zu reden mit dem Vater, sagt er, sofort.

Franziska legt das Kartoffelmesser weg, steht auf, drückt sich am Nachbarn vorbei und holt den Vater aus der baufälligen Scheune, wo er Holz hackt, Feuerholz aus den Balken der Scheune.

Vater, der Herr Nachbar ist wieder da. Er sagt, er hat zu reden mit Euch, sagt sie schüchtern.

Sie weiß, worüber geredet wird, der Nachbar kommt seit ein paar Wochen fast jeden Tag. Es geht um das Haus. Der Nachbar will es dem Vater abkaufen.

Ihr habt doch nicht genug Geld zum Leben, sagt er, seid doch vernünftig. Das Haus ist alt und man muss dringend was daran machen. Ich will ein Geschäft aufmachen, ich kauf`s Euch ab, für einen guten Preis.

Aber der Vater überlegt zu lange, kann nicht glauben, was der Nachbar sagt:

Verkauft, Gerstmann, so lange es noch Zeit ist! Ihr könnt das Haus nicht halten.

Franziska hört viel über das Haus und fürchtet sich.

Der Nachbar redet auf den Vater ein, draußen im Hof, redet laut und eindringlich. Aber der Vater schüttelt den Kopf, immer noch schüttelt er den Kopf. Das Elternhaus verkaufen? Das kann er nicht. Es muss doch mal wieder besser werden mit der Schusterei, er wird das Haus behalten können, ganz bestimmt. Für die Söhne, für die Tochter.

Das muss uns bleiben, denkt er, es ist doch unser Haus.

Gelobtes Land

Karl kommt nach Hause. Er läuft schnell, winkt mit einem Zettel.

Das Zertifikat für das gelobte Land, ruft er glücksstrahlend. Wir können heiraten. Wir dürfen kommen!

Franziska versucht sich mit ihm zu freuen. Alles geht jetzt sehr schnell.

Pass auf den Vater auf, Fränzel, er ist gar nicht gut beisammen, und pass auf dich auf. Ich hol euch alle nach, ich versprech´s, bestimmt bald.

Tatsächlich, nicht lange und es kommt ein Brief. Edgar, der jüngere Bruder, strahlt.

Eretz Israel, sagt er, endlich! Ins gelobte Land!

Er hatte schon ein paar Monate im Ausbildungslager verbracht, dann zu Hause nur den Rest seiner Habseligkeiten abgeholt und Lebewohl gesagt. Mit großen Schritten ist er die Straße entlang gewandert Richtung Bahnhof, hat sich nicht einmal mehr umgedreht. Franziska hat ihm nachgeschaut, ist noch lange stehen geblieben, als der Bruder schon nicht mehr zu sehen war, hat die Hände in der Kittelschürze vergraben und ihm einfach nachgeschaut.

Der Vater arbeitet kaum noch, sitzt meistens im Hof auf der alten Bank und schaut vor sich hin. Über den Abschieden ist er auch alt geworden. Er spricht vom Nachbarn, der das Haus haben will.

Jetzt, Fränzel, wo die Brüder weg sind, was soll ich noch mit dem Haus? Du heiratest bestimmt bald, das Haus will keiner erben.

Aber Franziska hat gut zugehört, als der Mann von der Bank da war. Sie weiß, jetzt darf der Vater das Haus nicht mehr verkaufen, darf keine Geschäfte mehr machen. Er muss den Kopf schütteln, weil er zu lange den Kopf geschüttelt hat.

Wir müssen jetzt das Haus verkaufen, sagt der Mann von der Bank. Die Hypotheken könnt Ihr niemals zahlen.

Der Vater muss den hartnäckigen Nachbarn wegschicken, muss ihm sagen, dass die Bank das Haus verkauft, irgendwann, bald vielleicht.

Franziska fürchtet sich, weiß nicht mehr, was werden soll. Es macht sie traurig, den Vater so zu sehen, den Brüdern nachzuschauen, den Nachbarn und den Mann von der Bank kommen und gehen zu sehen und so viel zu wissen. Mitreden wird sie nicht, das ist Männersache, so wie das Verhandeln und der Aufbruch in ein gelobtes Land.

Sag nichts

Greta fürchtet sich. Wieder ist der Vater mit großen, ärgerlichen Schritten zurückgekommen. Wieder war er beim Nachbarn im Judenhaus, das er gerne haben möchte für seine Träume, für sein Geschäft.

Man wohnt beengt in der Adolf-Hitler-Straße in einem kleinen Hinterhaus. Ein Zimmer ist zum Laden geworden, Kolonialwaren steht auf dem Schild. Die Geschäfte gehen gut und der Vater braucht ein eigenes Haus, eines, das ihm gehört, in dem er schalten und walten kann, wie er will, umbauen, anbauen, ausbauen. Er redet von einer Waschküche, von einem größeren Laden, vom Geldverdienen und vom Wohlstand.

Warum hat der nicht verkauft, der Jud, sagt er, warum ist er so stur!

Heute hat er wieder den Kopf geschüttelt, der Nachbar – aber das war nicht mehr sein Kopfschütteln aus Sturheit, es war ein Kopfschütteln auf Befehl. Der Jude darf keine Geschäfte mehr machen auf eigene Rechnung, es ist zu spät zum Verkaufen.

Das Haus wird bald der Bank gehören, sagt der Vater, die Bank wird es verkaufen. Bestimmt wird es teurer. Wenn er bloß rechtzeitig ja gesagt hätte, der Nachbar, das wär für uns beide gut gewesen. Jetzt ist es anders. Der Friseur aus dem Nachbardorf hat auch ein Interesse, er wird mitbieten. Und wer weiß, wie lange das noch dauert!

Der Vater ist ärgerlich, und wenn er ärgerlich wird, geht man ihm am besten aus dem Weg. Der Vater muss brüllen, wenn er sich ärgert und schlagen muss er manchmal auch. Greta hat Angst vor ihm. Er hat sie schon oft angebrüllt und auch einmal blutig geschlagen in der kleinen Küche, hat so zugeschlagen, dass es geblutet hat aus dem geheimen Ort „unten“, den man nicht nennen und nicht berühren darf. Die Mutter ist blass geworden und hat das Kind mit einem dicken Wattebündel zwischen den Beinen ins Bett getragen.

Sag nichts, hat sie geflüstert, sag nichts!

Darum

Draußen ist es dunkel, es ist November. Franziska sitzt in der Küche, sitzt im Dunklen, wie immer in letzter Zeit. Wo die Brüder wohl sind?

Keine Post, keine Nachricht seit einem Jahr. Vorgestern flog ein Stein durch die Schaufensterscheibe, Stimmen von Buben, man hörte sie wegrennen. Franziska hat Herzklopfen, schläft nicht mehr gut, ängstigt sich. Die Brüder sind bestimmt in Sicherheit, denkt sie, das wenigstens. In ihr ist eine Unruhe, der sie keinen Namen geben kann.

Der Vater hat die zerbrochene Schaufensterscheibe notdürftig geflickt mit Holz, hat sie zugenagelt. Neues Glas gibt es nicht. Er hat nicht gesprochen, nur mit wütenden Schlägen zwei Holzbretter quer über ein drittes genagelt. Stumm.

Franziska beobachtet ihn heimlich, sie hat Angst um ihn. Aber sie gibt der Angst keinen Namen.

Man hört Geschrei, laute Stimmen, ein Lastwagen bremst, Stiefel springen auf die Straße, dann Schläge gegen die Holzbretter, etwas splittert. Das Hoftor ist zu, wird es halten?

Plötzlich eine einzelne Männerstimme:

Abrücken! Hier wohnt kein Jud.

Die Stimme kennt Franziska, das ist der Ortsgruppenleiter Pauly.

Hier wohnt kein Jud? Sie versteht das nicht, aber sie hört, wie die Autotüren wieder schlagen, wie der große Wagen anfährt, dann nichts mehr.

Am nächsten Tag steht der Pauly im Hof.

Pauly sagt, im Dorf sind in dieser Nacht alle Judenhäuser gestürmt worden, ein paar von denen, die nicht freiwillig gehen wollten, hat man abtransportiert, im Nachbardorf hat die Synagoge gebrannt. Aber hier, in der Adolf-Hitler-Straße 32, hat er, der Ortsgruppenleiter persönlich, die Schläger weggejagt. Man muss dankbar sein.

Danke, sagt der Vater, dass du uns die vom Leib gehalten hast, danke. Ich hab’s ja gesagt, uns tut man nichts. Wir wohnen doch schon immer hier.

Franziska steht im Hof, abseits. Wagt nicht, den Pauly anzusehen.

Er lässt seinen blauen Blick über sie wandern.

Sie fühlt sich schmutzig.

Sein blauer Blick wandert zum Vater.

Das Haus gehört der Bank, Jud, sagt der Ortsgruppenleiter.

Darum.

Aufatmen

Es ist Februar und das Haus ist verloren.

Zu Chanukka war der Mann von der Bank da, hat von Zwangsbeitreibung gesprochen und dem Vater gesagt, dass es nicht mehr anders ginge, dass er die Hypotheken niemals bezahlen könne, nicht in tausend Jahren. Die Kasse müsse an ihre Sicherheiten denken!

Es gibt sogar schon Käufer!, hat er gesagt, der Mann von der Bank.

Der Vater jammert. Hätte er doch früher schon verkauft, dann wäre noch etwas übriggeblieben! Jetzt reicht es so eben für die Verbindlichkeiten. Franziska weiß nicht recht, was Verbindlichkeiten sind, aber das Gesicht des Vaters sagt ihr genug. Es wird kein Geld mehr da sein, kein Haus, gar nichts.

Franziska weiß auch nicht, wohin sie gehen werden, sie haben ja niemanden, die Brüder sind weg, Verwandtschaft lebt nicht mehr in der Gegend.

Ihr sinkt der Mut noch mehr. Der Vater kränkelt. Er sieht nicht gut, sitzt nur noch in der Stube, denkt an seine Söhne und an das, was sie immer gesagt haben, als sie noch da waren, am Küchentisch saßen und vom gelobten Land redeten. Er hat ihnen nicht geglaubt, hat immer geglaubt, dass er und die Seinen hierher gehören, hat geglaubt, dass die Kunden wieder kommen, dass die Bank ihm entgegen kommt, dass wieder eine bessere Zeit kommt, hat alles Mögliche geglaubt, aber nicht das, was jetzt passiert.

Franziska hat sich auf ihn verlassen, hat auch glauben wollen – obwohl sie lange schon anderes sieht.

Und jetzt? Kein Haus zum Bleiben und kein Geld zum Weggehen, gar nichts.

Der Nachbar kommt jetzt wieder alle Tage, drängt und wettert. Ihm gehört jetzt Franziskas Elternhaus.

Er hat schon Maschinen gekauft, will einziehen, will das Haus beziehen, umbauen, der Jud soll endlich gehen mit seinen paar Habseligkeiten. Im Frühling will er einziehen mit seiner Frau, seinen zwei Mädels, will ein Geschäft aufmachen, eine Mietwaschküche, seinen Laden verlegen ins eigene Haus.

Wozu noch Miete zahlen jetzt, wo das Haus ihm schon gehört? Wo er doch gutes Geld bezahlt hat bei der Bank, doppelt zahlt er jetzt! Der Jud soll endlich räumen.

Wohin sollen wir denn, fragt der Vater, und Franziska windet sich innerlich, als sie seine kleine Stimme hört.

Das weiß er auch nicht, der Nachbar, das geht ihn auch nichts an. Er hat gutes Geld bezahlt fürs Haus, sagt er, ehrliches, sauer verdientes Geld! Das sagt er immer wieder.

Es wird Frühling und es wird Sommer, und fast jeden Tag kommt der Nachbar. Franziska bebt schon, wenn sie ihn kommen hört, er hat einen harten Schritt.

Es heißt, es gibt Krieg, und die Männer müssen einrücken.

Franziska horcht auf den harten Schritt. Aber der Hitler will marschieren und der Nachbar muss mit.

Franziska kann aufatmen.

Luft

Das Haus gehört uns!

Der Vater ist diesmal gut gelaunt zurückgekehrt von seinem Termin, es war Versteigerungstag und Greta ist froh. Das Judenhaus ist unter den Hammer gekommen, endlich.

Wär das schon früher der Fall gewesen, was hätt‘ man nicht schon alles erneuern können, anbauen – der Vater schäumt über vor Lebenslust, vor Freude.

7200 Reichsmark, das ist mehr, als ich gedacht hab, aber es ist in Ordnung, es ist nicht zu viel.

Das Grundstück ist groß, die Lage könnte besser nicht sein für ein Geschäft, wie es dem Vater vorschwebt – eine Wäscherei, ein Kolonialwarenladen, und dann, wer weiß!

Noch können wir nicht einziehen, die Juden sind noch nicht weg. Aber bald, bestimmt bald.

Die Gerätschaften für die Waschküche werden schon bestellt.

Ein günstiges Angebot, sagt der Vater.

Aber sie müssen noch beim Nachbarn von gegenüber eingestellt werden in der Scheuer, der Jud hat ja das Haus noch nicht geräumt.

Der Vater wird ungeduldig, geht ins Judenhaus fast jeden lieben Tag, bittet, wettert und schäumt, kommt zurück, schaut wieder einmal böse, kriegt nicht, was er will und lässt es die Tochter spüren, sodass sie Angst bekommt und keine Luft mehr.

Und dann?

Einberufung. Plötzlich muss alles ganz schnell gehen, der Vater ist Reservist und muss einrücken.

Hitler macht mobil und Greta bekommt wieder Luft.

Einfach fort

Sukkoth, Laubhüttenfest. Irgendwo draußen ist Krieg, der geht Franziska eigentlich nichts an. Aber sie horcht jeden Tag, ob der Krieg aus ist. Der Vater wird immer schwächer und das Holz aus dem Scheunenabbruch ist fast verfeuert.

Wenigstens der Nachbar kommt nicht mehr. Keiner kommt, jeder hat mit sich selbst zu tun. Franziska verlässt kaum noch das Haus, versucht, mit den paar Eiern von den übriggebliebenen Hühnern und dem bisschen, was der Garten hergibt, zu wirtschaften. Die Mutter, die immer ruhig und ohne Aufhebens so vieles erledigt hat, sitzt jetzt manchmal ganz in sich versunken am Küchentisch und weiß nicht, wie sie den Mann noch trösten soll.

Manchmal spricht sie von den Buben.

Es geht ihnen gut, sagt sie, ganz bestimmt, das ist doch schön. Sie werden uns nachholen, der Karl hat es versprochen, du wirst sehen, eines Tages…

Aber sie wird müde und der Mann schüttelt nur den Kopf, lässt sich nicht mehr trösten. Gut, dass wenigstens die Tochter da ist, die tut, was sie kann.

Manchmal hört man schwere Tritte draußen, dann kommt die Angst.

Heute ist es still, dabei war Sukkoth früher ein schönes, lautes Fest, mit Liedern und Lachen und einer Laubhütte im Hof. Auch die Nachbarn kamen, aber das ist lange her. Jetzt feiert man nicht mehr und man hat keine Laubhütte, wozu auch?

Selbst den Hof betritt Franziska nur noch, wenn es unbedingt sein muss.

Vater, es ist Zeit, geht doch ins Bett, Ihr müsst schlafen, sagt sie am späten Abend.

Da hört sie draußen quietschende Reifen, ein Auto, das abbremst. Selten fährt hier ein Auto vorbei und noch seltener hält es an. Das hat etwas zu bedeuten. Aber das große Fenster zur Straße, das früher, in einer anderen Zeit, ein Ladenfenster gewesen war, ist zugenagelt, seit zwei Jahren schon.

Schau doch mal nach, Kind, sagt der Vater.

Er hat vergessen, dass seine Ladenscheibe zugenagelt ist mit Brettern, dabei hat er sie selbst zugenagelt, im November vor zwei Jahren.

Der Wagen hält, Stiefel springen auf die Straße, das hat Franziska schon oft gehört. Aber diesmal entfernen sich die Stiefel nicht, sie kommen näher, das Hoftor wird aufgerissen, die Tür schlägt an die Hauswand, harte Hände hämmern an die Haustür.

Aufmachen! Mach auf, Jud! Sofort!

Der Vater schrickt auf, warum denn, was ist denn? Ich komm ja gleich!

Aber die Stimme wartet nicht, die Hände warten nicht, die Stiefel warten nicht. Die Haustür fliegt auf, drei Männer stehen schon in der Küche.

Gerstmann?, fragt eine Stimme.

Franziska kennt die Männer nicht, es sind keine aus dem Dorf, diesmal nicht.

Max Israel Gerstmann? Hanna Sara Gerstmann? Franziska Sara Gerstmann?, erkundigt sich die Stimme.

Sachlich, nicht einmal unfreundlich.

Hier ist der Bescheid. Ihr habt eine Stunde, packt einen Koffer für jeden, ihr werdet umgesiedelt.

Umgesiedelt, fragt der Vater, aber wohin denn, warum denn?

Das wird man euch dann sagen, wir bringen euch nur hier weg, sonst nichts. Ein Koffer, Ausweispapiere, Wertsachen! Sonst nichts. Und Beeilung. Wir warten nicht gerne.

Franziska sieht dem Sprecher nicht in die Augen. Sie hört die Stimme, hört die Mutter jammern, der Vater sagt nichts. Sucht seine Brille, will den Bescheid lesen. Aber wozu? Franziska hört Umsiedlung, hört Koffer und beeilt sich.

Wenig gibt es zu packen, ein paar Habseligkeiten. Kleider, Lebensmittel sind kaum da, Wertsachen gibt es keine. Sie ist schnell fertig, braucht die ihr zustehende Stunde nicht, packt einen Koffer für die Mutter, einen für den Vater, für sich selbst eine alte Tasche. Schon länger macht sie sich Gedanken, was ist, wenn sie wegmüssen? Sie haben ja nur zwei Koffer.

Einer der Männer bleibt breitbeinig in der offenen Tür stehen, bewegt sich nicht. Es ist windig, das Feuer im Herd geht aus, aber da kann man ohnehin schon seit Wochen nur noch manchmal nachlegen, kalt ist es immer. Die anderen beiden Männer sind gegangen, der Wagen ist angefahren, wohin?

Franziska horcht, fahren sie wirklich weg? Aber einer der Männer ist noch da und diesmal kommt keiner, der sagt, hier wohnt kein Jud. Der Wagen kommt zurück, Franziska hilft dem Vater in die alten Schuhe, der Mutter in den Mantel, zieht sich selbst einen über, nimmt zwei Koffer, gibt der Mutter die Tasche in die Hand.

Kommt jetzt, sagt sie ganz leise, kommt, es wird uns schon nichts geschehen.

Aber das Haus, sagt der Vater.

Das Haus, denkt Franziska, der Vater hat immer noch nichts verstanden.

Draußen wartet ein Lastwagen mit Ladefläche.

Jetzt weiß Franziska auch, wo er inzwischen gewesen ist, denn auf der Ladefläche sitzen die Blumenfelds aus dem Kaufhaus am Eck und das alte Ehepaar Ehrenreich. Die Gerstmanns steigen mühsam auf.

Die Jungen sind schon alle weg, so wie die Brüder auch. Nur Franziska ist noch da, sie steigt als Letzte auf die Ladefläche, stellt die Koffer zwischen sich und die Mutter, streicht ihr kurz über die Hand, schaut nicht zurück und denkt:

Nach allem, was war - jetzt geht es fort, einfach fort.

Wieder daheim

Es ist kalt draußen, der Wind zerrt an den Fensterläden.

Mariannes 6. Geburtstag ist nicht fröhlich. Die Mutter hat wohl einen Kuchen gebacken, aber sie hat wenig Zeit. Der Laden muss besorgt werden und keiner hilft ihr, seit der Mann an der Front ist. Greta ist in der Schule, Marianne spielt allein in der kleinen Wohnküche mit der Stoffpuppe, die sie schon lange hat.

Draußen hört man Schritte, die den Hof durchqueren.

Marianne horcht auf. Das sind nicht die Schritte der Mutter, auch die Schwester hört sich anders an.

Die Tür wird aufgerissen und Marianne schreit.

Im Türrahmen steht ein Mann im Mantel, eine Krücke, ein Gepäckstück auf der Schulter. Sie presst die Puppe an die Brust.

Babbe, fragt sie ganz leise. Babbe?

Der Mann stolpert noch drei Schritte näher, lässt das Gepäck auf den Boden gleiten, lehnt vorsichtig die Krücke an die Tischkante, sinkt auf einen Stuhl.

Wo sind denn alle, fragt er.

Marianne springt auf, rennt in den Hof, ruft, fällt hin, steht wieder auf.

Der Babbe, schreit sie, der Babbe ist wieder daheim.

Glauben und vertrauen

Lene packt. Sie hat bereits alle Taschen, Truhen, Kisten und alte Kartons aus dem Laden mit der Tischwäsche, den Bettwaren und den Kleidern von vier Personen gefüllt. Auch die Waren aus dem kleinen Laden müssen transportiert werden, man zieht ein paar Häuser weiter in die Hausnummer 32, in das Judenhaus, das der Fritz ersteigert hat noch vor dem Krieg.

Jetzt steht es leer, die Juden sind plötzlich fort gewesen im letzten Herbst und Gott sei Dank ist der Fritz von der Front zurückgekehrt mit einer Verwundung am Bein und einem Magengeschwür kurz vor dem Durchbruch. Er hat Blutungen und Schmerzen, hat Zeit gebraucht, um sich zu erholen, Kräfte zu sammeln und den Umzug vorzubereiten.

Jetzt ist es fast schon wieder Winter. Die eingelagerten Gerätschaften für die zukünftige Mietwaschküche hat der Fritz mit der Hilfe des alten Bauern ins neue Haus gebracht, aufgestellt und angeschlossen. Er kann alles, der Fritz.

Lene ist stolz auf ihn. Jetzt, wo er kriegsuntauglich ist, wieder bei der Reichsbahn arbeitet und im eigenen Haus schalten und walten darf, wie er will, gleichzeitig aber auf ihre Hilfe angewiesen ist mit dem kranken Magen, ist er ruhiger geworden und schimpft und schlägt nicht mehr. Sie ist froh darüber und auch über das neue Haus. Viel ist dort zu tun, die Fensterscheiben sind vernagelt mit Brettern, die Böden müssen neu gemacht werden. Der Fritz zieht Mauern hoch, plant einen Neubau für eine Vorhangspannerei mit einem Raum, der hoch genug ist für den Spannrahmen und schafft Tag und Nacht, trotz seiner Schmerzen.

Lene, wirst sehen, bald ist der Krieg vorbei und wir schaffen uns was Großes, sagt er.

Gerne möchte sie ihm glauben und vertrauen.

Kopf durch die Wand

Heute muss Greta wieder stehen bleiben. Jeden Morgen wird der Lehrer schneidig begrüßt mit dem Hitlergruß, die ganze Klasse steht wie ein Mann.

Der Lehrer grüßt zackig zurück. Dann sagt er das, was Greta fürchtet:

Wer gestern in der Gruppenstunde war, hinsetzen! Die anderen bleiben stehen!

Nur wenige müssen stehen bleiben. Greta ist wieder einmal unter ihnen. In ihr grollt es. Sie ist der Mutter böse, dass sie gestern wieder gesagt hat, kein BDM heute, ich brauch dich im Laden.

Kein BDM heute, sagt auch der Vater manchmal, der Hitler kann uns mal mit seiner Bündlerei.

Manchmal kann Greta das Unheil abwenden. Sie bettelt und argumentiert.

Lass mich doch gehen, sagt sie, heute sammeln wir Kartoffelkäfer. Bitte, lass mich gehen, ich hab doch schon auf dem Feld geholfen.

Die Eltern scheinen nicht zu wissen, wie das ist, wenn man morgens in der Schule die ganze erste Stunde stehen bleiben muss, weil man die Gruppenstunde versäumt hat. Vielleicht ist es ihnen auch wurscht, der Vater sagt manchmal, ist mir doch wurscht, wenn die Lene ein bisschen Angst kriegt und sagt, dich holen sie noch ab, sei doch still. Wenn der Vater ein Bier getrunken hat mit dem Nachbarn und ein Schnäpschen dazu, wird er knurrig und sagt Sachen, die niemand hören darf.

Dem verdank ich mein Magengeschwür, dem Hitler, sagt er dann, meine Töchter schmeiß‘ ich dem nicht auch noch in den Rachen.

Dann kriegt die Lene Angst und sagt, was soll denn aus uns werden, reiß doch das Maul nicht so weit auf!

Aber der Vater lacht nur.

Uns passiert nichts, wir sind doch wer, und meine Meinung lass ich mir von dem nicht verbieten.

Greta findet das nicht in Ordnung. Sie denkt, dass der Vater ein bisschen Rücksicht auf sie nehmen könnte, sie hat oft genug versucht zu erklären, was morgens in der Schule geschieht, wenn sie nicht in die Gruppenstunde darf.

Eigene Meinung hin oder her, denkt sie, man muss doch Rücksicht auf die anderen nehmen und darf nicht immer mit dem Kopf durch die Wand.

Was wenn…

Die Stadt ist in einer Bombennacht zerstört worden und wenn Fliegeralarm ist, rennt man auch in den Dörfern in den nächstgelegenen Keller. Noch ist im Dorf keine Bombe gefallen. Aber die Angst ist da, das schrille Keuchen der Sirene macht den Müttern Beine.

Das eigene Häuschen ist alt und hat keinen Keller, aber in der Nachbarschaft kommt man unter, wenn die Sirene heult.

Der Fritz bleibt gelassen, auch wenn Alarm ist. Aber er hat einen Handwagen gepackt mit ein paar Sachen und gesagt, wenn wir weg müssen…

Den Satz muss er nicht beenden, die Lene weiß, was dann sein wird. Man hört, dass die Flieger nicht nur die Fabriken am Rhein, sondern auch die Bahnanlagen über Land im Visier haben.

Lene hat Angst. Der Fritz arbeitet bei der Reichsbahn.

Ach geh, sagt er, mir passiert schon nichts, für mich ist der Krieg vorbei. Und meine Arbeit ist kriegswichtig.

Aber die Lene hört im Dorf, dass sie jetzt sogar die ganz jungen Buben holen für die Schanzarbeiten im Westen und dass alle Männer, egal ob krank oder gesund, ob verwundet oder mit kriegswichtiger Tätigkeit, einrücken müssen für den Endsieg.

Dass der Hitler den Krieg verliert, hab ich ja schon immer gesagt, flüstert der Fritz.

Solche Worte sind gefährlich, jetzt besonders. Gerade jetzt darf man so etwas nicht sagen. Man hört den täglichen Wehrmachtbericht im Radio und die Marianne bringt Nachrichten aus der Schule mit, auch dort hört man die Berichte täglich.

Der Lehrer sagt, der Endsieg ist nah.

Lene ist der Endsieg egal. Es ist kalt geworden und das sechste Kriegsweihnachten steht vor der Tür. Immer seltener kann Lene den Kundinnen im Laden die ihnen zustehenden Lebensmittel über die Theke reichen, sie muss oft genug sagen, hab ich nicht mehr, gibt es nicht. Noch sind Kartoffeln im Keller, noch gibt es Eingemachtes und manchmal einen Bückling. Die Mädchen sind mager geworden, die Zöpfe umrahmen schmale Gesichter. Aber der Fritz bleibt ganz ruhig.

Die letzten Wochen bis zum Endsieg überstehen wir auch noch, sagt er und es klingt nicht hoffnungsfroh, sondern höhnisch.

Im April war jemand vom Amt gekommen und hatte darauf hingewiesen, dass das Führerbild im Ladenfenster fehlt.

Die Lene hat Angst vor denen, die plötzlich vor der Tür stehen, hat Angst vor den Fliegern, hat Angst vor allem.

Was, wenn der Mann abgeholt wird? Was, wenn die Mädchen hungern müssen? Was, wenn die Flieger ihre Bomben über dem Dorf abwerfen? Was, wenn sie die Gleisanlagen bombardieren? Was, was, was, wenn …

Zweimarkstück im Magen

Marianne macht brav ihre Rechenaufgaben, sitzt am Tisch, rechnet und schmollt. Es ist Fasnacht und das Mädchen möchte sich verkleiden, möchte fröhlich sein, so wie an Fasnachtstagen manche Jahre vorher. Die Mutter steht am Herd, rührt in einer dünnen Suppe.

Nein, hat die Mutter gesagt, wo so viele Soldaten nicht mehr heimkommen, verkleidet man sich nicht und feiert, das gehört sich nicht.

Es war Fliegeralarm, nur kurz, jetzt hat es Entwarnung gegeben. Man hat Schüsse gehört, nicht weit entfernt.

Die Arbeiter, hat die Mutter gesagt, Jesses, die Arbeiter!

Jetzt hat sie den Kopf wieder über die Suppe gebeugt, die während des Fliegeralarms unbeachtet auf dem Herd vor sich hin köcheln musste, sie hatte gerade noch die Zeit gehabt, den Topf