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Der 2. Weltkrieg geht zu Ende und die Familie muss von Wien fliehen. Der Autor beschreibt die Entbehrungen und Erlebnisse des langen Trecks bis nach Berlin und die ersten Jahre dort nach Kriegsende, wie er sie als Kind erlebt hat.
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Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2018
Wien
Flucht
Das Leben im Forsthaus
Der Treck
Dresden
Zwickau
Mosel
Nach Berlin
Steglitz
Monte Klamotte
Kohlenklau
Schwarzmarkt
Tabak
Biologieunterricht
Ich versuche, meiner Familie zu erzählen, wie ihr Vater bzw. ihr Opa seine Jugend verbracht hat, verbringen musste.
Ich bin Jahrgang 1939 und bin auf dem Flug zum Lufthansa-Heimatflughafen meines Vaters – Wien-Schwechat – in Leipzig geboren. Die Maschine musste damals extra für meine Mutter, und natürlich auch für mich, in Leipzig-Skeuditsch zwischen landen. So bin ich Deutscher geblieben und kein Österreicher geworden.
Die Kindheit verbrachte ich in Wien. Wir wohnten in einer großen Fünfzimmerwohnung im sechsten Bezirk, zwischen Prater und Stadtpark. ich glaube, meine ersten Lebensjahre müssen sehr schön und glücklich gewesen sein. Harte, tief sitzende Erinnerungen beginnen bei mir mit der zunehmenden Bombardierung Wiens.
Zu der Zeit war es fast Pflicht, ständig das Radio eingeschaltet zu lassen, und wenn der Ruf des Kuckucks im Radio zu hören war, verbunden mit dem Hinweis: „Starke Bomberverbände nähern sich Wien aus Ost, West, Süd, Nord oder sonst woher, in einer Entfernung von x km“ holte meine Mutter dann eine Karte hervor, deren Mittelpunkt von unterschiedlichen Kreisen verschiedener Radien unser Bezirk war. Die Entfernungsmeldungen, verbunden auch mit Richtungshinweisen der Bomberverbände, wurden dann immer öfter gesendet. Ab einer gewissen Entfernung mussten wir dann in den Luftschutzkeller, ein normaler Hauskeller, abgestützt mit Holzbalken und mit Sitzbänken versehen.
Der Weg in den Keller, aus der fünften Etage, fast täglich, auch nachts, war sehr mühsam. Es gingen dann ja fast alle Mieter zur gleichen Zeit in den Keller, und es kam mitunter zu Staus im Treppenhaus. Im Keller saßen dann alle Bewohner bei einer sehr spärlichen Beleuchtung. Hier habe ich das unterschiedlichste Verhalten der Hausbewohner im Keller erkennen können. Wir hatten alle die nackte Angst. Jedes Mal, wenn eine Bombendetonation zu hören war, das Licht flackerte, der Sand von der Kellerdecke rieselte, bedingt durch den damaligen Stand der Art, zu bauen, dann schrien einige lauthals, andere beteten, wieder andere saßen kreidebleich und teilnahmslos auf ihrer Bank.
Mütter heulten, einige rissen ihren kleinen Kindern, die etwas jünger waren als ich, den Mund weit auf, um somit für einen Druckausgleich zwischen Ohr, Nase und Mund zu sorgen. Ab diesen Tagen sehe ich noch heute die Vergangenheit vor mir. Ich könnte heute noch sagen wo ich, meine Schwester und meine Mutter saßen. Wenn dann nach einer geglaubten unendlichen Zeit die Luftschutzsirenen Entwarnung gaben, ging die Tortur andersrum wieder los. Jeder wollte so schnell wie möglich in seine Wohnung, um nachzuschauen ob das Haus noch ganz steht oder nur ein Teil, ob die Fensterscheiben ganz geblieben sind usw.
Einmal war eine Phosphorbrandbombe, ohne zu explodieren, in der Decke über dem Bett meiner Eltern stecken geblieben. Heute ist mir erst bewusst was für ein großes Glück es für uns und für das ganze Haus war, dass die Bombe nicht explodiert ist. Brandbomben wurden zuerst abgeworfen, um mit ihren Brandherden der zweiten Bomberwelle ihre Ziel durch den Feuerschein zu zeigen.
Die Hausbewohner bildeten eine große Gemeinschaft, was sich später böse ändern sollte.
Meine Eltern und wir Kinder verbrachten, bis auf die immer häufiger werdenden Bombenangriffe, insbesondere nachts, eine gute Zeit in Wien in unserem Wohnhaus. Die Situation änderte sich schlagartig, als der Krieg sich offensichtlich dem Ende zu nähern schien. Ende 1944 wurden wir als Deutsche geschnitten und verachtet. Meine Schwester durfte nicht mehr in die Schule gehen, das Lehrerkollegium hatte es so beschlossen. Es eskalierte. Die ehemaligen Volksdeutschen waren nun wieder Österreicher und haben uns des Landes verwiesen. Sie haben uns rausgeschmissen.
Mein Vater war zu der Zeit Soldat an der Westfront und konnte meiner Mutter nicht schützend beistehen. Kurz: unsere sehr gut eingerichtete Wohnung wurde von den einst so lieben und hilfsbereiten Hausbewohnern regelrecht geplündert. Man sagte meiner Mutter, die Möbel, Wäsche, Bücher, Geschirr usw. kämen in ein Depot und würden nach Kriegsende an uns zurück gegeben. So mussten wir Wien verlassen. Meine Mutter, Meine Schwester und ich durften nur so viel mitnehmen, wie wir tragen konnten. Es war für meine Mutter schwer zu entscheiden: was nehmen wir mit, und was lassen wir da? Ist das Silber wichtiger als die Briefmarkensammlung? Waren einige Bilder wichtiger als Papiere? Ich hatte einen kleinen Rucksack, aus dem mein Teddy rausguckte, mein damaliger Kummerbär.
Zu der Zeit galt Ostpreußen noch als relativ kriegssicher. Die Familie meines Vaters kam aus Ostpreußen, und so war es für meine Mutter naheliegend, erst einmal zu ihrem Schwager nach Insterburg zu gehen. Auch er war an der Front, Ostfront, und so war meine Tante nicht traurig, uns in ihrem großen Haus aufnehmen zu können. Zu der Zeit wurde von den Behörden – ich weiß nicht wie sie alle hießen – schon alles geplant und vorgeplant.
Wir mussten Insterburg verlassen und wurden in eine Försterei mit vielen Wirtschaftsgebäuden nach Lüben evakuiert. Dort hatten wir eine kurze Zeit des Friedens. keine nächtlichen Bombenangriffe, Schnee und Frost, warme Zimmer, genug zum Essen, einfach alles was wir fast vergessen hatten. Es wurde ja alles für die Front gebraucht. So endete erst einmal unsere Odyssee.
