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Jung, unerfahren und konservativ- das ist Tom Feige. In einer spießigen Kleinstadt aufgewachsen, unter den strengen Augen vom geradlinigen Vater und der katholischer Mutter, erwachen mit seiner Pubertät, die ersten zarten Empfindungen zum eigenen Geschlecht. Doch Homosexualität ist ein schuldhaftes Vergehen. Also verdrängt er seine heimlichen Sehnsüchte über Jahre hinweg und genügt den Ansprüchen seiner Familie und der Gesellschaft. Doch eines Tages, erscheint Andi auf der Bildfläche und bringt sein Leben gehörig durcheinander. Der Schleier der Täuschung fällt und wirft ihn in einen tiefen Gewissenskonflikt. Was jetzt beginnt, ist ein schwerer Weg, auf der Suche nach sich selbst und dem Glück...
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für Joachim, den ich über alles liebe!
Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen, sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.
Am Ende
Coleen
Andi
Manu
Tom
In den Fängen des Greifs
Zusammenbruch
Adlerhütte
Das erste Treffen
Sunny
Wahrheit
Ich bin Ich
Die Spreu vom Weizen
Alles auf Null
Szenenwechsel
Karsten
Allein, nicht Einsam
Déjà-vu
Noch einmal mit Gefühl
Grau Wolkenverhangen und grau. Wie ich selbst. Einer dieser kalten und nebligen Morgen im Herbst, wo der Dunst über dem Teich vor dem Haus wabert und sich kein Lufthauch regt. Man meint fast, sich in einem alten Edgar Wallace Krimi wiederzufinden.
Ich sitze auf der Couch und blicke mit leeren Augen in das Wohnzimmer, auf der Suche nach etwas, das mir Halt gibt.
Die Tasse Kaffee, vor mir auf dem Tisch, ist schon kalt.
Mein Magen verkrampft sich und Übelkeit steigt auf.
An Essen ist nicht zu denken. Zigaretten sind mein Nahrungsmittel. Der Aschenbecher, draußen auf der Fensterbank, quillt schon fast über von den Kippen des gestrigen abends.
Sonst rauche ich nie in der Wohnung- doch gestern ging es nicht anders! Im Zimmer, hängt nun der fahle Geschmack von kaltem Rauch und Schlechtem Gewissen. Wer weiß schon so genau, wo Dieses sitzt? Ich bin der Meinung es muss sich wohl in der Magengegend befinden.
Es ist ein Gefühl, das sich schlecht in Worte fassen lässt.
Wenn ich als Kind etwas angestellt hatte, war es nicht so durchdringend wie jetzt in diesem Moment.
Gut, Kinder können auch noch nicht so ganz zwischen Falsch und Richtig unterscheiden und man lässt ihnen, wohlwollend eine kleine Verfehlung durchgehen. Außer, man erwischt sie, beim Lügen oder Klauen.
Aber dieses miese Gefühl, das sich in mir breit machte, hatte die Macht, mein gesamtes Innenleben zu zerquetschen. Es spannte sich wie ein Schraubstock um meinen Körper, nahm mir die Luft zum Atmen und presste mich aus, bis auch der letzte Hauch von Leben aus mir wich.
Schmutzig und mich selbst verachtend ließ es mich hier zurück. Leer.
Ich konnte kaum schlafen diese Nacht.
Zuviel Alkohol, zu viel geraucht, zu viel Sünde auf mich geladen!
Könnte man doch die Zeit zurückdrehen. Könnte man doch schon vorher wissen, wie es sich hinterher anfühlt.
Dreckig!
Auch das dreimalige Duschen an diesem Morgen wusch nicht das Gefühl der Verzweiflung ab, dass mich beschlich.
Um sechs Uhr heute Morgen war die Nacht zu Ende. Obwohl ich frei hatte war an Schlaf nicht zu denken. Viel zu aufgewühlt hatte mich der gestrige Abend.
Endlich nach so langer Zeit ein freies Wochenende. Wie sehr hatte ich diesem entgegengefiebert.
Lügen!
Ja, lügen musste ich um diesen Abend frei zu halten und alles minuziös zu planen. Aufgeregt, wie ein kleines Kind vor seinem großen Geburtstag. Ein Ereignis, das ich schon immer herbeigesehnt hatte, seit ich vierzehn war!
Ewig verdrängt und aus meinem Kopf verbannt, als würden damit die Apokalyptischen Reiter entsandt.
Und doch ganz hinten in einer verschlossenen Schatulle, im untersten Schub meiner Gedankenkommode sicher verstaut. Versteckt. So dass es niemals jemand finden konnte.
Doch gestern war es nun nach über zehn Jahren soweit. Das Ereignis, auf das ich schon so lange gewartet hatte.
Warum nur fühle ich mich gerade so furchtbar? Warum nur nagt dieses erdrückende Gefühl so sehr an mir obwohl doch der Moment gestern der war, den ich schon immer erleben wollte.
Sicherlich war es schön. Sicherlich wollte ich es so. Sicherlich habe ich es genossen.
Aber wen habe ich dadurch verletzt? Meine Familie? Meine Partnerin? Meine Freunde? Mich selbst?
Als ich heute in den Spiegel schaute, konnte ich es mir selbst an der Nasenspitze ansehen und so werden es die anderen auch. Mein gesamtes Umfeld geriet damit ins Wanken. Setze ich damit meinen Arbeitsplatz aufs Spiel? Kann ich mich noch in der Öffentlichkeit sehen lassen? Was wird man über mich denken? Was werden die Leute über mich reden? Werden sie mit dem Finger auf mich zeigen und hinter vorgehaltener Hand über mich tuscheln, wenn ich an ihnen vorbei gehe? Werden sie mich mit abschätzigen Blicken mustern oder sich gar wegdrehen, wenn sie mich sehen, um mich ja nicht Grüßen zu müssen? Werde ich nun eine Zielscheibe für Hohn und Spott?
Nie, aber auch niemals durfte es jemand erfahren! Niemals!
Warum?
Warum gerade ich, Tom Feige? Es hätte doch auch gut einem anderen bestimmt sein können. Was ist Gott Plan für mich?
Nun sitze ich hier- verzweifelt. Voll Ekel und Scham besetzt.
Stille.
Ich kann diese Stille nicht aushalten. Dieses alles durchdringende Schweigen, das dich anschreit voll Hohn.
Allein.
Ganz allein auf dieser Welt. So muss sich ein Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel fühlen. Ausweglos und voller Angst im Herzen ohne Hoffnung auf eine Zukunft.
Mein Blick schweift, über die immer noch zerwühlten Kissen der Couch.
Eigentlich will ich den gestrigen Abend so schnell wie möglich vergessen, aber ich kann es nicht. Es ist nun ein Teil meines Lebens. Was passiert ist, kann ich nicht ungeschehen machen.
Winzige Details flackern immer wieder auf, wie die züngelnden Flammen des gerade entzündeten Kamins:
Die braunen Augen- dunkel und unendlich.
Die immer noch sonnengebräunte zarte Haut.
Der leicht markant männliche Duft.
Das verschmitzte Lächeln…
Ich schlage die Hände vor meine Augen und schüttle den Kopf. Streng und energisch. Ich will diese Erinnerungen nicht. Nicht jetzt und auch nicht morgen und keinen einzigen weiteren Tag meines Lebens!
Und doch…Nun ist es ein Teil von mir. Ein Teil den ich schon immer in mir getragen hatte. Ein Geheimnis von dem Niemand wusste. Gut gehütet und vor der Welt geschützt, um keine Angriffsfläche zu bieten. Nur nicht auffallen und immer schön genau das tun, was von mir erwartet wurde als Marionette des Systems. Nur nicht herausstechen und lieber untergehen in der Menge, als kleines blasses Nichts in dem großen Menschenmeer dieser Welt.
Ich atme die schwere, abgestandene Luft tief in meine von zu viel Zigaretten flatternde Lunge und huste kurz. Eine bleierne Schwere drückt mich mit dem doppelten Gewicht meines Körpers in die Couch.
So kann ich hier nicht sitzen bleiben. Ich kann das nicht alles mit mir selbst ausmachen wie die Jahre zuvor.
Ich brauche einen Vertrauten, jemanden, auf den ich mich verlassen kann, dass auch wirklich nichts von dem, was ich erzähle, nach außen dringt. Ein Mensch mit Verständnis und Erfahrung in schweren Lebenslagen.
Ein Mensch der mich versteht, wenn ich es selbst nicht kann.
Ein Mensch wie…
Die perfekt manikürten Finger, mit glänzend blauem Nagellack, spielten an der Banderole ihrer tschechischen Zigarettenschachtel. Genervt sah sie auf die Bären Uhr, an der mit Teekannen Tapeten bedeckten Wand der kleinen Küche in der August-Bebel-Straße. Bis ihr Sohn Fredo aus der Schule kam würden noch mindestens zweieinhalb Stunden vergehen.
Sie nahm einen großen Schluck, aus der von Lippenstift gezeichneten Herzchen Tasse mit frisch gebrühtem Kaffee. Die Glut glomm beim Zug an ihrer Zigarette. Sie zog den Rauch tief in ihre Lungen und atmete ihn langsam wieder aus.
Auf dem Küchentisch lag noch, das mit Makeup verklebte Telefon, mit dem sie gerade den Anruf erhalten hatte.
Fünf Minuten sagte er, fünf Minuten- und nun war schon eine viertel Stunde vorbei.
Egal, dachte sie sich, wenn er kommt, muss er halt n bisschen warten, ich muss jetzt aufs Klo!
Laissez-faire drückte sie die Zigarette im Aschenbecher aus und schlängelte sich um den Tisch herum aus der Küche, ging durch den gelb gestrichenen Flur in das mit Windows-Color auf rosa Fliesen beklebte Bad.
Als sie auf der Toilette saß, betrachtete sie zufrieden ihr künstlerisches Werk. Neptun, umringt von Meerjungfrauen und Fischen, sowie etliche Seesterne säumten die Wanne. Im Eck darüber hing ein Fischernetz mit Hummern und Krebsen.
Sie wusch sich die Hände und warf dabei einen prüfenden Blick in den Spiegel. Die aufgezeichneten Augenbrauen saßen perfekt symmetrisch in dem sorgfältig geschminkten Gesicht, eingerahmt von akribisch toupierten, Pink-Rot gefärbten Haaren, die einem Bob ähnelten und mit Haarlack gegen alle Arten von Wetterkapriolen gesichert waren. Mit fast Mitte dreißig und der makellos glatten und von Pflege verwöhnten, Solarium gebräunten Haut, lieferte sie ein polarisierendes Erscheinungsbild.
Im Vorbeigehen rückte sie noch einige Parfum Flacons im Bad Regal gerade als die Türglocke schrillte. Sie glitt mit ihren pinken Flip-Flops zur Wohnungstür, um den Öffner zu betätigen. Während das Haustür Schloss summte stand sie bereit um ihren Besucher in Empfang zu nehmen.
„Machst du alten Urlaub weg oder warum hast du so lange gebraucht?“, fragte sie mit ihrer lauten schrillen Stimme.
„Hi, was ist das denn für eine Begrüßung“, sagte ich.
„Wie siehst du überhaupt aus? Hast du gesoffen gestern?“ Coleen zog ihre Augenbrauen weit nach oben, wobei sich ihre Stirn in Falten legte.
„Du hattest ja noch nie viel Farbe aber heute schaust du aus wie ne Leiche“, flachste sie und drehte sich im Türrahmen um.
„Schuhe aus, ich hab gerade geputzt“, warf sie drohend mit erhobenem Zeigefinger über die Schulter.
Ich streifte meine Schuhe von den Füßen, betrat die Wohnung und bog gleich links in die Küche.
Wir saßen immer hier, Kaffee trinkend und rauchend, bei Diskussionen über Gott und die Welt.
An diesem Tisch sollten schon einige Verschwörungen aufgedeckt, Pläne geschmiedet und tiefgreifende Unterhaltungen über das Leben geführt worden sein.
Coleen und ich eben, meine beste Freundin seit fünf Jahren. Unzertrennlich. Auch wenn ihr Partner Nihat nicht immer sehr erfreut über diese Verbindung war. Er hatte uns auch schon ein Verhältnis unterstellt. Danach konnte ich sie eine Zeit lang nur noch besuchen, wenn er auf Arbeit war.
Das hätte ich wohl, an Nihats Stelle, auch getan. War es nicht sehr ungewöhnlich, dass sich ein Mann und eine Frau nur auf freundschaftlicher Ebene so gut verstanden?
Ganz egal- wir taten es. Alles, aber auch alles konnten wir uns erzählen.
Kennengelernt hatten wir uns im letzten Jahr der Neunziger, als ich meinen Zivildienst im Pflegeheim ableistete. Irgendwie stimmte schon immer die Chemie zwischen uns beiden. So was wie Liebe auf den Ersten Blick- nur mit Freundschaft eben.
Coleen war eine Frau, die schon einige Schicksalsschläge in ihrem Leben hinnehmen musste. Deshalb war sie auch so verständnisvoll, wenn ich mit meinen Problemen zu ihr kam. Meist hatte sie eine gute Lösung parat oder erzählte mir von ihren Eindrücken, wenn sie den gleichen Fall auch schon erlebt hatte.
Im Gegenzug stand ich ihr immer bei, wenn es wieder mal Probleme in ihrer Beziehung gab oder der Umgang mit Fredo sich schwierig gestaltete, weil er schlechte Zensuren in der Schule hatte.
Ein Geben und Nehmen, wie in einer guten Partnerschaft, nur eben mit Freundschaft. Verbunden durch ein unsichtbares Band zwischen zwei Seelen.
Coleen musterte mich aus den Augenwinkeln, während sie mir eine Tasse Kaffee einschenkte. Sie wusste genau wie ich ihn trank, blond und süß.
Als sie umgerührt hatte, nahm sie den Löffel aus der Tasse und reichte sie mir.
Sie nahm vis-à-vis Platz und wieder wanderten ihre Brauen gen Scheitelansatz.
Nachdem sie schlürfend einen Schluck Kaffee genommen hatte, verschränkte die Arme vor der Brust, schürzte die Lippen und fragte: “Na, wo drückt der Schuh?“
Ich wich ihrem Blick aus. Erdboden tue dich auf, dachte ich. Coleen kannte mich zu gut, als das ich ihr etwas vormachen konnte.
Was sollte ich nur antworten? Warum war ich eigentlich hier? Wie komme ich aus der Nummer wieder raus? Einfache Antwort: Gar nicht!
Ich konnte ihr nichts vorlügen, sie wusste genau, wenn ich flunkerte.
Ich zündete mir eine Zigarette an, nahm einen großen Schluck aus meiner Tasse und atmete tief ein.
„Naja, weißt du…eigentlich…also…“, stotterte ich unbeholfen, während mein Gesicht die Farbe eines kochenden Hummers annahm.
„Nee, weiß ich nicht! Was stammelst du da rum? Sag halt der Mutti was los ist“, spottete sie.
Ich verbarg mein Gesicht in meinen Händen, darauf bedacht, mir nicht mit der glühenden Zigarette die Haare anzusengen und nuschelte in meine Handinnenflächen: “Es ist schlimm, furchtbar schlimm…Ich weiß nicht ob ich es dir erzählen kann…vielleicht hast du mich dann nicht mehr lieb…“
Zwischen meinen Fingern hindurch sah ich, wie sich ein süffisantes Grinsen auf Coleens Lippen breit machte. Begleitet von einem sarkastischen Grunzen.
„Na freilich! So wird’s werden…Spinnst jetzt? Du kannst der Mutti alles sagen, Hase. Das weißt du aber hoffentlich“, feixte sie, “Also raus mit der Sprache. Sonst sitzen wir übermorgen auch noch hier!“
Ich vergrub mich immer tiefer in meinen Händen. Mir wurde heiß und kalt. Tränen traten in meine Augen und ich konnte diese auch nicht zurückhalten. Die salzige Flüssigkeit lief über meine Wangen und tropfte von meinem Kinn herunter.
Genervt riss Coleen ein Stück Küchenrolle ab und schob es mir über den Tisch. Ich nahm es, wischte mir die Tränen vom Gesicht und schnäuzte mich geräuschvoll.
Diesmal wanderte nur eine ihrer Brauen Richtung Stirn.
Mit verschwommenem Blick, durch die verquollenen Augen, sah ich sie an und schluchzte: „Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll…das ist nicht so einfach!“ und wieder stieg mir das Wasser in die Augen.
Ihr spöttischer Blick wurde milder, sie seufzte kurz und zündete sich eine Zigarette an.
„Jetzt fahr mal runter du Knallkopf und hol Luft! Es gibt nichts so Entsetzliches, als dass du es mir nicht erzählen kannst. Gib mir mal n Tipp: Um was geht’s denn ungefähr? Vielleicht kann ich’s erraten.“
Mein gesamter Körper wurde durch das Schluchzen durchgerüttelt. Ich bekam kaum noch Luft und presste heraus: „Andi“.
Für einen kurzen Moment herrschte völlige Stille im Raum. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Nur einen Wimperschlag lang hielt Coleen inne. Theatralisch zog sie an ihrer Zigarette und beim ausatmen entwich ihrem Mund ein allwissendes: „Aha!“
Sie gab mit etwas Zeit, bis ich mich gefangen hatte. Den Blickkontakt vermied ich jedoch weiterhin.
Mit gesenktem Kopf saß ich ihr gegenüber.
Schließlich ergriff sie das Wort: „Also, wenn du mir irgendwie sagen willst, dass du schwul bist, dann kann ich dich beruhigen…Erzähl mir mal was Neues!“
Klatsch! Das hatte gesessen!
Da lag es nun, vor mir auf den Tisch, wie eine Splitterbombe aus dem 2. Weltkrieg. Das Wort. Das böse, bedrohliche, unheimliche, schuldeinflößende Wort: Schwul.
Es ist so kurz und winzig, besteht nur aus sechs Buchstaben und wiegt aber so viel wie tausende Tonnen Stahl. Es ist so klein aber kann ein ganzes Leben in Trümmer legen. Alles was bisher gewesen war, alles was ich mir aufgebaut hatte, alles konnte durch dieses eine Wort nichtig gemacht werden.
Und nun war es raus. Jetzt war es da. Bittere Realität. So gelassen von ihr ausgesprochen. Es schwebte nun über mir wie ein Damokles Schwert.
Ich hob meinen Kopf und starrte Coleen an.
Vielleicht kann ich noch irgendwas retten, dachte ich.
Unbeholfen begann ich zu sprechen: „Naja, ich sehe es eher als Ausrutscher. Als einmaligen Ausrutscher. Ich hab mich da wohl überrumpeln lassen…glaub ich.“
Sie sah mir tief in die Augen.
„Belüg dich nicht selbst. Wird es denn eine einmalige Sache gewesen sein? Wirklich, nur einmal?“, drang sie in mich.
Ich hielt ihrem durchdringenden Blick stand. Nur keine Schwäche zeigen!
Schließlich sah ich doch nach unten und schüttelte kaum merklich meinen Kopf.
Wieder kam dieses allwissende: „Aha!“
„Hase, ich gebe dir einen guten Rat: Sei ehrlich zu dir selbst! Wenn es so ist, ist es so! Ich hab mir das schon immer gedacht. Ich wusste nur nicht warum du dich mit Frauen eingelassen hast. Das passt gar nicht!“
„Ich weiß…“, flüsterte ich.
„Du brauchst auch keine Angst haben, ich verurteile dich nicht- im Gegenteil! Ich find das super! Das macht alles leichter. Also ich sehe da überhaupt kein Problem.“, hauchte sie empathisch und tätschelte meine Hand.
„Das mag sein“, wisperte ich, “aber für mich ist es das!“
Das letzte freie Wochenende war einfach geil.
Mega Party in Darmstadt. Grelle, kurz aufblitzende Lichter, durchdringen die Schwaden aus der Nebelmaschine die über der Tanzfläche liegen. Technobeats den ganzen Abend. Lauter verschwitzte Typen mit nacktem, muskulösem Oberkörper auf dem Dancefloor.
An der Bar kommt man, bei kühlen Drinks, gut ins Gespräch. Immer bekam man eine Kippe angeboten und wurde auf einen Shot eingeladen.
Das Einzige, was man dafür tun musste, war ein frivoles Lächeln aufzusetzen und ein paar lüsterne Blicke zu verteilen, dann zückte schon einer dieser Kerle, mit dampfendem Körper, seine Geldbörse. Hier wurden die Boys abgecheckt wie Models auf dem Laufsteg in Mailand.
Sollte es noch heißer, und die Shots nicht nur in alkoholischer Form am Tresen ausgetauscht werden, verschwindet man auf die Toilette, in der kostenlose Kondome ausliegen.
Das alles, machte die lange Fahrt wieder wett.
Ein Freund schleppte ihn das erste Mal mit. Eigentlich wollte er zu Hause bleiben und mit seiner Playstation zocken, doch er wurde überredet.
Seit dieser Zeit fuhr er, so wie es ihm möglich war, mindestens aber einmal im viertel Jahr dorthin. Übernachten konnte er bei einem schwulen Pärchen, dass er in jener Diskothek kennengelernt hatte. So konnte er sich die Übernachtungskosten im Hotel sparen.
Bevor das alles sein Interesse weckte, hielt er sich an eine bekannte Adresse in der Nähe.
Wenn er Lust auf einen Mann hatte, fuhr er fünfzehn Kilometer in die nächste Stadt in die einschlägige Kneipe namens „Schnürsenkel“.
Es war immer die gleiche Auswahl und man kannte sich. Dafür wusste Mann, was Mann bekam. Eine Szene Kneipe war es offiziell nicht, aber Insider wussten genau, was dort vor sich ging.
Über das Netz wollte er keine Kontakte. Man konnte nie wissen, mit welchen Typen man sich da einließ. Er war stets auf Sicherheit bedacht. Immer Safer Sex, mit bestimmten vorher getroffenen Absprachen, um sich nichts einzufangen.
Er war gut im Geschäft, was seinem jugendlichen Aussehen zuzuschreiben war, trotz seiner fast dreißig.
Seine dunkelbraunen Augen und die fast schwarzen, kurzen, hochgestellten Haare. Groß mit jungenhafter Figur und natürlich das verschmitzte Lächeln. Immer legere nach der Mode gekleidet und einen schlendernden, lässigen Gang.
Das war er- Andi. Ein erwachsener Junge, der genau wusste was er wollte und meist bekam er das auch.
Zu leicht wollte er seine Beute nicht bekommen, denn die Jagd war der große Reiz und das Erlegen, das Salz in der Suppe. So hatte er auch sein neustes Opfer schon im Visier. Ein Kollege aus dem Pflegeheim. Der war liiert mit einer Frau- nicht mehr lange, dafür würde er sorgen.
Es war kein Zufall das sie sich im Flur des Erdgeschosses trafen.
Andi wusste genau wann Tom die Bewohnerin in den Speisesaal brachte. pünktlich auf die Minute, jeden Tag. Danach konnte man die Uhr stellen.
Tom war ein hübscher Kerl. Süße fünfundzwanzig. Kleiner als er mit blonden Strähnen in seinem kurzen Haar. Er hatte moosgrüne Augen, trug eine Brille und hatte ein umwerfendes Lachen. Außerdem immer freundlich und hilfsbereit.
Nur das mit der Freundin wunderte ihn. Er würde auf die Bibel schwören, dass dieser Kerl schwul war. So war sein Jagdinstinkt geweckt und er hatte Fährte aufgenommen.
Andi setzte sein süßestes Lächeln auf, als er mir im Gang begegnete.
„Hi Andi, na wie geht’s“, sprach ich ihn an.
„Hi Tom, Danke der Nachfrage. Und selbst?“
„Alles Bestens. Wie war dein Wochenende?“
„Sehr abwechslungsreich. Und deins?“
„Ich bin wieder mal eingesprungen, Elvira ist doch krank. Nächstes habe ich auch noch Dienst aber dann endlich frei. Mag kommen was wolle, da arbeite ich nicht!“, antwortete ich.
„Das war dein Siebtes in Folge, oder?“
Ich nickte, streckte die Zunge heraus und verdrehte dabei die Augen.
„Du armer Kerl.“, hauchte er zuckersüß, „Du brauchst unbedingt mal Abwechslung!“
„Ja das stimmt wohl.“, entgegnete ich.
„Schon was geplant?“, fragte er und lehnte sich ein Stück zu mir herüber. Wie durch Zufall berührten sich dabei unsere Hände.
„Noch nichts Konkretes. Manu möchte unbedingt mit mir und ihrem Bruder zum Kinostart nach Bayreuth in „Die Bourne Verschwörung“. Die steht voll auf Matt Damon. Bock hab ich keinen!“
Ich verdrehte wieder die Augen.
„Soll aber gut sein“, beschwichtigte Andi.
„Hm, mal sehen. Wenn nicht kann ich mich noch aus der Affäre ziehen in dem ich sage, ich müsste wieder arbeiten. Vielleicht entschließt sie sich dann bei Stefan zu übernachten. Dann hätte ich bis Sonntagnachmittag mal Ruhe. So früh stehen die beiden nämlich nicht auf, liegt wohl in der Familie“, scherzte ich.
„Auch ne Idee“, grinste Andi, „Falls du nicht weißt was du Samstagabend anstellst, könnten wir ja mal was trinken gehen ins „Maxim“.“
„Jo, vielleicht. Ich guck mal.“
„Ich geb dir mal meine Handynummer, dann kannst du mir schreiben falls es klappt“, bemühte sich Andi lässig und zog ein Stück Papier und einen Stift aus der Hosentasche.
Hastig notierte er die Nummer.
„Ok, danke. Ich denke eher nicht aber man weiß ja nie. Ich schreib dir aber mal, dann hast du auch meine Nummer“, lächelte ich zurück.
„Alles klar. Na dann- frohes Schaffen.“ Andi hob die Hand zum Gruß.
„Danke- ebenfalls.“
Ich drehte mich um.
Hatte ich wirklich gesagt er bekommt meine Nummer? Was war denn jetzt los? Eigentlich kenn ich ihn gar nicht! Sowas war nicht meine Art.
…mit ihm was trinken gehen- wüsste nicht mal über was wir reden sollten…
Ich lief zum Aufzug, drückte den Knopf und wartete…
Zwei Tage später war ich bei Manu. Nach dem wir gegessen hatten fläzten wir uns auf die Couch.
Manu war eine hübsche Kleine, mit schulterlangen dunkelblonden Haaren und einer sehr fraulichen Figur. Ihre rehbraunen Augen und ihr leichter Überbiss verliehen ihrem Gesicht ein Schulmädchenhaftes Aussehen.
Manu hatte schon viel Erfahrung in Liebesdingen, was ich nicht vorweisen konnte.
Vor ihr, gab es bisher nur eine. Drei Jahre hielt diese Verbindung. Wir wohnten sogar schon zusammen, in der eigenen, leider nicht abgeschlossenen Wohnung, im Haus meiner Eltern, was erhebliche Probleme verursachte.
Auch waren wir wohl zu unterschiedlich und deshalb, ging diese Verbindung in die Brüche. Trotzdem war sie die Erste- und die vergisst man nicht…
Manu fing langsam an mich zu streicheln.
„Endlich mal wieder ein gemeinsamer Abend“, hauchte sie mir ins Ohr,“ schön, dass du über Nacht bleibst. Das verschafft uns mehr Zeit…“
Sie knabberte zärtlich an meinem Ohrläppchen. Dann küssten wir uns, erst langsam und zärtlich, dann immer leidenschaftlicher. Abrupt nahm sie meine Hand.
„Komm“, flüsterte sie, „wir gehen rüber ins Bett.“
Das war in ihrem Ein-Zimmer-Appartement nicht weit. Während wir hinüber stolperten, zogen wir uns gegenseitig aus und küssten uns noch inniger. Mit einer Hand öffnete ich ihren BH. Sie war sehr stürmisch und drängend.
Als wir im Bett lagen massierte ich ihre Brüste, dass mochte sie gern. Sie stöhnte und drehte mich auf den Rücken. Langsam glitt sie auf mich…
Manu war eine sehr leidenschaftliche Liebhaberin. Im Gegensatz zu meiner Ex hatte sie Spaß am Verkehr, ergriff meistens die Initiative und es gab auch kein langes Vorgeplänkel. Es ging immer schnell zu Sache und es dauerte auch nicht stundenlang. Wie passend!
Am nächsten Morgen frühstückten wir ausgiebig.
„Du, ich hab dir ganz vergessen zu erzählen, dass ich heute mit meiner Patin zu ihrer Schwester fahre“, sagte Manu und machte ein erschrecktes Gesicht, während sie sich die Hände an die Wangen hielt, als würde sie schockiert sein.
Ich antwortete mit missfallen: “Na das fällt die ja bald ein“, und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sei nicht böse…ich hab es einfach vergessen…“
Ich machte ein beleidigtes Gesicht, obwohl ich insgeheim froh war ein wenig Zeit für mich zu haben.
„Da hat man schon mal unter der Woche gemeinsam frei…und dann das!“, log ich.
„Dafür wird’s das nächste Mal umso schöner, wenn wir uns sehen“, lächelte sich mich an.
Sie kam zu mir herüber, umarmte mich und flüsterte: „Tut mir leid…“
Ich erwiderte ihre Umarmung und nickte.
Manu konnte man nicht böse sein. Sie war so herzig. Manchmal ein kleiner Tollpatsch und manchmal Femme fatale.
Sie arbeitete als Schmuckverkäuferin in einem alt eingesessenen Juwelierladen in unserer kleinen Stadt. Durch ihre Kollegin, die wiederum die Partnerin eines Kollegen von mir war, kamen wir zusammen.
Im Eiscafé trafen wir uns das erste Mal- natürlich arrangiert von den anderen beiden, ich weiß noch genau, wie schüchtern sie da war. Ich übrigens nicht minder.
Auch sie hatte schon viel durchgemacht. Eltern geschieden, zum Vater keinen Kontakt, mehr oder weniger groß gezogen von ihrer Patentante.
Manu war schon immer eine, die sich durchbeißen musste, ihr wurde nichts geschenkt. Die Schulnoten nicht die allerbesten wegen der zerrütteten Familienverhältnisse- aber doch eine abgeschlossene Berufsausbildung. Darauf war sie sehr stolz!
Viel verdiente sie nicht, gerade genug, um sich das Ein-Zimmer-Appartement mit kleinem Balkon in dem großen Wohnblock leisten zu können. Es lag etwas außerhalb des Zentrums. Zu danken hatte sie es ihrer Patin, die die drei Monatsmieten Kaution hinterlegte und dafür sorgte, dass sie die Wohnung bekam, als der Vormieter auszog. Sie wohnte auf der gleichen Etage, zwei Türen weiter.
