Jungen weinen nicht - Mikey Walsh - E-Book

Jungen weinen nicht E-Book

Mikey Walsh

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Beschreibung

"Sei ein Mann und heul nicht!", fordert sein Vater, wenn er ihn beim Boxtraining ins Gesicht schlägt. "Halt still und verrat nichts", flüstert sein Onkel, wenn er sich an ihm vergeht. "Lauf weg mit mir, ich liebe dich", bittet ihn seine erste große Liebe. Doch das hieße, mit allem zu brechen, was er kennt. Mikey wächst in einer archaischen Roma-Community auf und wird jahrelang gedemütigt und gequält, weil der sensible, nachdenkliche Junge nicht den Erwartungen von Männlichkeit entspricht. Mit 15 sucht er sein Heil in der Flucht - mit dramatischen Folgen.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmung1 – Die Geburt eines Schweinejungen2 – Wunderjahre3 – Die Schwestern Grimm4 – Einstecken lernen5 – Bungalow mit Barbie-Friedhof6 – Schule und eine große Stadt7 – Willkommen in Warren Woods8 – Der Club9 – Boot Camp10 – Das böse Bowers-Mädchen11 – Kevin12 – Das Monster im Wald13 – Das Schicksal der Munchkin-Königin14 – Wir ziehen weiter15 – Ein zwölf Jahre alter Mann16 – Nimm mich mit17 – Bedauern18 – Ein neuer Anfang19 – Frankies Wut20 – Sexualkunde21 – Calebs Plan22 – HeuteEpilogDank

Über dieses Buch

»Sei ein Mann und heul nicht!«, fordert sein Vater, wenn er ihn beim Boxtraining ins Gesicht schlägt. »Halt still und verrat nichts«, flüstert sein Onkel, wenn er sich an ihm vergeht. »Lauf weg mit mir, ich liebe dich«, bittet ihn seine erste große Liebe. Doch das hieße, mit allem zu brechen, was er kennt. Mikey wächst in einer archaischen Roma-Community auf und wird jahrelang gedemütigt und gequält, weil der sensible, nachdenkliche Junge nicht den Erwartungen von Männlichkeit entspricht. Mit 15 sucht er sein Heil in der Flucht – mit dramatischen Folgen.

Über den Autor

Mikey Walsh wurde 1980 als erster Sohn einer Roma Familie geboren. Er verließ seine Community mit 15 Jahren nach einer Kindheit voller Gewalt und Missbrauch, weil er dort als schwuler Mann keine Zukunft für sich sah. Heute lebt er in London, arbeitet als Lehrer für Kunst und Schauspiel und engagiert sich für die Rechte Homosexueller.

Aus dem Englischen vonKatja Bendels

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2009 by Mikey Walsh

Titel der englischen Originalausgabe: »Gypsy Boy«

Originalverlag: Hodder & Stoughton

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © Popperfoto /getty-images, © Ernie Janes /Alamy Stock Photo

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-7236-6

www.luebbe.de

www.lesejury.de

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Für Leigh

1

Die Geburt eines Schweinejungen

Meine Großeltern zogen gerade mit dem Rest ihres Konvois durch Berkshire, als bei meiner Granny Ivy hinten im Wagen die Fruchtblase platzte. Damals, in der Nachkriegszeit, bekamen die meisten Zigeunerfrauen ihre Kinder zu Hause mit der Unterstützung anderer Frauen, aber Ivy, nicht ganz einen Meter zwanzig groß und deshalb nicht selten mit einer Pygmäin in Strickjacke verwechselt, auch wenn sie das Temperament eines Ogers hatte, wäre niemals in der Lage gewesen, eine Hausgeburt ohne die Hilfe einer echten Hebamme und einer Handvoll Ärzte zu überstehen.

Das nächste Krankenhaus war das Royal Berkshire Hospital, und Ivy hatte keine andere Wahl. Sie musste dorthin, um ihr Kind zu bekommen, und brachte einen strammen Jungen zur Welt: Tory. Ein paar Jahre später kehrte sie zurück und produzierte Zwillinge: meinen Vater Frank und seine Schwester Prissy. Ivys Jüngster und absoluter Liebling, Joseph, folgte zwei Jahre danach.

Ivy und mein Großvater, Old Noah, waren echter Zigeuneradel, und das Engagement, das die Leute im Royal Berks ihnen entgegengebracht hatten, blieb in Erinnerung. Als Joseph geboren wurde, kamen bereits alle neuen Zigeunerbabys dort zur Welt.

Reading ist eine große Stadt vor den Toren Londons. Sie besitzt keine besonderen Sehenswürdigkeiten oder Attraktionen, aber das Royal Berks bescherte ihr die höchsten Besucherzahlen unter den Zigeunern im ganzen Land. Sobald der Geburtstermin näher rückte, fanden sich fast alle Familien auf einem der vielen Campingplätze rund um die Stadt ein.

Als ich an der Reihe war, geschah es in Anwesenheit von meinem Vater, Großvater Noah, Granny Ivy, meiner anderen Granny Bettie, Tante Minnie – der Schwester meiner Mutter – und deren Mann Onkel Jaybus. Unter Zigeunern waren Geburten, wie Hochzeiten und Beerdigungen, Ereignisse, die man gemeinsam erlebte, und diese hier gehörte erst recht dazu, nicht nur weil meine Mutter Herzgeräusche hatte und man sich um ihre Gesundheit sorgte, sondern vor allem, weil die ganze Familie fest davon ausging, dass sie ihnen einen Jungen schenken würde.

Meine Eltern hatten bereits eine Tochter, meine Schwester Frankie, und deshalb musste dieses Baby hier einfach der Sohn sein, auf den mein Vater gewartet hatte.

Als man mich meiner Mutter in die Arme legte, sagte Granny Ivy mit ihren schwarz gefärbten bauschigen Haaren, dem Mund voller Goldzähne und dem Körperbau eines Kindes: »Das ist das fetteste Kind, das ich je gesehen habe, Bettie! Ein kleiner Schweinejunge.«

Alle anderen, die sich um das Bett versammelt hatten, kicherten, nickten und strichen sich zustimmend übers Kinn.

Ich habe keine Ahnung, wie schwer ich war – oder wie ich aussah –, aber die Nacht, in der Bettie Walsh ein Schweinchen zur Welt brachte, ist in die Familiengeschichte eingegangen.

Jahrelang prahlte meine Mutter damit, dass ich sie fast umgebracht hätte. Meine gesamte Kindheit hindurch hörte ich die Frauen gackernd und johlend über den Tag reden, an dem Bettie ihr Riesenferkel nach Hause brachte. Wenn es einen Preis für das größte, hässlichste und fetteste Baby gegeben hätte, dann hätte ich den größten, hässlichsten und fettesten Pokal bekommen. Und nachdem ich unzählige Male dasitzen und höflich mitanhören musste, wie erschrocken alle bei meinem Anblick gewesen waren, war ich der Ansicht, ihn auch verdient zu haben.

Das Erste, was mein Vater gleich nach meiner Geburt tat, war, mir eine goldene Kette mit einem winzigen Paar goldener Boxhandschuhe um den Hals zu hängen. Die Kette war angefertigt worden, bevor sie überhaupt gewusst hatten, dass ich ein Junge werden würde; sie war ein Symbol künftigen Ruhms und der größten Hoffnung meines Vaters.

In jedem Land gibt es einen Mann, der die Krone im Lieblingssport der Zigeuner trägt: Bare-Knuckle Fighting – Boxen mit bloßen Händen. Diese Krone ist der Heilige Gral unter den Männern; doch selbst, wenn sie es nicht unbedingt auf die Krone abgesehen haben, ist das Kämpfen Teil ihres Alltags. Für einen Zigeunermann wäre es unmöglich, sich in Gesellschaft anderer Zigeunermänner zu bewegen, ohne immer wieder zum Kampf aufgefordert zu werden. Und wer herausgefordert wird, muss diese Herausforderung annehmen. Egal wie gering seine Chance ist, zu gewinnen, er muss seine Ehre verteidigen, auch wenn er bloß als blutige und geschundene Kerbe im Gürtel eines ehrgeizigen Fighters endet – oder häufiger, irgendeines Arschlochs, das sich gerne prügelt.

Jeder Mann, der eines Tages die Krone tragen will, muss vorher eine ganze Kompanie von Gegnern bekämpfen – und besiegen. Und das Leben eines wahren Zigeuner-Champions ist hart. Um es zu bleiben, muss er ständig kämpfen, denn es gibt immer einen neuen, ehrgeizigen, jüngeren Herausforderer, der nur darauf wartet, seinen Platz einzunehmen.

Das ist der Grund, warum unsere Familie als etwas Besonderes betrachtet wurde, denn sie trug die Bare-Knuckle-Krone, seit mein Urgroßvater Mikey sie zum ersten Mal gewonnen hatte.

Er war während des Blitzkriegs aus Osteuropa nach Großbritannien gekommen – heimatlos und ohne Geld, mit seiner Frau und ihren Kindern: drei Söhne und zwei Töchter. Der Krieg hatte die Zigeuner, von den Nazis gehasst und verfolgt, beinahe ausgerottet. In Europa waren nicht wenige davon überzeugt, dass wir bereits ausgelöscht waren und nur noch als winzige Fußnote zu den anderen Völkern und Kulturen existierten, die dem Holocaust zum Opfer gefallen waren. Doch ein paar von uns hatten überlebt. Und in den Jahren nach dem Krieg kamen sie zusammen und bauten ihre Gemeinschaft wieder auf.

Als meine Urgroßeltern nach Großbritannien kamen, nutzten sie jede Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Mikeys Frau Ada verkaufte Glücksbringer und sagte die Zukunft voraus, während er für Geld boxte und die Fäuste gegen jeden erhob, der bereit war, ein paar Pfund in den Ring zu werfen. Die beiden verdienten bald gutes Geld, und Mikeys Ruf als Kämpfer wuchs.

Bald hatten sie genug, um sich ein Stück Land zu kaufen, und auf diesem errichteten sie ein Camp, ein Zuhause für Zigeuner, um sie von den Straßenrändern, Feldern und Rastplätzen zu holen. Sie verlangten bezahlbare Mieten, boten gute Gesellschaft, Unterbringung für die Tiere und Schutz vor den Vorurteilen der Außenwelt. Und die Zigeuner standen förmlich Schlange, um bei ihnen ihre Zelte aufzuschlagen.

Mein Urgroßvater Mikey musste nicht länger kämpfen, um Geld zu verdienen, aber seine Gier nach Blut und dem Triumph des Sieges hatte er nicht verloren. Und so wurde es sein Schicksal, weiterzukämpfen. Jeder mutige junge Kämpfer im Land, der Ruhm suchte, wollte sein Glück gegen den Champion versuchen. Und Mikey besiegte sie alle, bis er schließlich nach vielen Jahren unbesiegter Glückseligkeit zu alt wurde, um gegen jüngere, stärkere Männer zu bestehen, und geschlagen wurde. Sein Sohn Noah, der damals noch zu jung war, um zu kämpfen, schwor, sich sein Geburtsrecht zurückzuholen, und als er sechzehn war, tat er genau das. Er boxte den Mann, der einst seinen Vater besiegt hatte, in Grund und Boden.

Fest entschlossen, die Krone von nun an in der Familie zu halten, erzog Noah seine Söhne zu wahren Gladiatoren unter den Zigeunern. Von Kindesbeinen an zwang er seine Jungs, gegen erwachsene Männer zu kämpfen und sogar gegeneinander, bis sie jegliche Angst und Skrupel verloren hatten.

»Schlag sie, dass sie nie wieder aufstehen. Ein. Guter. Treffer. Puste den Mann aus wie eine Kerze«, wiederholte er immer wieder, und diese Sätze wurden für seine Söhne zum Mantra.

Als mein Vater in die Pubertät kam, hatte er bereits so ziemlich jeden Mann im gesamten Land, der einen Kampf wert gewesen war, geschlagen. Er sehnte sich nach der Krone und der Anerkennung seines Vaters, die sie ihm gebracht hätte. Doch eben diese Krone, die mein Vater so gerne gehabt hätte, gehörte bereits seinem älteren Bruder Tory, der nicht nur der beste Kämpfer unter den Zigeunern war, sondern auch deutlich reicher und besser aussah als mein Vater. Außerdem war er der absolute Liebling ihres Vaters. Er war so erfolgreich, dass er sogar außerhalb der Zigeuner-Gemeinschaft zum Box-Champion wurde.

Gegen seinen Bruder hatte mein Vater keine Chance, und nun, da er seine eigenen Hoffnungen hatte begraben müssen, konzentrierte er sich auf seinen Sohn. Er war fest davon überzeugt, dass ich der Kämpfer sein würde, der alle anderen besiegte, auch die beiden strammen Söhne meines Onkels Tory, Tory junior und Noah, die sich, obwohl sie damals selbst kaum mehr als kleine Kinder waren, bereits darauf vorbereiteten, Box-Champions zu werden.

Meine beeindruckende Größe und Hässlichkeit bei der Geburt bestärkten meinen Vater nur noch in seinem Enthusiasmus. Und sobald die Kette mit den goldenen Handschuhen um meinen Hals hing, forderte er einen entsprechenden Namen für mich.

Meine Mutter mochte die beliebten Zigeunernamen wie Levoy, John, Jimmy oder Tyrone nicht besonders. Mit ihrem Faible für den Achtziger-Jahre-Glamour von Denver Clan wollte sie mich unbedingt Blake nennen – was mein Vater und seine Familie, besonders Old Noah, ebenso unbedingt verhindern wollten.

»Das ist ein verdammt hässlicher Bastard«, sagte er zu meinen Eltern. »Den könnt ihr nicht Blake nennen.«

Meine Mutter war die raue und direkte Art ihres Schwiegervaters mittlerweile gewohnt, aber diesmal war er zu weit gegangen. Sie bestand darauf, dass ich Blake heißen sollte – bis mein Vater sich einmischte und erklärte, ich solle nach seinem Großvater benannt werden, dem großen alten Box-Champion Mikey.

Und so wurde Mikey mein offizieller Name. Aber für meine Mutter war ich immer Blake und werde es immer sein.

Nachdem die Namensfrage geklärt oder zumindest ein Kompromiss gefunden war, nahmen sie mich mit nach Hause. Meine Mutter hatte einen Weidenkorb gekauft, in den sie mich hineinlegte, aber der war diesem Kraftmeier von einem Baby, der ich war, nicht gewachsen. Als sie mich aus dem Krankenhaus trug, riss der Boden des Korbs, und ich kullerte die Eingangstreppe hinunter bis auf den Bürgersteig.

»Du hast keinen Ton von dir gegeben«, sagte meine Mutter, als sie mir einige Jahre später davon erzählte. »Ich bin die Stufen runtergerannt und habe deinen Namen gebrüllt, und du hast mit dem Gesicht nach unten dagelegen und keinen Mucks von dir gegeben. Ich hab gedacht, du bist tot. Aber als ich dich umgedreht habe, hast du ausgesehen, als hätte ich dich gerade geweckt.«

Man brachte mich eilig wieder zurück und untersuchte mich, aber ich hatte bloß ein paar Kratzer. Alle erklärten, ich hätte großes Glück gehabt. Doch bis mein Vater und meine Mutter wieder im Auto saßen, um mich nach Hause zu bringen, hatten sie angefangen, sich ernsthaft Sorgen zu machen.

»Er hat keinen Laut von sich gegeben, Frank.«

»Er ist stumm. Ich wette beim Leben meiner Mutter, ich habe mir einen stummen Jungen angelacht«, sagte mein Vater.

Unser Zuhause war damals ein Caravanpark nur wenige Meilen außerhalb von Reading. Unser Wohnwagen stand in einem Kreis mit anderen, allesamt mit einem Stück Garten und einem Schuppen dahinter. Der Platz in der Mitte, wo die Wagen sich gegenüberstanden, war als Spielfläche für die Kinder gedacht gewesen, doch im Laufe der Jahre war er zu einem Schrottplatz für alte Autos geworden, von denen die meisten bereits ausgeschlachtet waren. Die kleinen Gärten hinter den Wohnwagen sahen ähnlich aus – vollgestellt mit Autoteilen, alten Autos, Müll und Schrott. Die meisten der Männer verdienten ihr Geld damit, dass sie aus den Einzelteilen, die auf dem Platz herumflogen, neue Autos zusammensetzten oder Ersatzteile verkauften. Als ich dort ankam, war alles so zugeschrottet, dass kaum genug Platz war, um durch das Tor zu fahren, um die Müllberge herumzunavigieren und das Auto hinter unserem Wohnwagen abzustellen.

Das hier war nicht das Camp, das meine Urgroßeltern gekauft hatten. Es war verkauft worden, um Tory ein riesiges Haus, ein Autohaus für Gebrauchtwagen und einen Schrottplatz zu kaufen, den er gemeinsam mit seinem jüngsten Bruder Joseph führte.

Innen sah unser Wohnwagen so aus, wie die meisten Wagen in den frühen Achtzigern eben aussahen – schokoladenbraun mit einem Klecks grellem Halloween-Orange. Das Sofa war mit einem Muster aus Herbstblumen in unterschiedlichen Farben bestickt, die Wände sahen zwar aus, als wären sie aus Holz, in Wirklichkeit aber waren es billige Paneele aus Fiberglas, die leicht zerbrachen und so Zeugnis von den Wutausbrüchen meines Vaters gaben. Sie hatten mehrere faustgroße Löcher und ein riesiges, etwa kopfgroßes Loch in der Wand zwischen Küche und Wohnbereich, das aussah wie eine ausgefranste Essensdurchreiche. Überall an den Wänden hingen Familienfotos und Spiegel im Goldrahmen, wie Zigeunerfrauen sie liebten. Meine Mutter war keine von diesen schmuckbehängten Zigeunerinnen und stand auch nicht besonders auf Gold, aber sie fand, dass die Spiegel sehr nützlich waren, um die »architektonischen Mängel« zu kaschieren.

Meine Schwester Frankie, damals fast zwei Jahre alt, freute sich mächtig, dass man ihr ein neues Spielzeug mitgebracht hatte. Doch als ich auch in den folgenden Wochen keinen Laut von mir gab, machten meine Eltern sich zunehmend Sorgen. Ich weinte nicht, gluckste nicht und machte überhaupt keine Babygeräusche; ich lag einfach da, mit weit aufgerissenen Augen, und sah an die Decke. Sie fragten sich, was um Himmels willen nur mit mir los sein könnte. Da sie nicht hören konnten, ob ich müde, hungrig oder einfach nur unzufrieden war, wachten Mum und Dad abwechselnd an meiner Wiege.

Mit sechs Monaten, als ich bereits gelernt hatte, mich alleine aufzusetzen, hatte ich angeblich immer noch keinen Laut von mir gegeben. Doch alles änderte sich, als meine Mutter eines Tages eine riesige Krabbe mit nach Hause brachte. Sie liebte Krebsfleisch, und so brachte sie jeden Freitag ein ziegelsteingroßes Exemplar vom Einkaufen mit nach Hause. Einmal setzte sie mich auf ein paar Kissen und legte eins dieser – zum Glück bereits toten – Viecher vor mich hin, während sie zu Ende putzte. Anfangs starrte ich bloß verwirrt auf das Tier hinunter, aber irgendwann wurde ich ein bisschen mutiger. Ich streckte die Hand aus und stupste es an; dann rollte ich es auf die Seite und nahm es schließlich in die Hand. Diese kleinen Meeresmonster faszinierten mich so sehr, dass ich von nun an zur Freude meiner Mutter jedes Mal vor Aufregung grunzte und quiekte, wenn sie mir eins davon auf den Schoß legte. Als ich zwei Jahre alt war, hatte ich gelernt, sie auseinanderzunehmen und sogar ihre Scheren klappern zu lassen.

Als ich etwa zwei oder drei Jahre alt und somit alt genug war, um mit ihr zu spielen, war Frankie bereits zu meiner besten Freundin und Heldin geworden. Wir sahen aus, als wären wir Zwillinge. Der einzige wirkliche Unterschied lag in der Farbe unserer Augen: Frankies waren fast schwarz, so wie die Augen unserer Mutter, während meine hellbraun waren wie die von Großvater Noah. Beide hatten wir olivfarbene Haut – auch wenn Frankies ein wenig dunkler war – und dichtes braunes Haar. Ich trug den typischen Topfschnitt der Achtzigerjahre-Straßenkinder, während Frankie mit ihren dicken schwarzen Locken aussah wie eine Latinoversion von Shirley Temple.

Granny Bettie hasste Frankies Haare. Sie war der Ansicht, das Haar eines Zigeunermädchens müsse so gerade sein wie ein Streichholz, und so lang, dass sie darauf sitzen konnte.

Eines Tages, als sie auf uns aufpassen sollte, erklärte sie Frankie, ihre Haare machten sie hässlich, und ließ sie mit einer Schere allein in ihrem Zimmer. Sie wusste sehr gut, was passieren würde, und als unsere Mutter nach Hause kam, hatte Frankie sich die Haare bis zur letzten Locke abgeschnitten.

Danach musste sie eine Weile einen Hut tragen, was ihre burschikose Art nur noch unterstrich und dazu führte, dass die Erwachsenen im Camp uns beide regelmäßig verwechselten.

Im Camp gab es noch ein paar andere Kinder, mit denen wir spielten, aber meistens blieben Frankie und ich für uns, und das gefiel uns auch so.

Hin und wieder hingen wir mit echten Zwillingen rum, Wisdom und Mikey. Die beiden waren unsere Cousins. Obwohl sie Zwillinge waren, sahen Wisdom und Mikey sich überhaupt nicht ähnlich. Mikey, der ebenfalls nach unserem Urgroßvater benannt worden war, in der Hoffnung, er hätte ein wenig von dessen legendärem Kampfgeist geerbt, schielte und hatte ein Gesicht wie eine alte Frau mit Rauchermund. Wisdom hatte einen extrem schmalen Kopf und knibbelte sich ständig den Rotz ab, der sich über seiner Oberlippe sammelte.

Wir spielten He-Man mit Stöcken und Mülltonnendeckeln, aber irgendwann durften die Zwillinge nicht mehr mit uns spielen, weil Frankie immer so grob wurde. Einmal prügelte sie sogar den Hasen der Zwillinge mit einem Besenstiel zu Tode. Nicht mit Absicht – sie liebte Tiere genauso sehr wie ich –, aber sie übertrieb es manchmal leider ein wenig und hatte kein Gefühl dafür, wie viel Schmerz sie einem anderen zufügte.

Wenn Frankie und ich miteinander spielten, war sie immer die Bestimmerin. Ihr Lieblingsspiel war es, mich als ihre Tante »Sadly« zu verkleiden. Wir beide standen total auf Die Vogelscheuche, aber keiner von uns konnte den Namen »Sally« richtig aussprechen. Tante Sadly hatte ein Geschäft, in dem man wunderschöne Kleider, Make-up und Babys kaufen konnte. Ich zog also Frankies Nachthemden an und eröffnete in unserem Zimmer einen Laden mit ihren Cabbage-Patch-Puppen – allesamt von Old Noah, der ihr jede Woche eine neue mitbrachte – als Babys.

Frankie brezelte sich ebenfalls auf, kleisterte sich alle möglichen Schattierungen von braunem und orangefarbenem Make-up, das sie von Granny Bettie mopste, ins Gesicht und schaute dann in Tante Sadlys Lädchen vorbei, um ein wenig zu plaudern, bevor sie sich ein Kind aussuchte, um es mit nach Hause zu nehmen.

Frankie liebte es auch, für ihre Tante Sadly zu kochen und sie dann zum Essen einzuladen. Ihre Spezialität waren rohe Eier sowie Matsch- und Knete-Kuchen, die ich pflichtschuldigst hinunterwürgte, so gut es mir möglich war, ohne mir aufs Kleid zu kotzen.

Wir liebten dieses Spiel und konnten stundenlang darin versinken, jedoch nur, wenn mein Vater nicht zu Hause war. Er war überhaupt kein Freund von Tante Sadly. Und mit dieser Meinung war er nicht allein. In der Kultur der Zigeuner werden Jungen und Mädchen getrennt voneinander erzogen. Frankie sah immer aus wie eine Porzellanpuppe – mit Kleidchen, Löckchen und Diamantohrringen –, was sie hasste, während ich die Miniaturausgabe eines Mannes in Altherrenklamotten war: Schiebermütze, Latzhose und natürlich die Kette mit den goldenen Boxhandschuhen, die ich niemals abnehmen durfte, nicht einmal beim Baden. Von Geburt an wird von Jungen und Mädchen erwartet, in unterschiedlichen Welten zu leben, und ich lernte schon bald, dass mein Weg bereits im Alter von zwei oder drei Jahren feststand.

2

Wunderjahre

Meine Eltern waren in vielerlei Hinsicht typische Zigeuner. Meine Mutter führte wie alle Roma-Frauen einen stolzen, reinlichen Haushalt und kümmerte sich um die Kinder. Den Frauen war es nicht gestattet, außerhalb des Hauses zu arbeiten, mit Ausnahme der wenigen, die hin und wieder billigen Schmuck verkauften oder die Zukunft voraussagten.

Zigeuner sind sehr abergläubische Menschen; schwarze Katzen werden als gutes Omen betrachtet, so wie Hufeisen und sogar Dalmatiner, jedenfalls, wenn man sich in beide Hände spucken und sie zusammenreiben kann, bevor der Hund wieder aus dem Blickfeld verschwindet. Sie sind auch davon überzeugt, dass jemand sterben wird, wenn einem ein Vogel ins Haus flattert. Doch entgegen der allgemeinen Überzeugung glauben sie nicht an Magie. Und ein Zigeunerfluch ist nichts anderes als ein uralter Trick, um Nicht-Zigeuner dazu zu bringen, etwas zu kaufen.

Ich habe schon viele Leute getroffen, die mich gebeten haben, den Fluch, mit dem ein Zigeuner sie belegt hat, zu entfernen, weil das angeblich nur ein anderer Zigeuner tun kann. Selbstverständlich entspreche ich dann ihren Bitten. Ich selbst glaube nicht an Flüche, aber die armen Leute, die von einer alten Zigeunerin mit einem solchen Fluch belegt wurden, tun es oft.

Mein Vater arbeitete mal dies und mal das. Manchmal sammelte er Altmetall, wog es und verkaufte es dann weiter. Ein anderes Mal erledigte er irgendwelche Gelegenheitsarbeiten, zum Beispiel im Straßenbau. Dann gab es noch die grunters, alte Leute, die mein Vater aufsuchte, um ihnen anzubieten, »dringend notwendige« Arbeiten für sie auszuführen: die Abflüsse zu reinigen, das Dach zu reparieren oder ihre Einfahrten neu zu asphaltieren. Er forderte lächerlich hohe Summen für kleine und häufig unnötige Arbeiten. Grunters galten als Freiwild, weil sie Gorgias waren, also keine Zigeuner.

Die meisten Zigeuner verachten Gorgias und sind der Ansicht, diese seien nur dazu gut, um Geld mit ihnen zu machen. Und alte Leute waren die besten Opfer, weil sie leicht zu finden und reinzulegen waren. Einige der Männer kehrten immer wieder zu denselben alten Leuten zurück, bis sie ihnen auch noch den letzten Penny aus der Tasche gezogen hatten.

Als kleiner Junge habe ich gesehen, wie alte Männer und Frauen vor meinem Vater geweint haben, wenn sie in ihrer »neuen« Einfahrt standen, weil sie die Summe, die er von ihnen verlangte, nicht bezahlen konnten. Aber mein Vater zeigte keinerlei Reue. Er forderte sein Geld und bot ihnen manchmal sogar an, sie zur Bank zu fahren und zu warten, während sie die wenigen Pfund abhoben, die sie noch hatten.

»Ich muss eine Familie ernähren«, sagte er immer. »Die Alten sind schon auf dem Weg hier raus, die brauchen ihr Geld nicht.«

Das Renommee meines Vaters als Trickbetrüger überstieg beinahe noch die Verrufenheit seiner Familie als Kämpfer. Die Walshs, einst hoch angesehen, waren mittlerweile gefürchtet. Egal, wo sie hinkamen, immer legten sie es darauf an, sich zu prügeln. Auf der Suche nach leichten Opfern zogen sie durch die Camps und abendlichen Zigeunertreffpunkte und forderten von jedem Mann, der sie auch nur schief ansah, die Fäuste zu erheben. Sie hatten keine echten Freunde, bloß eine Handvoll Fans und jede Menge Unruhestifter und Feinde, die ihnen folgten und ihre eh schon völlig überstrapazierten Egos noch fütterten.

Meine Mutter Bettie war mit der Zwillingsschwester meines Vaters befreundet – die beiden waren Freundinnen und Rauchkumpaninnen, seit sie zehn Jahre alt waren. Prissy hatte von Geburt an eine Krankheit in den Knochen und war in späteren Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Doch auch mit ihrer Arthritis war sie genauso ein Hitzkopf wie der Rest des Walsh-Clans – ein typisches dunkelhaariges Zigeunermädchen mit rabenschwarzem Haar, das ihr bis auf die Hüften fiel, amphibiengrünen Augen und immer einer Zigarette zwischen den Lippen.

Die Zigarette war das Einzige, das die beiden Mädchen gemein hatten, denn meine Mutter war das exakte Gegenteil von Tante Prissy: Sie war mit milchweißer Haut und leuchtend roten Haaren aus dem Bauch ihrer dunkelhäutigen Mutter geflutscht und eine Kuriosität für ihre gesamte Familie, die sich ihretwegen schämte und nicht verstehen konnte, wo diese ungewöhnliche Kreatur hergekommen war. Manche murmelten sogar etwas von einem Fluch – Zigeuner glauben nicht, dass sie andere Menschen verfluchen können, aber manche glauben, dass sie selbst verflucht werden können. In Wahrheit aber war meine Mutter einfach anders, sowohl äußerlich als auch in ihrem Temperament. Im Gegensatz zu den anderen Frauen hasste sie Klatsch und Tratsch und blieb gern für sich.

Sie war die Zweitälteste von sechs Kindern. Ihr älterer Bruder übernahm den Namen des Vaters, Alfie, und sie den ihrer Mutter. Granny Bettie war eine alte Streitaxt mit Beinen, die von der Hüfte bis zu den Knöcheln gleich breit waren. Sie war eine chronische Hypochonderin und hatte immer einen leidenden Ausdruck im Gesicht. Der Vater meiner Mutter war ein gut aussehender alter Teufel mit einem Sinn für schwarzen Humor. Er hatte Multiple Sklerose und den Ruf, ein alter Spinner zu sein, dem er gerne entsprach, wenn es für einen Lacher gut war. Er hasste das Boxen, konnte Pferde – eine weitere verbreitete Leidenschaft der Zigeuner – nicht ausstehen und interessierte sich nur dann für Hunde, wenn sie unter den Reifen seines Lasters lagen. Aber er hatte großen Spaß daran, die verschiedensten Eintöpfe zu entwickeln; sein Lieblingsessen war ein ganzer Schweinekopf in einem Fass voll Kartoffeln und Soße.

Alfie und Bettie lebten mit ihrer Brut auf ihrem eigenen Stück Land: einem völlig überwucherten Feld mit zwei Wohnwagen und einem riesigen, mit allen Farben des Regenbogens beklecksten Doppeldeckerbus. Der Bus war ein Weihnachtsgeschenk für die Kinder gewesen und hatte, als sie aufwachten, gemeinsam mit acht Dosen Farbe auf sie gewartet.

Hinter dem Feld begann der Wald, und darin versteckt lag, was Alfie als seine »Plantage« bezeichnete. Er pflanzte Drogen an – zu rein medizinischen Zwecken, wie er erklärte –, die dann nach einigen »Tests« an die Hippies in der Gegend verkauft wurden … und sogar an lokale Polizisten.

Der ganze Clan, abgesehen von meiner Mutter, hatte dunkle Haut, dunkle Haare und Granny Betties kräftigen Körperbau.

Meine Mutter erzählte uns oft, dass sie sich gleich auf den ersten Blick in unseren Vater verliebt hatte. Damals war sie zehn Jahre alt. Auch er verliebte sich in sie, und das trotz – oder gerade wegen – ihrer ungewöhnlichen Erscheinung: Er wusste, das war die Frau, die er haben wollte. Leider kannte er nur eine einzige Art, sich auszudrücken, und zwar, indem er einem anderen die Faust in die Zähne rammte. Wenn er nicht kämpfte, bekam er vor lauter Schüchternheit die eigenen Zähne nicht auseinander. Es war so schlimm, dass er sich drei Jahre lang nicht einmal in ihre Nähe wagte. Stattdessen vermöbelte er jeden Zigeuner, der es auch nur traute, etwas näher an sie heranzutreten. Er rammte einem Cousin von ihr die Faust in den Mund, sodass der arme Kerl einige Zähne verlor, bloß weil der mit ihr in eine Bar gegangen war.

Die Weigerung meines Vaters, einen anderen Mann auch nur in ihre Nähe zu lassen, ohne selbst ein einziges Wort mit ihr zu reden, machte die Situation für meine Mutter nicht unbedingt angenehm. Am Ende tat sie das Undenkbare unter Zigeunern und sprach ihn an.

Ihr Eröffnungssatz ließ einiges zu wünschen übrig, aber er funktionierte.

»Willst du mich jetzt endlich mal fragen, ob ich mit dir ausgehe, oder nicht? Wenn nicht, dann verpiss dich!«

Auf diese Weise konfrontiert fand mein Vater seine Sprache wieder und fragte sie, ob sie mit ihm ausgehen wollte. Und das war’s. Die Legende besagt, dass er sie nur ein einziges Mal betrogen hat, was dazu führte, dass meine Mutter, ihre Schwester Minnie und seine eigene Schwester Prissy sein neues Auto mit zahlreichen nicht jugendfreien Schimpfwörtern beschmierten. Mit Lippenstift – offenbar ist es ein wahrer Albtraum, den wieder loszuwerden.

Nach einem Jahr nahm meine Mutter den unbeholfenen Antrag meines Vaters an, und mit achtzehn heirateten die beiden. Sie trug ein weißes Hochzeitskleid, das – natürlich – nicht der Tradition entsprach. Wir nannten es immer ihr »Mary Poppins auf dem Jahrmarkt«-Outfit. Und genau so sah es aus – einschließlich Hut mit bonbonfarbener Schleife und Regenschirm. Mein Vater dagegen erschien in denselben Klamotten, die er am Abend zuvor getragen hatte: beigefarbene Cordhose, schlecht sitzende graukarierte Strickjacke, die üblichen Goldklunker an jedem Finger und eine Rose in der Brusttasche. Es gibt kein einziges Foto von dieser Hochzeit, auf dem meine Mutter nicht wütend guckt.

Trotz alledem liebten meine Eltern sich sehr. Er liebte sie dafür, dass sie so anders war: ihre zierliche, schlanke Figur und ihre ruhige Stimme. Sie sah seine sensible Seite und verstand seine innere Zerrissenheit und den Drang, sich seiner Familie zu beweisen.

Innerhalb weniger Monate war sie schwanger. Beide Familien waren davon überzeugt, dass ein männlicher Nachfahre unterwegs sei, aber meine Mutter brachte eine Tochter zur Welt – und erfuhr kurz darauf, dass sie Herzgeräusche hatte und es sie das Leben kosten könnte, wenn sie versuchte, ein weiteres Kind zu bekommen.

Mein Vater war am Boden zerstört, aber er bemühte sich, diesen Schicksalsschlag zu verkraften. Er freute sich sehr über die Geburt seines kleinen Mädchens und gab ihr sogar seinen Namen, Frank, den er für seinen ersten Jungen reserviert hatte. Doch die Sehnsucht nach einem Sohn brannte weiter in ihm, und er begann, meine Mutter anzuflehen, es noch einmal zu versuchen. Kaum ein Jahr später gab sie nach und stellte damit das Glück meines Vaters über ihr eigenes Leben. Sie wurde erneut schwanger, und ich kam, zum Glück ohne Anzeichen von Problemen ihres Herzens, auf die Welt.

Wir verbrachten viel Zeit mit unserer Mutter, denn mein Vater war oft tagelang mit den anderen Männern in »geschäftlichen Angelegenheiten« unterwegs, von denen die meisten krumm waren, aber er verdiente gutes Geld – wir waren ganz sicher nicht arm. Im Gegensatz zur allgemeinen Vorstellung sind nur wenige Zigeuner wirklich arm. Unsere Klamotten waren sauber, und wir hatten alles, was wir brauchten, nicht zuletzt mehr als genug zu essen. Wir ernährten uns im Wesentlichen von Take-aways und wollten es auch so – hauptsächlich, weil Kochen nicht zu den Stärken meiner Mutter gehörte. Aber sie gab sich alle Mühe: Bohnen auf Toast nur Toast, oder eine Dose Suppe. Abgesehen von dem gelegentlichen Versuch eines Sonntagsbratens, kochte sie nur dann ein richtiges Gericht, wenn sie den Schweinekopf-Eintopf machte, den sie von ihrem Vater gelernt hatte. Als Nachtisch gab es dann jedes Mal Jam Roly-Poly mit Vanillesoße, um den ekligen Geschmack wieder aus dem Mund zu bekommen.

Sie füllte die Küchenschränke mit einfach zuzubereitenden Lebensmitteln: Rice Krispies und Frosties, Instant-Nudeln, Chips und den dicken Scheiben Brot mit Butter, die wir zu jeder Mahlzeit aßen. Außerdem hatten wir immer Unmengen an Salz im Haus, denn egal, was auf den Tisch kam, mein Vater hatte in der Regel mehr Salz auf dem Teller als Essen. Oft brauchte er mehrere Löffel voll davon für eine einzige Mahlzeit.

Unsere Eltern hatten auch einen wahren Heißhunger auf Süßes, und unsere Mutter ernährte sich oft von nur einem einzigen Marsriegel am Tag. Sie hatte immer eine Dose mit Süßigkeiten im Wohnwagen und half Frankie und mir, Angel Delight zu machen: Puddingpulver, dem man bloß noch Wasser hinzufügen musste, und das wir alle heiß und innig liebten.

Obwohl wir einen Tisch in der Küche hatten, benutzten wir den meistens nur, um unsere klebrigen Mischungen zusammenzurühren. Unsere Mahlzeiten nahmen wir vor dem Fernseher ein, es sei denn, wir hatten irgendwo ein Take-away geholt. Dann aßen Frankie und ich hinten im Laster meines Vaters und hörten zu, wie unsere Eltern vorne rumplänkelten.

Mein Vater war sehr dunkel, mit einem kräftigen, fassförmigen Körper und kurzen, untersetzten Beinen. Unsere Mutter musste die Jeans und Hosen meines Vaters jedes Mal kürzen; er trug sie gern so kurz, dass man seine Socken sehen konnte, weil er davon überzeugt war, dass er so größer wirkte. Er war stämmig, mit Händen so groß wie Spatenblätter, die Haut trocken und rau wie Schmirgelpapier. Seine Handflächen waren überall aufgerissen wie ein ausgedörrtes Stück Land. Er hatte dunkelbraune Augen mit einem gelblichen Weiß und tiefen dunklen Ringen, die seine Augen hervorquellen ließen und ihm einen furchteinflößenden Anblick gaben. Am Oberarm und über der Schulter hatte er ein Tattoo von einer großen Rose und zwei Schwalben, die Banner mit unseren Namen trugen – Mums, Frankies und meinen. Seine Haare waren schwarz und schimmerten fettig. Er trug sie zurückgekämmt, mit langsam ergrauenden Koteletten, die mich an Opa in The Munsters erinnerten.

In unserem Camp, wie in den meisten langfristigen Camps, hatte jeder Platz einen eigenen Außenwasserhahn, ein Toilettenhaus und einen Stromkasten. Jeden Morgen rollten Frankie und ich zwei große glänzende Milchkannen zum Wasserhahn, füllten sie und schleppten sie wieder zurück zur Tür. Wir mussten als Team zusammenarbeiten, denn jede der Kannen war so groß wie ich, und voll waren sie fast unmöglich zu bewegen. Wenn wir sie aufgefüllt hatten, wurden sie neben die Treppe gestellt, und im Laufe des Tages wurden daraus dann Becher und Töpfe gefüllt, um das Wasser zum Baden, Kochen, für heiße Getränke oder zum Wäschewaschen zu verwenden.

Mein Vater benutzte das Badezimmer in unserem Wohnwagen so gut wie nie; er hatte nicht die Geduld, um zu warten, bis das Wasser kochte. Stattdessen ging er jeden Morgen, selbst im Winter, bei Anbruch der Dämmerung mit einem Handtuch über den nackten Schultern raus zum Wasserhahn. Er beugte sich hinunter und ließ das eiskalte Wasser über seinen Kopf laufen, während er seinen Rasierer nass machte und dann die eisige Klinge übers Gesicht zog. Und jeden Morgen sah ich ihm vom Fenster aus zu, während er wie ein Bär unter dem kalten Strahl brüllte. Eines Samstagmorgens, ich war etwa sechs, beschloss ich, mich ebenfalls zu rasieren. Nachdem mein Vater seinen Rasierer zurückgelegt hatte, lieh ich ihn mir aus und entfernte mit zwei raschen Zügen meine Augenbrauen – die einzigen Haare, die ich im Gesicht vorzuweisen hatte. Dann stolzierte ich aus dem Badezimmer, um das Ergebnis meiner Bemühungen zu präsentieren. Frankie schrie, und meine Mutter zwang mich, die ganze folgende Woche lang mit zwei bunten Pflastern über den Stellen herumzulaufen, wo meine Augenbrauen hätten sein sollen, bis sie endlich langsam nachwuchsen.

Wenn unser Vater zu Hause war, lief er immer mit nacktem Oberkörper herum, allerdings mit Hosenträgern über den nackten Schultern. Wenn er das Haus verließ, war er immer ordentlich angezogen, mit kurzärmeligem Hemd, dunklem Pullover und einem Schaffellmantel, der aussah wie der von Del Boy in Only Fools and Horses. Wenn er nach Hause kam und gutes Geld verdient hatte, war er gut gelaunt und setzte sich mit mir auf dem Schoß in seinen großen dunkelbraunen Sessel, neben dem immer ein Aschenbecher stand. Er malte mir Bilder mit Dinosauriern, die Blut an den Zähnen und geringelte Geckoschwänze hatten.

Manchmal, wenn er spät nach Hause kam, stand er in der Tür zu Frankies und meinem Zimmer und weckte uns, um mit uns zu plaudern. Dann taumelten wir noch im Halbschlaf rüber ins Wohnzimmer, während er uns Tee und Toast mit Marmelade machte. Wir saßen da, tunkten den Toast in unsere Teetassen, und er fragte uns, was wir so getrieben hatten, während er fort war.

Unser Vater liebte es, uns Streiche zu spielen. Einmal, an Halloween, schlich er in seinem alten Overall, einer Schürze, die aussah wie von einem Schlachter, und einem kegelförmigen Hut aus Tesafilm und altem Weihnachtspapier mit kleinen Weihnachtsmännern darauf um den Wohnwagen herum. Er schlug gegen unsere Fenster und erschreckte uns fast zu Tode, und dann brüllte er vor Lachen, während wir uns die Seele aus dem Leib schrien.

Aber die Phasen, in denen er gute Laune hatte, waren selten und unvorhersehbar, und es brauchte nicht viel, damit er die Beherrschung verlor. In diesen frühen Tagen war es vor allem unsere Mutter, die seine Wut zu spüren bekam, obwohl auch ich regelmäßig eine Tracht Prügel erhielt, wenn ich mich nicht gut benommen hatte. Frankie allerdings wagte er nur selten zu schlagen. Jedes Mal, wenn er die Hand gegen sie erhob, schrie sie das ganze Camp zusammen, und er wich zurück. Sie war ihm viel ähnlicher, als ich es war, und wusste genau, wie sie ihn zu nehmen hatte.

Trotz allem freute ich mich immer darauf, dass er von der Arbeit zurückkehrte, es sei denn, meine Mutter hatte gedroht: »Wartet nur, bis euer Vater nach Hause kommt.« Sie drohte uns nur, wenn sie am Ende ihrer Weisheit war, aber wenn sie es tat, dann zog sie es auch durch, und wir wussten, dass es mächtig Ärger geben würde.

Ich liebte meinen Vater, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als ihm zu gefallen und ihn stolz zu machen. Doch selbst in diesen frühen Tagen, als ich meine ersten Schritte tat und meine ersten Worte sprach, wusste ich schon tief in mir drin, dass ich nicht gut genug war. Manchmal, wenn ich spielte, sah ich aus dem Augenwinkel, wie er mich mit einem Ausdruck von Verärgerung und Abscheu beobachtete.

Sein Blick fühlte sich an, als hätte er mein Herz mit einem großen Stein zerschmettert. Ich zeigte keinerlei Anzeichen, der muskelbepackte He-Man zu werden, den er sich so sehr wünschte, und egal welche spezielle Energie diese goldenen Handschuhe um meinen Hals mir auch geben sollten, ich schien dagegen immun zu sein.

Mit meiner Mutter war es sehr viel einfacher. Ich liebte sie. Sie sprach nie von oben herab zu uns und brachte uns bei, das zu schätzen, was wir hatten. Aber sie gab mir auch nie das Gefühl, das mein Vater mir gab; sie war kein warmer oder herzlicher Mensch und hatte immer etwas Distanziertes, Unnahbares. Und doch liebte ich es, Zeit mit ihr zu verbringen. Für mich war sie magisch, fast so, als lebte sie in einer anderen Welt als wir. Und ich sehnte mich danach, ein Teil dieser Welt zu sein.

Unsere Eltern sagten uns nie, dass sie uns liebten. Worte wie diese galten als Zeichen von Schwäche. Aber der Blick meiner Mutter, mit dem sie mich manchmal ansah, zeigte mir, dass sie mich wirklich liebte. Selbst wenn sie ihre Gefühle offener hätte zeigen wollen, so war ein Blick doch alles, was sie mir hätte geben können, denn den Frauen war es strengstens verboten, die Jungen zu verzärteln, aus Angst, sie könnten die taffe Männlichkeit zunichtemachen, die man von Männern erwartete.

Die einzige deutliche Zuneigungsbezeugung seitens unserer Mutter erhielten wir, wenn wir krank waren. Wie die meisten Frauen in unserer Gemeinschaft hielt sie nicht viel von den Errungenschaften der modernen Medizin; sie vertraute lieber auf positives Denken, ergänzt durch einen Hauch Verleugnen und das eine oder andere Hausmittelchen. Ihre Methoden waren stümperhaft, um es positiv auszudrücken. Wenn ich erkältet war, musste ich auf dem Sofa liegen, mit Minzblättern in der Nase und irgendeiner Soße, von der sie gerade viel im Schrank hatte, auf der Brust.

»Befreien wir dich von diesem Rotzklumpen«, sagte sie, während sie in der Küchenschublade rumkramte, um dann einen Vers von »Puff the Magic Dragon« lang mit einem Holzlöffel auf meine Brust zu klopfen, um den Schleim zu lösen.

Bis die Erkältung Frankie erwischte, hatte sich die Methode geändert. Frankie musste auf dem Bauch liegen, mit einer anderen Soße auf dem Rücken und Minzblättern an einem Schnürsenkel um den Hals. Das Einzige, was sich nie änderte, war das Klopfen mit dem Holzlöffel. Sie ließ den Löffel sanft von Frankies Schulterblättern hüpfen wie von einem Xylophon.

Einmal hatte Frankie die ganzen Hände voller Warzen und meine Mutter war davon überzeugt, dass es sich um eine Rache der Kröte handeln musste, die Frankie zerquetscht hatte, als sie ein paar Tage zuvor von den Eingangsstufen des Wohnwagens gesprungen war. Sie schickte uns mit einem Eimer los, um Schnecken zu sammeln, eine für jede Warze. Als wir sie ihr brachten, quetschte sie den Saft aus jeder von ihnen heraus und rieb den Schleim auf jede einzelne der Warzen, während Frankie schrie und würgte. Dann wurden Frankies mit Schneckenschleim beträufelte Hände in alte Tüten gewickelt, die unsere Mutter mit Klebeband festzurrte.

Am nächsten Tag sprang ich aus dem Bett und zerrte Frankie die Tüten von den Händen, um zu sehen, ob der Zauber unserer Mutter tatsächlich wie versprochen gewirkt hatte. Zu unserer Enttäuschung sahen Frankies Hände genauso aus wie vorher. Unsere Mutter, verblüfft über das Versagen ihrer idiotensicheren Medizin, fuhr mit uns zur Telefonzelle im Ort, um Granny Bettie anzurufen und zu fragen, ob sie dabei womöglich etwas vergessen hatte. Wir warteten im Auto, während sie mit den Händen wedelte und in den Hörer brüllte. Nachdem sie ihn wieder auf die Gabel gepfeffert hatte, stürmte sie zurück zum Wagen und fuhr zum nächsten Supermarkt, wo sie mehrere Pakete Schinkenspeck kaufte, die allesamt über Nacht um Frankies Hände gewickelt und dann am nächsten Morgen im Garten vergraben werden mussten. Dies wurde auch feierlich befolgt, doch auch nach einer Woche ungeduldigen Wartens waren die Warzen immer noch da. Wenn überhaupt, dann waren sie gewachsen. Woraufhin unsere Mutter die Tatsache akzeptierte, dass sie als Hexe eine schreckliche Niete war, und mit Frankie zum Arzt fuhr.

3

Die Schwestern Grimm

Unser Sozialleben drehte sich um Hochzeiten, Beerdigungen und Familientreffen. Es wird niemals ein Volk geben, das Hochzeiten und Beerdigungen ausrichten kann wie die Zigeuner. In der Welt der Romani kennt wirklich jeder jeden, viele sind miteinander verwandt. Und so kommen sie jedes Mal in Scharen.

Dabei wurden keine Einladungen verschickt. Die Nachricht verbreitete sich einfach, und die Gäste kamen. Zigeuner sind im Allgemeinen nicht sehr religiös (obwohl einige wie mein Vater einen Fischaufkleber auf ihre Autos und Lastwagen kleben, um ihre Chancen zu erhöhen, ehrlich zu wirken und Arbeit zu bekommen). Meist entscheiden sie sich aber trotzdem dazu, in einer Kirche zu heiraten, weil sie da mehr Leute unterbringen können als im Standesamt. Außerdem sieht es auf den Hochzeitsfotos besser aus.

Unsere Mutter hasste diese gesellschaftlichen Veranstaltungen, hauptsächlich weil mein Vater, wenn wir gemeinsam dorthin fuhren, am Ende meist eine Prügelei vom Zaun brach. Sie weigerte sich oft, mitzufahren, also fuhr mein Vater allein, stellvertretend für uns alle, und Frankie und ich atmeten erleichtert auf, denn wir waren ebenso wenig Fans solcher Veranstaltungen wie unsere Mutter.

Aber um die Hochzeit von Tante Nancy und Onkel Matthew kamen wir nicht herum. Tante Nancy war die jüngste Schwester unserer Mutter, das Ebenbild von Granny Bettie, mit dem gleichen Temperament. Sie passte manchmal auf uns auf, und sobald meine Eltern uns den Rücken zugedreht hatten, kommandierte sie uns herum wie Sklaven und befahl uns, ihr ein Sandwich zu machen. Mit einer Tüte Chips. Und Tee. Und einem Glas Cola. Und dann noch einer Tüte Chips. Sie aß pausenlos, und dann scheuchte sie Frankie und mich raus in die Kälte zum Spielen.

Auf ihrer Hochzeit waren Frankie und unsere Cousinen Olive und Twizzel die Brautjungfern, und da der Ringträger von Onkel Matthews Seite krank wurde, musste ich in letzter Sekunde seine Rolle übernehmen. Die Anziehsachen des Jungen waren gerade mal halb so groß wie ich, und Mum und Granny Bettie mussten gemeinsam ziehen, um mich in den winzigen blauen Marineanzug einschließlich Donald-Duck-Hut zu zwängen. Statt mich davonzuschleichen und wie sonst auf Käferjagd zu gehen oder ein Nickerchen zu machen, musste ich den ganzen Tag lang mit den Mädchen (die aussahen wie die Lullaby League aus dem Zauberer von Oz) Blütenblätter auf den Boden werfen, wo auch immer unsere fette Tante rumstampfte. Wir rächten uns dafür, dass die Erwachsenen uns zwangen, wie Munchkins rumzulaufen, indem wir auf allen Fotos Grimassen zogen und das Sieges-V in die Kamera hielten, bis sie uns erwischten und uns in aller Öffentlichkeit eine ordentliche Tracht Prügel verabreichten.

Tante Nancy konnten wir nicht leiden, aber wir liebten Mums ältere Schwester Tante Minnie, eine kettenrauchende Kleptomanin, die zwei Mal in der Woche vorbeikam, um unsere Mutter, Frankie und mich mit auf einen Tagesausflug ins nächste anständige Einkaufszentrum zu nehmen.

Tante Minnie entstieg ihrem Ford Capri jedes Mal in einer Lawine aus Zigarettenrauch, Asche und einem wallenden bodenlangen Secondhand-Nerzmantel, der sich ständig in den scharfen Enden ihrer roten High Heels verfing, wenn sie über den Asphalt zur Tür unseres Wohnwagens klackerte.

Sie musste die gigantische Masse ihres Mantels förmlich durch die Tür zerren, wenn sie hereinkam.

»Guten Morgen, ihr kleinen Räuber. Wo ist eure Mum?«

Unsere Mutter rief dann aus ihrem Schlafzimmer: »Red shoes no knickers, Minnie, noch nie davon gehört?«

»Wer behauptet denn, dass ich einen Slip trage?«, erwiderte Minnie dann lachend.

Sie zündete sich eine neue Zigarette an und ließ sich neben mir auf das Sofa plumpsen. Man konnte kaum verstehen, was sie sagte, weil sie immer eine Kippe zwischen den Lippen hängen hatte.

»Mach deiner alten Tante eine Tasse Tee, Baby«, sagte sie zu Frankie.

Frankie und ich nannten sie immer Tante Cruella. Mit einundzwanzig (unter Zigeunern fast schon eine alte Witwe) war sie zwei Mal mit Jaybus ausgegangen, einem Elvis-Doppelgänger aus Birmingham, und beim dritten Mal hatte sie ihn geheiratet. Er hatte sich den Wagen seines Vaters geliehen, bei allen Treffen einen guten Anzug getragen und Tante Minnie so davon überzeugt, sie hätte sich einen Millionär geangelt und für den Rest ihres Lebens ausgesorgt. Leider war Onkel Jaybus in Wirklichkeit ein soziopathischer Lumpensammler mit einer Stimme wie Goofy. Frankie und ich liebten ihn. Und Tante Minnie auch, trotz der anfänglichen Enttäuschung.

Als ihr klar wurde, dass ihr Mann nicht in der Lage sein würde, so für sie zu sorgen, wie sie es sich wünschte, machte sie sich daran, ihre eigenen Mittel und Wege zu finden. Sie fragte ihre Freundinnen, was sie haben wollten, und wenn ihre Liste lang genug war, ging sie auf Beutezug. Da sie nur ein Kind hatte – Romaine, die ein paar Jahre jünger war als wir –, ernannte sie Frankie und mich zu ihren Komplizen. Bei großen Aufträgen sammelte sie manchmal auch noch unsere Cousinen Olive und Twizzel bei Onkel Alfie ein. Die beiden waren nur ein Jahr auseinander, wie Frankie und ich, aber im Gegensatz zu uns konnten sie sich nicht ausstehen. Kaum saßen sie in Tante Minnies Wagen, fingen sie schon an, sich heimlich gegenseitig zu hauen, und nur die Aussicht auf McDonald’s konnte sie dazu bewegen, damit aufzuhören.