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Domenico Anic entwickelte sich aus eigenem Antrieb und mit zäher Willensstärke vom Jugendlichen aus dem so genannten Ghetto zum erfolgreichen Unternehmer. Bereits mit 12 Jahren machte er sich mit einer pfiffigen Idee selbstständig und erwarb im Laufe seines Berufslebens sämtliche Fähigkeiten, die einen guten Unternehmer ausmachen und die er heute in einer gelungenen Synthese zusammenführt. In diesem Buch erzählt er mit seiner Frau Ute von seinem Werdegang, der Gründung und Entwicklung ihres gemeinsamen Unternehmens JURA DIREKT und gibt einen persönlichen Einblick hinter die Kulissen ihres Unternehmens, in dem der umfassende Dienst am Kunden ebenso wie das Wohl der Mitarbeiter im Mittelpunkt stehen. Die Stimmen einiger Mitarbeiter und Familienmitglieder ergänzen den Eindruck: Hier wird Menschlichkeit großgeschrieben: aufmerksam, liebevoll, erfolgreich. Domenico und Ute Anic leben und arbeiten in Nürnberg und feiern 2022 ihr zehnjähriges Firmenjubiläum.
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2022
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"First they ignore you.
Then they ridicule you.
And then they attack you and want to burn you.
And then they build monuments to you."
(Aus einer Rede des US-Gewerkschafters Nicho
las Klein, Baltimore, 15. Mai 1918)
Eine Überraschung: Domenico Anic hat seine Frau Ute zum Gespräch mitgebracht. Als ich ankomme, warten sie bereits auf mich – der erste Eindruck: sympathisch, natürlich, offen.
„Am 24. Juni feiern wir unser 10-jähriges Firmenjubiläum mit vielen Gästen. Bei der Gelegenheit würden wir ihnen gerne das Buch präsentieren“, beginnt Domenico zu erzählen. „Es gehören auf jeden Fall auch noch ein paar Stimmen der Führungskräfte und Mitarbeiter und aus der Familie ins Buch. Wir haben als Patchworkfamilie gemeinsam fünf Töchter, auch die, die nicht im Unternehmen arbeiten, sollten gerne etwas aus ihrer Sicht erzählen. Jeder im Umfeld hat unseren etwas verrückten Weg aus seiner Perspektive ganz anders erlebt.“
„Und ich denke, mein Mann hat auch den Wunsch, mit seiner Biografie Menschen zu helfen, so wie es ihm geholfen hat, die Biografien erfolgreicher Persönlichkeiten zu lesen“, ergänzt Ute.
„Wir fangen einfach an, und dann wird sich das ergeben“, schlägt Domenico Anic vor und übernimmt. „Ich werde jetzt am 2. April 50, Ute ist 55, 10 Jahre Firma, fünf Töchter, mehrere Jubiläen. Alles geschafft.“ Aufgewachsen ist Domenico als Kind von kroatisch-italienischen Einwanderern mit einer jüngeren Schwester. Seine Eltern trennten sich früh, seine Mutter arbeitete Tag und Nacht, um für die kleine Familie zu sorgen. Dass es im Leben um Arbeit, Geld und Verantwortung geht, verstand Domenico früh, der sich als „der Mann im Haus“ um seine kleine Schwester kümmerte.
„Wir haben von klein auf mitgeholfen und in den Restaurants auch ordentlich Trinkgeld zugesteckt bekommen“, sagt Domenico Anic. „Es war einfach so, wie es war. Ich nehme die Dinge so, wie sie sind.“ Eine Haltung, die sein ganzes Leben geprägt hat.
Das Viertel, in dem er aufgewachsen ist, gilt heute als in und chic, damals, in den 70er-Jahren, war es in den Worten Domenicos „das totale Ghetto“. Prügeleien, Drogengeschäfte, Prostitution – ein Umfeld, in dem Domenico lernte, einzustecken, umsichtig und wachsam zu sein, schnell und wendig zu agieren und Stärke zu beweisen. Sein einziges Ziel: „Ich will hier raus.“
Als Siebenjähriger durfte er bereits im Erdgeschoss des Hauses im Käseladen aushelfen. Mit 12 machte er sich zum ersten Mal selbstständig. Seine erste Geschäftsidee entstand aus der Not der Kunden heraus, die er beobachtet hatte. Er half damals in einem Getränkeladen aus und sah, dass die älteren Kunden nur wenige Flaschen tragen konnten. Er bot sich zunächst an, ihnen tragen zu helfen und baute bald einen Getränkelieferservice auf. Nachmittags und an den Wochenenden lieferte er gleich mehrere Kästen per Stapelkarre aus, holte die leeren Kästen wieder ab und verdiente ein Jahr lang plötzlich im Monat 400, 500 Mark. „Schwer verdientes Geld: Einmal habe ich 27 Kästen in den vierten Stock getragen“, erinnert er sich. „Das Leben prägt einen einfach. Ich sehe kein Limit, es gibt für mich keine Grenze. Ich bin geschäftlich unglaublich risikofreudig, probiere fast alles aus. Ich hab’ schon viel in den Sand gesetzt und bin gut im Scheitern.“
Domenicos Karriere als Getränkelieferant endete plötzlich, als der Ladeninhaber den hübschen Jungen im Lager bedrängte. „Natürlich hab’ ich sofort das Handtuch geschmissen.“
Sein einziger Freund aus gut situierten Verhältnissen, dessen Eltern eine Eisdiele führten und ein schönes Haus bewohnten, führte ihm eine andere Welt vor Augen, die Domenico Anic anspornte und in seinem Bestreben bestärkte. „In der Eisdiele hab’ ich auch gearbeitet und mit meinem Freund zusammen an der Isar aus der Fahrrad-Kühlbox Eis und Getränke verkauft. Es gab immer eine Einnahmequelle, die verhindert hat, dass ich etwas Illegales machen musste“, sieht er rückblickend.
Nach der Schule verfolgte Domenico sein Ziel weiter, irgendwann ein besseres Leben in schönerer Umgebung führen zu können. Er begann eine Lehre im Hotel und übernahm sofort alleine den Frühdienst, da eine Mitarbeiterin erkrankt war. Domenico erhielt den Schlüssel, wurde kurz eingewiesen und dann sich selbst überlassen – kein Problem für ihn. Er lässt sich gerne ins kalte Wasser werfen, orientiert sich schnell, lernt rasch und schwimmt, ohne unterzugehen.
„Ich hab’ 500 Mark Lehrlingsgeld bekommen, aber 1500 nebenbei durch Kellnern verdient. Außerdem bin ich kein guter Angestellter, ich hab’ ein Hierarchieproblem, auch wenn die Leute nett waren und das Hotel gut war“, formuliert er vorsichtig. Nicht gerade ein Ansporn, die so genannte Lehre zu beenden. Nach zehn Monaten kündigte er unter allerlei höflichen Vorwänden.
Nach der Hochzeit mit seiner ersten Frau wollte Domenico raus aus der Gastronomie und sich einen soliden Nine to five-Job suchen, was ohne abgeschlossene Ausbildung nicht einfach war. Eine Woche lang arbeitete der Fahranfänger mit einem riesigen Lieferwagen für die Mutter eines bekannten Schlagersängers als Kurierfahrer von gefrorener Diätkost. „In der Woche bin ich in einer engen Straße festgesteckt, hab’ ein nagelneues Auto im Rückwärtsgang zerstört, einen Diesel mangels Vorglühen zum Brennen gebracht, beinahe noch einen Unfall mit einem 7,5-Tonner gebaut und am Ende der Woche gekündigt, obwohl die alte Dame mich gerne behalten hätte. Sie war wirklich sehr nett und verständnisvoll, aber ich hab’ mich in Grund und Boden geschämt“, erzählt er offen.
Ich mache mir kurz Sorgen, ob mein Aufnahmegerät seiner Erzählflut standhält oder sich mittendrin abschaltet, und fühle mich sofort beruhigt, als Domenico antwortet: „Sonst nehmen wir alles auf meinem Handy auf, und ich schicke es Ihnen.“ Er findet für jedes Problem eine Lösung, denke ich.
„Als ich meine kurze Kurierfahrer-Karriere beendet hatte, suchte ich einen neuen Job. Ein Freund meiner damaligen Schwiegereltern arbeitete in einer Videoproduktionsfirma, dort habe ich mich vorgestellt.“ Als Filmfan damals noch mit vielen VHS Kassetten und heute mit 1500 DVDs genau das Richtige für ihn, dachte er sich. Hartnäckig und konsequent erschien er so lange im Betrieb, bis man ihn als Hilfskraft einstellte.
Domenico merkte schnell, dass der klassische Produktionsbetrieb ein aufstrebendes Unternehmen war. Im Herbst 1990 war die Nachfrage nach Videocassetten im Osten Deutschlands groß. „Es war eine total verrückte Firma ohne geordnete Prozesse. Wir haben auch am Wochenende durchgearbeitet. Am 1.11. hatte ich mir einen Festvertrag erkämpft, zwei Monate später war ich Schichtleiter, sechs Monate später stellvertretender Abteilungsleiter, eineinhalb Jahre danach Abteilungsleiter, zum Schluss Betriebsleiter mit einigen Hundert Mitarbeitern.“ Domenicos Gabe, nicht nur schnell zu reagieren und sich in alles einzufinden, sondern auch im Chaos ruhigen Bluts den Überblick zu bewahren und an dieser Lebendigkeit Vergnügen zu haben, war die ideale Voraussetzung für seine steile Karriere im Betrieb.
Der absolute Gestaltungsfreiraum, den ihm die Betriebsleiterin gewährte, machte sich bezahlt. „Herr Anic, Sie gehen immer aus dem System, aber es ist immer gut“, hörte er von ihr. Mitarbeiterführung, Technik, Prozessabläufe – all das lernte er durch sein tägliches Tun.
Den Respekt seiner Mitarbeiter aus vielen Nationen gewann Domenico vor allem durch seine Persönlichkeit. Er begegnete jedem wie ein bester Freund, half bei Aufenthaltsgenehmigungen, kannte die Namen von Frau und Kindern und die familiäre Situation. „Dadurch waren alle unfassbar loyal und standen auf der Matte, wenn wir einen dringenden Auftrag hatten“, sagt er.
Die Videocassetten-Produktion lief als Termingeschäft auf einem Aktualitätenmarkt, sodass Domenico jeden Tag mehrfach die Planung ändern und anpassen musste. „Das ist genau mein Ding: drei Telefone gleichzeitig, Piepser, Fax, wenn ich nicht erreichbar war. Manchmal rief jemand von Walt Disney an, dass bis Samstag 100000-mal dieser Film fertig produziert sein müsste. Wir waren aber schon voll mit Aufträgen bis Samstag. Die große Herausforderung war, das zu schaffen. Und wir haben es immer irgendwie geschafft.“
Ein Planungsprogramm, das versuchsweise eingesetzt wurde, stellte sich als unhaltbar heraus. Domenico Anic beherrschte das Chaos intuitiv und aus der Erfahrung heraus besser als jedes Programm. Seit seiner Kindheit hatte er geübt, vorausschauend Situationen zu erfassen und geistesgegenwärtig zu agieren. Das kam ihm jetzt zugute.
„Es gab keinen normalen Betriebsablauf. Waren beschaffen, Videobänder bespielen, verpacken, Aushilfen koordinieren, Mitarbeiter führen – unglaublich anstrengend und für mich genau das Richtige. Ich hatte im Schnitt 150 Überstunden im Monat, hab’ teilweise acht Monate am Stück durchgearbeitet. Das hat mir nichts ausgemacht“, erzählt er.
Irgendwann ließ er im Urlaub seine bisherigen Erfolge Revue passieren und beschloss: Jetzt lerne ich das doch mal, was ich schon die ganze Zeit über mache. Er meldete sich für zweieinhalb Jahre auf der Abendschule an und unterfütterte mit neuem Wissen über Betriebswirtschaft sein tägliches Tun. Eine Fortbildung, die bald vom Inhaber als Indiz für seinen heimlichen Kündigungswunsch gedeutet wurde. „Wenn Sie vorher 150 Überstunden im Monat haben und dann auf einmal dreimal in der Woche um 17 Uhr gehen, also quasi halbtags arbeiten, fällt das natürlich unangenehm auf“, erklärt er.
Als der neue Geschäftsführer und der Finanzchef ihm zwei Abmahnungen und seine Kündigung auf den Tisch legten, reagierte Domenico in einer Situation, die anderen den Boden unter den Füßen wegzieht, eher gelassen, informierte sich bei seiner Jura-Dozentin und handelte eine Gehaltsfortzahlung und Abfindung aus.
„Und es hat alles genauso funktioniert. Ich bekam das Geld, genauso hoch waren damals meine Schulden. Und das laufende Gehalt bis Ende August gab mir Zeit, für die Abschlussprüfung im Juli 1999 zu lernen“, erzählt er nicht ohne Stolz.
Er bestand mit Auszeichnung. Domenico war 27 Jahre alt, hatte keine abgeschlossene Berufsausbildung, eine private BWL-Fortbildung und jede Menge Erfahrung im Gepäck. Er beherrschte es aus dem Effeff, im größten Chaos Produktionsprozesse sinnvoll zu gestalten. Sein nächster Schritt?
„Ich hab’ mir gedacht: Ich will verkaufen lernen“, sagt er. „Die schlimmste Branche, um das zu lernen? Aus meiner Sicht die Finanzdienstleistung.“ Also sprang er ins Haifischbecken, rief seinen Finanzdienstleister an und bot sich als Verstärkung an. Domenico Anic meldete sein Gewerbe an und nannte sich Finanzberater. „Ich hatte keine Ahnung davon. Null. Ich hatte jeden Abend drei Termine, hab’ zwei, drei kleine Finanzprodukte zur Ausbildungsversicherung verkauft, die ich verstehen konnte, und sicher in Tausenden von Wohnzimmern gesessen. Bis heute habe ich in meiner Selbständigkeit gut 10000 Verkaufsgespräche geführt. Da sieht man alles – von super über verrückt bis schlimm“, erzählt er. Inzwischen war Domenico Vater von drei kleinen Mädchen; gemeinsame Themen zur gewinnenden Gesprächseröffnung fanden sich wie von selbst. „Für mich war das ein Spaß“, sagt er. „Nach 15 Minuten war das erledigt, dann haben wir noch eine halbe Stunde lang erzählt.“
Das Verkaufen lernte der Freiberufler so wie nebenbei in einer Branche mit schlechtem Image und erlebte, dass es letztlich eher um Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen als um überzeugende Redegewandtheit ging – Attribute, die man ihm alle sofort zuschreibt.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. „Ich hab’ jeden Monat um die 10000 Mark verdient – viel zu viel“, erklärt er. „Ich hab’ immer mehr ausgegeben, als ich verdient habe. An Rücklagen für die Steuer habe ich nicht gedacht. Meine Devise war leider zu lange: netto verdienen, aber brutto ausgeben.“
Zur gleichen Zeit holte ihn der Finanzchef des Videocassetten-Betriebs, der zuvor seine Kündigung befürwortet hatte, als Berater im Umstellungsprozess auf DVDs zurück.
„Der Inhaber ist gestorben. Wir haben einen Sanierer im Haus, und wir brauchen jemanden, der die Produktion auf Vordermann bringt. Geben Sie sich mal einen Ruck“, schlug man ihm vor. Später erfuhr er, dass sich 90 Prozent der Mitarbeiter bei einer Befragung seine Rückkehr gewünscht hatten. Verkaufen hatte er inzwischen gelernt und verhandelte ein hohes Beraterhonorar. Außerdem machte er zur Bedingung, die alleinige Führung des Personals unter seiner Verantwortung zu haben, und man ließ sich auf alles ein.
Seine Rückkehr in die Firma, von der die Mitarbeiter überrascht wurden, erschien ihm wie der Triumphzug des Befreiers von der Tyrannei. „Das war ein Jubel und ein Klatschen! So richtig schön – und natürlich eine große Genugtuung“, freut er sich.
In kürzester Zeit stellte er den Produktionsbetrieb um, baute Prozesse neu auf und musste leider auch 120 Mitarbeiter entlassen, von denen er etliche zuvor eingestellt hatte – ein Vorgang, der ihm im Gegensatz zum eher gefühlskalten Sanierer schwerfiel und wehtat. Zwei Jahre lang litt Domenico unter den Maßregelungen des Sanierers. Sein Vertrag wurde immer erst am letzten Tag des Quartals verlängert, zuletzt kurz vor Weihnachten 2003 – doch nicht. Abserviert.
Der gute Verdienst kaschierte, dass Domenico Anic damals bereits Steuerprobleme hatte und das Minus an Rücklagen seit ein, zwei, drei Jahren vor sich herschob. Nebenbei hatte er noch für kurze Zeit einen anderen Beraterauftrag in einem Logistikbetrieb übernommen und versuchte in der Finanzberatung wieder Fuß zu fassen.
„Ich war 31 und hatte eigentlich keine Aufträge und keine Einnahmen mehr“, stellt er fest. „In der Zeit hab’ ich verschiedene Network-Marketing Vertriebe im DACH-Raum aufgebaut und alles Mögliche verkauft – aus meiner Sicht alles überteuerte Produkte.“
Er hielt Vorträge und Schulungen, verbrauchte noch mehr Geld und Sprit. Die Finanzdienstleistungen liefen nicht mehr gut. Zwischendurch versuchte er sich in Neugründungen, die scheiterten. Das einzig Gute: Er lernte in der Network
