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Markus Zangger war zwölf und in der Regelschule, als ihn der Lehrer Jürg Jegge 1970 "psychologisch" abklärte, zum Sonderschüler degradierte und in seine "angstfreie" Schule versetzte. Heute ist Markus Zangger 59 Jahre alt und macht das Unfassbare öffentlich: Jürg Jegge, der Musterpädagoge, Liedermacher und Autor des Buches "Dummheit ist lernbar - Erfahrungen mit 'Schulversagern'", hat ihn bis weit über die Schulzeit hinaus massiv missbraucht. Vor diesem Hintergrund bekommt Jürg Jegges Bestseller - das Buch hat sich bis heute über 200000 Mal verkauft - eine bittere Note. Genauso wie die Preise, mit denen der "neue Pestalozzi" ausgezeichnet wurde, oder auch die Bezeichnung "Lehrer der Nation", mit der Jürg Jegge 2016 anlässlich des Vierzig-Jahr-Jubiläums seines Longsellers in einem unter mehreren wohlwollenden Artikeln von den Medien gefeiert wurde. Den Mut, die dunkle Seite des Musterpädagogen publik zu machen, fasste Markus Zangger erst nach einem langen Verarbeitungsprozess und aus der Überzeugung heraus, dass das Unrecht nicht mehr länger verschwiegen werden darf.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2017
Ein paar einzelne Namen im Buch wurden verändert.
Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016 bis 2020 unterstützt und dankt herzlich dafür.
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2017 Wörterseh, Gockhausen
Lektorat: René Staubli, Zollikon Juristisches Lektorat: Dr. Georg Gremmelspacher, Rechtsanwalt, Basel Herstellerische Betreuung und Korrektorat: Andrea Leuthold, Zürich Umschlaggestaltung und Foto Umschlag: Thomas Jarzina, Holzkirchen Layout und Satz: Beate Simson, Pfaffenhofen a. d. Roth Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
Print ISBN 978-3-03763-080-8 E-Book ISBN 978-3-03763-623-7
www.woerterseh.ch
Für all jene, die aus Scham bis heute schweigen. Was ich bei der Arbeit an diesem Buch begriffen habe: Sobald das Opfer redet, verliert der Täter seine Macht.
Über das Buch
Über die Autoren
Vorwort
»Dureschnuufä«
Der »Lehrer der Nation«
Glückliche Kinderjahre
Harziger Schulstart
In Jegges Sonderklasse
Klassenlager und »Therapie«
Endgültig gefangen
Totale Abhängigkeit
Vermeintlich in Sicherheit
Die Töpferlehre
Der Bestseller
Schmerzhafte Trennung
Das erste Mal
Vom Blitz getroffen
Zurück im Zürcher Unterland
Doris
Mein Job als Assistent
Gemeinsame Wohnung
Als Bühnentechniker in Bern
»Ich mache das nicht mehr!«
Das eigene Haus
Jegges Angebot
Häufige Jobwechsel
Schicksalsschlag
Albträume
Leidensgenossen
Der Brief
Endlich Genugtuung
Das Buch
Dank
Die Psychotherapeutin Regula Schwager im Gespräch mit Hugo Stamm
Betrachtungen von Hugo Stamm zum Thema Pädophilie
MARKUS ZANGGER war zwölf und in der Regelschule, als ihn der Lehrer Jürg Jegge 1970 »psychologisch« abklärte, zum Sonderschüler degradierte und in seine »angstfreie« Schule versetzte. Heute ist Markus Zangger 59 Jahre alt und macht das Unfassbare öffentlich: Jürg Jegge, der Musterpädagoge, Liedermacher und Autor des Buches »Dummheit ist lernbar – Erfahrungen mit ›Schulversagern‹ «, hat ihn bis weit über die Schulzeit hinaus massiv missbraucht.
Vor diesem Hintergrund bekommt Jürg Jegges Bestseller – das Buch hat sich bis heute über 200 000 Mal verkauft – eine bittere Note. Genauso wie die Preise, mit denen der »neue Pestalozzi« ausgezeichnet wurde, oder auch die Bezeichnung »Lehrer der Nation«, mit der Jürg Jegge 2016 anlässlich des Vierzig-Jahr-Jubiläums seines Longsellers in einem unter mehreren wohlwollenden Artikeln von den Medien gefeiert wurde.
Den Mut, die dunkle Seite des Musterpädagogen publik zu machen, fasste Markus Zangger erst nach einem langen Verarbeitungsprozess und aus der Überzeugung heraus, dass das Unrecht nicht mehr länger verschwiegen werden darf.
© Wörterseh
MARKUSZANGGER, geb. 1958, wuchs als jüngstes von fünf Kindern in Embrach auf, wo seine Eltern eine Champignonzucht betrieben. Nach seiner Schulzeit machte er eine Töpferlehre, wurde später Bühnenmeister und arbeitet heute in einem Betrieb des öffentlichen Verkehrs. Nach dem viel zu frühen Tod seiner Frau Doris im Jahr 2009 begann er, Tagebuch zu führen. Durch das Schreiben wurde er sich allmählich gewahr, dass sein ehemaliger Lehrer Jürg Jegge ihn bis ins Erwachsenenalter hinein nicht »therapiert«, sondern massiv sexuell missbraucht hatte. Als er das Gespräch mit ehemaligen Klassenkameraden suchte und dabei klar wurde, dass auch sie betroffen sind, war sein Entschluss gefasst: Er wollte nicht mehr schweigen, sondern das Unfassbare endlich beim Namen nennen. Markus Zangger hat eine erwachsene Tochter und lebt im Zürcher Unterland.
© Wörterseh
HUGOSTAMM, geb. 1949, wuchs in Schaffhausen auf. Nach dem Lehrerseminar begann er in Zürich ein Philosophiestudium, das er zugunsten eines Volontariats beim »Tages-Anzeiger« abbrach. Seinem Arbeitgeber blieb er als Journalist und Redaktor vierzig Jahre lang treu. 1974 begann er sich mit der Sektenthematik zu befassen und schrieb 1982 sein erstes Buch über Scientology. Nach weiteren Büchern zeichnete er im Bestseller »Allein gegen die Seelenfänger« die Missbrauchsgeschichte von Lea Saskia Laasner auf. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass auch Markus Zangger stark genug für den Gang an die Öffentlichkeit ist, half er ihm beim Verfassen seiner Lebensgeschichte. Hugo Stamm betreibt seit elf Jahren einen wöchentlichen Blog über Glaubens- und Sektenfragen; früher für den »Tages-Anzeiger«, heute für das Newsportal »Watson«. Er wohnt in Zürich.
Als ich 1970 als zwölfjähriger Primarschüler zu meinem neuen Lehrer Jürg Jegge kam, ahnte ich nicht, welch unheilvolle Wendung mein Leben nehmen sollte. Ich hatte mich in der Volksschule schwergetan und die zweite Klasse repetiert. In der vierten Klasse unterzog mich Jegge einem »Intelligenztest« und sorgte anschließend dafür, dass ich seiner Sonderschule zugeteilt wurde, die er mit dem Segen der Behörden auf einem entlegenen Bauernhof bei Embrach eingerichtet hatte.
Anfänglich gefiel mir sein lockerer Unterricht. Wir waren ein gutes Dutzend Viert- bis Neuntklässler, Mädchen und Knaben. Es gab keinen Leistungsdruck; wir mussten kaum Hausaufgaben machen und duzten unseren Lehrer. Jegge propagierte die »angstfreie Schule«. Besonderen Wert legte er darauf, uns auch in der Freizeit zu treffen. Zuweilen lud er ausgewählte Schüler auch in sein Maiensäß im Turbachtal im Berner Oberland ein.
Dort begannen dann auch die körperlichen Übergriffe. Jegge stellte die Betten zusammen und sagte, er als Lehrer könne wählen und wolle in unserer Mitte schlafen. Wir fanden das seltsam und stritten uns um das Bett am Fenster, das am weitesten von ihm entfernt war. In einer Nacht beobachtete ich, wie er einem Schüler unter die Decke griff. Als ich krank wurde, massierte er mich und berührte dabei auch meinen Penis. Er redete mir ein, ich sei verkrampft, könne nicht locker atmen und habe eine zu enge Vorhaut.
Zurück in Embrach, probierte er an mir eine angeblich revolutionäre Behandlungsmethode aus. Er nannte sie »Dureschnuufä«. Die »Therapie« fand an freien Nachmittagen in seiner Wohnung statt. Zuerst saß Jegge nur am Bettrand, um mich zu berühren. Später legte er sich nackt neben mich und forderte mich auf, gemeinsam mit ihm zu onanieren.
Nur schon diesen Satz zu formulieren, hat mich enorm viel Kraft gekostet. Daher bitte ich um Verständnis, dass ich die Übergriffe auch später im Buch nicht ausführlicher beschreiben werde. Nicht, um Jürg Jegge zu schützen, sondern mich. Ich habe mich oft genug ausgezogen. Jetzt – hier in diesem Buch – entscheide ich selbst, wie weit ich mich entblöße. Diese Grenze ziehe ich klar und sehr bewusst. Denn dieses Buch werden meine Mitarbeiter, meine Nachbarn, meine Freunde, meine Tochter, eines Tages vielleicht sogar meine Enkel lesen. Sie alle sollen wissen, dass das Unfassbare passiert ist. Mehr ist nicht nötig.
Damals durchschaute ich noch nicht, dass mein Lehrer mit der »Therapie« primär seine eigenen sexuellen Bedürfnisse befriedigte. Ich war völlig überfordert, konnte mich niemandem anvertrauen, nicht einmal meiner Mutter, und verstrickte mich immer tiefer in die Abhängigkeit. Diese wurde so groß, dass ich von Jegge auch als Erwachsener kaum mehr loskam. Erst mit 28 Jahren gelang es mir, die sexuellen Übergriffe zu beenden, doch die psychische Abhängigkeit blieb noch viel länger bestehen.
1976 wurde Jegge mit seinem Bestseller »Dummheit ist lernbar – Erfahrungen mit ›Schulversagern‹ « über Nacht zu einem Star. Die ganze Schulszene diskutierte über seine These, wonach das verknöcherte Bildungssystem an sich begabte Schüler dumm mache. Er wurde als Pionier und »neuer Pestalozzi« gefeiert. Bis heute gilt der inzwischen 73-jährige Bestseller-Autor als herausragender Pädagoge. In den Medien ist er nach wie vor prominent vertreten. 2016 erkor ihn die »Weltwoche« sogar zum »Lehrer der Nation«.
Dieses hehre Bild kontrastiert erheblich mit den Erfahrungen, die ich jahrzehntelang mit ihm gemacht habe. Ich habe Jegges dunkle Seite erlebt, war den sexuellen und psychischen Übergriffen des Musterpädagogen hilflos ausgeliefert. Er legitimierte seine Taten mit dem bekannten Arzt und Forscher Wilhelm Reich, der die Meinung vertreten habe, dass psychische Erkrankungen oft mit einer Störung der sexuellen Erlebnisfähigkeit einhergingen.
Jegge benutzte Reichs Atem- und Heilmethode, um mich zu »therapieren«. Er behauptete, er wolle mich von »Ängsten und Nöten« befreien, mich »liebes- und beziehungsfähig« machen. Dabei wirkte er überzeugend und benahm sich so fürsorglich, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass das Dureschnuufä gar keine Therapie war, sondern im Gegenteil ein fortgesetzter Missbrauch.
Ich verstand auch lange nicht, warum er mich nach der Schulzeit jahrelang weiter bedrängte und kontrollierte. Ich verriet mein dunkles Geheimnis nicht einmal meiner Frau Doris, weil ich mich schämte und Angst hatte, sie zu verlieren. Erst die Trauer nach ihrem Tod führte dazu, dass ich mich ernsthaft mit den Übergriffen auseinandersetzen konnte. Damals war ich fünfzig Jahre alt.
Die Aufarbeitung war ein schmerzhafter Prozess. Schließlich wurde mir klar, dass ich erzählen musste, was mit mir passiert war. Ich musste endlich darüber sprechen, was ich erlitten hatte. Doch wem sollte ich mich anvertrauen? Wer hätte mir meine Vorwürfe geglaubt? Mir, dem ehemaligen Sonderschüler? Was hätte ich gegen den Vorzeigelehrer, erfolgreichen Buchautor und Liedermacher ausrichten können?
Mein Bedürfnis, die Zusammenhänge zu verstehen, wurde immer stärker. Ich wollte wissen, warum ich bis weit über die Schulzeit hinaus von Jegge abhängig gewesen war. Warum ich mich so lange nicht hatte wehren können, obwohl mich die »Therapie« belastet und angeekelt hatte. Wie es ihm gelungen war, meine Bedenken immer wieder zu zerstreuen. Und wie er es geschafft hatte, sich als mein Wohltäter darzustellen, ohne dass ich seine wahren Absichten durchschaute.
Eine echte Therapie half mir, Antworten auf all diese Fragen zu finden. Als ich dann ehemalige Schulkollegen kontaktierte, mich ihnen anvertraute und erfuhr, dass Jegge sie ebenfalls sexuell missbraucht hatte, wusste ich, dass ich handeln musste.
Zuerst erwog ich eine Strafanzeige. Diesen Plan musste ich aufgeben, als mir ein Anwalt sagte, dass die Übergriffe verjährt seien. Nach reiflicher Überlegung entschloss ich mich, meine Geschichte zu veröffentlichen. Ich setzte mich hin und ergänzte meine Tagebuchnotizen, mit denen ich nach dem Tod meiner Frau Doris begonnen hatte. Damit daraus ein Buch entstehen konnte, brauchte ich professionelle Unterstützung. Ich erzählte der Therapeutin Regula Schwager von der Zürcher Beratungsstelle Castagna von meinem Vorhaben. Sie anerbot sich, einen Kontakt zum Journalisten Hugo Stamm herzustellen, der über große Erfahrung mit den Themen Abhängigkeit, Verstrickung und Gehirnwäsche verfüge.
Hugo Stamm hörte sich meine Geschichte an und kam zum Schluss, sie sei plausibel und glaubwürdig. So begann 2015 eine intensive Zusammenarbeit zwischen ihm und mir. Er hörte mir zu, stellte Fragen, recherchierte und schrieb meine Lebensgeschichte anhand meiner Textfragmente und Erzählungen auf. Ohne dich, lieber Hugo, wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Herzlichen Dank!
Danken möchte ich auch meiner Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx, die mich sehr unterstützt hat, sowie René Staubli für sein sorgfältiges Lektorat.
Markus Zangger, im Februar 2017
»Tschüss, Mama«, rufe ich in die Stube. »Bleib nicht zu lang«, erwidert sie. Schon rassle ich die Holztreppen hinunter und schwinge mich aufs Velo. Ich bin spät dran, aber bis zur Wohnung meines Lehrers sind es nur 700 Meter. Es ist üblich, dass wir Schüler an freien Nachmittagen bei ihm vorbeischauen, um verschiedene Dinge zu besprechen. Er legt Wert darauf, dass Schule und Freizeit ineinander übergehen. Ich lasse mein Rad am Zaun stehen, eile das mit Teppichen ausgelegte Treppenhaus hinauf ins Dachgeschoß und klingle an der Tür.
Jürg Jegge öffnet mir, und wir setzen uns an den Holztisch, um den sich mehrere Stühle und Hocker gruppieren. Daneben steht ein Rattanschaukelstuhl, auf dem es sich mein Lehrer gern bequem macht. Die große Einzimmerwohnung wird durch einen Schrank und ein Büchergestell unterteilt. »Magst du einen Sirup?«, fragt er mich betont freundlich. Schon bringt er mir ein volles Glas.
Er setzt sich zu mir und zeigt mir Texte seines Buchmanuskripts. »Ich habe wieder viel geschrieben und bin gut vorangekommen«, sagt er stolz. Ich mag es, wenn er mit mir spricht wie mit einem Erwachsenen. Es schmeichelt mir, dass er mich über sein Buchprojekt informiert, in dem er sein neues pädagogisches Konzept beschreibt. Ich bin sogar ein wenig stolz, dass ich in seinem Buch vorkommen werde.
Doch dann folgt schon die Frage, vor der ich mich jedes Mal fürchte: »Wollen wir noch ›dureschnuufä‹?« – »Nicht schon wieder«, denke ich. Er spürt mein Zögern und ermuntert mich freundlich: »Ach komm, das schadet dir nicht, ja, es tut dir bestimmt gut.« So lasse ich mich einmal mehr überreden.
Jürg steht sofort auf, geht zur Wohnungstür und schaut durch den Spion. Er vergewissert sich, dass das Treppenhaus leer ist, und dreht vorsichtig den Schlüssel im Schloss. Das leise Klacken treibt meinen Puls in die Höhe. Es ist das Signal für ein heimliches Ritual, das mir jedes Mal Angst macht und mich zutiefst beschämt. Ich gehe in den abgegrenzten, dunklen Teil des Zimmers, wo sein Bett steht. Als Jürg kommt, ziehe ich mich wie immer aus und lege mich im Bett auf den Rücken. Er rückt den Stuhl an die Bettkante und setzt sich.
Behutsam massiert er mich am ganzen Körper und streichelt dabei auch meinen Penis. Er fordert mich auf, tief ein- und auszuatmen. Er gibt mir zu verstehen, dass dies Teil einer neuartigen und besonders wirksamen Therapie sei. Er nennt sie »Dureschnuufä«.
Mir ist das, was wir da machen, mehr als peinlich. Ich liege nackt auf dem Bett meines Lehrers und muss lernen, richtig zu atmen. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich würde am liebsten aufstehen und gehen. Oder im Boden versinken. Ich wage es aber nicht, mich zu wehren. Das Dureschnuufä helfe mir, meine innere Verkrampfung zu lösen, sagt mir Jürg, den ich auch in der Schule beim Vornamen nenne. Die revolutionäre Therapie habe der berühmte Psychiater Wilhelm Reich entwickelt.
»Du bist verkrampft«, sagt er zu mir, »entspanne dich endlich. Das Dureschnuufä löst deine Blockaden, lockert deinen verspannten Bauch und hilft, dass die Energie in deinem Körper wieder gut fließen kann.«
»Bin ich gestört oder gar krank?«, frage ich mich zum wiederholten Mal. »Steht es mit mir so schlimm, dass ich psychologische Hilfe brauche?« Seine Worte machen mir Angst, doch ich bin trotzdem froh, dass Jürg mir hilft. Er sagt mir immer wieder, ich könne mich glücklich schätzen, dass er mich therapeutisch unterstütze. Gleichzeitig gibt er mir zu verstehen, dass ich ihm dankbar sein müsse. So lasse ich alles über mich ergehen. Ich bin verunsichert und weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist.
Nach einer Weile, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommt, sagt er, es sei gut für heute. Er steht auf und wendet sich rasch ab. Ich sehe, dass er erregt ist. Ich bin froh, dass ich es für heute überstanden habe, und ziehe mich schnell an.
Ich gehe zum Stubentisch zurück, mein Lehrer schaut wieder durch den Spion. Behutsam dreht er den Schlüssel. Es ist für mich das Signal, dass wir wieder auf der anderen Seite der Realität angekommen sind. Ich, der dreizehnjährige Sechstklässler Markus Zangger, und er, mein 28-jähriger Lehrer Jürg Jegge.
Wir setzen uns an den Tisch, und ich trinke meinen Sirup leer. Dann nehme ich all meinen Mut zusammen und sage zu Jürg, dass ich die Therapie komisch finden würde. Ich wage es nicht, ihm dabei in die Augen zu schauen. »Ich habe dir doch schon mehrmals erklärt, dass es eine neue Therapiemethode ist«, erwidert er ungehalten. Wie in der Schule, wenn er etwas wiederholt erklären muss, weil wir Schüler es nicht kapiert haben. Vorläufig dürfe ich mit niemandem darüber sprechen, weil die Leute die neue Therapie nicht verstehen würden, schärft er mir ein. Wenn unsere Methode in Verruf gerate, sei alles umsonst gewesen.
Um mich zu beruhigen, erzählt mir Jürg, Wilhelm Reich habe bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten herausgefunden, dass psychische Störungen direkt mit der Unfähigkeit der sexuellen Erlebnisfähigkeit zusammenhängen würden. Ich verstehe das nicht und schaue ihn verwundert an. Er überlegt kurz und beugt sich zu mir. »Ich kann dich beruhigen. Vermutlich werde ich in meinem Buch über das Dureschnuufä schreiben. Dann wirst du erkennen, dass die Therapie seriös ist.«
»Du willst tatsächlich in deinem Buch darüber schreiben?«, frage ich ihn überrascht. Jürg sagt: »Ich muss es natürlich vorsichtig formulieren, sodass es nicht alle Leser merken. Die Fachleute werden aber verstehen, was ich meine.«
Ich bin beruhigt, dass ich nichts Unrechtes tue. »Vielleicht ist die Behandlung gar nicht so komisch, wie ich sie empfinde«, denke ich. »Vielleicht bin ich ja wirklich so verklemmt, wie er mir immer wieder sagt.« Jürg fügt dann noch an: »Du willst doch nicht, dass unsere Schule geschlossen wird? Deine Klassenkameraden wären sehr traurig.« Nein, das will ich natürlich nicht. Ich verabschiede mich rasch von meinem Lehrer. »Bis morgen in der Schule!«, ruft er mir nach.
Gedankenversunken fahre ich mit dem Velo nach Hause. Trotz seiner Beteuerungen habe ich leise Zweifel und ein schlechtes Gewissen. Mein Lehrer ist zwar ausgesprochen nett zu mir, aber ich mag es nicht, wenn er mich berührt. Schon gar nicht so. Ich begreife auch nicht, was dies mit einer Therapie zu tun haben soll.
»Bist du wieder da?«, ruft meine Mutter aus dem Wohnzimmer, wo sie in einer Ecke ihr Büro eingerichtet hat. »Ja«, antworte ich mürrisch. Sie bittet mich, einige Geschäftsbriefe zur Post zu bringen, Rechnungen für unsere Kunden. Ich nehme ihr den Botengang gern ab, denn ich weiß, wie viel sie im Büro und für die Familie arbeitet.
Fünf Jahre später, 1976, veröffentlichte Jürg Jegge sein Manuskript im Berner Zytglogge Verlag unter dem Titel »Dummheit ist lernbar – Erfahrungen mit ›Schulversagern‹ «. Die NZZ schrieb, der Sonderschullehrer rüttle mit seinen Thesen »an den Grundfesten der Pädagogik«.
Der Zytglogge Verlag brachte weitere Bücher von ihm auf den Markt: 1979 »Angst macht krumm – Erziehen oder Zahnrädchenschleifen«, 1991 »Abfall Gold – Über einen möglichen Umgang mit ›schwierigen Jugendlichen‹ « und 2006 »Die Krümmung der Gurke. Menschen – nicht stapelbar«. Darin verglich Jegge die EU-Normen beim Gemüse mit der Normierung der Schulkinder. Für den Limmat Verlag schrieb er schließlich das Buch »Fit und fertig – Gegen das Kaputtsparen von Menschen und für eine offene Zukunft«, das 2009 erschien. Der Autor, warb der Verlag, erinnere »auf erfrischende Art daran, dass der Mensch nicht auf der Welt ist, um eine doppelte Buchhaltung zu führen«.
Für seine »kritische Aufklärung und sein humanitäres Engagement« erhielt Jegge 1999 den Robert-Mächler-Preis. 2011 verlieh ihm die Doron-Stiftung des Zuger Rohstoffhändlers Marc Rich ihre mit 50 000 Franken dotierte Auszeichnung. In der Laudatio hieß es: »Unsere Gesellschaft stützt sich auf Persönlichkeiten wie Jürg Jegge, die sich voll und ganz für Menschen in einem schwierigen Umfeld einsetzen.« Er leiste seit vielen Jahren »einen wichtigen Beitrag an unsere Gesellschaft«.
Jegge ging 2011 in Pension, nachdem er die von ihm gegründete Stiftung »Märtplatz« für die berufliche Wiedereingliederung junger Menschen »mit Startschwierigkeiten« 26 Jahre lang geleitet hatte. Seine Popularität blieb indessen ungebrochen. Als Liedermacher trat er weiterhin auf Kleinkunstbühnen auf, beispielsweise im November 2015 zusammen mit dem bekannten Kabarettisten Joachim Rittmeyer im Hotel Beatus in Merligen im Berner Oberland.
Wann immer es um pädagogische Fragen ging, griffen die Medien gern auf den ehemaligen Zürcher Sonderschullehrer zurück. Aus Anlass des Vierzig-Jahr-Jubiläums seines Bestsellers »Dummheit ist lernbar« durfte er beispielsweise im April 2016 in der »SonntagsZeitung« auf einer ganzen Seite das Schweizer Schulsystem kritisieren. Der Lehrplan 21 »mit seiner Kompetenzhuberei« zeige einmal mehr, »dass die Schule nicht in erster Linie als Lernort, sondern als Kindersortieranstalt funktioniert«, monierte der damals 72-Jährige. Und weiter: »In unserer Welt lassen sich, grob gesagt, drei Schichten von Menschen erkennen: führende, geführte und solche, die an der Nase herumgeführt werden. Die Schule sortiert hier vor, indem sie die Kinder rechtzeitig einteilt und so für die entsprechenden Bildungsunterschiede sorgt. Das machte sie bisher offenbar zur Zufriedenheit der Führenden, denn sonst hätte sich längst etwas geändert.«
Nachdem sich »Dummheit ist lernbar« laut »Weltwoche« vom 8. September 2016 über die Jahre im In- und Ausland rund 200 000 Mal verkauft hatte, kürte das Blatt Jegge zum »Lehrer der Nation«. Kaum jemand habe die moderne Schweizer Volksschule derart geprägt wie er. Sein Buch habe den Durchbruch der 68er-Pädagogik eingeleitet. Und weiter: »Jegge ist ein Mann, bei dem die Lebenslust, der Idealismus und vor allem die Liebe zu den sogenannten Problemkindern mit jeder Gestik, jedem Satz zum Ausdruck kommen.«
»Beeile dich, Markus! Hast du dein Gesicht schon gewaschen?«, rief Mama. »Ja, ja«, gab ich zurück, zog schnell meine Schuhe an, griff mir eine Jacke und rannte ihr hinterher, die Treppe hinunter. Sie setzte sich hinter das Steuer unseres Autos, während ich auf den Rücksitz kletterte. Derweil lud Papa 65 Kilogramm Champignons aus seiner Zucht in den Kofferraum, die Eltern gaben sich einen Abschiedskuss, und meine Mutter brauste mit mir davon.
Ich begleitete sie gern auf ihrer morgendlichen Tour zu den Kunden. Da sie mit unserer siebenköpfigen Familie und dem Geschäft viel zu tun hatte, genoss ich es, sie zwischendurch ganz für mich allein zu haben.
Wir fuhren von Embrach über Pfungen, Neftenbach und Henggart nach Schaffhausen, um Läden und Restaurants mit unseren Pilzen zu beliefern. Manchmal durfte ich den Köchen zuschauen, wie sie mit ihren großen Pfannen und Töpfen hantierten. Mit den meisten Kunden hielt Mama einen kleinen Schwatz, außer mit den knurrigen, die gestresst waren und herummeckerten. Mein Lieblingsziel war die Bäckerei Gründler in Schaffhausen, denn beim freundlichen Bäckermeister durfte ich mir stets etwas Leckeres aussuchen.
Besonders gern besuchte ich das Schloss Laufen am Rheinfall. Während Mama drinnen die Champignons übergab, beobachtete ich draußen die Rehe und Wildschweine im Schlossgraben. Wenn sie herauskam, bestürmte ich sie: »Bitte, Mama, bitte!« Sie wusste, was das bedeutete. Wenn sie sich erweichen ließ, was nicht so oft vorkam, weil wir meist spät dran waren, stiegen wir rasch die vielen Steintreppen hinunter zur Aussichtsterrasse.
Dort war der Lärm des tosenden Wassers ohrenbetäubend, die Gischt spritzte mir ins Gesicht. Ich stand da und starrte staunend in die endlos niederstürzenden Fluten. Ich hätte stundenlang zuschauen können. Doch schon bald tippte mir Mama auf die Schulter und gab mir ein Zeichen. Glücklich stapfte ich neben ihr zum Schloss hinauf und kletterte wieder ins Auto. Oft war ich so müde, dass ich auf der Heimfahrt einschlief. »Hallo, wir sind da«, weckte mich Mama dann und lächelte mich an. Inzwischen war es Mittag geworden.
Wir waren fünf Kinder, drei Brüder und zwei Schwestern. Ich war der Jüngste, Daniel war drei Jahre, Marlies fünf, Ruth elf und Ernst dreizehn Jahre älter. Ruth hantierte bereits in der Küche. Dort herrschte bei uns stets das kreative Chaos. Wer von den Großen zuerst zu Hause war, führte Regie, auch Papa. Wer später dazukam, fasste ein »Ämtli«: Salat waschen, Kartoffeln schälen, Sauce zubereiten, kochen. Ich als Nesthäkchen musste jeweils den Tisch decken. Bei den Zanggers war das Lebensmotto ebenso einfach wie effizient: Alle mussten überall mitanpacken.
Nach dem Essen versuchten Daniel und ich manchmal, das »System Zangger« zu unterlaufen. Bei der ersten Gelegenheit schlichen wir uns davon, um uns vor dem Abwasch zu drücken. Doch damit strapazierten wir den Gerechtigkeitssinn unserer Schwestern. Sie pfiffen uns zurück und drückten jedem ein Tüchlein in die Hand: »Los, abtrocknen!« Derweil genoss Papa als Einziger das Privileg, sich nach dem Essen für fünfzehn Minuten aufs Sofa zu legen, um ein Nickerchen zu machen. Keine Regel ohne Ausnahme.
Das Bauernhaus, in dem wir wohnten, war für uns Kinder ein kleines Paradies. Im ersten Stock lebte die Bauersfamilie, darüber wir zur Miete in einer einfachen, aber geräumigen Achtzimmerwohnung. Mein Bruder Ernst machte in Zürich eine Lehre als Automechaniker, Ruth arbeitete in der Pilzzucht mit. Sie betreute mich, wenn Mama beschäftigt war. Manchmal schaute auch Marlies zu mir, die als kleines Mädchen Kinderlähmung gehabt hatte. Daniel war mein bester Kumpel und mein großes Vorbild. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und machten die nähere und weitere Umgebung unsicher. Unser bevorzugtes Revier war der Estrich. Wir trieben uns aber auch oft im Kuhstall, in der Scheune und im Bungert herum, einer Weide mit Obstbäumen.
Es gab viel zu beobachten und zu bestaunen, vor allem bei den Tieren. Die Bauersleute ließen uns überall herumstrolchen. Ich schaute Walter, ihrem Sohn, gern zu: beim Melken, beim Dämpfen der Kartoffeln für die Schweine oder beim Aufziehen des Heus in den Heustock. Er war unser Märchenonkel und erzählte uns wunderbare Geschichten. Traurig machte mich, wenn Tiere, die ich gut kannte, auf dem Hof geschlachtet wurden. Ich musste lernen, dass das Töten zur Arbeit eines Bauern gehört.
Attraktiv war auch das Nachbarhaus, in dem ein älteres Paar wohnte, zu dem wir eine enge Beziehung hatten, fast wie zu Großeltern. Wir waren dort häufig zu Besuch, auch wegen des Fernsehers, weil es in unserem Haushalt keinen gab.
Ein besonderes Erlebnis war für mich der Gemüsemarkt in Winterthur. Früh am Morgen, wenn wir ankamen, waren alle Marktfahrer nervös. Eilig stellten sie ihre Stände auf, um bereit zu sein für die erste Kundschaft. Unser Stand war mit seinem weißen Stoffdach der schönste. Ich durfte die Münzen in der Kasse ordnen, und Mama lehrte mich, die Pilze zu wägen, den Preis auszurechnen und das Retourgeld abzuzählen. »Und vergiss nicht, dich bei den Kunden jedes Mal höflich zu bedanken!«, schärfte sie mir ein.
Ich war stolz und erzählte den anderen Marktfahrern, was ich schon alles konnte – und schaute ihnen fasziniert zu, wie sie ihre geschlachteten Hühner und Kaninchen verkauften. Der Mann mit den Eiern jammerte stets, er verdiene kaum etwas. Zwischendurch schlenderte ich durch die Gassen und betrachtete bei Franz Carl Weber die Spielsachen in den Schaufenstern.
Ich hatte eine glückliche Kindheit. Unsere große Familie war ein sicherer Hort für mich, ich fühlte mich gut aufgehoben und geborgen. Meine Brüder und Schwestern waren liebevoll und fürsorglich zu mir. Als Nachzügler genoss ich viel Aufmerksamkeit. Ich war fröhlich und aufgeweckt, neugierig und manchmal auch ein bisschen vorwitzig. Weil ich oft im Mittelpunkt stand, hatte ich zuweilen Flausen im Kopf.
Zum Leidwesen meines Bruders Daniel, der manchmal ein wenig eifersüchtig auf mich war, entwickelte ich bald viel Durchsetzungsvermögen und einen ausgeprägten Willen. Es war auch für meine Eltern nicht immer einfach, meinen Tatendrang zu zügeln – oder mein Mundwerk. Andererseits war ich aber auch anpassungsfähig und konnte mich einfügen.
