19,99 €
Sein Name klingt, im Wortsinn. Als Pianist und Dirigent ist Justus Frantz seit Jahrzehnten sowohl in Deutschland als auch international ein Begriff. Mit seinem Namen verbinden sich das Schleswig-Holstein Musik Festival, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern oder die Philharmonie der Nationen in Hamburg. Mit seinem Talent, seinem Können und seiner musikalischen Vision war und ist er einer der wichtigsten gegenwärtigen Botschafter des klassischen Musikerbes Deutschlands und Europas. Zu seinem 80. Geburtstag gewährt Justus Frantz ungeahnte Einblicke in seine Welten.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2024
Künstler zwischen den Welten
Eine Biografie von Jens Meyer-Odewald
Foto: Marcelo Hernandez, Hamburg
Vorwort
Kapitel 1
Der Maestro – hinter den Kulissen
Kapitel 2
Wurzeln einer namhaften Familie
Kapitel 3
Klavierspielen beflügelt
Kapitel 4
Weltkarriere: Auf dem Zenit
Kapitel 5
Turbulente Erfolgsjahre
Kapitel 6
Familie, Freunde, (Ehe-)Frauen
Kapitel 7
Zwischen Genie & Geld
Kapitel 8
Philharmonie der Nationen
Kapitel 9
Bastion Pöseldorf
Kapitel 10
Gegenwart. Rückblick. Einsichten
Kapitel 11
Freunde in Russland
Kapitel 12
Zum Ausklang Blaubeertee am Kamin
Impressum
Vorwort
Im Komponistenhäuschen der Finca de los Musicos im Süden Gran Canarias ging’s ans Eingemachte. In der exotischen Idylle, die früher auch Leonard Bernstein und Helmut Schmidt (41-mal!) zu schätzen wussten, äußerte sich Justus Frantz zu den delikateren Eckpunkten seiner üppigen Biografie – freimütig und offenherzig. Damit machte er sein Versprechen wahr. Und zwar auf die dezente Art, nicht mit dem Holzhammer. Der Pianist sprach frank und frei über seine finanzielle Situation, mangelhafte Altersabsicherung, sein Verhältnis zu Russland, über seine Gefühls- und Beziehungswelt. Ja, auch Männer spielen langjährige Hauptrollen darin. Auf die Nuancen kommt es an. Wie in der Musik.
Beim ersten Treffen Anfang 2023 war an Themen wie diese noch nicht zu denken. Wir saßen in seinem Wohnzimmer am Kamin, tranken Ingwertee mit Blaubeeren – und diskutierten über Gott und die Welt. Das geht gut mit Professor Frantz, vorzüglich sogar. Justus Frantz ist belesen und meinungsfreudig, streitbar und impulsiv. Er kann ebenso gut austeilen wie einstecken. Er liebt die Provokation. Und er freut sich wie ein kleines Kind, wenn er es schafft, andere auf die Palme zu bringen. Dass es klüger sein kann, hin und wieder auf die Bremse zu treten, ist ihm bewusst, aber entspricht nicht immer seinem temperamentvollen Naturell.
Foto: Jens Meyer-Odewald privat
Der Autor und Justus Frantz im »Komponistenhäuschen« im weitläufigen Garten der Casa de los Musicos auf Gran Canaria
Eines war der charmante Filou in keiner Phase seiner Achterbahnfahrten: feige. Er benennt Ross und Reiter, laviert nicht herum, zeigt klare Kante. 24 Treffen gab es für dieses Buch. Von Mal zu Mal wurde es spannender. Justus Frantz verfügt über ein beeindruckendes Wissen. Wunderbare Anekdoten zeugen von einer besonderen Lebensgeschichte. Drei Tage Klausur auf seiner Finca boten die Kulisse, um finale Fragen zu klären. Dass ihm dieses Paradies eigentlich gar nicht mehr gehört, ist eines von vielen erstaunlichen Details.
Gespräche mit wichtigen Menschen aus seinem Umfeld, darunter seine langjährige Ehefrau Alexandra von Rehlingen sowie Ksenia Dubrovskaya, die Mutter des gemeinsamen Sohnes Justus Konstantin, rundeten die Recherche ab. Der ehemalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Björn Engholm, und mehr als ein Dutzend weiterer Weggefährten aus turbulenten Jahren trugen zum umfassenden Porträt eines Menschen bei, der seine ureigene Art auslebt. Es ist ein Kosmos mit dem Mutterplaneten Frantz. Übereinstimmender Tenor früherer Mitstreiter: Es war eine aufregende, anstrengende, unvergessliche Zeit. Der Maestro traf Majestäten der Welt, bewahrte sich indes ein Herz für kleine Wunder am Wegesrand. Für ein Stück Pflaumenkuchen mit Schlagsahne ließ er ein Flugzeug fliegen. Ein anderer Jet wartete auf dem Rollfeld auf ihn, während der Künstler zunächst noch innere Einkehr in der Badewanne hielt.
Einem reellen Zoff ging Justus Frantz nie aus dem Weg – bis heute als nunmehr 80-Jähriger nicht. Andererseits machten Talent und Chuzpe den Weg frei für Meisterleistungen wie die Gründung des Schleswig-Holstein Musik Festivals oder die Idee einer Philharmonie der Nationen. Wenn er seine Kreativität ausleben kann, ist Justus Frantz ganz in seinem Element.
JENS MEYER-ODEWALD,
Hamburg im Frühjahr 2024
Foto: Marcelo Hernandez, Hamburg
Herzlich willkommen! Justus Frantz an der Eingangstür seiner Wohnung nahe der Hamburger Außenalster. Dort ist der Maestro seit Jahrzehnten zu Hause.
Bühne frei
Kapitel 1
Der Maestro – hinter den Kulissen
In der Casa de los Musicos auf Gran Canaria
An dieser sperrigen Haustür im Süden Gran Canarias schließt sich der Kreis. »Hier möge der Frieden wohnen«, steht in lateinischer Sprache an dem aus Eisen gegossenen Türklopfer. Und: »Lass kein Böses eintreten.« Im Original: »Pax hic habitet, nec intrent mala.« So soll es nach Justus Frantz’ Wunsch sein – seit mehr als einem halben Jahrhundert. Eigentlich jedoch noch viel länger. Denn das Original dieses Schildes prangte bereits am Eingang des Familienguts Schaetz im heutigen Polen. Auch wenn sich nach der Flucht 1944 aus dem damaligen Schlesien westwärts so vieles ereignet hat, ist der Pianist und Dirigent dem Credo seiner Vorfahren treu geblieben. Dass eine Nachbildung nun auf der spanischen Insel vor der Nordwestküste Afrikas den Weg in das Innere seines Hauses weist, ist alles andere als ein Zufall. Dieses Refugium in der subtropischen Bergidylle, etwa zehn Kilometer vom Tourismus-Tohuwabohu entfernt, ist eine Welt für sich.
»Wer mich wirklich kennenlernen will«, hatte Justus Frantz bei einem Kamingespräch in seiner Altbauwohnung in Hamburg gesagt, »muss mich auf den Kanaren besuchen.« Eben aus diesem Grund steht dieses Kapitel am Anfang. Weil die Finca eine Basis seines Schaffens ist, ein Refugium abseits des Alltags. Auf unwirtlichem Grund schufen Frantz & Freunde eine exotische Oase. In bewegenden Zeiten kamen illustre Gäste dorthin: Staatspräsidenten, Könige, Minister, Künstler, Musiker, ein ehemaliger Bundeskanzler zigmal, Weggefährten und vor allem Freunde. Neben seiner Privatwohnung am Hamburger Rothenbaum, in der er seit 60 Jahren zu Hause ist, bedeutet ihm der Rückzugsort auf Gran Canaria am meisten. »Diese Finca ist mir eine Herzensangelegenheit«, sagt Justus Frantz, »und für mich der wichtigste Ort auf der Welt.«
Der Name seines grandiosen Anwesens dort sagt alles: »Casa de los Musicos«, das Haus der Musiker. Und der Musik: Mehrere Flügel sind auf der Finca untergebracht. Erwerb, Bau, Gestaltung und Blütenpracht des Anwesens sind ein Kapitel für sich. Angereichert ist diese Geschichte mit exotischen, beinahe unvorstellbaren und immer wieder erstaunlichen Ereignissen. In Muße auf dem Monte Leon, hatte Professor Frantz zuvor versprochen, könne er ganz anders, viel befreiter über alle Themen sprechen – auch über die heiklen. Stichworte sind ein nicht grundsätzlich nur sonniges Gefühlsleben und Finanzen. Um es vorwegzunehmen: Justus Frantz wird Wort halten.
Zuerst jedoch möge dieses beeindruckende Eldorado für sich sprechen. Über eine steile, holprige und mit tückischen Steinen gespickte Straße steuert der Taxifahrer die »Finca Justus Frantz« an. Mit Bussen kommt man hier nicht weiter. Weiter aufwärts geht’s an einem grünen Gittertor vorbei. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt übersah es in vergangenen Jahren in der Abenddämmerung und rammte es mit seinem geliehenen Mercedes. 41-mal war der verstorbene Staatsmann (zahlender!) Gast bei seinem Freund Justus Frantz in der Casa de los Musicos. Oft war Ehefrau Hannelore alias Loki dabei.
Foto: Peter Bankowski, privat
Die »Finca Justus Frantz« ist eine subtropische Oase im Süden Gran Canarias. In der Bergregion oberhalb von Maspalomas schuf der Pianist und Dirigent ein Paradies – mit tatkräftiger Unterstützung von Freunden.
Foto: picture-alliance / dpa | Fritz Fischer
Hannelore und Helmut Schmidt pflegten eine innige Beziehung zum Künstler Justus Frantz. Der Staatsmann reiste 41-mal in die Casa de los Musicos, in deren Garten er und seine Ehefrau gerne entspannten.
Die begeisterte Botanikerin fand ein üppig gedeihendes Paradies vor – belebt von allen möglichen Tieren und einer fantastischen Pflanzenwelt. Zum Abwasch nach langen, gemeinsamen Abendessen war sie sich nie zu schade. Unvergessen ist ebenfalls die Diät ihres Ehemanns Helmut, der sich oft zu wohlbeleibt fühlte. In Kanzlerzeiten war das, also zwischen 1974 und 1982. Dann genehmigte Schmidt sich, kalorienbewusst, lediglich eine Avocado zum Frühstück. Dazu trank er zwei Flaschen Coca-Cola. Um den Geschmack zu intensivieren, pflegte er zwei Stück Würfelzucker ins Glas kullern zu lassen. Die anderen reagierten amüsiert, ersparten sich aber ironische Kommentare. Der Kanzler hatte solche dagegen liebend gern parat. Als er irgendwann einen Wein aus auf der Finca geernteten Trauben kostete, befand er knurrend: »Da schmeckt ja Meister Propper besser.« Dieses Reinigungsmittel war seinerzeit ob massiver Fernsehwerbung vielen geläufig.
Amüsante Rückblicke stammen aus dem Erinnerungsfundus des Hausherrn »Don Justo«, wie der Koch und Majordomus José Rey sagte, und seiner Freunde. Etliche sind schriftlich festgehalten, in Notizen, Tagebüchern und privaten Memoiren. Denn seit den 1970er-Jahren lud Justus Frantz quasi Gott und die Welt in sein tropisches Reich ein. Politische Größen reisten reihenweise an: Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Spaniens König Juan Carlos I., Russlands Außenminister Andrei Kosyrew, der südkoreanische Präsident Park Chung-hee, Saudi-Arabiens König, Fidel Castros Sohn Fidelito und viele mehr.
Auch der weltberühmte Komponist und Dirigent Leonard Bernstein, der in Justus Frantz vielleicht mehr als nur einen guten Freund sah, lebte über etliche Jahre teilweise monatelang auf der Anlage. Andere Legenden aus Kultur, Politik und Wirtschaft aus aller Herren Länder wie Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, Samuel Barber, Alfred Schnittke, René Kollo, Barbara Hendricks, Will Quadflieg, Patrick Süskind oder Hamburgs Ehrenbürger John Neumeier kamen. Angelockt nicht nur vom Naturerlebnis, sondern auch vom bis in die Neuzeit organisierten Finca-Event »Frantz & Friends«, dem »World Piano Festival«. Regelmäßig wurde parallel zu Galadinners geladen. Zu diesem Zweck wurde auf dem 16 Hektar umfassenden Areal ein Amphitheater mit Platz für 500 Gäste geschaffen. Tennisstar Steffi Graf reiste an und nutzte den Tenniscourt hinter dem großen Pool – auch zu einem Match mit Helmut Schmidt. Eine Reitanlage gehört ebenfalls dazu. »Jeder konnte und kann hier nach seinem Gusto leben«, pflegt Justus Frantz zu sagen.
In Spaniens nach Franco begründeter Demokratie kam auch der neue Innenminister zu Besuch. Der Politiker hatte zahlreiche Beamte und Sicherheitsleute im Schlepptau. Da sich die Gäste kurzfristig ankündigten, war in Sachen Bewirtung guter Rat überhaupt nicht teuer. Am Wochenende und weit entfernt vom nächsten Supermarkt war Fantasie gefragt. Alexandra von Rehlingen, damals Ehefrau und heute gute Freundin des Maestros, zauberte einen Kuchen auf den Tisch der Finca. Gewissermaßen aus dem Nichts. Gekochte Kaktusfrüchte, vor dem Haus geerntet, sollten dem kulinarischen Erlebnis eine zusätzliche Note verleihen. Natürlich ahnte das Ehepaar Frantz nicht, dass sich diese Früchte durch langes Kochen in eine karamellähnliche Pampe verwandeln. »Mit einer Wirkung wie Sekundenkleber«, beschrieb der Hausherr die anfangs gar nicht komische Situation. Nach den ersten Bissen guckten die Besucher überrascht. Der Kuchen verschlug ihnen die Sprache. Ein bisschen tatsächlich; denn die Kaktusfrüchtemasse klebte ihnen den Mund zu. Als ein Beamter eine Plombe aus dem Mund zog, wich die Verblüffung allgemeinem Gelächter. Der Sachverhalt war rasch aufgeklärt.
Erheiterung bescherte auch die Einladung eines Nachbarn. Auf einem Berg in der Umgebung hatte sich ein schillernder, international bekannter »Geschäftsmann« niedergelassen – in fürstlichem Rahmen. Mister Adnan Kashoggi stammte aus Saudi-Arabien und hatte dem Vernehmen nach auch mit Waffenhandel ein gigantisches Vermögen angehäuft. In den 1970er-Jahren geisterte er durch Europas Klatschspalten. Jedenfalls hatte er die Idee, seine Nachbarn auf Gran Canaria zu einem exklusiven Abendessen zu laden. Justus Frantz und Alexandra von Rehlingen wollten sich diese gewiss bizarre Veranstaltung nicht entgehen lassen. Und in der Tat: Plüsch, Pomp und übertriebener Luxus entsprachen den Erwartungen. Auch waren mehrere junge Ladys präsent, die als Models vorgestellt wurden. Zum Finale der Einladung klatschte Kashoggi in die Hände. Lakaien überreichten den Gästen kleine Tüten. Auf der Heimfahrt mit seinem halbautomatischen VW Käfer wollte Justus Frantz den auf den ersten Blick kitschigen Beutel dem Abfall übergeben. Die Aufschrift »Bulgari« sagte ihm nichts. Hergestellt in Bulgarien, dachte er. Bestimmt nichts wert. Alexandra bremste ihn. Gut so, denn die Tüte enthielt ein Seidenkleid von Dior sowie wertvolle Kugelschreiber und ein Feuerzeug der Nobelmarke Bulgari, gegründet 1884 in Rom. Einen Teil erhielt der Hausmeister José.
Lange Zeit konnten die großzügigen Appartements und Einzelzimmer der weitläufigen Frantz-Finca auch von Fremden gebucht werden. Direkt, aber ebenso über Buchungsportale wie booking.com. Der kostspielige Unterhalt dieses üppig wachsenden Kleinods im regenarmen Süden Gran Canarias musste gedeckt, der Angestelltenstab bezahlt werden. Und da der gastgebende Maestro Geselligkeit und Trubel schätzt, damals wie kurz vor seinem 80. Geburtstag, schuf er sich einen separaten Privatbereich: In einem Flügel der sich architektonisch kreativ über drei Ebenen erstreckenden Finca befinden sich seine Räumlichkeiten. Auf viel Geld verschlingende Klimaanlagen wurde prinzipiell verzichtet. Ein ausgeklügelter Ventilator in seinem Schlafzimmer, der mit einem geeisten Wasserbehälter bestückt werden kann, reicht auch in heißen Nächten absolut. Davor befindet sich ein Balkon mit Blick auf Flora und Fauna. Das Ganze wirkt beeindruckend, indes keinesfalls luxuriös oder gar protzig. Die Casa hat einen natürlichen, stilvollen, dem Süden der Kanareninsel angepassten Charme. Auf diesem terrassenähnlichen Balkon saß einst Bundeskanzler Helmut Schmidt Seite an Seite mit Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard-d’Estaing. Es ging um die Weltordnung, die Zukunft eines vereinten Europas, die Wurzeln einer gemeinsamen Währung. »Diese Finca war ein Knotenpunkt in meinem Leben«, sagt Justus Frantz. »Wichtige Weichen wurden dort gestellt.«
Das Beste an diesem Kapitel: Die Finca hat Justus Frantz gemeinsam mit seelenverwandten und naturbegeisterten Freunden zu einem Paradies gestaltet, Hand in Hand, Idee auf Idee. Bevor Details beschrieben werden, gilt ein besonderer Applaus dem Mitstreiter und langjährigen Weggefährten Peter Bankowski. Der frühere Konzertmanager und Stratege des Schleswig-Holstein Musik Festivals arbeitet heute als Physiotherapeut und Osteopath in Hamburg. Im Stadtteil Harvestehude lebt er in einer Wohnung direkt über seinem Freund und Vertrauten Justus. In mehrseitigen Erinnerungen an eine großartige Ära in der Casa de los Musicos, die Bankowski später erheblich mitgestaltete, präsentiert er unvergessliche Momentaufnahmen – auf unterhaltsame Art. Beispiele sind heimlich im Flugzeug als Handgepäck nach Gran Canaria importierte Hawaii-Gänse, das Schwein Jolante und die frei umherlaufende Eselin Lisa. Oder das auf der Bettkante der genierten Haushälterin Maria Nieve geführte Telefonat des Bundeskanzlers Helmut Schmidt mit dem US-Präsidenten. Simple Erklärung: In ihrem Zimmer befand sich das erste Festnetztelefon der Finca. Die Gegend war seinerzeit noch nicht mit dem Netz verbunden. Und Handys waren noch nicht erfunden. Ging es um etwas sehr Wichtiges, gab Nachbar Uwe vom besser ausgestatteten Haus auf dem Berg nebenan Signale. »Die Finca Justus Frantz war ein Ort, der unterschiedliche Menschen magnetisch anzog«, bilanziert Peter Bankowski in seinem auch für diese Biografie außerordentlich hilfreichen Aufsatz. Bei einem Besuch in seiner Wohnung wird der angenehme Norddeutsche noch viel mehr erzählen. Zurück auf Start, zurück ins Jahr 1970. Der österreichische Dirigent Herbert von Karajan, ein international gefeierter Weltstar, hatte Justus Frantz und dessen Freund Christoph Eschenbach, der in einem späteren Kapitel noch ausführlich vorgestellt wird, zu einem großen Orchesterabend in Südfrankreich eingeladen. Sie logieren in einem Nobelhotel in Aix-en-Provence. Durch peinliche Organisationspannen vor Ort werden weder Karajan noch Frantz in den Konzertsaal gelassen. Aus dem Problem wird, typisch für Justus Frantz, eine Tugend gemacht. Höchst spontan buchen sie einen Flug: Marseille–Madrid–Las Palmas. Auf zum großen Open-Air-Festival auf Gran Canaria. Dieser Trip ist ein Schlüsselmoment.
Auf den Kanaren hört Justus Frantz von preiswerten Grundstücken. Vor Ort ist 1970 nicht nur Grund und Boden erschwinglich. Weil der Tourismus noch nicht boomt. Justus Frantz hat vor allem die Idee, seiner Mutter Dosy, seinen »Vizeeltern« von Moltke und seiner Schwester Sibylle mit einer Finca Gutes angedeihen zu lassen. »Ich liebte meine Schwester unglaublich«, sagt Justus Frantz, »und hoffte, dass das milde Klima meiner schwer an Multipler Sklerose erkrankten Schwester helfen könne.« Weiterer Pluspunkt neben den günstigen Grundstückspreisen ist das ganzjährig gute Klima. Im Gegensatz zur Witterung in SchleswigHolstein und Hamburg. Ergebnis: Gemeinsam mit seinem seit Kindheit vertrauten Freund, dem Pianisten Christoph Eschenbach, kauft Frantz keine Finca – sondern gleich einen ganzen Berg. Monte Leon ist malerisch im Süden Gran Canarias gelegen, indes karg. Die ganze Gegend heißt Monte Leon, besagen Hinweisschilder an den prima ausgebauten Straßen. »Daraus lässt sich was machen«, befinden die beiden. Frantz ist der Initiator. Als Kaufpreis werden 800.000 D-Mark vereinbart, umgerechnet etwa 400.000 Euro. Aus heutiger Sicht ein Spottpreis. Einziges Problem: Justus Frantz hat nur 700 Mark auf dem Konto. Mit der ihm eigenen Chuzpe löst er das Problem gekonnt. Der Deal entpuppt sich aus diversen Gründen als Glücksfall.
Der Weg führt, indirekt, über Helmut Schmidt. Jenen Sozialdemokraten, den er als Aktivist der Jungen Union in jüngeren Jahren erstmals in Kiel traf. Mehr dazu in Kapitel zwei. »Mein Vater war an der Front erschossen worden, als meine Mutter mit mir schwanger war«, erzählt Justus Frantz. »Aus Berichten der Familie weiß ich, dass er die mörderische Nazidiktatur verabscheute.« Abgesehen vom Kindheitstraum mit der Wunschvorstellung, dass sein Vater vielleicht doch noch leben möge und »gleich einfach so um die Ecke« komme, habe dieser Verlust zum politischen Denken animiert. »Nie wieder Diktatur«, sagte er sich schon in jungen Jahren – und wurde aktiv. Bis ins hohe Alter blieb Justus Frantz diesem Credo treu. Durchaus streitbar, nicht immer einfach, jedoch prinzipiell diskussionsfreudig.
Über Helmut Schmidt hat Justus Frantz den gebürtigen Hamburger Karl Klasen kennengelernt. In diesem Fall praktisch, dass der Hanseat seit dem 1. Januar 1970 als Präsident der Bundesbank in Deutschland in Amt und Würden ist. Klasen handelt unverzüglich: Für Justus Frantz schaltet er seinen spanischen Kollegen ein. Dieser wiederum bahnt den Weg zu einer spanischen Hypobank: Im Gegenwert von 800.000 Mark wird eine Hypothek in Peseten gewährt. Eschenbach und Frantz teilen sich das Vergnügen.
Und da die Peseta, die spanische Währung vor Einführung des Euro, in der Folgezeit erheblich abgewertet wird und der Kurs der D-Mark entsprechend im Wert steigt, haben die beiden Investoren aus Alemania Fortune. Ihr Anteil bezahlt sich praktisch von selbst. Das Geschäftsglück hält an. Ob der Verkäufer klamm ist oder aus anderen Gründen im Nu frisches Geld braucht, ist nicht bekannt. Jedenfalls macht er ein Angebot, das Justus Frantz nicht ablehnen kann: Wenn er ruckzuck 250.000 Mark bezahlt, sei alles erledigt. Eile ist also geboten. Erneut erweist sich das Netzwerk des jungen Pianisten als fruchtbar. Über einen Kontakt mit dem FDP-Politiker und späteren Bundeswirtschaftsminister (1972 bis 1977) Hans Friderichs beschafft sich Frantz die erforderliche Summe – binnen eines Tages. Der Deal ist perfekt. Und das Glücksgefühl ist famos.
Justus Frantz und Freund Christoph Eschenbach wundern sich selbst. Letztlich lief das Geschäft im Sauseschritt. Ihnen gehört nun ein kleiner Berg im Höhenzug hinter Maspalomas. Leer, wüstenartig, in karger Natur, indes ausbaufähig. Vor allem gefragt: Fantasie. Die ist reichlich vorhanden. Eine innere Stimme sagt Justus Frantz, er werde dort eines Tages Konzerte veranstalten. Und genauso wird es sein.
Doch wie ein ansehnliches Haus auf den Monte Leon zaubern? In alten Militärkarten übrigens ist dieser als »Heiliger Berg« eingetragen. Angeblich trafen sich dort einst zwei Könige der Ureinwohner (Guanchen), um in regelmäßigen Abständen ihren Frieden zu besiegeln. Das genau ist jener Geist, den Justus Frantz schätzt. Ohnehin inspiriert, kommt ihm ein weiterer Kontakt in den Sinn: Friedrich Wilhelm Kraemer, Hochschulprofessor und namhafter Architekt in Braunschweig. Eine Koryphäe. Kraemer und Frantz hatten sich bei einem Konzert kennengelernt – und eine gemeinsame Wellenlänge gespürt. Auch zu Kraemers Ehefrau übrigens. Justus Frantz wollte für seinen Auftritt beim Architektenkongress kein Geld nehmen. Kraemer akzeptierte es, versprach jedoch: »Okay, einverstanden, aber wenn Sie Ihr erstes Haus bauen, übernehme ich die Planung unentgeltlich.« Ernst gemeint? Versuch macht klug.
Justus Frantz greift zum Haustelefon: »Herr Professor Kraemer, stehen Sie noch zu Ihrem Wort?« Der Ehrenmann steht. Und einem Geniestreich gleich macht er ein Projekt daraus: Im Team mit einem Dutzend Studenten entwirft er das kühne Bild einer ganz besonderen Finca. Mehrere Etagen, verschachtelt, in verschiedenen Wohneinheiten ausgeklügelt um ein Atrium angelegt. Sechs bis sieben Zimmer, jeweils mit Bad ausgestattet. Die höheren Bereiche zur Atlantikseite gerichtet. Das Modell aus Sperrholz begeistert Eschenbach & Frantz. Nicht nur einmal reisen Professor Kraemer und seine Studenten nach Gran Canaria.
Justus Frantz ist obenauf. Der Glücksritter in ihm hat obsiegt. Denn auch wenn die Finanzierung über Bankkredite ein weiteres Kunststück ist, fügt sich das Puzzle zu einem architektonischen Meisterwerk in malerischer Umgebung. Noch ist das Areal weitgehend unwirtlich; doch die Vision reift. Von Euphorie beseelt, greift Justus Frantz zum Stift. Im Jahr 1971 formuliert der 27-Jährige einen zweiseitigen Brief an Mutter und Familie daheim in Kiel. Das Schriftstück wurde aufbewahrt und ist ein Dokument der Schaffenskraft sowie familiären Herzbluts.
»Meine Lieben«, heißt es beim Schreiben auf der neuen Frantz-Finca.
»Ich sitze auf der Südterrasse, die Sonne ist wärmer als bei uns im Sommer. Ich schaue auf das glitzernde Meer, die Lerchen singen schon.« Eine Passage weiter: »Der Pool ist heute fertig, der Garten ringsherum wird am Sonnabend angelegt. 24 sehr schöne Palmen geben dem Berg Tiefe und zeigen die Größe des Grundstücks.« Die Handwerker seien sehr bemüht und fleißig. Und: »Mein Studio ist akustisch einfach perfekt. Der Flügel klingt herrlich.« Den entscheidenden Satz am Schluss unterstreicht er doppelt: »Ihr alle müsst froh sein, denn für Euch alle ist dieses Paradies. Es umarmt Euch Justus.«
Foto: Marcelo Hernandez, Hamburg
Begeistert schreibt Justus Frantz seiner Mutter »Dosy« vom Kauf der Finca auf Gran Canaria. Von der Oase, der Sonne und der Wärme sollte die gesamte Familie Frantz profitieren - und der Freundeskreis zudem.
Es sei gestattet, diese Worte zu übersetzen. Im Alter von 27 Jahren hat Justus Frantz etwas Großes erreicht. Monte Leon gehört dazu. Er hat sich als Musiker einen klangvollen Namen erspielt, hat durch seine nationalen und internationalen Tourneen illustre Freunde und Bekannte gewonnen, hat noch Großes vor. Mit der Finca Justus Frantz, der Casa de los Musicos, ist nun etwas Beeindruckendes entstanden. Davon sollen die Liebsten seiner Familie profitieren. Mutter Dosy und den »Vizeeltern« von Moltke steht in tropischer Atmosphäre etwas Erwärmendes zur Verfügung – nicht nur die Temperaturen betreffend.
Später beschreibt der Autor einer lokalen Sommerzeitung einen Besuch bei diesem Trio. Titel der fast ganzseitigen Reportage: »Urlaub bei Justus Frantz«. Der Augenzeuge ist begeistert über das »Anwesen des Maestros«. Er beobachtet dort nicht nur zehn Meter hohe Palmen, sondern auch meterhohe Kakteen, Bananenstauden, Papayas, Limonen, Orangen, Mangos, Kiwis, Maracujas, Feigen und Olivenbäume. Ebenso Wein, Avocados, Kaffee, Johannisbrot, Süßkartoffeln, roten Pfeffer inmitten einer exotischen Pflanzenvielfalt.
Einer von ihnen ist, siehe oben, sein Vertrauter und Freund Peter Bankowski. Seine niedergeschriebenen Erinnerungen sind amüsant zu lesen. Zum Beispiel 1982, also mehr als ein Jahrzehnt nach Kauf, Erschließung und Bau der Finca. »Beim Anflug auf Gran Canaria packte mich schieres Entsetzen«, berichtet er von seinem Debüt auf den Kanaren. »Die Fahrt vom Flughafen verschlimmerte diesen Eindruck noch.« Niemals hätte Bankowski gedacht, »dass ich von nun an jährlich drei bis vier Monate im Jahr dort verbringen sollte«.
Doch so geschieht es. Denn oben in Monte Leon entfährt ihm ein begeisterter Stoßseufzer: »Welch eine Augenweide!« Seine Entdeckung: »Ein auf mehreren Ebenen angelegtes, großzügiges, einzigartiges Haus mit Ausblicken in alle Richtungen. Eine beeindruckende Architekturperle, umringt von einer subtropischen Oase.« Zumal in diesem Eldorado tierisch was los ist. Um erneut Peter Bischoff aus der Sommerzeitung als Zeugen zu zitieren: »Man findet in seiner Naturlandschaft auch Tauben (weiß und gefleckt), Truthähne, Enten, schwarze Schwäne, japanische Seidenhühner, Schafe, Ziegen, kanarische schwarze Schweine, Kühe und Pferde. In einem bis zu sechs Meter tiefen Biotop inklusive Teich tummeln sich Frösche, Goldfische und Karpfen.« Kein Wunder, dass Hamburgs verstorbene Ehrenbürgerin Loki Schmidt sich in diesem Paradies so wohlfühlte. Und über Helmut Schmidts 41 Besuche in der Casa de los Musicos ist zum Ausklang dieses Kapitels Informatives und Unterhaltsames zu lesen.
Und um zeitlich der inhaltlichen Dramaturgie und Klarheit wegen noch weiter vorzugreifen: Die Finca Justus Frantz bescherte ihrem Besitzer nicht nur Glücksgefühle. Irgendwann hatte er den Anteil seines Mitbesitzers Christoph Eschenbach übernommen. Für die Oase nördlich von Maspalomas ergaben sich zwei einschneidende Tücken.
Erstens der Ausbruch der Coronapandemie 2020. Quasi von einem auf den anderen Tag wurde der Betrieb heruntergefahren. Die für einen wirtschaftlichen Betrieb notwendigen Fremdvermietungen gehörten endgültig der Vergangenheit an. Und langfristig wohl noch gravierender: Der in juristische Scharmützel ausufernde Streit zwischen Justus Frantz und seinem langjährigen Freund und Mäzen Reinhold Würth. Hintergründe dieses Zwists werden später in diesem Buch beschrieben. Der milliardenschwere Unternehmer aus Baden-Württemberg steht heutzutage als Eigentümer der Finca Justus Frantz im Grundbuch Gran Canarias. Vor den Gerichten erstritt sich der Pianist und Dirigent das Recht, Anlage und Gebäude einige Monate im Jahr nutzen zu können. Bei Erscheinen dieser Biografie leben Pläne, die Casa de los Musicos dauerhaft als Zentrum der Musik und junger Talente erhalten zu können. Auch dazu später mehr.
Zuvor wollen wir zurückblicken auf grandiose Jahre kreativer Geselligkeit und glamouröser Ereignisse auf dem Monte Leon. Große Namen wurden erwähnt, markante Persönlichkeiten aus aller Welt. Nicht nur wegen seiner tatsächlich 41 Besuche auf der Frantz-Finca, sondern auch wegen seiner innigen Beziehung zur exotischen Oase im Südteil der Kanareninsel verdient der verstorbene Staatsmann Helmut Schmidt eine besondere Beachtung. Hinzu kommt, dass sich interessante und amüsante Anekdoten um seine Reisen Richtung 28. Breitengrad ranken. Viel grundsätzlicher noch: Helmut Schmidt und Justus Frantz verband eine Freundschaft. Sie ging über Musik und Politik hinaus.
Foto: Justus Frantz privat
Vom idyllisch gelegenen Pool haben Besucher einen weiten Blick auf die üppige Pflanzenwelt des Gartens der Finca »Casa de los Musicos« auf dem Monte Leon.
Der Musiker war ein Gründungsmitglied der legendären Freitagsgesellschaft. Bei dieser handverlesenen Runde im Hause Schmidt in Hamburg-Langenhorn standen – im Anschluss an ein meist gutbürgerliches Essen – aktuelle Themen diverser Disziplinen auf der Tagesordnung. Es ging um große Politik, Philosophie, bahnbrechende Forschung, Kultur, Medizin und sehr viel mehr. Wer in der Hansestadt Rang und Namen hatte, durfte dabei sein. Wenn es der Hausherr und ehemalige Bundeskanzler wollte. Die Idee dieses hochkarätigen Zirkels, dessen Referate schriftlich festgehalten wurden, keimte übrigens – auf der Finca Justus Frantz. Der Politiker schrieb dort seine Bücher, der Pianist feilte an seinen Partituren. Dieses kreative Milieu ergab einen idealen Nährboden für anspruchsvolle Gespräche. Oft wurden passende Persönlichkeiten hinzugebeten.
Weil es sich an dieser Stelle so gut ergibt, gönnen wir uns eine Erinnerung an die Wurzeln einer geistigen Verbindung mit unkonventionellem Charakter. Entsprechend begann sie auch.
Zur Erinnerung: Justus Frantz war von jeher politisch sensibilisiert und interessiert. Er sammelte Wahlprogramme – und las sie sogar. Seinerzeit ging es um grundsätzlichere Inhalte als in der Neuzeit. Als Teenager trat er der CDU-Nachwuchsorganisation Junge Union bei und gründete in der Nähe seines Heimatguts Testorf in Holstein einen JU-Verband. Bei einer Diskussionsveranstaltung der Jungen Union saß der junge Christdemokrat Justus Frantz mit dem charismatischen Sozialdemokraten Helmut Schmidt an einem Tisch. 1953 war der Hamburger erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt worden. In dem Jahr beging Justus seinen neunten Geburtstag. Etwa 1960, Justus ist mittlerweile 16, lädt die Junge Union Helmut Schmidt zum Vortrag mit kontroverser Diskussion ein. »Ich fand Schmidt großartig«, tut er seinen politischen Mitstreitern kund. Nicht jeder teilte diese Auffassung. Ohnehin sollte Justus’ Karriere bei den jungen Christdemokraten nur von kurzer Dauer sein. Irgendwann trat er aus.
Nach der Zusammenkunft in Kiel schrieb der Schüler dem Politiker einen Brief. Dieser antwortete. Daraus ergab sich mehr. Später, in Hamburg, wurde die Bekanntschaft intensiviert. Wegbereiter war der oben angeführte Karl Klasen, Hamburger, Jurist, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und SPD-Mitglied. Zu Hause bei Ilse und Karl Klasen in der Brabandstraße im Norden der Hansestadt stand ein Klavier. Eines Abends saßen dort fünf Personen gemütlich beisammen: das Ehepaar Klasen, Loki und Helmut Schmidt sowie Justus Frantz. Das Quintett unterhielt und verstand sich. Und als sich Justus Frantz an die Tasten setzte, machten die musikaffinen Schmidts große Ohren.
Treffen dieser Art wiederholten sich, auch im erweiterten Kreis. Häufig setzte sich Justus Frantz ans Klavier der Klasens.
Hin und wieder intonierte er Brahms. »Mir eine Nuance zu pathetisch und theatralisch«, befand der Politiker. »Sie haben auch pathetische Reden gehalten und verwenden Stilmittel, Herr Schmidt«, entgegnete der Pianist.
»Spielen Sie das bitte noch einmal«, entgegnete Schmidt nach kurzem Innehalten. »Gerne«, meinte Frantz, »Brahms ist ein Größerer als wir beide zusammen.« Helmut Schmidt habe leise geknurrt, sich eine weitere Mentholzigarette angezündet und gesagt: »Ja, da haben Sie wohl recht.« Beide litten keinesfalls an geringem Selbstbewusstsein. Und einer wie der andere liefen zur Hochform auf, wenn sie mit Widerworten aus der Reserve gelockt wurden. Vor allem wenn sie von sachlicher Argumentation begleitet waren.
Foto: IMAGO / Dieter Bauer
Das Ehepaar Hannelore und Helmut Schmidt studiert gemeinsam mit Justus Frantz (Mitte) die Berichterstattung in einer Boulevardzeitung. Offensichtlich hat der Pianist am meisten Freude daran …
Während der Kontakt intensiver wurde, machte Schmidt Karriere. 1967 wurde er Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag in Bonn, 1969 Verteidigungs- und drei Jahre darauf Finanzminister. 1974 erfolgte die Wahl zum Bundeskanzler. In dieser Zeit ging es auch daheim beim Ehepaar Klasen politisch hoch her. Justus Frantz war Ohrenzeuge brisanter Unterhaltungen. Am Rande ging es auch um Privates. Frantz saß daneben, als es um gesundheitliche Probleme des aufstrebenden und wortgewandten Spitzenpolitikers ging. Gelegentlich, tat Hannelore Schmidt in vertrauter Runde kund, leide ihr Ehemann an leichten Ohnmachtsanfällen, ganz kurzen Aussetzern zwischendurch. Vielleicht der permanente Stress auf der Überholspur?
Kurz danach rief Karl Klasen bei Justus Frantz an. Botschaft: »Helmut braucht unbedingt Erholung. Er muss zu dir nach Gran Canaria kommen.« Wenig später ging’s tatsächlich los. Per normalem Charterflug von Hamburg-Fuhlsbüttel aus, damals noch etwas Außergewöhnliches, hoben Loki und Helmut Schmidt ab. Zu viert verbrachte man erholsame, abgeschiedene Tage auf der aufblühenden Finca: das Ehepaar Schmidt, Justus Frantz und Co-Eigentümer Christoph Eschenbach. Bodyguards waren Anfang der 1970er-Jahre noch nicht notwendig. Die Mercedes-Niederlassung in der Hauptstadt Las Palmas überließ den Schmidts ein Auto, so etwas wie ein Mietwagen. Niemand außer Loki habe gern in dem Fahrzeug Platz genommen. »Helmut Schmidt war ein miserabler Fahrer«, behielt Justus Frantz im Gedächtnis. Erstaunlich, indes wahr: Schmidt widersprach solchen Frotzeleien nicht. Er habe dann nur knurrig geguckt, dezent amüsiert.
Letztlich fanden Loki und er Gefallen am urigen Leben mit exotischem Charme. Die Gran-Canaria-Trips wiederholten sich. Für ein paar entspannte Tage, hin und wieder auch für vier bis sechs Wochen. Einmal gab es einen Besuch in einem Hotel auf Mallorca. Als der Politiker dort beim Frühstück und im Foyer von Touristen angesprochen wurde, verabschiedete er sich von der Baleareninsel. Auf der Finca Justus Frantz, der Casa de los Musicos, hatte er seine Ruhe. Die Schmidts pflegten zu bezahlen, in der Regel per Überweisung. Als der Gastgeber darauf verzichten wollte, habe Frau Schmidt lediglich betont: »Selbstverständlich, Justus!« Mit spitzem »s-t«. Loki und Justus duzten sich, während Helmut Schmidt wechselte. Manchmal sagte er Du, bisweilen Sie. Meist nutzte er das »Hamburger Du«, von anderen als »Hamburger Sie« bezeichnet. Das bedeutet: beim Vornamen nennen – und siezen.
Offensichtlich gefiel es den Schmidts am besten, dass sie in Monte Leon weit weg vom Alltagstrubel waren. Und dass sie sich nach ihrer Fasson verhalten durften. Auf Deutsch: mit allen inbrünstig gepflegten Marotten, die beide von jeher ausmachten.
Hinzu kam: Sie hatten auf der Anlage ihr eigenes Reich. Vom Haupthaus und Atrium durch eine schwere Schiebetür getrennt, war Abgeschiedenheit möglich. Im ersten Raum befanden sich ein Schreibtisch aus Holz, ein Bücherregal sowie ein Flügel. Eine separate Terrasse mit Blick in die subtropische Idylle stand zur Verfügung. Alles war großzügig, allerdings überhaupt nicht pompös. Dahinter ist auch heute noch ein Schlafzimmer gelegen. Nebenan, durch einen Seiteneingang erreichbar, wohnten während der Aufenthalte Mitarbeiterinnen und Sicherheitsleute. Im Notfall hätten sie durch eine Tür in die Räumlichkeiten des Ehepaars Schmidt gelangen können. Glücklicherweise gab es diesen Notfall nicht.
Auch wenn nach der Kanzlerschaft von 1974 an und während der Jahre des RAF-Terrors höchste Sicherheitsstufe herrschte. Zu Hause in Hamburg und Bonn war der genaue Urlaubsort sowieso Staatsgeheimnis. 26 Jahre war Ernst-Otto »Otti« Heuer als persönlicher Bewacher im Dienst. Wenn diese Respektsperson sagte: »Der Chef möchte gerne schwimmen«, war den anderen die Bedeutung dieses Satzes klar: Für eine gewisse Zeit war der Pool im hinteren Teil des Areals tabu. Man mutmaßte, der Politiker sei ein bisschen genierlich.
Stimmte wohl.
»Loki und Helmut Schmidt waren die besten und rührendsten Gäste, die man sich vorstellen kann«, weiß Justus Frantz aus guter Erfahrung. Sie wusch ab, machte sogar die Betten. Helmut Schmidt schrieb viel, diktierte, las stundenlang, sinnierte. »Helmut, was kann ich Schönes für Sie machen«, fragte Justus Frantz irgendwann. »Ein Bootsfahrt um die Insel wäre ein Traum«, bat dieser, wahrscheinlich in Gedanken bei seinem kleinen Segelboot auf dem Brahmsee in Schleswig-Holstein. Der Hausherr wusste schnellen Rat. Mit Unterstützung eines spanischen Grafen in Las Palmas wurde ein Boot mit Steuermann und einem Helfer mobilisiert. »Helmut war fröhlich«, erinnert sich Frantz.
Und selbstverständlich ging es um Politik, um kleine oder ganz große Themen. Schmidt sah, immerhin ein halbes Jahrhundert vor Erscheinen dieser Biografie, Japan und China als »Länder mit Zukunft«. Die gemeinsamen Abendessen fielen ebenso einfach wie kultiviert aus: Hähnchen und Gemüse aus eigenem Anbau. Aber bitte mit Tischdecke. Später wurde stilvolles Porzellan mit grünem Aufdruck angeschafft: »Finca Justus Frantz«. Der Weinkeller in einem kleinen Gewölbe bot Solides von der Insel. Zeitweise wurden massenweise Trauben aus dem eigenen Garten zum Keltern nach Deutschland transportiert. In Flaschen kam der Wein zurück. Wäre aktuell wohl auch nicht mehr rentabel und vernünftig. Helmut Schmidt selbst hielt sich beim Vino zurück. Er bevorzugte gesüßte Cola. Als ihm sein Leibarzt, Professor Heiner Greten, in Hamburg die Gelbe Karte zeigte, gab es fortan nur noch Cola light – ohne zusätzliche Zuckerwürfel.
Regelmäßig wurde das Schachbrett hervorgeholt. Musikabende an einem der Flügel waren ein Ritual. Diskussionen über Gott und die Welt ebenfalls. Zwischen 1970 und 2011 standen praktisch alljährlich FincaBesuche auf dem Privatprogramm. Einmal ließ sich der Politiker einen Bart wachsen. »Sah unmöglich aus«, meinte Justus Frantz. Loki Schmidt stimmte dieser Ansicht zu. Manchmal weilte das Ehepaar auch alleine auf der Anlage, später mit Sicherheitspersonal. Regie in der Casa führte dann Majordomus José. Das Paar kochte auch. Wobei zu bedenken ist: Vom Haus führen steile, enge und holprige Wege zur nächsten asphaltierten Straße. Bis zum Supermarkt sind es mehrere Kilometer. Vorteil: So leicht verliert sich kein ungebetener Gast dorthin.
Nach Möglichkeit wurden gemeinsame Aufenthalte geplant. Justus Frantz erinnert sich an längst nicht immer einmütige Diskussionen über Politik, Musik und Botanik. Erheblich später folgte ein ganz besonderes Klaviertrio: Christoph Eschenbach, Justus Frantz, Helmut Schmidt. An drei Instrumenten spielten sie Mozart. Das Ergebnis wurde auf einer Langspielplatte in den Verkauf gebracht. Helmut Schmidt hatte zuvor vereinbart, dass sein Anteil am Erlös Amnesty International zufließen sollte. Doch in einem Bezug hatte sich der Staatsmann getäuscht: So schnell erledigt und in seiner Heimatstadt Hamburg organisiert wie vermutet war das Zusammenspiel keinesfalls.
Foto: picture alliance/KEYSTONE | STR
Justus Frantz, Christoph Eschenbach und Helmut Schmidt (von links nach rechts) 1983 in Zürich, wo die beiden Musiker und der Staatsmann unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemeinsam ein Konzert gaben. Zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra entstand in London auch eine Schallplatte mit Werken von Mozart.
