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Ein junges Mädchen in den Fängen des Londoner Untergrunds … Ausgerechnet sein verhasster Vorgesetzter Jimmy Riddle bittet Inspector Alan Banks nach London zu reisen und diskrete Nachforschungen zum Verbleib seiner Tochter Emily anzustellen – ein Bild der 16-jährigen Ausreißerin ist kürzlich auf einer Pornoseite aufgetaucht. Ihre Spur führt Banks in die Untergründe der Londoner Rockszene und zu einem verängstigten Mädchen, das seine Hilfe braucht, um einem gewalttätigen Gangster zu entfliehen. Als es Banks gelingt, Emily nach Hause zu bringen, scheint seine Arbeit beendet – doch kurze Zeit später wird sie ermordet aufgefunden. Banks muss sich fragen, welche finsteren Gestalten ihm von London nach Eastvale gefolgt sind – oder ob die Familie Riddle noch tiefere Abgründe aufweist als bisher angenommen … »Banks findet vielschichtigen Schmerz, hart erkämpfte Weisheit und moralische Komplexität, wo immer er hinschaut.« Kirkus Review Band 11 der erfolgreichen Krimi-Reihe um Inspector Banks, in der jeder Titel unabhängig gelesen werden kann – für Fans von Elizabeth George und Nicci French.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Über dieses Buch:
Ausgerechnet sein verhasster Vorgesetzter JimmyRiddle bittet Inspector Alan Banks nach London zu reisen und diskrete Nachforschungen zum Verbleib seiner Tochter Emily anzustellen – ein Bild der 16-jährigen Ausreißerin ist kürzlich auf einer Pornoseite aufgetaucht. Ihre Spur führt Banks in die Untergründe der Londoner Rockszene und zu einem verängstigten Mädchen, das seine Hilfe braucht, um einem gewalttätigen Gangster zu entfliehen. Als es Banks gelingt, Emily nach Hause zu bringen, scheint seine Arbeit beendet – doch kurze Zeit später wird sie ermordet aufgefunden. Banks muss sich fragen, welche finsteren Gestalten ihm von London nach Eastvale gefolgt sind – oder ob die Familie Riddle noch tiefere Abgründe aufweist als bisher angenommen …
Über den Autor:
Peter Robinson (1950-2022) wurde in Yorkshire geboren und lebte nach seinem Studium der englischen Literatur in Toronto, Kanada. Er wurde für seine Werke mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Edgar Allan Poe Award. Seine Bestseller-Reihe um Inspector Alan Banks feierte internationale Erfolge und wurde auch als Fernsehserie adaptiert.
Bei dotbooks veröffentlichte der Autor die »Yorkshire-Morde«-Reihe um Detective Chief Inspector Banks. Band 1 »Augen im Dunkeln« ist auch als Hörbuch bei AUDIOBUCH erhältlich.
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eBook-Neuausgabe Juli 2025
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2000 unter dem Originaltitel »Cold is the Grave« bei William Morrow, New York.
Copyright © der englischen Originalausgabe 2000 by Peter Robinson
Published by arrangement with Peter Robinson
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2002 für die deutsche Ausgabe by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München / Ullstein Verlag
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)
ISBN 978-3-98952-685-3
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Peter Robinson
Kalt wie das Grab
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
dotbooks.
Widmung
Motto
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Epilog: Weihnachtstag
Danksagung
Lesetipps
Für Sheila
Eiskalt bläst der Wind
Der Regen peitscht herab
Und kalt, kalt ist das Grab
In dem mein Lieb nun ruht
Traditionelle Folkballade
»Mami! Mami! Komm her!«
Rosalind strich die Mischung aus Pilzen, Olivenöl, Knoblauch und Petersilie zwischen Haut und Fleisch des Hühnchens, wie sie es vor kurzem in einem französischen Kochkurs gelernt hatte. »Mami kann jetzt nicht«, rief sie. »Sie hat zu tun.«
»Aber Mami! Du musst kommen! Da ist unsere Püppi.«
Woher hat er nur diese ordinären Ausdrücke, fragte sich Rosalind. Jedes Jahr gaben sie ein kleines Vermögen für die beste Schule in Yorkshire aus, und trotzdem klang er wie ein vulgärer Bauernlümmel. Vielleicht würde sich das bessern, wenn sie wieder nach Südengland zogen. »Benjamin«, rief sie. »Ich hab’s dir doch gesagt. Mami hat zu tun. Daddy gibt heute Abend ein wichtiges Essen, und Mami muss es vorbereiten.«
Das Kochen machte Rosalind nichts aus – sie hatte sogar mehrere Kochkurse besucht und Spaß daran gehabt –, aber in diesem Moment wünschte sie, sie hätte sagen können, die »Köchin« bereite das Essen vor und Mami sei damit beschäftigt, ihre Abendgarderobe auszuwählen. Aber sie hatte keine Köchin, nur einmal pro Woche eine Putzfrau. Sie hätten es sich zwar leisten können, doch solche Extravaganzen erlaubte ihr Mann nicht. Ehrlich, dachte Rosalind manchmal, man könnte meinen, er sei in Yorkshire geboren, statt hier nur zu leben.
»Aber sie ist es!« beharrte Benjamin. »Unsere Püppi. Sie hat nichts an.«
Rosalind runzelte die Stirn und legte das Messer beiseite. Wovon redete er bloß? Benjamin war erst acht, und sie wusste aus Erfahrung, dass er eine blühende Fantasie hatte. Sie machte sich sogar Sorgen, dass ihn das später mal behindern könnte. Menschen mit zu viel Einbildungskraft, fand sie, neigen zu Untätigkeit und Tagträumen und kommen mit profitableren Aktivitäten nicht voran.
»Mami, beeil dich!«
Rosalind verspürte plötzlich leise Besorgnis, als änderte sich etwas in ihrem Universum für immer. Sie schüttelte das Gefühl ab, wischte sich die ölige Füllung von den Fingern, trank rasch einen Schluck Gin-Tonic und ging ins Arbeitszimmer, wo Benjamin am Computer gespielt hatte. Auf dem Weg hörte sie, wie sich die Haustür öffnete und ihr Mann verkündete, er sei wieder da. Früh. Sie runzelte die Stirn. Spionierte er ihr nach?
Aber erst mal wollte sie sehen, wovon Benjamin da eigentlich sprach.
»Siehst du«, sagte der Junge, als sie das Zimmer betrat. »Unsere Püppi.« Er deutete auf den Bildschirm.
»Red nicht so«, sagte Rosalind. »Ich hab’s dir schon öfter gesagt. Das ist ordinär.«
Dann sah sie hin.
Zuerst war sie nur schockiert, das Bild einer nackten Frau auf dem Bildschirm zu sehen. Wie war Benjamin nur auf diese Website gestoßen? Er begriff ja nicht mal, was er da gefunden hatte.
Als sie sich dann über seine Schulter beugte und genauer hinschaute, schnappte sie nach Luft. Er hatte Recht. Was sie da sah, war ein Bild ihrer Tochter Emily, nackt wie am Tag ihrer Geburt, aber mit erheblich mehr Kurven, einer Tätowierung und einem Büschel blonder Schamhaare zwischen den Beinen. Das war ihre Emily, da gab es keinen Zweifel; das tränenförmige Muttermal auf der Innenseite ihres rechten Oberschenkels war der Beweis.
Rosalind fuhr sich durch die Haare. Was sollte das alles? Was war hier los? Rasch warf sie einen Blick auf die URL oben am Bildschirm. Rosalind hatte ein fotografisches Gedächtnis, würde die Webadresse also nicht vergessen.
»Siehst du«, sagte Benjamin. »Das ist unsere Püppi. Aber warum hat sie nichts an, Mami?«
Da geriet Rosalind in Panik. Mein Gott, er durfte das nicht sehen. Emilys Vater. Er durfte das auf keinen Fall sehen. Es würde ihn zerstören. Schnell griff sie nach der Maus, aber bevor ihre Finger die Seite wegklicken konnten, verriet ihr die tiefe Stimme hinter ihr, dass es zu spät war.
»Was ist denn?«, fragte er milde, legte die Hand väterlich auf die Schulter seines Sohnes.
Gleich darauf hörte Rosalind ihn scharf einatmen und wusste, dass er die Antwort bekommen hatte.
Seine Hand verkrampfte sich, und Benjamin zuckte zusammen. »Du tust mir weh, Daddy.«
Aber Chief Constable Jeremiah Riddle achtete nicht auf den Schmerz seines Sohnes. »Mein Gott!«, japste er und zeigte auf den Bildschirm. »Sehe ich das richtig? Ist sie das wirklich?«
Detective Chief InspectorAlan Banks stand über seine Reisetasche gebeugt und überlegte, ob er die Lederjacke oder die Windjacke mitnehmen sollte. Beide zusammen gingen nicht mehr rein. Er war sich nicht sicher, wie kalt es sein würde. Vermutlich nicht viel anders als in Yorkshire, nahm er an. Höchstens ein paar Grad wärmer. Aber im November wusste man ja nie. Schließlich entschied er sich, doch beide mitzunehmen. Er faltete die Windjacke zusammen, legte sie auf die bereits eingepackten Hemden, drückte kräftig und zog den widerstrebenden Reißverschluss zu. Für ein Wochenende kam es ihm fast zu viel vor, aber es passte doch alles in die nicht allzu schwere Reisetasche. Die Lederjacke würde er auf der Fahrt anziehen.
Jetzt musste er nur noch ein Buch und ein paar Kassetten auswählen. Vermutlich würde er sie nicht brauchen, aber er fuhr nicht gern irgendwohin, ohne etwas zu lesen und Musik dabei zu haben, falls es zu Verzögerungen oder Notfällen kam.
Diese Lektion hatte er auf die unangenehme Tour gelernt, als er eines Samstags vier Stunden lang in der Notaufnahme eines großen Londoner Krankenhauses warten musste, bis man ihm die Wunde neben seinem rechten Auge mit sechs Stichen nähen konnte. Die ganze Zeit hatte er das Gazestück gegen die Schläfe gedrückt, um die Blutung zu stoppen, und den endlosen Strom von Drogenopfern, Selbstmordversuchen, Herzinfarkten und Verkehrsunfällen an sich vorbeiziehen sehen. Ihm war klar gewesen, dass ihre Verletzungen viel schlimmer waren und dringender behandelt werden mussten als sein kleiner Schnitt, aber er hätte sich bei Gott gewünscht, in diesem schmuddeligen Wartezimmer etwas anderes lesen zu können als den »Daily Mirror« vom Vortag. Sogar das Kreuzworträtsel war schon ausgefüllt. Mit Tinte.
Aber morgen würde er mit seiner Tochter Tracy über ein langes Wochenende nach Paris fahren – Galerien, Museen und Spaziergänge, üppige Mahlzeiten in kleinen Restaurants am linken Seineufer, hier und da ein Bier an den zinkbeschlagenen Theken in Montmartre mit Blick auf die Passanten. Tracy und er wollten den Eurostar nehmen, den Banks dank eines Sonderangebots in der Zeitung fast umsonst hatte buchen können. Schließlich war November, und die meisten zogen Lanzarote einem feuchten Wochenende in Paris vor. Er würde vermutlich kaum Musik oder Bücher brauchen, außer vor dem Schlafengehen, allein in seinem Zimmer, aber er beschloss, lieber vorzusorgen.
Banks trug die Reisetasche nach unten und kramte ein paar Ersatzbatterien aus der Schublade in der Anrichte. Zusammen mit dem Walkman steckte er sie in die Seitentasche, dazu die Kassetten, auf die er die CDs von Cassandra Wilson, Dawn Upshaw und Lucinda Williams überspielt hatte. Drei unterschiedlichere Frauenstimmen und Stilrichtungen ließen sich vermutlich nirgendwo sonst auf der Welt finden, aber er mochte sie alle und auch die große Stimmungsbandbreite, die sie abdeckten. Er ließ den Blick über das Bücherregal wandern und griff nach Simenons Maigret und die hundert Galgen. Normalerweise las Banks keine Kriminalromane, aber der Titel war ihm ins Auge gefallen, und jemand hatte ihm mal gesagt, er hätte eine Menge mit Maigret gemeinsam. Außerdem, so nahm er an, spielte das Ganze in Paris.
Als Banks mit dem Packen fertig war, goss er sich zwei Finger breit Laphroaig ein und entschied sich für die CD Waltz for Debbie von Bill Evans. Dann setzte er sich in den Sessel neben der Leselampe, stellte das Glas auf die Armlehne und legte die Füße hoch, während »My Foolish Heart« zögernd vorankam. Ein paar Torfstücke brannten im Kamin und passten sich mit ihrem Geruch dem rauchigen Geschmack des Islay Malt an.
Aber aus dem Kamin zog zu viel Rauch ins Zimmer. Banks überlegte, ob er einen Schornsteinfeger brauchte, weil vermutlich seit langer Zeit kein Feuer mehr entzündet worden war. Er hatte keine Ahnung, wie er einen Schornsteinfeger finden sollte, wusste nicht mal, ob es so ein exotisches Wesen überhaupt noch gab. Ihm fiel ein, wie fasziniert er als Kind gewesen war, wenn der Schornsteinfeger kam und seine Mutter alles im Zimmer mit alten Laken abdeckte. Banks durfte zusehen, wie der seltsame, mit Ruß bedeckte Mann die Verlängerung an seiner langen, dicken Bürste anbrachte und sie in den hohen Schornstein schob, musste aber aus dem Zimmer gehen, bevor die eigentliche Arbeit begann. Später, als er las, dass während der viktorianischen Zeit kleine Jungs nackt in die Schornsteine geschickt wurden, hatte er sich gefragt, ob ihr Schornsteinfeger so was wohl auch gemacht hatte. Doch dann wurde ihm klar, dass der Mann nicht alt genug war, damals schon gelebt zu haben, egal, wie uralt er dem ehrfurchtsvollen kleinen Jungen vorgekommen war.
Banks entschied, dass mit dem Schornstein alles in Ordnung war und der Wind vermutlich den Rauch zurückdrückte. Er hörte ihn um die dicken Mauern heulen, mit dem losen Fenster oben im Gästezimmer klappern, den Regen gegen die Scheiben peitschen. Da es in letzter Zeit viel geregnet hatte, konnte Banks auch das Rauschen von Gratly Falls vor dem Cottage hören. Das war kein beeindruckender Wasserfall, nur ein paar flache Stufen, keine mehr als einszwanzig oder einsfünfzig hoch. Sie verliefen quer durchs Dorf, dort, wo der Bach von den Dales herunterfloss, bevor er bei Helmthorpe in den Swain mündete. Aber die Musik des Wassers veränderte sich ständig und war eine große Freude für Banks, besonders wenn er im Bett lag und nicht einschlafen konnte.
Froh, an diesem Abend nicht vor die Tür zu müssen, machte Banks es sich in seinem Sessel bequem, trank seinen Single Malt und lauschte der vertrauten lyrischen Eröffnung vom »Waltz for Debbie«. Seine Gedanken wandten sich einem Problem zu, das immer dringlicher wurde seit seinem letzten Fall, einer zunächst unbedeutenden Sache, die ihm übertragen wurde, um ihn versagen und wie einen Trottel dastehen zu lassen.
Er hatte nicht versagt, und daher war Chief Constable Riddle, der Polizeipräsident, der Banks von Anfang an gehasst hatte, jetzt noch saurer auf ihn. Banks wurde wieder in die Niederungen der Schreibtischarbeit abgeschoben, ohne Aussicht, in vorhersehbarer Zukunft zum Zuge zu kommen. Seine Arbeit wurde immer langweiliger.
Und er sah nur einen einzigen Ausweg.
Obwohl Banks Yorkshire nur ungern verlassen wollte, vor allem, weil er sich das Cottage gerade erst gekauft hatte, musste er doch zugeben, dass seine Tage hier offenbar gezählt waren. Letzte Woche, nach langen und genauen Überlegungen, hatte er sich beim National Crime Squad beworben, der überregionalen Kriminalpolizei, die gegen das organisierte Verbrechen eingesetzt werden sollte. Als Chief Inspector würde Banks kaum mit verdeckten Ermittlungen zu tun haben, aber er würde die Einsätze leiten und den Adrenalinschub genießen, wenn ihnen ein großer Fang gelang. Außerdem waren mit diesem Posten Reisen verbunden, um englische Verbrecher aufzuspüren, die von Hauptquartieren in Holland, der Dordogne und Spanien aus operierten.
Banks wusste, dass ihm der nötige Bildungshintergrund für die Stellung fehlte, da er keinen Studienabschluss hatte, aber er besaß die Erfahrung und glaubte, dass das immer noch zählte, trotz Riddle. Die erforderlichen Prüfungen in Sprache, Logistik und Management würde er sicherlich bestehen, und er konnte auch auf ausgezeichnete Referenzen von allen zählen, mit denen er in Yorkshire zusammengearbeitet hatte, einschließlich der seines unmittelbaren Vorgesetzten Detective Superintendent Gristhorpe und Millicent Cummings, Leiterin der Abteilung Personalwesen. Banks konnte nur hoffen, dass die negative Beurteilung, die er mit Sicherheit von Riddle bekam, durch die Abweichung von den anderen Verdacht erregen würde.
Es gab noch einen anderen Grund für die Veränderung. Banks hatte in den letzten zwei Monaten viel über seine getrennt von ihm lebende Frau Sandra nachgedacht und war zu der Ansicht gekommen, dass die Trennung vielleicht doch nur vorübergehend war. Eine einschneidende Veränderung seiner Lebensumstände, wie zum Beispiel eine Anstellung beim NCS, könnte sicherlich von Vorteil sein. Das würde einen Umzug bedeuten, vielleicht zurück nach London, und Sandra liebte London. Er hatte das Gefühl, jetzt eine echte Chance zu haben, die Dinge in Ordnung zu bringen, die Dummheiten des vergangenen Jahres hinter sich zu lassen. Banks hatte seine kurze Affäre mit Annie Cabbot gehabt und Sandra ihre mit Sean. Dass Sandra immer noch mit Sean zusammenlebte, fiel Banks’ Meinung nach nicht allzu sehr ins Gewicht. Die Menschen verharrten oft in Beziehungen, hatten nicht den Mut oder den Antrieb, es allein zu versuchen. Er war sicher, dass Sandra die Dinge anders sehen würde, wenn er ihr seine Zukunftspläne darlegte.
Als um neun das Telefon klingelte und ihn aus Bill Evans’ erstaunlichen Keyboardkapriolen riss, dachte er zuerst, es wäre Tracy. Er hoffte, sie hatte ihre Meinung über das gemeinsame Wochenende nicht geändert; er musste unbedingt mit ihr über die Zukunft reden, brauchte ihre Hilfe, um Sandra zurückzubekommen.
Tracy war es nicht. Es war Chief Constable Jeremiah »Jimmy« Riddle, genau der, dessentwegen Banks überlegte, das Cottage zu verkaufen und die Grafschaft zu verlassen.
»Banks?«
Banks biss die Zähne zusammen. »Sir?«
Riddle zögerte. »Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.«
Banks meinte sich verhört zu haben. »Einen Gefallen?«
»Ja. Glauben Sie ... ich meine, würde es Ihnen etwas ausmachen, bei mir vorbeizukommen? Es ist sehr wichtig. Sonst würde ich Sie nicht darum bitten. Nicht an einem so ungemütlichen Abend wie heute.«
Banks’ Gedanken rasten. Riddle hatte noch nie so höflich mit ihm gesprochen, die Stimme fast ein wenig brüchig. Was um alles in der Welt ging hier vor? Noch ein Trick?
»Es ist schon spät, Sir«, sagte Banks. »Ich bin müde, und außerdem muss ich ...«
»Hören Sie, ich bitte Sie um einen Gefallen, Mann. Meine Frau und ich mussten wegen der Sache in letzter Minute eine sehr wichtige Dinnerparty absagen. Können Sie nicht einmal Ihre Sturheit vergessen und tun, um was ich Sie bitte?«
Das klang schon mehr wie der alte JimmyRiddle. Banks war kurz davor, ihm zu sagen, er könne ihn mal, als sich der Ton des Chief Constables erneut änderte und Banks aus dem Gleichgewicht brachte. »Bitte, Banks«, sagte Riddle. »Ich muss mit Ihnen über eine Sache reden. Etwas Dringendes. Keine Bange. Das ist kein Trick. Ich hab nicht vor, Ihnen eins auszuwischen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Ich brauche wirklich Ihre Hilfe.«
Selbst Riddle würde sich doch wohl nicht so weit herablassen, sich so einen Schwachsinn auszudenken, nur um Banks zu demütigen, oder? Jetzt war Banks neugierig und würde auf jeden Fall hinfahren. Er war nicht die Art Mann, einen so mysteriösen Anruf zu ignorieren, sonst hätte er gar nicht erst Polizist werden sollen. Er wollte bei diesem scheußlichen Wetter nicht raus, wollte seinen Laphroaig, Bill Evans und das knisternde Torffeuer nicht verlassen, wusste aber, dass er es tun musste. Er stellte das Glas beiseite, froh, dass er nur den einen kleinen Whisky getrunken hatte.
»Also gut«, sagte er, griff nach Bleistift und Papier neben dem Telefon. »Aber Sie müssten mir sagen, wo Sie wohnen und wie ich dahin komme. Ich glaube nicht, dass Sie mich schon mal zu sich eingeladen haben.«
Riddle wohnte auf halber Strecke zwischen Eastvale und Northallerton, eine Fahrt, für die Banks bei gutem Wetter eine Stunde gebraucht hätte, heute Abend aber deutlich länger. Es goss wie aus Kübeln; die Scheibenwischer liefen die ganze Zeit auf voller Stärke, und manchmal konnte Banks kaum ein paar Meter weit sehen. In zwei Tagen war Guy Fawkes Day, und auf den Dorfwiesen häuften sich vom Regen durchweichte Holzstöße und alte Möbel.
Das Haus der Riddles stand unter Denkmalschutz und hieß Old Mill, weil es ursprünglich von den Zisterziensermönchen der nahe gelegenen Abtei, als Mühle erbaut worden war. Das Haus aus Kalkstein mit einem Dach aus Steinplatten stand neben dem Mühlbach, der durch den Garten rauschte. Die alte Scheune auf der anderen Seite war zu einer Garage umgebaut worden.
Als Banks die kurze Kiesauffahrt hinauffuhr und vor dem Haus hielt, fiel ihm auf, dass nur hinter zwei Fenstern im Erdgeschoss Licht brannte und der Rest des Hauses dunkel war. Noch bevor er anklopfen konnte, wurde die Tür aufgerissen und Banks in einen schwach erleuchteten Flur gewinkt, wo ihm Riddle ohne große Umstände den Mantel abnahm und ihn dann in ein Wohnzimmer führte, das größer war als Banks’ gesamtes Cottage. Überall freiliegende Balken, weiß getünchte Wände, bedeckt mit glänzend polierten Jagdhörnern und den unvermeidlichen Pferdeplaketten. Ein goldgerahmter Spiegel hing über einem Adam-Kamin, in dem ein mächtiges Feuer brannte, und neben den mit Sprossen unterteilten Fenstertüren stand ein kleiner Flügel.
Ein Haus wie dieses hätte Banks ohne weiteres mit jemandem in Verbindung gebracht, der hunderttausend Pfund im Jahr verdiente, aber trotz der Rustikalität, trotz der Hitze, die das Feuer ausstrahlte, kam ihm der Raum merkwürdig kalt, kahl und unpersönlich vor. Auf dem niedrigen Glastisch lagen keine Zeitschriften oder Zeitungen verstreut, auf dem Flügel häuften sich keine Noten. Das Holz glänzte, als sei es gerade eben gewachst worden, und alles war aufgeräumt, sauber und ordentlich. Was Banks, wenn er darüber nachdachte, von Riddle auch genau so erwartet hätte. Dieser Eindruck wurde noch durch die Stille verstärkt, die nur gelegentlich vom Heulen des Windes draußen und gegen die Fenster prasselnden Regen unterbrochen wurde.
Eine Frau kam ins Zimmer.
»Meine Frau Rosalind«, stellte Riddle vor.
Banks schüttelte Rosalind die Hand. Eine weiche Hand, aber ihr Handschlag war fest. Wenn dies zu einem Abend der Überraschungen werden sollte, dann war Rosalind Riddle die zweite.
Banks hatte die Frau des Chief Constables bisher nicht kennen gelernt – wusste nur, dass sie in Eastvale in einer Anwaltskanzlei arbeitete, die auf Grundbesitzübertragungen spezialisiert war –, und wenn er je einen flüchtigen Gedanken an sie verschwendet hätte, dann hätte er sie sich als stämmige, robuste und eher charakterlose Person vorgestellt. Warum, wusste er nicht, aber das war die Vorstellung, die ihm in den Sinn gekommen war.
Die Frau, die vor ihm stand, war jedoch elegant und groß, hatte die schlanke Figur eines Models und lange, wohlgeformte Beine. Sie trug einen schlichten grauen Rock und eine weiße Seidenbluse, und die zwei oben geöffneten Knöpfe gaben ein V von derselben bleichen Farbe frei wie ihre Gesichtshaut. Sie hatte kurzes blondes Haar – einer dieser teuren, struppigen Kurzhaarschnitte mit Strähnchen –, eine hohe Stirn, hoch angesetzte Wangenknochen und dunkelblaue Augen. Ihre Lippen waren voller, als man bei dieser Art Gesicht erwartet hätte, und der Lippenstift betonte das noch, machte einen Schmollmund daraus.
Ihr Gesichtsausdruck verriet nichts, aber Banks erkannte an ihrer brüsken Körpersprache, dass sie beunruhigt war. Sie stellte ihren Drink auf den Tisch und setzte sich auf das samtbezogene Sofa, schlug die Beine übereinander und beugte sich vor, die Hände auf dem Schoß. Banks fühlte sich an eine dieser eleganten, unnahbaren Blondinen aus Alfred Hitchcocks Filmen erinnert.
Riddle bat Banks, sich zu setzen. Er war immer noch in Uniform. Der große, zu Massigkeit neigende, aber nach wie vor durchtrainierte Mann setzte sich Banks gegenüber in einen Sessel, zupfte an den scharfen Bügelfalten seiner Hose und lehnte sich zurück. Er war völlig kahl, und buschige Augenbrauen wölbten sich über seinen harten, ernsten braunen Augen.
Banks hatte das Gefühl, dass sie nun beide nicht recht wussten, was sie sagen sollten. Man konnte die Spannung mit Messern schneiden; irgendwas Schlimmes war passiert, etwas Heikles und Schmerzliches. Banks brauchte dringend eine Zigarette, aber das war ausgeschlossen. Er wusste, dass Riddle Rauch hasste, und im Zimmer hing ein süßer Lavendelduft, der garantiert noch nie von Zigarettenrauch besudelt worden war. Das Schweigen dehnte sich. Er kam sich allmählich vor wie Philip Marlowe zu Beginn eines Auftrags. Vielleicht sollte er den Riddles seine Honorarforderungen nennen und damit das Eis brechen, aber bevor er etwas Schnodderiges sagen konnte, sprach Riddle.
»Banks ... ich ... äh ... ich weiß, dass wir in der Vergangenheit unsere Differenzen hatten, und ich bin sicher, dass meine Bitte für Sie ebenso überraschend kommt wie für mich, sie auszusprechen, aber ich brauche Ihre Hilfe.«
Differenzen in der Vergangenheit? Das war die Untertreibung des Jahres. »Fahren Sie fort«, sagte er. »Ich höre.«
Riddle rutschte auf dem Sessel herum und zupfte wieder an den Bügelfalten. Seine Frau griff nach ihrem Glas. Der feuchte Ring, der auf dem Glastisch zurückblieb, war das Einzige, das die sterile Perfektion des Raumes störte.
»Es geht um etwas Persönliches«, meinte Riddle. »Sehr persönlich. Und inoffiziell. Bevor wir weitermachen, Banks, brauche ich Ihre absolute Zusicherung, dass nichts, was ich Ihnen sage, aus diesen vier Wände nach außen dringt. Kann ich mich darauf verlassen?«
Banks nickte.
»Entschuldigen Sie«, sagte Rosalind und wollte aufstehen. »Sie müssen mich für eine furchtbare Gastgeberin halten. Sie sind den ganzen Weg hierher gekommen, und ich habe Ihnen nicht mal einen Drink angeboten? Möchten Sie etwas, Mr. Banks? Vielleicht einen kleinen Whisky?«
»Der Mann muss fahren«, knurrte Riddle.
»Aber einen kann er doch wohl trinken?«
Banks hob die Hand. »Nein, vielen Dank.« Gerne hätte er um eine Tasse Tee gebeten, aber ihm war noch mehr daran gelegen, die Sache hinter sich zu bringen und nach Hause zu fahren. Wenn er es für eine Weile ohne Zigarette aushalten konnte, dann konnte er auch auf einen Drink verzichten. Er wünschte nur, sie würden endlich zur Sache kommen.
»Es geht um unsere Tochter«, setzte Rosalind Riddle an und knetete ihre Hände im Schoß. »Sie ist mit sechzehn ausgezogen.«
»Sie ist weggelaufen, Ros«, verbesserte Riddle, die Stimme dick vor Wut. »Machen wir uns doch nichts vor.«
»Wie lange ist das her?«, fragte Banks.
Riddle antwortete ihm. »Sechs Monate.«
»Das tut mir leid«, sagte Banks, »aber ich weiß nicht ...«
»Unser Sohn Benjamin hat heute am frühen Abend am Computer gespielt«, warf Rosalind ein. »Zufällig ist er dabei auf Bilder auf einer dieser Sexseiten gestoßen.«
Banks wusste, dass es leicht genug war, Zugang zu Pornoseiten zu bekommen. Man brauchte zum Beispiel nur »Spice Girls« auf einer Suchmaschine einzugeben und konnte ohne weiteres bei »Spicy Girls« landen.
»Einige der Fotos ...«, fuhr Rosalind fort. »Naja, sie waren von Emily, unserer Tochter. Benjamin ist erst acht. Er begreift noch nicht, was das wirklich bedeutet. Wir haben ihn ins Bett gebracht und ihm gesagt, er solle nicht darüber reden.«
»Sind Sie sicher, dass es Ihre Tochter war?«, fragte Banks. »Man kann diese Bilder manipulieren, wissen Sie. Köpfe und Körper austauschen.«
»Sie war es«, antwortete Rosalind. »Glauben Sie mir. Sie hat ein unverwechselbares Muttermal.«
»Das ist sicher alles sehr bestürzend«, meinte Banks. »Und Sie haben mein Mitgefühl. Aber was soll ich dabei tun?«
»Ich möchte, dass Sie sie finden«, sagte Riddle.
»Warum haben Sie das nicht selbst versucht?«
Riddle sah seine Frau an. Der Blick, den sie wechselten, sprach Bände. Uneinigkeit und gegenseitige Beschuldigungen standen zwischen ihnen. »Das hab ich«, sagte Riddle. »Aber ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Offizielle Kanäle konnte ich nicht einschalten. Ich meine, es war ja nicht so, als sei ein Verbrechen passiert. Sie hatte kein Gesetz gebrochen. Und je weniger Leute davon wussten, desto besser.«
»Sie fürchteten um Ihren Ruf?«
Riddle hob die Stimme. »Ich weiß, was Sie denken, Banks, aber diese Dinge sind wichtig. Wenn Sie das nur begreifen würden, hätten Sie sicherlich mehr aus sich machen können.«
»Wichtiger als das Wohlergehen Ihrer Tochter?«
»Auf unseren Ruf zu achten, bedeutet nicht, dass meinem Mann oder mir unsere Tochter egal ist, Mr. Banks«, sagte Rosalind. »Und als ihre Mutter nehme ich diese Andeutung übel.«
»Dann entschuldige ich mich.«
Riddle übernahm wieder das Wort. »Schauen Sie, ich will damit sagen, Banks, dass ich vor dem heutigen Abend keinen wirklichen Grund sah, beunruhigt zu sein – Emily ist ein intelligentes und selbstständiges Mädchen, wenn vielleicht auch ein bisschen zu dickköpfig und rebellisch –, aber jetzt glaube ich, dass etwas Greifbares vorliegt, worüber ich mir Sorgen machen muss. Und das hat nicht nur mit Ambitionen und gutem Ruf zu tun, egal, was Sie denken.«
»Warum versuchen Sie nicht selbst, sie zu finden?«
»Seien Sie doch realistisch, Banks. Erstens kann ich mir nicht erlauben, auf eine Art private Rettungsmission zu gehen.«
»Und ich kann das?«
»Sie stehen nicht so sehr im Rampenlicht wie ich. Man könnte mich erkennen. Ich kann Sie von hier aus decken, falls Sie sich darum Sorgen machen. Schließlich bin ich der Polizeipräsident. Und ich komme auch für alle Ausgaben auf, solange sie sich in vernünftigem Rahmen halten. Aber Sie werden auf sich gestellt sein. Polizeiquellen und Ähnliches können Sie nicht benutzen. Ich möchte, dass die Sache unter uns bleibt. Eine Familienangelegenheit.«
»Sie meinen, Ihre Karriere ist wichtig und meine kann geopfert werden?«
»Vielleicht betrachten Sie es mal von einer anderen Warte. Für Sie könnte dabei durchaus auch etwas rausspringen.«
»Ach ja?«
»Sehen Sie es mal so. Wenn Sie erfolgreich sind, haben Sie meine Dankbarkeit gewonnen. Egal, was Sie von mir halten, ich bin ein Ehrenmann, ein Mann, der sein Wort hält, und ich verspreche Ihnen, dass Ihre Karriere in Eastvale nur davon profitieren kann, wenn Sie meiner Bitte nachkommen. Auch wenn Sie nichts erreichen.«
»Und der andere Grund?«
Riddle seufzte. »Falls Emily erfährt, dass ich nach ihr suche, wird sie sich sofort verdrücken, befürchte ich. Sie gibt mir die Schuld an all ihren Problemen. Daran hat sie in den Monaten vor ihrem Verschwinden keinen Zweifel gelassen. Ich möchte, dass Sie diskret vorgehen, Banks. Versuchen Sie, Emily zu finden, bevor sie merkt, dass jemand nach ihr sucht. Ich verlange nicht, dass Sie sie entführen oder so was. Finden Sie sie, sprechen Sie mit ihr, überzeugen Sie sich davon, dass es ihr gut geht, sagen Sie ihr, wir würden sie gern wiedersehen und über alles mit ihr reden.«
»Und ich soll sie überreden, nicht mehr für Pornoseiten im Internet zu posieren?«
Riddle wurde bleich. »Wenn Sie können.«
»Haben Sie eine Ahnung, wohin sie gegangen ist? Hat Sie sich mit Ihnen in Verbindung gesetzt?«
»Zwei Wochen nachdem sie fortgegangen ist, bekamen wir eine Postkarte von ihr«, antwortete Rosalind. »Sie schrieb, es ginge ihr gut und wir sollten uns keine Sorgen um sie machen. Oder nach ihr suchen.«
»Woher kam die Karte?«
»Aus London.«
»Das ist alles?«
»Ja, außer einer Karte zu Benjamins Geburtstag.«
»Hat sie auf der Karte sonst noch was geschrieben?«
»Nur, dass sie einen Job hätte«, fuhr Rosalind fort. »Damit wir nicht fürchten mussten, dass sie auf der Straße lebt oder so. Nur würde Emily nie auf der Straße leben. Sie hat schon immer viel Wert auf Bequemlichkeit gelegt.«
»Ros!«
»Aber das stimmt doch. Und du ... «
»Gab es einen bestimmten Grund für ihr Verschwinden?«, unterbrach Banks. »Irgendeinen Auslöser? Einen Streit vielleicht?«
»Nichts Bestimmtes«, sagte Riddle. »Sie hat sich da reingesteigert. Kam einfach von der Schule nicht nach Hause.«
»Schule?«
Rosalind mischte sich ein: »Vor zwei Jahren haben wir sie auf ein sehr teures und angesehenes Mädcheninternat bei Warwick geschickt. Am Ende des letzten Trimesters, zu Beginn des Sommers, verschwand sie nach London, statt nach Hause zu kommen.«
»Allein?«
»Soweit wir wissen, ja.«
»Kam sie sonst in den Ferien immer nach Hause?«
»Ja.«
»Was hat sie diesmal davon abgehalten? Hatten Sie Probleme mit ihr?«
Riddle nahm den Faden wieder auf. »Als sie das letzte Mal hier war, in den Frühjahrsferien, gab es den üblichen Streit über zu spätes Heimkommen, Trinken in Pubs, Verkehren in den falschen Kreisen und so weiter. Aber nichts Ungewöhnliches. Sie ist ein sehr intelligentes Mädchen. In der Schule bekam sie gute Noten, aber es langweilte sie. Alles fiel ihr so leicht. Vor allem Sprachen. Darin ist sie besonders gut. Natürlich wollten wir, dass sie Abitur macht und studiert, aber sie wollte nicht. Sie wollte selbstständig sein. Wir haben ihr alles gegeben, Banks. Sie hatte ihr eigenes Pferd, bekam Klavierstunden, fuhr mit auf Klassenfahrt nach Amerika und zum Skifahren nach Österreich, bekam eine gute Schulbildung. Wir waren sehr stolz auf Emily. Wir haben ihr alles gegeben, was sie wollte.«
Nur vielleicht das nicht, was sie am meisten brauchte, dachte Banks. Dich. Um die schwindelnde Höhe eines Polizeipräsidenten zu erreichen, vor allem mit fünfundvierzig, wie Riddle es getan hatte, musste man zielbewusst, rücksichtslos und ehrgeizig sein. Und man musste flexibel sein, oft umziehen, was auf Kinder, die manchmal nur schwer neue Freunde fanden, eine verheerende Wirkung haben konnte. Dazu die langen Arbeitstage und die vielen Kurse, was hieß, dass Riddle vermutlich nur selten zu Hause gewesen war.
Banks war kaum jemand, der sich wegen Kindererziehung aufs hohe Ross schwingen konnte, musste er zugeben. Selbst um den Rang eines Chief Inspectors zu erreichen, war er als Vater mehr abwesend, als es für Brian und Tracy gut gewesen war. Zufällig hatten sie sich beide, insgesamt gesehen, gut entwickelt, aber Banks wusste, dass es eher ein Glücksfall war und wenig mit ihm als gutem Vater zu tun hatte. Das meiste hatte Sandra übernommen, und sie hatte ihn nicht immer mit den Problemen der Kinder belastet. Vielleicht hatte Banks seine Familie nicht dem Ehrgeiz geopfert, wie er es von Riddle vermutete, aber er hatte gewiss vieles dafür geopfert, ein guter Detective zu sein.
»Hat sie hier irgendwelche Freunde, denen sie sich anvertraut haben könnte?«, fragte er. »Jemand, der mit ihr in Verbindung geblieben ist?«
Rosalind schüttelte den Kopf. »Das glaube ich kaum«, sagte sie. »Emily ist sehr ... unabhängig. Sie hatte viele Freunde, aber keine engeren. Das lag an den vielen Umzügen. Wenn sie weiterzieht, bricht sie hinter sich alle Brücken ab. Und sie war noch nicht sehr lange hier in der Gegend.«
»Sie erwähnten die ›falschen Kreise‹. Gab es einen Freund?«
»Nichts Ernsthaftes.«
»Sein Name könnte trotzdem hilfreich sein.«
Rosalind sah zu ihrem Mann, der sagte: »Banks, ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich keine offizielle Ermittlung will. Wenn Sie sich an Emilys alten Freunde wenden und hier in der Gegend Fragen stellen, was glauben Sie, wie lange die Sache dann unter Verschluss bleibt? Sie ist nach London gegangen. Dort werden Sie sie finden.«
Banks seufzte. Es sah so aus, als müsste er die Ermittlung mit gebundenen Händen durchführen. »Kennt sie denn jemanden in London?«, fragte er. »Jemand, an den sie sich um Hilfe wenden könnte?«
Riddle schüttelte den Kopf. »Meine Zeit bei der Metropolitan Police liegt Jahre zurück. Sie war noch ein kleines Mädchen, als wir da weggezogen sind.«
»Ich weiß, dass es schwierig für Sie ist«, sagte Banks, »aber könnte ich wohl einen Blick auf die Website werfen?«
»Ros?«
Rosalind Riddle warf ihrem Mann einen finsteren Blick zu und sagte: »Kommen Sie mit.«
Banks musste sich unter einem niedrigen Balken durchbücken und folgte ihr in ein Arbeitszimmer voller Bücherregale. Auf dem Schreibtisch am Fenster stand ein orangefarbener iMac. Wind ratterte an den Scheiben hinter den schweren Vorhängen, und hin und wieder klang es, als schüttete jemand einen Eimer Wasser gegen die Fenster. Rosalind setzte sich und bog die Finger, aber bevor sie eine Taste berührte oder mit der Maus klickte, drehte sie ihren Stuhl um und schaute zu Banks auf. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten.
»Sie mögen uns nicht, stimmt’s?«, fragte sie.
»Uns?«
»Leute wie uns. Leute, die ... na ja, wohlhabend sind, erfolgreich und ehrgeizig.«
»Ich kann nicht sagen, dass ich viel darüber nachdenke.«
»Oh doch, das tun Sie. Da irren Sie sich.« Ihre Augen wurden schmal. »Sie sind neidisch. Sie haben einen riesigen Komplex. Sie halten sich für besser als wir – irgendwie reiner –, nicht wahr?«
»Mrs. Riddle«, sagte Banks mit einem Seufzer, »ersparen Sie mir diesen Schwachsinn. Ich bin durch Wind und Wetter hierher gefahren, obwohl ich viel lieber bei Musik und einem guten Buch zu Hause sitzen würde. Wenn wir die Sache durchziehen wollen, dann machen wir bitte weiter, oder soll ich einfach nach Hause fahren und ins Bett gehen?«
Sie musterte ihn kühl. »Da hab ich wohl einen Nerv getroffen.«
»Was wollen Sie von mir, Mrs. Riddle?«
»Er denkt daran, in die Politik zu gehen, wissen Sie.«
»Davon hab ich gehört.«
»Jede Andeutung eines Familienskandals würde alles ruinieren, wofür wir jahrelang hart gearbeitet haben.«
»Das kann ich mir gut vorstellen. Am besten kommt man erst zu Amt und Würden und hat dann den Skandal.«
»Das ist zynisch.«
»Aber wahr. Lesen Sie die Zeitung.«
»Er sagt, Sie hätten die Tendenz, Wellen zu schlagen.«
»Ich gehe den Dingen gerne auf den Grund. Manchmal kommen dabei ein paar Boote ins Wanken. Je teurer die Boote, desto mehr Krach scheint es zu machen, wenn sie ins Wanken geraten.«
Rosalind lächelte. »Ich wünschte, ich könnte mir solche hehren Prinzipien leisten. Diese Aufgabe erfordert äußerste Diskretion.«
»Ich werde es mir merken. Falls ich die Aufgabe übernehme.« Banks hielt ihrem Blick stand, bis sie blinzelte und ihren Stuhl wieder zum Bildschirm umdrehte.
»Ich wollte das nur geklärt haben, bevor Sie sich Nacktfotos von meiner Tochter ansehen«, sagte sie, ohne ihn anzuschauen.
Er sah über ihre Schulter, während sie mit Tastatur und Maus arbeitete. Schließlich erschien eine Reihe daumennagelgroßer Fotos auf dem Schirm. Rosalind klickte eines an, und eine weitere Seite mit etwa fünf ebenso großen Fotos begann sich aufzubauen. Über den Fotos stand, der Name des Models sei Louisa Gamine und sie sei eine achtzehnjährige Biologiestudentin. Den Fotos nach war das durchaus glaubwürdig.
»Warum Louisa Gamine?«, fragte Banks.
»Keine Ahnung. Louisa ist ihr zweiter Vorname. Eigentlich Louise. Emily Louise Riddle. Wahrscheinlich denkt sie, Louisa klänge exotischer. Vielleicht fand sie, dass sie nach ihrem Verschwinden eine neue Identität brauchte?«
Das konnte Banks verstehen. Als er jünger war, hatte er immer bedauert, dass ihm seine Eltern keinen zweiten Vornamen gegeben hatten. Ja, er hatte sich sogar selbst einen ausgedacht: Davy, nach Davy Crockett, einem seiner Helden zu jener Zeit. Das hatte ein paar Monate angehalten, dann hatte er schließlich seinen eigenen Namen – Alan – akzeptiert.
Rosalind klickte eines der Bilder an, und es füllte allmählich den Bildschirm aus, baute sich von oben nach unten auf. Banks sah ein Amateurfoto vor sich, aufgenommen in einem schlecht ausgeleuchteten Schlafzimmer: Ein hübsches junges Mädchen, das nackt im Schneidersitz auf einer hellblauen Steppdecke saß. Ihr Lächeln sah ein wenig gezwungen aus, und ihr Blick wirkte verschwommen.
Die Ähnlichkeit zwischen Louisa und ihrer Mutter war erstaunlich. Beide besaßen dieselbe langbeinige Anmut, dieselbe bleiche, fast durchscheinende Haut, denselben freigebigen Mund. Der einzige wirkliche Unterschied, abgesehen von ihrem Alter, war, dass Louisas blondes Haar bis über die Schultern herabhing. Ansonsten hatte Banks das Gefühl, er hätte genauso gut ein vor vielleicht fünfundzwanzig Jahren aufgenommenes Foto von Rosalind betrachten können, und das machte ihn verlegen. Er bemerkte eine tränenförmige Verfärbung auf der Innenseite von Louisas rechtem Oberschenkel: das Muttermal. Im Nabel trug sie eine Art kleinen Ring und darunter eine schwarze Tätowierung, die offenbar eine Spinne darstellen sollte. Banks dachte an Annie Cabbots tätowierte Rose über der linken Brust, wie lang es her war, seit er die Tätowierung zum letzten Mal gesehen hatte, und dass er sie vermutlich nie wieder sehen würde, vor allem, wenn es ihm gelang, sich mit Sandra auszusöhnen.
Die anderen Fotos waren ähnlich, alle im gleichen Raum aufgenommen, alle ebenso schlecht ausgeleuchtet. Nur die Stellungen waren unterschiedlich. Ihr neuer Nachname war durchaus passend, fand Banks, sie hatte definitiv etwas von einer Gamine an sich, einem jungen Mädchen mit boshaftem Charme. Da war noch etwas anderes an dem von ihr gewählten Nachnamen, aber er kam im Moment nicht darauf. Vielleicht würde es ihm später einfallen, wenn er nicht darüber nachdachte. Das funktionierte im Allgemeinen.
Banks betrachtete die Fotos genauer und nahm Rosalinds zartes Parfüm wahr, während er sich über ihre Schulter beugte. Er konnte ein paar Einzelheiten in dem Raum ausmachen – die Ecke eines Popstarposters, eine Reihe von Büchern – aber sie waren zu verschwommen, um von Nutzen zu sein.
»Genug gesehen?«, fragte Rosalind, sah mit schräg gelegtem Kopf zu ihm auf und deutete an, dass er vielleicht zu lange auf die Bilder starrte, den Anblick zu sehr genoss.
»Sie sieht aus, als wüsste sie, was sie tut«, sagte Banks.
Rosalind zögerte, sagte dann: »Emily ist sexuell aktiv, seit sie vierzehn war. Zumindest, soweit wir es wissen. Sie war dreizehn, als sie ... widerspenstig wurde, also könnte es auch früher passiert sein. Das war zum Teil der Grund, warum wir sie aufs Internat geschickt haben.«
»Nicht ungewöhnlich«, sagte Banks und dachte alarmiert an Tracy. Er war sich sicher, dass sie so jung noch nicht sexuell aktiv gewesen war, konnte sie aber wohl kaum danach fragen. Er wusste nicht mal, ob sie jetzt aktiv war, wenn er es genau bedachte, und er glaubte nicht, dass er es wissen wollte. Tracy war neunzehn und demnach einige Jahre älter als Emily, aber sie war immer noch Banks kleines Mädchen. »Glauben Sie, das Internat hat geholfen?«, fragte er.
»Offensichtlich nicht. Sie ist ja nicht zurückgekommen.«
»Haben Sie mit dem Direktor gesprochen oder mit ihren Klassenkameradinnen?«
»Nein. Jerry hat zu viel Angst vor Indiskretionen.«
»Natürlich. Drucken Sie das aus.« Banks deutete auf ein Foto, auf dem Louisa am Bettrand saß, ausdruckslos in die Kamera starrte und nichts außer einem roten T-Shirt trug. »Kopf und Schultern reichen. Den unteren Teil können wir abschneiden.«
Rosalind blickte über die Schulter zu ihm, und er meinte, in ihrem Gesichtsausdruck eine gewisse Dankbarkeit zu erkennen. Zumindest wirkte sie nicht mehr so offen feindselig wie vorher. »Sie machen es?«, fragte sie. »Sie versuchen, Emily zu finden?«
»Ich versuche es.«
»Sie brauchen sie nicht zu überreden, nach Hause zu kommen. Das wird sie nicht wollen. Dafür garantiere ich.«
»Sie klingen, als ob Sie es auch nicht wollten.«
Rosalind runzelte die Stirn und meinte dann: »Vielleicht haben Sie Recht. Ich hatte Jerry vorgeschlagen, sie einfach ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Sie ist alt genug und sicherlich auch gescheit genug, auf sich selbst aufzupassen. Und sie ist eine Unruhestifterin. Ich weiß, sie ist meine Tochter, und ich will nicht lieblos klingen, aber ... Na ja, Sie sehen selbst, was nach nur sechs Monaten passiert ist. Die Tätowierung, diese Fotos ... Sie kümmert sich nie um die Gefühle anderer. Ich kann mir gut vorstellen, in welchem Chaos das Leben hier versinken würde, wenn wir auch noch mit all ihren Problemen fertig werden müssten.«
»Auch noch?«
»Ach nichts. Es spielt keine Rolle.«
»Gibt es sonst noch was, das ich wissen sollte?«
»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
»Alles, was Sie mir nicht sagen.«
»Nein. Warum sollte es?«
Aber da war etwas, das spürte Banks, erkannte es an der Art, wie sich Rosalind beim Sprechen von ihm abwandte. Es konnten Familienprobleme sein, über die weder sie noch ihr Mann reden wollten. Und vielleicht hatten sie damit Recht. Vielleicht sollte er seine Neugier diesmal im Zaum halten und nicht im Trüben fischen, wie er es für gewöhnlich tat. Finde einfach das Mädchen, sagte er sich, versichere dich, dass sie nicht in Gefahr ist, und kümmer dich nicht um den Rest. Auf keinen Fall wollte er sich in die Probleme der Familie Riddle verwickeln lassen.
Er schrieb sich auf, was er der Website entnehmen konnte, die von einer Organisation namens GlamourPuss in Soho geführt wurde. Die zu finden, sollte nicht allzu schwer sein, dachte er, und die Auskünfte würden ihn zu Emily führen, oder Louisa, wie sie sich jetzt nannte. Er hoffte nur, dass sie nicht auf den Strich ging, wie so viele Teenager, die auf Porno-Websites auftauchten. Sie klang nicht wie der Typ, der durch Prostitution zu Geld kommen wollte, aber es hörte sich so an, als würde sie wegen des Nervenkitzels alles ausprobieren. Damit würde er sich befassen, wenn es so weit war.
Rosalind druckte das Foto aus, nahm eine Schere aus der Schreibtischschublade und schnitt alles unter dem Nabelring ab, bevor sie Banks den Ausdruck reichte. Banks folgte ihr zurück ins Wohnzimmer, wo Riddle saß und ins Nichts starrte. »Alles erledigt?«, fragte er.
Banks nickte. Er setzte sich gar nicht erst wieder hin. »Verraten Sie mir eins«, sagte er. »Warum ich? Sie wissen verdammt gut, wie die Dinge zwischen uns stehen.«
Riddle schien leicht zusammenzuzucken, und Banks war erstaunt, wie giftig seine eigene Stimme klang. Nach kurzem Zögern schaute ihm Riddle in die Augen. »Zwei Gründe«, sagte er. »Erstens, weil Sie der beste Detective in der Grafschaft sind. Damit will ich nicht sagen, dass ich mit Ihren Methoden oder Ihrem Verhalten einverstanden bin, aber Sie erzielen Ergebnisse. Und bei dieser unorthodoxen Angelegenheit könnten, um es mal so zu sagen, einige Ihrer einzelgängerischen Fähigkeiten zur Abwechslung durchaus mal von Nutzen sein.«
Selbst mit einem schwachen Lob von Riddle bedacht zu werden, war eine neue Erfahrung für Banks. »Und zweitens?«, fragte er.
»Sie haben selbst eine Tochter im Teenageralter, nicht wahr? Tracy heißt sie. Stimmt’s?«
»Ja.«
Riddle spreizte die Hände, die Handflächen nach oben. »Dann wissen Sie, worauf ich hinauswill. Ich glaube, Sie können sich in etwa vorstellen, wie ich mich fühle.«
Und zu seiner Überraschung konnte Banks das. »Ich kann nicht vor nächster Woche anfangen«, sagte er.
Riddle beugte sich vor. »Sie haben momentan nichts Dringendes zu tun.«
»Ich wollte über das Wochenende mit Tracy wegfahren. Nach Paris.«
»Bitte fangen Sie gleich an. Spätestens morgen früh. Ich muss es wissen.« In Riddles Stimme schwang eine Verzweiflung mit, wie sie Banks von ihm noch nie gehört hatte.
»Warum ist es so dringend?«
Riddle starrte in den riesigen Kamin, als richtete er seine Worte an die Flammen. »Ich habe Angst um sie, Banks. Sie ist so jung und verletzlich. Ich will sie zurück. Zumindest muss ich wissen, wie es ihr geht und was sie macht. Stellen Sie sich vor, wie es Ihnen dabei ginge. Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter wäre in Schwierigkeiten.«
Verdammt noch mal, dachte Banks und sah sein Wochenende mit Tracy in Paris den Bach hinuntergehen. Töchter. Wer braucht die? Nichts als Ärger. Aber Riddle hatte tatsächlich einen Nerv getroffen. Jetzt gab es kein Zurück mehr, keine Möglichkeit, den Auftrag abzulehnen. Banks wusste, dass er nach London fahren musste, um Emily Louise Riddle zu finden.
»Oh Dad! Das kann doch nicht dein Ernst sein! Du hast mich mitten in der Nacht geweckt, weil du mir sagen willst, dass wir doch nicht nach Paris fahren können?«
»Tut mir leid, Liebes. Wir müssen die Reise noch ein wenig verschieben.«
»Das glaub ich einfach nicht. Ich hab mich seit Ewigkeiten auf dieses Wochenende gefreut.«
»Ich auch, Schatz. Aber was soll ich machen?«
»Und du willst mir nicht sagen, warum?«
»Ich kann nicht. Ich hab’s versprochen.«
»Du hast mir ein Wochenende in Paris versprochen. Und es fällt dir offensichtlich ganz leicht, das Versprechen zu brechen.«
Touché. »Ich weiß. Es tut mir leid.«
»Traust du mir nicht zu, den Mund zu halten?«
»Doch, selbstverständlich. Aber das ist es nicht.«
»Was dann?«
»Ich kann’s dir jetzt einfach noch nicht sagen. Mehr nicht. Vielleicht nächste Woche, wenn alles gut geht.«
»Ach, lass nur.« Tracy verfiel in schmollendes Schweigen, genau wie ihre Mutter es tat, und sagte dann: »Es ist doch nicht gefährlich, oder?«
»Natürlich nicht. Es ist eine Privatangelegenheit. Ich helfe einem ...« Fast hätte Banks »Freund« gesagt, konnte sich aber gerade noch bremsen. »Ich helfe jemandem. Jemand, der in Schwierigkeiten ist. Glaub mir, Liebes, wenn du die Einzelheiten wüsstest, würdest du erkennen, dass ich nicht anders kann. Hör zu, wenn das vorbei ist, mache ich es wieder gut. Versprochen.«
»Kenn ich schon. War ich schon. Hab das T-Shirt.«
»Gib mir ein bisschen Spielraum, Tracy. Die Sache ist nicht einfach für mich, weißt du. Nicht nur du bist traurig. Ich habe mich genauso auf Paris gefreut.«
»Okay, ich weiß. Tut mir leid. Aber was ist mit den Fahrkarten? Dem Hotel?«
»Das Hotel lässt sich leicht absagen. Ich werde sehen, ob ich die Fahrkarten umtauschen kann.«
»Da müsstest du schon großes Glück haben.« Wieder hielt sie inne. »Warte mal! Mir ist da gerade eine Idee gekommen.«
»Was denn?«
»Tja, ich weiß, dass du nicht mitkannst, aber es gibt doch keinen Grund, warum ich nicht fahren sollte, oder?«
»Nicht, dass ich wüsste. Aber willst du wirklich ganz allein nach Paris? Für eine junge Frau allein ist das viel zu gefährlich.«
Tracy lachte. »Ich kann auf mich aufpassen, Dad. Ich bin jetzt ein großes Mädchen.«
Ja, dachte Banks, ein großes Mädchen von gerade mal neunzehn Jahren. »Das kannst du bestimmt«, sagte er. »Aber ich würde mir Sorgen machen.«
»Du machst dir ständig Sorgen. Das können Väter am besten: sich Sorgen um ihre Töchter machen. Außerdem dachte ich nicht unbedingt daran, alleine zu fahren.«
»Was soll das heißen?«
»Ich wette, Damon würde gern mitfahren. Er hat morgen auch keine Vorlesungen. Ich könnte ihn fragen.«
»Warte mal«, sagte Banks. »Damon? Wer zum Teufel ist Damon?«
»Mein Freund. Ich wette, der ist ganz heiß auf ein Wochenende mit mir in Paris.«
Das wette ich auch, dachte Banks, dem das Herz sank. Die Sache lief überhaupt nicht so, wie er erwartet hatte. Er hatte Beschuldigungen erwartet, Wut, aber dies ...? »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, meinte er lahm.
»Natürlich ist es das. Und das weißt du auch. Außerdem sparen wir Geld.«
»Wie das?«
»Naja, wir brauchen zum Beispiel nur ein Hotelzimmer abzubestellen.«
»Tracy!«
Sie lachte. »Ach Dad. Eltern sind so dusselig. Wenn Kids miteinander schlafen wollen, muss das nicht nachts in einer fremden Stadt passieren. Sie können es tagsüber im Studentenwohnheim tun, weißt du.«
Banks schluckte. Jetzt hatte er die Antwort auf die Frage, die er nicht hatte stellen wollen. Wer A sagt, muss auch B sagen. »Du und Damon ... ich meine ...?«
»Keine Bange. Ich bin ein sehr vorsichtiges Mädchen. Also, das einzige Problem ist jetzt, die Fahrkarten vor morgen zu bekommen. Du würdest wohl heute Abend nicht mehr herfahren wollen, oder?«
»Nein, würde ich nicht«, sagte Banks. Dann wurde er schwach. Schließlich hatte sie Recht. Es gab keinen Grund, ihr das Wochenende zu verderben, nur weil ihm seines verdorben worden war, von Damon einmal ganz abgesehen. »Aber wie es so aussieht, muss ich morgen sowieso nach London, also kann ich auch bis dort zusammen mit dir im Zug fahren.« Und mir diesen Damon anschauen, wenn ich schon da bin, dachte er. »Ich geb dir die Karten dann.«
»Super!«
Banks war niedergeschlagen. Tracy schien sich viel mehr darauf zu freuen, mit Damon zu fahren als mit ihm. Aber das war nur natürlich; sie war jung. »Bis morgen früh dann«, sagte er. »Am Bahnhof. Zur verabredeten Zeit.«
»Klasse, Dad. Tausend Dank.«
Nachdem er aufgelegt hatte, ließ sich Banks in seinen Sessel zurückfallen und griff nach den Zigaretten. Er musste nach London, daran gab es keinen Zweifel. Erstens hatte er es versprochen, und zweitens gab es etwas, wovon Riddle nichts wusste. Tracy war selbst mal kurz davor gewesen, von zu Hause wegzulaufen. Das war um ihren dreizehnten Geburtstag herum, und der Gedanke, was dann hätte passieren können, verfolgte ihn.
Das war kurz vor ihrem Umzug von London nach Eastvale passiert. Tracy war tagelang traurig gewesen, weil sie sich von ihren Freunden trennen musste, und eines Abends, als Banks zufällig mal zu Hause war, hatte er unten Geräusche gehört. Als er nachsah, fand er Tracy mit einem Koffer in der Hand an der Haustür. Am Ende war es ihm gelungen, sie ohne Zwang zum Bleiben zu überreden, aber es hatte Spitz auf Knopf gestanden. Ein Teil ihres Abkommens hatte darin bestanden, ihrer Mutter nichts davon zu erzählen, was er auch nie getan hatte. Sandra hatte die ganze Sache verschlafen. In der Erinnerung an jenen Abend konnte er sich in etwa vorstellen, was Riddle jetzt durchmachte.
Trotzdem, war das der Dank dafür, dass er seinem Feind einen Gefallen tat? Er musste nach einem fortgelaufenen Teenager suchen, während seine eigene Tochter ein schnuckeliges Wochenende mit ihrem Freund in Paris verbrachte. Wo blieb da die Gerechtigkeit? fragte er sich. Als Antwort bekam er nur das Heulen des Windes und die unaufhörliche Musik des Wassers, das über die Gratly Falls rauschte.
Am Freitagnachmittag ging Banks im kühlen Novembersonnenschein die Old Compton Street entlang, nachdem er am Morgen mit Tracy und Damon nach London gefahren war. Nach einem gegrunzten »Hi« hatte Damon fast kein Wort mehr gesagt. Der Zug war ziemlich voll gewesen, und sie konnten nicht zusammensitzen, was Tracy und Damon zu erleichtern schien. Banks hatte einen Platz weiter hinten gefunden, neben einem jungen Geschäftsmann mit frischem Gesicht, der zu viel Aftershave aufgetragen hatte und Free-Cell auf seinem Laptop spielte.
Während der Fahrt hatte Banks Lucinda Williams’ Car Wheels on a Gravel Road gehört und Der große Schlaf gelesen, den er gegen Maigret und die hundert Galgen ausgetauscht hatte, als sich herausstellte, dass er nicht nach Paris fahren würde. Vor ein paar Wochen hatte er den Film mit Humphrey Bogart gesehen und ihn so gut gefunden, dass er das Buch lesen wollte. Außerdem kam ihm Raymond Chandler für die Aufgabe, die er vor sich hatte, passender vor: Banks, Privatdetektiv.
Kurz vor King’s Cross waren seine Gedanken zu Tracys Freund zurückgekehrt.
Banks wusste nicht recht, was er von Damon halten sollte. Das Grunzen war nicht mehr, als er von den Freunden seiner Tochter erwartet hätte, und er interpretierte auch nichts hinein, außer vielleicht, dass es dem Jungen ein bisschen peinlich war, plötzlich dem Vater des Mädchens, mit dem er schlief, gegenüberzustehen. Selbst bei dem Gedanken daran wurde Banks die Brust eng, obwohl er sich sagte, er hätte keinen Grund, sich aufzuregen, und sollte sich nicht einmischen. Auf keinen Fall wollte er sich von seiner Tochter entfremden, vor allem jetzt, wo er hoffte, wieder mit ihrer Mutter zusammenzukommen. Es würde auch nichts nützen. Tracy führte ihr eigenes Leben, und sie war kein Dummkopf. Hoffte er.
Er hatte sich in King’s Cross von dem jungen Paar verabschiedet und als Erstes in dem kleinen Hotel in Bloomsbury eingecheckt, in dem er am Abend zuvor ein Zimmer reserviert hatte. Es hieß einfach nur Hotel Fifty-five, nach der Hausnummer, und er stieg gerne dort ab, weil es ruhig war, diskret, gut gelegen und nicht allzu teuer. Riddle hatte zwar gesagt, er würde ihm alle Auslagen erstatten, aber Banks hätte das Gesicht des Chief Constables nicht sehen wollen, wenn er ihm eine Rechnung des Dorchester vorlegte.
Der morgendliche Regen hatte während der Fahrt aufgehört, und der Tag war windig und kühl, mit einem klaren blauen Himmel, wie man ihn nur im November hat. Vielleicht würden die Holzhaufen doch noch rechtzeitig vor der Guy-Fawkes-Nacht austrocknen, dachte Banks, als er den Reißverschluss seiner Lederjacke ein bisschen höher zog. Leise klopfte er mit der Aktentasche gegen seinen Oberschenkel, im Rhythmus der Hip-Hop-Musik, die aus einem Sexshop wehte.
Mit Soho verbanden Banks starke Gefühle und Erinnerungen, seit er dort Streife gegangen oder vom Revier in der Vine Street aus mit dem Polizeiwagen herumgefahren war, nachdem man das Revier in den frühen Siebzigerjahren wieder eröffnet hatte. Sicherlich war der Stadtteil seither gesäubert worden, aber Soho würde nie richtig sauber sein. Sauberkeit lag nicht in seiner Natur.
Er liebte den Hauch von Verbrechertum, den er immer spürte, wenn er die Old Compton Street oder Dean Street entlangging, wo Betrug und Schieberei nur um Haaresbreite von einem legitimen Geschäftsabschluss entfernt waren. Banks erinnerte sich an die kalten Morgendämmerungen am Berwick Street Market, eine Zigarette und einen Becher mit heißem, süßem Tee in der Hand, an die Plaudereien mit Sam, dessen alter brauner Collie Fetchit den ganzen Tag unter dem Stand lag und die Welt mit traurigen Augen an sich vorbeiziehen ließ. Während die anderen ihre Stände aufbauten – mit Obst, Geschirr, Besteck, Unterwäsche und Socken, Uhren, Eierschneidern und was sonst noch –, hatte Banks von Sam erfahren, was davon heiße Ware war und was nicht. Der gute Sam war vermutlich inzwischen tot, genau wie Fetchit. Sie waren damals schon alt, als Banks noch neu im Beruf war.
Nicht dass Soho jemals ohne seine dunklen Seiten gewesen wäre. Banks hatte hier sein erstes Mordopfer gefunden, in einer Gasse nahe der Frith Street: eine siebzehnjährige Prostituierte, erstochen und verstümmelt, die Brüste abgeschnitten und mehrere innere Organe entfernt. »Huldigung an Jack the Ripper« hatten die Zeitungsschlagzeilen verkündet. Banks hatte auf der Stelle gekotzt und immer noch Albträume wegen der langen Minuten, die er allein mit der ausgeweideten Leiche kurz vor Morgengrauen in einer dreckigen Gasse von Soho verbringen musste.
Wie allen Toten in seinem Leben, hatte Banks auch dieser einen Namen gegeben: Dawn Wadley. Da er zu der Zeit noch neu auf dem Revier war, hatte er die Aufgabe übernehmen müssen, es ihren Eltern mitzuteilen. Nie würde er den erstickenden Geruch nach Urin, verdorbenem Fleisch und ungewaschenen Windeln in der engen Wohnung im zehnten Stock einer Mietskaserne im East End vergessen, oder Dawns ausgelaugte Junkie-Mutter, der das Schicksal einer Tochter, die sie vor Jahren aufgegeben hatte, scheinbar völlig egal war. Für sie war der Mord an Dawn bloß ein weiteres Glied in der endlosen Kette grausamer Lebensschläge, als sei es nur passiert, um sie weiter hinunterzuziehen.
Banks bog in die Wardour Street. Soho hatte sich verändert, wie der Rest der Stadt. Die alten Buchhandlungen und Videoläden gab es immer noch, genau wie die Raymond Revue Bar, aber billiger Sex war deutlich im Schwinden begriffen. An seine Stelle waren jüngere Menschen getreten, viele davon schwul, die in ihre Handys brabbelten, während sie in schicken Straßencafés Cappuccino tranken. Junge Männer mit kahlen Köpfen und Ohrringen flirteten an Straßenecken mit glatt rasierten Jungs aus Palmer’s Green oder Sudbury Hill. Überall gab es Schwulenbars, und die Party hörte nie auf.
Banks überprüfte die Adresse von GlamourPuss Ltd., die er gleich beim ersten Suchen gefunden hatte – im Telefonbuch. Manchmal sind die Dinge wirklich einfach.
Von außen sah das Gebäude aus wie viele andere Geschäftshäuser in Soho auch: heruntergekommen, abblätternde Farbe an den Türen, das Linoleum auf den knarrenden Böden aufgeplatzt und abgetreten. Aber drinnen, hinter der zweiten Tür, war alles Hightechglanz und Topfpalmen, und man roch noch die frische Wandfarbe.
»Kann ich Ihnen helfen, Sir?«
Zu Banks’ Überraschung saß eine Empfangsdame hinter dem brusthohen, halbrunden Tresen aus schwarzem Plexiglas. Darauf stand, in geschwungenen, pinkfarbenen, mit Glitzer bestreuten Buchstaben, das Logo der Firma: »GlamourPuss Ltd.: Erotik und mehr!« Banks war irgendwie der Ansicht, dass Frauen – jedenfalls anständige Frauen – nichts mit der Pornoindustrie zu tun haben wollten, ja, sie sogar verbieten würden, wenn sie könnten. Vielleicht war das hier eine unanständige Frau? Oder war sie die respektable Fassade des Pornos? Wenn ja, war sie etwa neunzehn, hatte kurzes, hennagefärbtes Haar, bleiche Haut und einen Ohrstecker im rechten Nasenflügel. Auf einem kleinen Namensschild über ihrem flachen Busen stand: »Tamara. Kunden Schnittstellen Officer«. Banks verschlug es den Atem. Können wir unsere Schnittstellen verbinden, Tamara?
»Ich möchte den Chef sprechen«, sagte er.
»Haben Sie einen Termin, Sir?«
»Nein.«
»Was ist der Zweck Ihres Besuchs?«
Sie klang wie jemand von der Einwanderungsbehörde, dachte Banks gereizt. Früher hätte er wahrscheinlich nur in ihre gepiercte Nase gekniffen und wäre einfach reingegangen. Unter normalen Umständen würde er das sogar heute noch tun, aber er durfte nicht vergessen, dass er als Privatmann hier war, nicht offiziell als Polizist. »Man könnte es ein Geschäftsangebot nennen«, sagte er.
»Verstehe. Bitte nehmen Sie einen Moment Platz, Sir. Ich schau mal, ob Mr. Aitcheson frei ist.« Sie deutete auf die orangefarbenen Plastikstühle hinter ihm. Zeitschriften waren auf dem davorstehenden Couchtisch ausgebreitet. Banks hob zwei hoch. Hauptsächlich Computerkram. Kein Playboy oder Penthouse in Sicht. Er schaute zu Tamara, die leise ins Telefon sprach. Sie lächelte. »Er wird gleich kommen, Sir.« Dachte sie, er wollte sich bewerben? Als was?
Banks fühlte sich allmählich wie in einem Zahnarztwartezimmer, nicht wie in einem Handelszentrum für Pornos, und der Gedanke beruhigte ihn nicht. Die Dinge hatten sich tatsächlich verändert, seit er in Soho Streife gegangen war, so sehr, dass er sich wie ein Tattergreis vorkam, obwohl er erst Mitte vierzig war. Damals wusste man wenigstens, wo man stand: Leute wie GlamourPuss Ltd. betrieben ihre Geschäfte, wie es dem Namen entsprach, von schmuddeligen Büros in schmuddeligen Kellern aus. Sie hatten keine Websites im Internet. Sie hatten keine »Client Interface Officers«. Und sie kamen mit Sicherheit nicht unter ihren Steinen hervor, um Fremde, die vage Geschäftsangebote unterbreiten wollten, mit so offenen Armen zu empfangen, wie dieser junge Mann es jetzt tat: lächelnd, die Hand ausgestreckt, in Anzug und Krawatte.
»Aitcheson«, sagte er. »Terry Aitcheson. Und Sie sind?«
»Banks. Alan Banks.«
»Freut mich, Sie kennen zu lernen, Mr. Banks. Folgen Sie mir. Wir gehen in mein Büro. Da haben wir mehr Ruhe als hier.«
Banks folgte ihm, an Tamara vorbei, die ihm kurz zuwinkte und mit der Nase zuckte, was schmerzhaft aussah. Sie durchquerten einen offenen Raum voll mit modernsten Computern und betraten ein kleines Büro mit Blick auf die Wardour Street. Auch hier war weder auf dem Schreibtisch noch an den Wänden irgendwas zu sehen, das GlamourPuss Ltd. mit Pornografie in Verbindung brachte.
Aitcheson setzte sich, verschränkte die Hände im Nacken und lächelte immer noch. Von nahem sah er älter aus, als Banks zuerst geschätzt hatte, vielleicht Ende dreißig, wurde allmählich kahl und hatte gelbe Schneidezähne, die ziemlich lang und wölfisch wirkten. Ein paar Schuppen verunzierten die Schultern seines Anzugs. Eigentlich ziemlich unfair, dachte Banks, dass man immer noch Schuppen hat, auch wenn man kahl wird. »Also gut, Mr. Banks«, sagte Aitcheson, »was kann ich für Sie tun? Sie erwähnten ein Geschäftsangebot.«
Jetzt fühlte sich Banks etwas mehr zu Hause. Abgesehen von dem öligen Lächeln und dem Anzug, hatte Banks schon öfter mit Schwachköpfen wie Aitcheson zu tun gehabt, auch wenn ihre Büros nicht so hübsch waren und sie sich nicht hinter einer Fassade des Anstands verbargen. Er nahm das beschnittene Foto von Emily Riddle
