Kam ein Kuckuck geflogen - Jan van Rijn - E-Book

Kam ein Kuckuck geflogen E-Book

Jan van Rijn

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Es sollte ein intimes Tagebuch werden. Jan, 82, wollte wissen, ob er seine verbleibende Zeit sinnvoll gestaltete oder nur ver-wartete. er nahm sich vor, ein Jahr lang Vorkommnisse, Handlungen und Überlegungen schriftlich festzuhalten. Seine Sparringspartner waren die Medien und ein paar Bücher. Mit wem sollte er sonst diskutieren? Und dann war es, als ob der Vesuv ausbrach und er nicht wusste, ob ihm das Schicksal des älteren oder jüngeren Plinius bevorstand, Opfer oder Zeuge. Plötzlich war alles anders: Das Banale wurde zum Besonderen, das Persönliche zum Politischen und das Anekdotische konnte historisch werden. Aus dem wohlklingenden Zwanzigzwanzig wurde eine Zeitenwende, und noch war Jan dabei.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 746

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ebenbild

Gott schuf uns nach seinem Bilde.

Und sprach: „Sonst wäret ihr noch Wilde.

Aber: Ihr seid keine Götter!“

Der Teufel, dieser schlaue Spötter,

flüstert: „Ihr könnt wie Gott mächtig sein.

Der Alte ist nicht gern allein.“

Um die Sache auszuloten,

gehorchten wir nicht den Verboten.

Das Ende ist hinreichend bekannt:

Wir fuhr’n den Karren an die Wand.

Heut‘ bräuchten wir in unsrer Not

Gott. Doch der schweigt. Ist er tot?

Alter weißer Mann

Ich bin, wofür ich nichts kann,

ein alter weißer Mann.

Ich trage diese Schuld

mit Würde und Geduld.

Ich bin der Sündenbock der Welt,

der alles Böse angestellt.

Ich gehöre als Rassist

auf den bekannten Haufen Mist.

Nur wer weiblich, jung und bunt

macht die wunde Seel‘ gesund.-

Das Jahr 2020

Mittwoch, 1. Januar

Vier Stunden mit Bier am Tresen beim Nachbarn, dann Feuerwerk auf der Straße. Mit 80plus zu anstrengend. Knie und Fingergelenke schmerzen mehr als sonst. Als ich mit dem Hund rausging, war die Straße grob gereinigt. Das Huhn war auch nach der vierten Rückführung wieder außerhalb des Geheges. Hab‘ es wieder durchs Tor zurückgeführt. Sein Freiheitsdrang ist unwiderstehlich.

Nebel. Keine Sonne. Kein Wind. Keine regenerative Energie auf dem Dach und durch die Windräder.

Trump schickt weitere Soldaten in den Irak. Der protestiert: Souverän! Wollte Trump nicht seine Truppen zurückziehen? Hält auch Ölfelder in Syrien besetzt. Lump!

Affenhaus in Krefeld samt Schimpansen abgebrannt. Chinesische Lichterfackeln, trotz Verbot entzündet.

Sabine zeigt auf Skype Bilder aus Connemara. Sie scheint glücklich zu sein. Andrea und Sara melden sich nicht persönlich. Elfi findet das nicht gut.

Viele Konzerte am TV: Wien, Leipzig, Dresden, Venedig. Beethovenjahr. Freude schöner Götterfunken… Ich kann fünfte Zeile nicht gut behalten: „Deine Zauber einen wieder, was die Mode streng geteilt…“

Die Wiederholung der Gedichte gelingt fast. Die Gedächtnislücken ärgern mich.

Donnerstag, 2. Januar

Eine Mutter, 60, und ihre beiden erwachsenen Töchter haben der Polizei gemeldet, in Krefeld Himmelslaternen statt Böller zur Feier des Jahreswechsels in die Luft entlassen und dabei wohl das Affenhaus in Brand gesteckt zu haben. Sie müssen mit einer Anklage wegen gefährlicher Brandstiftung rechnen. Vor dem Zoo ein Blumenmeer und Kerzen. Im Fernsehen kommt eine Frau zu Wort, die zu den Affen persönliche Beziehungen aufgebaut hatte.

Yuval Noah Harari weist in „Homo Deus“ nach, dass auch Tiere Gefühle haben und den Menschen ähnlicher sind, als es diese wahrhaben wollen. Auch junge Ferkel brauchen körperlichen Kontakt.

Herr Niemann und Freund haben die Hecke geschnitten. Er wie immer auf Stelzen. Sieht aus wie ein Straußenvogel, nur viel schlanker. Er arbeitet mit Behinderten und beklagt, dass der Personalschlüssel von eins zu zwölf nur im Durchschnitt gilt; neben einer „schwierigen“ Gruppe von vier Jugendlichen gibt andere mit mehr als zwanzig Teilnehmern. Eigentlich ein nicht haltbarer Zustand. Sein Freund ist Altenpfleger. Beklagt Bürokratie und dauernde Neuerungen, und die „Verdachts- und Misstrauens-Gesellschaft, die verhindert, dass man einen Menschen auch mal trösten und in den Arm nehmen muss“.

Andrea hilft bei der Beseitigung des Schnittgutes. Fabian erscheint zehn Minuten vor Abschluss der Arbeiten. Sara duscht in der Zeit. Claudia besorgt Transporter für Abfuhr der „Müllsäcke“.

Am Fernseher Charlotte Links Roman „Tal des Fuchses“, zwei Morde schlecht miteinander verwoben. Misslungene Verfilmung in wilder Landschaft.

Freitag, 3. Januar

Trumps Drohne tötet einen hohen Offizier der Iraner am Flugplatz in Bagdad. „Notwehr, Präventivschlag!“, sagen die Trumpianer; „eigenmächtig und ungesetzlich“ die Kongressdemokraten; „Völkerrechtsverletzung“ die irakische Regierung; „ein Verbrechen“ die Iraner. Sie kündigen Vergeltung an. Die einen nennen es töten, die andren ermorden. Die Welt ist besorgt. Die Bundesregierung kann sich nicht entscheiden.

Das Blumen- und Kerzenmeer vor dem Krefelder Zoo wird immer größer. Treue Zoobewohner weinen, Kinder sind verwirrt, „objektive“ Beobachter verweisen auf tausendfaches Tiertöten in Deutschland und der Welt, ohne dass die meisten daran Anstoß nehmen.

Wiederhole russische Gedichte; enttäuschend, wie viel man vergisst. Mein Gedächtnis ist wie ein trockener Schwamm.

Die ZEIT ist da. Miriam Lau ärgert sich, dass die „demokratischen“ Parteien von den Linken bis zu den Freien Demokraten nicht wissen, wie sie mit den ungehobelten Vertretern der AfD umgehen sollen, die doch nichts anderes wollen, als mit den Waffen der Demokraten die Demokratie zerstören. Lau zitiert zum Beweis Goebbels aus dem Jahr 1928. Sie macht sich gemein, gemein mit denen, die die AfD in den Sack der Nazis stecken wollen, solange sie ihre These nicht belegt.

Samstag, 4.Januar

Trauerfeier für Peter S. in Lüneburg. Wir bleiben zu Hause, sind auch nicht ausdrücklich eingeladen.

In den Medien geht es um die Ermordung des iranischen Generals durch amerikanische Drohnen am Iraker Flugplatz, bei dem auch irakische hohe Offiziere ums Leben kamen. Trump rechtfertigt sich mit unmittelbar bevorstehenden Angriffen durch iranisch-irakische Milizen, was die Demokraten gerne bewiesen sähen. Der iranische General, so Trumps Außenminister Pompei, sei für den Tod von Hundertausenden unschuldiger Menschen, darunter viele Kämpfer der amerikanischen Truppen, verantwortlich. Die Racheschwüre der Iraner beschäftigen CNN; man rätselt, wo und wann die Iraner den Gegenschlag ausführen. Ob die Welt und USA jetzt sicherer seien als früher wird kontrovers diskutiert.

Es sind in diesem Jahr mehr Reisen gebucht worden und mehr Feuerwerkskörper gekauft als je zuvor. Experten befürchten nach den Auftritten von Greta Thunberg, einer „Heiligen“, und der vielen Jugendlichen mit ihren absoluten Forderungen (eine „Religion“) eine „verständliche“ Reaktion.

Gegen elf Uhr mit dem Hund unterwegs in Richtung Flussniederung. Es regnet weniger. Schon von weitem beobachte ich eine Frau mittleren Alters, die mit einem Fünflitereimer in der Hand dauernd die Straßenseite wechselt und etwas aufhebt, was am Straßenrand liegt. Sie zeigt mir ihren Eimer: schon halb voll mit Resten von Böllern, Papierfetzen, Einpacktüten. „Das mache ich schon seit einigen Jahren. Die Leute lassen immer mehr einfach liegen, auf der ganzen Länge der Straße. Aber die Bauern werden dauernd kritisiert, weil sie die Umwelt zumüllen.“ Sie ist wahrscheinlich Bäuerin auf dem Hof hinter ihr.

Wiederhole russische Gedichte, die ich schon einmal besser auswendig aufsagen konnte. Vor allem einige Endungen sind mit der Zeit ungenau geworden.

Sonntag, 5. Januar

Brief an DIE ZEIT: Ist das Virus Corona die Krone der Schöpfung, weil es zur Dekarbonisierung und Entglobalisierung beiträgt?

Du bist schön

Du bist schön, Corona.

Bist du auch die Fortuna?

Du kommst als ungebet’ner Gast,

der wie eine Drohne fast

den Wirt, der um sein Leben ringt,

darum bringt.

Ist Adam, Eva oder Mona

oder bist du der Schöpfung Corona?

Das Virus, scheint mir, entscheidet.

Der Mensch ist Opfer und leidet.

11.00 Uhr auf Phönix: Blome und Augstein, ein Rückblick: gewohnt chaotisch und inhaltsarm.

Anschließend: Alfred Schier interviewt Joschka Fischer: Schule nicht zu Ende gebracht – Fehler der Lehrer, die seine Begabungen nicht erkannt haben, Abbruch der Lehre – Lehrherr wollte sein Privatleben ordnen. „So etwas geht mit mir gar nicht.“ Straßenkämpfer, Steinewerfer, Polizistenangreifer - typisch Siebzigerjahre, aus heutiger Sicht falsch, aber verständlich. Als Sponti zu den Grünen: harte Auseinandersetzungen, Sieg der Realos? Vom Fettsack zum Asketen bei gleichzeitiger Selbstbespiegelung (Buch) und, später wieder zum Fettleibigen. Turnschuhabgeordneter, Außenminister (Befürworter des ersten Einsatzes deutscher Truppen im Balkankrieg „zur Vermeidung eines zweiten Holocausts“, wie er damals sagte), Ausscheiden aus dem politischen Leben (hatte ich meiner Frau versprochen). Fünf Ehen – er sei ein romantischer Mensch – heute Unternehmensberater. Er habe schon als Außenminister Wirtschaftsförderung betrieben. Man reibt sich die Augen! Traut seinen Ohren nicht. Ein Selbstvermarkter ohne Charakter.

Presseclub anschießend: Man widerspricht der Auffassung einer Journalistin nicht, die keinerlei messbare Folgen für die Wirtschaft trotz der Spannungen im Nahen Osten erwartet und geht zum Thema über: Fachkräftemangel – ein Sammelsurium von Erscheinungen und Bewertungen, in keiner Weise hilfreich.

CNN interessant: Man hat Zweifel, ob Trump die unmittelbare Bedrohung der USA durch den Iran nachweisen kann. Die Europäer, z.B. Außenminister Maas, hilflos, bedeutungslos, geschwätzig.

Montag, 6.Januar

Fabian, 17, möchte Polizist werden, Hubschrauberpilot. Nimmt an einem ersten Test teil. Besteht. Andrea sagt, sie war im Dom zum Beten. Hat sich einen Urlaubstag genommen, um Fabian zu fahren. Er hat die Führerscheinprüfung noch vor sich.

In den Nachrichten klagt der Vorsitzende des Beamtenbundes über zu wenig Personal in Deutschland, auch bei der Polizei. Und dass zu wenig verdient wird. Deutschland stellt angesichts der Gefahren von links, von rechts und wegen des Terrors zigtausende neue Polizisten ein.

Russisch: Entwerfe eine E-Mail für Tamara, meine ehemalige Sprachlehrerin, die zum Jahreswechsel blumige Wünsche geschickt hatte. Habe mit Rechtschreibung und vor allem mit den Endungen der Wörter (Fälle!) große Schwierigkeiten. Muss fast alles in der Grammatik nachschlagen.

Beginne wieder mit „Sport“: Fahrradtour eine Viertelstunde, Geräte bei Mark, Physiotherapeut, zwanzig Minuten. Mein Körper ist nicht wirklich einverstanden.

Dienstag, 7. Januar

Das Huhn spaziert wieder außerhalb des Geheges und lässt sich auch nicht einfangen oder zurücktreiben.

In den USA wird kontroverser über die Rechtmäßigkeit des Drohnenmordes diskutiert als in Deutschland und Europa. Man schwenkt allmählich auf das Narrativ von Pompeo ein, wonach Iran der Schuldige ist.

Harari führt aus, dass die Menschheit ein Narrativ braucht, um dem Dasein Sinn zu verschaffen. Nach Animalismus und Religionen ist es der Humanismus, allerdings nicht ohne Fehlentwicklungen: sozialistischer Humanismus, ohne Wertschätzung des Individuums; Nazismus als Überhöhung des Nationalismus.

Zum guten Humanismus gehören Erfahrungen, Gefühle/Gedanken und „sensitivity“, was wohl nichts anderes als Gewissen ist, dass sich in Ruhe über die Zeit herausbildet. Frage: Bei wem? Menschen, die in der Mühle des täglichen Überlebenskampfes sind, haben diese Muße nicht und bleiben fremden Narrativen ausgeliefert.

Sodbrennen nach Kaffee mit Kuchen! Frühstück mit Speck und Schinken, Tomaten, Ingwer bekömmlicher!

Mittwoch, 8. Januar

Überarbeitung des Gedichtes „Amerika, du bist nicht besser.“- Am Abend beim Skat mit Erich und Hannes: Erich bleibt Freund der USA aus Dankbarkeit, wie er sagt, und aus Not: Was sollen wir mit Russlands Putin oder den Chinesen, die Völker unterdrücken? Auf den Hinweis, dass die Israelis 1100 neue Häuser auf dem besetzten Gebiet bauen wollen, geht er nur zögerlich ein: Die Palästinenser hätten keine glaubwürdigen Persönlichkeiten in ihren Reihen. Erich liest die WELT, die bekanntlich Israel nie kritisiert. Im Übrigen zeige sich, dass Trump vieles richtig mache und wirtschaftlichen Erfolg aufweisen könne. Die neuerliche Staatsverschuldung sei kein Problem: Die Amerikaner können Geld drucken so viel sie wollen, weil Dollar Leitwährung.– Hannes ist in seiner Beurteilung der amerikanischen und israelischen Politik klarer und moralischer.

Es regnet den ganzen Tag und in Australien sind mittlerweile Millionen Hektar verbrannt. „Die Grünen“ und viele andere fühlen sich bestätigt: Der Klimawandel muss bekämpft werden, aber – und das ist neu für sie – die Wirtschaftlichkeit muss mit bedacht werden. Kluge Politik! Wenn doch nur die Menschen zur Umkehr bereit wären!

Das Huhn ist wieder draußen und lässt sich nicht zurücktreiben.

Elfi leidet immer häufiger unter schweren Krämpfen in den Beinen und kann sich nur durch vorsichtiges Gehen allmählich davon befreien. Fühle mich hilflos. Ihr Besuch beim Frauenarzt war offenbar beruhigend. Ihre Laune ist gut und ausgeglichen. Die Arbeit fällt ihr zunehmend schwerer. Ich höre ihr Stöhnen bis hier in der dritten Etage. Ob ein weiterer Sommer in Schweden sinnvoll ist, scheint mir keineswegs sicher.

Harari geht nochmals tiefer auf den „evolutionären Humanismus“ ein: Er führt zu (eingebildeter) Überlegenheit der Stärkeren und Verachtung der Schwachen (Nazis, Nationalisten z. B.). Ob er auch an die Rechten in den USA denkt wird nicht klar.

Donnerstag, 9. Januar

Heute Morgen im Briefkasten die Wochenpost, das Anzeigenblatt, die Münsterland Zeitung, die regionale Variante des Nachrichtenverbundes, und DIE ZEIT, die Wochenzeitung. Nachdem der Speck gebraten, das Ei mit Tomaten und Ingwerscheibchen hinzugefügt sind und der Kaffee sein wohltuendes Gurgeln begonnen hat, decke ich den Tisch für Elfi und mich, sortiere die Werbeblätter aus, lege die Wochenpost ungelesen zur Seite und beginne mit der Lektüre der Regionalzeitung: Erste Seite wie seit einiger Zeit weiche Themen. Heute: Situation der Alleinerziehenden, Gefahr zu verarmen und Hilfsmaßnahmen. Letztere habe ich schon nach dem Lesen wieder vergessen. Das wirkliche Problem, die Unvereinbarkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit, wird nicht prinzipiell angesprochen.

Die Leitartikel werden von bei anderen Zeitungen angestellten Redakteuren geschrieben und beziehen sich meist auf überregionale politische und soziale Themen. Nicht selten hört man sie in Auszügen in der Presseschau des Deutschlandfunkes unter der Firmung „die Frankfurter Rundschau“, die „BZ“ u.a.m. Das „Redaktionsnetzwerk“ oder „Funke Medien Gruppe“ beherrschen die Regionalzeitungen. Gleichschaltung aus ökonomischen Gründen? – Die folgenden Seiten beziehen sich auf Ereignisse in der Region, Münster, Münsterland, Grenzland und die Politik in Düsseldorf, und vermischte Nachrichten.

Dann folgen mindestens vier Seiten Sport, davon je eine für Schalke und Dortmund. Mich interessieren Bayern München, vor allem wenn sie nicht gewonnen haben, und Gladbach, wenn sie gewinnen.- Die Ortsteile überfliege ich, halte bei den (wenigen) Nachrichten aus Ochsenfurt inne, wenn, wie heute, Veränderungen in Wirtschaftsbetrieben gemeldet werden: Das moderne Hotel mit Restaurant am Markt wechselt mindestens zum dritten Mal die Pächter. Angeblich mischt sich der Besitzer zu sehr ins Tagesgeschäft ein, erzählte man sich an der Theke. – Dann ein Blick auf die Todesanzeigen: Wo gestorben, wie alt? Wenn in den Dreißigerjahren geboren, ist die Nähe des Ereignisses nicht zu übersehen. Man ist ja selbst schließlich 81.

Dann DIE ZEIT: Erste Seite zwei politische Kurzartikel, heute einer: „Auge um Auge“ von Josef Joffe persönlich. Tenor: Die am Nahostkonflikt Hauptbeteiligten sind „verrückt, aber nicht blöd“. Eine Provokation, vor allem weil Joffe Besseres in dieser Zeit nicht für möglich hält. Ich schreibe ihm einen Leserbrief: Joffe ist ein alter Freund Amerikas und Israels wie viele Deutsche, wahrscheinlich zum Nutzen des Landes. Aber: Müssen wir nicht höhere Ansprüche an Präsidenten und Religionsführer haben? Vgl. Caligula, Stalin, Hitler, Amin – geisteskrank, aber nicht blöd?

Amerika

Amerika, du bist nicht besser,

bist seit Jahrzehnten im Krieg,

bekämpfst die Iraner bis aufs Messer

und bleibst doch ohne Sieg.

Was ist mit Europas Nationen?

Sie schaun erst gar nicht richtig hin.

Sie haben Angst vor Trumps Sanktionen

und reagieren ohne Sinn.

Wie kommt es, dass sie sich nicht richten

nach Regeln, die man selbst geschaffen?

Weil die Großmächtigen mitnichten

human sind, sondern Tempelaffen.

Am Abend „Maybrit Illner“: Gabriel mit dem besten Überblick und dem überzeugendsten

Urteil: USA seit Mossadegh Feind der Iraner. Von Israel als Verursacher der Feindschaften kein Wort, wohl aber als mögliches Opfer eines iranischen Angriffs.

Leo wird immer wählerischer: Eine Zeitlang meldete er sich mit einem kurzen Bellen („Ich bin da“) an, bekam sein Leberwurstbrot und ging wieder. Dann mussten es bewährte Leckereien sein. Heute verschmäht er auch diese. Etwas Milch in seinen Napf freut ihn. Milch für Hunde war lange untersagt. Jetzt, wo er alt ist, gönne ich ihm auch Ungesundes. Einer notorischen Raucherin haben wir in den letzten Jahren ihres Erdendaseins auch nicht mehr zu denken gegeben, wie schädlich das Rauchen ist. Sub specie aeternitatis, von der Ewigkeit her betrachtet, ändert sich manches.

Freitag, 10. Januar

Es regnet fast den ganzen Tag. In Australien sind mittlerweile eine Million Hektar verbrannt und es brennt weiter. „Die Grünen“ werden 40 Jahre alt; der Bundespräsident gratuliert, die ehemalige Vorsitzende nennt sie eine „stink normale Partei“.

Das ukrainische Flugzeug mit rund 170 Passagieren aus Iran, Kanada und Ukraine wurde nach Aussagen der Fachleute versehentlich von Iranern abgeschossen. Kriege ohne den Tod Unschuldiger scheint es nicht zu geben.

Heute ist RTL-Fernsehen angesagt: „Wer wird Millionär“ mit Jauch: unterhaltsam und mit klugen und geschickten Kandidaten; „Jungle Camp“, wieder, mit ehemaligem Minister, ehemaligem Boxer, leichtbekleideten Sternchen und Sängern, die sich noch vorstellen müssen. Urwaldleben umstellt von Kameras, überflüssiges Heldentum, wahrscheinlich fürstlich entlohnt. Nach der Hälfte der Sendezeit reicht’s.

Das Huhn duckt sich, außerhalb des Geheges, betrübt oder trotzig. Wer kann das wissen?

Fahrradtour zum Aufwärmen ja, Übungen an den Geräten beim Physiologen nicht, weil um 14.00 Uhr noch oder schon geschlossen.

Samstag, 11.Januar

Das Huhn pickt friedlich sein Gras außerhalb des Zauns. Besuche Irmgard, die Witwe meines Freundes Peter. Es ist 11.00 Uhr und sie ist nicht mehr im Bademantel. „Ich schaue nachts bis 1.00 Uhr fern, die besten Sendungen sind nach 10.00 Uhr abends. Ich bin kein Morgenmensch.“ Ich wünsche Glück zum neuen Jahr und zum Geburtstag, den sie am 8. gefeiert hat. 81! Also nur wenige Wochen jünger als ich. Sie hat sich vor allem über Grüße aus ihrer alten Heimat in Hessen gefreut. Fühlt sich mit alten Nachbarn und Freunden noch sehr verbunden. Sie wird sich in Düsseldorf endlich an der Speiseröhre operieren lassen. „Die Medizin hat große Fortschritte gemacht.“ Erzählt von interessantem Berlinaufenthalt in Begleitung eines alten Freundes, dessen Frau – „sie hatte immer das Sagen, ist im August gestorben, ihr Mann ist, glaube ich, ein wenig depressiv“ – verstorben ist: Theater, Oper, Gedächtniskirche mit Kapelle und Rosengarten, was man dank der Führung durch Studentin sonst nicht gesehen hätte. Übernachtung in einem an der Durchgangsstraße gelegenen Hotel mit wenig Schlaf. „Getrennte Zimmer, man soll ja nicht übertreiben.“ Es war ihre Initiative. Er, ursprünglich aus HH, will sich mit einem eigenen Programm revanchieren. „Mal sehen, was daraus wird.“

Einsamkeit? – Sie hat auf die Frage nach einem Weihnachtswunsch geantwortet: ein wenig Zeit für mich. War mit Tochter und Enkelin – Schwiegersohn hält wenig von Urlaub in Arnsberg in einem Dorint Hotel, was der Neunjährigen gut gefallen hat, der Tochter aber als ein wenig „über unsere Verhältnisse“ vorkam. – Wie geht es U. in ihrem Job als Promoter von Elektroautos? – Schleppend, viel Arbeit, aufreibend. „Die Technik ist wohl noch nicht ausgereift und technische Hilfe, Software, von außen sei nötig, aber kaum zu bekommen. „Wenn ich durch ihr Haus gehe, erkenne ich, wie es der jungen Familie und der Enkelin geht. Aber sie liebt mich und schläft bei mir am Wochenende.“ – Wie hast du alles überstanden? - - Zweimal Notarzt wegen Herzrasen und Puls von 140. Tabletten und mein Gebet. „Du weißt, ich bin ein gläubiger Mensch. Bleibe im Gespräch mit Peter. Habe einen kleinen Altar in seinem Zimmer, mit ein wenig von seiner Asche. Sie soll mit meiner vermischt werden. Dann sind wir im Tod wieder zusammen.“ Es klingelt an der Haustür. Die Sternsinger sagen ein wenig disparat ihre guten Wünsche auf. Irmgard scheint sie zu kennen.

Nach einer längeren Fahrradtour und starkem Westwind kehre ich gegen 16.00 Uhr bei Marianne ein, Witwe meines langjährigen Freundes und Begleiter auf dem Fahrrad und zu den Kneipen. Marianne kocht wie immer samstags für die ganze Familie, immer Suppe, immer mindestens zwei Fleischgerichte, heute Nieren für alle und Steak für den kranken Enkel. Gesprächsthemen: Sohn Ulrich, der wieder in Mexiko ist, und mit dem sie jede Stunde genossen hat, obwohl er wegen des Jetlags (zu) viel geschlafen hat; die drei Monate alte Enkelin, “die noch so klein ist“ (Sie zeigt die Größe mit ihren Händen an). Später erscheint für eine Viertelstunde Sohn André mit der Kleinen und ihrer dreijährigen Schwester, die sich bei der Oma gut auskennt: Schokolade im Kühlschrank, gemeinsamer Verzehr vorm Fernseher – heute wegen Besuch nicht möglich. Marianne erwähnt die superreichen und in der Zeitung hochgeehrten Unternehmer-Kinder, die ihre alte Mutter vor Weihnachten ins Altenheim gebracht haben, wo sie „den ganzen Tag am Fenster steht, und auf ihren Sohn wartet“. Wie üblich trinken wir zwei Gläser Prosecco, für den ihre Tochter verlässlich sorgt; sprechen über Nachbarn, die sie mit Kuchen versorgt; den Bruder aus Gronau, der sie nach 25 Jahren besucht und „sieben Stunden“ blieb.

Sonntag, 12. Januar 20

Das Huhn lebt noch. Auf dem angrenzenden Rückhaltebecken schwimmen nicht nur die beiden zahmen Gänse, angeblich Gans und Ganter (im letzten Jahr gab es keine Eier), die beiden Teichhühnchen (das Küken hat im vergangenen Jahr die Umzäunung verlassen und ist überfahren worden) und drei Stockenten – zwei Erpel; sie werden sich noch verständigen müssen. Die Haselnusssträucher mit ihren hellgrünen Kätzchen entlassen bereits ihre Pollen und reizen die Allergiker. Frühling mitten im Januar?

Am Mittagstisch weiß Fabian zu berichten, dass am Ende des Monats auch im Münsterland Schnee erwartet wird. Heute Mittagessen mit sieben Personen, Sara arbeitet in der Stadthalle Ahaus bei einem Empfang als Kellnerin. Elfi hat den Vortag damit verbracht, eine schmackhafte Hühnersuppe vorzubereiten. Wieder mal sehr gelungen. Volker ist erkältet. Vielleicht hilft sie ihm. Gesprächsthemen: Fabians bürokratische Vorbereitung auf den Polizeidienst, Saras Entscheidung, nie zu heiraten, wegen drohender Abhängigkeit, Neles Wunsch, die Schule zu wechseln, sie möchte ein Berufskolleg besuchen, weil sie für ihr Psychologiestudium nicht so viele Fächer brauche, die Einstellung der Flüge von Ryanair nach Stockholm-Skavsta. Später teilt Claudia mit, mit Lauda Air könne man weiterhin von Düsseldorf-Flughafen fliegen. Nach Weeze ist es auch nicht kürzer!

Der Internationale Frühschoppen ist nicht sehr ergiebig, zu viele Nebenthemen, die alle oder gar nichts mit dem USA-Irankonflikt zu tun haben. Offenbar werden die Gäste danach ausgesucht, wie kontrovers sie denken, nicht, was sie an Neuem und Faktischem beizutragen haben. Mittlerweile sieht es so aus, dass der Iran an allem Schuld hat.

Montag, 13. Januar

Verblüffend, wie manche Politiker lavieren, wenn es um die Moral geht. „Hart aber fair“: USA und Iran, Europas und Deutschlands Rolle. Die Diskutanten: ein emeritierter Politikprofessor: US-Politik unmoralisch und unklug; eine (Exil-)Iranerin (wie so oft in diesen Tagen kein Iraner als Vertreter der jetzt Herrschenden): Man muss mehr für die Kritiker des Mullah-Regimes tun. War nicht so schlecht, was die USA gemacht hat. Die US-Amerikanerin, Journalistin, wahrscheinlich Demokratin: Tötung unmoralisch und kontraproduktiv; Jürgen Trittin, Grüne, klare Position: USA seit dem Umsturz Mossadeghs ein Feind Irans! Amerika ist verantwortlich! Röttgen, CDU, ein Wortdrechsler und, wie seine Vergangenheit zeigt (Geschäftsführer eines Industrieverbandes wollte er werden, ohne sein Mandat abzugeben; die Wahl in NRW verloren, aber sein Ministeramt wollte er weiter behalten) ein Ehrgeizling und Lavierer, meint, die gezielte Tötung könne man auch positiv sehen.

Die Würde des Menschen

Als keiner von ihnen daran gedacht,

wurden die Menschen umgebracht.

Ein scharfes Schwert wurd' ferngelenkt

und gezielt auf sie versenkt.

Sie standen niemals vor Gericht

und wurden dennoch hingericht'.

Anklagen wurden nicht verlesen,

als wäre nie etwas gewesen.

Kein Zeuge wurde vereidigt,

kein Anwalt hat sie verteidigt.

Und sie hatten am Todesort

nicht einmal ein letztes Wort.

Das Schlimmste aber an dem Stücke

war die hässliche Heimtücke.

Selbst Eichmann bekam noch nach Jahren

ein menschenwürdiges Verfahren!

Wie im Bauche der Appendix

bedeutet Trump der Tod gar nix.

Für Humanisten ist es unfassbar,

dass Menschenwürde so antastbar.

Wie kann es sein,

dass ein Mann allein

in seinem weißen Schloss

einen solchen Mord genoss?

Wie kann ein Staatenlenker

zugleich Richter sein und Henker?

Wieso ist das Recht auf Leben

nur Amerikanern gegeben?

Und auf fairen Prozess

wie bei Ribbentrop und Heß?

Wo bleiben die Klagen der Gottesdiener,

der Bischöfe und der Rabbiner?

Wo die Kritik der Journalisten,

die so gern den Stall ausmisten?

Wo die Meinung der Kommentatoren,

die schon bei Kleinigkeiten nachbohren?

Gereicht hätte ein Wort:

Mord bleibt Mord!

Wie sagte einst der blinde Dichter?

Der Eine sei nicht des Anderen Richter!

Spaziergang mit Leo: Das Huhn lässt sich nicht zurücktreiben ins Gehege; im Neubaugebiet wird gemauert, ein Dach gedeckt, Fenster gereinigt – heute ist ein normaler Werktag, als Pensionär, der sonntags nicht zur Messe geht, merkt man normalerweise nicht, ob man Sonn- oder Werktag hat.

Die fortgesetzte Harari-Lektüre von „Homo Deus“: Der Mensch braucht auf seine Frage nach dem Sinn eine Erzählung, ein Narrativ, das mit der Wirklichkeit kaum übereinstimmt: Wer das feststellt, kann so tun, als ob nichts geschehen sei, wird sich anpassen und eine andere Geschichte erfinden, oder, wie meistens, mit dem alten Narrativ weiterleben und zusätzliche scheinbar passende Elemente anfügen.

Dienstag, 14.Januar

„Putztag“ – Beate, 50, reinigt, fegt, aber wischt keinen Staub. Freundlich, vertrauenswürdig, zuverlässig, ein Schatz! Elfi sucht das Gespräch, bleibt in ihrer Nähe. Gegen zehn Uhr Teestunde mit Fragen und Antworten zum Ort und zur Familie: Beate, verheiratet, zwei Kinder, Zwillinge, 25. Familie und Nachbarschaft werden sehr gepflegt.- Beate bestätigt, Parkplätze in unserem Wohngebiet sind eingezeichnet. Andere gibt es nicht! Dame vom Ordnungsamt, auf dem Fahrrad, kontrolliert regelmäßig, auch ob Hunde angeleint sind oder eine Plakette tragen. Kontrollstaat auch auf dem Lande!

Das Huhn ist nicht zu sehen.

Unser Nachbar André kommt vorbei und erinnert an gemeinsames Essen der Männer in E. (pauschalierter Preis für Backofenmenü) am 25. Februar. „Ausgezeichnet!“, so André. Im Internet: „Essen, Fleisch zu trocken, zu teuer!“

Elfi und ich werden wohl doch nicht vorher nach E. fahren. Der für den kommenden Tag angekündigte Pflaumenpfannkuchen gefällt mir allemal besser. Kein neues Gedicht, aber einige Bezeichnungen für MdB Röttgen, der in den E-Mails an die WELT als der einzige nachdenkliche Teilnehmer der „Hart aber fair“-Runde bezeichnet wird, da er sich nicht am „Amerika-bashing“ beteiligt habe. Auffallend: die meisten E-Mails an die WELT sind amerikafreundlich und sehen im Iran als Israelfeind den Ursprung allen Übels. Mir fällt wieder auf, wie sehr sich Skatbruder Erichs Weltsicht und die seiner Hauptlektüre ähneln. Wir leben wahrscheinlich alle in einer Blase: ARD-, ZDF-, ZEIT-, WELT-, FAZ- oder SZ-Zeitblase.

Mittwoch, 15. Januar

Kein guter Anfang. Die Spülmaschine funktioniert nicht, der Handwerker kommt erst am Freitag. Alles muss wie in alten Zeiten wieder von Hand gespült werden. Ich habe mein Omelett mit Tomaten und Ingwer nicht in der Pfanne von gestern gebacken und eine saubere aus dem Schrank genommen. Elfi, die immer etwas länger schläft, schimpft, als sie runterkommt, obwohl ich meinen Teil des schmutzigen Geschirrs wegspüle. Sie seufzt und stöhnt bei den Arbeiten in Küche und Keller (Wäsche). Macht da Urlaub im Sommerhaus noch Sinn, wo zusätzliche Hausarbeit anfällt, ganz ohne „Putzfrau“?

Fahre am Nachmittag 90 Minuten mit dem Fahrrad in südliche Richtung. Es ist sehr windig und es regnet zwischendurch. Lese unterwegs an zwei Stellen plattdeutsche Sprüche zum Leben an sich: „Si man vergnöögt dat ganse Jaohr/Laot di nich unnerkriegen!... wenn’t di juckt, dann klai di!“ Sei vergnügt…und wenn es dich juckt, dann kratz dich.“

Donnerstag, 16. Januar

Theos Anruf: wundert sich, dass Albert sein Einverständnis über seine Notarin erklärt, die Schenkung anzunehmen. Theo hatte gehofft, nun mit seinem Bruder bei einer Tasse Kaffee die Sache zu bereinigen. Die Sache, dass ist seine Entscheidung, nach Mutters Tod (2009) seine Rechte einzuklagen. Dazu gehörte nicht nur ein Betrag von über 30.000 Euro, den Albert zahlen musste, sondern auch ein Grundstück ohne eigene Zufahrt, das Theo beim Verkauf seines Hauses gegen den erklärten Willen unserer Mutter behalten hatte. Nun soll er es seinem Bruder „zurückgeben“. Bedauerlich, dass Albert (68) kein Entgegenkommen zeigt.

Das Huhn, außerhalb des Zaunes „spricht“ mit Seinesgleichen, vier an der Zahl, die im Gehege verbleiben. Kennt der Außenseiter den Weg zurück nicht?

„Maybrit Illner“, Thema Iran/USA, wie schon bei „Hart aber fair“ kein Vertreter des iranischen Volkes. Der mainstream pendelt sich allmählich auf die Position von Trump ein. Grotesk: Israel sei von Feinden umstellt. Dass die USA den Iran umstellen mit Tausenden von Militärs bleibt unerwähnt. Gut, dass es Dr. Lüders gibt, der bei YouTube zu sehen und zu hören ist und die ganze Wahrheit beleuchtet.

Freitag, 17. Januar

Das Huhn hat sich noch weiter von seinem Gehege entfernt und läuft auf der nördlichen Seite des Rückhaltebeckens, natürlich außerhalb des eisernen Schutzzaunes, auf der Höhe mit den beiden Gänsen, die erst anfangen zu schnattern, als mein Hund sich nähert. Treibe das Huhn zurück, bis ich es in einer Sackgasse greifen und in sein Gehege zurückwerfen kann. Scheint ihm nicht zu gefallen.

Gestern hatte Hans van A. Geburtstag, nicht heute. Heute wäre Annelieses Geburtstag gewesen. – Er sitzt in seiner „Senioren-WG“ wieder am Kopfende des langen Tisches im „Wohnzimmer“ zusammen mit vier Frauen, von denen nur eine, wie er sagt, bei Verstand ist. „Nächste Woche kommt ein weiterer Mann.“ Sie sind zu sechs, eine Zwanzigjährige hat die Aufsicht. Er bedankt sich für Blume, Pralinen und Zigaretten, ohne wirklich hinzuschauen. „Gestern waren Willi und Marlies da. Willi mit Stock.“ Auf meine Frage: „Willi ging‘s ganz gut. Das dauert.“ Er spielt auf dessen Schlaganfall an. Willi war immer kerngesund.

Sein Bruder Paul ruft an. Belangloses Gespräch, dann: „Nächsten Monat werd‘ ich operiert. Grauer Star! Ich seh‘ nichts mehr richtig scharf.“ Sein Bruder gibt ihm Anweisungen, dass er nüchtern sein muss vor der OP etc. Hans sagt später, sein anderer Bruder sei vor einigen Wochen beerdigt worden. Eine Vergiftung im ganzen Körper. Auch in der Klinik wusste man nicht, was ihm fehlte. Hatte gerade eine neue Freundin und wollte sich noch ein paar Jährchen gönnen.

„So ist das. Hat bei seinem letzten Besuch hier geweint.“ Hans hat Mühe zu schlucken. Kein Problem, muss was trinken. Greift nach der Wasserflasche. Er sitzt auf dem Bettrand, ich auf dem Sessel schräg gegenüber, der andere Sessel ist mit Kleidung belegt. Den großen Fernseher habe ich während des Telefonats ausgeschaltet. Er schaut viel fern. Heute Abend beginnt die Rückrunde mit Schalke gegen Mönchengladbach. Er ist Schalke-Fan, ich halte mit Mönchengladbach. Er lacht vorsichtig; er schweigt viel, erkundigt sich aber nach Elfi. Als die junge Helferin ins Zimmer kommt, zeigt er auf Fotos an der Wand und stellt mich als alten Nachbarn vor. Ich bin mehrmals zu sehn. Immer mit oder beim Bier. „Das war eine schöne Zeit.“ Vorm Fenster steht ein Hochzeitsbild: Hans sieht aus wie ein Dandy: groß, gepflegt, gutaussehend! „Bis bald mal wieder!“ Er bedankt sich und schlufft in seinen grauen Filzschuhen zurück zu den anderen.

Lese im Blog der Leser (die ZEIT) auch meinen Brief mit Gedicht „Amerika, du bist nicht besser.“ Ob der angesprochene Autor Joffe sich meldet? Wie seine Kollegin Mariam Lau? Wahrscheinlich nicht. Leute seines Kalibers beantworten keine Leserbriefe. – Auch Pfarrer Jürgens aus A. hat auf meinen Brief und das Buch („Wurmfortsätze“) noch nicht geantwortet. Keine Zeit zum Lesen? Rücksprache mit unserem Pfarrer hier? Sprachlos? Verärgert? Ich warte weiter.

Samstag, 18. Januar

Die Spülmaschine ist noch defekt, der Monteur hat die Ersatzteile bestellt, die Kosten werden bei gut 200 Euro liegen. Wahrscheinlich wird die Maschine am Montag wieder spülen und unser Problem lösen.

Gedicht des Tages: „Das Nebelhorn“, nach einer Reportage im Fernsehen. Angesichts der Umweltrisiken hören viele die Warnung nicht. Die Überlebenden werden später sagen, die Warnungen waren nicht zu überhören.

Das Nebelhorn

Die Welt um sie herum war grau.

Sie hofften auf des Himmels Blau.

Blind hörten Passagiere vorn

das unheimliche Nebelhorn.

Sie ahnten alle die Gefahr,

die in ihrer Nähe war.

Die andren Gäste waren heiter,

spielten an Automaten weiter,

blieben an ihren Tischen sitzen,

vergnügten sich mit alten Witzen,

tranken ihr frisches Bier mit Korn.

Sie hörten nicht das Nebelhorn.

Der Captain sah auf dem Radar,

dass die Küste gefährlich war.

Hier würde er bei Sonnenschein

sicher vorbeigefahren sein.

Der Nebel war plötzlich gekommen

und hatte ihm die Sicht genommen.

Um jede Panik aufzuhalten

ließ er die Kraft nicht runterschalten.

„Das Nebelhorn wird bald wieder schwächer!“

Er nahm 'nen Schluck aus seinem Becher.

Als er dann nach vorne schaute,

sah er, wie sich ein Berg aufbaute.

Den hatte er noch nie gesehn.

Und der blieb stehn!

Für viele war's der Untergang.

Für wenige ein Neuanfang.

Es blieben Einsichten und Zorn:

„Das gab es doch, das Nebelhorn!“

Mein Huhn ist wieder draußen. Soll es. Außenseitern ist nicht zu helfen. Die klügste Ziege ist auch die widerspenstigste. Solche Exemplare wurden und werden von Züchtern und Landwirten ausgemerzt. Resultat: Ihre Gene werden seltener.

Abendfilm mit „Albert“. So nennen wir den dicken, schwerfälligen, gemütlichen und scheinbar zahnlosen Schauspieler, der sich so ähnlich bewegt, schaut, lacht wie Bruder Albert. Dass man an einer Stelle ohne jede Verbindung zur Erzählung die Vertreibung der Juden einbaut ist wohl dem Wohlverhalten des Regisseurs zu verdanken, der die Vertreibung der Sudetendeutschen nach 1945 nicht für sich stehen lassen wollte.

Unsere Kinder wollen daran nicht dauernd erinnert werden. Was die Enkel darüber denken, wenn überhaupt, weiß ich nicht.

Sonntag, 19. Januar

In der Nacht fällt mir „Gnadenhof“ ein. Ein wohltuender Bericht am Abend zuvor hat sich im Hirn festgesetzt. Schön, wie kranke und alte Kühe und Ochsen von Gönnern unterhalten und von einem Bauern bis an ihr Ende naturgemäß gepflegt werden.

Heute bin ich genau 81 Jahre und 1 Monat alt. Für Schwager Adam ist der 19. ein Tag, der etwas Ordnung in seine unverständliche Welt bringt: Er ist am 19. Februar geboren. Sein verstorbener Sohn Christian am 19. Nov. geboren, die ehemalige Freundin seines Sohnes (aus Moskau) am 19. Januar.

Ich gratuliere auf Russisch. Sie will uns im Mai besuchen.

Sonntags immer: Presseclub um 12.00 auf Phoenix, und oft „Anne Will“ um 21.45 auf dem Ersten. Presseclub: die Beschlüsse zur Energiewende: die Kohlekraftwerke werden bis 2038 abgeschaltet, die meisten erst, wenn diese Regierung nicht mehr im Amt ist; Energieerzeuger wie RWE und die betroffenen Braunkohleregionen werden mit mindestens 50 Milliarden Euro entschädigt. Das neue Steinkohlekraftwerk in Datteln geht ans Netz! Der Strom wird noch teurer werden, weniger für die Industrie als für den Verbraucher. Die Armen! Eine Stimme: eine marktwirtschaftliche Lösung über teurere Zertifikate wäre billiger. – Die Berliner Konferenz zu Libyen, hochkarätig besetzt, Prestigegewinn für Merkel und Maas, war ein Erfolg, so der Außenminister (und Merkel vorher in einer Pressekonferenz). Die Teilnehmer hätten sich „committet“, so Maas, man habe den Schlüssel gefunden und müsse ihn jetzt umdrehen (follow-up, der Minister spricht Deutsch!). Die libyschen Kontrahenten bleiben in ihren Zimmern, wollen nicht miteinander sprechen! Griechenland, das sich von der Türkei bei der Grenzziehung im Mittelmeer übervorteilt fühlt – Kreta wurde von der Türkei und der libyschen „Regierung“ frech übersehen! – war gar nicht eingeladen. Welche Rolle spielte Pompeo? Hatte die USA den „Rebellengeneral“ nicht eingeflogen nach der Bombardierung (USA, F, GB) und der Vernichtung Gaddafis? – Deutschland (und die EU) sollen Garantiemacht werden: robustes Mandat zur Einhaltung der Waffenruhe und der Überwachung des Waffenembargos? Der Außenbeauftrage der EU und Annegret KK. hatten sich dahingehend geäußert; und Maas? Das könnte doch die Afrikanische Union machen…Er lenkt ab. Wir werden wieder auf einen weiteren Auslandseinsatz vorbereitet. Haben wir nichts Besseres zu tun? Am Ende zählen nur das libysche Öl und Gas!

Mein Huhn ist wieder draußen. Soll es!

Montag, 20. Januar

Wie erwartet sind die (Presse-)Reaktionen positiv: ein guter Anfang, der Schlüssel zur Lösung. Bravo Merkel! Und die Außenminister in Brüssel reden von EU-Soldaten in Libyen, aber uneinig: Die Libyer wollen keine fremden Soldaten im Land.

Nach der Erklärung von Harry, Duke of Sussex (und Baron von Kilkeel!), wonach er gerne dem Königshaus weiter gedient hätte, aber sein eigenes (das seiner Frau Meghan?) Leben unabhängiger geführt hätte, nenne ich mein Huhn Meghan: Beide sind hübsch, braun, und Außenseiter: Meghan hat den royal garden, das königliche Eden, verlassen, zu dem auch dort der Teufel Zugang hatte. Meghan, wie mein Huhn, hat wieder einen schwellenden Kamm.

CNN 19.00 Uhr Amanpour: Interview der ehemaligen Redenschreiberin von Michelle Obama:

Jüdin, die sich in einem Buch (…) mit ihrer eigenen Haltung zum Judentum auseinandersetzt. Sie sei keine Kriminelle, aber nicht vollkommen. Darf sie über andere Leute auch dann nicht schlecht reden, wenn sie schlecht sind? Der Rabbi verspricht Entlastung, wenn sie ein Kissen mit Daunenfedern ausschüttet. Der „Sünder“ vollzieht und erwartet „Verzeihung“. Der Rabbi: erst wenn du die Federn wieder aufgelesen hast. Vielsagend? Hilfreich? Sartre: L’existence précède l’essence? Deine Identität schaffst du selber. Man muss mit seinen Fehlern leben.

Donald Murray, Autor, auf YouTube, beklagt westliche Beliebigkeit, mangelnden Glauben an das Gute von gestern. Z.B. Aufnahme von Flüchtlingen: In D. motiviert mit der Kriegsschuld, aber in GB? Zerstörung unserer Kultur! In D. (und im Westen entsprechend) möchte man deutsch durch europäisch oder/und global ersetzen: alle sind schuldig, die einen wegen des Holocaust, die anderen wegen der Kolonialzeit.

Chomsky in einem Interview mit einem deutschen Studenten/Dozenten (gute Sendung, Übersetzung wird mitgeliefert): der Westen, angeführt von USA, trägt für viele Kriege die Verantwortung, Atomkrieg eine große Gefahr, Umwelt eine berechtigte Sorge.

Dienstag, 21. Januar

Putztag! Früher aufstehen, gegen 7.30 Uhr Tor aufschließen, Licht im Innenhof und in der Werkstatt einschalten, noch ist es dunkel! So kann Beate ihr E-Bike sicher abstellen.

Ein wunderbarer, klarer Wintertag, frei durchatmen! Leo freut sich wie immer, läuft aber weniger und schnüffelt mehr. Für mich weniger sportlich. Meghan, das braune Huhn, läuft selbstbewusst auf dem Grünstreifen zwischen Zaun und Straße. Beim Teetrinken mit Beate gegen 10.00 gibt es wenig Reaktion auf meinen Vergleich zwischen dem Huhn und Meghan. Beate hätte, sagt die, das Huhn schon beinahe umgefahren mit ihrem Fahrrad. Gefährlich! –In Davos treffen Trump (71) und Thunberg (17) in getrennten Sitzungen nur theoretisch aufeinander: Die Welt ist schön, so Trump. Die Gefahr ist genauso groß wie 2019, so die Schwedin. Für die Grünen eine Katastrophe (Habeck).

Für die ZEIT brauche ich immer etwa fünf Tage. Heute letzte Lektüre: Kultur (Lesen) ist Leben, macht aber die Menschen nicht besser, wohl aber vielseitiger. Ein emeritierter Professor aus GB: Boris Johnson wird seine große Macht nutzen, um das Parlament zu beherrschen, die Beamtenschaft zu minimieren, die Richterschaft zu entmachten, die Wirtschaft zu liberalisieren und die sozialen Errungenschaften zurückzudrehen: Thatcher 2! CNN: Impeachment-Verfahren im Senat: Demokraten: Erpressung einer fremden Regierung zum eigenen persönlichen Vorteil und Behinderung der Justiz; Republikaner: Trump hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Beweise für Verfehlungen gibt es nicht. In Den Haag würde Trump wegen Menschenrechtsverletzungen angeklagt, in den USA wegen Erpressung zum Nachteil der USA!

Andrea bucht Flüge für Schweden im Mai. Plan: Elfi und ich fahren zunächst mit dem Auto, später folgen unser Flug nach Deutschland und zurück sowie der Besuch weiterer Familienangehörigen mit dem Flugzeug. Kosten für zwei Hin- und Rückflüge und einen Rückflug € 170 mit Lauda Motion von Düsseldorf International.

Mittwoch, 22. Januar

Alles ist wieder grau. Es regnet ein wenig. Die Straßen werden glatt.

8.15 Uhr: der Monteur repariert die Spülmaschine, schnell, routiniert, inklusive Erläuterung des Schadens und Übersicht über Ersatzteile und Arbeit. 10 € Trinkgeld. Die Zeit des „Jeder spült seinen Dreck selber weg“ ist vorbei. Die richtigen Maschinen tragen zur Friedfertigkeit der Menschen erheblich bei. – Friseurtermin? Heute nicht. Morgen.

Skat bei Erich. Einzige politische Anmerkung von Hannes, als Erich zum Bierholen den Wintergarten verlässt: Die sog. Berlinkonferenz zu Libyen war eine einzige Schau ohne konkrete Ergebnisse. (Vielleicht diente sie der Vorbereitung des deutschen Volkes auf einen weiteren Bundeswehreinsatzes?)

Paket an Elmer in Stockholm – Weihnachtsgrüße, Süßigkeiten, kommt zurück: Empfänger hat es nicht abgeholt. Wir werden es im Mai mitnehmen. Lena soll ihn informieren.

Nach der Rückkehr von ihrem Essen mit Andrea, Sara und Naja, ihrer kurdischen Freundin, ist Elfi im Flur gefallen. „Die Schuhe sind schön, haben aber dicke Sohlen, so dass ich kein richtiges Gefühl für sicheres Auftreten habe.“ Schmerzen in beiden Knien, am Halswirbel „und an einer Stelle am Rücken“.

Bis auf den Papierbehälter stelle ich alle Mülleimer raus.

Donnerstag, 23.Januar

Friseur: nur ein wenig nachschneiden, beim letzten Mal wegen Missverständnis zu kurz. Ich hatte 0,8 cm gemeint, die Friseuse 0,8 mm, was sie sicherheitshalber auf 3 mm erhöhte. Nach dem ersten Einsatz der Maschine war mir klar, dass etwas nicht stimmte: 3 mm statt 8 machen älter. Soll nichts kosten. Ich gebe ihr fünf Euro. „Nicht gut geschnitten“, sagt Elfi. Nun ja.

Wiederhole Gedichte. Kleinigkeiten entdecke ich neu. „Parlez-moi d’amour…“ hat eine schwierige Stelle: „Votre voix aux sons caressants et qui les murmure en frémissant me berce de sa belle histoire et malgré moi je veux y croire…“. Man glaubt auch wider besseres Wissen gern, was nicht stimmt, ab er wünschenswert ist.

„Um die Ecke gedacht“ in der ZEIT ist heute schwer. Verfasser hat offenbar andere Assoziationen.

Artikel zu den „Zwanzigern“ des letzten Jahrhunderts analysiert: „Alles ist möglich“ in Berlin! Erwähnt wird das Elend der Armen nur kurz, die Unbedachtheit der Lebensgier mit ihren Folgen am Rande. Pauschal wird behauptet, die Zwanziger damals seien keine Anleitung für die neuen. Dass das „einfache Leben der Amseln“ auf dem Lande und in der Provinz keine Erwähnung finden, könnte sehr wohl als Parallele zu heute gesehen werden. Berlin ist auch heute nicht Deutschland! Zieht die „Eliten“ aber an, wie der Honig den Bären. Spaltung der Gesellschaft!

Neue „Sau“ durchs Dorf: auch zu wenige Ärzte! - „Combat 18“, 20 Mitglieder „endlich“ oder „zu spät“ durchsucht und verboten. Sie waren wohl gut vorbereitet…

Beobachte Leo im Wintergarten: mit seinen 17 Jahren ein alter Mann. Steht da, blickt irgendwo hin, unsicher auf den Beinen, aktiv nur noch in der Erwartung, dass es ein Leckerli gibt. Heute hat er mal wieder Leberwurst, gute, gegessen. Seine Welt ist ganz leise geworden. Er hört schlechter als ich.

Freitag, 24. Januar

Ergänze das Gedicht zur Klimawende um die drei Alternativen: Untergang, Rettung aller, Rettung der Mächtigen. – Bereite mich auf Besuch der Russin Natalia aus Moskau vor: will wenigstens die Begrüßung in ihrer Sprache machen können. – Weiterer Versuch, das Huhn zu retten. Ist es mir dankbar? Es scheint keine Angst mehr zu haben. Es verschwindet zu den anderen im Stall; vielleicht verspürt es den Legezwang. Heute mal fast ohne Knieschmerzen den üblichen Gang mit Leo überstanden. Wäre gut, wenn alles so bliebe, vor allem ohne Tabletten. Im Fernsehen wird die Tatsache, dass im Trinkwasser Bestandteile aller möglichen

Arzneimittel verbleiben, also nicht herausgefiltert werden, weil zu teuer. Ist also unser Trinkwasser doch nicht genauso gut wie abgefülltes? Die Wohlhabenden können sich letzteres unbekümmert leisten.

Greta und Donald

Der Engel ist leiblich

und weiblich,

der Teufel ein Mann,

der nur das kann.

Sie sagt, es läuft verkehrt,

der Teufel, es ist umgekehrt.

Sie sieht ein böses Ende,

er spricht von glücklicher Wende.

Sie fordert von der Welt Verzicht,

der Teufel nicht.

Sie wollen zurück zum Paradies,

der Engel meint das, der Teufel dies.

Die Menschheit ist derweil gespalten,

sagt Ja und Nein zum selben Alten:

Genießen oder Askese.

Und die Synthese?

Der Menschen Werke werden grün,

die Welt wird anders, aber blühn

Die Erde wird sich weiterdrehn,

die Menschheit aber untergehn

Damit nicht alle verderben,

lässt man die Armen sterben.

Die Spülmaschineleuchtet bei „Einlauf/Ablauf“ wieder rot. Reparatur doch nicht so gut wie gedacht? Sabine aus Kilkeel per Skype: neue kaufen! Die Anklage der Demokraten gegen Trump gehen weiter: glänzende Rhetorik, vor allem vom Vorsitzenden der „Manager“ Schiff! Zwischendurch gesehen: Zwei Männer stellen fest, dass sie beide mit derselben Frau verheiratet waren, ohne es zu wissen, und nun nach ihrem Tod die Asche gemeinsam in der Nordsee verstreuen sollen – der eine will, der andere nicht. Ereignisse ziemlich weit hergeholt. Aber man sollte freitags vom TV-Programm nicht zu viel erwarten.

Kann immer noch nicht verdauen, das Präsident Steinmeier seine Rede in Yad Vaschem auf Englisch gehalten“ mit Rücksicht auf die Überlebenden“ in der Zuhörerschaft. Deutsche Kriegsboote und Waffen sind kein Problem?

Samstag, 25. Januar

Deutsche Sprache ein Tabu: Überlebende nutzen sie, um unsere Kinder zu informieren. Der israelische Staat kauft deutsche Waffen, aber Steinmeier kann in Yad Vaschem nicht in unserer Sprache sprechen. Als ob die Sprache schuldig sein könnte!

Der Tag vergeht wie im Fluge: Spaziergang mit Leo. Das Huhn ist wieder draußen. Ich spreche die Besitzerin an: „Ich weiß. Ich weiß nicht, wo das Loch ist. Soll sie. Sie ist halt so.“-

Vögel füttern: Türkentauben, Spatzen, eine Meise, ein Rotkehlchen.

Mittagessen: Makrele mit Pellkartoffeln und Rote Beete, dazu ein Bier. Mittagschlaf mit Deutschlandfunk. Alter Kaffee mit Stollen. „Um die Ecke gedacht“: immer noch nicht geschafft. Sudoku aus Sammlung: eins mit Fehlern, eins mit heimlichem Blick auf Lösungen gelöst.

Fernsehen, hin und wieder: „Bares für Rares“: informative Hinweise auf Kunst und Kunstgeschichte, immer wieder Überraschungen hinsichtlich der menschlichen Natur: die Bescheidenen, die weniger erwarten als den Wert, oder so tun als ob; die Eitlen, die gerne mal ins Fernsehen kommen, die Geldgeilen, die nur etwas Unnützes loswerden wollen, die Unverschämten.

Schließe „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari ab: Hat selbst Zweifel, ob es zu der neuen Religion „Dataismus“ (Algorithmen, Biotechnik) kommt. Meine Zweifel: abhängig vom Strom! Alle! Daten müssen zusammenfließen. Die Anwendung und Speicherung erfordert zu viel Energie.

E-Mail von Dr. Heinrich Wefing, DIE ZEIT: Es sei schade, dass mir sein Artikel nicht „gefallen“ habe, dass wir über die Rolle der AfD unterschiedliche Auffassungen hätten sei halt so, aber dass ich ihn für einen „Duckmäuser“ halte, nütze doch niemandem. Meine Antwort: Ich bin kein Emotionsbündel, dem etwas gefällt oder nicht. Ich halte seine Ausführungen für falsch. Erwarte von einem ZEIT-Mitarbeiter Differenzierung und wiederhole den Verdacht, dass er sich mit seinem „Seitenhieb“ auf die AfD“ dem Trend anpasse.

Sonntag, 26. Januar

Das Wetter wie in den letzten Tagen: Wir leben in und unter einer riesigen Dampfwolke.

Dass die Tage wieder länger werden, merkt keiner. Unsere Nächte sind noch sehr lang. Heute frühstücken wir um 9.00 Uhr. Die ZEIT bietet einen Bericht über Zähneknirschen und Zahnspangen für Millionen Deutsche. Stress kann ein Faktor sein. Elfi und Andrea und Claudia tragen sie. Heilung, Lösung nicht in Sicht.

Der Deutschlandfunk, den ich während der Morgentoilette höre, beschäftigt sich mit Foucault und der Scham. Ich schweife ab und denke an spätabendliche Sex-Anwerbefilme, die alles zeigen nur nicht die Genitalien. Scham? Wohl kaum. Spannung erzeugen? Vielleicht. Meine Erklärung: Beim Wettbewerb der Gliedmaßen um Attraktivität liegen die weiblichen Brüste weit vorn, vor allem, wenn nur ihre obere Hälfte sichtbar ist. Das männliche Gemächt finden manche Frauen hässlich, die weiblichen werden zum Wettbewerb erst gar nicht zugelassen. Sie scheiden aus, liegen zu nah am Anus. Und alles, was damit zu tun hat, ist nicht schön, weder zu wissen noch zu erleben: In Japan spielt derweil die Musik.

Niemand scheint Anstoß daran zu nehmen, dass Steinmeier seine Rede in Yad Vashem auf Englisch hielt, außer mir und einigen „rechten“ Zuschriften im Internet. Wie muss man sich

die Situation vorstellen? Alte Menschen, 90 plus, die entweder nie Deutsch gesprochen haben, aber auch kein Englisch, tragen Kopfhörer? Andere, die die deutsche Sprache beherrschen, erzählen vor deutschen Schulklassen von ihren Leiden! Das Ganze wirkt aufgesetzt, unehrlich, anbiedernd. Wir sind die perfekten Verantwortungsübernehmer, und die ganze Welt schaut ungläubig zu.

Der Internationale Frühschoppen beschäftigt sich mit dem neuen Flüchtlingsproblem (Griechenland), den weiteren Geldversprechen der Kanzlerin bei ihrem zigsten Besuch in Ankara, und hat keine Antworten. Dem Einwand, man solle vor Ort den Armen helfen, geht keiner nach. Kommt ja auch von der AfD. Auf die Unterscheidung von Flüchtlingen (mit ihren Rechten) und Migranten (ohne Aufenthaltsrechte) muss die Moderatorin erst aufmerksam gemacht werden.

„Anne Will“ greift das Klimaproblem auf: Der Kompromiss der Kommission gegen den Regierungsvorschlag, der angeblich dem Kompromiss in wesentlichen Punkten nicht folgt. Ergebnis: Jeder bleibt bei seinen Anfangsaussagen, heutige Arbeitsplätze gegen morgige Klimarettung. Und, natürlich, werde alles sehr teuer. (Da die Wirtschaft keine hohen Strompreise verkraftet und im Land gehalten werden muss, bezahlen die gewöhnlichen Bürger den Preis. Von einem Ausgleich ist nicht mehr die Rede. – Im Internet behauptet ein Experte, der Kampf ums Klima sei schon verloren.)

Im Internet (YouTube): Deutsche Journalisten seien Gesinnungsjournalisten, die einer Sache nützen wollen. Daher passt wohl auch die Frage von ZEIT-Wefing, wem (meine) Einlassung im Leserbrief nütze. Hätte ihm antworten sollen: „Der Wahrheitsfindung, jedenfalls nicht der Regierung, dem Mainstream oder wem sonst.

Montag, 27. Januar

75 Jahre nach Befreiung von Auschwitz. Zeitungen, Radio, Fernsehen sind voll von Zeitzeugenaussagen, jungen Leuten, die mit dem Fahrrad dort hinfahren und nachher verstanden haben, was sie nicht verstehen können (Zitat), von unerzogenen Jugendlichen, die auf den Schienen vor dem großen Tor posieren, vor den Schreckensorten feixen u.a.m. Sie gehören dort nicht hin (DLF). In der Zeitung ist zu lesen, jeder müsse einmal dort gewesen sein. Ein Kommentator fordert auch die Kenntnis von Deutschland als großer Kulturnation, um die unvorstellbare Barbarei richtig einzuschätzen. Nachrichtensprecherin

Gerster und Hart-aber-Fair-Ersatz Link erscheinen in schwarz. Gut: man überträgt vornehmlich Aussagen der alten Zeitzeugen: Nicht vergessen, um nicht zu wiederholen. –Vorinformationen zu Trumps Israelplan, der am Dienstag veröffentlicht werden soll: Israel bekommt mehr vom besetzten Land, die Palästinenser bleiben unfrei, Jerusalem wird ganz israelisch.

Die Trauer ist ein selten Gut

Die Trauer ist ein selten Gut.

Sie ist Sache der Guten.

Kritiker brauchen Mut,

die nicht ins selbe Horn tuten.

Rückwärtsgewandte Nägelkauer

Werden die Bösen genannt

Die Guten, die sich selbst ernannt,

behalten das Monopol auf Trauer.

Privat ist sie schon lang nicht mehr

Sie wurde sozialisiert.

Da stören Unbefugte sehr,

wenn staatlich zelebriert.

Fortsetzung der Vorbereitung auf Natalias Besuch im Mai: Stelle kurze Begrüßung und Ansprache vor dem geplanten Essen auf Russisch zusammen. Die verdammten Endungen der sechs Fälle!

Im Münsterland sind angeblich die Böden in der Tiefe immer noch trocken, dabei regnet es hier seit Wochen mit kurzen Unterbrechungen.

Kontrolle der Wühlmäusegänge im Garten: noch liegen die kleinen Giftplättchen in den Eingängen.

Lese seit zwei Tagen Philipp Tinglers „Rate mal wer zum Essen bleibt“. Ein Kritiker hatte es im Fernsehen ostentativ in die Tonne geworfen. Eine ehrgeizige Frau und ihr phlegmatischer Mann erwarten den Besuch eines für die Beförderung hilfreichen Professors und seiner rechthaberischen Frau, als eine alte Studienfreundin des Mannes erscheint und sich zum Essen fast selbst einlädt. Sie ist die personalisierte Provokation und macht den Abend zur Qual für die Dame des Hauses, die nicht mehr mit der Förderung durch den gegängelten Professor rechnen kann. Dabei ist sie auf eine neue Aufgabe angewiesen. – Die Sprache: manieriert, voller gestelzter Bilder, „moderner“ Schönheitserzeugnisse, von denen selbst Elfi noch nichts gehört hat, letzter wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Psychologie in der Urfassung und daher nur für Experten verständlich. Nachdem sich die Studienfreundin übergeben hat, verabschieden sich der Professor und seine Frau höflich, für immer (?). Neuer Besuch, der ungeliebte Bruder des Hausherrn ist angesagt. Eine verrückte Welt mit dem Hausherrn als ruhendem Pol?

Nachricht des Tages: MP Kretschmann, BW, erklärt, die Rechtschreibung zu lernen sei nicht mehr nötig, wegen der vorgegebenen Korrekturprogramme. Wäre er Deutschlehrer gewesen, hätte er sich das verkniffen: Ist das eine weitere Konzession an (mangelhafte) Schulbildung? Berücksichtigung der Fehlleistungen schlechter Schüler, auch aus nicht Deutsch sprechenden Migrantenfamilien? Die Kurzmitteilungen sind schon heute eine Zumutung: falsche Rechtschreibung, fehlende Interpunktion, beides bis zu Unkenntlichkeit. Der nächste Schritt: treffende Ausdrucksweise, ganze Sätze, passender Stil sind nicht mehr nötig. Nach Englisch werden nun Elemente aller möglichen Einwanderersprachen akzeptiert.

Eine fremde Kultur

Eine fremde Kultur

erfasst die Sprache nur

mit Netzen, die halten.

Ein Fischernetz mit großen Maschen

ist wie ein Hemd ganz ohne Taschen.

Es kann nichts behalten.

Dem Kind mit sprachlichen Lücken

kann die Verständigung nicht glücken.

Es kann sein Leben nicht gestalten.

Kein Mensch je einen Schatz hob

mit Maschen, die viel zu grob.

Kultur kann sich so nicht entfalten.

Hauptsache, man versteht sich. Wir wollen nicht mehr Deutsche sein, nicht mehr Deutsch sprechen, unsere Dichter und großen Denker nicht mehr lesen, im Ausland unsere Nationalität verstecken („Ich bin Europäer und Weltbürger“).

Dienstag, 28. Januar

Putztag. Elfi sucht wie immer das Gespräch mit Beate: „Was gibt’s Neues in Ochsenfurt“. Wir erfahren nicht mehr viel. Elfi zitiert das Meiste aus dem Fernsehprogramm und ihrer Lektüre.

Erstes Virusopfer (Corona) in München: Mitarbeiter, 33, einer bayrischen Zulieferfirma hatte Kontakt mit einer Chinesin (geschäftlich, privat, intim?). Erkrankter ist kaum krank, wird aber isoliert, hatte 40 Kontakte, die alle überprüft werden. In China werden Millionenstädte von der Außenwelt abgeschnitten, um dem Virus die Nahrung zu entziehen. Tausende sind infiziert, mehr als hundert Chinesen sind gestorben. Ob Hararis „Dataismus“ in „Homo Deus“ angesichts der Entscheidung eines Virus, den Menschen anzugreifen, hält, was er verspricht, scheint mir fraglich. Welcher vom Menschen abgeleiteter Algorithmus sollte dafür zuständig gewesen sein. Vielleicht gilt doch der Kampf aller gegen alle, und erst am letzten Ende sterben die Viren?

Trump und Netanjahu verkünden und erklären vor einem jüdischen, israelfreundlichen und evangelikalen Kreis geladener Gäste unter tosendem Beifall, dass Israel ab sofort seine Wünsche erfüllen kann: Hauptstadt ist Jerusalem, ungeteilt. Für die Palästinenser ein Dorf(?) vor den Toren der Stadt; Annektierung der völkerrechtswidrig besiedelten Gebiete, des Jordantales, der Golanhöhen. Für die Palästinenser der Rest des besetzten Gebietes, 50 Milliarden Dollar zum Aufbau eines „blühenden“ Staatswesens, wenn sie dem Terrorismus und der Korruption abschwören. Das sagen zwei Staatsmänner, denen offiziell Vorteilsnahme und Korruption offiziell vorgeworfen werden und, im Falle Trumps Staatsterrorismus wegen des Drohneneinsatzes. Dass Trump seinem Schwiegersohn Kushner, Jude und Freund Netanjahus, hier hündisch folgt, und ihm UN-Beschlüsse keinen Pfifferling wert sind, ist ein weiterer Hinweis auf seine tragische Selbstüberschätzung oder Abhängigkeit von großzügigen Wahlkampfspendern, die allein wegen der Israelpolitik Millionen zur Verfügung stellen. Für Trump ist Geld Macht, vor allem gekaufte.

Da die Spülmaschine wieder kaputt ist, gibt es neuen Ärger wegen der Hausarbeit. Elfi ist belastet und leidet. Wie soll das in Schweden gehen, wo keine Putzhilfe zur Verfügung steht?

Mittwoch, 29. Januar

Gedicht aus letzter Nacht: „Die Krone“ der Schöpfung sind die Viren? Drei weitere Mitarbeiter der bes. Firma sind am Virus erkrankt. Noch reagieren die Börsen heißt es in den Kommentaren.

Noch immer klingen mir „committet“ und „follow-up“ aus einer Rede von Heiko Maas in den Ohren. Können die es nicht besser? Sind sie an Verständigung weniger interessiert als an ihrem „universalen“ Image, ihrer Weltläufigkeit? Könne sie nach Gesprächen auf internationaler Ebene nicht mehr deutsch denken? Sind sie, wie viele Journalisten zu bequem, das passende deutsche Wort zu suchen?

Heiko

Heiko Maas ist so gesittet,

dass er sich immer gern committet.

Keine Aktion bricht er ab

ohne ein gutes follow-up.

Gerne bekämpft er die spoiler,

also Feinde und Lästermäuler.

Wenn ihm dafür das Deutsche fehlt,

sagt er flyover-state.

Dass ein Minister Englisch spricht,

das schadet nicht.

Spricht er zu uns, wär’s jedoch weise,

er nutzte die deutsche Ausdrucksweise.

Spülmaschine: weitere Reparatur, 180 Euro, nötig. Wir wollen es noch einmal versuchen, die neue sollte zwischen 400 und 1600 kosten.

20.00 Uhr: Münsterlandhalle, Max Rabe. In dem schlauchförmigen Raum vor dem großen

Multifunktionalen Saal drängen sich die Besucher mit Sektgläsern in der Hand und knabbern an Brezeln. Haben die alle Hunger oder sind Brezeln jetzt modern?

Raabes Palastorchester, 12 Mann, vielseitige Musiker, vornehmlich Blechbläser und eine Geigerin. Schmissig überwiegend, mit Geigen sanft und altmodisch. Rabe wie gewohnt stilecht, aber mit alten und neuen witzigen Übergängen (Wer zum Mars fliegt, braucht weniger Zeit (Einstein), wer mit der Bahn, mehr). Bekannte und unbekannte Weisen aus den Dreißigern, wortakrobatische und simple, „Mein grüner Kaktus“.

Auffallend: die Solisten werden von R. immer besonders hervorgehoben, das letzte Lied ist ein Chorwerk aller 13: „Santa Maria…“

Für die Bestellung des Getränkes brauchte ich die ganze Pause. Als ich an der Reihe bin, werde ich von der Dame hinter dem Tresen gefragt, ob ich mich ordentlich angestellt oder vorgedrängt hätte. Eine Dame neben mir bestätigte energisch, dass ja!

Gesamteindruck: die Halle ist kein eleganter und bequemer Ort. Für Gehbehinderte wie Elfi

sind die vielen Treppen und Aufgänge eine Zumutung. Wo die Aufzüge sind, wusste keiner zu sagen.

Donnerstag, 30. Januar

Donnerstags sind immer zwei Zeitungen im Kasten. Die Münsterland Zeitung, aus der ich meistens nur die Kommentare und Todesanzeigen herauslese, und DIE ZEIT, die mir als kompetenter Gesprächspartner bis Anfang der kommenden Woche dient. Wie immer als erstes die Kolumne von Harald Martenstein im „Magazin“. Heute: Sein Hund wird alt und gebrechlich, bestimmt dadurch den Alltag mehr als erwartet, kostet mehr wegen der ärztlichen Behandlungen, bleibt aber Teil der Familie und kann nicht einfach umgebracht werden. Einsicht: Müsste jede Handlung auf alle Folgen und Kosten hin bedenken, und, was immer wir tun, es hat seine beiden Seiten. Ganz ohne Schuld kommt man nie heraus. Viel Empathie spürbar. „Wann es Zeit ist, Abschied zu nehmen“, fragt er „Das Ende ist ein Preis, den man für jeden Anfang bezahlen muss“, schließt er.

Hauptteil des Zeitmagazins: ein Porträt des Journalisten Georg Stefan Troller, 98: ein selbstkritischer, anspruchsloser, einfacher, sympathischer Mann. Christoph Amends Verhältnis zum Interviewten gleicht dem des geliebten Sohnes: der Alte ist zutraulich, der junge Mann einfühlsam. Am besten gefallen die Fotos: 1. (auf der ersten Titelseite) Troller in seinem bücherbestückten kleinen Arbeitszimmer, telefonierend; 2. auf der zweiten Titelseite Troller hat zwei Portionen Spiegeleier gerbraten, eine mit, eine ohne Speck; 3. sitzend, ein Glas Weißwein in der Hand, vor sich auf dem Tisch mit blauer Decke ein weißer Teller mit zwei gebratenen Eiern und einer Scheibe geröstetem Brot. Rot gestreiftes Oberhemd, grauer ärmelloser Pullover, grauer Schnauz- und Backenbart, Haare wie kurz nach dem Aufstehen; 4. am Tisch, Haare zur Seite und nach vorn gekämmt, gebeugt, mit der rechten Hand stützt er sich auf dem Tisch ab, in der linken am Hals fest umklammert, eine Flasche Silvaner; 5. Troller bemüht sich, ein zusätzliches Loch in seinen Gürtel zu bohren; er kann sich den Gürtel enger schnallen, weil er altersgerecht abnimmt. Fazit: ein großartiger Mann allein, vielleicht einsam, mit den Petitessen des Alltags beschäftigt. So wird man mit Anstand alt. Ein Bild zeigt die Futterstelle für seine Katze; für wen die zweite Portion Spiegelei ohne Speck ist, bleibt im Dunklen.

Das Interview mit Joe Käser, Chef von Siemens, das Giovanni di Lorenzo führt, hinterlässt einen faden Nachgeschmack: zu viel Amerikanisch (erinnert an Dr. Decker in NYCY, der immer von Siemens als einem amerikanischen Unternehmen sprach), zu viele Grundsätze und zu wenige Einsichten in eigene Unzulänglichkeiten, politisch äußerst korrekt, wenn es um andere geht, ausweichend, wenn es um seine Firmenpolitik geht. Umweltschutz ja, Vertragstreue wichtiger.

Das Februarheft von “Cicero“ ist ebenfalls gekommen. Das „Prinzip Greta“ wird von Norbert Bolz analysiert: Infantilisierung der Erwachsenen; wer alles zur Katastrophe erklärt, bleibt ohne Alternativen; Verlass auf den Staat statt Eigenverantwortung; weltfremde Theorien statt diesseitigem Anpacken.

Das Huhn lebt noch, klagt ein wenig, wenn ich mit Leo vorbeikomme. Im US-Senat wird weiter diskutiert. Soll Zeuge Bolton gehört werden oder nicht? Erstaunlich, wie wortreich die Justiziare von Trump sich winden. Auffallend: die von Senatoren eingereichten Fragen an die „Manager“ der Demokraten oder /und an die Juristen des Präsidenten sind stichwortgebend und keineswegs echt. Stramme Arbeitsleistung: Beginn der Sitzungen 19.00 MEZ, noch zugange 4.00 MEZ!

Freitag, 31. Januar

GB ist noch bis Mitternacht in der EU. Münsterland Zeitung: Das wird den Briten noch leidtun. Zwei völlig verschiedene Interessengruppen stehen hinter dem Brexit: die Nationalisten (allein sind wir besser) und die Gutgläubigen (GB wird sozialer). Die Wahrheit, laut MZ, mächtige Interessengruppe bemächtigt sich des Landes. – Optimisten in Brüssel: Die kommen wieder.

Nachklang zu Martensteins Hund: Lese zufällig, bei der Suche nach einem weiteren deutschen Gedicht zu meiner Sammlung auswendiggelernter Wilhelm Herz, „Vision“ die Zeilen „Was ich vereint, das trenn ich wieder/Ihr wisst es, warum liebt ihr euch?“

Letzter Tag der Briten in der EU: Farrage. Hat den Krieg gewonnen, Johnson die Freiheit, um GB zu alter Größe zurückzuführen, die „remainer“, eine rechnerische Mehrheit, trauert, die Optimisten hoffen auf Rückkehr, die Kommission spricht von guter Zusammenarbeit, aber kein neues Singapur, das durch geschickte Steuerpolitik Vorteilspolitik zu Lasten der EU betreibt. Nun wird wieder verhandelt.

Endlich Abendessen der Skatbrüder mit den Frauen, bei Schepers in E. Gutes, aber nicht hervorragendes Essen, gute Stimmung, angeregte Unterhaltung, Harmonie der Alten. Einzige kontroverse Diskussion: Kassenbons auch beim Becker: Hannes und Monika: endlich, nötig zur Vermeidung von Steuerbetrug. Elfi: Franzosen schaffen sie wieder ab; ich: MdBs geben keine Rechenschaft ab über die Verwendung der Zulagen! Die Seiferts bleiben zurückhaltend.

Kurz vorher: Anruf der Elektrofirma, Ersatzteile für Spülmaschine sind da, Termin für Einbau aber erst am Mittwoch, den 5. Februar, entgegen der Zusage des die Reparatur ausführenden Mitarbeiters. Entgegen der Aussage der Angestellten vom Vormittag, die Monteure legen die Termine selbst fest, heißt es nun, das werde zentral geregelt und der Monteur sei eben erst am 5. wieder verfügbar. Die von mir eingeforderte Priorisierung findet „großes Verständnis“, bewirkt aber nichts. Wir werden auf keinen Fall eine neue Maschine bei einer solchen Firma kaufen, sagt Elfi.

Am Nachmittag langes Gespräch mit Claudia über ihre Pläne, mit den Kindern nach USA zu fliegen: 8 Tage NYCY, eine Woche Florida. Kommt das nicht zu früh? Was kennen die Kinder von Deutschland?

Im amerikanischen Senat haben die Republikaner mit 51 zu 49 Stimmen den Antrag der Demokraten auf Zeugenaussagen u.a.m. abgelehnt. Empörung: ein Prozess ohne Zeugen und Dokumente sei einmalig, ein Präsident werde so trotz Freispruch nicht freigesprochen.

Samstag, 1. Februar

Das Wetter ist grau wie fast immer, aber Temperaturen wie im März. Wir erleben unangenehme, schwer nachvollziehbare Zeiten und Entscheidungen: Brexit der Briten unvermeidbar; Freispruch für Trump wahrscheinlich, Glaubwürdigkeit in der Klimapolitik gering, Auschwitz weiterhin nicht nachvollziehbar, die Erinnerung daran nicht selbstverständlich. Das Corona-Virus zeigt, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist und die Angst davor global. Forderung: Entglobalisierung.

Roman von Tingler beendet: Anhäufung von Fremdwörtern und dunklen, gesuchten Bildern und Vergleichen; altes Thema in gewollt modernem Sprachgewand. Habe wie Elfi vieles nicht verstanden. Entweder waren die Enthüllungen banal und wir haben nach dem Besonderen gesucht, oder das Besondere blieb auf Kleidung, Aussehen, Gesten und Formulierungen beschränkt. Je rätselhafter der Text desto bewunderungswürdiger? Tingler mit Thomas Mann zu vergleichen ist abwegig.

Sonntag, 2. Februar

„Presse Club“ um 12.00, dieses Mal mit Schönenborn, der straff führt und wie ein guter Lehrer Zwischenstände festhält und die Führung behält. Thema: Bauern und Verbraucher. Niedrige Preise und neue Auflagen (weniger Gülle, weniger Unkrautvernichter etc.) gegen preisbewusste Verbraucher und die Politik, die ihre Interessen nicht wahrnimmt. Daher die langen Umzüge mit Traktoren in Berlin und anderswo. Lösungsvorschläge der Diskussionsteilnehmer: keine. Der Bauer muss umweltfreundlicher sein, braucht dafür höhere Preise; der Verbraucher kann sich das nicht leisten. Sozial ungerecht, weil nur Reiche dann noch Fleisch essen können; die Politik verschreibt Trostpflaster.