Kapo in Auschwitz - Aline Pennewaard - E-Book

Kapo in Auschwitz E-Book

Aline Pennewaard

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Beschreibung

Der Schneider Heinz Bontscheck war einer von mehr als 34.000 Juden, die aus Nazi-Deutschland in die Niederlande flohen. Nachdem er, wohl von seinem Schwager, verraten wurde, kam er über das Durchgangslager Westerbork ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dort wurde er ›Kapo‹, ein Häftling, der die Aufgabe hatte, andere Gefangene zu beaufsichtigen: eine Position, die ihm zum Überleben verhalf, obwohl er miterleben musste, wie seine eigene Frau in die Gaskammern gebracht wurde. Nach dem Krieg emigrierte Bontscheck nach Australien, wo andere Überlebende ihn erkannten und Anzeige gegen ihn erstatteten. Sie gaben an, von Bontscheck noch schlechter behandelt worden zu sein als von den Deutschen. Es folgte eine Untersuchung der Wahrheit. Kapo in Auschwitz ist eine ergreifende Kriegsgeschichte über unmenschliche moralische Dilemmata. Aline Pennewaard führte umfangreiche Recherchen im In- und Ausland durch, die ihr Zugang zu vielen bisher unveröffentlichten Quellen verschafften. Ihre berührende Beschreibung lässt den Leser ahnen, welche inneren Konflikte die Beteiligten der mörderischen Nazigewaltherrschaft durchmachen mussten. Und die jeden Leser mit der Frage konfrontiert, wie er sich selbst verhalten hätte …

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2023

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© 2023 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGZell/MoselBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel 06542/5151 Fax 06542/61158Alle Rechte vorbehaltenNiederländische Originalausgabe:»Van kleermaker tot kapo«© 2018 Nieuw AmsterdamISBN 978-3-89801-939-2Übersetzung: Aline PennewaardKorrektorat: Melanie Oster-DaumAusstattung: Stefanie ThurTitelfoto: Personalakte Heinrich Bontscheck, 105.930 (Rotes Kreuz, Den Haag)Autorenfoto: Aline Pennewaard

Aline Pennewaard

Kapo in Auschwitz

Das Überleben eines jüdischen Schneiders

Rhein-Mosel-Verlag

»Das Schlimmste ist, dass mich die Nazis als Opfer zu Taten ermutigt haben, die ich als normaler Mensch niemals begangen hätte.«

Roman FristerPolnisch-israelischer Schriftsteller/Journalist, Überlebender von Auschwitz und Mauthausen

Vorwort

Ich hörte zum ersten Mal von Heinrich Bontscheck, als ich Ende 2013 den ersten Transport von Westerbork nach Auschwitz-Birkenau am 15. Juli 1942 untersuchte. Sein Name tauchte als einer der zehn Überlebenden dieses Transports auf. Ich machte mich auf die Suche, um herauszufinden, wie sie es geschafft hatten, fast drei Jahre in Birkenau zu überleben. Beim Roten Kreuz in Den Haag gab ich ihre Namen in den Computer ein. Bei Bontschecks Namen stieß ich auf einen mit Kugelschreiber gekritzelten Text in der rechten Zeile der Meldekarte, der auf meinem Bildschirm erschien: »Deutscher Kollaborateur!? Jetzt in Australien.«

Meine Neugier war geweckt. Ich forderte seine Papierakte an: »105.930, Heinrich Bontscheck«, stand auf der Titelseite. Und wieder mit einem Kugelschreiber in der gleichen Handschrift: »SS-Kollaborateur«. Ich nahm den Papierstapel aus der Mappe, hauptsächlich Korrespondenz zwischen dem Niederländischen Roten Kreuz und anderen Stellen, zusammen mit einem sauberen handgeschriebenen Brief von einer gewissen Frau A. Bertram aus Amsterdam. Als ich den Brief umdrehte, fiel mir eine später hinzugefügte handschriftliche Bleistiftnotiz ins Auge »Heinrich Bontscheck war ein schlechter Kapo und lebt noch.«

Augenblicke später hielt ich ein sepiafarbenes Foto in der Hand: ein kleines Bild von etwa 7 mal 10 Zentimetern mit dem klassischen weißen Zackenrand drumherum, wie man ihn von alten Fotos kennt. Ein gut gekleideter junger Mann Mitte Zwanzig sah mich an, seine Lippen verzogen sich leicht zu einem selbstbewussten Lächeln, fast trotzig. Seine dunklen Augen zeigten ein kleines Funkeln, als wäre er amüsiert über denjenigen, der das Foto gemacht hatte. Seine linke Hand mit den langen schlanken Fingern gerade noch sichtbar. Eine Uhr am Handgelenk, ein Manschettenknopf im Knopfloch seines Hemdsärmels. Ein schicker Hut, vermutlich braun, ziert sein leicht gewelltes Haar. Und zu seinen Füßen? Da lag die Welt. Damals war sie noch gut.

Dieses Foto, dasselbe wie auf dem Cover dieses Buches, hat mich berührt. Das Alltägliche und Unschuldige daran, die Zimmerpflanze im Hintergrund, die freundlichen Augen des jungen Mannes, der in die Kamera blickt. Wie um alles in der Welt war dieser hübsche Mittzwanziger auf der falschen Seite der Geschichte gelandet? Ich musste wissen, was hier passiert ist. Und so begann meine Suche nach Heinrich (»Heinz«) Bontscheck.

Es wurde eine Suche, die mich in viele Richtungen führen sollte, denn es stellte sich heraus, dass Informationen über Heinrich Bontscheck an den unerwartetsten Orten aufbewahrt wurden: von Berlin bis Amsterdam, von Den Haag bis Oswieçim, von Kassel bis Melbourne.

Bei meiner Suche zeichnete sich eine persönliche Entwicklung ab, die zeigt, wie – unter den in den Vernichtungslagern geschaffenen Bedingungen – ein deutsch-jüdischer Flüchtling zweimal schikaniert wurde: zuerst als Opfer der NS-Verfolgung, und dann von denselben Nazis als Kapo an die Seite der Täter gestellt.

Bontscheck gelang nach dem Krieg die Emigration nach Australien. Aber auch dort würde er keine Ruhe finden. Ich beginne seine unglaubliche Geschichte 1949 im holländischen Konsulat in Melbourne.

1 Die Anerkennung

Melbourne, Ende Juni 1949. Der niederländische Konsul betrachtet die beiden jungen Männer vor seinem Schreibtisch. Sie sind in Begleitung einer etwas älteren Frau, die sich als Hanna Kayser vorgestellt hat. Warum die drei heute in sein Büro gekommen ist, ist ihm noch nicht ganz klar. Er greift nach Stift und Notizblock, um ihre Namen aufzuschreiben.

Beide Männer wiederholen ihre Namen mit starkem jiddischen Akzent. Der Konsul lässt sie die Namen buchstabieren, damit er sie nicht falsch schreibt. Chaim Singer, geboren am 8. Dezember 1919 in Ciechanów, Polen, einer Stadt etwa 90 Kilometer nördlich von Warschau, und Hersz Frydenberg, geboren am 18. Oktober 1919 in Mława, einem Dorf unweit von Ciechanów. Beide Männer zeigen ihm die eintätowierte fünfstellige Zahl auf ihrem linken Arm, damit er auch diese richtig schreiben kann. Sie waren über zwei Jahre im berüchtigten Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, sagen sie. Der Konsul schweigt ein wenig überfordert: Auch er hat die Schreckensbilder gesehen, die nach der Befreiung Europas 1945 auch Australien erreichten. Die Berge von Leichen, die wandelnden Skelette, die apathischen Kranken, die regungslos auf ihren Holzbetten lagen, und nur die großen hohlen Augen bewegten, als sie in die Kamera blickten. Diese Männer waren dort. Sie haben alles mit eigenen Augen gesehen: Hunger, Elend und Tod. Als zwei der ganz wenigen kamen sie lebend heraus. Jetzt sitzen sie vor dem Büro des holländischen Konsuls in Melbourne, weil sie sagen, sie müssten ihm etwas Wichtiges über die Geschehnisse in den Lagern erzählen.

Heinrich Bontscheck. Es ist das erste Mal, dass der Konsul den Namen hört. Chaim Singer und Hersz Frydenberg erzählen mit Hilfe der Dolmetscherin Hanna Kayser, wie sie ihn Ende 1942 getrennt voneinander in Auschwitz-Birkenau kennenlernten. Bontscheck hatte bereits als Lagerschneider eine privilegierte Stellung im Lager. Später wurde er zum Aufseher von etwa 150 jüdischen Häftlingen befördert, die alle als Schuhmacher oder Schneider arbeiteten. Chaim Singer, wie Bontscheck Schneider von Beruf, war einer von ihnen, und auch Hersz Frydenberg arbeitete einige Zeit unter seiner Leitung im Arbeitskommando. Kurze Zeit später, nach der Flucht eines tschechischen Blockältesten, wurde Bontscheck an seiner Stelle die Leitung einer Wohnkaserne übertragen. Die Geschichte von Singer und Frydenberg ist erschreckend und erzählt von Grausamkeit, Missbrauch und Vorenthaltung der ohnehin schon knappen Nahrung. »Bontscheck hat uns schlechter behandelt als die Deutschen.«

Obwohl dem Konsul zunächst nicht ganz klar ist, warum Chaim Singer und Hersz Frydenberg mit ihrer Geschichte zum niederländischen Konsulat gekommen sind, erhielt er bald eine Antwort auf diese Frage: Bontschecks Spitzname im Lager war »der Holländer«, und dort hieß es, dass er niederländisch sprach. Er soll im Sommer 1942 mit einem Transport aus den Niederlanden in Auschwitz-Birkenau angekommen sein. »Er ist wie wir in Polen geboren. Aber wir konnten an seiner Lagernummer sehen, dass er nicht aus Polen nach Auschwitz gekommen war, denn die polnischen Nummern begannen bei etwa 73000 – und seine Nummer war 47162.« Die Männer erfuhren dann von einem niederländischen Mithäftling, dass Bontscheck tatsächlich einige Transporte vor ihnen aus Westerbork im Lager angekommen war. Die meisten Gefangenen taten alles, um nicht unter sein Kommando zu geraten.

Von einer Gruppe niederländischer Juden, die im Winter 1943/44 unter Bontschecks Führung gestellt wurden, lebten nach wenigen Wochen nur noch wenige Dutzend, sagen Singer und Frydenberg: Bontschecks strenges Regime, das oft von vielen Schlägen begleitet wurde, schwächte die Gefangenen, und in solchen Fällen war die Auswahl für die Gaskammer nie weit entfernt. »Er hat uns nicht geschlagen, weil er das musste. Er hat uns aus Sadismus geschlagen und um den Deutschen zu gefallen.« Später sei ein Transport mit reichen Juden aus der Industriestadt Bendzin bei Auschwitz im Lager eingetroffen. Sie traten an die Stelle der verstorbenen Holländer und führten Gold, Schmuck und andere Wertgegenstände mit sich. Bontscheck nahm es ihnen im Austausch gegen Lebensmittel, die er anderen Gefangenen abgenommen hatte.

Er selbst hatte es gut, sagen Singer und Frydenberg. Kein einziges Mal sahen sie, dass er von den Deutschen geschlagen wurde, er durfte sogar mit der SS in der Sonderwachebaracke essen. Außerdem hatte er ein eigenes Zimmer, einen Leibdiener und trug keine Häftlingskleidung. Anstatt des dünnen gestreiften Anzugs, den die meisten Männer in Birkenau tragen mussten, war Bontscheck im Lager perfekt gekleidet, in einem gepflegten schwarzen Mantel mit hohen Reitstiefeln und einer Mütze. So mancher Häftling lernte die schwere Keule kennen, die er normalerweise bei sich trug. Schwierig und emotional erzählt Chaim Singer, wie er einmal fünfundzwanzig Schläge mit jenem berüchtigten Schläger bekam. Es hatte drei Wochen gedauert, bis alle Schwellungen abgeklungen waren und er wieder schmerzfrei laufen konnte. Er hatte sich nicht getraut, ins Krankenhaus zu gehen: 1943 kehrte niemand von dort zurück.

Als 1944 die Evakuierung von Auschwitz durch den anhaltenden Vormarsch der alliierten Truppen tropfenweise begann, verloren die Männer Bontscheck aus den Augen. Erst in Melbourne, mehr als drei Jahre später, sahen sie ihn wieder: bei einem Konzert in der Samuel Myer Hall in St. Kilda. Unmittelbar nach ihrer Erkennung hatte er hastig den Raum verlassen. In der Zeit danach bemerkte Chaim Singer, dass er auf dem Weg zur Arbeit in der Kleiderfabrik seines Onkels Itzhak Singer mehrmals von einem Auto verfolgt wurde. Irgendwann glaubte er darin Heinrich Bontscheck zu erkennen. Er war in Eile nach Hause geflohen, wo er panisch zu seiner erschrockenen Frau sagte: »Ich glaube, er versucht mich umzubringen.« Die Familienberatung mit Onkel Itzhak hatten dazu geführt, dass Hanna Kayser-Brodie, mit der Itzhak gut befreundet war, in den Fall einbezogen wurde. Sie hatte Chaim und Hersz mit den australischen Behörden in Kontakt gebracht und es wurde eine offizielle Anklageschrift gegen Heinrich Bontscheck verfasst.

»Nach der Befreiung verbrachten wir mehrere Jahre in einem Lager für Vertriebene, bevor wir 1948 nach Australien ausreisen konnten«, erzählt Hersz Frydenberg dem niederländischen Konsul. In diesem sogenannten DP-Lager (für Displaced Persons) hörte man nach dem Krieg das Gerücht, die niederländische Regierung habe Heinrich Bontscheck wegen seiner Stellung als Kapo in Auschwitz-Birkenau in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe von fünfzehn Jahren verurteilt. Angesichts dessen hielt es Hanna Kayser für eine gute Idee, wenn die Männer ihre Anklagen gegen Heinrich Bontscheck auch beim niederländischen Konsulat hinterlegen würden. Wenn er tatsächlich verurteilt oder in den Niederlanden gesucht worden wäre, würden die Behörden sicherlich von ihrer Geschichte profitieren. Laut Hanna Kayser waren Chaim Singer und Hersz Frydenberg nicht die einzigen, die Heinrich Bontscheck in Auschwitz erlebt haben. Allein in Melbourne gäbe es fünf weitere junge Männer, die ausführlich über die Vorgänge in Birkenau aussagen könnten. »Ich werde dafür sorgen, dass Sie unterschriebene Erklärungen erhalten, in denen die Vorwürfe gegen Bontscheck offiziell festgehalten werden«, verspricht sie dem niederländischen Konsul.

Hanna Kayser zögert nicht und kurze Zeit später taucht sie wieder im Büro des niederländischen Konsuls auf, diesmal zusammen mit zwei weiteren polnisch-jüdischen Männern. Sie stellen sich vor als Samuel Lubin, der am 9. September 1917 in Ostrołenka geboren wurde, und den 39-jährigen Jakob Rosenthal, der ursprünglich aus Łomza stammt. Beide Städte liegen zwischen Warschau und Bialystok. Auch sie tragen tätowierte Nummern auf dem Arm und waren zur gleichen Zeit wie Heinrich Bontscheck in Birkenau. Lubin kam mit, um Jakob Rosenthal zu unterstützen: Bontscheck kannte er zwar im Lager, aber da er nie unter seinem Kommando stand, stammen die meisten Informationen, die er über ihn hat, aus zweiter Hand. Er weiß aber, dass Bontschecks Frau Holländerin war und in Auschwitz vergast wurde. Außerdem waren noch zwei weitere Schwäger von ihm im Lager, fügt Lubin hinzu. »Ich habe drei Monate bei Bontscheck in seiner Schneiderei hier in Melbourne gearbeitet und versucht, mehr Informationen zu bekommen. Aber er war sehr zurückhaltend und es gelang mir nicht.«

Jakob Rosenthal hingegen hat Informationen aus erster Hand. Kurzerhand erzählt er dem holländischen Konsul von seinem ersten Erlebnis mit Heinrich Bontscheck. »Als ein Transport ankam, warfen einige Häftlinge für uns Brot auf den Boden. Ich habe es genommen und unter meinen Freunden verteilt. Plötzlich kam ein Aufseher auf mich zu und schlug mir ein paar Mal mit einem Stock auf den Kopf. Ich hob meinen Arm, um die Schläge abzuwehren, aber er schlug so hart zu, dass er mir den Arm brach.« Jenen Aufseher sollte er später als Heinrich Bontscheck kennen lernen. Drei Monate lang quälten Jakob Rosenthal die Folgen der Schläge, doch auch er traute sich nicht ins Krankenhaus, aus Angst, in der Gaskammer zu landen. Er verbiss seinen Schmerz und arbeitete weiter. Es war nicht das einzige Mal, dass er mit Bontscheck Bekanntschaft gemacht hat. Vorfall nach Vorfall erzählt er dem schockierten Konsul von dutzenden Gefangenen, die bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen und dann wiederbelebt wurden, indem man einfach einen Eimer mit kaltem Wasser über sie schüttete. Als ihn der Konsul danach fragt, bestätigt Jakob Rosenthal tatsächlich die Geschichte von Chaim Singer und Hersz Frydenberg über die Gruppe holländischer Juden und den »Reichen-Transport« aus Bendzin. Nach der Befreiung hörten auch Jakob Rosenthal und Samuel Lubin, dass Bontscheck in Abwesenheit zu zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Allerdings nicht von der holländischen Regierung, sondern von einem Tribunal in Nürnberg.

Hier hört der Strom der Zeugen nicht auf. Kurz darauf meldet sich der 27-jährige Rubin Piekarski im Konsulat, ebenfalls in Begleitung von Hanna Kayser. Piekarski wurde in Bendzin geboren und gelangte im August 1943 nach Auschwitz-Birkenau, wo er 1944 als Blockältester Heinrich Bontscheck kennenlernte. Seine Geschichte ähnelt weitgehend der der vorherigen vier Männer. Er sagt auch, dass Heinrich Bontscheck von der SS immer gut behandelt wurde, er wäre sogar einer ihrer Vertrauten gewesen.

Piekarski bestätigt die niederländische Herkunft seines ehemaligen Blockältesten: Er hörte Bontscheck gelegentlich mit niederländischen Juden im Lager Niederländisch sprechen, und sein Spitzname war allgemein »der Holländer« oder sogar »der holländische Hund«. Fast jeder in Birkenau wusste, dass er aus den Niederlanden kam. Von Verbrechen an anderen Niederländern weiß Piekarski nichts, aber er erinnert sich an Gerüchte, Bontscheck habe regelmäßig das angrenzende Frauenlager in Birkenau besucht. Vielleicht hatte das etwas mit seiner Frau zu tun – obwohl er sich dabei nicht sicher ist. Der Konsul zeigt ihm daraufhin ein Passfoto, das er inoffiziell von der australischen Einwanderungsbehörde erhalten hat und das einen leicht abgemagerten Mann mit dunklen, traurigen Augen zeigt. Piekarski erkennt Heinrich Bontscheck sofort und ohne Zögern. »Aber im Lager trug er keinen Schnurrbart.«

Als später in dieser Woche auch Szlama Weingarten, ein 1922 geborener junger Mann, der im Juli 1942 aus dem Ghetto Garbatka nach Auschwitz-Birkenau kam, mit einer ähnlichen Aussage ins Konsulat kommt, kann der niederländische Konsul sie nicht länger ignorieren. Er ist völlig fassungslos von der schieren Menge an Informationen, jedes Ereignis erschreckender als das andere. Wer war dieser Heinrich Bontscheck? Was, in Gottes Namen, war da alles passiert?

I Die alte Welt

Di velt iz a groyse un s’iz zikh nito vu ahintzutanDie Welt ist riesig und du kannst nirgendwo hin

Jiddisches Sprichwort

2 Eine polnische Familie in Hessen

Meine Suche nach Heinrich Bontscheck beginnt in einem kleinen Schtetl1 im Nordosten des heutigen Polen, wie es einst so viele gab: Bielsk Podlaski. Die ersten Juden ließen sich dort Anfang des 14. Jahrhunderts nieder, als die Stadt noch zum Großfürstentum Litauen gehörte. Bielsk, wie es zunächst nur genannt wurde, lag damals an einer wichtigen Handelsroute, einerseits zwischen Krakau und Vilnius, andererseits zwischen der Ukraine, Brest und Königsberg. Kurz darauf wird es polnisch, 1795 von Preußen annektiert, bis es nach dem Zusammenbruch der ersten polnischen Republik 1807 endgültig unter russische Verwaltung gerät. Die Stadt heißt dann immer noch Bielsk und liegt etwa fünfzig Kilometer südwestlich von Bialystok, nicht allzu weit von der heutigen weißrussischen Grenze entfernt. Ende des 19. Jahrhunderts waren mehr als die Hälfte der mehr als achttausend Einwohner jüdisch. Die Stadt hat nicht weniger als vier Synagogen, ein rituelles Bad, eine Yeshieva2, eine Talmud-Tora-Schule, ein jüdisches Waisenhaus und zwei jüdische Friedhöfe. Ein großer Teil der jüdischen Einwohner arbeitet im Handel oder als Handwerker. So auch Mordechai (»Motel«) Bontscheck, der 1889 in Bielsk geboren wurde: Als Seiler verdient er seinen Lebensunterhalt für sich, seine zwei Jahre jüngere Frau Ethel Bontscheck-Elfenbein und den 1910 geborenen ältesten Sohn Scholem.

In diesem Schtetl bringt Ethel Bontscheck, damals fast einundzwanzig Jahre alt, an einem kalten Freitag, dem 15. November 1912, einen zweiten Sohn zur Welt. Er erhält Chaim als jüdischen Namen mit dem Zusatz »ben Mordechai HaLevi«: Sohn des Leviten Mordechai, was zeigt, dass die Familie Bontscheck in männlicher Linie aus dem Stamm Levi stammt, einem der zwölf Stämme des alten Volkes von Israel. Der »weltliche« Name des neuen Sprosses lautet Heinrich, abgekürzt zu Heinz. Ethel Bontscheck bringt ihr Kind ohne ihren Ehemann zur Welt: ihr Mann Motel ist seit 1911 in der russischen Armee. Er ist in Nowgorod stationiert, mehr als neunhundert Kilometer von Bielsk entfernt, und kommt nur gelegentlich auf Urlaub. Während viele Juden ihr Möglichstes tun, um der russischen Wehrpflicht zu entgehen, werden jüdische Soldaten seit Ende des 19. Jahrhunderts vollständig in das Militär integriert – obwohl der Antisemitismus immer noch weit verbreitet ist.

Ethel Bontscheck wird in diesen Jahren mit zwei kleinen Kindern hauptsächlich allein gelassen, obwohl davon ausgegangen werden kann, dass sie Hilfe von der Familie ihres Mannes hatte. Auch Großmutter Frieda Bontscheck wohnt in dem kleinen Schtetl, ebenso wie ihre Söhne, Motels Brüder Are und Jankel, die noch bei ihrer Mutter in der Kossinskistraße 20 wohnen. Auch eine Schwester von Motel wohnt mit ihrem Mann Moische Kadlubowski in Bielsk.

Bielsker Hauptstraße im Jahr 1916, um die sich hauptsächlich das jüdische Leben entfaltete. Es ist wahrscheinlich, dass Heinz und sein Bruder ihre frühesten Kinderjahre in oder in der Nähe dieser Straße verbracht haben. Heute heißt die Straße nicht mehr Hindenburgstraße, sondern Ulica Adam Mickiewicz.

Rathaus Bielsk 1916.

Bahnhof Bielsk, Anfang des 20. Jahrhunderts.

Jüdische Männer beten Ende der 1910er Jahre in der hölzernen Hauptsynagoge von Bielsk mit dem Spitznamen »Yafe Einan« (= »schöne Augen«).

Das Leben in der freundlichen Kleinstadt geht beschaulich weiter – bis wenige Jahre später im Jahr 1914 der Große Krieg ausbricht. Vater Motel hat zu diesem Zeitpunkt seit Monaten keinen Urlaub mehr, die russische Armee braucht ihn. Unterdessen rückt die deutsche Wehrmacht vor: im Mai und Juni 1915 kommt es zur Offensive Gorlice-Tarnów, die die Deutschen mit Bravour gewinnen. Die russischen Linien brechen zusammen und die Armee muss sich hastig zurückziehen. Am 15. August 1915 marschieren dann deutsche Truppen in Bielsk ein.

Mutter Ethel zögert keine Sekunde: Sie packt ihre Sachen und ihre damals fünf- und zweieinhalbjährigen Söhne Scholem und Heinz und flieht tiefer nach Russland – so wie Tausende andere. Schließlich landen sie in Bielica, einem Schtetl am Stadtrand von Gomel, heute eine Großstadt im Südosten von Weißrussland. Ein großer Teil der Einwohner ist jüdisch, und hier lässt sich Ethel Bontscheck mit ihren beiden Kindern nieder. Hatte sie Bekannte, Familie? War sie in diesen Jahren ganz allein oder war die Familie ihres Mannes mit ihr aus Bielsk geflohen? Wie hat sie all die Jahre für sich und ihre beiden kleinen Kinder gesorgt? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass sie über zwei Jahre in Bielica bleibt und die ganze Zeit nichts über das Schicksal ihres Mannes gewusst haben muss.

Motel Bontscheck geriet etwa zur Zeit von Ethels Flucht bei Lodz in Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit Hunderten anderer russischer Soldaten wird er in das westpreußische Kriegsgefangenenlager Hammerstein3 verlegt. Das Leben hier ist hart. Es gibt wenig Privatsphäre, wenig Platz, alle möglichen Krankheiten brechen regelmäßig aus und das Essen ist schlecht. Motels Glück ist, dass er nach einer Weile als Zwangsarbeiter zur Firma Richard Pausewang nach Kassel geschickt wird und deshalb das Lager Hammerstein verlassen darf. Als der Krieg am 11. November 1918 endgültig zu Ende geht, arbeitet er immer noch in Kassel.

Ethel Bontscheck ist mit Scholem und Heinz bereits nach Bielsk zurückgekehrt. Es ist wahrscheinlich, dass sie um diese Zeit zum ersten Mal wieder mit ihrem Ehemann zusammen kam. Kurz darauf muss auch die Entscheidung gefallen sein, dass Motel Bontscheck nicht nach Bielsk zurückkehrt, sondern versucht, Frau und Söhne nach Kassel zu holen. Inzwischen ist Bielsk durch den Versailler Vertrag polnisch geworden, und weil Polen bereits eine weitere gleichnamige Stadt in der Nähe von Warschau hat, wird Heinz’ Geburts-Schtetl in Bielsk Podlaski umbenannt.

Es ist eine unruhige Zeit. Bielsk und Umgebung sind stark vom Krieg betroffen, und auch die durch die Grenzverschiebungen ausgelösten massiven Bevölkerungsbewegungen tragen nicht zur regionalen Stabilität bei. Die in der Gegend lebenden Juden werden regelmäßig Opfer davon, wenn Pogrome in größerem oder kleinerem Umfang stattfinden, und Ethel Bontscheck zieht im Januar 1920 mit ihren beiden Söhnen nach Kassel, das mit über hunderttausend Einwohnern erheblich größer ist als das Schtetl, aus dem sie kommen. Der Rest der Familie bleibt in Bielsk zurück.

Heinz’ Eltern, Motel und Ethel Bontscheck. (Foto: Familie Bontscheck)

Heinz ist damals acht Jahre alt und kann sich nicht mehr an seinen Vater erinnern, der seit seiner Geburt kaum zu Hause war. Trotzdem muss er den Umzug als spannendes Abenteuer erlebt und gestaunt haben, als er in der stattlichen Großstadt mit ihren schönen Gebäuden und Grünanlagen ankam. »Bonczyk« ist die polnische Variante ihres Nachnamens, mit dem sie im Einwohnermeldeamt Kassel eingetragen sind. Sie finden ein Haus und Vater Motel gründet eine Seilerei am Karlsplatz im Zentrum der Stadt. Das Geschäft hat sogar ein Telefon: unter der Nummer 5265 ist M. Bontscheck & Co. Seilerwaren zu erreichen.

Im November 1920 wird in der Familie ein drittes Kind geboren. Diesmal eine Tochter, die Cäcilie heißen wird, aber die Jungs nennen sie Cilli. Kurz nacheinander folgten drei weitere Schwestern: Martha 1922, Mathilde 1924 und Ruth als Finalistin 1926. Als sie geboren wurde, war Heinz fast vierzehn.

Familie Bontscheck in Kassel um 1925. Heinz steht hinten in der Mitte. (Foto: Familie Bontscheck)

Ungefähr zu dieser Zeit muss auch klar geworden sein, dass der Umzug aus Bielsk eine unangenehme Folge hatte: die Familie scheint staatenlos geworden zu sein. Obwohl Motel und Ethel Bontscheck, die immer die russische Staatsangehörigkeit besessen hatten, sich vor dem 1. Januar 1922 ordnungsgemäß bei den sowjetischen Behörden gemeldet hatten, erhielten sie nie einen Pass. Ein Anspruch auf die polnische Staatsbürgerschaft ist nun doch nicht mehr möglich: wer dafür in Frage kommen wollte, musste in den Jahren 1921 – 1922 eine Erklärung abgeben, nach Polen zurückkehren zu wollen. Das taten die Bontschecks nicht, weil sie die Absicht hatten, in Kassel zu bleiben. Es wird eine schwierige Geschichte und am Ende dauert es bis Oktober 1932, bis sie in Kassel mit Fremdenpässen4 ausgestattet werden, nachdem Vater Motel offiziell als russischer Flüchtling anerkannt wurde. Ethel Bontschecks Mädchenname stellt sich plötzlich als unerklärlich geändert von Elfenbein in Fischbein heraus – warum ist nicht klar, aber vielleicht waren Ethels Eltern damals nur eine jüdisch-religiöse Ehe eingegangen und hatten nie vor dem polnischen Standesamt geheiratet. Infolgedessen hatten ihre Kinder offiziell den Nachnamen ihrer Mutter erhalten, da sie vor dem Gesetz als unverheiratete Mutter galt.

Obwohl es, besonders am Anfang, in der achtköpfigen Familie nicht viel Geld gab, bleibt aber immer noch genug, um Heinz eine Ausbildung zu ermöglichen. Anders als sein Bruder Scholem, der als Seiler in die Fußstapfen von Vater Motel tritt, geht Heinz einen anderen Weg: er wird Schneider. Er ist an der gewerblichen Fachbildungsschule der Stadt Cassel eingeschrieben und erlernt dort das Schneiderhandwerk. Dank gutem Köpfchen macht er mit sechzehn Jahren seinen Abschluss und beginnt von da an selbstständig zu arbeiten. In diesen Jahren geht es ihm gut. Er versteht sein Handwerk und sein Geschäft läuft nicht schlecht. Anfang der 1930er-Jahre machte er sogar den Führerschein: ein eher ungewöhnliches Unterfangen in einer Zeit, als Autofahren noch lange nicht für alle selbstverständlich war. Er hat seit einiger Zeit ein Mädchen. Das Leben lacht ihn an.

Motel Bontscheck Fremdenpass. (Hessisches Hauptstaatsarchiv)

Hat er die dunklen Wolken kommen sehen, die sich über Deutschland und bald über Kassel zusammenziehen? Wir können es nicht mit Sicherheit sagen, aber sicher ist, dass der Sturm nicht vorbeigezogen ist. Die Machtergreifung Adolf Hitlers im Januar 1933 hat auch in Kassel Folgen, die Heinz eines Morgens buchstäblich am eigenen Leib miterlebt. Er ist zu Hause bei seinen Eltern in der Wilhelmstraße 13, wo er auch noch wohnt, als es klingelt. An der Tür steht eine Gruppe einheimischer Nazi-Männer, die ihn vor den Augen seiner verwirrten Eltern aus dem Haus zerren und in ein Badehaus in der Stadt bringen. In stundenlanger Folter, bei der er irgendwann jedes Zeitgefühl verliert, wird er getreten, geschlagen, geprügelt. Nach einer Weile wird klar, dass sie ihn des Geschlechtsverkehrs mit einem christlichen deutschen Mädchen verdächtigen – ein Vorwurf, der gar nicht stimmt. Heinz’ Freundin ist jüdisch, genau wie er. Es ist bereits Abend, als er es endlich schafft, sie davon zu überzeugen. Glauben sie ihm? Oder sind sie nur müde geworden, nachdem sie einen ganzen Tag mit ihrem Opfer verbracht haben? So oder so, er wird freigelassen.

Kaum wiederzuerkennen kehrt er an diesem Abend zu seinen Eltern zurück, denen nach all den Stunden des Wartens vor Angst fast übel wird. Seine Wunden werden in der sicheren Umgebung seines Zuhauses versorgt – eine Sicherheit, die sich nun plötzlich als viel relativer herausstellt, als es noch vor 24 Stunden schien. Er braucht drei volle Wochen, um sich von der erlittenen Misshandlung zu erholen. Als es ihm wieder besser geht, bekommt er von einem Bekannten eine Warnung: »Ich schätze, du wirst bald wieder zu Hause abgeholt.«

Er wartet nicht darauf. Wenige Wochen nach diesem traumatischen Nachmittag im Badehaus bricht er in die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover auf, knapp zwei Stunden von Kassel entfernt, wo die Judenverfolgung noch nicht mit voller Wucht ausgebrochen ist und er sein Leben noch unauffällig und ungehindert leben kann. Sieben Monate lebt er dort bei Bekannten. Doch irgendwann beginnt es, an ihm zu nagen. Er vermisst seine Familie, er will wieder arbeiten. Am Ende wagt er es und kehrt 1934 still und leise nach Kassel zurück, in der Hoffnung, dass der Sturm vorüber ist und man ihn nach all den Monaten vergessen hat. Die Dinge laufen eine Weile gut, bis seine Rückkehr bemerkt wird.

Wieder wird er beschimpft, verspottet oder sogar geschlagen. Sie belästigen ihn, wo immer sie können. Er versucht, es zu ignorieren, dem aus dem Weg zu gehen, vorsichtig zu sein – schließlich ist dies sein Zuhause, wo er seit fast fünfzehn Jahren lebt, wo seine Familie ist. Wären sie nicht gewesen, hätte er Deutschland 1933 bestimmt verlassen.

Endlich, Ende 1935, dämmert die Erkenntnis, dass dieser Sturm nicht vorbeiziehen wird. Und jetzt, wo die Hoffnung auf bessere Zeiten langsam schwindet, schwindet auch die Widerstandskraft des jungen Schneiders. »Ich konnte und wollte das in Deutschland herrschende Regime nicht länger ertragen«, schrieb er später über diese Zeit. Er verlässt seine Familie und seine florierende Schneiderwerkstatt. Am Weihnachtstag, dem 25. Dezember 1935, verlässt er Kassel heimlich, in Richtung niederländische Grenze. An seinem Körper trägt er dreitausendfünfhundert Reichsmark, neunundfünfzig amerikanische Dollar und einige kostbare Juwelen, die teilweise wohl von seinen Eltern stammen, die wollen, dass ihr jüngster Sohn dem großen Unbekannten so gut wie möglich begegnet. Für weitere Vorbereitungen bleibt keine Zeit: das Visum, das er für die Einreise in die Niederlande benötigt, hat er nicht. Es gibt keine Möglichkeit mehr, diesen zeitraubenden Antrag auf dem offiziellen Weg zu stellen. Er muss es illegal riskieren.

Seine Familie bleibt in Kassel zurück. Es dauert zwölf lange, höllische Jahre, bis er sie wiedersehen wird.

3 In den Niederlanden nicht erwünscht

Heinz gelingt der illegale Grenzübertritt zwischen Emmerich und Zevenaar. An letzterem Ort reist er schließlich in die Niederlande ein, aber nicht bevor ihm auf der deutschen Seite der Grenze der Führerschein entzogen wurde, um sicherzustellen, dass er zurückkehrt. Anschließend fährt er mit dem Zug nach Utrecht, wo Fred Ascher, ein Bekannter von ihm aus Kassel, seit September 1935 lebt. Sein jüngerer Bruder Walter lebt seit fast zwei Jahren in der Domstadt. Er verließ Deutschland im November 1933 zusammen mit seiner nichtjüdischen Verlobten. Heinz findet bei Fred in der Spoorstraat Unterschlupf und meldet sich am nächsten Tag bei der Fremdenpolizei. Nachdem er mehr als eine Woche zur Ruhe gekommen ist, beschließt er, nach Amsterdam zu gehen, um zu sehen, welche Möglichkeiten er hat, als Schneider zu arbeiten.

Dort trifft er zu seiner Überraschung auf einen Bekannten: Manfred Behrmann, den er noch aus Deutschland kennt. In wenigen kurzen Sätzen erklärt er, wie er hierher gekommen ist – es bedarf nicht vieler Worte. Der Berliner Manfred weiß besser als jeder andere, wie es zu dieser Zeit in Deutschland ist: auch er floh vor dem Regime, nur einen Monat vor Heinz. Er ist jetzt in den Niederlanden, hofft aber, irgendwann weiter nach Südamerika reisen zu können. »Heinz, komm mit, ich kenne hier ein wunderbares Kabarett, das musst du sehen!«

Fred Ascher (Mitte). Links im Bild steht sein Bruder Walter. (Foto: R. Ascher)

An diesem Abend nimmt Manfred ihn mit ins »La Gaité«, das 1921 eröffnete Emigrantenkabarett in der Reguliersbree­straat im ersten Stock des Theater Tuschinski. Es ist lebendig, gemütlich. Manfred scheint häufiger dort zu sein; er wird von verschiedenen Leuten begrüßt und angesprochen. Heinz ist zunächst etwas verloren, weil er außer Manfred niemanden kennt. Doch das ändert sich schnell: plötzlich steht er einer schönen jungen Frau gegenüber, die ihm von Manfred vorgestellt wird. »Heinz, das ist Sophia. Sophia, das ist Heinz, ein Freund von mir.« Die attraktive Sophia, vier Jahre älter als Heinz, ist auf den ersten Blick verliebt in den jungen Schneider, und die beiden kommen ins Gespräch. Achtzig Jahre später ist nicht mehr festzustellen, wer von beiden den Vorschlag gemacht hat, aber als Heinz am Abend den letzten Zug zurück nach Utrecht nimmt, um bei Fred Ascher zu schlafen, hat er eine Verabredung mit Sophia zwei Tage später in Amsterdam.

Als er wieder in der Hauptstadt ist, trifft er eine deutsch-jüdische Frau, die wie er aus Kassel kommt: Liesel Sondheimer. Aufgrund ihres gemeinsamen Hintergrunds kommen sie ins Gespräch. Die hochschwangere Liesel, ebenfalls erst seit letztem Jahr in Amsterdam, ist mit einem Holländer verheiratet. Sie schlägt Heinz vor, mit ihrem Mann Benedictus Wijnman ins Geschäft einzusteigen. Das scheint ihm eine gute Idee zu sein und sie machen sofort Nägel mit Köpfen. Am selben Tag wird das Unternehmen unter dem klangvollen Namen Bontscheck & Wijnman ins Handelsregister eingetragen. Nach der Einigung geht er mit einem freudigen Gefühl zu seiner Verabredung mit Sophia. Es scheint zu funktionieren, denn von diesem Moment an sind sie ein Paar.

War er in sie verliebt? War es die Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Geborgenheit, die ihn in ihre Arme trieb, oder war es eine Kombination aus beidem? Kaum eine Woche in einem fremden Land, ohne enge Freunde und Familie, ohne die Sprache zu sprechen … Auf jeden Fall muss es ihn empfänglicher für die Liebe und Aufmerksamkeit einer Frau gemacht haben. Er meldet sich in Utrecht ab und fährt nach Amsterdam, wo er ein Zimmer im Haus seines neuen Geschäftspartners Benedictus Wijnman mietet.

Er macht sich sofort an die Arbeit. Er schiebt seine Anmeldung bei der Einwanderungsbehörde in Amsterdam immer wieder hinaus, weil er befürchtet, dass sie ihm den Aufenthalt hier verweigern könnten. Zurück nach Deutschland kann er ohnehin nicht: Er weiß von mehreren Juden, die nach einem Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückkehrten und dass sie nach ihrer Rückkehr in einem Konzentrationslager gelandet sind. Er hat keinen Grund zu glauben, dass es bei ihm anders sein wird. Obwohl nur wenige in den Niederlanden zu dieser Zeit bereits wissen, was diese Lager wirklich bedeuten, ist sich Heinz sehr wohl bewusst, was ihn erwartet. Eine Rückkehr nach Deutschland ist keine Option mehr. Er hat diese Brücke hinter sich abgerissen: hier bleiben oder weiterziehen sind die einzigen Möglichkeiten.

Kurze Zeit später gesteht er Sophia widerwillig, dass er eigentlich illegal ist und sich nach seiner Niederlassung in Amsterdam nicht bei der Fremdenpolizei gemeldet hat. Sie scheint nicht überrascht, denkt sogar mit ihm über eine Lösung nach. Am Ende rät sie ihm, sich in einer kleineren Stadt zu melden: vielleicht zeigen die Menschen dort etwas mehr Mitgefühl als in einer Großstadt wie Amsterdam, wo die Fremdenpolizei täglich mit vielen erschütternden Geschichten konfrontiert wird. Heinz beherzigt ihren Rat und fährt mit der Straßenbahn in den Amsterdamer Vorort Nieuwer-Amstel, heute Amstelveen. Unterwegs kauft er eine Zeitung. Nach eingehendem Studium der Anzeigenseite liest er, dass ein gewisser A. Klootwijk in der Katerstraat Kost und Logis anbietet. Er geht hin, mietet das Zimmer und gibt Arie Klootwijk, der sich als Polizist entpuppt, seinen deutschen Fremdenpass, damit er ihn ordnungsgemäß bei der Amstelveener Polizei melden kann. Alles scheint geregelt: er hat Obdach, arbeitet tagsüber in Amsterdam mit Benedict Wijnman und seine Beziehung zu Sophia ist auch von Dauer.

Aber nach drei Monaten zerbrach das Märchen plötzlich. Niederländische Freunde, die er inzwischen kennengelernt hat, warnen ihn vor Sophias nicht gerade tadellosem Verhalten: »Diese Frau ist nicht gut für dich.« Ihre Warnungen deuten darauf hin, dass Sophia ihr Geld als Prostituierte verdient. Heinz muss fassungslos und wütend gewesen sein, denn noch am selben Abend beendet er die Beziehung. Sophia ist völlig aufgebracht. In den Monaten, die sie mit Heinz zusammen war, ist er ihr immer mehr ans Herz gewachsen, und die Vorstellung, dass er sie nun verlassen will, erfüllt sie mit blinder Panik. Sie bittet ihn, bei ihr zu bleiben, aber Heinz bleibt unerbittlich. Als sie endlich merkt, dass er es ernst meint, greift sie verzweifelt zu einem letzten Ausweg: Erpressung. »Wenn du mich verlässt, zeige ich dich bei der Polizei an und du wirst abgeschoben.«

Heinz steht mit dem Rücken zur Wand, kann nirgendwo hin. Eine Abschiebung nach Deutschland kann er nicht riskieren, da er dort seines Lebens nicht mehr sicher ist. Er will in den Niederlanden bleiben; jedenfalls lange genug, um hier in Ruhe die Formalitäten für ein mögliches nächstes Ziel erledigen zu können. Aber eine Rückkehr nach Deutschland würde alle Optionen auf einen Schlag zunichte machen. Sein deutscher Fremdenpass ist noch bis Dezember 1936 gültig: theoretisch können ihn die niederländischen Behörden also problemlos über die Grenze überstellen, da er sich offiziell noch rechtmäßig in Deutschland aufhalten darf. Eine wilde Angst erfasst ihn, als er an dieses Szenario denkt. Er hat das Gefühl, keine Wahl zu haben – und gibt Sophia nach. Er mäßigt seinen Ton, beruhigt sich ein wenig und gibt ihr das Gefühl, dass ihre Bitten beginnen, Früchte zu tragen. Äußerlich versöhnt er sich in dieser Nacht mit ihr, aber innerlich ist etwas endgültig kaputt gegangen.

Kurz darauf entdeckt er, dass sein Partner Wijnman ihn regelmäßig betrügt. Er hat sein gesamtes Kapital in das Unternehmen investiert: von allem, was er letzten Dezember über die niederländische Grenze mitgebracht hat, sind nur noch neunzig Gulden übrig. So kann es nicht weitergehen, ihm wird klar, dass er die Sache wieder selbst in die Hand nehmen muss. Und das tut er auch: er bricht die Verbindung zu Wijnman ab und macht sich auf die Suche nach einer neuen Werkstatt. Er findet sie bei der Familie Springer in der Deurloostraat in Amsterdam. Jeden Tag pendelt er zwischen Amsterdam und Nieuwer-Amstel hin und her.

Langsam kommt er wirtschaftlich wieder auf die Beine. Die Familie Springer hilft ihm, indem sie ihn die Miete für die ersten zwei Wochen abarbeiten lässt: er fertigt vier Anzüge und ein Kostüm für sie an, und mit dem verdienten Geld begleicht er die Miete und die Ausgaben. Durch sie gewinnt er auch verschiedene Neukunden, wodurch sich seine Tätigkeit ausweitet und er sich im Laufe des Sommers nach einem neuen Arbeitsplatz im Zentrum von Amsterdam umsehen muss. Heinz’ Freund Manfred Behrmann bietet eine Lösung an: er wird Anfang August nach Buenos Aires aufbrechen und mit seiner Hilfe kann Heinz Manfreds Etage in der Kerkstraat 397 I übernehmen. Heinz lässt sich dort nieder und hat mit der Zeit so viel Arbeit, dass er regelmäßig zusätzliche Arbeiter einstellen muss. Seine Beziehung zu Sophia dauert noch an. Hat sie überhaupt nicht gemerkt, dass, seit dieser einen Nacht, sein Herz nicht mehr in dieser Sache steckte? Oder war sie so aufgeregt, ihn wiederzuhaben, dass sie nicht sah, was wirklich vor sich ging?

Im gleichen Zeitraum wird ihm auf der Polizeistation in Nieuwer-Amstel mitgeteilt, dass er sich nicht in den Niederlanden aufhalten darf. »Sie haben die niederländische Grenze ohne gültiges Visum überschritten. Das heißt, Sie haben kein Recht, hier zu bleiben.« Heinz entgegnet, es sei keine Zeit mehr gewesen, alle Formalitäten zu erledigen. Durch all die Qualen, denen er täglich ausgesetzt war, habe er sich nicht getraut, länger in Kassel zu bleiben und ordnungsgemäß auf einen Visumsantrag zu warten, erklärt er. Wieder einmal trifft ihn die Angst vor der Zwangsräumung. »Bitte schickt mich nicht zurück, ich will ihnen nicht noch einmal in die Hände fallen!«

Die Nieuwer-Amstel-Polizisten sind gegenüber seiner Situation nicht unempfindlich. Er tut ihnen leid, und in einem am 26. Juni erhaltenen Brief an den Generalstaatsanwalt von Amsterdam versucht sogar der Bürgermeister von Nieuwer-Amstel, Gerrit Haspels, für Heinz einzutreten. Er schreibt, dass Heinz einen »günstigen und netten Eindruck« macht und dass er zudem im Besitz eines kürzlich ausgestellten Kasseler Führungszeugnisses sei, aus dem hervorgeht, dass er seit seiner Ankunft 1920 bis zu seiner Abreise Ende 1935 nie wegen einer Straftat festgenommen wurde. Er erwähnt auch die Angst von Heinz, wieder in die Hände der Kasseler Nationalsozialisten zu fallen, wobei er auch darauf hinweist, dass dies der Grund dafür ist, dass seine Ausweisung noch nicht erfolgt ist. Er will vom Generalstaatsanwalt wissen, was nun geschehen soll: Soll Heinz tatsächlich abgeschoben werden, oder gibt es wegen seiner besonderen Umstände eine Möglichkeit für ihn, in den Niederlanden zu bleiben?

Die Antwort ist negativ. Regeln sind Regeln: nach der Einreise in die Niederlande ohne gültiges Visum besteht keine Chance auf Aufenthaltserlaubnis. Heinz nimmt die Hilfe des Komitees für jüdische Flüchtlinge in Amsterdam in Anspruch, das am 20. März 1933 als Teil des Komitees für besondere jüdische Interessen gegründet wurde und sich speziell auf die Flüchtlingshilfe konzentriert. Professor Doktor David Cohen, der später in den Kriegsjahren einer der Präsidenten des Judenrat wurde, ist der Direktor des Komitees. Er teilt sich die tägliche Leitung mit Gertrude van Tijn-Cohn und Raphaël Henri Eitje, beide mit langjähriger Erfahrung in der jüdischen Wohlfahrtspflege. Etwa im Sommer 1936 wendet sich Heinz an das Komitee, das ihm zunächst nicht helfen will, weil sie ihn aus irgendwelchen Gründen nicht als jüdischen Flüchtling betrachten, aber trotzdem bei der Jüdischen Gemeinde in Kassel um Auskunft über ihn ersuchen. Da diese aus Kassel erhaltenen Informationen über Heinz nur Gutes berichten, hilft ihm das Komitee einige Male finanziell aus und versucht, ihm eine »Llamada«, ein Einreisevisum für Argentinien zu vermitteln.

Eine Tante von Heinz, eine Schwester seiner Mutter Ethel, Sophie Elfenbein, lebt dort in der jüdischen Kolonie Moisesville, und das Committee for Jewish Refugees sieht hier eine Chance. Sie schreiben am 9. September 1936 an den Hilfsverein Deutschsprechender Juden in Buenos Aires: kann Tante Sophie ihrem in den Niederlanden gestrandeten Cousin eine »Llamada« schicken und ist sie auch bereit, die Kosten für seine Überfahrt zu übernehmen? Einen Monat später kommt eine Antwort: der Hilfsverein sagt, man habe Tante Sophie geschrieben und ihr geraten, sich an die Sociedad de Proteccion a los Inmigrantes Israelites zu wenden, die viel mehr Erfahrung mit diesen Angelegenheiten hat und auch mit der Jewish Colonization Association zusammenarbeitet, von denen Moisesville eine Kolonie ist. Am 28. Oktober schreiben sie einen weiteren Brief an das Komitee für jüdische Flüchtlinge, diesmal mit einer schlechten Nachricht: der Brief, den sie an Tante Sophie schrieben, kam mit dem Vermerk »Adresse unbekannt« an den Absender zurück. Ein herber Rückschlag. Das Komitee für jüdische Flüchtlinge gibt nicht so leicht auf und schreibt an HICEM in Paris, eine amerikanische Organisation, die 1927 gegründet wurde, um die Auswanderung europäischer Juden zu unterstützen. Können sie vielleicht etwas für Heinz tun? Und ist es möglich, eine telegrafische Bestätigung zu schicken, dass sein Fall bearbeitet wird? Andernfalls muss er die Niederlande in vier Wochen verlassen, weil dann die befristete Aufenthaltserlaubnis, die er inzwischen erhalten hat, abläuft.