Karl Marx - Gareth Stedman Jones - E-Book

Karl Marx E-Book

Gareth Stedman Jones

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Beschreibung

»Eine profunde Neubewertung von Marx und eine fesselnde Lektüre«, so urteilt Bestseller-Autor Christopher Clark über Gareth Stedman Jones' hochgelobte Studie »Karl Marx: Die Biographie«. Denn Karl Marx war kein Marxist – zum Marxisten haben ihn andere gemacht. Indem Gareth Stedman Jones Leben und Werk von Marx konsequent aus ihrem Kontext im 19. Jahrhundert beschreibt, gelingt ihm eine faszinierende neue Deutung dieses epochemachenden Denkers. Endlich verstehen wir Marx' Entwicklung aus seiner Zeit heraus und wie er die Gedanken von Kant, Hegel, Feuerbach, Ricardo und anderen zu neuen Ideen schmiedete. Und wir verstehen Marx' grundlegende Begriffe wie z.B. »Mehrwert«, »Kapital« »Entfremdung«, »Ausbeutung«, »Proletarier«, »Revolution« usw. In einer Epoche des industriellen und politischen Umbruchs erscheint Marx als Zeitgenosse, der versucht, Antworten auf die neuen Herausforderungen zu finden. Antworten, von denen er nicht ahnen konnte, wie sehr sie die Welt verändern würden. »Eine profunde Neubewertung von Marx und eine fesselnde Lektüre.« Christopher Clark

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Seitenzahl: 1514

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Gareth Stedman Jones

Karl Marx

Die Biographie

 

Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirthensoh

 

Über dieses Buch

 

 

»Eine profunde Neubewertung von Marx und eine fesselnde Lektüre.«

Christopher Clark

 

 

Karl Marx war kein Marxist – zum Marxisten haben ihn andere gemacht. Indem Gareth Stedman Jones Leben und Werk von Marx konsequent aus seinem Kontext im 19. Jahrhundert beschreibt, gelingt ihm eine faszinierende neue Deutung dieses epochemachenden Denkers. Endlich verstehen wir Marx‘ Entwicklung aus seiner Zeit heraus und wie er die Gedanken von Kant, Hegel, Feuerbach, Ricardo und anderen zu neuen Ideen schmiedete. In einer Epoche des industriellen und politischen Umbruchs erscheint Marx als Zeitgenosse, der versucht, Antworten auf die neuen Herausforderungen zu finden. Antworten, von denen er nicht ahnen konnte, wie sehr sie die Welt verändern würden.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Karl Marx. Greatness and Illusion« im Verlag Allen Lane, London

© Gareth Stedman Jones, 2016

 

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: KOSMOS – Visuelle Kommunikatio Münstern

unter Verwendung einer Idee von Jim Stoddart

 

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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490558-7

 

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Inhalt

Prolog Die Entstehung einer Ikone (1883–1920)

Kapitel I Väter und Söhne: Von den Widersprüchen, ein Preuße zu werden

1 Revolution, Kaiserreich und die Juden im Rheinland

2 1815: Das Rheinland wird preußisch

3 1830 und danach

Kapitel II Der Anwalt, der Dichter und der Liebhaber

1 Henriette Presburg und ihre Kinder

2 Das Gymnasium in Trier und die Universität in Bonn

3 Ein verliebter Poet

4 Die Westphalens

Kapitel III Berlin und die nahende Götterdämmerung

1 Die neue Welt Berlins und der Tod des Vaters

2 Der Kampf um die Bedeutung des Rechts

3 Aufregende Philosophie: Idealismus von Kant bis Hegel

4 Die Auseinandersetzungen der 1830er Jahre: Strauß und die Entstehung des Junghegelianismus

5 Epikur: Atome und Freiheit

Kapitel IV Die Polis wiederaufbauen: Die Vernunft nimmt es mit dem christlichen Staat auf

1 Das Auseinanderbrechen der Familie

2 Bruno Bauer und die Zerstörung des Christentums

3 Das Archiv des Atheismus und die christliche Kunst

4 Die Rheinische Zeitung

5 Der Traum von der Republik

6 Das Ende der Rheinischen Zeitung

Kapitel V Das Bündnis derer, die denken, und derer, die leiden: Paris 1844

1 Prolog

2 Kreuznach

3 Wiedersehen mit Rousseau: Wahre Demokratie vs. repräsentativer Staat der Neuzeit

4 Die soziale Frage und das Proletariat

5 Die Deutsch-Französischen Jahrbücher: Planung und Wirklichkeit

6 »Die Emanzipation der Deutschen zu Menschen«

7 »Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch«: Vorwärts! und Schlesien

8 Eine Nachbemerkung zu Marx und dem Judentum

Kapitel VI Exil in Brüssel (1845–1848)

1 Umzug der Familie

2 Die »Kritik« der politischen Ökonomie

3 Zwischen Owen und Feuerbach: Der Kommunismus des Friedrich Engels

4 Eine Antwort auf Max Stirner

5 Eine materialistische Geschichtsauffassung?

6 Das Vermächtnis des Idealismus: Eine neue Sicht der Arbeit

7 Die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft neu denken

Kapitel VII Die nahende Revolution: Das Problem mit Deutschland

1 Eine deutsche Revolution?

2 Der »demokratische Diktator«

3 Aus dem Innenleben der »Partei«

4 Die Brüsseler Kritik der politischen Ökonomie

5 Die heraufziehende Revolution

6 Ausweisung aus Brüssel

Kapitel VIII Die Revolutionen der Jahrhundertmitte

1 Erneut Paris

2 Der Verlauf der Revolutionen

3 Köln

4 Die Neue Rheinische Zeitung

5 Die Neue Rheinische Zeitung und der Juniaufstand in Paris

6 Die Revolution auf dem Rückzug

7 1849: die letzten Monate

8 Die Nachwehen

9 Die Bedeutung von 1848

Kapitel IX London

1 Die ersten Jahre: »Ich bin so geplagt wie Hiob, obgleich nicht so Gottes fürchtig«

2 Am Fuß der Hampstead Hills

3 Bonaparte und der Bonapartismus

4 Die New-York Daily Tribune und der Journalismus der 1850er Jahre

5 Der Italienische Krieg und das Ende der »Partei«

Nachtrag Frederick Demuth

Kapitel X Die Kritik der politischen Ökonomie

1 Der »Rohentwurf« der Kritik der politischen Ökonomie von 1857/58: Die sogenannten Grundrisse

2 1844–1857: Die Entwicklung von Marx’ Kritik der politischen Ökonomie

3 Die Ursprünge einer gesellschaftlichen Form

4 Zwischen Hegel und Feuerbach

5 Die Produktion und ihre Grenzen

6 À quoi bon? Die Kritik der Politischen Oekonomie von 1859

7 Das Kapital schreiben

8 Der 1867 veröffentlichte Band Das Kapital

9 Das Kapital und die Geschichtsschreibung

Kapitel XI Das Kapital, die Sozialdemokratie und die Internationale

Teil I

1 Die »Neue Ära« verlangt neue Antworten

2 Lassalle und das Ende der »Partei«

3 Transnationalismus und die neue Politik der 1860er Jahre

4 Gewerkschaften und die Internationale Arbeiterassoziation

5 Die Ziele der Internationale: Die »Inauguraladresse«

6 Das Kapital und die Politik der 1860er Jahre

7 Die Grundlagen einer Klassenpolitik: Karls Arbeit im Generalrat

8 Die Wahlrechtsreform von 1867 und die Rebellion in Irland

Teil II

9 Der Deutsch-Französische Krieg

10 Die Commune und der Bürgerkrieg in Frankreich

11 Die Auseinandersetzung um die Frage der Föderation und das Ende der Internationale

Kapitel XII Zurück in die Zukunft

1 Der zweite Band des Kapital

2 Die Geschicke einer Familie

3 Die Entstehung der Sozialdemokratie in Deutschland

4 Die seltsame Genese des europäischen »Marxismus«

5 Karls Beitrag zur Entstehung des »Marxismus«

6 Die Dorfgemeinde – ein Phantasma des 19. Jahrhunderts

7 Das Ende eines Lebens

Epilog

Danksagung

Abbildungsnachweis

Bibliographie

Register

Tafelteil

PrologDie Entstehung einer Ikone (1883–1920)

Eine größere und allgemeinere Bekanntheit erlangte Karl Marx erstmals als der berüchtigte Revolutionär, der die Pariser Commune 1871 im Namen der Internationalen Arbeiterassoziation verteidigte. Infolge dieser Berühmtheit wurde seinem Werk als Theoretiker des Sozialismus oder Kommunismus wachsende Aufmerksamkeit zuteil. Die Veröffentlichung von Das Kapital 1867, zunächst auf Deutsch und anschließend auf Russisch, Französisch, Italienisch und Englisch, machte Marx zum prominentesten sozialistischen Theoretiker seiner Zeit und sorgte dafür, dass sich überall in Europa und Nordamerika Gruppen von Anhängern bildeten. Die Verbreitung seiner Lehren wurde insbesondere von seinem engsten Freund und Mitarbeiter Friedrich Engels betrieben, der behauptete, dank Marx’ Werk sei der Sozialismus keine bloße »Utopie« mehr, sondern eine »Wissenschaft«. Das Kapital verkündete den baldigen Zusammenbruch der herrschenden Produktionsweise und deren Ersetzung durch die sozialistische oder kommunistische Gesellschaft der Zukunft.

Die Russische Revolution von 1917 und eine Reihe weiterer Umsturzversuche in Mitteleuropa im Gefolge des Ersten Weltkriegs wurden allesamt Marx’ Lehren zugeschrieben. Ihnen folgte in der Zwischenkriegszeit der Aufstieg kommunistischer Parteien sowjetischer Art, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der glücklichen Lage befanden, die Kontrolle über fast alle Staaten Osteuropas übernehmen zu können. In China und Vietnam führten einheimische nationale Befreiungsbewegungen, die aus dem Widerstand gegen Imperialismus und Kolonialismus entstanden waren, kommunistische Revolutionen durch, und zwar ebenfalls im Namen des »Marxismus«. In den 1960er Jahren hatten sich vom Kommunismus oder vom revolutionären Sozialismus inspirierte Bewegungen auch in Lateinamerika ausgebreitet und in Kuba obsiegt. In Afrika beeinflusste der Kommunismus den ersten nachhaltigen Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika sowie Bewegungen, die der Kolonialherrschaft der Weißen im übrigen Kontinent ein Ende machen wollten.

Nach den Ereignissen von 1917 und der globalen Ausbreitung eines Kommunismus sowjetischer Machart wurde Marx im Rahmen einer immer monumentaleren Mythologie als heldenhafter Erfinder und Gesetzgeber des Kommunismus gefeiert. Er wurde als Begründer der Geschichtsphilosophie – des »historischen Materialismus« – und zusammen mit seinem Freund Engels als Architekt der zugehörigen Wissenschaftstheorie – des »dialektischen Materialismus« – verehrt. In kommunistischen Ländern errichtete man auf unzähligen öffentlichen Plätzen riesige Statuen, während Volkausgaben seiner Werke mehr Verbreitung fanden als die Bibel. Das ist die Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert und des Kalten Krieges, wie wir sie kennen. Wenig überraschend wurde sie mit der Entstehung »totalitärer« Staaten gleichgesetzt, in denen die Verbreitung einer offiziell verordneten Form des »Marxismus« von Säuberungen, Schauprozessen und einer strengen Überwachung sämtlicher Kommunikationsmittel begleitet war.

Überraschender ist da schon die Tatsache, dass der Mythos, der Marx umgab, keine Erfindung des sowjetischen Regimes ist. An ihm begann man schon zur Zeit von Marx’ Tod 1883 zu arbeiten, und in den nachfolgenden drei Jahrzehnten wurde er voll entwickelt. Die Erfindung dessen, was man dann später als »Marxismus« bezeichnete, war ursprünglich großteils das Werk von Engels in seinen Büchern und Streitschriften, angefangen beim Anti-Dühring im Jahr 1878. Genauer ausgearbeitet wurde er von den führenden Köpfen der Sozialdemokratischen Partei in Deutschland, insbesondere von August Bebel, Karl Kautsky, Eduard Bernstein und Franz Mehring. Die SPD war in den Jahren vor 1914 die größte sozialistische Partei der Welt und übte enormen Einfluss auf die Entwicklung des Sozialismus anderswo aus. Zum Teil aus Überzeugung, zum Teil aber auch in der Absicht, die Macht der Partei zu steigern, erschien es ihren Anführern opportun, Marx’ Reputation als revolutionärer Begründer einer Geschichtsphilosophie zu schützen und zu befördern. In Russland wurde der »Marxismus« als Philosophie wie als politische Bewegung in den 1880er und 1890er Jahren mit Nachdruck von Georgi Plechanow und anschließend dann von Lenin propagiert. In anderen Ländern, vom Habsburgerreich bis Spanien und Italien, bot der »Marxismus« eine einflussreiche Alternative zu Nationalismus, Republikanismus oder Anarchismus. Selbst in Ländern wie Großbritannien und Frankreich, wo ein ausgeprägter heimischer Radikalismus oder Sozialismus viel tiefer verwurzelt war, fand Das Kapital bei kleinen Gruppierungen und prominenten Intellektuellen Unterstützung.

Die SPD-Führung in Deutschland wusste nur zu gut, wie angreifbar ihre Vorstellung von Marx und seiner Theorie war. Sie fungierte als Nachlassverwalterin von Marx und Engels und diskutierte darüber, wie man mit der mitunter unangenehmen Kluft zwischen Vorstellung und Wirklichkeit umgehen sollte. Sie war der Ansicht, ein Eingeständnis von Marx’ Misserfolgen und Versäumnissen, ob nun auf politischer oder persönlicher Ebene, könnte den Rückhalt bei den einfachen Parteimitgliedern untergraben, von denen viele fest daran glaubten, der baldige Niedergang des Kapitalismus sei im Buch eines großen Philosophen endgültig bewiesen worden. Außerdem wollte man der kaiserlichen Regierung im Wilhelminischen Deutschland keine Gelegenheit bieten, die SPD durch Angriffe auf das Werk ihres Gründungsdenkers zu diskreditieren. Vieles im gängigen Bild des persönlichen Charakters, des politischen Urteils und der theoretischen Leistungen von Karl Marx beruhte auf dem Bedürfnis, sein Vermächtnis zu bewahren.

Der Preis für diese Haltung war eine zunehmende Aufblähung von Marx’ Ruf. Ausmaß und Bedeutung seiner Leistung wurden immer stärker glorifiziert, während die Bereiche, in denen seine Schriften oder Aktivitäten den Erfordernissen des Mythos nicht entsprachen, beschönigt oder unter den Teppich gekehrt wurden. Marx wurde als der Philosoph gefeiert, der in den Humanwissenschaften das geleistet habe, was Darwin im Bereich der Naturwissenschaften gelungen sei. Diese erfundene Parallele untermauerte den Anspruch der SPD, sie verkörpere die Wissenschaft vom Sozialismus. Entsprechend wurde auf der Grundlage des noch nicht veröffentlichten dritten Bandes des Kapitals behauptet, Marx’ Theorie habe den kommenden Sturz des Kapitalismus mit Gewissheit prognostiziert. Zwischen den 1890er und den 1930er Jahren wurde die Frage, wann genau der Kapitalismus zusammenbrechen werde, zum Gegenstand einer anhaltenden Debatte. Hinter dieser »Zusammenbruchstheorie« stand die Vorstellung, der Kapitalismus werde nicht infolge einer Revolte der Arbeiter an ein Ende kommen, das System werde vielmehr aufgrund fehlender neuer Märkte, die es ausbeuten könnte, an einen Punkt gelangen, an dem es endgültig zusammenbrechen werde.

Angesichts der hochgesteckten Erwartungen über seinen Inhalt, die auf diese Weise geweckt wurden, führte die tatsächliche Publikation des dritten Bandes 1894 zu beträchtlicher Enttäuschung. Grundlegende Kritik kam vor allem von dem österreichischen Ökonomen Eugen von Böhm-Bawerk, der bemängelte, dem Werk fehle es an einer zufriedenstellenden Theorie über das Verhältnis zwischen Werten und Preisen.[1] Unmittelbarer provozierte sie auch Eduard Bernstein zu seinem Angriff auf die Zusammenbruchstheorie. Diese Theorie beruhte auf den sich angeblich immer weiter verschärfenden Klassengegensätzen und einer immer größer werdenden Kluft zwischen Reich und Arm. Doch empirisches Material stützte diese Behauptung nicht. Bernsteins Attacke auf die Theorie galt als besonders schädlich, denn er war einer der Nachlassverwalter von Marx und Engels. Engels stellte das Vorwort zum dritten Band am 4. Oktober 1894 fertig. Am 5. August 1895 starb er. Kautsky, Chefredakteur der Neuen Zeit, der wichtigsten Theoriezeitschrift der Partei, lud zur Diskussion ein und veröffentlichte acht kritische Beiträge von Bernstein. Der Parteivorsitzende Bebel freilich war alarmiert und hoffte, Bernstein werde die Partei verlassen. 1898 und 1899 wurde auf Parteikongressen zwar über Bernsteins Kritik debattiert, doch wurde sie als »Revisionismus« verurteilt. Fortan wurde Bernsteins Sichtweise als Häresie eingestuft, die es vom »orthodoxen Marxismus« zu unterscheiden galt.[2]

Das, was man gemeinhin als »Marxismus« bezeichnete, beruhte von Anfang an auf einer zweifellos selektiven Ansicht darüber, was als Theorie zu gelten hatte, nicht nur im Hinblick auf mögliche Häretiker, sondern auch in Bezug auf Marx selbst. Der Marx, der seit den 1890er Jahren gefeiert wurde, war der Theoretiker des universellen Kapitalismus und seines unvermeidlichen globalen Niedergangs.

Die SPD-Führung musste zudem entscheiden, was man über Marx’ Persönlichkeit sagen sollte. 1905 schrieb Franz Mehring, der erste Marx-Biograph, an Karl Kautsky, die Korrespondenz zwischen Marx und Engels lasse sich unmöglich in unzensierter Form publizieren. Würde der Briefwechsel vollständig erscheinen, so Mehring, wären die Bemühungen der letzten zwanzig Jahre, Marx’ literarischen Ruf zu wahren, vergeblich gewesen. Denn die Briefe seien voller beleidigender Äußerungen über prominente Sozialdemokraten. Auch rassistische Spötteleien über mehrere Personen fänden sich darin, unter anderem über Ferdinand Lassalle, einen der Gründerväter der Sozialdemokratie. Daher begnügten sich der Parteivorsitzende August Bebel sowie Bernstein damit, 1913 eine vierbändige Auswahl der Briefe zu veröffentlichen, die in der von Mehring geforderten Weise »bereinigt« war. In einem Brief an Kautsky schrieb Bebel: »Nebenbei will ich Dir sagen – bitte aber streng zu verschweigen –, daß etliche Briefe überhaupt nicht abgedruckt wurden, weil sie uns zu haarig waren. Die beiden Alten haben damals eben eine Art gehabt, Briefe zu schreiben, mit der ich mich überhaupt nicht befreunden kann.«[3] In unzensierter Form wurden die Briefe erst zwischen 1929 und 1931 von David Rjazanov publiziert.

All das macht deutlich, dass Ende des 19. Jahrhunderts beträchtliche Unterschiede bestanden zwischen Marx selbst – wer er war, wie er sich verhielt, woran er glaubte, worüber er nachdachte – und der Art und Weise, wie er im politischen Diskurs dargestellt wurde. Die Person, die dabei entstanden war, war ein furchteinflößender bärtiger Patriarch und Gesetzgeber, ein Denker von gnadenloser Konsequenz mit einer bestechenden Zukunftsvision. Das war der Marx, wie ihn das 20. Jahrhundert – reichlich falsch – sehen sollte. Dieses Bild wurde auf brillante Weise von Isaiah Berlin artikuliert, der 1939 schrieb: Marx’ »Glaube an seine eigene synoptische Vision […] war von jener grenzenlosen, unbedingten Art, die allen Fragen ein Ende bereitet und alle Schwierigkeiten beseitigt […]. Sein intellektuelles System war ein geschlossenes Ganzes; alles, was sich ihm einfügte, wurde einem vorgefassten Leitbild angepasst, fußte jedoch auf Beobachtung und Erfahrung.«[4]

Ziel des vorliegenden Buches ist es, Marx wieder in sein zeitgenössisches Umfeld des 19. Jahrhunderts zu stellen, bevor diese posthumen Einzelheiten über seinen Charakter und seine Leistungen konstruiert wurden. Karl, wie wir ihn fortan nennen wollen, wurde in eine Welt hineingeboren, die gerade dabei war, sich von der Französischen Revolution, der napoleonischen Regierung im Rheinland, der halbvollendeten, aber rasch wieder zurückgezogenen Judenemanzipation und der erdrückenden Atmosphäre des preußischen Absolutismus zu erholen. Es war überdies eine Welt, in der es Fluchtmöglichkeiten gab, wenn auch überwiegend nur in der Phantasie. Es gab die Schönheit der griechischen polis, die Inspiration der Dichter und Dramatiker aus Weimar, die Macht der deutschen Philosophie und die Wunder der romantischen Liebe. Aber Karl war nicht nur Produkt der Kultur, in die er hineingeboren wurde. Er war von Anfang an auch fest entschlossen, der Welt seinen Stempel aufzudrücken.

Kapitel IVäter und Söhne: Von den Widersprüchen, ein Preuße zu werden

Drei Jahre nach der Schlacht von Waterloo, am 5. Mai 1818, wurde Karl Marx im Rheinland geboren. Alles um ihn herum zeugte von dem Bemühen, Europa nach dreißig Jahren der Zerstörung und der Veränderung, welche die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege mit sich gebracht hatten, wieder aufzubauen und wiederherzustellen, und nirgendwo waren diese Zeichen deutlicher zu sehen als im Rheinland. Dort war die Bevölkerung überwiegend katholisch – etwa eineinhalb von insgesamt zwei Millionen Seelen. Vor 1789 war es von drei Fürstbistümern bestimmt gewesen – Köln, Mainz und Trier –, deren althergebrachtes Privileg es gewesen war, zusammen mit ursprünglich vier weltlichen Fürsten den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zu wählen. Doch während der Revolution und der Napoleonischen Kriege hatten nicht nur sich bekriegende Armeen diese »Pfaffengasse«, wie man sie häufig nannte, immer wieder durchquert. Auch die Staaten, die diese Armeen befehligten, hatten die gesamte Region neu definiert: zunächst als Teil des revolutionären Frankreich 1794 und nach 1815 als Teil des protestantischen Königreichs Preußen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das seit dem Jahr 800 bestanden hatte, war 1806 unter dem Druck Napoleons aufgelöst worden, und die siegreichen Alliierten, die sich 1815 in Wien versammelten, unternahmen keinerlei Versuch, es wiederherzustellen.

Man muss sich das Ausmaß dieser Kriege vor Augen halten. Geschätzt fünf Millionen Europäer kamen dabei um, proportional gesehen waren das genauso viele wie im Ersten Weltkrieg. Auch die Kriegsführung selbst nahm ganz neue Dimensionen an. Im 18. Jahrhundert bestanden die Armeen aus einigen zehntausend Soldaten; die Truppe jedoch, die Napoleon 1812 in den Russlandfeldzug führte, umfasste 650000 Mann. Auch die Art und Weise, wie sich der Krieg auf die Gesellschaft auswirkte, veränderte sich. Die Kriege des 18. Jahrhunderts waren überwiegend zwischen Söldnertruppen ausgefochten worden, doch im Gefolge der Französischen Revolution wurden »nationale Armeen« gebildet, zunächst in Frankreich und dann in Preußen. Eine neue Vorstellung vom »Dienst am Vaterland« kam auf und mit ihr die Praxis der Einberufung zum Wehrdienst. Das Rheinland hatte relativ gesehen Glück und entging den unmittelbaren Verheerungen des Krieges, denn die großen Schlachten fanden anderswo statt. Doch als Teil des napoleonischen Kaiserreichs entkam man der Wehrpflicht nicht. Zwischen 1800 und 1814 trug das Rheinland 80000 Mann – ein Zwanzigstel der Bevölkerung – zu den zwei Millionen Soldaten bei, die von Frankreich mobilisiert wurden. Die Hälfte davon kehrte nie zurück.[1]

Geboren wurde Karl Marx in Trier, dem Zentrum des Moseltals im Südwesten des Rheinlands. Als Mittelpunkt einer rein landwirtschaftlich geprägten Region – mit Ausnahme von ein wenig Eisenproduktion in der Eifel – war das Schicksal Triers eng mit Trauben und Holz verknüpft. Weinberge und Wälder bestimmten die Hänge links und rechts des Flusses, und jenseits davon gab es die großen Waldgebiete im armen Hunsrück im Osten und in der Eifel im Norden. Im Jahr 16 v. Chr. als Augusta Treverorum gegründet – und damit wohl die älteste Stadt Deutschlands –, wurde Trier zur Hauptstadt der römischen Provinz Gallia Belgica. Als zeitweise wichtigstes Zentrum Galliens dürfte die römische Stadt etwa 80000 Einwohner gehabt haben. Nachdem ihre Bedeutung als Verwaltungszentrum im frühen Mittelalter geschwunden war, erhielten die Erzbischöfe von Trier im 12. Jahrhundert das Recht, als Kurfürsten den König zu wählen, und im Spätmittelalter erlebte die Stadt erneut eine Blütezeit. Doch 1802 belief sich die Einwohnerzahl von Trèves (wie die französischen Besatzer die Stadt nun nannten) laut offiziellen Berichten auf nur noch 8846 und sank mit dem Abzug französischer Soldaten und Beamter im Jahr 1814 weiter auf 7887. Danach stieg sie wieder an und betrug 1819 immerhin 11432.[2]

Marx’ Vater Heinrich war 1777 in der umkämpften Grenzstadt Saarlouis zur Welt gekommen, als dritter Sohn von Meier Halevi Marx, dem Rabbiner der örtlichen jüdischen Gemeinde. 1788 zog Meier Halevi nach Trier, um dort als Rabbiner zu wirken, und blieb bis zu seinem Tod 1804 dort. Heinrichs ältester Bruder Samuel trat in die Fußstapfen des Vaters und bekleidete das Amt des Rabbiners bis zu seinem Tod 1827, während Heinrich Anwalt wurde. Er war in seinem Beruf sehr erfolgreich und bekam um 1832 den Titel eines Justizrats verliehen. Am 10. Mai 1838 starb der weithin als bedeutender rheinischer Jurist anerkannte Heinrich Marx. Karls Mutter Henriette wurde 1788 geboren und stammte aus einer jüdischen Familie im holländischen Nijmegen, wo ihr Vater als Kaufmann, als Geldwechsler und als Eintreiber von Lotteriegeldern tätig war. 1814 heiratete sie Heinrich, den sie vermutlich über Bekannte in Amsterdam kennengelernt hatte. Sie gebar ihm neun Kinder und starb am 30. November 1863.[3] Irgendwann zwischen 1816 und 1819 ließ sich Heinrich taufen und trat zum Protestantismus über. Seine Kinder wurden um 1824 ebenfalls getauft, Henriette ein Jahr später.

1Revolution, Kaiserreich und die Juden im Rheinland

Das historische Drama, das sich hinter diesen nackten biographischen Tatsachen verbirgt, war das der Französischen Revolution, die zur französischen Besetzung des Rheinlands, den Reformen des Ersten Kaiserreichs und 1815 zum Fall des Rheinlands an Preußen führte – Ereignisse, die auch das Schicksal der Familie Marx nachhaltig veränderten. Denn ohne die Auswirkungen der Revolution hätte Heinrich niemals Anwalt werden können, ohne die Bildungsinitiativen Napoleons hätte er nie seinen juristischen Abschluss bekommen, und ohne eine Anpassung an die immer restriktivere Politik Preußens gegenüber den Juden nach 1815 hätte er niemals Anwalt bleiben können.

Diese folgenschweren Ereignisse prägten auch das Weltbild des jungen Karl, seine Beziehung zu den Eltern und seine im Allgemeinen negative Einstellung gegenüber der jüdischen Vergangenheit seiner Familie. Der lange Schatten, den diese Geschehnisse warfen, erklärt sich durch die enormen Hoffnungen, die in den ersten Jahren der Revolution zwischen 1789 und 1791 geweckt wurden: das Versprechen einer repräsentativen Regierung, der Religions- und Meinungsfreiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz, all das formuliert in der universellen Sprache der »Menschenrechte«. Dieser Traum stellte für die Generation von Heinrich Marx einen entscheidenden Wendepunkt dar. Man muss sich gleichermaßen jedoch die späteren Ereignisse der Jahre 1792–1794 in Erinnerung rufen, die zur dramatischen Ablösung der diskreditierten Monarchie Frankreichs und zur Errichtung einer Republik führten, einer Staatsform, die man bis dahin in den großen, alten, bevölkerungsreichen Staaten Europas für unmöglich gehalten hatte. Die neugegründete Republik hatte sich mit Hilfe einer Bürgerarmee, einer demokratischen Verfassung und sogar einer Zivilreligion, welche die Vision von einer neuen Welt unterfütterte, erfolgreich gegen den Rest Europas zur Wehr gesetzt. Doch sie hatte auch den terreur, den faktischen Bankrott und den Sturz des radikalen Jakobinertums mit sich gebracht. Für die Radikalen aus Karls Generation war 1792 wichtiger als 1789. Die Jakobinerrepublik diente ihnen als Inspirationsquelle wie als Ausgangspunkt für jeden Erklärungsversuch, warum die Revolution letztlich scheiterte. Dieses Spannungsverhältnis zwischen liberalen und republikanischen Vorstellungen von Revolution sollte die Sprache der Oppositionsgruppen im Rheinland bis zu den Revolutionen von 1848 bestimmen.

Die Veränderungen, welche die Revolution mit sich brachte, waren folgenreich. Vor 1789 war die Regierung Frankreichs auf der Basis eines hierarchisch konzipierten Ständesystems organisiert gewesen, das auf der vermeintlichen Unterscheidung zwischen denen, die beteten, denen, die fochten, und denen, die arbeiteten, beruhte. In der neuen Verfassung wurden diejenigen, die arbeiteten – der sogenannte Dritte Stand –, zur Nation als solcher. Die Privilegien und die eigenständige Existenz der beiden anderen Stände, des Adels und des Klerus, wurden abgeschafft. Überdies wurden in der Nacht des 4. August 1789 in Stadt und Land die Feudalherrschaft und die Feudalvorrechte für nichtig erklärt. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, und Bauern durften den Grund, den sie bestellt hatten, in Besitz nehmen, entweder sofort oder nach Zahlung einer bescheidenen Ablösegebühr. Und schließlich ruhte die neubegründete Nation mit der Umwandlung der Generalstände in die Nationalversammlung nunmehr auf einer neuen, rein weltlichen Quelle politischer Legitimität, nämlich der Volkssouveränität.

Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, die Revolutionsgeschehnisse wären einer klar umrissenen revolutionären Agenda gefolgt. Erst rückblickend ließen sie sich so verstehen. Tatsächlich war der Prozess deutlich widersprüchlicher und wirrer.

Zu Beginn der Revolution »war die überwältigende Mehrheit der Deputierten davon überzeugt, alle Reformen müssten unter den Vorzeichen der Monarchie umgesetzt werden, in enger Zusammenarbeit mit einem König, dem sie weiterhin treu ergeben waren«. Die Deputierten träumten »von einer Rückkehr zu einer idealisierten Vergangenheit, von einem Reformprozess, in dem historische Vorläufer außerordentlich bedeutsam blieben«. Doch schließlich gelangten die Delegierten im Sommer 1789, »innerhalb von sechs Wochen voller außerordentlich intensiver Treffen«, zu einer »Haltung, die sich nur als revolutionär bezeichnen lässt«, zu »einer neuen Vorstellung von nationaler Souveränität, die in ihren Implikationen radikal demokratisch war«.[1]

Zu Beginn schien es am wahrscheinlichsten, dass die Assemblée nationale constituante sich für die historisch gewachsene Monarchie entscheiden würde, allerdings in einer durch eine Ausbalancierung der Macht gemäßigten Form, wie es der Verfassungsausschuss und sein weithin geachteter Vorsitzender Jean-Joseph Mounier vorgeschlagen hatten. Stattdessen jedoch verabschiedete sie eine radikal neue Verfassung, die auf der Volkssouveränität und einer einzigen gesetzgebenden Versammlung beruhte, ein Vorschlag, der eher im Sinne Rousseaus war. Die Krone, die nunmehr im Grunde als untergeordnete Exekutivmacht definiert wurde, erhielt lediglich temporäre Macht in Gestalt eines aufschiebenden Vetos, und diese wurde zusätzlich begrenzt durch die Berufung auf das Volk als letzte Instanz. Dieses System aber, so der Girondistenführer Jacques Pierre Brissot, konnte nur mit einem »revolutionären König« funktionieren.[2]

Viele der Abgeordneten waren unsicher, ob die Konstituante ein bestehendes System reformieren oder ein völlig neues System etablieren sollte. Das Ergebnis war deshalb, wenig überraschend, inkohärent, eine völlig instabile und im Grunde unhaltbare Mischung aus dem Rousseau’schen Prinzip der unveräußerlichen Souveränität der volonté générale und dem dezidiert anti-rousseauistischen Prinzip einer repräsentativen Versammlung.

Diese verwirrenden Zielsetzungen waren zum Teil der Schwäche einer finanziell bankrotten Exekutive geschuldet, die nicht in der Lage war, die Übernahme einer Sprache abstrakter Universalien nach dem Vorbild der Amerikaner 1776 zu verhindern. Verschiedene Angehörige der Assemblée verwiesen auf die Gefahren, die ein solches Gerede berge. Beispielhaft dafür steht die Argumentation von Jérôme-Marie Champion de Cicé, dem Erzbischof von Bordeaux: »Wir dürfen uns nicht mit den natürlichen Rechten befassen, die an der Wiege flügge werdender Völker definiert werden, sondern mit den Bürgerrechten, dem positiven Recht eines großen Volkes, das in den vergangenen fünfzehn Jahrhunderten geeint war […]. Lassen wir den natürlichen Menschen und beschäftigen wir uns lieber mit dem Los des zivilisierten Menschen.« Ein anderer Gemäßigter, Pierre-Victor Malouet, verwies auf die offenkundigen Risiken, die ein solcher Ansatz mit sich bringe. Anders als in Amerika, so meinte er, einer Gesellschaft, die »für die Demokratie bereit« gewesen sei und »vollständig aus Grundbesitzern bestanden« habe, würde man in Frankreich die »notwendigen Bindungen« zerstören und zu »universeller Zerrüttung« anstiften, wenn man »leidenden Menschen ohne Wissen und Mittel auf absolute Weise verkündet, sie stünden rechtlich auf der gleichen Stufe wie die Mächtigsten und Reichsten«.[3]

Als die Revolution Fahrt aufnahm, bekam diese Sprache universeller Rechte eine immer zwingendere Schärfe. Das war zum Teil sicher der Radikalisierung der Revolution geschuldet, die sich mit wachsender Feindseligkeit vonseiten der katholischen Kirche, dem Widerstand und Fluchtversuch des Königs, dem Bürgerkrieg in der Vendée und der zunehmenden Entschlossenheit der europäischen Mächte konfrontiert sah, die »bewaffnete Lehre« der Revolution, wie Edmund Burke sie nannte, zu bekämpfen. In diesem Ausnahmezustand wurde anstelle der religion royale des Ancien Régime eine neue Form des Heiligen konzipiert, das in der Nation wurzelte. Alte kirchliche Strukturen und die heiligen Fundamente der Königsherrschaft wurden beseitigt, ja sogar das Christentum als solches. Der Druck, politische und religiöse Macht miteinander zu verschmelzen, nun aber unter republikanischen Vorzeichen, wurde immer größer. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Prozess im Sommer 1794 mit dem von Robespierre begründeten »Kult des höchsten Wesens«, einer republikanischen Zivilreligion, deren Grundzüge ursprünglich in Rousseaus Gesellschaftsvertrag skizziert worden waren.

Die Unterschiede zwischen dem, was man heute als »Liberalismus« und »Republikanismus« bezeichnen würde, entwickelten sich erst im Verlauf dieser eskalierenden Konflikte, doch die Diskrepanz zwischen ursprünglicher Absicht und politischem Resultat war von Anfang an vorhanden. Denn schon 1789 führte die Tatsache, dass sich die Nationalversammlung einer Sprache des Naturrechts und der Volkssouveränität bediente, zu Ergebnissen, die wenig mit den zunächst bekundeten Zielen zu tun hatten. Schon damals war in den Debatten mehr von politischem Willen als von gesellschaftlicher Vernunft die Rede, mehr von absoluter Souveränität als von einer durch die Menschenrechte beschränkten Regierung; mit dieser Sprache ließ sich auch der terreur rechtfertigen.[4]

Dieses Spannungsverhältnis zwischen liberaler und republikanischer Sicht der Revolution zeigte sich besonders deutlich im Fall der Judenemanzipation. Gemäß der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 wurden die Menschen frei und gleich an Rechten geboren und blieben es auch. Überdies sollte niemand wegen seiner Anschauungen, und seien sie religiöser Art, belangt werden, solange deren Äußerung nicht »die durch das Gesetz begründete öffentliche Ordnung« störte. Auf dieser Grundlage gewährte die Assemblée constituante den Juden am 27. September 1791 den Status französischer Staatsbürger und alle damit verbundenen Rechte.

Vor 1789 waren die Denker, die den Juden am wohlgesinntesten waren, Protestanten gewesen, im Exil in Holland lebende Franzosen wie Pierre Bayle und Jacques Basnage oder Freidenker in England wie John Toland, die Glaubensfreiheit für alle Bekenntnisse forderten. Auch Montesquieu hatte im Namen der Vernunft auf Toleranz gedrängt, aber auch aus Gründen der Staatsräson, denn er wollte sichergehen, dass die kaufmännischen Aktivitäten der Juden ganz den Interessen des Staates dienten. Die katholische Haltung, wie sie von Jacques Bossuet und Claude Fleury artikuliert wurde, war aus theologischen Gründen negativer Natur. Zwar sei richtig, dass die Juden den Ruhm Gottes bezeugten und Teil der traditionellen Kirchengeschichte seien; deshalb müsse man sie schützen. Aber sie kündeten auch von Gottes Zorn; deshalb müsse man sie entweder in einem Zustand der Erniedrigung halten oder bekehren. Am negativsten gegenüber Juden eingestellt waren freilich nicht christliche Gläubige, sondern eine Denkrichtung unter den philosophes, insbesondere bei Voltaire, für den Juden »den größten Geiz mit dem verachtenswertesten Aberglauben« verbanden. Diese Ansichten teilten mehr oder weniger auch andere führende Philosophen wie Diderot, Jaucourt und D’Holbach.[5]

1789 offenbarten die Cahiers de doléances – die Beschwerdehefte, die in den Wahlkreisen zusammengestellt und dann nach Paris geschickt wurden – weitaus profanere Gründe für antijüdische Empfindungen, insbesondere im Elsass und in den östlichen Provinzen, die ans Rheinland grenzten. Dort waren es weniger religiöse Argumente, sondern ökonomische Klagen über jüdischen Zinswucher. Diese Ressentiments hatten eine reale Basis im demographischen und wirtschaftlichen Druck, der auf den Bauern lastete; sie hatten unter Besitzteilung und Münzknappheit zu leiden und kaum Zugang zu regulären Krediten. Ihre Wut entlud sich im Juli 1789, etwa zur Zeit der Grande Peur. Die Bauern erhoben sich nicht nur gegen die seigneurs, sondern auch gegen die Juden, von denen mehrere hundert gezwungen waren, aus dem Rheinland nach Basel oder Mulhouse zu fliehen. Das erklärt teilweise, warum die Nationalversammlung Protestanten und Schauspielern am 24. September 1789 und der Gemeinde sephardischer Juden in Bordeaux (den »Portugiesen«) im Januar 1790 gleiche Rechte einräumte, diese aber erst im September 1791 auf die Juden in den östlichen Provinzen ausdehnte, und das vermutlich auch nur deshalb, weil sich das politische Klima nach der versuchten Flucht des Königs nach Varennes im Juni zuvor geändert hatte.

1792/93 besetzten französische Truppen das südliche Rheinland und errichteten in Mainz, dessen Bevölkerung religiös ähnlich zusammengesetzt war wie in Trier, eine Jakobinerrepublik. 1794 übernahmen sie das gesamte linke Rheinufer (der Fluss war angeblich die eigentliche Grenze des romanischen Gallien und schon lange ein Ziel französischer Expansionsbestrebungen, das sich auch der Revolutionär Danton zu eigen machte) und blieben dort bis zum Sturz Napoleons 1815. Das Rheinland war Teil der französischen Republik und anschließend des Ersten Kaiserreichs geworden. Die Doktrin der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte wurde deshalb auch dort ins Werk gesetzt.

Die Lage der 22000 Personen umfassenden jüdischen Bevölkerung im überwiegend katholischen Rheinland war je nach Region höchst unterschiedlich. In Köln beispielsweise waren die Juden seit ihrer Vertreibung 1424 aus der Stadt ausgeschlossen; in Bonn waren sie, anders als Protestanten, geduldet; in Aachen waren sogar Protestanten gezwungen, ihre Gottesdienste außerhalb der Stadttore abzuhalten; in Mainz wiederum genossen Juden und Christen die gleichen Rechte – Juden konnten christliche Schulen besuchen, und seit 1786 durften Protestanten wie Juden an der örtlichen Universität einen Abschluss erwerben. In Trier hatten die Juden eine besonders wechselhafte Geschichte erlebt. Zur Zeit des Ersten Kreuzzugs im Jahr 1096 und dann wieder während der Pest waren sie Ziel von Übergriffen gewesen, doch dazwischen war es ihnen überwiegend recht gut ergangen. Nachdem sie fast das ganze 15. Jahrhundert über und dann wieder Ende des 16. Jahrhunderts aus der Stadt verbannt waren, kam es 1675 zu letzten größeren Übergriffen auf ihren Besitz. Im 18. Jahrhundert scheinen sich die Gegensätze abgeschwächt zu haben. Juden erfuhren größere Toleranz und eine bessere Behandlung, weil eine katholische Aufklärungsbewegung auf eine stärkere Gleichberechtigung für religiöse Minderheiten drängte. Katholischen Reformern, insbesondere den »Febronianern« in Trier, ging es bei ihrem Tun ums Prinzip. Sie befürchteten jedoch auch, hinter protestantische Gegenden in Deutschland zurückzufallen, wo eine Mischung aus Aufklärung und ökonomischer Staatsräson zu einem stetig wachsenden Wohlstand geführt hatte.[6]

Juden allerdings wurden nicht wie gleichberechtigte Mit-Untertanen dieser verschiedenen Fürstentümer, Erzbistümer und Stadtstaaten behandelt, sondern – wie anderswo auch – als Angehörige eines eigenen »Volkes« außerhalb der jeweiligen Staatswesen. Sie durften deshalb nur in bestimmten Stadtvierteln leben, waren von zahlreichen Berufen ausgeschlossen und einer diskriminierenden Steuer unterworfen, die als eine Art Schutzgeld gerechtfertigt und der örtlichen jüdischen Gemeinde als Ganzes abverlangt wurde, welche die Summe dann auf die Gemeindemitglieder umlegen musste.

Trotz der ambivalenten Einstellungen gegenüber Juden wurde schon am Vorabend der Revolution eine Brücke zwischen Universalismus und Judenemanzipation geschlagen. Doch die daraus erwachsende Haltung lief nicht auf den vollständigen und bedingungslosen Besitz gleicher Rechte hinaus. In Frankreich blieb die Argumentation, ganz gleich ob sie von reformfreudigen Katholiken wie dem Abbé Grégoire, Angehörigen der »Patriotenpartei« oder Sympathisanten der Aufklärung stammte, explizit oder implizit an Bedingungen geknüpft. Das Argument lautete, die Zuerkennung gleicher Rechte werde die »Besserung« (régénération) der Juden beschleunigen, also ihre Assimilation an die »nationale« Gemeinschaft und schließlich ihr Verschwinden binnen weniger Generationen.

Die Grundzüge dieser Debatte hatten sich zunächst in Deutschland herausgebildet, wo die Aufteilung Polens mit seinen 750000 Juden zwischen Russland, Österreich und Preußen unvorhergesehene Fragen aufgeworfen hatte, wie man mit diesen neuen Untertanen umgehen sollte.[7] In Österreich führte das zum »Toleranzpatent« Josephs II. im Jahr 1782. In Preußen, wo sich die kleine jüdische Bevölkerung verdoppelt hatte, erschien ein Jahr zuvor das erste nachdrückliche Emanzipationsplädoyer von nicht-jüdischer Seite, nämlich von Christian Dohm, einem kurz zuvor in preußische Dienste getretenen gelehrten Juristen. Dohm war ein Freund von Moses Mendelssohn, dem wohl bekanntesten Vertreter des aufgeklärten Judentums, der ihn gebeten hatte, sich in einer Denkschrift mit den schwer bedrängten elsässischen Juden zu befassen. Als Verfechter einer Vernunftreligion lehnte Dohm alle »positiven« religiösen Weltanschauungen ab. Seine Argumentation, deren er sich in Über die bürgerliche Verbesserung der Juden befleißigte, ging vor allem dahin, dass die Juden zu glücklicheren und nützlicheren Mitgliedern der Gesellschaft werden würden, sobald ihre »unseres Zeitalters so unwürdige« Unterdrückung, die sie verdorben habe, beendet sei. Die Beseitigung der rechtlichen Diskriminierung, so seine Annahme, werde zur Assimilation der Juden in die nicht-jüdische Gesellschaft und zum allmählichen Verschwinden einer spezifisch jüdischen Identität führen. Statt von ihren »ungeselligen Religionsgesinnungen« würden sie vom Patriotismus und von der Liebe zum Staat beseelt sein. Dies werde Teil eines allgemeineren Wandels der Gesellschaft als Ganzem von einer Hierarchie der Stände hin zu einer auf Verdienst basierenden Gesellschaftsstruktur sein.[8]

Dieses Buch wurde rasch übersetzt und in Frankreich veröffentlicht, wo es unmittelbare Wirkung zeitigte. So inspirierte es 1787 einen Aufsatzwettbewerb in Metz, dessen Preisfrage lautete: »Gibt es ein Mittel, die Juden in Frankreich nützlich und glücklich zu machen?« Die berühmteste Antwort darauf kam vom Abbé Grégoire. Wie Dohm plädierte auch Grégoire dafür, die Hindernisse für Juden, ziviler wie politischer Art, zu beseitigen – allerdings nicht so sehr, um ihre Nützlichkeit zu steigern, sondern um ihre »Besserung« zu erreichen. Grégoire war der erste katholische Geistliche, der voller Mitgefühl über die schlimme Lage der Juden schrieb, aber er bediente sich zugleich in umfangreichem Maße aus allen möglichen Quellen, um ihre »Verdorbenheit« zu erklären. Danach hatte Gott die Juden nicht nur damit gestraft, dass er sie über die ganze Welt verstreute. Grégoire teilte überdies mit Johann Kaspar Lavater, dem Schweizer Kleriker und weithin geschätzten Erfinder der »Wissenschaft« der »Physiognomie«, die Überzeugung, dass man ihre moralische Degeneriertheit an ihren Gesichtszügen erkennen könne.[9]

Nach Ausbruch der Revolution wurde Grégoire zu einem der führenden Vertreter der neuen »konstitutionellen« Kirche, die von der Nationalversammlung ins Leben gerufen worden war, um die Missstände in der katholischen Kirche des Ancien Régime zu beseitigen. Mit der Heraufkunft dieser neuen Kirche und Gesellschaft, so glaubte er, würden die aschkenasischen Juden in der Nation aufgehen. Überdies kam das Plädoyer für die »Besserung« der Juden nun in universalistischer Begrifflichkeit daher. Denn vor 1789 seien sämtliche Gruppen unter dem Ancien Régime mehr oder weniger stark verdorben gewesen. Er hegte keinerlei Zweifel, dass die neue Nation von einheitlichem Charakter sein und deshalb alle nun ihre Sitten und Werte verändern müssten. Die erstrebte neue Homogenität ließ sich in seinen Augen insbesondere durch Mischehen erreichen. Neben den Juden galt Grégoires besonderes Augenmerk der »Besserung« der Landbevölkerung, der freien Schwarzen sowie – das war ihm ein ganz besonderes Anliegen – der Mundartsprecher.

Inwieweit veränderte sich das Schicksal der Familie Marx in den zehn Jahren nach dem Emanzipationserlass von 1791?[10] Dafür finden sich allenfalls indirekte Belege, und sie zeigen, dass sich die Situation der Juden im Rheinland nicht wirklich verbessert hatte. Bei der Wahl des Wohnorts gab es größere Freiheiten, und auch der Zugang zu vielen Handwerksberufen war den Juden nun erstmals möglich. Andererseits herrschte eine zunehmende jakobinische Feindseligkeit gegenüber allen bestehenden Formen von Frömmigkeit, die in der Schließung aller Kirchen und Synagogen zwischen September 1793 und Februar 1795 oder ihrer Umwandlung in Tempel der Vernunft gipfelte. Die Wiederherstellung der Gemeinden nach diesen traumatischen Ereignissen erwies sich oft als schwierig, denn viele waren mit ihrem neuen säkularen Status als gleichberechtigte citoyens glücklich und weigerten sich, wieder Beiträge an die Gemeinde zu zahlen. Auch die Unterbringung der französischen Besatzungstruppen und ihre Versorgung waren ein Problem. Im benachbarten Elsass ließen die harten Jahre des französischen Thermidor-Regimes (1795–1799) die Wut gegen Zinswucher wieder anschwellen. Obwohl christliche Kreditgeber daran genauso beteiligt waren, richtete sich der Zorn der Bauern in erster Linie gegen die Juden.[11]

Weitaus dramatischer veränderte sich das Los der rheinländischen Juden unter der Herrschaft Napoleons. In den 1790er Jahren hatten sich die Jakobiner gegenüber der lokalen Bevölkerung im Allgemeinen ausbeuterisch verhalten. Sie hatten alle vier Universitäten des Rheinlands – Bonn, Köln, Trier und Mainz – geschlossen und örtliche Kunstschätze nach Paris abtransportiert. Napoleon dagegen warb entschlossen um die Unterstützung der lokalen Eliten. Er schaffte den Revolutionskalender ab und förderte lokale Bräuche und Feiertage (nicht zuletzt den Tag des heiligen Napoleon). Den Geisteswissenschaften und den traditionellen Fächern, die an den Hochschulen gelehrt wurden, stand er feindselig gegenüber, doch berufsbezogene Fächer förderte er mit Begeisterung. Neben den angewandten Wissenschaften interessierte er sich besonders für die Jurisprudenz, die sein neu ausgearbeitetes und definitives Gesetzbuch, den Code Napoléon, unterstützen sollte. Das war ein Projekt, das des Begründers eines zweiten Römischen Reiches und dessen neuen Justinians würdig war. Auf einer Rundreise durch das Rheinland 1804 hielt er sich kurz in Trier auf, wo er befahl, die prächtige römische Porta Nigra von dem Sammelsurium an mittelalterlichen Gebäuden ringsum zu befreien, und die Gründung einer neuen Rechtsschule in Koblenz anordnete.[12]

Um vor allem die westfranzösische Region der Vendée, das Kernland royalistischen und klerikalen Widerstands gegen die säkulare Republik, zu befrieden, schloss Napoleon 1801 ein Konkordat mit dem Papst. Nachdem er damit katholische Einwände gegen seine Herrschaft beseitigt hatte, ergriff er Maßnahmen, um auch die anderen Konfessionen und Religionen einer einheitlichen staatlichen Verwaltung zu unterwerfen, insbesondere die der Protestanten und Juden. Seine Begründung dafür lautete: »Die Menschen müssen einen Glauben haben; dieser Glauben muss von der Regierung kontrolliert werden. […] Meine Politik ist es, die Menschen so zu regieren, wie dies von der großen Mehrheit gewünscht wird. Auf diese Weise, glaube ich, anerkennt man die Souveränität des Volkes. […] Sollte ich jemals ein Volk von Juden regieren, dann würde ich den Tempel Salomons wieder aufbauen.«[13]

Napoleon, so scheint es, hegte eine tiefsitzende Abneigung gegenüber Juden, die teils seiner katholischen Erziehung, teils seiner Voltaire-Lektüre geschuldet war. »Die Juden sind ein widerwärtiges Volk«, schrieb er in seinen Erinnerungen an St. Helena, »feige und grausam.«[14] Gleichzeitig war er jedoch fest entschlossen, die endemischen Spannungen in den neuen Ostprovinzen des Kaiserreichs zu beseitigen, indem er insbesondere den Prozess der jüdischen »Besserung« beschleunigte. Trotz seiner Abneigung tat er demnach viel dafür, den rechtlichen Status jüdischer Bürger zu klären und ihre beruflichen Möglichkeiten zu erweitern.

Am 9. Februar 1807 wurde Samuel Marx, der Rabbiner von Trier – Heinrichs Bruder und Karls Onkel – gemeinsam mit 71 weiteren Rabbinern und führenden jüdischen Laien von Napoleon zum »Großen Sanhedrin« nach Paris eingeladen.[15] Um die Assimilation zu befördern, war einem früher einberufenen Rat jüdischer Notabeln eine Reihe feindseliger Fragen gestellt worden, die jene Punkte aufdecken sollten, in denen das jüdische Recht als unvereinbar mit den Gesetzen der Nation galt. Man wollte von ihnen wissen, wie ihre Haltung zum Patriotismus, zur Mischehe, zu staatlicher Autorität und zum Zinswucher war. Als Ergebnis dieses Sanhedrins organisierten zwei Erlasse den jüdischen Glauben entsprechend staatlich gebilligter Leitlinien neu. Die Mitglieder des Rabbinats wurden ähnlich wie die protestantischen Pastoren und die katholischen curés Staatsangestellte, und die Verwaltung des jüdischen Glaubens wurde, ähnlich wie bei den protestantischen Gemeinden, einem Consistoire central übertragen. Ungleich problematischer war der dritte Erlass, das sogenannte »schändliche Dekret« (décret infâme). Es führte die Praxis der diskriminierenden Besteuerung fort, war jedoch angeblich dazu gedacht, Hindernisse für die jüdische »Besserung« zu beseitigen, insbesondere die Praxis des »Wuchers«. Es drängte nicht nur auf eine »Diversifizierung« in andere Berufe, sondern veränderte auch bestehende Kreditvereinbarungen, verpflichtete jüdische Kaufleute, ihre Handelserlaubnis alljährlich wieder neu beim Präfekten zu beantragen, verbot Juden, sich – anders als andere Bevölkerungsgruppen – durch Ersatzzahlungen vom Wehrdienst freizukaufen, und zwang sie dazu, sich registrieren zu lassen und, wenn nötig, ihren Namen entsprechend zu ändern, damit er den neuen zivilen Meldevorschriften entsprach.

Die Juden im Rheinland wollten unbedingt ihren Patriotismus demonstrieren und taten deshalb ihr Möglichstes, diese Dekrete zu befolgen, insbesondere die Regelungen, die sich gegen das Zins- und Wechselgeschäft richteten. Bei einer Synagogenfeier zu Napoleons Geburtstag am 16. August 1808 drängte Karls Onkel Samuel die Jugend dazu, sich Handwerksberufen, der Landwirtschaft oder den Wissenschaften zu widmen; sein eigener Sohn machte gerade eine Ausbildung zum Gärtner. Auch das neueingerichtete Konsistorium wollte unbedingt gegen den Wucher vorgehen. In einem Dokument von 1810 heißt es, Samuel lasse »keine Gelegenheit vergehen […], ohne auf die dem Geist des Fanatismus so gegensätzlichen Prinzipien unserer Religion hinzuweisen«; und des Weiteren wurde beschlossen, jeden »Israelit«, der sich infolge Wuchers »des Betrugs gegenüber einem Nicht-Israeliten schuldig gemacht hat«, sofort den Behörden zu melden.[16] Etwa um dieselbe Zeit dürfte auch Karls Vater seine berufliche Laufbahn als Anwalt begonnen haben. Entsprechend den neuen Anforderungen der Zivilverwaltung änderte Heinrich – ursprünglich Heschel – seinen Namen nunmehr in Henri. Er findet sich im Verzeichnis derjenigen, die für den dreijährigen Lizentiatskurs an der Rechtsschule in Koblenz eingeschrieben waren, und 1814 – in dem Jahr, in dem er heiratete – bezeugte er mit seiner Unterschrift die Geburt seiner Nichte: »H. Marx avoué«.[17]

Doch die Zeit Napoleons und seines neuen Kaiserreichs war abgelaufen. Auf seinem katastrophal verlaufenden Russlandfeldzug verlor Napoleon 570000 Mann. Die russische Armee rückte weiter Richtung Westen vor, und das preußische Kontingent der Grande Armée desertierte. Die Österreicher schlossen sich wieder der Koalition an, und im Oktober 1813 wurde Napoleons 200000 Mann starke Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig von 365000 österreichischen, preußischen, russischen und schwedischen Soldaten geschlagen. Als die Überreste von Napoleons Truppen im November in Mainz einrückten, starben weitere 18000 an Typhus. Ende Januar 1814 war das gesamte linke Rheinufer wieder in der Hand der Alliierten.

21815: Das Rheinland wird preußisch

Was nunmehr mit dem Rheinland geschehen sollte, war zwischen den siegreichen alliierten Mächten umstritten. Preußen hoffte als Anteil an der Kriegsbeute auf ein Stückchen Sachsen. Doch nach dem Zusammenbruch der Österreichischen Niederlande in den 1790er Jahren waren die Briten entschlossen, Preußen – eine großteils östliche Macht – anstelle Österreichs als westliche »Wacht« gegen neue militärische Abenteuer der Franzosen einzusetzen. Preußen widersetzte sich dieser Lösung so lange wie möglich. Denn das brachte die enorme Verantwortung mit sich, die lange Westgrenze Deutschlands zu verteidigen. Die Menschen im Rheinland waren gleichermaßen wenig begeistert. Die große Mehrheit von ihnen war katholisch und hätte vermutlich einen Habsburger als Herrscher bevorzugt. Sie bezeichneten die Preußen als »Litauer«, und die Gutbetuchten klagten, man werde damit »in eine arme Familie einheiraten«.[1]

Die unmittelbarste Herausforderung für die Preußen war nicht der Katholizismus, sondern die Gefahr, welche das rheinische Recht darstellte. Sollte das Rheinland Preußen eingegliedert werden, würde preußisches Recht mit Sicherheit das örtliche Rechtssystem ersetzen. Doch das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten war zwar vom Geist der Aufklärung beseelt, stammte jedoch überwiegend aus der Zeit vor 1789 und berücksichtigte in keiner Weise den grundlegenden Wandel der rechtlichen und politischen Voraussetzungen, der sich im Rheinland infolge der Revolution und von zwanzig Jahren französischer Herrschaft vollzogen hatte. Wie in Frankreich war die Feudalherrschaft durch die Souveränität des Privateigentums ersetzt, kollektive Rechte waren privatisiert und die Zünfte aufgelöst worden, die Verwaltung hatte man gestrafft und kirchlichen Grundbesitz versteigert.

Diese gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen hatten ihre Voraussetzung in einem neuen Rechtssystem und wurden von der örtlichen Bevölkerung nachdrücklich begrüßt. Die neuen Rechtsinstitutionen beruhten auf dem Code Napoléon, der Gleichheit vor dem Gesetz postulierte. Überdies hatte eine seltsame Wendung der Dinge das System in eine noch liberalere Richtung gelenkt. Unter Napoleon waren Geschworene nur in gewöhnlichen Gerichtsverfahren erlaubt. Verbrechen, an denen der Staat ein besonderes Interesse hatte, waren speziellen Tribunalen vorbehalten, die aus Richtern und Offizieren bestanden und eigenständig agierten. Während der alliierten Invasion 1814 jedoch waren die Richter an diesen ungeliebten Institutionen geflohen, und Gerichte ohne Jury hatten ihre Aktivitäten eingestellt. Infolgedessen konnte das Rechtssystem im Rheinland nun als liberales Vorzeigemodell gelten, und die darin verkörperten Prinzipien – Schwurgerichtsverhandlung, öffentliche Anhörungen, Trennung der Judikative von der Exekutive und Verbot körperlicher Züchtigung – überlebten bis 1848, als sie zum Vorbild für Reformer überall in Deutschland wurden.

1815 war noch unklar, welche Richtung die preußische Politik für die neue rheinische Provinz nehmen würde. Denn Revolution und Krieg hatten auch in Preußen Veränderungen erzwungen. In der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 waren die Preußen von Napoleon zutiefst gedemütigt worden. Das bedeutete das Ende für die politische Ordnung des alten Preußen – für »die auf dem Lande herrschende Klasse in Uniform«.[2] Als Reaktion auf dieses Fiasko hatten energische Reformer innerhalb der preußischen Regierung eine Reihe grundlegender Veränderungen durchgesetzt. In der Armee herrschten nun Wehrpflicht und Beförderung nach Verdienst, ein Ministerialsystem wurde ebenso eingeführt wie die Selbstverwaltung der Städte, die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, Privilegien der Zünfte wurden beseitigt. Begleitet waren diese Maßnahmen von der Einführung einer allgemeinen Schulpflicht und der Gründung einer neuen Universität in Berlin.

Auch die Einstellung gegenüber der Judenemanzipation änderte sich grundlegend: Befördert vom reformfreudigen Staatskanzler Karl von Hardenberg, fegte das »Edikt, betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate« von 1812 frühere Sonderregelungen hinweg und machte die Juden zu »Bürgern« des preußischen Staates. Das Edikt ging allerdings nicht so weit wie die französische Gesetzgebung von 1791. Man hegte noch immer die Erwartung, der geänderte Status werde mit einem geänderten Verhalten einhergehen. Überdies blieb die Frage, ob Juden in den Staatsdienst eintreten dürften, unbeantwortet. Gleichwohl wurde das Edikt von jüdischen Organisationen als erster Schritt nachdrücklich begrüßt.

Dieser Wandel spielte eine wichtige Rolle für die Abkehr von den politischen Grundannahmen, die das feudale und absolutistische Preußen früherer Tage bestimmt hatten. Nötig geworden war die Veränderung durch den erneuten Krieg gegen Napoleon 1813. Dazu hatte die Mobilisierung Preußens in den Monaten vor der Völkerschlacht von Leipzig gehört – für viele damals die eigentliche Geburtsstunde »Deutschlands«.[3] Nach der Demütigung vom 27. Oktober 1806, als Napoleon und seine siegreiche Armee bei ihrem Ritt durch Berlin bejubelt worden war, hatte sich ein außergewöhnlicher Wandel vollzogen. Damals waren die ersten Funken eines nationalen Widerstands gegen Frankreich entstanden. Er war auf kleine Zirkel von Studenten beschränkt geblieben, welche die »Nation« im Sinne einer Sprach- und Kulturgemeinschaft verteidigten, die über die bestehenden Fürstentümer und Kleinstaaten hinauswies. In der Folge verband sich dieses Empfinden mit einem wachsenden Widerwillen gegen das rücksichtslose und ausbeuterische Verhalten der Grande Armée, und in der Bevölkerung wurde aus Gleichgültigkeit Hass auf die Besatzungsmacht. Lesezirkel, Turnvereine und Geheimgesellschaften brachten bei den gebildeten Ständen Propaganda in Umlauf und stießen auf breitere Resonanz, insbesondere bei den jungen Menschen in den Städten, unter denen Studenten ebenso zu finden waren wie Handwerker und Tagelöhner.

1813 sah sich die konservative und absolutistische preußische Monarchie gezwungen, dem Beispiel des französischen Revolutionsstaates zu folgen und ein eigenes Massenheer aus Wehrpflichtigen aufzustellen. Alle dienstfähigen Männer wurden ungeachtet ihres Standes und einschließlich der Juden zu den Waffen gerufen, während eine Vielzahl an Freiwilligengruppen, darunter auch Frauen, ihnen in der Zivilgesellschaft den Rücken freihielt. Für einen Moment waren die Sache Preußens und die Sache eines unfertigen »Deutschland« eins. Später bildete die unablässig beschworene Erinnerung an diesen Augenblick patriotischer Einheit im Jahr 1813, als König und Volk angeblich zusammengestanden hatten, das wirkungsvolle Reservoir für ein Loyalitätsempfinden, aus dem in den Jahrzehnten bis 1848 immer wieder geschöpft wurde.

Der endgültige Sieg über Napoleon bei Waterloo durch überwiegend britische und preußische Truppen am 18. Juni 1815 wirkte wie der Gipfelpunkt der Hoffnungen, welch die preußische »Reformzeit« und die patriotische Mobilisierung von 1813 geweckt hatten. Vorangegangen war ihm nicht einmal einen Monat zuvor die königliche Verordnung vom 22. Mai, die eine »Repräsentation des Volkes« versprach. Auch mit Blick auf die Zukunft des Rheinlands gab es Anlass zu Optimismus. Die Regierung der Provinz war prominenten Vertretern des Reformlagers anvertraut worden, insbesondere Johann Sack, Justus von Gruner und Christoph von Sethe, die sich dem alten Adel widersetzten und das liberale Rechtssystem des Rheinlands favorisierten. Für einen Moment hatte es den Anschein, als könnte sich ein neues, fortschrittlicheres Preußen mit seiner postrevolutionären Provinz arrangieren.

Doch diese Hoffnungen zerstoben schon bald. Das Versprechen einer repräsentativen Versammlung wurde nicht gehalten. Der von Metternich ins Leben gerufene Deutsche Bund, ein altertümliches Konglomerat aus 38 überwiegend fürstlichen Staaten, dämpfte die Visionen von einer neuen Form der deutschen Einheit. Die Enttäuschungen und Irritationen romantischer und nationalistischer Aktivisten, die sich in den neuentstandenen Burschenschaften zusammengeschlossen hatten, fanden leidenschaftlichen Ausdruck in einer neuen Form von politischer Zusammenkunft, mit der an den 300. Jahrestag der Luther’schen Reformation erinnert wurde, nämlich dem Wartburgfest von 1817. Dort verbrannten die Teilnehmer neben anderen verhassten Gegenständen die Werke des Dramatikers August von Kotzebue, der sich über die nationalistischen Ideale der Romantik lustig gemacht hatte. Ein Jahr später ermordete, gekleidet in altdeutsche, von Turnvater Friedrich Jahn entworfene Tracht, der radikalnationalistische Student Karl Sand Kotzebue in dessen Haus. Das reichte aus, um den nervösen Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. in Angst und Schrecken zu versetzen, nachdem Metternich ihn bereits davon überzeugt hatte, dass »Demagogen«, die Jakobinismus und Nationalismus verbreiteten, eine Gefahr darstellten. Daher fasste der Deutsche Bund 1819 auf Betreiben Metternichs die Karlsbader Beschlüsse, welche die Burschenschaften verboten und Meinungs- sowie Vereinigungsfreiheit deutlich einschränkten.

In Berlin hatten Konservative ebenfalls bereits die Oberhand am Hofe Friedrich Wilhelms III. gewonnen, und die Ehe seiner Tochter mit dem künftigen russischen Zaren Nikolaus I. drängte den König noch weiter in eine reaktionäre Richtung. Im Gegensatz zur Politik der preußischen Reformer wurde nun wieder die zentrale Rolle der Religion betont. Laut einem Memorandum von 1816 sei allein die Religion als Band stark genug, um die Menschen zu einem »einmütigen Ganzen« zu machen, das »in Zeiten äußerer Bedrohung« geeint und entschlossen handeln könne. Das wiederum bedeutete eine veränderte Politik gegenüber den Juden. Man unternahm Schritte, um ihre Konversion zu erleichtern, doch umgekehrt war der Jude, solange er ein Jude blieb, von jeder staatlichen Position ausgeschlossen.

Als Anwalt wie als Jude geriet Heinrich Marx mitten hinein ins Kreuzfeuer zwischen diesen widerstreitenden Parteien. Am 13. Juni 1815 schrieb Heinrich an Johann Sack, den neuen Generalgouverneur der Provinz, und bat darum, die Regierung möge das antijüdische napoleonische Dekret vom 17. März 1808 aufheben. Er bezog sich darin auf »meine Glaubensgenossen« und betonte, einige hätten sich tatsächlich wucherischer Praktiken schuldig gemacht, aber Abhilfe schaffe nicht die geltende ungerechte Gesetzgebung, sondern ein klares Gesetz gegen den Wucher. Er wandte sich entschieden gegen die Behauptung, eine solche Diskriminierung sei als Heilmittel gegen die jüdische Degeneration gedacht. »[…] denn unendlicher Dank dem Ewigen, noch waren und sind wir Menschen«, schrieb er. »Und wer nach einer so langen Bedrückung nicht ganz entartete, der trägt den unverkennbaren Stempel der edeln Menschheit; dem liegen im Busen unausrottbare Keime der Tugend, und sein Geist ist von einem Götterfunken beseelt.« Er appellierte zudem an den »sanfte[n] Geist des Christentums«, der oft »durch Fanatismus verdunkelt« werde, und an »die reine Moral des Evangeliums«, die häufig »durch unwissende Priester befleckt« werde, sowie an den König als »weise[n] Gesetzgeber«.[4]

Ganz besonders war es Heinrich darum zu tun, selbst als Anwalt praktizieren zu können. Am 23. April 1816 schrieb der Oberlandesgerichtspräsident Christoph von Sethe nach Berlin und berichtete über die Zahl der Juden, die in der rheinischen Justizverwaltung beschäftigt waren. Trotz des Edikts von 1812, das Juden die anwaltliche Tätigkeit untersage, seien momentan drei zum Anwaltsstand zugelassen – unter ihnen Heinrich –, und man solle diesen dreien eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Sie hätten sich guten Glaubens für ihren Beruf entschieden und hätten das Wort des Königs, wonach niemand infolge des Regierungswechsels seinen Posten verlieren werde. Doch Friedrich Leopold von Kircheisen, der konservative Justizminister in Berlin, wollte diese Ausnahmegenehmigungen ebenso wenig erteilen wie der preußische Innenminister Friedrich von Schuckmann.[5]

Da die Reformer in der Defensive oder an den Rand gedrängt waren – Sack wurde schon kurz darauf nach Pommern versetzt –, konnte die örtliche Verwaltung wenig tun, um zu helfen. Ende 1816 legte Heinrich der »Immediat-Justiz-Kommission« einen Bericht über die Institution der Handelsgerichte im Rheinland vor. Als die Kommission ihn einlud, diese Eingabe zu veröffentlichen, erklärte er sich einverstanden, allerdings unter der Bedingung, dass sein Name und sein Wohnort in der Publikation nicht genannt würden. Er fürchtete mögliche Konsequenzen, wenn bekannt wurde, dass er in Trier lebte. Er erklärte:

Aber leider sind meine Verhältnisse von der Art, daß ich als Familienvater etwas behutsam seyn muss. Die Sekte, an welcher die Natur mich gekettet, ist, wie bekannt, in keinem besonderen Ansehn, und die hiesige Provinz gerade nicht die Toleranteste. Und wenn ich viel und manches Bittere erdulden, und mein kleines Vermögen beynahe gänzlich zusetzen mußte, bis man sich nur entschließen konnte zu glauben, ein Jude könne auch etwas Talent haben, und rechtlich seyn; so kann es mir wohl nicht verübelt werden, wenn ich einigermaßen scheu geworden bin.[6]

Und so ließ sich Heinrich irgendwann zwischen 1816 und 1819 taufen und wurde Mitglied der evangelischen Kirche in Preußen. Eine offizielle Taufurkunde gibt es nicht. Doch über die Gründe für diesen Schritt bestehen kaum Zweifel. Sowohl Karls Freund Wilhelm Liebknecht als auch seine Tochter Eleanor haben vor langer Zeit darauf hingewiesen, die preußische Regierung habe ihm keine andere Wahl gelassen, wenn er weiter als Anwalt praktizieren wollte.[7]

An der beruflichen Notwendigkeit für Heinrichs Taufe lässt sich also kaum zweifeln, aber damit ist keineswegs gesagt, dass ein solcher Glaubenswechsel völlig gegen seine Überzeugungen gewesen wäre. Seine Verweise auf den »sanfte[n] Geist des Christentums« und »die reine Moral des Evangeliums« lassen bereits zu einer Zeit, als er noch der jüdischen Gemeinde angehörte, auf großen Respekt gegenüber dem Christentum schließen. Was ihn möglicherweise davon abhielt, diesen Schritt schon früher zu vollziehen, war der Gedanke an die Empfindungen der Eltern. Darauf nahm er vielleicht Bezug, als er in einem tadelnden Brief an den 19 Jahre alten Karl davon sprach, dass man den eigenen Eltern Respekt zollen müsse, und dabei auch seine eigene Erfahrung erwähnte: »und wie habe ich gekämpft und gelitten, nur solange als mö[glich] sie nicht zu kränken«.[8] Als Karls Schwager Edgar von Westphalen sich vierzig Jahre später an die damalige Zeit erinnerte, bezeichnete er Heinrich als Protestanten in der Manier Lessings oder nach Kants Modell, wonach sich Glaube und Vernunft zu einer höheren Moral vereinen.[9] Das entspricht ohne Zweifel dem Ton eines anderen Briefs, den Heinrich 1835 an seinen Sohn Karl schrieb: »Doch ein großer Hebel für die Moral ist der reine Glaube an Gott. Du weist, ich bin nichts weniger als Fanatiker. Aber dieser Glaube ist dem Menschen früh oder spät wahres [Bedürf]niß, und es giebt Augenblicke im Leben, wo auch der Gottesläugner [unwillk]ührlich zur Anbetung des Höchsten hingezogen wird. Und gemein ist es […] denn was Newton, Locke und Leibnitz geglaubt, dem darf sich jeder […] unterwerfen.«[10]

In den 1820er Jahren scheint es Heinrich beruflich gut ergangen zu sein. Nach seiner Zulassung zum Trierer Berufungsgericht 1818 verfasste er 1821 erneut einen Bericht über den Wucher und wurde als Advokat-Anwalt zugelassen. Von seinen Kollegen wurde er augenscheinlich sehr geschätzt. Das eindrucksvolle Haus an der Porta Nigra erwarb er 1819 von einem Juristenkollegen, und die Paten seiner Kinder waren überwiegend Anwälte aus Trier. Edgar von Westphalen behauptete, er sei einer der bekanntesten Anwälte und edelsten Menschen im Rheinland gewesen. Und auch der Kontakt zur örtlichen jüdischen Gemeinde ging nicht ganz verloren. Die Familie Marx war weiterhin Besitzerin eines Weinbergs bei Mertesdorf, gemeinsam mit Dr. Lion Bernkastel, einem prominenten Mitglied des Konsistoriums, auf den man zudem bis in die 1830er Jahre in medizinischen Fragen vertraute.[11] Die Familie blieb überdies mit der Witwe des Rabbiners Samuel Marx befreundet.[12]

Für Trier selbst und seine Umgebung waren die 1820er Jahre hingegen keine so glückliche Zeit. Unter französischer Herrschaft erhielt der Moselwein zwar leichteren Zugang zum französischen Markt, doch ein paar Jahre nach der Eingliederung der Region ins preußische Königreich kam es zu einer anhaltenden und sich verschärfenden Krise. Weil die Branche durch das preußische Zollgesetz von 1818 vermeintlich eine Monopolstellung genoss, ließen sich die Winzer irrigerweise dazu verleiten, die Anbaufläche für ihre Reben auszuweiten, und vernachlässigten, verlockt vom Versprechen eines preußischen Massenmarkts, die Qualität. Mitte der 1820er Jahre führte die Überproduktion dann zu fallenden Preisen, und zu einer Katastrophe weitete sich das Ganze durch Handelsverträge mit Bayern und Württemberg aus, in deren Folge der Moselwein durch Weine aus der Pfalz und dem Rheingau verdrängt wurde. Die Krise der Weinbauern hielt auch in den 1830er und 1840er Jahren an, und ihr Elend erreichte Ausmaße, die sich nur mit der damals international für Aufsehen sorgenden Situation der schlesischen Weber vergleichen ließ.[13]

Die andere Säule der Region war die Forstwirtschaft. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Nachfrage nach Holz stetig an, insbesondere durch die Eisenwerke in der Eifel und die Böttcher, die ihre Fässer für den Weinhandel produzierten. Arme Bauern profitierten von dieser Nachfrage, indem sie das Holz, das sie in den Wäldern sammelten, verkauften. Doch die Stärkung der Rechte von Privateigentümern während der napoleonischen Herrschaft und ihre Bestätigung durch die Provinzialstände in den 1820er und 1830er Jahren bedrohten den Lebensunterhalt der Bauern, weil sie das Recht, Totholz zu sammeln, in Frage stellten. Der Widerstand der Dorfbewohner erfolgte in Gestalt von »Holzdiebstahl«, der überwiegend von Frauen und Kindern verübt wurde. Die steigende Zahl derer, die von Geschworenengerichten wegen Holzfrevels verurteilt wurden, war eines der Themen, mit denen sich Karl Marx 1842 in einem Artikel für die Rheinische Zeitung beschäftigte. Dabei ging es freilich nicht, wie er glaubte, in erster Linie um einen Kampf zwischen Privateigentum und Subsistenzlandwirtschaft, sondern eher um den Kampf der Armen um Teilhabe am Holzmarkt.[14]