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Karl Schmid ist eine der interessantesten und vielseitigsten Schweizer Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Germanist und Historiker, Professor und Rektor der ETH Zürich, Generalstabsoberst und Stabschef des Gebirgsarmeekorps, Präsident des Schweizerischen Wissenschaftsrates, Mitglied der Jury für die Vergabe des Charles-Veillon-Preises, Präsident der Schweizerischen Auslandhilfe, Publizist, Militärstratege und Bildungsreformer – Schmid bietet das Bild eines exemplarischen Staatsbürgers, der sich neben seiner beruflichen Tätigkeit für öffentliche Aufgaben immer neu zur Verfügung stellte. Die vorliegende Biografie zeichnet Schmids äusserlichen Werdegang und seine innere Entwicklung nach und verortet ihn in der Zeitgeschichte.
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Seitenzahl: 656
Veröffentlichungsjahr: 2013
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THOMAS SPRECHER
KARL SCHMID (1907–1974)
EIN SCHWEIZER CITOYEN
Diese Biografie wurde im Auftrag der Karl-Schmid-Stiftung von Thomas Sprecher herausgegeben.
Sie wurde unterstützt von:
Georg und Bertha Schwyzer-Winiker Stiftung
Baugarten Stiftung
UBS Kulturstiftung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Titelabbildung:
Karl Schmid, Kohlezeichnung von Elsie Attenhofer, 1940. Christoph Schmid, Sala Capriasca.
© 2013 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2013 (ISBN 978-3-03823-827-0).
Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.
ISBN E-Book 978-3-03823-979-6
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung
I.
VORWORT
Vor 20 Jahren wurde die Karl-Schmid-Stiftung gegründet mit dem Zweck, das wissenschaftliche und publizistische Werk des im Jahr 1974 viel zu früh verstorbenen Professors Dr.Karl Schmid, Rektor der ETH Zürich von 1953 bis 1957, neu herauszugeben. Den Initianten, allen voran Professor Dr.Hans Künzi, alt Regierungs- und alt Nationalrat von Zürich, war es ein Anliegen, das Gedankengut des bedeutenden Germanisten, Humanisten und Staatsdenkers Karl Schmid in erweiterter und vertiefter Form für die Nachwelt zu erschliessen.
Deshalb hat die Stiftung in den vergangenen Jahren nicht nur eine sechsbändige kommentierte Auswahl seiner Schriften herausgegeben, sondern auch zwei Bände mit Briefen von Karl Schmid. Hinzu kamen die fachgerechte Bearbeitung und Archivierung seines Nachlasses sowie die Unterstützung einer Ausstellung über Karl Schmid und seine Ehefrau, die bekannte Kabarettistin Elsie Attenhofer. Diese Ausstellung im Museum Bärengasse in Zürich anlässlich des 100. Geburtstags von Karl Schmid im Jahre 2007 wurde begleitet von einer Schrift über Karl Schmid mit dem Titel Unbehagen im Kleinstaat Schweiz, die viele Facetten der Persönlichkeit Karl Schmids widerspiegelt.
Die Stiftung führte zudem Symposien und Veranstaltungen durch zu verschiedenen von Karl Schmid bearbeiteten Themen und vergab dreimal den Karl-Schmid-Preis an Persönlichkeiten, die sich in diesen Bereichen Verdienste erworben haben: Prof.Dr.Verena Meyer, alt Bundesrat Adolf Ogi, Dr.Rätus Luck und Dr.Thomas Feitknecht.
Mit der vorliegenden Biografie rundet die Karl-Schmid-Stiftung ihren Auftrag ab. Der Stiftungsrat ist glücklich, Herrn Dr.Thomas Sprecher, den wohl profundesten Kenner des grossen Schweizer Staatsbürgers Karl Schmid und dessen umfangreichen Werkes, als Autor gewonnen zu haben.
Heute, fast 30 Jahre nach seinem Tod, sind die Gedanken und Worte von Karl Schmid zu wichtigen staatspolitischen Fragen von erstaunlicher Aktualität, so etwa seine Darstellung des Verhältnisses der Schweiz zu Europa, seine Gedanken zur Souveränität der Schweiz sowie zum Verhältnis von Wissenschaft und Praxis. Der Stiftungsrat ist überzeugt, dass die neu aufgelegten Werke und die Biografie von Karl Schmid für die an diesen Themen Interessierten eine wahre Fundgrube darstellen.
Der Stiftungsrat erachtet seine Aufgabe mit der Herausgabe dieser Biografie als erfüllt und hat deshalb beschlossen, mit Zustimmung der Aufsichtsbehörde die Stiftung aufzulösen. Viele haben in den vergangenen 20 Jahren dazu beigetragen, das Andenken an die grosse Persönlichkeit Karl Schmid und dessen Werk für eine interessierte Öffentlichkeit zu erschliessen. Ihnen allen möchte ich für ihr grosses Engagement danken: dem Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich für die Betreuung des Nachlasses, den Editorinnen und Editoren für die Herausgabe der Werke und Briefe sowie dem Verlag Neue Zürcher Zeitung für die sorgfältige Betreuung und Beratung. Danken möchte ich auch der UBS Kulturstiftung, der Georg und Bertha Schwyzer-Winiker-Stiftung und der Baugarten Stiftung für die grosszügige finanzielle Unterstützung der Drucklegung dieser Biografie. Ein grosser Dank gebührt schliesslich den Mitgliedern des Stiftungsrates für ihr Engagement und die kollegiale Zusammenarbeit, allen voran Dr.Christoph Schmid und dem langjährigen Sekretär der Stiftung, Daniel Schmid, ohne dessen effiziente, sorgfältige und umsichtige Arbeit die Stiftung ihren Auftrag nicht hätte erfüllen können.
II.
EINLEITUNG
Karl Schmid ist eine der interessantesten und vielseitigsten Schweizer Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Germanist und Historiker, Professor und Rektor der ETH Zürich, Generalstabsoberst und Stabschef des Gebirgsarmeekorps, Präsident des Schweizerischen Wissenschaftsrates, Präsident der Schweizerischen Auslandhilfe, Publizist, Militärstratege und Bildungsreformer – Schmid bietet das Bild eines exemplarischen Staatsbürgers, der sich neben seiner beruflichen Tätigkeit für politische und militärische, nationale und kommunale Aufgaben immer neu zur Verfügung stellte.
Die vorliegende Biografie versucht Schmids äusserlichen Werdegang und seine innere Entwicklung nachzuzeichnen: seine behütete Jugend in Wollishofen, das Studium in Zürich und Berlin, die folgenden Jahre als Hilfslehrer. Erst recht spät festigt sich seine berufliche Existenz durch die Wahl zum Deutschlehrer am Kantonalen Gymnasium. Fast zur selben Zeit kommt es zur Hochzeit mit Elsie Attenhofer und zur Gründung einer Familie – und fast zur selben Zeit bricht der Krieg aus. Es folgen der Aufstieg zum Professor an die ETH – und unzählige weitere Funktionen auf unterschiedlichster Ebene, an der Hochschule, in der Armee, im Literaturbetrieb, in der Sicherheits- und der Bildungspolitik. Mit seiner Publizistik hat Karl Schmid die kulturelle und politische Öffentlichkeit massgeblich mitgeprägt, auch wenn der Kreis seiner Wirkung die West- und Südschweiz nicht in gleicher Weise erfasste wie Zürich, seinen natürlichen Lebensmittelpunkt. Es fragt sich indes, ob dies heute anders ist, ob die Intellektuellen nun sprachübergreifend wirken oder ob ihre Wirkung nicht doch meist auch an den Grenzen der Sprach- und Kulturräume haltmacht.
Betrachtet wird, durch die Textur dieser Individualität hindurch und über sie hinaus, aber auch die Zeitgeschichte, die Vorkriegs- und Kriegszeit, und dann die lange Epoche des Kalten Kriegs. Wer wissen will, welche Beklemmung und Atemnot die Schweiz in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs prägte, wie die 1950er-, 1960er-, die frühen 1970er-Jahre des vergangenen Säkulums rochen, der lernt es an (und mit) Schmid. Seine Leser tauchen ein in die Atmosphäre dieser Zeit. Man erfährt, wie man damals dachte und empfand in diesem Land, im Aktivdienst, im Kalten Krieg, der vermeintlich ewigen Hochkonjunktur. Schmids Werk ist für seine Entstehungszeit von hoher Repräsentativität und eine ergiebige Quelle für spätere Mentalitätsgeschichten. Man halte sich etwa vor Augen, dass erst drei Jahre vor Schmids Tod in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde – wie tief historisch ist diese Epoche geworden!
Lange ist es eine Zeit der klaren Strukturen, hüben und drüben sind sauber zu scheiden, ein gemeinsamer Gegner stiftet Identität und Lebenssinn oder verstärkt sie. Mit den Jugendunruhen von 1968 bricht diese Ordnung innenpolitisch auf. Karl Schmid, der auch als öffentliche Figur üblicherweise die Vaterposition versah, ist irritiert. Er mag und kann sich nicht einfach abwenden. Vieles läuft während dieser Transformation von ihm weg, und von vielem löst er sich selbst. Es gibt, das heisst: es gilt nichts Bürgerlich-Bedeutsames mehr anzustreben, die Karrieren sind gemacht, die Gipfelhöhe ist passiert, das Erreichte verbleicht, der Abschied beginnt. Schmids ewige Schwermut, früher in der Sonne der Arbeitsdisziplin trockengelegt, relativiert nun, wie Krankheit, als Krankheit, die Siege von früher. Es häufen sich Äusserungen, die sich nicht am Tag vertäuen, sich nicht in sich selbst erschöpfen, die vielmehr den Wert und die Würde des Natürlich-Allgemeingültigen gewinnen: der pater familias in seinem vernunftentbundenen Schmerz um die ihn nach menschlichem Gesetz verlassende erwachsene Tochter, in seiner nachdenklichen Freude über das gute Einvernehmen mit seinem Sohn, den er fördern, aber nicht gängeln will.
«Manchmal denkt man», meinte Karl Schmid kurz vor seinem Tod, «man sollte ‹Lebenserinnerungen› aufschreiben. Aber das ist ein Trauergedanke, ein gefährlicher. Wäre ja auch nur möglich, wenn man sich wichtig nimmt.»[1] So hat er keine solchen Aufzeichnungen hinterlassen. Auch deshalb stand mir seit der Herausgabe der Gesammelten Werke und Briefe Karl Schmids, den ich leider nicht mehr persönlich kennengelernt habe, als Aufgabe ein biografisches Wagnis vor Augen: Man versucht ein Dasein zu lesen wie einen Text und kann dabei glücklich sein, wenn man wenigstens eine plausible Lesart erfasst. Und doch ist Plausibilität gerade keine Kategorie des Lebens, das sich seine Regeln stets selbst setzt.
Die meisten von Schmids Handlungen und Entscheidungen nach dem 20.Altersjahr sind belegt. Dennoch gibt es bei ihm wie in jedem Leben vieles, das keinen Weg in die Verschriftlichung findet, das nicht überliefert wird, Geheimes, das die Betroffenen und Beteiligten mit ins Grab nehmen. Hier steht es Biografien nicht an, sich spekulativ aufzublähen. Aber selbst wo Dokumente vorliegen, ist der Vorbehalt angebracht, dass der direkte Schluss auf das disparate, tiefverrätselte Kontinuum, das wir Leben nennen, nicht immer erlaubt ist.
Diese Biografie arbeitet mit vielen Zitaten. Sie dienen als Belege, mehr aber noch als Duftstoff. Sie sollen Schmids Denken und die präzise Plastik seiner Sprache direkt vor Augen führen. Auf ambitionierte Werkdeutungen wird verzichtet, auch auf tiefenpsychologische Digressionen, obwohl sich beides vertreten liesse. Mag diese Feststellung Anreiz für Spätere bieten. Immerhin soll das bekannteste Hauptwerk Schmids, Unbehagen im Kleinstaat, ausführlicher betrachtet werden.
Wenn Elsie Attenhofer einfach Elsie genannt wird – wie ihr Mann es tat und wie sie mir in ihren letzten Jahren selbst gestattete, es zu tun –, und ihr Mann gelegentlich Karl, die Kinder Christoph und Regine, so geschieht dies nicht im Geiste der Anbiederung, sondern im Kontext der Familiensituation.
CITOYEN
Die Franzosen sprechen vom Citoyen, die Russen vom Grashdanin. Mit dem Citoyen, ursprünglich der stimm- und wahlberechtigte Bürger der Cité, waren nach der Französischen Revolution alle französischen Staatsbürger gemeint. Es war, liesse sich sagen, ein Prädikat, das jedem zukam, und zugleich ein Adelstitel: Citoyen ist, wer aktiv am Gemeinwesen teilnimmt. Jeder Franzose sprach den anderen so an, und in der Anrede klang Stolz mit über die Freiheit, welche die Bürger errungen hatten.
Deutschland kennt kein politisches Äquivalent, das zu einem analogen Begriff hätte führen können, auch die Schweiz nicht. So hilft man sich im Deutschen mit dem Begriff des Staatsbürgers oder auch nur des Bürgers. Wenn dies auch ein mehrdeutiger und unklarer Begriff ist, so eignet ihm dafür der Vorteil, dass er sich nicht von einem singulären geschichtlichen Ereignis herschreibt und nicht Gefahr läuft, auf dieses beschränkt zu werden. Vor allem aber zieht das Deutsche Gewinn daraus, dass es nicht zwischen dem Citoyen und dem Bourgeois – einem saturierten Menschen, der vorab wirtschaftliche Interessen verfolgt – unterscheidet.[2] Denn im Ideal des Bürgers kommen geistige und ökonomische Unabhängigkeit zusammen. Politische Unabhängigkeit setzt geistige voraus, und diese wiederum ökonomische; insofern ist der Bürger Citoyen und Bourgeois zugleich. Das ist es, was Karl Schmid auszeichnet: Er war überzeugter Bürger, seinem Land und Gemeinwesen tief verpflichtet, und gerade darum stets auf seine persönliche und geistige Unabhängigkeit bedacht. In diesem Sinne soll der Untertitel verstanden werden; zugleich verbindet sich damit die Hoffnung, dass der deutsche Begriff «Bürger» einmal zu einer Bedeutung und Strahlkraft gelangt, welche die vorläufig noch nötige Übernahme des «Citoyen» entbehrlich macht.[3]
In seinem Werk Die Politik stellte Aristoteles die These auf, der Mensch sei ein «zoon politikon», nämlich ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen.[4] Karl Schmid hätte sie unterschrieben. Er bekannte sich zu einem Staatsverständnis, zu dem sich der Einzelne verpflichtet fühlt, über die gesetzlichen Minimalpflichten wie das Zahlen der Steuern und das Leisten von Militärdienst hinaus freiwillig Verantwortung zu übernehmen. Dies konnte durch politische Funktionen geschehen, öffentliche Ämter in Gemeinde, Kanton oder Bund, oder auch durch anderweitige Teilnahme am staatlichen Geschehen. Staats- und Milizgedanken sind hier untrennbar verbunden.
Der Bürger ist ein Mensch, der teilhat und teilnimmt. Er beschränkt sich nicht darauf, Besitzbürger zu sein, sondern will essenziell ein Teilnahme- und Teilhabebürger sein. Er bringt sich ein, leistet und liefert. Er geht, mit Caesars Formel operibus anteire,[5] «durch Werke voran». Wenn der Adel dem alten Prinzip der Ehre verpflichtet war, während das moderne Prinzip «Leistung» heisst, so liesse sich der Milizgedanke vielleicht als «Ehre durch Leistung» fassen. Ein solcher Bürger wird nicht geduldet vom Staat, sondern erweckt diesen vielmehr durch sein Wirken erst zum Leben. Im Grunde schliesst Karl Schmid damit an die Idealvorstellungen des schweizerischen Bürgers im 19. Jahrhundert an, wie sie Gottfried Keller und Jeremias Gotthelf nicht ohne pädagogische Absichten vor Augen gestellt haben. Dazu gehört, dass jener mehr für das Gemeinwohl leisten soll, der von seiner Begabung und von dem zeitlichen Freiraum her dazu eher in der Lage ist. Es ist gerade sein Stolz, sich selbst zu belasten, wie Peter Sloterdijk in seinem Essay Stress und Freiheit schreibt:[6] «Die Quelle von Selbstbelastung vor dem Hintergrund von disponibler Freiheit ist der Stolz, das heisst jene spontane Erhebung über die Gewöhnlichkeit, die die Griechen thymos nannten.» Anders als der Gierige und der Profiteur, die hoffen, zu ihren Gunsten eine Asymmetrie von Nehmen und Geben zu schaffen, strebt der Bürger hierin Symmetrie an und gibt, weil er weiss, dass er immer schon genommen hat.
Insbesondere die Freiwilligkeit adelt diesen Dienst. Dabei ist der Bürger nicht Diener des Staats. Er dient vielmehr den anderen Bürgern, wie auch der Staat die Aufgabe hat, den Bürgern zu dienen, die ihn im aristotelischen Sinne ausmachen. Der Staatsdiener ist kein Untertan, ganz im Gegenteil: Souveräne sind es, die dem Souverän dienen, den sie selbst bilden. Wer dient, der gibt. Der Bürger begegnet dem Staat in seiner Zeitspendenphilanthropie auf Augenhöhe. Er trägt in der Sache naturgemäss stets nur für einen Teil Verantwortung, ideell aber für das Ganze.
ZUR QUELLENLAGE
Karl Schmids Nachlass befindet sich im Wesentlichen im Archiv für Zeitgeschichte (AfZ) der ETH Zürich,[7] ein kleiner Teil noch bei der Familie. Im AfZ sind alle Stationen seines öffentlichen Wirkens dokumentiert: mit Manuskripten, Korrespondenz, Vorlesungsunterlagen usw. 1976 hat Emmi Blaser ein Verzeichnis der Veröffentlichungen und Vorlesungen von Karl Schmid vorgelegt. Sodann haben Marie-Claire Däniker und Klaus Urner 1983 ein vorbildliches und detailliertes Verzeichnis der zu diesem Zeitpunkt im AfZ vorhandenen Materialien veröffentlicht. Ihre Zusammenstellung Nachlass Prof.Dr.Karl Schmid. 1907−1974 enthält im Anhang auch einen Lebenslauf sowie Übersichten über Schmids militärische Laufbahn und seine Mitarbeit bei verschiedenen Akademien, Instituten, Stiftungen, Arbeitsgruppen und Verwaltungsräten. Neben dem Nachweis seiner Vorträge und Publikationen sind in diesem Verzeichnis auch Schmids Lehrveranstaltungen aufgeführt. 1992 haben Sylvia Rüdin und Marie-Claire Däniker einen Anhang erarbeitet, der die nach 1983 ins AfZ gelangten Materialien erfasst. 1998 sind Karl Schmids Werke in einer sechsbändigen Edition neu ediert und kommentiert worden. Im Jahr 2000 folgte eine zweibändige Auswahl der Briefe. Alle diese archivalisch-bibliografischen und editorischen Anstrengungen haben die vorliegende Arbeit entschieden erleichtert, ja überhaupt erst ihre Voraussetzungen geschaffen. Die zu einzelnen Werken gemachten Ausführungen basieren zum Teil auf dem Kommentar der Werk- und der Briefausgabe. Zitate aus den Werken werden mit «GW» und der Band- und Seitenzahl angegeben, Zitate aus den Briefen mit «Br», Seitenzahl, Briefdatum und Adressat. Wo aus Dokumenten zitiert wird, die im Nachlass liegen, wird dies mit «AfZ: NL Karl Schmid» und in der Regel auch der Dossiernummer gekennzeichnet. Wertvoll war auch der von Bruno Meier im Jahr 2007 herausgegebene Sammelband Das Unbehagen im Kleinstaat Schweiz, der manche Lebensbereiche Schmids näher untersucht.
Karl Schmid hat zwar Tagebuch geführt, später aber die meisten Aufzeichnungen verbrannt und zuletzt den Sohn verpflichtet, auch den Rest zu vernichten.[8] Ferner trug er über Jahrzehnte hinweg in Notizbücher manche Geschehnisse des Tages, Reiseerlebnisse, Zitate, kurze Gedanken ein. Erhalten haben sich zwei solcher Hefte, die Karl Schmid mit Carnets betitelte. Carnet I führt vom Juni/Juli 1962 bis zum Juli 1967, Carnet II vom 31. Juli 1967 bis zum 12. Juni 1974. In Carnet Isind mehrere Notizblätter aus den Jahren 1952−1957 eingelegt. Sodann erstellte Schmid vermutlich ab 1933 rückblickend Tabellen über sein Leben, mit den Rubriken «Aufenthaltsort, Reisen usf.», «Schule, Studium», «Geistiges», «Seelisches». Diese «Biographia in tabellis» wurde 1966, 1967 und 1971 nach-, dann laufend weitergeführt. Dabei veränderten sich Format und Darstellungsweise dauernd, und die Stenografie fand zunehmend Verwendung.[9] Zitate aus diesen biografischen Tabellen werden mit «bT» nachgewiesen. Vorhanden ist schliesslich ein Journal du Recteur, begonnen am 1. Oktober 1951 von Henry Favre, dem Vorgänger Schmids als ETH-Rektor, und nach dem 1. Oktober 1953 von Schmid fortgeführt. Es enthält chronikartige Einträge von Besprechungen, Antrittsvorlesungen usw.
Kurz vor ihrem Tod 1999 hat mir Elsie Attenhofer einen schmalen Ordner mit verschiedenen, nicht durchpaginierten Texten autobiografischer Art übergeben, die sie zu einem Buch weiterbearbeiten wollte. Dazu ist es dann nicht mehr gekommen. Auf diese Aufzeichnungen wird mit «EA Autobiographie» verwiesen.
DANK
Mein Dank geht zunächst an die Karl-Schmid-Stiftung und ihre Präsidentin Annemarie Huber-Hotz für die finanzielle und andere Unterstützung dieses Projekts. Dem Archiv für Zeitgeschichte und seinen Leitern Klaus Urner und Gregor Spuhler danke ich für die Erlaubnis, den Nachlass Schmid einzusehen und daraus zu zitieren. Karl Schmids Kinder Christoph Schmid und Regine Benalcázar-Schmid haben das Vorhaben jederzeit unterstützt und wertvolle Hinweise gegeben. Auch Schmids Enkel Daniel Schmid stand über Jahre hinweg sehr hilfreich am Wegesrand, insbesondere im Zusammenhang mit einzelnen Recherchen im Archiv für Zeitgeschichte. Für verschiedene Anregungen habe ich ferner Adolf Max Vogt zu danken. Sylvia Rüdin hat einen Entwurf kritisch durchgesehen. Auch René Scheu und Michael Wiederstein waren kritische Gegenleser. Florian Rittmeyer und Serena Jung, die auch bei der Erstellung der Register mitgewirkt hat, halfen bei verschiedenen Recherchen. Ursula Merz vom Verlag Neue Zürcher Zeitung hat das Projekt umsichtig begleitet. Ihnen allen fühle ich mich dankbar verbunden. Mein grösster Dank aber gilt Professor Hans Künzi (1924−2004), dem Initiator und ersten Präsidenten der Karl-Schmid-Stiftung, ohne den es diese Biografie nicht gäbe. Ihm sei sie gewidmet.
Zürich, 1. Januar 2013 Thomas Sprecher
III.
JUGEND
(1907−1926)
Wir stehen am Anfang des 20. Jahrhunderts, mitten in der Belle Époque. In Europa herrscht Frieden – ein schon etwas fauler, von Imperalismus und Nationalismus angefressener Frieden. Im Deutschen Reich thront Wilhelm II., noch ohne Bewusstsein dafür, wie bald er seine Macht verlieren würde. Eine Frauenbewegung propagiert die Gleichstellung der Frauen, ihren Zugang zum öffentlichen Leben und zur Teilnahme an Wahlen, und bereits lassen erste Fakultäten Frauen als ordentliche Hörerinnen zu. Der Kirchenbesuch geht nach und nach zurück. Hingegen vermehren sich die politischen Parteien. Die Psychoanalyse beginnt, sich als Wissenschaft zu etablieren. Die Naturwissenschaft, vor allem die Physik, erlebt revolutionäre Entdeckungen. Auch in Kunst und Philosophie bringen sich neue Sichtweisen zur Geltung. Zusammen mit dem berühmten Ballonfahrer Eduard Spelterini, dessen Fotografien einen völlig neuen Blick von oben erlauben, prüft die Schweizer Armee den militäraviatischen Nutzen des neuen Transportmittels, und 1900 rücken Freiwillige zur ersten Luftschiffer-Rekrutenschule in Bern ein. Auch in der Schweiz herrscht ein rasantes wirtschaftliches Wachstum. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter, die in den lichtlosen Hinterhöfen der schnell wachsenden Städte hausen, ist dies allerdings kein Honigschlecken. Die industrielle Arbeitsteilung macht ihre langen Arbeitstage noch eintöniger; Schutz vor Kündigung und Absicherung gegen Krankheit, Unfall oder Erwerbsausfall bestehen nicht. Das mittlere und gehobene Bürgertum hingegen zieht Nutzen aus all den technischen und wirtschaftlichen Fortschritten. Politisch verfügt der Freisinn noch immer über die absolute Mehrheit und stellt sechs von sieben Bundesräten. Rund 3,3Millionen Menschen leben im Land,[10] darunter 12 Prozent Ausländer. Die grösste Stadt, Zürich, zählt 150000Einwohner. Einer davon ist Karl Schmids Vater.
DER VATER: PROF.DR.KARL SCHMID
Der Vater hiess auch schon Karl. Über seinen Werdegang orientiert eine von ihm selbst verfasste, auf den 2. September 1945 datierte Familiengeschichte von 57Seiten.[11] Er wurde 1867 im Wiggertal, dem bäuerlichen Wikon, geboren, wuchs dort auch auf, absolvierte die Bezirksschule Zofingen, trat 1884 ins Lehrerseminar Küsnacht ein, verliess dieses 1888 mit dem Patent und wurde Primarlehrer im aargauischen Brittnau. Im Frühjahr 1890 gab er die Stelle auf und schrieb sich an der Universität Zürich für das Sekundarlehrerstudium ein, Hauptfach Geschichte. Er bestand 1892 das Examen und erhielt eine Verweserstelle in Dürnten, wo er die Gemeinde zu beruhigen hatte, dass sie zwar einen katholischen Luzerner, aber keinen Propagandisten der Gegenreformation erhalte. 1893 definitiv gewählt, wollte sich Schmid aber nicht mit dem Los des Landschulmeisters zufriedengeben. Nachdem er verschiedene Anfragen aus Winterthur abgewiesen hatte, nahm er 1897 die Offerte der Sekundarschule Zürich 3 an.
Im selben Jahr wurde er in der Neuen Pinakothek in München einem Rektor Hunziker und seiner Tochter Anna vorgestellt. Man fand Gefallen aneinander und unternahm gemeinsame Spaziergänge. «Zu weiterer Annäherung», heisst es in der Familiengeschichte, «kam es einstweilen nicht, da der Vater die Verbindung mit einem Sekundarlehrer nicht zugeben wollte.»[12] Prof.Fritz Hunziker war Rektor des verselbständigten Zürcher Literargymnasiums. «Die Verlobungszeit war keine restlos glückliche, da der väterliche Widerstand nie ganz zu beseitigen war.»[13] Erst fünf Jahre später, im Dezember 1902, kam es zur Verlobung, am 11. Juli 1903 dann zur Heirat. Man bezog eine Wohnung an der Tödistrasse 47 in Zürich-Enge.
Abbildung 1: Karl Schmid mit seinem Vater vor dem Wollishofer Haus, Ostern 1928.
In der Folge gelang es Schmid, im Kampf um Anerkennung Boden gutzumachen. Der Schwiegervater wurde freundlicher. «So sehr er an mir den Doktorhut vermisste, was er schon vor der Verlobung deutlich zu verstehen gegeben hatte, deutete er nun mehr doch mit keiner Silbe mehr an, dass ich weiterstudieren solle. Diese Rücksicht verpflichtete mich […].»[14] In der Tat: Karl Schmid senior entschloss sich weiterzustudieren. Mit 39 Jahren, damals ein bereits respektables Alter – um 1900 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung für Schweizer 46,2 Jahre[15] –, begann er im Frühjahr 1906 ein Germanistikstudium. Ende Juli 1909 war das Ziel erreicht: Nach sechs Semestern bestand Schmid die Doktorprüfung summa cum laude. Zwei Monate später wurde er zum Professor für Deutsch und Geschichte an der Kantonalen Handelsschule gewählt, wo er schon Vikariate absolviert hatte.[16]
Der Schwiegervater erlebte diese Erfolge nicht mehr; er war schon am 18. Juni 1908 verstorben. Schmid erfüllten sie mit besonderer Genugtuung aber auch mit Blick auf seine eigenen Eltern und insbesondere auf seine Frau: Sie, «die einst so tapfer und entschlossen sich zu ihrem ‹Sekundarlehrer› bekannt hatte, war jetzt auch Frau Doktor oder Frau Professor».[17] Schmids Dissertation beschäftigt sich mit der Entlebucher Mundart. Danach hat er nur noch wenig publiziert. Seine Aktivitäten beschränkten sich im Wesentlichen auf den Kreis des Berufs- und Privatlebens. «Ich hätte», schrieb er im Rückblick, «mehrfach Gelegenheit gehabt, in verschiedenen Vereinen und Behörden zu Amt und Ehren zu gelangen.»[18] Er nahm aber nur ganz wenige Verpflichtungen und diese nur für kurze Zeit an. 1937 trat er als Kantonsschullehrer zurück und schrieb ein Schulbuch über Gottfried Keller.
Der Vater also musste sich seinen Weg schrittweise erkämpfen und tat dies mit bemerkenswerter Energie. Er stieg vom Primar- über den Sekundar- zum Gymnasiallehrer auf, zum Doktor und Professor; von Wikon über Dürnten nach Zürich. Damit liess er es sein Bewenden finden. Er hatte getan, was sein Schwiegervater verlangt hatte. Dennoch muss man den Umstand wohl als traumatisch ansprechen, dass er zunächst für zu leicht befunden worden war. Elsie Attenhofer vermutete, der Schwiegervater habe befürchtet, dieser Bauernsohn aus Reiden «könne seiner Tochter unmöglich jenen Lebensstandard bieten, den zu leben sie gewohnt war», und dies habe dazu beigetragen, «dass er aus dem Leben schied in tiefster Depression».[19] Wie aus einem Abschiedsbrief hervorging, erfolgte dieser Suizid aber nicht, weil Anna, sondern vielmehr, weil ihre Schwester Marie sich nach Ansicht des Vaters unstandesgemäss verheiratet hatte.[20]
Der Sohn hat die bäuerliche Herkunft des Vaters immer als positiv angesehen: Es war der Ausweis von Bodenständigkeit. Generationenkonflikte gab es kaum. Karl Schmids Verhältnis zum Vater, den Elsie Attenhofer als «gütig» und «in seinem Wesen grundehrlich» beschrieb,[21] war so kameradschaftlich, wie es dessen Verhältnis zu Schmids Grossvater gewesen war. Der Sohn hat den Gestus des Aufbegehrens nie erprobt. Vielleicht die einzige Vaterfigur, die zu Distanzierungen zwang, war später der Doktorvater. Mit dem eigenen Vater hingegen, so sagen alle Belege, herrschte völliges Einverständnis. Er stand nicht im Weg. Übrigens verdunkelte auch ein Bruder die Sonne nicht.
Zeittypisch war das Patriarchalische, das Karl Schmid so fraglos wie das Bürgerrecht von Wikon vom Vater übernahm, und die bürgerliche Grundausstattung: einen angesehenen Beruf ergreifen, heiraten, eine Familie gründen, gesellschaftlich «vorwärts kommen». Der Sohn setzte den Aufstieg schnurgerade fort.
Als 78-Jähriger untersuchte Karl Schmid senior die Beschaffenheit des Schmid’schen Erbgutes und kam zum Schluss,[22]
dass wir mit dem Angebinde, das uns vom Schicksal in die Wiege gelegt worden ist, zufrieden sein dürfen. Unsere körperliche Konstitution ist gesund; wir drei Geschwister haben alle die Mitte der Siebzigerjahre überschritten, ohne je von einer gefährlichen Krankheit heimgesucht worden zu sein. Wir haben einen ausgesprochenen Sinn für die Freuden des Lebens, und unsere Nerven versagen selten. Dagegen fehlt es uns vielleicht an Ehrgeiz. Dieser Mangel wird teilweise wettgemacht durch eine gewisse Hartnäckigkeit, deren wir fähig sind, wenn wirs für nötig halten. Auf diese Eigenschaft, nicht bloss auf den herkömmlichen Kopfumfang von 60 und mehr Zentimetern, geht der Ausdruck ‹Schmidegrind› zurück. Von geistigen Defekten scheinen wir frei zu sein. Die Psychologen, Philosophen und Dichter wissen vom massgebenden Einfluss des körperlichen, geistigen und seelischen Erbgutes zu sprechen:
‹Denn ehe du wurdest gestellt
In Geburt und vergessliche Stunden,
Gezählt, gewogen, gefunden.›
Wir ‹Schmide› haben also Grund, für die aus dem guten Boden unseres Geschlechtes in Stamm und Krone steigenden Säfte dankbar zu sein.
So spricht einer, der mit seinem Werdegang zufrieden ist. Wenn sein Befund richtig war, dann wich der Sohn allerdings markant davon ab. Zwar besass auch er einen gewaltigen Schädel und Hartnäckigkeit und wusste sich «von geistigen Defekten frei». Aber von mangelndem Ehrgeiz kann nicht eben gesprochen werden, die körperliche Konstitution – der auch noch eine unmässige Raucherei zusetzte – liess zu wünschen übrig, und der Sinn für die Freuden des Lebens wurde oft und oft niedergehalten durch die Last der Depression.
DIE MUTTER: ANNA SCHMID-HUNZIKER
Sie war das Erbe mütterlicherseits. Wenn Karl Schmid vom Vater das heitere, gesunde, bäuerliche Element übernahm, so von der Mutter und deren Vater jenes der Schwermut und Sorge. Elsie Attenhofer sprach daher von einem «Erbe, das eine eigentümliche, ebenso fruchtbare wie gefährdende Verbindung in deinem [Karls] Gemüt eingegangen ist. Die Symbiose von geistiger Vitalität, Intelligenz und vielseitigster Begabung mit Schwermut, Grundtrauer und mangelndem Urvertrauen.»[23] Aber auch anderes verdankte Karl Schmid der Mutter: Mitmenschlichkeit, Liebesfähigkeit, Humor, Autorität, Disziplin, minutiöse Buchführung, Organisationstalent.[24]
Anna Schmid-Hunziker (1877−1963) stammte ebenfalls aus einer Lehrerfamilie; und auch ihr Bruder Fritz Hunziker-Bissegger (1886− 1960) wurde Lehrer und Rektor der Kantonsschule Zürich. Sie selbst bildete sich zur Kindergärtnerin aus – «entgegen den damaligen gutbürgerlichen Gepflogenheiten» ergriff sie als junges Mädchen einen Beruf, «obschon sie es – wie man sagte – ‹nicht nötig› gehabt» hätte.[25]
Zu seiner Mutter, von der wir das meiste nur indirekt aus Karl Schmids Briefen und Mitteilungen Elsie Attenhofers wissen, hatte Karl ein besonders enges Verhältnis. «Sie wisse überhaupt nicht, wie sie deine [Karls] Geburt je zustande gebracht habe», spottete sie später, ohne Erklärung des Sohnes, «wie sie es machen müsse».[26] Über seine Entwicklung führte sie ein in braunes Leinen gebundenes Buch, in das sie mit violetter Tinte bis zum 15. Geburtstag alles Wichtige eintrug: das Bubibuch. «Ihre mütterliche Sorge», schrieb Elsie Attenhofer, «galt vor allem andern deinem leiblichen Wohlergehen. Wenn ich meinerseits versuchte, mit ihr über deine Vorlesungen, deine Arbeit, deine Bücher zu sprechen, seufzte sie jeweils, davon verstehe sie zu wenig. Auch von seinen Büchern. Sie könne sie nicht lesen. Das sagte sie lächelnd und selbstironisch. Aber man spürte, dass es sie betrübte.»[27]
Abbildung 2: Karl Schmid als Korporal mit seiner Mutter vor dem Wollishofer Haus, 5. März 1928.
1929 verlor Schmids Mutter beim Börsencrash an der New Yorker Wall Street auf einen Schlag das gesamte Vermögen. Ihr schlecht beratener Mann hatte sich verspekuliert, «als er in guten Treuen hoffte, das Vermögen seiner Frau verdoppeln zu können». Sie konnte diesen Verlust «nie vergessen» und hat ihn ihrem Mann «nie ganz verziehen […], obschon die Familie durch die Stellung des Vaters an der Handelsschule auch nach dem Verlust in keine materielle Notlage geraten war».[28] Aber die Mutter konnte so dem Sohn «nichts» mehr mitgeben in die Ehe. Rhetorisch fragte Elsie Attenhofer:[29] «War es die Summe der beiden Schicksalsschläge – das Verhängnis, wie sie sagte –, die ihr Leben belastet hat und die zu bewältigen ihr nicht gelungen ist: Das Nein des Vaters zu ihrer Ehe […] – später der Verlust des väterlichen Vermögens und damit ihrer Sicherheit. […] Hat sie das für sich in Anspruch genommen – und damit die Berechtigung, ein Leben lang den väterlichen Schatten der Schwermut und den Pessimismus wie einen klösterlichen Schleier auf sich zu nehmen […]?» Eine Freude aber, die grösste Freude, war der Sohn.
DAS ELTERNHAUS
Karl Georg Friedrich war ein Sonntagskind. Er kam am Ostersonntag, 31. März 1907, um 1Uhr20 nachmittags, im Sternzeichen des Widders zur Welt. Zu seinen Paten erkoren wurden ein Geh. Baurat Georg Stautner, Würzburg, sowie ein Fräulein Elise Meyer, Zürich, eine Grosstante von Karl, die, wie dieser selbst, entfernt mit dem Dichter Conrad Ferdinand Meyer verwandt war.
Zwei Schwestern rahmten ihn ein: Anna, geboren 1904 – wie Karl nach dem Vater, wurde sie nach der Mutter getauft –, und Martha, geboren 1910. Beide besuchten nach der Volksschule die Frauen-Fortbildungsschule, eine Abteilung der Höheren Töchterschule. Anna heiratete 1927 einen Chemiker, Martha wurde Wochen- und Säuglingspflegerin und Hebamme und beschäftigte sich auch mit Bildhauerei. Die Augen der Eltern richteten sich indes auf den Stammhalter. Im Bubibuch heisst es für 1909: «Er ist sehr liebebedürftig und weich. Meist köstlicher Laune. Mit Lachen wacht er auf und lustig geht er zu Bett.» «Karli ist überaus anhänglich […]. Nach Abwesenheit der Eltern im Ausland grosses Wiedersehen. Karli weint vor Freude.»[30]
Abbildung 3: Martha, Karl und Anna Schmid (v.l.) im Wollishofer Garten, 5. März 1928.
1911 zog die Familie von der Mietwohnung an der Tödistrasse in ein eigenes, «schönes, solides Einfamilienhaus»[31] an der Rainstrasse 24 in Zürich-Wollishofen, damals ein Aussenquartier von dörflichem Charakter. «Wollishofen», das wurde später in Schmids Familie zur Chiffre. Man sagte «Das ist Wollishofen» oder «Das ist nicht Wollishofen». «Wollishofen» stand dabei für Bürgerlichkeit und Steifheit. Andererseits wies Karl Schmid bei Gelegenheit selbst darauf hin, dass er nicht dem reichen Zürcher Bürgertum entstamme, sondern Sohn eines Wikoner Bauernbubs sei.
Abbildung 4: Das Wollishofer Haus, etwa 1926.
Soweit wir von den quellenmässig nur spärlich belegten Kinderjahren wissen, war Karl Schmids Sozialisation unauffällig. Er wuchs auf in einem Lehrerhaushalt, in patriarchalischem Milieu. Die Titel des Mannes wurden damals auch von der Ehefrau geführt, sodass Schmid in Briefen und Postkarten seine Mutter mit «Prof.Dr.A. Schmid» angab. Es war ihr, führte der Vater zum Familienleben aus, «nicht zu viel, hie und da eine Korona zu fröhlichem Abendsitz einzuladen […]. Im übrigen nahm das Leben seinen gewohnten Gang. Er wurde in den Sommer-, später auch in den Weihnachtsferien unterbrochen durch Aufenthalte in Wildhaus, in Saas-Fee, Adelboden […], Lugano, Chamonix oder im Tannenboden (Flumserberge) und in Valbella-Lenzerheide, wo wir mindestens 10Mal die Weihnachtsferien verlebten.»[32] Karl wurde dabei ein guter Skifahrer. Die Gewohnheit, die Ferien in den Bergen zu verbringen, mit Wanderungen und Skitouren, führte Schmid auch als junger Erwachsener fort. Der Alemanne, meinte er einmal, liebe «sein Bergland […] wie nichts in der Welt».[33]
PRIMARSCHULE
Zwischen Sihl und Zürichsee also verbrachte Karl seine Jugend, hier trat er im April 1913 in die Primarschule ein. Seine Zeugnisse weisen fast lauter Bestnoten aus. Gesundheitlich hingegen erwies er sich als anfällig. Er wurde geplagt von Heuschnupfen, Bronchitisanfällen und Asthma, sodass man ihn im Sommer 1917 in eine Kräftigungskur ins zugerische Ägeri schickte, wo er bis zum Frühling 1918 ausharren musste. Mag sein, dass diese Kur, die in Schmids weiterem Leben keine sichtbare Rolle mehr spielte, doch grosse untergründige Wirkungen gezeitigt hat. Die Kinderpsychiaterin Regine Benalcázar-Schmid, Schmids Tochter, ist überzeugt, dass diese monatelange Entfernung von der geliebten Mutter, dieses Herausgerissenwerden des sensiblen, «weichen» Buben aus dem familiären Lebenskreis, ein Trauma hinterlassen hat; Karls starke Bindung an seine Mutter könnte hier eine Erklärung finden.
Vom Ersten Weltkrieg scheint die Familie nicht viel mitbekommen zu haben. Der Vater musste offenbar nicht oder nur wenig Militärdienst leisten, Beruf und Lohnzahlungen erlitten keine Unterbrüche. «Seltsamerweise», schreibt Elsie Attenhofer, habe sie im Bubibuch «nie etwas von Lebensmitteleinschränkungen gelesen während der Jahre 1914 bis 1918». Nur das Grippejahr 1918 wird erwähnt, das Sommerferien in den Bergen verhinderte. 1919 heisst es: ‹In Oetwil Mittagessen mit ‹gschwungenem Nidel› (Schlagrahm), der eine langentbehrte Herrlichkeit war.›»[34]
Unter den Kindern war Karl der unbestrittene Mittelpunkt. Er übernahm die autoritäre Haltung der Zeit und wollte seinen Schwestern, auch der älteren, «vorstehen». In einem Streit mit ihnen rief er schon als Siebenjähriger aus:[35] «Ich will ja gar nicht die Hauptperson sein – nur der Vater.»
GYMNASIUM
1920 trat Karl ins Kantonale Gymnasium Zürich über; er bestand die Aufnahmeprüfung «mit lauter Sechsern».[36] Nach zwei Jahren, als sich der Weg gabelte, wählte er die Variante Literaturgymnasium und lernte fortan Griechisch. Einer seiner engsten Schulfreunde war Hans-Rudolf Schwyzer. Schwyzer hiess «Cato», Schmid «Tango». Cato wurde Altphilologe und Gymnasiallehrer, ein weithin bekannter Plotinspezialist und zudem legendärer Zunftmeister der Zunft zur Schmiden.
Aus seiner Gymnasialzeit hat Karl Schmid bezeichnenderweise einzig die Deutsch- und die Geschichtshefte aufbewahrt: vierzehn Hefte Deutsche Aufsätze, ein Heft Literaturgeschichte, zehn Hefte Allgemeine Geschichte, zwei Hefte Schweizergeschichte. Seine Deutschlehrer waren Adolf Vögtlin, August Steiger und Eugen Müller.[37] Daneben lernte er Klavierspielen und besuchte von 1922 bis 1926 das Konservatorium, allerdings, nach eigenem Bekunden, nur die «Abteilung Dilettantenschule»[38]. Nach Elsie Attenhofer hingegen war er «klavierbegabt».[39] Insbesondere konnte er gut improvisieren. Später, vor allem als die Tochter hierin weiter ging als er, hat er das Klavierspiel nicht mehr gepflegt. Zur Musik – im Vordergrund stand die romantische Musik[40] – hat er kein ähnlich enges Verhältnis wie zur Literatur entwickelt.[41] In einem Verein, bei den Pfadfindern etwa, machte er offenbar nicht mit.
Abbildung 5: Konzert auf den Flumserbergen. Karl Schmid (2.v.r.), Karl Schmid sen. (2.v.l.), etwa 1922.
Abbildung 6: Auf den Flumserbergen, Karl Schmid (2.v.l.), Karl Schmid sen. (3.v.l.), etwa 1922.
Auch im Literaturgymnasium gaben die Lehrer Karl fast lauter Bestnoten, selbst im Zeichnen, Singen und Turnen. Ja, auch dort hielt er sich bei den Besten: Am 8. Oktober 1920 war er – die leicht kränkliche Konstitution mochte durch gesunden Ehrgeiz wettgemacht worden sein – bei einem Turnfest an der Kantonsschule der Erste in seiner Klasse und von 122Erstklässlern der Zweite.[42] 1922 kam es zu einem Unfall: Ein Schulkamerad stiess Karl in der Badeanstalt ins Wasser, worauf sich dieser an den Planken den Kiefer brach, die Lippe zerbiss und die Zunge fast ganz abbiss. Davon blieb eine äussere Verunstaltung, mit welcher der Gymnasiast zu leben hatte, bis endlich auch die Narben beseitigt werden konnten. Vielleicht rührt aus dieser Zeit seine – auf nicht wenigen Fotos bekundete – Abneigung gegen Fotografen.
RELIGION
Am Palmsonntag 1924 wurde Karl Schmid in der Kirche Wollishofen von Pfarrer Hauri konfirmiert, der ihm den Spruch widmete: «Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben» (Offenb. Joh. 2,10).
Wie hielt es Schmid mit der Religion? Zu Hause ging es nicht übertrieben fromm zu. Die Mutter hatte «zu kirchlich-religiösen Dingen» ein «eigentümliches Verhältnis». «Zwar folgte sie in der Erziehung den konventionellen protestantischen Bräuchen und liess ihre drei Kinder taufen und konfirmieren. Aber [sie] ging […] selbst nie aus innerem Drang in die Kirche. Ich höre noch», schrieb Elsie Attenhofer, «den Seufzer deiner Mutter, wenn von echt gläubigen Menschen […] die Rede war. Die hätten es leichter, meinte sie, sie fänden Halt und Hilfe in etwas Irrationalem, an das sie selber nicht glauben könne. Nach ihrer Meinung – sie sprach es nicht aus – machten die sich etwas vor.» Umso bemerkenswerter, dass ihre beste Freundin Frau Pfarrer Hauri war. Diese nahm es ihr «nicht übel, dass sie kaum je eine Predigt ihres Mannes in der Kirche anhörte». Schmids Mutter glaubte nach Ansicht ihres Sohns «weder an ein Droben noch an ein Drüben, sondern – vielleicht im Sinne Ludwig Feuerbachs und Gottfried Kellers – an die Realität des Diesseits, die gegenwärtige Wirklichkeit, in der es gelte, sich zusammenzunehmen und ein gutes Leben zu führen. Ein Leben, das seine genaue Grenze finde zwischen Geburt und Tod. Religion sei utopisches Verwischen des Wissens um unsere Endlichkeit.»[43] Der Sohn hat diese Haltung weitgehend übernommen. Kirchgänger wurde er nie. Er verstand sich als – «bilder- und auch etwas traditionsloser»[44] – Protestant. Im Rahmen der Literaturwissenschaft befasste er sich mit Lessings und mit Kellers Religiosität. Sonst hat er sich über Religiöses nur en passant geäussert.[45] Zum Christentum gehörte für ihn der Zweifel.[46] Gehörte Dezenz:[47] «Es ist mir lieber, es brauche einer das Wort «Gott» zehnmal zu wenig als einmal zu viel.»
Eine Gegenwelt stellte das Katholische dar. Für den Herbst 1935 hält Schmid in den biografischen Tabellen fest: «Auseinandersetzung mit Oxfordbewegung, endigend in scharfer Ablehnung.» Die Oxford-Bewegung war der Versuch, der anglikanischen Kirche zugrunde liegende katholische Prinzipien und frühkirchliche Orientierungen vermehrt zur Geltung zu bringen.[48] Reserve gegenüber dem katholischen Habitus ist auch in manchen Lesenotizen zu erkennen. So heisst es über den Roman Das unauslöschliche Siegel (1946) der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer: «Der Katholizismus der E.L. ist hier nur gebrochen zu erkennen. Jedenfalls möchte ich davor warnen, sie rundweg als ‹katholisch› abzustempeln. Denn ihr Katholizismus ist mit so viel Liberalität, ja Vitalität und Ungebundenheit versetzt, dass diese Mischung an und für sich schon aufmerken lässt, fasziniert und auf eine Persönlichkeit schliessen lässt.» Oder über Franz Werfels Roman Der veruntreute Himmel (1947): «Wenn Grossstadt- und Dekadenz-Intellektualität ins Religiöse umschlägt, entsteht immer eine Form ‹katholischer› Schwärmerei.» Später konnte das Katholische hingegen auch zum Faszinosum werden. Im Carnet I hielt Schmid unter dem 25. Dezember 1962 fest: «[…] stärkster Magnetismus des ‹Katholischen›, als des ‹Bilder enthaltenden Innenraums›. […] Das Uterus-hafte der Katholizität, Wärme, Dämmerung, Gehaltenheit.» Es war offenbar dieselbe Faszination, die ihn bei Stadtbesuchen regelmässig die Kirchen und Dome von Siena, Lucca oder Florenz besuchen liess. In Christoph Schmids Erinnerung war es dort, wo er anhand einer gotischen Kathedrale seinen Kindern erstmals die Dualität des Hellen und des Dunklen, des Senkrechten und des Waagrechten, des Wortes und des Bildes, des «Genauen» und des «Mächtigen» erklärte. Am «Katholischen» faszinierte ihn besonders, dass hier auch das Weiblich-Dunkle, Bildhafte und nicht nur der Logos gefeiert werde.
PUBERTÄT UND MATURA
Im Dezember 1922 begann die «Pubertät im physiologischen Sinne».[49] Die biografischen Tabellen enthalten für 1924 den Eintrag: «während des ganzen Jahres sehr viel Poetisches im Tagebuch. Im Frühjahr Entwurf einer Tragödie. Philosophisch-weltanschauliche Zeit.» Für 1925 ist eingetragen: «Tanzkurs, mich ganz unberührt lassend»; «vor allem im Mai wieder sehr viel dichtend. Platonische Liebesgedichte an ein Traumgebild.»; «Herbst: Liebe zu H.L. Erste sehr heftige Leidenschaft, ohne jede sinnliche Beimischung. Im November körperlich empfundene Krise, Ablösung.»; «Beginn der Freude an scharfen Formulierungen»; «Dezember: Ball der Klasse 6h in der Meise: Abschied von H.»; «Sehr platonische Liebe zu H.V.» 1926 kommt es zu «ersten Selbst-Abrechnungen im Tagebuch» – damit wurde eine lebenslange Tradition begründet. Der Eintrag «Beschäftigung mit der Frau im Tagebuch. Die Frau auf ihren seelisch-sinnlichen Bezirk weisend, gegen die Emanzipation» lässt erkennen, dass Schmids Frauenbild offenbar schon früh gefestigt war; in ganz ähnlicher Weise sollte er sich noch Jahrzehnte später äussern.
Die Maturaprüfungen waren Formsache. Das Thema des Hausaufsatzes vom 23. Juni 1926 lautete: «Gymnasium und Bildung» – ein Sujet ganz nach Schmids Gusto, das abzuhandeln ein Schulheft nicht reichte. «Nur das will ich noch sagen», heisst es darin mit dem Pathos der Jugend, «wenn es einmal keine Menschen mehr gibt, die um Homers willen, und nur um Homers, nicht um der (mir in mancher Beziehung grundverhassten) Philologie willen Griechisch lernen, dann möchte ich nicht mehr Erdenbürger sein».[50] Als Primus nahm Karl Schmid am 24. September 1926 sein Maturazeugnis in Empfang.
Abbildung 7: Maturazeugnis, 24. September 1926.
IV.
STUDIENZEIT
(1926−1934)
GERMANISTIK ODER MEDIZIN?
Was nun? Die Schule hatte Schmids ungemeine intellektuelle Begabung offenbart, mit der ein ungemeiner Ehrgeiz Schritt hielt. Aber «Ehrgeiz», damit ist stets nur wenig gesagt. Woher stammt und wohin will, welche Formen wählt er? Schmid war unsicher über die Studienrichtung. Germanistik oder Medizin? Er schwankte. Zwanzig Jahre später schrieb er dazu:[51]
Zur Germanistik zog mich die Freude am Geistigen, an der Kunst, am Wort, an der Wirkung in die Ferne, am Einfluss auf die Menge – und daneben der Einfluss des Vaters und der Familie, die im Zeichen der Pädagogik und der Literatur stand […].
Zur Medizin zog mich etwas ganz anderes, was bei mir damals weniger christlich bestimmt war, als durch die Lektüre Tolstois. Und, paradoxerweise, durch Reaktion auf Nietzsche. Nämlich: tiefe Überzeugung, sozusagen pessimistische, von der Fruchtlosigkeit und Bagatellhaftigkeit aller schöngeistigen und schulischen Tätigkeit. Überzeugung, dass Tun, und zwar menschlich helfendes Tun, das Nötigste sei. […]
Ich habe mich dann, weniger aus Überzeugung als aus andern Gründen, zum Lehrberuf entschieden. Und ich habe das seither hundertfach bedauert. Aber nun ist es zu spät. Ich hatte seinerzeit die Idee, ich wolle so um die Vierzig herum ‹daneben› dann Medizin studieren – heute weiss ich, dass das nicht geht.
Karl Schmid entschied sich also für die Germanistik. Offenbar waren die Spuren des Vaters – und des Grossvaters – schon zu deutlich vorgezeichnet. Aber er war sein Leben lang im Zweifel, ob er recht daran getan hatte:[52]
Natürlich sehe ich heute die Dinge anders als vor zwanzig Jahren. Aber daran hat nichts geändert, dass ich die erste Aufgabe eines Menschen, der nicht nur für sich selber denkt, im Helfen sehe. […] alle interpretierende oder pädagogische Tätigkeit – und […] Lehrer sind i. a. solche Menschen zweiter Hand – ist zweitrangig. Sie hilft nicht direkt. Sie hilft nicht weiter. […]
Du begreifst vielleicht von hier aus meine fragwürdige literaturwissenschaftliche Tätigkeit und die mir oft vorgeworfene Tatsache, dass ich ‹alles Mögliche› daneben treibe: all das waren und sind Fluchten aus der pädagogischen Sterilität in die direkte Wirkung. Wenn ich in meinen Vorlesungen so wenig von Literatur rede und so oft über Psychologie, so ist das aus dem Bemühen zu erklären, bildlich gesprochen, ‹der Medizin näherzukommen›, d.h. einer direkt helfenden Tätigkeit.
Der Medizin blieb er eng verbunden, bezeichnete sich einmal metaphorisch als «alten Gynäkologen»[53], betrieb, auf der Suche nach «direkter Wirkung», Literaturwissenschaft gewissermassen in medizinischer Weise, und es ist auch beglaubigt, dass für einige Schriftsteller die Behandlung «im persönlichen Verkehr ärztlichen Sinn» hatte[54]. Insofern wandelten seine Kinder, die beide dann die Medizin wählten, in den Bahnen seines nur als Subtext gelebten Lebens.
AN DER UNIVERSITÄT ZÜRICH
Im Oktober 1926 immatrikulierte sich Schmid an der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich für Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft und Geschichte. Er sass bei den Professoren Albert Bachmann (Linguistik, Sprachgeschichte), Emil Ermatinger, Robert Faesi, Otto Gröger (mittelhochdeutsche Lektüre), Andreas Heusler, Hans Lehmann (Altertumskunde), Rudolf Pestalozzi und Manfred Szadrowsky. Unter den Historikern waren Ernst Gagliardi und vor allem Karl Meyer gesuchte Lehrer. Bei Meyer, der auch an der ETH lehrte, hielt Schmid im Sommer 1930 einen Vortrag über Die Berechtigung zur Annahme der Sprache als Prinzip des Nationalstaates.
Daneben besuchte er Vorlesungen in Psychologie, Philosophie und Kunstgeschichte, bei den Professoren Otto Waser und Joseph Zemp. Der bildenden Kunst brachte Schmid zeitlebens grosses Interesse entgegen, und er hielt sich auch für einen Augenmenschen.[55] Beim alten Heinrich Wölfflin (1864−1945) hörte er 1934 eine Vorlesung über Italien als Erlebnis des Deutschen (seit Goethe). Wölfflin hatte sich grosse Bedeutung erworben durch das Werk Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Das Problem der Stilentwicklung in der neueren Kunst (1915). Er wirkte weit über die Grenzen der Kunstgeschichte hinaus auf andere Wissenschaftsgebiete, etwa auf Archäologie, Literatur- und Musikwissenschaft. Zu Wölfflin äusserte sich Schmid Jahrzehnte später in einem Brief an den Berner Germanisten Fritz Strich:[56] «Ganz unbestimmt sei nur gesagt, dass Sie den weithin stickig und geistlos gewordenen Raum der alten Literaturbetrachtung damals auf eine Weise öffneten, die uns tief erregte. In meinen letzten Studiensemestern konnte ich die letzten Vorlesungen Heinrich Wölfflins hören; da war dieser gleiche Hauch spürbar, die gleiche Weite und die gleiche vornehme Art, den Dingen nicht zu nahe zu treten.»
Seine Vorlesungsskripte führte Schmid mit grosser Sorgfalt, meist in Stenografie. In den Notizen zu einer Vorlesung Robert Faesis vom Wintersemester 1926/27 (Deutsche Literatur zur Zeit des Realismus) merkte er an: «Schlecht geschrieben, wertlos aus mehreren Gründen». Andere Mitschriften enthalten ähnlich kritische Kommentare.[57] Hier kündigte sich eine Selbstherabsetzungspraxis an, die Schmid später noch verfeinern sollte.
EMIL ERMATINGER
Emil Ermatinger (1873−1953) wurde Schmids Hauptlehrer. Er unterrichtete seit 1908 an der ETH Zürich und ab 1912 auch an der Universität Zürich. Diese Doppelprofessur verschaffte ihm eine herausragende Stellung; wer akademische Ziele verfolgte, tat gut daran, seine Wertschätzung zu erlangen. Bei ihm verfasste Schmid mehrere Seminararbeiten, 1928 über Die Bedeutung des Kant-Erlebnisses und seine Nachwirkung in den theoretischen Schriften Schillers, 1930 über Herders «Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit» und Kants Kritik derselben, und über Die Berechtigung des Subjektiven in der Literaturwissenschaft. Alle Studentenarbeiten Schmids scheinen in späteren Werken wieder auf, was auch für die bei Albert Bachmann verfasste Seminararbeit über Das unpersönliche «es» gesagt werden könnte, wenn man es weniger linguistisch als psychoanalytisch läse.
Bei Ermatinger hielt Schmid sodann einen Vortrag über Kellers Grünen Heinrich. Er kam nicht gut an, und Schmid hatte «schwere Depressionen wegen des Berufes nach Ermatingers Kritik an meinem Vortrag auch später».[58] Noch in seinem letzten Lebensjahr bezeichnete Schmid Ermatinger als «bedeutend, aber methodisch rigid und gelegentlich unsensibel».[59] Eine Beschreibung seines methodischen Ansatzes gab er 1955:[60]
Von Hause aus Altphilologe, hatte sich Ermatinger auf dem Wege über die Befassung mit Wieland, Hebbel, Leuthold und Keller ganz der deutschen Literatur zugewandt. Wissenschaftsgeschichtlich stand er in der Linie W.Diltheys und des deutschen Idealismus. Sein methodisches Glaubensbekenntnis legte er in dem programmatischen Buche ‹Das dichterische Kunstwerk› (1921) ab. Zutiefst war es die Geistesgeschichte, was er durch das Medium der Dichtung hindurch sichtbar zu machen suchte. Nicht um die philologische Deutung des einzelnen literarischen Werkes ging es ihm, sondern um die Zusammenhänge, in denen das Dichtwerk mit der Weltanschauung seines Schöpfers, und diese wiederum mit der allgemeinen Kultur- und Geistesgeschichte steht […].
Ungefähr so hätte Karl Schmid es auch für sich selbst sagen können.
ERWACHSEN
Was immer er sich von der Germanistik erhofft hatte – es folgte eine «grosse, fürchterliche Enttäuschung», wie er in den biografischen Tabellen notierte. Auch in den kommenden Semestern plagten ihn «schreckliche Ungewissheit wegen des Studiums» und «Berufskämpfe». Erst 1928 folgt der Eintrag: «Etwas abgefunden mit der Germanistik. Fleiss.» Er suchte dabei nun aber «das bewusste Sich-im-Schreiben-von-etwas-Befreien». Später warf er sich «viele schlechte Verse» vor.[61]
Und ausserhalb des Studiums? Mit dem 20. Geburtstag erreichte Schmid die Volljährigkeit; am 27. April 1927 wurde er ins Bürgerrecht der Stadt Zürich aufgenommen. Sodann trat er in die Studentenverbindung Zofingia ein.[62] In den biografischen Tabellen finden sich nun zahlreiche Vermerke zu den Themen Frau, Eros, Geschlechtlichkeit. Eine «halbbewusste Liebe zu D.H.» dauerte «bis Sommer 1928 (Verlobung)» – bis sich die Geliebte «verlobte mit Prof.R.K. Für Augenblicke recht schmerzvoll.» Der Juli 1928 weiss von «furchtbarem Sinnendurst des sehr gekräftigten Körpers», für den November und Dezember heisst es hingegen: «fast wahnsinnig vor Minderwertigkeitsgefühlen, Skrupel aller Art.» Für 1929 werden wiederum «erste Küsse» verzeichnet sowie das «Verstummen der seelischen Regungen, die früher zu poetischer Tätigkeit führten».
MILITÄRDIENST
Ein äusserst wichtiger Erfahrungs- und Wirkungsraum wurde die Armee. 1926 war Schmid für diensttauglich befunden, als Kanonier «ausgehoben» und in die Festungsartillerie eingeteilt worden, Unterabteilung Motor-Haubitzen-Batterie. In Schmids Studienzeit fielen insgesamt 14Monate Militärdienst. Er besuchte im Frühling 1927 in Thun und Bulle die 17-wöchige Rekrutenschule. Im Herbst folgte die Unteroffiziersschule und im Rahmen des sogenannten «Abverdienens» des erlangten Unteroffiziergrades nochmals eine Rekrutenschule, diesmal nun als Korporal. In der Rekrutenschule zieh sich Schmid noch eines «blinden und blödsinnigen Unterwürfigkeitsgeists»;[63] beim Abverdienen war er kritischer. Er führte seine Gruppe so gut, dass er den «Vorschlag», die Zulassung zur Artillerie-Offiziersschule, erhielt. Sie folgte ein Jahr darauf in Thun und Andermatt. Am 27. Oktober 1928 wurde Schmid, wie es in seinem Dienstbüchlein heisst, zum «Lieutenant» befördert. 1929 folgte das Abverdienen auch des Leutnant-Grades, in einer Rekrutenschule als Zugführer.
Nicht nur diese militärische Karriere als solche, auch Schmids Äusserungen belegen seine «Freude an der militärischen Lebensform, der rationalen Teleologie, am Disponieren».[64] «Der Dienst», schrieb er im Sommer 1929, «gefällt mir immer besser».[65] Er wurde gefordert im Felde, und dies auf andere Weise als an Schule und Universität. Am ausführlichsten auf seine Affinität zum Militär ging der 21-Jährige in einem weit ausholenden Brief an Hans-Rudolf Schwyzer ein:[66]
[…] es zieht mich allerhand zum Militär. Ich habe mich schon manchmal gefragt, was es sei.
Einmal vielleicht das: jeder von uns ist vor allem von zwei gegensätzlichen Trieben erfüllt, vom caritativen und vom vitalen. Der erste ist der christliche, sich neigende, sich an den Menschen, die Gesellschaft hingebende – der zweite ist der urmenschliche, sich bäumende, dem All, den grossen Ebenen, den Meeren, den Tieren, den Wäldern uns zurückgebende. Und dieser – das liegt im Wesen unserer Kultur – wird im Alltag vernachlässigt. Der Stolz des Überhaupt-Seins, des Atmen-Könnens, des Durchblutetseins, des Kraft-Habens schwindet. Diese vitalen Triebe und Gefühle ersticken zwischen den Häusern unserer Grossstädte. Es sind geheime und tiefe Regungen, die wir aus unserer Vorzeit mitbringen, alte Instinkte. Sie sind an Bäume und Tiere und Ur-Tätigkeiten gebunden, die uns heute fremd sind. Ein solches Gefühl, wie ich es habe, wenn ich am Morgen auf dem Pferde gegen die Allmend hinaus komme, kennen wir sonst nicht. Dieses Gewiegtwerden auf dem Rücken, diese animalische Wärme, die in die Schenkel dringt, dieser starke Duft, der von der Haut des Pferdes aufsteigt – das sind ja alles Dinge, die unsere Väter schon vor vielen tausend Jahren auch sahen und fühlten und empfanden. […]
Der Militärdienst gibt uns Gelegenheit zur Empfindung solcher Urgefühle, die gebunden sind an jene Urtätigkeiten: jagen, reiten, stossen, ziehen – und die in ähnliche Tiefen zu rücken sind, wie das Geschlechtsleben, das Essen und Trinken. […]
[…] diesen vitalen Gefühlen haftet eine grosse Kraft an, jene Kraft, die alles hat, das aus der Tiefe kommt.
Und das ist es, was uns zum Militär zieht.
Das Caritative ist das Ethische. Armee und Ethik scheinen unvereinbar. Und sind es weitgehend auch. Aber unsere schweizerische Armee macht hier eine Ausnahme: als ausgesprochene Defensivarmee wird sie erst in Tätigkeit treten, wenn es gilt, Frauen und Kinder zu schützen.
Sodass also auch das Caritativ-Ethische beim Dienen in unserer Armee beteiligt ist.
An diesen beiden Polen fasst uns das Militär, vor allem an dem sonst vernachlässigten vitalen, ohne eben in unserem speziellen Fall dabei den caritativen zu beleidigen.
Das ist das eine, was mich am Militär reizt, das andere ist die ausnahmslose, straffe und bewusste Teleologie des Ganzen. Das Kunstwerk geht aus einer Idee hervor, die es bis in seine letzten Peripherien füllen soll – beim Militär geht alles auf eine Idee als Telos hin, die Idee des Organismus, des Uhrwerks. – Und das imponiert einem. Wenn jener erste Reiz den Vitalen-Kräftigen, vor allem den Irrationalen in uns packt, so dieser zweite den Rationalen.
Abbildung 8: Ernennung zum Leutnant der Artillerie, 27. Oktober 1928.
Der Militärdienst wurde damals also nicht politisch-zeitgeschichtlich motiviert, auch nicht staatsbürgerlich, sondern auf individuelle Weise anthropologisch und ethisch, wobei Schmid möglicherweise zeitgenössische naturphilosophische Gedanken aufgenommen hat. So rief etwa die Wandervogel-Bewegung dazu auf, ausserhalb der Stadt die Natur zu erleben. Schmids Brief lässt in seinem Idealismus auch erkennen, dass die Schweiz nicht am Ersten Weltkrieg teilnahm und Schmid nicht von desillusionierten Kriegsveteranen umgeben war.
MARBURG UND BERLIN
Im Spätsommer 1928 besuchte Karl Schmid nun einen Ferienkurs an der Universität Marburg, wo er unter anderem bei den Professoren Josef Nadler, Hermann Pons, Karl Viëtor, Max Kommerell und Paul Fechter studierte. Er wurde dabei als «Auslanddeutscher» betrachtet:[67]
Das geistige und kulturelle Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz war seit Jahrzehnten nicht mehr im Gleichgewicht. Als ich 1928 als junger Student an einem Ferienkurs der Universität Marburg teilnahm, entdeckte ich zuerst lachend, dann freilich mit Bestürzung, dass ich ein ‹Auslanddeutscher› sei. Mindestens ein Grenzlanddeutscher – es gab noch ein paar andere sinnverwandte Bezeichnungen, die durch ihre Absicht und Assoziation nach dem zu erlösenden Dornröschen oder aber nach Missionsstationen im ausserdeutschen Dschungel deuteten. Ich sah mich da Seite an Seite zum Beispiel mit Siebenbürger Sachsen, mit Sudetendeutschen und Studenten aus den baltischen Gebieten.
Abbildung 9: Semesterausweis für das Wintersemester 1930/31.
Vor allem aber ein anderer Auslandsaufenthalt unterbrach die Zürcher Studienzeit: ein Semester in Berlin. Am 6. November 1929 meldete sich Schmid, mit etymologischen Wörterbüchern, alt- und mittelhochdeutschen Grammatiken und Lesebüchern im Gepäck, dort an. Er nahm ein Zimmer in der Nähe des Potsdamer Platzes, Magdeburgerstrasse 33 III, und schrieb sich in seinem sechsten Semester an der Friedrich-Wilhelms-Universität ein. Er hörte vor allem die Professoren Max Dessoir (Ästhetik), Arthur Liebert (Neuere Philosophie), Hans Friedrich Rosenfeld (Grammatik), Gustav Neckel (Altgermanisches), Hermann Oncken (Reformationsgeschichte), Julius Petersen (Neuere Deutsche Literatur) und Eduard Spranger (Ethik).
Rege nahm er auch am Kulturleben teil. Im PEN-Club hörte er den NZZ-Feuilletonchef Eduard Korrodi, eingeführt vom Lokalmatador Alfred Kerr. Fleissig schrieb er in der ironischen Weise, die er sich für solche Briefe angewöhnt hatte, nach Hause:[68] «Stuhlgang sehr gut, Gewicht zugenommen (sic!), säuft sehr wenig, raucht nicht, trinkt keinen Kaffee, keinen Thee, schreibt zwölfseitige Briefe nach Hause: kurz ein Mustersohn». Natürlich achtete er auch auf die lokale Sprachfärbung:[69] «Berlinerisch ist eine Sprache von unendlicher Mannigfaltigkeit der Wendungen auf dem Gebiete des täglichen Verkehrs, der ehelichen Auseinandersetzungen usw.» Über sein Studium berichtete er hingegen nicht viel, auch über die politischen Verhältnisse in Deutschland fiel in den Briefen kaum ein Wort. Die Grossstadt war ein Erlebnis, Schmids Notate lassen daran keinen Zweifel: «Beginn der Weitung des Horizontes»; «in Berlin immer äusserst angeregt»; «Geistig sehr rege. Viele Museen und Theater.»
An Weihnachten lag er krank zu Hause. Erst am 15. Januar fuhr er wieder in die deutsche Hauptstadt, wo er bis Mitte März 1930 blieb. In Berlin verbrachte er insgesamt also lediglich dreieinhalb Monate. Es war dies dennoch der längste Auslandsaufenthalt seines Lebens. Später kam es nur noch zu Reisen. Eine erste folgte gleich nach dem Berlin-Aufenthalt; Schwester Martha und er reisten zusammen, «um deutsches Markgeld zu fruktifizieren»; «mit einem Norddeutschen Lloyddampfer von Hamburg aus via Schottland nach dem fernabliegenden Spitzbergen und über das Nordkap wieder heim».[70]
FRAUEN
«Zum ersten Mal bei einer Frau geschlafen», trug Schmid in Berlin in die biografischen Tabellen ein. Dann folgt Disparates. Für 1930: «Depressionen wegen des Berufes, wegen des Abschlusses des Studiums»; «Bei Ermatinger viel Kritik»; «Sehr viel gelesen in den Sommerferien, vor allem Modernes: Th. Mann, H.Mann, Rilke, Hofmannsthal, Schnitzler». Für 1931: «In den Frühlingsferien fast wahllos gelesen»; «28.5. Beginn der Finanzsorgen»; «Juni: D.K. gesehen, starke Resonanz»; zweite Hälfte: «Finanzieller Zusammenbruch»; «viel Beschäftigung mit dem Finanziellen. Diese Arbeit z.T. wollüstig ergriffen als positive Arbeit nach dem Wissenschaftlichen»; «viele Lektüre, wahllos.» Für 1932: «Sehr viel gelesen, aber sehr wahllos»; «Den ganzen Sommer sehr wenig gearbeitet wegen der Liebe zu H.L.»; «April: A. v. P. in Zürich. Sehr heisser Zusammenstoss. April: mit C.M. sehr nahe gekommen. April bis September: H.L. in Zürich. Alles andere paralysierende Leidenschaft. Sehr sinnlich, aber auch alles weit darüber Seiende»; «Gedichte an H., über sie»; «Seit dem 2.Halbjahr 1932 Kultivierung des Briefwechsels»; «Humanistische Lebensform: viel zu viel Kultur der Existenz auf Kosten der ratio»; «Sept.: aufreibende Tage in Zürich wegen H.»; «Nach H.s Abreise grosse Angst wegen der Folgen»; «Sexuelle Krise. Zufällige Begegnung mit Frauen». Für 1933: «18. April: H.L. wieder getroffen, dann noch einige Male während des Semesters. Fertig.»; «Alles eingefroren. Zufällige Begegnungen [mit H.L. wohl], dürfte dieses Jahr beendet sein.»
In den biografischen Tabellen berichtet Schmid also verschiedentlich von Frauen, denen er nahe kommt, aber nur dort – wir wissen über sie nicht mehr, als diese Notate erzählen; einschlägige Briefe hat Schmid vernichtet.[71] Es war, alles in allem, keine einfache Zeit. Die Liebesnöte waren das eine; hinzu kam die Sorge um den Abschluss des Studiums und die berufliche Zukunft, hinzu die finanziellen Schwierigkeiten, der «Zusammenbruch», dessen Grund offensichtlich im erwähnten Vermögensverlust der Eltern lag: Karl Schmid wollte sich von ihnen seither nicht mehr unterstützen lassen.
DISSERTATION
Ab Sommersemester 1932 war Karl Schmid an der Universität nicht mehr immatrikuliert und arbeitete hauptsächlich an seiner Dissertation, einer Arbeit über Friedrich Schiller. Von März bis Mai 1933 schrieb er sie in kurzer Zeit nieder, im Juli gab er sie ab. In dieser Zeit widmete Schmid Emil Ermatinger, den er sich zum Doktorvater gewählt hatte, einen Brief zum 60. Geburtstag.[72] Auch wenn er die «captatio benevolentiae eines Examinanden» verneint – ein etwas liebedienerischer Huldigungsbrief ist es doch. Der Wunsch, Ermatinger möge an Lehrtätigkeit und Forschung weiter Freude haben, so hob Schmid an, sei «nicht ganz altruistisch – er entstammt auch dem begreiflichen Egoismus eines Menschen, der von Ihnen in seiner wissenschaftlichen Richtung bestimmt worden ist und der jede Ihrer Arbeiten mit wachsendem Verständnis liest».
Als ich frisch vom Gymnasium an die Universität kam, […] konnte ich zunächst den Eingang zu Ihrer Art Literaturwissenschaft durchaus nicht finden. […] Der 19-jährige hatte […] zwar ein sehr warmes, durchaus gefühlsbestimmtes Verhältnis zu ästhetischen Schönheiten, liebte grosse Erschütterungen und zarte Regungen, aber er suchte in der Literatur nicht eigentlich das Überpersönlich-Gültige, geschweige dass er für die geistesgeschichtliche Deutung viel übrig gehabt hätte. So erschien ihm Ihre Art, schonungslos das, was Schiller das ‹Leben› eines ästhetischen Gebildes nennt, beiseitezuschieben und seine ‹Gestalt›, d.h. das vom Form- nicht Sachtrieb zu Ergreifende, aus Weltanschauung nicht augenblicklichem Gefühl Emporgestiegene zu bewerten, als Sakrileg an der eigentlichen ‹Schönheit›. Ich habe jüngst in einem alten Tagebuch mit fröhlichem Entsetzen wiedergelesen, was ich nach einer Proseminarstunde, in der Kleist besprochen worden war, niederschrieb; der Ausdruck ‹professörliche Gefühllosigkeit› fasst jene Kritik ungefähr zusammen!
Diese Erinnerung bezog sich auch auf den Philologen Albert Bachmann, bei dem Karl Schmid Alt- und Mittelhochdeutsch hörte. Dessen abgeklärte Form geistesgeschichtlicher Deutung sagte dem Studenten damals wenig. Das Berliner Semester brachte nicht nur räumliche Distanz; es entwickelte auch die Fähigkeit zur Distanzierung. Es führte zur Enttäuschung über ästhetisierende Professoren und bekehrte Schmid zur geistesgeschichtlichen Methode Ermatingers. Zuletzt sprach er auch die kulturpolitische Situation in Deutschland nach der «Machtergreifung» Hitlers an. Er bewertete sie – in weiterhin hochgestochener Diktion – insgesamt positiv:
Nicht belanglos aber kann Ihnen sein, was in den letzten Monaten in Deutschland geschieht. Ich müsste mich sehr täuschen, wenn Ihnen nicht gewisse (nur gewisse) Seiten der völligen Wertungs-Dämmerung in der Literatur an sich sympathisch wären, da sie sich auffällig mit schon lange von Ihnen vertretenen Gedanken berühren: etwa dass nicht mehr nur das ‹Geistreiche› und Feingesponnene, Kluge und Intellektuelle gilt, sondern dass tatsächlich die Literatur wieder als eine Sache des Gehalts nicht der Form, der Weltanschauung nicht der Weltgewandtheit, des Herzens nicht des Hirns, der Ernsthaftigkeit nicht des Spiels angesehen wird. […] Galten Ihre Angriffe […] den gut geformten Gehaltlosigkeiten (der psychologisch-medizinische Casus à la Jakob Wassermann und Zauberberg[73] nicht als ‹Gehalt› genommen), so werden sie künftig den formlosen Gesinnungsmachwerken gelten müssen, die den Anspruch erheben, Kunst zu sein.
[…] die heutigen Vorgänge in Deutschland auf literarischem Gebiete dürfen Ihnen füglich zeigen, dass jene Forderungen, die Sie seit langem an die Dichtung stellen: nach Weltanschauung und Gehalt, Ernst und Verantwortung, tatsächlich Forderungen sind, die – vergröbert und oft verfälscht – das Geschlecht dieses Jahrhunderts an die Literatur der Epigonen des letzten Jahrhunderts heranträgt.
Am 24. Februar 1934 bestand Karl Schmid das Doktorexamen summa cum laude.[74] Seine Dissertation, durch die er zu einem der besten schweizerischen Schiller-Kenner avancierte, erschien ein Jahr später unter dem Titel Schillers Gestaltungsweise, Eigenart und Klassik im Druck, in der von Ermatinger herausgegebenen Reihe Wege zur Dichtung, Zürcher Schriften zur Literaturwissenschaft, im Verlag Huber & Co. in Frauenfeld. Auf dem Titelblatt des gut 200-seitigen Werks figurierte der Autor als «KarlG. Schmid». So unterschrieb er auch sonst, um sich von seinem Vater zu unterscheiden. Erst in den 1940er-Jahren liess er den «Georg» fallen,[75] als er sich einen eigenen Namen geschaffen hatte, sodass keine Verwechslungsgefahr mehr bestand.[76]
In der Einflusssphäre Ermatingers, aber doch durchaus eigenständig, beschäftigt sich Schmids Dissertation mit der Frage nach dem Verhältnis von «Gestalt» und «Leben». Im Vorwort schrieb er, seine Abhandlung habe kein stilistisches Ziel. Vielmehr: «Worum es hier geht, ist das: es soll der spätere Stil, besser: der Charakter, die Art der späteren Dramen derjenigen der frühen Dramengruppe gegenübergestellt werden». Gefragt werde nach dem Verhältnis von ideeller «Gestalt» und psychologischem «Leben». Schmid arbeitete also anhand einer Polarität – wie er es noch so manches Mal tun sollte.
Abbildung 10: Doktorurkunde der Universität Zürich, 1935.
Der Verkaufspreis betrug Franken 7.50. Gedruckt wurden 400Exemplare. Bis Ende 1936 waren davon 59 abgesetzt und 53 als Rezensionsexemplare versandt. Es erschien denn auch eine ganze Anzahl von Besprechungen, in der Tagespresse[77]
