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Liehr nutzt interessante Teile seiner Biografie, erweitert diese durch kreative Elemente, und macht aus diesem Mix eine packende Kriminalgeschichte. Es ist die Geschichte des Entwicklungshelfers Eduard Landmann. Während der Protagonist an seinem Pool in Sri Lanka liegt, oder gerade einer buddhistischen Prozession beiwohnt, erinnert er sich zurück an sein früheres, einfacheres Leben. Dazu gehören Kindheit und Jugend in einem Dorf, eine Reise durch die Sahara oder eine prägende Zeit unter Fischern auf einer brasilianischen Insel. Und vieles mehr. Denn Landmann hat in verschiedenen Ländern gearbeitet, er kennt das Leben in vier Kontinenten. Da er jedoch in seinem späteren Leben Karriere macht, hat er es bald mit hochrangigen Regierungsvertretern zu tun oder widmet sich politischem Besuch aus Deutschland. Im Grunde genommen handelt der vorliegende Roman jedoch von alltäglichem menschlichem Verhalten. Das allerdings oft vor exotischer Kulisse. Es wird von Schlangen, Tigern und Krokodilen berichtet, aber auch von Naturkatastrophen und Überfällen, oder von Bootsreisen in Amazonien. So entsteht eine schillernde Geschichte, welche sich aus ungewöhnlichen Erlebnissen zusammensetzt, unterlegt mit farbenfrohen Sinneseindrücken. In der Geschichte des Eduard Landmann verschmelzen Wahrheit und Fiktion, reale und gefühlte Wirklichkeit nahtlos ineinander. Ein roter Faden entsteht über lebenslange Freundschaften und ein Orakel , welches dramatische Dinge ankündigt. Es geschehen Verbrechen. Und es geht um den Tod. Somit stellt sich die Frage nach Schuld und Unschuld. Mit philosophischer Einfärbung wird in einigen Passagen menschliche Unzulänglichkeit angesprochen. Stichworte sind gesellschaftliche Ungleichheit und Naturzerstörung, mangelnde Ethik und menschliche Gier. Im Grunde genommen ist das vorliegende Werk eine kritische Auseinandersetzung über das Gute und das Böse im Menschen. Und diese Janusköpfigkeit, so Landmann, sei letztlich für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen verantwortlich.
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Seitenzahl: 584
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Dr. Wilfried Liehr wurde am Beginn der Fünfzigerjahre in einem kleinen Dorf in Baden geboren. Bevor er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholte, war er Schreiner und Bauleiter in Großprojekten. Schon im Alter von achtzehn Jahren, bewarb sich Liehr als Entwicklungshelfer und lernte Englisch.
Kurze Zeit später wurde er Mitbegründer eines Vereins, welcher über Baumaßnahmen in Deutschland kirchliche Projekte in Brasilien unterstützt hat. Nach zwei Studienreisen in dieses Land sollte die Bekämpfung der Armut das Thema seines Lebens werden.
An der Goethe-Universität in Frankfurt studierte der Autor Soziologie, Politologie und Volkswirtschaft. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter wurde ihm im Rahmen eines Forschungsprojektes über Brasilien im Jahr 1987 der Doktortitel verliehen.
Portugiesisch hat Liehr zuvor an der Universität von Lissabon erlernt; in Guatemala besuchte er eine Privatschule für Spanisch. Sein Englisch hat er in Irland vervollständigt.
Nach dem Verlassen der Universität war der Autor über Jahrzehnte hinweg als internationaler Experte und Führungskraft in der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Bis heute hat er beinahe die Hälfte der Länder der Welt bereist - und in sechs von diesen jeweils jahrelang gelebt und gearbeitet.
Inzwischen ist Dr. Liehr Rentner. Er lebt mit seiner dritten Frau in Deutschland, Kolumbien und in Brasilien.
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Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich
Aus: Gottfried Benn, Nur zwei Dinge
(Sämtliche Gedichte, Klett-Cotta)
Ich danke meinen Freunden für ihre Unterstützung und Rosiane für ihre Geduld.
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Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich nicht um eine Biografie und auch nicht um einen biografischen Roman. Ebenso wenig trifft die Gattung des Tatsachen- oder die des Kriminalromans den Inhalt in umfassender Weise.
Vielmehr hat es der Leser hier mit einem echten ‚Bastard‘ zu tun, mit einer Vermischung der genannten Genres. Puristen und Literaturwissenschaftler mögen das verurteilen. Das ist ihr gutes Recht.
Mir war es indes wichtig, beim Schreiben Spaß zu haben.
Von einigen Ausnahmen abgesehen haben die geschilderten Ereignisse tatsächlich stattgefunden - oder sie haben zumindest einen realen Hintergrund. Einige Passagen sind jedoch frei erfunden. Aber auch diese fiktiven Teile hätten genauso geschehen können, wie sie hier beschrieben wurden.
Bei den dargestellten Charakteren verhält es sich umgekehrt. Fast alle sind Kunstfiguren - oder ‚Neukompositionen‘.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig. Auch die wenigen, kurzen Ausschnitte aus dem Arbeitsalltag des Entwicklungshelfers Landmann sind verfälscht dargestellt.
W.L.
„Diese räuberischen Affen sind wieder da“, sagte ich zu Victoria, die bäuchlings unter dem Moskitonetz auf unserem breiten Ehebett lag und etwas in ihren Laptop tippte. Von den Knien an ragten ihre schlanken Waden in die Luft. Leicht und elegant schwang die eine vor, während sich die andere Wade ebenso graziös zurückbewegte.
„Mach’ einfach die Fliegengitter zu, Endo“, entgegnete sie geistesabwesend.
Victoria nannte mich immer „Endo“, da sie meinen Namen Eduard - oder dessen Kürzel „Eddi“ - nicht aussprechen konnte. Die verrückte Affenbande hatte uns vor Wochen eine Kamera entwendet, zum Glück war es die alte, die weniger wertvolle gewesen.
„Vielleicht fotografieren sich die Affen jetzt gegenseitig“, scherzte ich. Aber meine Frau reagierte nicht, sie blickte nicht einmal auf. Ich sollte wohl besser schweigen. Aber es war ein brüllend heißer Sonntag und mir war gerade langweilig.
Wir lebten bereits seit drei Jahren in einem Vorort von Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka. Eine ganze Weile schon stand ich in der nachmittäglichen Tropenhitze am offenen Fenster unseres Schlafzimmers und schaute in den Garten hinaus. Die ausladenden Äste der alten Bäume schienen mir geheimnisvoll miteinander verwoben und waren überall mit tropischen Schmarotzerpflanzen besetzt. Viele von ihnen hatten bunte Blüten hervorgebracht.
Abwechselnd, mal an Ästen, mal an Lianen hängend, hangelte sich einer der Affen immer näher zu mir heran. Bald bleckte dieser seine beeindruckend langen Eckzähne und gab in schneller Folge kurze, gellende Laute von sich. Das Tier war zwar kleiner als ein Schimpanse, wirkte aber trotzdem aggressiv auf mich. Es schien bedrohlich, wie zum Angriff bereit.
„Blöder Affe!“, rief ich dem Aggressor entgegen, was diesen aber nicht sehr beeindruckte. Unbeirrt zeigte er mir weiter sein stattliches Gebiss.
Je länger ich vom Obergeschoss unseres Hauses hinausschaute, desto mächtiger erschienen mir die Bäume im Garten. Richtige Urwaldriesen. Unter ihnen wuchsen Riesenfarne sowie diverse Blumen und viele andere Pflanzen. Alles wucherte wild durcheinander. Das verfilzte Gestrüpp war jedoch genau richtig für Victoria. Meine Frau liebte die Menschen, aber die üppige tropische Natur, so schien es mir, mochte sie noch viel lieber. Mir war das Gewirr zu chaotisch. Vielleicht kam da mein Deutschtum durch.
Immerhin konnte ich jetzt einige torkelnde bunte Falter und weiße Orchideen ausmachen. Im Geäst der Bäume hüpften und flatterten kunterbunt gefiederte Vögel herum. Mitunter hatten wir auch schon das Hämmern von Spechten gehört, oder es kamen laut kreischende, grüne Papageien zu Besuch.
Lediglich die wunderbaren, bunt gefärbten, manchmal in Regenbogenfarben schillernden Kolibris, die mir aus früheren Jahren so vertraut waren, fehlten hier. Es gibt sie nicht in Asien und genauso wenig in Afrika. Nur in Amerika schwirren sie durch die Lüfte. Ich hatte die fliegenden Edelsteine Jahre zuvor vor allem in den feuchten Höhenwäldern Kolumbiens und im Tiefland von Amazonien beobachten können.
„Wirklich, wir haben da ein kleines Stück Urwald …“, setzte ich zu einem neuen Versuch an, um Victorias Aufmerksamkeit zu erheischen, „… und einen kleinen Zoo“.
Aber es war vergeblich, sie blieb stumm. Direkt unter mir, auf der Terrasse, hüpften jetzt auch einige der grauen Eichhörnchen herum. Das Leittier der Affen schaukelte über ihnen, es hing „einarmig“ an einem der untersten Äste und verscheuchte die Kleinen erfolgreich mit seinem imposanten Gehabe.
Die Nager waren ansonsten ungewöhnlich zutraulich und verhielten sich oft so, als gehörten sie mit zur Hausgemeinschaft. Eines der Tierchen setzte schon mal frech und furchtlos auf meiner Schulter zur Landung an.
Vor dem Machogehabe des Primaten aber hatten sie offensichtlich mehr Respekt als vor mir selbst, was mich in diesem Moment ärgerte. Der Affe saß jetzt etwas höher und sicherer auf einem dicken Ast. Von dort beobachtete er wachsamen Auges alles, was hinter dem Haus und auf der Terrasse vor sich ging.
Ja, dieses Haus! Als ich es mit Victoria zum ersten Mal durch den kleinen Vorgarten betrat, kam es uns beiden gleichzeitig so vor, als umarme uns seine einnehmende Architektur. Fasziniert wollten wir am liebsten sofort dableiben und nicht mehr hinausgehen auf die staubige Straße.
Hinten, im Garten gab es zwei Terrassen und einen großen Pool. Die dritte Grünfläche bildete ein nach oben geöffneter Innengarten, dort sprudelte zwischen üppigen Pflanzen ein kleiner Brunnen. Das war für uns ein magischer Ort, den sogar kobaltblau bis türkisfarben schimmernde Eisvögel besuchten.
An einer der Stirnseiten des großen Wohnzimmers, direkt neben dem Eingang standen zwei Buddha-Statuen. Von dort führten rechts und links in Hufeisenform zwei spiegelbildlich gebaute Treppen ins Obergeschoss.
Die Stufen erklimmend, erreichte man zunächst eine umlaufende Balustrade, von der aus die verschiedenen Zimmer zugänglich waren. Jedes davon besaß ein eigenes Bad. Die weitläufige Balustrade umrahmte das bis zum Dach offene, riesige Wohnzimmer. Von hoch oben herab hing ein imposanter Leuchter aus geschliffenem Glas.
Die Wände im Haus waren alle in blendendem Weiß gestrichen, die Fensterrahmen hoben sich davon in zartem Blau ab. Später hingen an diesen Wänden auch zahlreiche Bilder, von denen ich einige sogar selbst gemalt hatte.
Es gab überdies einige beleuchtete Nischen für Kunstgegenstände, darin standen indische und thailändische Götterfiguren. Für westliche Augen war unser neues Zuhause wunderbar anzusehen, eine Schönheit, welche sich dem Betrachter ausschließlich von innen und in keiner Weise von außen erschließen konnte.
Wie so oft in Asien.
Erst einige Monate nach unserem Einzug erfuhren wir zufällig, dass das Gebäude nach den Prinzipien des Feng Shui geplant worden war.
Diese taoistische Lehre aus China strebt die Harmonie des Menschen mit seiner Umgebung an. Dabei soll eine besondere Gestaltung der häuslichen Architektur die Entstehung negativer Energien vermeiden. Ich hatte bis dato überhaupt nichts von derartigen Dingen gehalten, sie als esoterischen Schnickschnack abgetan. In diesem Haus in Sri Lanka begann ich allerdings damit, auf diesem Gebiet ein wenig umzudenken.
Wie in den anderen Ländern zuvor, wohnten wir hier zur Miete. Niemals wussten wir, wie lange wir bleiben würden. Denn wir waren Nomaden – moderne Nomaden.
Nach wie vor starrte ich auf das üppig wuchernde Grün im Garten. Sah dort nun auf einige riesige Blätter, die mich von der Größe her irgendwie an Wagenräder erinnerten. An die eisenbeschlagenen, kunstvoll aus Holz gefertigten Räder, wie sie im Dorf meiner Kindheit oft in der Einfahrt des Stellmachers standen.
Urplötzlich stieg eine große Sehnsucht in mir auf. Ein wildes Verlangen, in jenes kleine badische Dorf zurückzukehren. Zurück in das Dorf meiner Kinder- und Jugendzeit, wo auf der Straße vor unserem Haus die Bauernkarren auf solchen Rädern laut ratternd daherkamen. Hartes Eisen auf welliger Straße, deren geschmolzener Teer an heißen Sommertagen mitunter auch an unseren nackten Fußsohlen klebte.
Ich liebte dieses Dorf noch immer, und ich stellte mir vor, ich könnte eine Zeitreise zurück in meine Kindheit machen.
An einem winterlichen Nachmittag würde ich dann mit meinem Schlitten wieder hinaus auf die verschneiten Hügel ziehen, dort stundenlang mit Freunden rodeln und im Schnee herumtoben. Der Malzkaffee würde noch vor Einbruch der Dunkelheit bereitstehen, wenn ich zu meiner treusorgenden Mutter in die Küche zurückkehrte. Ich würde meine kleinen, kalten Füße in den warmen Backofen des Küchenherdes stecken, der mit Holz und Kohle geheizt wurde. Dabei sähe ich der Mutter beim Bügeln zu. Oder ich würde in einem der drei Bücher lesen, die ich in jenen frühen Jahren jede Woche aus der Schulbibliothek mitgenommen hatte. Sie handelten oft von fernen Ländern und ich habe viele davon mehrmals ausgeliehen.
Mein badisches Dorf im Winter. Welch ein Kontrast zu diesem tropischen Garten und zu der Bullenhitze auf dieser exotischen Insel!
Aber der Malzkaffee würde mir hier nicht schmecken. Als kleiner Junge aß ich immer Brot mit Erdbeermarmelade dazu. Es schmeckte mir damals so köstlich! Denn das Brot war selbst gebacken und die Erdbeeren kamen aus dem eigenen Garten.
In der Küche ging es in den ersten Jahren nach dem Krieg noch recht spartanisch zu. Fleisch aßen wir nur ein- oder zweimal pro Woche. Manchmal gab es für mich und für meinen kleinen Bruder eine Brezel, die zwölf Pfennige kostete. Das war schon etwas Besonderes. Oder meine Mutter kaufte uns eine ‚Schneckennudel‘, wie das köstliche, gerollte Gebäck aus Blätterteig damals bei uns hieß.
Solche Backwaren verkaufte uns Ingrid, die blonde Bäckerstochter, die jeden Samstagnachmittag mit ihrem großen Brezelkorb von Haus zu Haus zog. Oft machte sie bei uns eine Verschnaufpause, saß auf einer der Hobelbänke in unserer Schreinerei und alberte mit mir oder mit meinem Vater herum.
Wenig später, an jenen Samstagen, musste ich die Werkstatt und den Maschinenraum säubern. Zumindest half ich dabei mit. Danach war es meine Aufgabe, die Straße vor dem Haus zu fegen.
Um sechs Uhr läuteten schließlich die Kirchenglocken den Sonntag ein. Spätestens dann sollte alles fertig sein. Jeweils drei Glocken erklangen nacheinander. Sie kamen von zwei Kirchen. Zuerst von einer kleineren, alten Kirche. Das war die katholische. Danach erklangen dunklere Töne von dem größeren evangelischen Gotteshaus. Dieses kannte ich in- und auswendig, denn meine Familie sah sich seit Generationen in der Gefolgschaft Luthers.
Das Geläut ertönte auch unter der Woche, dann allerdings täglich mehrmals und meist weniger kraft- und klangvoll. Ich mochte diese vertrauten Klänge sehr und habe sie als Erwachsener in den Tropen so oft vermisst.
In meinem Elternhaus stellte sich am späten Samstagnachmittag Punkt Glockenklang eine sanfte Stille ein. Die Mühen der Tagesarbeit waren beendet, die Woche war vergangen. Es wurde beinahe feierlich.
Im Treppenhaus roch es zu dieser Stunde bereits nach frisch gebohnertem Eichenholz und dieser Geruch vermischte sich mit dem von schwarzer Schuhcreme. Denn an jedem späten Samstagnachmittag wurden von meiner Großmutter die schweren Lederschuhe des Großvaters für den sonntäglichen Kirchgang eingecremt und danach blank poliert.
Zu diesem Zeitpunkt hatte meine Tante, die im Obergeschoß des Hauses lebte, auch schon einen ihrer beliebten Kuchen gebacken. Auch das produzierte einen intensiven, angenehmen Geruch. Und meine Mutter buk wenig später einen weiteren Kuchen und einen ‚Hefezopf‘ dazu.
Von mir musste im Keller noch das Feuer unter dem großen, kupfernen Kessel angeheizt werden, um damit das Badewasser der Familie zu erhitzten. Ja, das Ensemble von Glockenläuten, besonderen Gerüchen, dem Fegen der Straße und den Vorbereitungen zum Baden – all das trug in unserer Familie auf ganz besondere Art und Weise dazu bei, die Last der Woche abzuschütteln.
Ich starrte weiter aus dem Fenster, sah auf die tropischen Pflanzen und wünschte mir, ich könnte noch einmal Kind sein und hinter dem ausgedehnten Gemüsegarten der Großmutter hinaus auf die mit Blumen übersäte, große Wiese laufen.
Unter hohen, alten Obstbäumen würde ich mit Freunden Fangen oder Verstecken spielen. Danach würde ich mit ihnen auf schmalen Brettern über kleine Bäche balancieren und auf den bekannten Pfaden durch die Felder strolchen.
Wir würden noch einmal versuchen, mit unseren Haselnussbogen und den Pfeilen aus Schilf freche Spatzen zu erlegen. Aber nur sehr selten würden wir die kleinen, grauen Vögelchen treffen.
Abschließend könnte ich noch einmal durch das geheimnisvolle, kleine Wäldchen am Hang schleichen, dann in das weite Tal kommen, in dem mich im Frühling so oft die Kirschbäume mit ihren herrlichen Blüten begrüßt hatten. Wochen später, im Frühsommer, standen an den Bäumen lange Leitern, auf denen die Bauersfrauen die dunkelrot glänzenden Früchte ernteten. Sie würden mir wieder eine Handvoll davon schenken und ich könnte sie mitnehmen, auf dem Nachhauseweg genießen.
In jenen Sommern blühten inmitten der Getreidefelder noch Tausende von blauen Kornblumen. Und an den Wegrändern stand zahlreich der rote Mohn. Man kann ihn nicht pflücken, sonst verwelkt er sehr schnell. Gerade deshalb liebte ich ihn so.
Während der warmen Sommermonate hatte ich jeden Tag meine kurze, speckige Lederhose an, in der eine Scheide für meinen Dolch eingearbeitet war. Und an wirklich heißen Tagen fuhr ich mit dem Fahrrad und in Begleitung eines älteren Freundes aus der Nachbarschaft in das kleine Schwimmbad im Nachbardorf.
Eine bekannte, stahlproduzierende Familie aus dem Ruhrgebiet hatte diese Einrichtung finanziert. Ihr gehörte das idyllische Schlösschen ganz in der Nähe, das im ausgehenden Mittelalter die südliche Residenz des Fürstbischofs von Speyer war.
Im Spätsommer ließen wir auf goldenen Feldern unsere selbst gebastelten Drachen hoch in die Lüfte steigen. Bald darauf begann der Herbst und es wurde kälter. Wir zündeten kleine Feuer an, in deren Glut wir Kartoffeln brieten. Sie waren bei der Ernte übersehen worden. Die Erdfrüchte galten in jenen Jahren noch als kostbar, sie waren deshalb in den Ackerfurchen nur ganz vereinzelt zu finden.
Meine Hände und Hosen wurden von solchen Aktivitäten oft schmutzig, wie es bei einem Jungen auf dem Land eben geschieht. Je nach Jahreszeit roch man damals nach Kirschen oder nach Pfirsichen, nach Erde, Rauch oder nach Feuerholz.
In glasklaren, leise vor sich hin plätschernden Bächlein wusch ich mir auf dem Nachhauseweg den gröbsten Schmutz ab. Damit die Mutter nicht wieder mit mir schimpfen würde. Und an den Ufern der kleinen Gewässer blühten die Wiesenblumen immer so zahlreich. Sie strahlten in hellem Blau, in zartem Rot oder in tiefem Gelb.
In dieser Sekunde, in Colombo am Fenster unseres Schlafzimmers stehend, dachte ich erstmals bei mir:
‚Eigentlich hast Du in diesem Dorf eine glückliche Kindheit erleben dürfen‘.
Während sich meine kolumbianische Ehefrau hinter mir weiter intensiv mit ihrem kleinen Computer beschäftigte, kam mir noch einmal die blonde Bäckerstochter in den Sinn. Sie war wild und ungestüm, wie ein Junge. Im Kontrast dazu standen ihre weiblichen Formen, die sie als erstes Mädchen in unserer Klasse ziemlich früh entwickelte. Sie faszinierte mich und klar, ich war ‚heimlich verliebt‘, wie andere Klassenkameraden auch.
An gewöhnlichen Wochentagen wartete Ingrid jeden Morgen an der Hauptstraße auf mich. Dann marschierten wir zusammen nebeneinander her, bis zum Schulgebäude. Der gemeinsame Schulweg mit ihr machte mich damals sehr stolz.
Wie lange das alles her ist, dachte ich. Wie weit entfernt bin ich inzwischen von alledem.
Zum ersten Mal, seit ich aus dem Dorf entschwunden war, wollte ich heimkehren, wollte in jene Zeit der Geborgenheit zurück, der kindlichen Unbeschwertheit und vielleicht auch der Naivität, in der sich mir das Leben noch einfach, geordnet und überschaubar darbot.
Ich fragte mich unversehens, was ich eigentlich hier wollte.
Hier, das war das furchtbar heiße, exotische Sri Lanka, wo gerade ein Krieg zu Ende gegangen war - und wo in der Natur alles wie wild durcheinander wucherte. In dieser tropischen Gluthitze, dicht am Äquator, mit einem Stück Urwald als Garten. Was wollte ich bloß hier, ich, ein hellhäutiger Ausländer, ein Europäer?
In dieser Minute des Selbstzweifels hatte ich meine Arbeit als Entwicklungshelfer für einen Moment vergessen, obwohl ich meine diesbezügliche Entscheidung niemals wirklich bereut habe.
Ich hatte mich bereits als junger Mann bewusst für diese Tätigkeit entschieden.
Inzwischen war ich über fünfzig Jahre alt geworden und verfügte über vielfältige Arbeitserfahrungen in verschiedenen Kulturen. Die von mir besuchten Länder im Süden hatte ich bis zu diesem Tag noch nicht gezählt. Jetzt überschlug ich sie erstmals grob in meinem Kopf und kam auf mehr als siebzig.
In einigen von ihnen hatte ich mehrere Jahre gewohnt und gearbeitet, hatte dort Fischerkooperativen gegründet oder Berufsschulen aufgebaut, Bildungsreformen begleitet, die Wirtschaft gefördert - und anderes mehr.
Niemals war es einfach gewesen und nichts war mir jemals gewöhnlich, routiniert oder langweilig erschienen. Aber genau dieser, nicht sehr alltägliche Beruf entsprach meinen tiefsten Neigungen. Ich wollte die Armut bekämpfen, dabei fremde Kulturen von innen heraus erfahren und diese neuartigen Erfahrungen bewusst verarbeiten. Berufung und Arbeit flossen dabei in perfekter Weise ineinander.
Ein derartiges Leben bedeutete ein andauerndes Eintauchen in fremde Welten.
Der Grad der notwendigen Anpassung des eigenen Verhaltens an die Verhältnisse und Verhaltensweisen vor Ort muss dabei immer wieder ausgetestet werden. Mit dem Neuen, das man mitbringt, darf man nicht zu sehr anecken. Erforderlich ist es aber, das Neue in bestimmten Situationen dennoch mit einigem Nachdruck einzuführen. Die vielfachen Risiken einer derartigen Existenz in der Fremde, und die damit verbundenen, täglich neu entstehenden Herausforderungen, zogen mich schon in frühen Jahren magnetisch an.
In diesem Moment fiel er mir wieder ein: Juan der Schuhputzjunge aus Santo Domingo.
Als Sohn einer ‚Professionellen‘, die in einem der vielen Armenviertel wohnte, erregte der liebenswerte Junge unser Mitgefühl. So saß er oft mit uns am gedeckten Tisch, wenn es bei ihm zuhause nichts zu essen gab. Wir wollten den armen, schmächtigen Jungen adoptieren und baten den Priester des Armenviertels um Hilfe. Dieser aber entgegnete mir auf mein Anliegen hin ganz trocken:
„Besser, er bleibt bei seiner richtigen Mutter, Herr Landmann. Auch wenn sie eine Prostituierte ist, Mutter bleibt Mutter! Man sollte den Jungen nicht von seiner Familie trennen, aus seiner Umgebung herausreißen und in fremde Welten bringen“.
Heute glaube ich, der Ratschlag des alten Priesters war richtig. Aber wirklich verstanden habe ich das erst Jahre später.
Ich kaufte dem damals Zehnjährigen schließlich einen Schuhputzkasten für die Arbeit auf der Straße. Das allerdings ‚auf Kreditbasis‘ und unter der Bedingung, dass er trotzdem weiter regelmäßig zur Schule gehen würde. Denn aus meiner Arbeit hatte ich damals schon etwas Wichtiges gelernt:
Geschenke sind wenig nachhaltig, sie werden oft über längere Zeit hinweg nicht als wertvoll erachtet. Erst, wenn etwas in irgendeiner Weise mit Anstrengung oder Kosten verbunden ist, wird es wirklich geschätzt.
Nach gut einem Jahr hatte Juan seine ‚Schulden‘ komplett an mich zurückbezahlt. Er arbeitete bald so gut, dass alte Schuhe bei der Rückgabe an die Kunden wie neu aussahen. Die Nachfrage nach seinen Leistungen war entsprechend groß.
Im Alter von zwanzig Jahren ging Juan nach Miami. Heute führt er dort ein Schuhfachgeschäft und beschäftigt mehrere Schuhputzer aus seiner Heimat. Jeden Monat schickt er Geld über das Meer nach Hause zu seiner alten Mutter.
‚Entwicklung und Unterentwicklung‘, das sind die beiden nicht sehr präzisen Begriffe, die wie kaum irgendwelche anderen mein bisheriges Leben prägten. Gemocht habe ich das verbale Gegensatzpaar noch nie, insbesondere, seitdem mir unser eigener, westlicher Entwicklungsweg fragwürdig erscheint.
Der Kampf gegen die Armut hingegen wurde zum vorherrschenden Thema in meinem Leben.
Inmitten meiner Gedanken fiel eine kleine Schar Raben lärmend vor mir in die Bäume ein. Lautstark begannen sie einen Streit mit der Affenhorde. Die Alten unter den Vierbeinern nahmen ihre Jungen schützend in ihre Mitte und bleckten warnend ihre Zähne.
‚Merkwürdig‘, dachte ich, ‚dass hier, ganz dicht am Äquator, so viele Raben leben. Vom buddhistischen Teil der Bevölkerung Sri Lankas werden die Schwarzgefiederten verehrt, werden mit Reis oder den Resten vom Mittagessen gefüttert‘.
Zuvor hatte ich diese Vögel nur in meiner Heimat im kalten Herbst gesehen. Dort sind sie weniger beliebt, gelten als ‚Unglücksraben‘ – oder mehr:
„Das sind die Totenvögel! Mein lieber Edgar, bald wird jemand sterben!“. Das verhieß mir meine alte Großmutter Käthe Landmann mehrfach im Spätherbst, wenn wir auf den Feldern arbeiteten und die einfallenden Raben sahen. Später, als ich meinem Großvater schon beim Schreinern der Särge helfen durfte, machte ich mir dazu meine eigenen Gedanken.
Denn ganz offensichtlich starben im Dorf auch Leute, wenn niemand zuvor Raben gesehen hatte. Zum Beispiel im Hochsommer.
Als ich Jahre später, während des Studiums mit meinem Freund Walter zusammen durch Andalusien reiste, begegneten wir einer alten Zigeunerin, die mich sofort an meine verstorbene Großmutter erinnerte. Denn auch ihr Gesicht war recht knochig und zerknittert; ja, vielleicht war es noch mehr zerknittert als das von Käthe Landmann.
Die mittelgroße, hagere Alte war etwa Ende siebzig, als sie mich vor der Kathedrale von Granada ansprach. Bis auf das auffallende, leuchtend-rote Kopftuch war sie vollständig in Schwarz gekleidet. Eher unsympathisch, da ziemlich aufdringlich, wollte sie mir die Zukunft aus der Hand lesen.
Ich sperrte mich vehement gegen ihr Ansinnen. Als Student der Soziologie in Frankfurt las ich hochkarätige Philosophen wie Hegel und Sartre, daneben Karl Marx, Horkheimer und Adorno.
Sollte ich bei meiner vollständig rationalen Beschäftigung mit Existenzialismus und Materialismus etwa in die tiefsten Niederungen vorchristlichen Orakelns hinuntersteigen? Ein Kulturbruch ohnegleichen!
„Metaphysischer Blödsinn!“, raunte ich Walter zu. Der Platz direkt bei der Santa María de la Encarnación schien mir außerdem ein wirklich ungeeigneter Ort für diesen Aberglauben.
Doch nur wenig später fand ich doch etwas Gefallen an der leicht gebeugt dastehenden Alten. Dieses positive Gefühl stellte sich merkwürdigerweise in dem Moment ein, in dem sie mit sonderbar-kratzender Stimme einige Sprüche von sich gab, die in meinen Ohren ziemlich abgenutzt klangen. Unter anderem krächzte die Alte, sie sei die beste Wahrsagerin in ganz Andalusien.
Offenbar gefiel sie mir deshalb, weil sie unter ihrem schrillen Kopftuch ihre „Kunst“ weit über die Kathedrale hinaus hoch in den Himmel hob.
„Wirklich gutes Marketing“, sagte ich leise zu Walter.
In ähnlicher Weise faszinierten mich Jahre später die jungen Straßenakrobaten, die in vielen Ländern Lateinamerikas ihre Kunststücke vor roten Ampeln zeigen. Exotische Darbietungen vor exotischen Kulissen.
Schließlich verfiel ich dem Drängen der Zigeunerin und gab ihr das verlangte Geld. Daraufhin nahm die Alte meine glatte rechte Hand in ihre beiden dürren Hände.
Sie strich über die klar sichtbaren Linien meines Handtellers und erzählte den üblichen Schmus von einem langen Leben, einer großen Liebe (irgendwann), Heirat und natürlich gesunde und hübsche Kinder (bald danach).
Ich meinte zu ihr, dass ich keine Nachkommen haben wolle und heiraten würde ich schon gar nicht. Sie ignorierte jedoch alles, was ich sagte, und entgegnete stattdessen stockend und schwerfällig:
„Du wirst sehr viel von der Welt sehen, junger Mann, viele unbekannte Länder, die Meere und die weißen Strände, den tiefen Urwald und die großen Flüsse, so viel Neues, fremde Menschen …“, dann machte sie eine kurze Pause, „… aber da gibt es noch etwas!“.
Die zerknitterte Zigeunerin verstummte und schaute mich aus ihren dunklen, stechenden Augen durchdringend an. Ich versuchte, ihren Blick zu erwidern und bemerkte dabei zwei tiefe, senkrechte Falten über ihrer Nasenwurzel.
In diesem Moment war ich mir unsicher, ob sich diese zuvor schon dort befunden hatten.
Ziemlich ungeduldig, ja, sogar ein wenig unsicher geworden schaute ich jetzt an ihr vorbei, sah, dass die Sonne allmählich zu sinken begann und die Schatten auf dem Platz länger wurden. Die Wände der Kathedrale bekamen einen weichen, gelblichen Ton.
Die Alte hielt meine Hand weiter fest, wollte aber nichts mehr sagen. Ich sollte zuerst weitere Peseten herausrücken. Ich zögerte einmal mehr.
Interessierte mich der Quatsch denn wirklich? Eigentlich überhaupt nicht. Aber da war eine unbestimmte Neugierde in mir und, eher unterschwellig, spürte ich ein Spannungsgefühl im Bauchraum. Also legte ich zögernd etwas aus meinem schmalen Reisebudget drauf.
Daraufhin wurde das vielfach gefaltete Gesicht unter dem roten Kopftuch noch einmal ein ganzes Stück ernster als zuvor. Konzentriert beugte sich die Alte etwas hinunter, schaute erneut sehr intensiv auf meine Handfläche und krächzte dann langsam und bedeutungsvoll:
„Junger Mann, wie ich schon sagte, du wirst mitunter glücklich sein, aber die Armut und das Elend – vielfacher Tod – werden dich begleiten und dein Glück mindern. Es werden in deinem Leben noch viele unangenehme Dinge, ja es werden furchtbare Dinge geschehen! Gute Freunde werden vor deinen Augen eines gewaltsamen Todes sterben!“
Es klang beinahe feierlich in meinen Ohren.
„So ein Blödsinn! Diese Tante will mich nur für dumm verkaufen. Was für ein simpler Trick, nur um mehr Geld aus mir heraus zu leiern!“, entfuhr es mir heftig auf Deutsch.
Mein Freund Walter lachte kurz auf, sagte aber nichts. Er war die ganze Zeit über sowieso völlig schweigsam geblieben. Vielleicht deshalb, weil er damals noch nicht so gut Spanisch sprach. Einiges hatte er offenbar aber verstanden, denn er schaute etwas betroffen drein.
Ich fühlte mich plötzlich sehr unwohl, entzog der Zigeunerin meine Hand und ging kurz entschlossen weg.
Walter folgte mir ohne Zögern. Ziemlich unfreundlich ließen wir die ‚Handleserin‘ auf diese Weise einfach stehen und gingen die wenigen Schritte hinüber zur Kirche. Am Eingang drehte ich mich noch einmal kurz um und sah, dass die Zigeunerin mir nachschaute. Unsere Blicke trafen sich ein letztes Mal.
Mir war, als sähe ich Bedauern und so etwas wie Mitleid in ihren Augen.
Drinnen, im hohen Kirchenschiff, war es angenehm kühl und ich schüttelte die Sprüche der Alten gedanklich schnell ab. Mich faszinierte an dem alten Gemäuer hauptsächlich die Bauweise, wie etwa der Grundriss, die Art des Gewölbes und die Statik. Baugeschichte war auf der Technikerschule mein Lieblingsfach gewesen.
Bauten sind wenigstens etwas Gegenständliches, etwas Reales!
„Walter, das hier ist wirklich! Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Zukunft der Menschen für niemanden vorhersehbar ist“, sagte ich leise, während wir vor einer der engen Seitenkapellen standen.
“Es gibt ja auch kein Bewegungsgesetz in der Geschichte, wie Marx noch dachte!“
Walter ging nicht auf meinen letzten Satz ein, sondern flüsterte stattdessen:
„Eddi, vielleicht meinte die Alte ja die Leichen aus unserem Dorf, die mit deiner Hilfe schon in den Sarg gelegt wurden!“
Er lachte halblaut auf. Es war dem Inneren eines Gotteshauses nicht angemessen. Einige Besucher drehten sich überrascht und sichtlich verärgert zu uns um.
In der kontemplativen Stille klangen die Worte Walters eine Weile in mir nach. Scheinbar interessiert, innerlich aber etwas verstört, schaute ich auf ein Heiligenbild und überlegte.
Ja, so war es. In unserer Schreinerei wurden früher die Särge für die Verstorbenen des Dorfes angefertigt. Ab meinem zwölften Lebensjahr musste ich beim Einsargen der Toten mit anpacken. Aber das war ja Vergangenheit, und bei der Alten ging es um die Zukunft.
Von den vielen Bildern, die schon damals irgendwo in einer dunklen ‚Schublade‘ meines Kopfes lagen, schaute in diesem Moment eines besonders düster heraus.
Es war sozusagen ‚meine erste Leiche‘. Ich war erst halbwüchsig und stand vor dem toten Körper einer ausgemergelten, alten Frau, die in einem dunklen Raum in einem kleinen, halbverfallenen Fachwerkhaus aufgebahrt war. Ihre bleichen, knorrigen Hände waren gefaltet, ein Rosenkranz war um sie herum gelegt. Das ebenso bleiche, faltige Gesicht war eingefallen, die Nase riesengroß und dürr. Ihr weißes Haar war zum Kranz geflochten und teilweise mit einem weißen Tuch bedeckt. Alles war weiß.
‚Die Tote von damals hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Zigeunerin‘, blitzte es in diesem Moment in mir auf. Und diese beiden ähneln wiederum meiner Großmutter. Nur das rote Kopftuch fehlt‘.
Ich erschrak ein wenig.
Sofort verdrängte ich diese Gedanken wieder.
„Vergessen wir besser ganz schnell dieses ‚Orakel von Granada‘!“, flüsterte ich Walter kopfschüttelnd zu.
Kurze Zeit darauf, als wir noch immer in der Kirche herumschlenderten, sah ich ein Ölgemälde an der Wand hängen. Es war das schon etwas verblichene Porträt eines Kardinals. Nur die rote Farbe seines Gewandes hatte ihre Intensität bewahrt. Merkwürdig, dachte ich, das ist dasselbe Rot wie das Kopftuch der alten Frau. Schnell wendete ich mich ab und ging hinüber zu Walter.
In den folgenden Monaten und Jahren vergaß ich die Zigeunerin fast völlig, vergaß ihre Sprüche und auch die frühen Toten. Erst zwei Jahrzehnte später sollte ich mich in einem Traum wieder an jenes Orakel erinnern. Und irgendwann sollte ich es nicht mehr vergessen können.
In diesem Moment kehrte ich aus meinen Erinnerungen zurück in die Gegenwart. Die Rabenschaar, welche in unserem halb verwilderten asiatischen Garten gelärmt hatte, war inzwischen weggeflogen. Auch die Affen und Eichhörnchen waren nicht mehr zu sehen. Das alles hatte ich gar nicht bemerkt.
„Der gesamte Zoo ist abgereist!“, stellte ich laut fest und schaute mich um. Meine Frau klappte gerade ihren Laptop zu und schien nunmehr bereit, sich mit mir zu beschäftigen. Sie begann gleich ein Gespräch über das gewaltsame Ableben ihres Vaters in Kolumbien; ein Vorfall, der sie ziemlich traumatisiert hatte. Es dürfte eine Art Gedankenübertragung sein – das Thema Tod, dachte ich.
Victorias Vater war nämlich ein Jahr zuvor an einer Kugel gestorben. Und diese war aus seiner eigenen Pistole abgefeuert worden. Man wusste nur nicht, von wem. Vielleicht seien es ja die kolumbianischen Rebellen gewesen, meinte damals die Polizei.
Eine Stunde später zog ich meine Badehose an und ging hinunter in den Garten. Zunächst noch die Schatten der Bäume suchend, schlenderte ich jetzt unter der schon sinkenden Sonne auf einem ausgetrampelten Pfad hinüber zum Strand. Als ich in die Nähe der hohen Königspalmen kam, machte ich respektvoll einen Bogen um sie.
Wie jedes Mal, wenn ich an diesem Ort vorbeikam, dachte ich an eine Begebenheit, die viele Jahre zuvor, weit entfernt von hier, beinahe auf der anderen Seite der Erdkugel geschehen war.
Unter der heißen Sonne, an der sich schier endlos ausdehnenden Küstenlinie des brasilianischen Nordostens, liegt eine kleine, dicht mit Palmen bewachsene Insel. Sie gehört zum Bundesstaat Pernambuco. In den Siebzigern war das Eiland, das nur ein Meeresarm vom Festland trennt, noch vorwiegend von Fischern bewohnt.
Während der Kolonialzeit dienten die ruhigen, aber flachen Gewässer bei der Insel als Naturhafen. Zum Schutz der Hafeneinfahrt hatten die Holländer dort ein imposantes Fort errichtet, das heute mehr denn je eine Touristenattraktion ist.
Bei meinem ersten Besuch reiste ich an einem frühen Nachmittag mit einem VW-Kleinbus in das Fischerdorf. Längst kommt man ganz komfortabel über eine schmale steinerne Brücke auf die Insel. Ich saß dabei wohlig eingeklemmt zwischen zahlreichen Schülerinnen einer Oberklasse und sah nach einigen Kilometern erstmals die Ansiedlung. Sie döste friedlich in der Hitze vor sich hin.
Mein Fischerdorf trägt, wie die Insel selbst, bis heute den indianischen Namen Itamaracá.
Die kilometerlangen, einsamen Strände des Eilandes waren aus beinahe weißem Sand, sehr breit und absolut sauber. An einigen Stellen standen merkwürdig-schiefe Hütten, in denen die Fischer ihre Boote, Netze und Materialien aufbewahrten.
Sie heißen bis heute caiçaras, ein Name, der von den aus Zweigen gefertigten Zäunen herrührt, welche bei den Indigenen früher zur Dorfabgrenzung oder zum Fischfang verwendet wurden. Entsprechend sind die Wände dieser Hütten nur aus Ästen gemacht, das Dach ist mit Palmstroh gedeckt. Vor den caiçaras lagen damals noch die Fischerflöße, die jangadas.
Wie in Stein gemeißelt, so unverrückbar steht der Name Itamaracá in meiner persönlichen Geschichte. Der Leser muss sich dieses schwierige Wort merken, denn auf dieser Insel begann meine Arbeit in der Fremde, dort begann mein neues, mein anderes Leben. Ein Leben außerhalb der heimatlichen Vertrautheit und weitab der umfassenden Sicherheit, welche Europa dem Einzelnen bietet.
Und ebenso steht Itamaracá für den Beginn meines ganz persönlichen Kampfes gegen die Armut.
Brasilien bedeutete allerdings damals schon nicht mehr völliges Neuland für mich. Jahre zuvor hatten wir das riesige Land bereits als Gruppe bereist, um kleine Projekte zu unterstützen. In Itamaracá aber war ich nun zum ersten Mal alleine, war in einer fremden, exotischen Kultur weitgehend auf mich gestellt. Außer mir lebte kein einziger Fremder auf dem Tropeneiland. In dessen hinteren Bereichen gab es sogar noch einige Urwaldgebiete.
Der größte Teil der Insel aber bestand aus halbverwilderten Plantagen voller Kokospalmen.
Lediglich an Wochenenden und an Feiertagen änderte sich das Szenario. Schon morgens kamen Autos und Busse in langen Fahrzeugschlangen auf die Insel. Manche Familien brachten Teile ihres Hausrats - und gleich zwei oder drei Kindermädchen mit.
Wie ein Heuschreckenschwarm fielen wohlhabende Badegäste aus der Großstadt Recife in die tropische Idylle ein. Unter ihnen waren allerdings auch viele hübsche braune Mädchen, die sich aus bunten Tüchern schälten und gleich darauf, nur noch mit winzigen Bikinis bekleidet, im heißen Sand lagen.
Fio Dental, ‚Zahnseide‘, nennt man diese Stofffetzchen in Brasilien. Offenbar wollten diese Mädchen noch brauner werden, als sie es ohnehin schon waren.
Ganz im Gegensatz zu den wenigen Kneipen konnten die breiten und endlos langen Sandstrände von den Städtern nicht einmal teilweise gefüllt werden.
Dennoch schuf die Anwesenheit vieler Badegäste, zusammen mit dem lärmenden Geplärre ihrer zahlreichen Kofferradios und Kassettengeräte, einen umfassenden Szenenwechsel. Als wäre eine Bühne um einhundertachtzig Grad gedreht worden. Als hätte ein Regisseur gerade ‚Action!‘ gerufen.
Im strengen Kontrast dazu waren die Tage unter der Woche monoton und von tropischer Trägheit geprägt. Jene beschauliche Stille, das unentwegte Rauschen der Brandung und leise Rascheln zahlloser Palmwedel im Wind – das war ‚das echte‘, das war ‚mein Itamaracá‘.
Die wenigen natürlichen Geräusche und die fortwährende Hitze bewirkten bei den Menschen wohl diese ‚tropische Trägheit‘, sie schufen eine Art ‚Endloscharakter‘.
Jeden Morgen, nach dem Aufstehen, blickte ich hinaus auf das unendlich weite, türkisblaue Meer und suchte am Horizont nach den weißen Dreieckssegeln meiner Fischer.
Jene Tage vergingen nur langsam und manchmal schien es mir, als würde die Zeit komplett stillstehen. Es waren Gefühle wie von beginnender Ewigkeit.
Wenn auch meine Kreativität einen Stillstand erlitt, wenn mir für meine Arbeit absolut nichts mehr einfallen wollte, dann legte ich mich einfach in eines der kleinen Fischerboote, die gewöhnlich vor unserem Häuschen in der Brandung dümpelten. Und hörte dort meine Lieblingsmusik aus dem Kassettengerät. Sehr oft waren es Stücke der britischen Band Pink Floyd.
Gute Musik ist langlebig - und so begleiteten mich die Songs der Londoner überall hin, auch auf diese Insel. Hier schienen sie sich einzupassen wie kleine Puzzlestücke an die richtigen Stellen. Die Insel kam mir in solchen Momenten vor, als sei sie aus Träumen geboren.
Ich lebte in einer Art Wohngemeinschaft mit zwei Franziskanern zusammen. Einer davon war mein Freund Alberto. Als junger Mann war Albert bald nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sauerland nach Brasilien gekommen. Er wollte schon früh Missionar werden. Der zweite Mönch war Hilton, ein Brasilianer, der sich vorwiegend um unser Essen und um das Haus kümmerte.
Unter engagierten Kirchenleuten gab es in jenen Jahren die Tendenz, die Enge der Klöster zu verlassen und sich zwecks Vermittlung christlicher Werte unter die einfachen Leute zu mischen.
Beide Mönche lebten zwar nach dem Modell des heiligen Franziskus in Armut, sie waren jedoch keine Asketen, sondern durchaus weltlich orientiert. Und somit auch dem Bier nicht abgeneigt.
Eines Nachts, als der Vollmond hell durch den Palmenwald schien, kamen wir drei von einem kleinen Umtrunk nach Hause. Bevor wir an unser Häuschen gelangten, mussten wir durch einen verwilderten Garten gehen. Dort lebten die großen Ratten, welche meist weitaus mehr Unterarmlänge erreichten. Im ‚Rattengarten‘ standen aber auch drei hohe Königspalmen. Diese beeindruckenden tropischen Bäume erreichen eine Höhe bis zu dreißig Metern; sie sind damit ungefähr so hoch, wie das Wahrzeichen von Rio de Janeiro (die riesige Christus-Statue mit ihren ausgestreckten Armen).
Als ich gerade unter einer der Palmen durchging, streifte etwas meine Schulter. Es war eine unhörbar herabfallende Kokosnuss. Sie riss mir die Haut am Oberarm etwas auf und schlug dann schwer und laut auf den mit dürrem Gras bewachsenen Boden.
Hilton lachte kurz und heftig.
Vermutlich war es ein erschrockenes Lachen, das ich noch bis heute hören kann. Vielleicht, weil ich mich damals im ersten Moment über seine Laute ärgerte; sie falsch deutete.
Die kiloschwerschwere Nuss hätte schließlich genauso gut meinen Kopf treffen können.
Schon am nächsten Tag schlug ich mir mit der machete einen kleinen Umweg durchs Unterholz und benutzte diesen fortan. Alberto und Hilton amüsierten sich jedes Mal darüber.
„Ihr habt einen besonderen Schutz von ganz oben, ich nicht!“, rechtfertigte ich ironisch mein Sicherheitsbedürfnis.
Einige Monate später, als ich schon nach Sao Paulo umgezogen war, telefonierte ich mit Alberto. Betroffen erzählte er mir von dem plötzlichen Tod eines Fischers, der uns beiden gut bekannt war. Eine herabstürzende Kokosnuss hätte seinen Kopf getroffen, meinte er.
Drei Tage nach diesem Unfall sei der Mann in dem kleinen Spital auf dem Festland seinen Verletzungen erlegen.
Hilton würde nun nicht mehr auf seinen besonderen Schutz vertrauen, erzählte Alberto weiter, sondern alle Königspalmen umgehen. Seine Information bestärkte mich fortan in meiner festen Absicht, diese Bäume zu meiden.
Mit den Gedanken im fernen Brasilien hatte ich längst unseren Garten verlassen und erreichte schließlich den zertrampelten Strand bei Colombo in Sri Lanka. Die Nachmittagssonne war schwächer geworden, brannte nun nicht mehr ganz so heftig auf der Haut. Ich setzte mich vor der auflaufenden, laut und stark schäumenden Brandung in den Sand, schaute in Richtung Indien, wo die Sonne noch über dem Meer stand. Sie würde bald untergehen.
Nur wenige Meter von mir entfernt saßen zwei junge Pärchen auf ihren Badetüchern und küssten sich ausdauernd hinter aufgespannten Regenschirmen. Sie schienen mich nicht gleich bemerkt zu haben. Denn auf einmal packten sie überhastet ihre Sachen und gingen weg; vielleicht, weil öffentliches Küssen in Sri Lanka verboten ist.
Nur vereinzelt badeten noch Menschen im Meer. Den späten Nachmittag verbringt man in Sri Lanka gewöhnlich nicht am Strand. Es war schon nach fünf und der Wellengang war sehr hoch. Ich beschloss, nicht mehr ins Wasser zu gehen.
Vor wenigen Wochen war ich nämlich von einer unvermittelt auftretenden Strömung hinausgezogen worden. Ich wollte in diesen Minuten nur noch zurück zum rettenden Strand, aber es gelang mir nicht.
Während Welle um Welle über mich hinweg rollte, arbeitete ich bis zur Erschöpfung gegen den Sog an. In diesem Moment spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl von Todesangst.
‚So ist es also‘, dachte ich bei mir, ‚wenn ein Mensch ertrinkt. Du bist am Ende deiner Kräfte, kannst deinen Kopf nicht mehr über Wasser halten, gehst langsam unter; es kommt Wasser in die Lunge – du erstickst‘.
Mein Körper entfernte sich währenddessen immer weiter vom Festland.
‚Überlege dir etwas, sonst stirbst Du!‘, befahl eine innere Stimme.
Ich versuchte, logisch zu denken, dann zwang ich mich dazu, die Wirkung des Sogs zu ignorieren und ließ mich einfach mit der Strömung treiben. Erst einmal Kräfte sammeln!
Nach vermutlich nur wenigen, aber gefühlt sehr langen Minuten, gelang es mir, langsam parallel zum Strand südwärts zu schwimmen. Auf diese Weise kam ich irgendwann aus der tückischen Strömung heraus und ging wenig später vollkommen erschöpft, mit zitternden Knien und beinahe auf allen Vieren an Land. Ich wusste nun, wie sich ein Mensch kurz vor dem Ertrinken fühlt.
„Oft erwischt es an diesen Stränden Einheimische, manchmal sind auch Touristen darunter“, sollte mir Minuten später die entsetzte Victoria mitteilen.
Inzwischen war die Sonne am Horizont fast auf Meereshöhe gesunken. Nur kurze Zeit später tauchte sie, wie jeden Abend, blutrot ins Meer ein.
Als das allabendliche Naturschauspiel beendet war, stand ich auf, klopfte den gelben Sand ab und ging in der nun schnell hereinbrechenden Dämmerung zurück zum Garten und hinein ins Haus.
Es war immer noch sehr heiß, richtig schwülheiß. Gen Osten aus dem Fenster schauend, sah ich am Himmel über der Stadt ein Gewitter aufziehen. Ich suchte Victoria, ging hoch ins Schlafzimmer. Gemeinsam schlossen wir die Fenster und schalteten die Klimaanlage ein. Gut gelaunt trällerte Victoria dabei ihr Lieblingslied:
„Como un pajaro libre“ - frei wie ein Vogel.
Meine quirlige Victoria! Ich liebe sie über alles. Ihre kolumbianische Lebensfreude, ihre Wärme, ihr nettes Geplauder, das häufige Lachen, ihren nicht endenden Reichtum an Lebensmut.
Kommt Victoria in einen Raum, passiert meist etwas mit den Menschen dort.
Allerdings kann ich nicht beschreiben, worum es sich dabei handelt. Sie bewirkt auf eine geheimnisvolle Weise Frohsinn und Harmonie im Miteinander der Menschen. Als Latina tanzt sie gerne und oft, am liebsten cumbia oder salsa. Beides sind Tänze, die in ihrer Heimat weit verbreitet sind.
Mit ihrer ungewöhnlich tiefen und gutturalen Stimme, mit ihren dunklen, sprühenden Augen und den kurz geschnittenen, meist steil aufgebürsteten Haaren ist sie so etwas wie eine Ausnahmeerscheinung. Victoria hat das ‚gewisse Etwas‘, dachte ich. Es ist das ‚Etwas‘, woran sich die Menschen sehr gerne, recht oft und positiv erinnern. Selbst nach einem nur kurzen Zusammensein mit ihr. So, wie es mir einst bei unserem ersten Zusammentreffen erging.
Sie ist die ideale Gefährtin für jemanden wie mich, mit dieser nicht-alltäglichen Arbeit. Genau wie ich liebt Victoria das Leben in anderen Kulturen. Wir sind das ideale Paar. So dachte ich nicht zum ersten Male, während ich mich duschte und für den Abend umzog.
Im Rahmen meiner Arbeit mussten wir des Öfteren offizielle Empfänge bei uns daheim ausrichten. Für diesen Abend hatten wir allerdings eine Einladung unseres argentinischen Nachbars Ernesto erhalten. Schon am Morgen war in seinem Haus ein Schwein geschlachtet worden. Es sollte deshalb abends churrasco geben, das ist im Süden Lateinamerikas so etwas wie Grill oder Rostbraten.
Für einen Argentinier ist das Schwein nur dann eine kulinarische Lösung, wenn er kein vernünftiges Rindfleisch bekommen kann.
In Sri Lanka jedoch sind Kühe heilige Wesen, zumindest für die hinduistischen Bevölkerungsteile. Aber auch die Buddhisten, welche die Mehrzahl der Bevölkerung bilden, essen nur wenig Fleisch. Als Deutscher war ich froh, dass es in diesem Land wenigstens Schweinefleisch gab. Da habe ich noch einmal ‚Schwein gehabt‘, dachte ich beim Rasieren.
Noch viel mehr ‚Schwein‘ hatte ich aber bei dieser merkwürdigen Meeresströmung und bei der herabfallenden brasilianischen Kokosnuss. Im Spiegel sah ich, wie sich bei diesen Gedanken mein Mund zu einem leichten Grinsen verzog.
„Endo, ich habe noch nie zuvor ein Schwein geschlachtet“, eröffnete mir eine Stunde später der muskulöse und hochgewachsene Ernesto. Ich erschrak.
„Es war heute Morgen wirklich das erste Mal!“, fügte er bekräftigend hinzu. Ernesto war der Botschafter für Argentinien in Sri Lanka, hatte einen dichten Bartwuchs und trug lange, tiefschwarze Haare.
„Oh mein Gott!“, entfuhr es mir überrascht. „Ich dachte, du hast einen professionellen Metzger bestellt!“ Mein erzwungenes Lachen klang sicherlich etwas verunsichert.
„Oh je! Werden wir das überleben? Einen langhaarigen Diplomaten als Metzger?“, fragte ich und bemühte mich um einen scherzhaften Unterton.
Wie zur dramaturgischen Unterstützung des Gesagten wetterleuchtete es gerade heftig und gleich darauf hörten wir grollenden Donner aus der Ferne. Ich überlegte in diesem Moment, ob ich meine Worte vielleicht zu offen gewählt hatte. Ernesto stand leicht gebückt vor seinem geliebten, selbst gebauten Bratrost, den er wie üblich auf der Terrasse des Hauses positioniert hatte. Wie alle Argentinier, Uruguayer und viele Südbrasilianer war auch er in dieses primitive Freiluft-Kochgerät vernarrt.
Gelassen drehte er sich zu mir herum und blickte mich aus seinen wachen, dunklen Augen an. In seinem scharf geschnittenen Gesicht blitzte ein kurzes Lächeln auf. Offenbar interpretierte er meine Sätze doch als deutsche Ironie, was mich insgeheim erleichtert aufatmen ließ.
Ernesto meinte lapidar:
„In diesem Land gibt es keine Metzger!“, und widmete sich sogleich wieder mit Hingabe all den Fleischstücken, welche auf dem Grill lagen.
Wenn man nicht wüsste, dass er Diplomat ist, könnte man ihn für einen perfekten, klassischen Tango-Tänzer halten, dachte ich. Zugleich entfernte ich mich ein wenig aus dem lästigen Rauch- und Bratdunst. Aufgewachsen war der jungenhaft wirkende Ernesto in Rosario, der argentinischen Stadt, aus der ein berühmter Namensvetter von ihm kommt.
Jener hieß Ernesto Guevara; er wird von seinen zahllosen Bewunderern bis heute kurz El Che, der Argentinier, genannt. Mein Freund Ernesto hätte fraglos als dessen Kampfgefährte durchgehen können, dachte ich. Natürlich nur vom Aussehen her.
Ernesto und ich hatten schon mehrfach über diese ‚bärtige Ikone der Revolution‘ diskutiert. Das meist verklärt abgebildete Gesicht des wohl weltweit bekanntesten Revolutionärs fällt vor allem südlich des Rio Grande (in Mexico) noch vielfach ins Auge. Es ist auf zahllosen Mauern und millionenfach auf Autos zu sehen.
Der ‚Che‘ blickt von Bildern in ärmlichen Wohnzimmern, von unzähligen Wänden in Studentenbuden und sein Antlitz taucht immer bei politischen Protestveranstaltungen auf.
„Das Antlitz des Bärtigen repräsentiert den Traum, der einmal Revolution hieß“. So ähnlich hatte ich eines Abends zum argentinischen Botschafter gesagt.
Ernesto und ich waren uns über die Märtyrerfunktion des bärtigen Arztes einig. Wir stimmten darin überein, dass die mythische Überhöhung des Berufsrevolutionärs wenigstens ansatzweise einem Vergleich mit der Verklärung des Jesus Christus standhalten könnte.
Letzterer hatte ja auch erst als Märtyrer unglaublich großen Erfolg.
An diesem Abend erzählte ich Ernesto die Anekdote eines Kollegen, der in Bolivien aufgewachsen war.
Als Kind war Gustavo eines Tages mit seiner Mutter in der nahen Stadt unterwegs. Sie hatten an einem Brunnen gerastet, an dem auch einige bewaffnete, bärtige Männer gesessen hätten. Einer davon, es sei wohl der Anführer gewesen, habe mit Gustavo gescherzt und der Junge habe daraufhin den Bärtigen mit Brunnenwasser bespritzt.
„Historisch gesehen ist es völlig unbedeutend,“ meinte ich, „aber nur wenige Tage vor seiner Ermordung in Bolivien wurde der berühmteste Revolutionär unserer Zeit von einem deutschen Jungen nass gespritzt.“
Mit Ernesto teilte ich eine Vorliebe für guten Rotwein, Zigarren aus Kuba - und für Musik, vor allem für gute Rockmusik. Diese Kombination, hatte unsere Diskussionen manchmal bis in die frühen Morgenstunden befeuert. Auch an jenem Abend servierte Ernesto einen beachtenswerten argentinischen Malbec zum Schweinebraten vom Grill. Beides schmeckte mir hervorragend!
Der Abend gestaltete sich sehr angenehm, und das nicht zuletzt wegen des hochwertigen Rotweins. Es wurde sogar noch richtig lustig und wir gingen erst spät nach Hause.
In jener Nacht hatte ich einen langen, sehr merkwürdigen Traum. Ich glaube, es war nicht wirklich ein Albtraum; aber es war womöglich der seltsamste Traum meines Lebens. Soweit ich mich an meine Träume überhaupt erinnern kann.
Es begann an einem Wintermorgen in meinem badischen Dorf. Am jährlichen Schlachttag! Ich träumte, der Metzger käme – wie an solchen Tagen üblich – schon zur frühen Stunde ins Haus. Meine Mutter weckte mich bereits vor seiner Ankunft liebevoll zum Frühstück. Sie war wie immer um diese frühe Stunde schon hellwach und sagte bedeutungsvoll:
„Schau mal hinaus!“
Aber ich sah nichts, denn die Fensterscheibe war mit Eisblumen bedeckt, weswegen ich mit dem warmen Handballen zuerst eine Stelle freireiben musste.
Das war bei Frost damals zuhause tatsächlich so, weil der Ofen im Kinderzimmer aus Kostengründen bestenfalls am Abend für nur kurze Zeit geheizt wurde.
In meinem Traum spähte ich durch die aufgetaute Stelle hinaus auf den Hof und sah, dass es in der Nacht geschneit hatte. Darüber freute ich mich sehr und dachte an die anderen Kinder im Dorf.
„Hoffentlich gibt es eine weiße Weihnacht!“, rief ich zu meiner Mutter hinüber in die Küche. Wenig später saß ich dort im Schlafanzug auf der Eckbank, trank Kinderschokolade und las in einem Comic-Heft. Letzteres hatte mir mein Vater während des Essens streng verboten. Sogar im Traum machte ich es deshalb heimlich und hatte dabei auch ein ‚traumhaft‘ schlechtes Gewissen.
Dann kam plötzlich der wichtigste Mann des Tages hereingepoltert. Schon allein wegen der frühen Stunde konnte ich den Dorfmetzger mit seinem lärmenden Auftritt nicht leiden. Und das noch weniger, weil er sich ungefragt neben mich auf die Eckbank setzte.
Sofort mokierte er sich über meinen Schlafanzug, weil dieser ein Blümchenmuster hatte.
„Für Mädchen ist das Ding wohl gemacht!“, meinte er.
Der Metzger in meinem Traum war allerdings weitaus weniger nett, als er es damals in Wirklichkeit gewesen war. Außerdem sah er merkwürdig aus. Er war groß und hager, ein Bart reichte ihm beinahe bis zur Brust. Seine rötlich schimmernden Haare waren stark eingeölt und umrahmten das markante, knorrige Gesicht, in dessen Mitte eine ausgeprägte Hakennase saß.
Sofort ließ der Metzger in bestimmendem Tonfall meine Mutter wissen, dass er später gerne das Hirn des getöteten Tieres essen würde. Sie solle es ihm zu gegebener Stunde zubereiten.
Überraschend und wie aus dem Nichts erschienen jetzt einige kleine, dunkelhäutige Eingeborene in unserer kleinen Küche. Sie hatten nur einen Lendenschurz um die Hüften gebunden und zitterten deshalb vor Kälte. Jedem einzelnen steckte ein kleiner Knochen quer durch die Nasenwand.
Menschenfresser also, dachte ich. Einer von Ihnen sagte höflich zu meiner Mutter, sie wollten sich eigentlich ja nur kurz aufwärmen, aber außerdem auch etwas von dem Schweinehirn essen. Meine Mutter lehnte das zweite Ansinnen entrüstet ab. Es sei ja nur ein Schwein da, das sei zu wenig Hirn für alle, meinte sie. Warf allerdings einen fragenden Blick zum Metzger hin.
Die kleinwüchsigen Menschenfresser blieben trotzdem noch eine Weile bei uns. Sie sprangen gleich zum Klang dumpfer Trommeln lustig im Kreis herum.
In unserer Küche wurde es dadurch sehr eng. Fasziniert von dem exotischen Treiben kauerte ich mich neben dem rothaarigen Metzger auf der Eckbank zusammen.
Das Ganze endete aber bald darauf abrupt, denn mein Vater kam herein und machte ein finsteres Gesicht. Die Gruppe verschwand drängelnd durch die Tür. Plötzlich überfiel mich eine Art Sehnsucht. Nein, es war Fernweh!
Ich rief den Menschenfressern schnell nach:
„Nehmt mich mit! Ich will bei euch im Urwald in den Bambushütten wohnen!“
Aber die Tänzer konnten mich wohl nicht mehr hören.
Wie unvermittelt befand ich mich plötzlich draußen, in der Kälte und vor unserem Schuppen. Es herrschte feines Schneetreiben. Ich sah das tote Schwein in der Brühmulde liegen. Das ist eine Art Badewanne, in der das Tier in einer heißen Lauge gelagert wird, damit sich hinterher die Borsten leichter entfernen lassen.
Plötzlich erschien ein seltsam gedrungener Mann, der sich aus einer blubbernd dahergekommenen, rosafarbenen Isetta quälte.
Ich muss hier einfügen: Das kugelige ‚Rollermobil‘ I-setta gehörte fest zum Straßenverkehr der Nachkriegszeit und verschwand noch in den Sechzigern komplett. Die gesamte Frontpartie des kleinen Fahrzeugs bestand aus einer Tür, an der auch gleich das Lenkrad, der Tachometer und einiges mehr befestigt waren.
Der gedrungene Mann, der in meinem Traum aus dem rosafarbenen Auto stieg, sah merkwürdig aus. Sein breites, bartloses Gesicht ähnelte farblich der Autolackierung, es schimmerte rosig. Er trug schwarze, hohe Lederstiefel, die militärisch aussahen und bei jedem Schritt im Schnee quietschten. Außerdem hatte er einen auffallend gelben Wollschal um den Hals geschlungen. Auf direktem Weg marschierte er auf mich zu.
Ich erschrak sehr, als er mich herrisch nach einer großen Tasse Kaffee fragte. Ohne Milch und Zucker, mit einem Schuss Schnaps natürlich, dem guten Zwetschgenschnaps des Großvaters! Das verstehe sich ja schließlich von selbst.
In unserem offenen Schuppen, der schon halb zerfallen und oben lose mit Reisig und Brennholz gefüllt war, schnippelte der Gedrungene nun schweigsam an der toten Sau herum.
Aufgeregt und wie ein neugieriges Kind bewegte sich der rothaarige Schlachter vor diesem Geschehen im Kreis, hüpfte dabei von einem Bein auf das andere. Und immer wieder kicherte er vor sich hin und rief mehrmals:
„Wir sind wie die Kannibalen! Wie die Kannibalen!“
In der nächsten Traumsequenz schneite es immer noch. Der Metzger saß still auf einem einfachen Melkschemel im Schuppen und aß das gebratene Hirn, das ihm meine Mutter gebracht hatte. Neben ihm stehend, trank der andere Mann seinen Kaffee mit Schnaps. Dabei unterhielten sich die beiden sehr angeregt über etwas, was ich nicht verstehen konnte.
Der kleine Kompakte nickte nun immer wieder mit dem Kopf, während der große Hagere ab und zu mahnend den Zeigefinger hob.
Bald darauf fuchtelte der Letztere wiederholt wie wild mit seiner Hand in der Luft herum. Ich ging einige Schritte näher an die beiden heran und hörte dann, dass sie über irgendwelche Kämpfe redeten, die sie damals im Osten überaus erfolgreich geführt hätten.
Plötzlich griff mein Großvater in das Geschehen ein. Er kam wie aus dem Nichts, aus der Weite des Schneetreibens. Mein Großvater, der zu Lebzeiten ein angesehener Schreinermeister in unserem Dorf war, erschien in meinem Traum realitätsnah als kräftiger, gutaussehender Mann mit einem Bärtchen im Gesicht.
Als Halbwüchsiger erinnerte mich das beinahe quadratisch zurecht gestutzte kleine Gewächs immer unangenehm an das ‚Hitlerbärtchen‘.
Dieser merkwürdige Haarbusch war aber das Einzige, was mir an meinem Großvater nicht gefiel.
Im Traum wie in Wirklichkeit trug er seine übliche blaue Schreinerschürze mit einigen Flicken darauf. Die Ärmel seines blau-weiß gestreiften Hemdes waren trotz der Kälte hochgekrempelt; allerdings schneite es in diesem Moment nicht mehr.
Er trat auf die zwei Männer zu und wollte mitreden, denn er hatte schließlich ebenfalls im Osten gekämpft. Der Gedrungene aber, der unablässig redete, ließ meinen Großvater überhaupt nicht zu Wort kommen, woraufhin dieser sich fürchterlich ärgerte.
Seine Stimme wurde lauter, er schimpfte bald heftig - und jagte den Gedrungenen samt rosa Auto kurzerhand von unserem Hof.
Aus dem halbverfallenen Schuppen ertönte jetzt Walzermusik, erst leise, wie bei Bolero, dann immer lauter. Geschwind forderte der Metzger meinen Großvater zum Tanz auf. Dazu verbeugte er sich ungelenk vor ihm.
In dem gerade wiedereinsetzenden Schneetreiben wirkten seine Bewegungen unwirklich.
Dazu kam die Kulisse des alten Schuppens mit dem inzwischen aufgehängten und aufgebrochenen Tierleib. Aus diesem tropfte immer noch etwas Blut. Sogar innerhalb des verrotteten Gebäudes häufte sich bereits der Schnee, welcher an vielen Stellen schon rot markiert war.
Genau dort sah ich die beiden nun einträchtig miteinander tanzen. Sie tanzten jedoch auf sonderbare Weise, schwebten leichtfüßig über dem Boden, drehten sich zwischen den fein herabwirbelnden Schneeflocken - welche der Wind jetzt auf einmal nahezu waagerecht vor sich hertrieb.
Der Metzger in seinem wasserabweisenden Weiß erinnerte mich an eine Braut. Aber er führte sonderbar gekonnt, wie es sich für einen langsamen Wiener Walzer gehört, führte meinen Großvater abwechselnd unter dem undichten Dach und dann wieder draußen im rotgetränkten Schnee im Kreise herum.
Gerade drehten sie sich direkt vor der metallenen ‚Schweine-Badewanne‘ in welcher die dreckige Brühe still vor sich hin dampfte. Auf der Wanne lag die hölzerne Tür des Schweinestalls, und darüber hatte meine. Mutter ein kariertes Tuch gebreitet. Dieses Tuch war zur Hälfte mit erbärmlich stinkenden Schweinsdärmen bedeckt.
Draußen flogen die Schneeflocken immer noch beinahe waagerecht, sie wurden aber zunehmend größer und wirbelten immer wilder durcheinander. Wie im Gleichtakt dazu beschleunigte sich die Musik. Und immer schneller kreiste auch das sonderbare männliche Paar.
Ich sah auf einmal, dass der Metzger noch das lange Messer in der Hand hielt, mit dem er zuvor die Därme und andere Innereien aus dem toten Schwein herausgeschnitten hatte. Bei mir entstand der Eindruck, als wolle er dieses gefährliche Werkzeug hinter dem Rücken seines Tanzpartners verstecken.
Sie tanzten gerade wieder draußen, auf dem inzwischen schneeglatten, blutgetränkten Grund. Tanzten immer schneller, das Paar wurde deshalb plötzlich unsicher, kam zunehmend ins Torkeln - bis beide Männer auf einmal zu Boden stürzten. Mein Großvater aber fiel in das Messer des Hageren, zappelte ein wenig – und lag still.
Sofort kam meine Großmutter aufgeregt aus dem Haus gelaufen.
„Es ist etwas Furchtbares passiert!“, schrie sie gleich mehrmals. Sie trug ihre blaue Küchenschürze, hatte ein weiß-blau gemustertes Kopftuch auf und hielt ihre Arme gen Himmel gestreckt. Vor dem Schuppen blieb sie stehen und näherte sich dann schrittweise, ganz vorsichtig dem wie tot daliegenden Großvater.
In dieser Sekunde stutze ich in meinem Traum: War diese Alte überhaupt meine Großmutter? Nein! Sie sah unvermittelt aus wie die Zigeunerin aus Granada! Nun drehte sich die hagere Gestalt auf einmal um und ging sehrlangsam und gebeugt wieder zurück. Dabei murmelte sie laut und deutlich:
„Ich habe es vorhergesagt, alles vorhergesagt!“.
Auf dem Kopf trug sie immer noch das Kopftuch, welches aber auf einmal ganz rot war. Auch der Schnee war nun überall ganz rot. Karminrot!
Mit einem engen Gefühl in der Brust schreckte ich schweißgebadet und luftringend aus meinem Schlaf auf und setzte mich aufrecht hin.
Im ersten Augenblick wusste ich überhaupt nicht, wo ich war, suchte im Dunkeln nach etwas Vertrautem. Zuerst sah ich schemenhaft einen stillstehenden Deckenventilator, erkannte gleich darauf ein Fenster mit blaugestrichenem Rahmen und identifizierte dadurch den Raum als unser Schlafzimmer in Colombo.
Alles ist gut, ich bin in Sri Lanka, dachte ich. Victoria atmete ruhig neben mir. Alles war wie immer; ich konnte nichts Ungewöhnliches wahrnehmen. Der zuerst nur sonderbare, dann aber entsetzliche Traum hatte mich sehr verwirrt.
Meine Großmutter, der Hausmetzger und mein Großvater – sie alle waren ja schon viele Jahren zuvor gestorben!
Ganz allmählich erinnerte ich mich jetzt auch an das Gesicht des Metzgers im Traum. Es hatte ähnliche Konturen wie das von Ernesto.
Mit einem unguten, vormals nie gekannten Gefühl im Bauch kamen mir die früheren Weissagungen der Zigeunerin aus Andalusien in Erinnerung.
Das heißt, ich erinnerte mich in diesem Moment nur an wenige Fragmente aus ihren Sätzen:
„Armut und Elend, vielfacher Tod … werden dich begleiten … es werden furchtbare Dinge geschehen …!“
Ich spürte eine leichte Gänsehaut.
„Komischer Traum! Ein Metzger tanzt mit meinem Großvater! Und dieser stirbt! Ein Albtraum!“, sagte ich ganz leise zu mir und drehte mich zum Fenster.
„Absoluter Blödsinn! Blümchenschlafanzug, Eingeborene, ein rosa Auto, dazu ein Schweinehirn und das Kopftuch meiner Großmutter – was für ein Schwachsinn“, murmelte ich kopfschüttelnd vor mich hin. Beinahe musste ich lachen.
Also schob ich das Ganze einfach auf Ernestos Schweinebraten und vor allem auf den ausgiebig genossenen Wein. Da es mir weiterhin viel zu warm war, stand ich leise auf und drehte den Thermostat der Klimaanlage um zwei Grad niedriger.
In mein Bett zurückgekehrt, schlief ich bald darauf wieder beruhigt ein.
Der nächste Tag war ein Feiertag. Beim späten Frühstück erzählte ich Victoria meinen Traum. Sie wunderte sich sehr, lachte aber auch herzlich. Fragte mich, ob ich vielleicht schon als Kind Fernweh verspürt hätte.
In diesem Zusammenhang unterhielten wir uns über die Erlebnisse eines Kollegen, der bei uns zu Besuch war, nachdem er sechs Jahre lang in Papua-Neuguinea gearbeitet hatte. Dieser hatte uns von einigen, noch wenig bekannten Stämmen berichtet, die Ethnologen zufolge vor nicht allzu langer Zeit nachweislich die Arme und Beine von getöteten Feinden gegessen hätten.
Bei dieser Gelegenheit erzählte ich Victoria, wie so ein Schlachttag in unserem badischen Dorf in Wirklichkeit ablief. Nämlich etwas anders als im Traum.
Das Schwein wurde frühmorgens vom Hausmetzger mit einem Bolzen-Schussapparat kaltblütig ‚ermordet‘. Der Metzger öffnete sofort nach dem Fall die Halsschlagader des noch zappelnden Tieres und das dampfende Schweineblut schoss im Rhythmus des allmählich abebbenden Herzschlags heraus.
Ich musste dieses Blut in einer großen emaillierten Schüssel auffangen und mit Hilfe eines großen, hölzernen Löffels fortan durch ständiges Rühren vor dem Gerinnen bewahren. War das Tier vollständig ausgeblutet, wurde es mit vereinten Kräften in die Brühmulde gehievt. Darin wurden ihm mithilfe von heißem Wasser und einer besonderen Salzlösung die Borsten abgeschabt.
Zuvor hatte ich dieses Wasser im großen Kessel in der Waschküche mit Holz und Kohle zum Kochen gebracht. Es war derselbe Heizkessel, in dem an Samstagen das Badewasser, und unter der Woche das Wasser zum Wäschewaschen erhitzt wurde.
Das möglichst noch kochende Nass wurde von den erwachsenen Männern mit Eimern hochgetragen, während die Frauen in der Küche wirtschafteten, denn dort musste bald das Schweinefett verflüssigt werden.
