Karriere beim Discounter- ein billiges Versprechen? - Thomas Florianus - E-Book

Karriere beim Discounter- ein billiges Versprechen? E-Book

Thomas Florianus

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Beschreibung

Nach einer erfolgreich abgeschlossenen kaufmännischen Ausbildung wagte ich einen beruflichen Neuanfang im Lebensmitteleinzelhandel. Die Versprechen dieses allseits bekannten Discounters auf ein überdurchschnittliches Gehalt und glänzende Aufstiegschancen erfüllten sich sogar rasch. Ich lernte dort aber ebenfalls sehr schnell die Schattenseiten dieser Branche kennen. Die hohen Ansprüche der Vorgesetzten in punkto Leistungsbereitschaft und Schnelligkeit konnte ich erfolgreich umsetzen. Ich war aber auch den Launen einiger cholerischer Chefs ausgesetzt, die bei jedem noch so kleinen Fehler herumbrüllten und mit Konsequenzen drohten. In dieser Zeit sah ich viele Kollegen und Mitarbeiter, ja sogar Bereichsleiter kommen und gehen. Die Angst, eines Tages selbst entlassen zu werden, war stets präsent. Nach vielen Jahren ereilte mich dann tatsächlich dieses Schicksal. Ich sollte zum Verkäufer degradiert werden und sträubte mich dagegen, dies zu akzeptieren. Nun wurde es erst richtig spannend.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

1. Die Bewerbung

2. Einarbeitung

3. Fliegender Wechsel

4. Erste eigene Filiale

5. Versetzung in die Heimat

6. Neueröffnung

7. Neue Vorgesetzte

8. Ein Alptraum wird wahr

9. Wieder neue Vorgesetzte

10. Turbulente Wochen

11. Die Tage sind gezählt

12. Das Ende

Vorwort

Welcher Berufsanfänger wünscht sich nicht einen Arbeitgeber, der neben einer überdurchschnittlichen Bezahlung auch glänzende Aufstiegschancen verspricht?

Wie realistisch ist dieses Versprechen der Discounter aber, oder dient es etwa lediglich dazu, möglichst viele neue und unverbrauchte sowie gefügige Bewerber anzulocken?

Wie hoch ist die Chance auf eine Beförderung und wie realistisch ist es, dort bis zum wohlverdienten Ruhestand arbeiten zu können?

Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen aus beinahe zwanzig Jahren als Filialleiter eines der bekanntesten Lebensmittel-Discounter erzähle ich in diesem Buch von meinen Erlebnissen.

Heitere Ereignisse, aber natürlich auch die Schattenseiten meiner Karriere bis zum abrupten Ende erzähle ich darin auf unterhaltsame Weise.

Die in diesem Buch vorkommenden Dialoge gebe ich anhand meiner Erinnerungen und schriftlichen Aufzeichnungen darüber möglichst detailgetreu wieder. Sie stellen jedoch keine Zitation im strengen Sinne dar. Alles, was ich in diesem Buch niedergeschrieben habe, hat sich zwar tatsächlich so ereignet, aufgrund des Persönlichkeitsschutzes habe ich jedoch sowohl die Namen der darin vorkommenden Personen und dessen Beschreibungen sowie deren Merkmale abgeändert oder sogar auf Namen und Personenbeschreibungen gänzlich verzichtet. Ebenfalls habe ich auf Ortsangaben verzichtet.

Ich möchte auf gar keinen Fall einzelne Personen bloßstellen, sondern lediglich aufzeigen, wie sich Vorgesetzte mir gegenüber verhalten haben. Meines Erachtens ist für das Fehlverhalten einzelner Verkaufs- und Bereichsleiter hauptsächlich die oberste Führung eines Unternehmens verantwortlich, sollte diese solch ein Verhalten tolerieren oder noch schlimmer, unterstützen.

1 Die Bewerbung

An einem Samstagvormittag las ich die Stellenanzeigen in der Regionalzeitung durch. Ich war auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle. Nach dem Besuch der Realschule hatte ich eine Ausbildung zum Industriekaufmann in einem heimischen Unternehmen in der Textilbranche absolviert.

Mein Plan war es, in diesem Betrieb nach der Ausbildung zu bleiben, zum Abteilungsleiter befördert zu werden und schnell eigenes Geld zu verdienen.

An den Besuch einer weiterführenden Schule, um die Chancen auf einen Job mit sehr gutem Gehalt zu erhöhen, daran dachte ich damals überhaupt nicht.

Meine Eltern besaßen zwar ein eigenes Haus, konnten aber keinerlei Renovierungsarbeiten mehr selbst ausführen oder bezahlen, da sie beide erkrankt waren und mein Papa lediglich eine geringe Frührente bezog. Fernab der Heimat mein berufliches Glück zu suchen – daran dachte ich als Einzelkind auch nicht. Wer hätte sich denn um meine Eltern kümmern sollen, egal ob Einkauf oder Gartenarbeit, das konnten sie nicht mehr ohne meine Hilfe bewältigen.

Schnellstmöglich viel Geld verdienen, um das Haus zu renovieren war also mein Ziel.

Meine Pläne wurden aber zunächst durchkreuzt. Obwohl ich nach der Ausbildung einen Zeitvertrag von meinem bisherigen Arbeitgeber erhielt, konnte ich dort nicht bleiben, da ich während dieser Zeit bei der Bundeswehr meinen Grundwehrdienst antreten musste und nach meiner Rückkehr für meine bisherige Tätigkeit bereits ein anderer Mitarbeiter eingesetzt wurde.

Zu dieser Zeit gab es vor allem in unserer strukturschwachen Region viele Arbeitsuchende und kaum Stellenangebote. Ich schrieb viele Unternehmen an und gelegentlich wurde ich sogar zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich bekam aber meist eine Absage mit der Begründung, dass momentan keine Mitarbeiter eingestellt werden würden oder ich zu wenig Berufserfahrung mitbrächte.

Eine Anzeige in der heimischen Zeitung weckte nun mein Interesse: „Machen Sie Karriere bei einem der erfolgreichsten Discounter . Nach einer gründlichen Einarbeitung erhalten Sie ein überdurchschnittliches Gehalt , sechs freie Tage im Monat, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Leistungsprämien“.

Ich konnte mir zwar überhaupt nicht vorstellen, im Einzelhandel an der Kasse zu sitzen sowie Regale zu befüllen, jedoch weckte die überdurchschnitt-liche Bezahlung meine Neugier. Ob ich den Mut gehabt hätte, meine zwar schlechter bezahlte, jedoch sichere Stelle zu kündigen, um einen Neuanfang zu wagen? Vermutlich nicht.

Nun hatte ich aber sowieso nichts zu verlieren. Also gab ich meine Bewerbungsmappe persönlich in der Filiale in meinem damaligen Heimatort ab. Der dortige Filialleiter versicherte mir: „Ich gebe die Bewerbung Herrn Vino, das ist unser zuständiger Bezirksleiter, er ist heute aber nicht da.“

Einige Tage vergingen und ich dachte nicht mehr an diese Bewerbung. Da ich ja keinerlei Erfahrung im Einzelhandel vorweisen konnte, befürchtete ich sowieso, dass ich kaum eine Chance haben würde, den Posten zu erhalten.

Eines Tages erhielt ich einen Anruf. Ohne mir groß Gedanken zu machen, wer da anrufen könnte, nahm ich den Anruf an. Der Anrufer stellte sich gleich bei mir vor: „Hier ist Herr Vino. Sie haben sich bei uns beworben und ich würde Sie gern zu einem Gespräch einladen, falls Sie zwischen-zeitlich noch keine andere Arbeit gefunden haben“. Im ersten Moment dachte ich an einen Scherzanruf. Da ich mich noch auf eine andere vielversprechende Stelle in einem Büro beworben hatte, sagte ich kurzerhand ab.

Wenige Tage später begann ich jedoch zu grübeln. Hatte ich einen Fehler begangen? Ich war ja immer noch ohne Aussicht auf eine neue Anstellung. Ich beschloss, erneut zu der Filiale zu gehen und fragte dort nach Herrn Vino. Dieser war sogar zufällig vor Ort. Er kam aus dem Büro und begrüßte mich: „Das ist ja schön, dass Sie vorbeikommen, eine unserer Mitarbeiterinnen kennt Sie ja privat und hat nur Gutes über Sie erzählt, daher zählen Sie auch zu meinen Favoriten“. Tatsächlich arbeitete dort eine gute Bekannte, daran hatte ich gar nicht gedacht. Herr Vino schlug mir einen Termin wegen einem Einstellungsgespräch vor und ich bestätigte ihm diesen sogleich.

Gespannt fragte ich mich, ob ich dort bald arbeiten würde. Ich informierte mich vorab im Internet über dieses Unternehmen und hörte von einer kuriosen Anekdote: Ein Mitarbeiter besorgte sich in einem Schreibwarengeschäft drei Kugelschreiber fürs Büro und wurde daraufhin von einem der beiden Unternehmensgründer gefragt, ob er wohl mit drei Stiften gleichzeitig schreiben würde. Konsequentes Sparen machte einen Teil des Erfolgs des Unternehmens aus.

Mittelmäßig vorbereitet erschien ich nun zum Gespräch mit Herrn Vino in der Filiale in meinem damaligen Wohnort. Der dortige Filialleiter führte mich zum Pausenraum, der sich hinter einer Türe im Kassenbereich befand. In dem Raum stand eine Küchenzeile, eine Eckbank und ein Tisch samt Stühlen. An der Wand stand ein Schrank mit absperrbaren Fächern und in einer Ecke ein Tisch mit einer Registrierkasse darauf. Die Übungskasse, wie ich später erfuhr. Herr Vino kam aus dem Büro, welches sich neben dem Pausenraum befand. Er war mittelgroß, hatte lockige blonde Haare und roch nach Zigarrenrauch. Er begrüßte mich freundlich: „Schön, dass es doch noch geklappt hat, Sie sind einer unserer Favoriten“. Erneut erwähnte er dies unumwunden.

Er breitete meine Unterlagen vor sich aus und betrachtete nun meine Zeugnisse. Besonders mein Führungszeugnis der Bundeswehr gefiel ihm offenbar. „Den Wehrdienst haben Sie auch schon hinter sich“ bemerkte er sichtlich erleichtert. Viele junge Verkäufer wurden in der Vergangenheit zum Wehrdienst eingezogen und hinterließen während dieser Zeit personelle Lücken, so berichtete er.

Ohne ausschweifend über die Firma zu reden, zeigte er mir anhand einer Aufstellung mein Einstiegsgehalt. Der Betrag war höher als erhofft und weckte in mir fast schon euphorische Gefühle.

„Eine wichtige Frage hätte ich noch!“ riss er mich aus meinen Träumen vom großen Geld. „Sind Sie Mitglied in einer Gewerkschaft?“ Ich antwortete spontan und naiv:

„Nein, ist das denn Voraussetzung hier in der Firma?“ Er sah mich kurz verwundert an und fing an zu lachen: „Nein, das brauchen wir hier überhaupt nicht, wir brauchen hier auch keinen Betriebsrat. Es muss Ihnen nur bewusst sein, dass Sie hier künftig weniger Freizeit haben werden, die Arbeitstage sind lang und anstrengend“.

Ich war inzwischen sowieso arbeitssuchend und hatte viel zu viel Freizeit. Ich unterschrieb meinen Arbeitsvertrag und konnte kaum glauben, wie schnell es nun ging, eine neue Arbeit gefunden zu haben, hatte ich doch zuvor wochenlang ergebnislos Bewerbungen geschrieben. Freudestrahlend verabschiedete ich mich von Herrn Vino und ging nach Hause. Die fünf Wochen bis zum Arbeitsbeginn nutzte ich sinnvoll, indem ich an der Kasse im Pausenraum das Kassieren übte. Mehrmals wöchentlich erschien ich hierzu in der Filiale und tippte Preise aus einer Liste ein, ohne dabei auf die Tastatur zu blicken. Auch versuchte ich, mir dabei gleich die Preise einzuprägen. Diese mussten damals noch auswendig gelernt werden. Lediglich für Obst und Gemüse gab man ein- bis dreistellige Nummern ein, da sich die Preise in diesem Bereich wöchentlich änderten. Das Sortiment war im Vergleich zu heute noch überschaubar. Einige Artikel, wie etwa Nudeln, hatten den gleichen Preis, egal ob Spaghetti, Fusilli oder Penne. Einmal in der Woche gab es zudem einen sogenannten Aktionstag, an dem zahlreiche Nonfood-Artikel beworben wurden.

2 Einarbeitung

Am ersten Arbeitstag erschien ich überpünktlich. Ich wollte mich schließlich von meiner besten Seite zeigen und hatte ohnehin schlecht geschlafen. Noch einmal ganz von vorne anzufangen war doch sehr aufregend für mich. Ich benötigte lediglich fünf Minuten Fahrzeit bis zur Filiale. Dort angekommen, stand ich allerdings vor verschlossenen Türen. Der Filialleiter erschien erst eine halbe Stunde später. „Nach dem Wochenende kommt Herr Meyer immer etwas später, da hat er Stau auf der Autobahn“ erklärte mir später seine Stellvertreterin scherzhaft.

Ich dachte mir nach diesem ersten Eindruck, dass es so stressig wohl nicht werden würde.

Als Herr Meyer endlich erschien, begrüßte er mich freundlich. Er schien sehr nett und gemütlich zu sein. Ich erhielt von ihm als Arbeitskleidung einen weißen Kittel, die Damen trugen einen blauen Kosak.

Die restliche Bekleidung wie Hose, Hemd und Schuhe musste ich mir selber besorgen. Herr Meyer trug seine älteren, bereits aus der Mode gekommenen Hemden. Ich sollte mir außerdem noch eine Krawatte besorgen.

Nachdem ich den Kittel angezogen hatte, sollte ich gleich damit beginnen, eine ganze Palette voll mit verschiedenen Kartons in die Regale zu schlichten. Herr Meyer meinte noch, dass es sehr wichtig sei, möglichst schnell die Waren einzuräumen. Voller Tatendrang begann ich sogleich damit. Die vielen verschiedenen Artikel fand ich jedoch nicht sofort und die Suche danach bremste mich aus. Nach einer knappen Stunde verkündete ich Herrn Meyer stolz, dass ich fertig sei. Er betrachtete meine Arbeit und sah mich dabei etwas skeptisch an. „Alle Artikel sind schon mal am richtigen Platz und es sieht auch ordentlich aus“ lobte er mich zunächst. „Aber das hat viel zu lang gedauert, das muss doppelt so schnell gehen, es sind noch 10 Paletten im Lager, die eingeräumt werden müssen“. „Wie soll ich das jemals in so kurzer Zeit schaffen“, dachte ich mir und war nun doch leicht deprimiert. Aber die freundlichen Mitarbeiter dort machten mir wieder Mut und meinten, dass es mit der Zeit von allein schneller gehen würde.

Die Öffnungszeiten des Ladens waren von Montag bis Freitag von 8.30 Uhr bis 18.30 Uhr und am Samstag von 8 bis 14 Uhr. Am Samstag zu arbeiten war für mich neu, aber es blieb ja noch der Nachmittag für Freizeitaktivitäten.

Die erste Woche verging wie im Flug. Ich erhielt nun den Auftrag, Platz für die neue Aktionsware zu schaffen, die immer am Donnerstag beworben

wurde. Ich schlichtete alle Artikel, wie etwa Bettwäsche und Nachthemden, Schuhe und verschiedene andere Nonfood-Artikel zusammen und erhielt nach einiger Zeit tatsächlich so viel Platz, dass genug leere Tische für die neuen Artikel im Verkaufsraum standen.

Herr Meyer kam zu mir, beäugte meine Arbeit und lobte mich. „In dieser kurzen Zeit haben Sie so viel Platz geschaffen und es sieht dennoch ordentlich aus“. Dies weckte in mir die Zuversicht, die Probezeit hier zu bestehen. Auch an der Kasse prägte ich mir die Preise schnell ein und konnte die Tastatur beim Kassieren blind bedienen. Vielleicht half mir dabei auch, dass ich als Industriekaufmann mit der Schreibmaschine schreiben und die Rechenmaschine ebenfalls ohne auf die Tastatur sehen zu müssen, betätigen konnte.

Eine Woche später bekamen wir Besuch von einem Bezirksleiter aus dem Nachbarbereich, Herrn Hirsch. Er war ebenso wie Herr Meyer bereits etwas älter und hatte schneeweiße Haare. Jeder Bezirksleiter betreute ca. sechs Filialen. Ab August sollte diese Filiale nun zusätzlich zu seinem Verantwortungsbereich gehören. Er begrüßte mich, sah mich dabei streng an und begab sich mit Herrn Meyer ins Büro.

Später erzählte mir Herr Meyer von dem Gespräch mit Herrn Hirsch. Er hatte für seine Filialen erst kürzlich zwei neue Mitarbeiter eingestellt und meinte, dass er mich nicht behalten wolle, da er mich nicht kenne. Er beschloss, mich entweder in eine andere Filiale von Herrn Vino zu versetzen, andernfalls würde er mich entlassen wollen. Herr Vino willigte seiner Forderung zu meinem Glück ein, mich in einer seiner anderen Filialen einzusetzen. Gleich im darauffolgenden Monat fuhr ich zu meinem neuen Einsatzort. Die Fahrt dorthin dauerte nun über eine halbe Stunde.

Ein älterer Herr war dort Filialleiter. Er war zwar sehr freundlich, aber außer dem Bedienen der Kasse lernte ich dort kaum etwas Anderes. Gern hätte ich ihm bei der teils körperlich schweren Arbeit geholfen, er wollte aber offenbar die Arbeiten im Verkaufsraum alleine bewältigen. Eine Kundin verriet mir an der Kasse, dass die Aushilfe, die im Kühlregal die Joghurtbecher einräumt, ganz schön langsam sei und wohl bald bei der Arbeit einschlafen werde. Sie wusste anscheinend nicht, dass dies der Filialleiter war.

Im darauffolgenden Monat sollte ich erneut die Filiale wechseln. Ob Herr Vino bemerkte, dass ich hier nicht viel dazugelernt hatte?

In der nächsten Filiale war Herr Reuther der Leiter. Er war größer als ich, bestimmt 1,90 m, hatte pech-schwarze Haare und war ebenfalls wie sein Kollege aus der anderen Filiale einige Jahrzehnte älter als ich. Bei der Begrüßung reichte er mir die Hand und drückte sehr fest mit seinen großen Händen zu. Er quetschte dabei meine Finger dermaßen, dass ich Schmerz verspürte. „Ein kräftiger Händedruck ist wichtig hier“ bemerkte er und lachte dabei.

Diese Filiale lag in einer viel größeren Stadt. Der Umsatz war rekordverdächtig, ebenso die große Anzahl an Kunden. Das Lager jedoch war sehr viel kleiner, als ich es gewohnt war. Die Bestellung war hier eine echte Herausforderung. „Wir müssen hier mehr Ware bestellen, als wir im Lager unterbringen können“ gab er mir zu verstehen. Am Abend kam der LKW mit der bestellten Ware. Herr Reuther griff nach einem Hubwagen und fuhr damit in hohem Tempo die Paletten hin und her. „Die hier brauchen wir noch, die hier fahren wir jetzt gleich rein“ herrschte er mich und die anderen Mitarbeiter an. Als der Fahrer den LKW abgeladen hatte, passte nichts mehr ins Lager und einige Paletten standen sogar vor der Lagertüre im Verkaufsraum. Die Tür zum Lager konnte gerade noch so verschlossen werden.

Am nächsten Morgen begann ich zusammen mit einigen anderen Kollegen, die neu angelieferten Waren einzuräumen. Einige der Waren vom Vortag waren bereits fast ausverkauft, der ganze Laden wirkte so leer wie nach einem Räumungsverkauf. „So ist das hier jeden Tag, morgens voll und abends alles wieder leer“ erzählte er mir, während er mir die Kartons zuwarf, damit ich diese schneller in die Regale schlichten konnte.

Er war hier bereits viele, viele Jahre als Filialleiter tätig und daher sehr bekannt bei Groß und Klein in der Stadt, fast wie ein Promi. Seine Hände waren rau wie Sandpapier, er trug meist eine schmale schwarze Lederkrawatte. „Sobald Sie mich hier mal an meinem freien Tag vertreten, müssen Sie ebenfalls eine Krawatte tragen, das ist von der Zentrale so gewollt“ empfahl er mir. Ich besaß noch keine Krawatte und wusste auch nicht, wie man eine bindet. „Alternativ geht auch eine Fliege, da gibt es auch welche mit Steckverschluss“

Diese Idee überzeugte mich, hatte doch so eine Fliege auch den Vorteil, nicht ständig bei körperlicher Arbeit herum zu baumeln. Ich besorgte mir also eine zum Anstecken. Wenn nun die Mitarbeiter über mich sprachen, nannten sie mich dabei oft “den Mann mit der Fliege”.

Zuallererst musste ich nun den Laden mit seinen Besonderheiten kennenlernen. Beim Kassieren kam ich am besten mit den Kunden und deren Wünschen in Berührung. In dieser Stadt, so erschien es mir jedenfalls, wurde ich an der Kasse von einigen Kunden bemitleidend angesehen. Eine etwas ältere Dame beobachtete jeden meiner Handgriffe. Als ich mit einer Hand die Tastatur der Kasse bediente, während ich mit der anderen Hand die Waren wegschob, bemerkte sie: „Sie haben ja Pianisten-Hände, Sie sind zu viel mehr berufen, als hier zu arbeiten“ und sah mich etwas bekümmert an.

Nach einigen Wochen klärte mich Herr Reuther endlich darüber auf, auf was ich bei der täglichen Bestellung achten müsse. Er hielt das sogenannte MDE-Bestellgerät in der Hand und ging Artikel für Artikel mit mir durch. „Hier brauchen wir eine Lage von den Gummibärchen, hier warten wir, hier nehmen wir zehn Kartons, davon eine Palette“.

Wir gingen durch den ganzen Verkaufsraum. Ich musste nun lernen, abzuschätzen, wie viel bis zur nächsten Lieferung verkauft werden würde und sich dann wieder auffüllen ließe.

Mehrere Tage durfte ich bei dieser Bestellprozedur zusehen und ich versuchte, ein Gefühl dafür zu bekommen, ob und wenn ja, welche Menge bestellt werden muss.

„Nicht den Fehler machen und täglich von jedem Artikel eine geringe Anzahl bestellen, da haben Sie mit den Haltbarkeitsdaten schnell ein Problem oder Sie wälzen sich zu Tode“ informierte er mich. Mit Wälzen war gemeint, die neue Ware mit neuerem MHD-Datum unten im Regal zu platzieren, damit das ältere Datum zuerst verkauft werden konnte.

Nun war es an der Zeit, eine Bestellung ganz allein ohne seine Hilfe zu tätigen . Besonders unsicher war ich mir bei den Kühlwaren. “Welche Mengen soll ich nehmen, ohne dass diese Artikel ausgehen, aber auch nicht verfallen?” dachte ich mir.

Ich benötigte hierbei wesentlich mehr Zeit als der erfahrene Filialleiter. Wie sehr ich mit meiner Einschätzung danebenlag, zeichnete sich am darauffolgenden Abend ab, als erneut Unmengen verkauft worden waren. Bei den Kühlwaren machte sich meine Fehleinschätzung am deutlichsten bemerkbar. Dass die Mengen, die ich hier bestellt hatte, für den kommenden Tag kaum reichen würden, bemerkte ich bereits am Tag darauf. Es kam aber noch schlimmer als befürchtet.

Gleich nach dem Befüllen der Kühlregale sah es bereits so aus, als hätten einige Kunden einen Großeinkauf getätigt. Ab dem frühen Nachmittag begann ein regelrechter Flächenbrand. Waren zunächst erst wenige Joghurt und Wurst- sowie Käsesorten ausverkauft, griffen die Kunden zu anderen, noch verfügbaren Alternativen und am späten Nachmittag sah man nur noch die weißen Bleche der Regalböden. Herr Reuther blieb trotzdem ziemlich cool. „Sehen Sie sich das an und lernen Sie daraus, bald kommt der LKW mit der Lieferung, dann starten wir mit dem Befüllen, diesmal geht das ziemlich schnell, die alte Ware ist ja komplett weg“.

In der darauffolgenden Nacht schlief ich ziemlich unruhig und hatte Alpträume.

Ich wartete auf den LKW, der uns beliefern sollte. Er fuhr zur Rampe und der Fahrer lud die Ladefläche seines LKW´s ab und stellte die Paletten ins Lager, immer mehr und mehr. Nun war das Lager voll und er fuhr mit den Paletten in die Gänge im Verkaufsraum. Jetzt standen in allen Gängen Paletten. Kein Kunde kam mehr mit dem Einkaufswagen vorbei. Vollkommen nassgeschwitzt wachte ich auf. Würde mich das Führen einer Filiale überfordern?

Ein anderer Vorfall bei der Bestellung zeigte mir erneut, wie schnell ein fataler Fehler passieren kann. Ich bestellte frisches Obst und Gemüse. Auf der Tastatur des Bestellgeräts gab es nicht nur Zahlentasten, sondern auch drei Buchstaben: L, D und P. Sie standen für Lagen, Düsseldorfer Paletten und Europaletten.

Am übernächsten Morgen traute ich meinen Augen kaum, als ich bemerkte, dass uns 40 Kartons mit je sechs Stück Blumenkohl angeliefert wurden. Erst dachte ich an einen Fehler der Zentrale, beim Betrachten des Lieferscheins und der bestellten Menge im MDE-Gerät wurde mir klar, warum.

Ich hatte versehentlich statt der gewünschten zehn Kartons die Taste L betätigt und somit 10 Lagen mit je 4 Kartons bestellt.

Nun musste ich auf irgendeine Weise handeln. Ich rief benachbarte Filialen an und vereinbarte,einige Kartons mit meinem privaten PKW anzuliefern. Allerdings wollte mir niemand solch große Mengen an Blumenkohl abnehmen. Ich musste den Großteil der Ware nun selbst verkaufen. Kurzerhand stellte ich einen Tisch vor die Kasse und schlichtete den Blumenkohl dort hinein, außerdem stapelte ich einen riesigen Berg davon beim Gemüsebereich aufeinander und schrieb mit der Hand den Preis auf rote Preisschilder.

Rote Preisschilder wurden eigentlich nur für preisreduzierte Artikel genutzt.

Mein Plan ging auf, an diesem Tag verkaufte ich eine Rekordmenge an Blumenkohl. Vermutlich gab es an diesem Tag in der halben Stadt ein Gericht mit dem Gemüse zum Mittag- oder Abendessen. „Dieser Fehler wird mir so schnell nicht wieder passieren“, schwor ich mir.

Einen anderen Vorfall konnte ich so schnell auch nicht vergessen. An einem Vormittag saß ich mit Herrn Reuther bei einem Kaffee im Pausenraum. Er blickte dabei entspannt aus dem Fenster, plötzlich jedoch wurde er nervös. Hektisch stellte er seinen Kaffeebecher am Tisch ab und rief laut: „Allmächt, das ist doch der Geschäftsführer, der da gerade am Parkplatz vorbeifährt!“ Er rannte regelrecht in den Verkaufsraum und sah sich um, um sicherzugehen, ob alles in Ordnung sei. Ich war sehr verwundert. Warum hatte er solche Angst vor diesem Vorgesetzten? Er war ein gestandener Filialleiter, was hatte er zu befürchten?

Dem Geschäftsführer unterstellt waren die Verkaufsleiter, diesen wiederum die Bezirksleiter, dann folgten in der Rangordnung die Filialleiter.

Herr Reuther hatte sich getäuscht, der Geschäftsführer kam nicht zu Besuch. Er erklärte mir, wie ich mich bei solchen Besuchen verhalten solle: „Immer mit festem Händedruck begrüßen und freundlich dabei schauen, seien Sie immer informiert, ob in der Filiale irgendetwas nicht in Ordnung ist, es ist besser, von Fehlern zu wissen und diese zuzugeben, als diese zu verleugnen oder kleinzureden. Ganz wichtig ist auch, viel zu reden. Sobald Sie zulassen, dass Ihnen Fragen gestellt werden, wird es schwierig. Dann wird Ihnen jede Antwort schnell zu Ihrem Nachteil verdreht.

Es dauerte nur wenige Tage, bis ich diese Ratschläge in der Praxis anwenden konnte. Ein auffällig großer Herr mit Glatze bewegte sich in einem gemächlichen Tempo und mit prüfendem Blick durch die Gänge des Ladens. Es war der Verkaufsleiter, Herr Thomas. Als er mich sah, kam er zügig zu mir, sah auf mein Namensschild und sprach mich an: “Sie sind neu hier, wie geht es Ihnen?“ Er lächelte zwar, sah mich aber zugleich etwas skeptisch an. Ich gab ihm die Hand und drückte dabei sehr fest zu. „Mir geht es gut hier, ich lerne viel. Ware bestellen, Mitarbeiter einteilen, die Abrechnung machen und vieles mehr, ich bin gerade dabei, hier im Brotregal die Waren so in den tiefen Körben nach vorn zu schlichten, damit diese von den Kunden besser gesehen und gekauft werden. Nur Ware, die der Kunde gut sieht, kauft er auch“ erklärte ich ihm. Nun grinste er und meinte: „Prima“.

Er wollte sich gerade von mir abwenden, da machte er noch eine Bemerkung: „Eines möchte ich Ihnen noch auf den Weg geben: Sie sind ein junger Mann und werden hier auch mit jüngeren Damen zusammenarbeiten. Es ist überhaupt nicht gern gesehen, wenn Sie mit Kolleginnen eine Beziehung oder etwas Ähnliches eingehen!“ Jetzt sah er mich wieder mit strengerem Blick an, seine Augenbrauen zog er dabei etwas nach oben und seine Stirnfalten wurden dadurch sichtbar. „Ja, das verstehe ich“ gab ich zur Antwort und er lächelte nun wieder.

Später, Herr Thomas war nicht mehr anwesend, erzählte mir Herr Reuther, dass ich wohl alles richtiggemacht hätte, denn Herr Thomas hatte nur lobende Worte für mich übrig.

Die Wochen kamen und gingen und es dauerte nur noch wenige Wochen bis Weihnachten. Die Umsätze steigerten sich von Woche zu Woche und auch die Aktionsartikel wurden wertvoller. An einem Donnerstag wurden nun Computer beworben.

Zu dieser Zeit waren diese als Komplettpaket mit Bildschirm, Tastatur und Maus erhältlich und sehr begehrt. Am Aktionstag standen bereits um 6 Uhr morgens einige Kunden vor der Eingangstüre und warteten bis zur Öffnung um 8:30 Uhr. Pünktlich wurden nun die Türen aufgesperrt und Menschenmassen fluteten den Laden. Die Kartons mit den Computern standen auf Paletten in der Mitte der Filiale. „Wo sind die Computer?“ schrien Einige von ihnen und schoben ihre Einkaufswagen immer schneller in Richtung der Paletten. Es begann ein wahrer Wettlauf und nun wurden die Kartons hektisch in die Wägen geschlichtet. Zwei meiner Kolleginnen und ich fuhren abwechselnd neue Paletten mit Computern aus dem Lager in den Verkaufsraum. Es dauerte nicht allzu lang, bis der komplette Bestand von den Kunden in ihren Einkaufswägen zur Kasse transportiert wurde, wo sich nun eine lange Schlange bildete. Viele Kunden, die noch gern einen PC gekauft hätten, flehten uns an, noch Computer herauszurücken, aber es gab keinen einzigen mehr. Gelegentlich bemerkten Herr Reuther und ich nun belustigt, wie sich Kunden einfach aus unbeaufsichtigten Wagen anderer Kunden einen PC in ihren eigenen Wagen hineinstellten. Eine Kundin dachte wohl, ihr PC wäre gesichert, wenn sie ihr Kleinkind auf den Karton setzen würde. Dies beeindruckte einen Mann mittleren Alters allerdings nicht. Kurzerhand hob er das Kind aus dem Wagen, nahm den PCan sich und setzte das nun schreiende Kind zurück. Herr Reuther meinte, wir sollten ins Büro gehen. Leicht amüsiert sahen wir durch das verspiegelte Fenster von dort aus zu, wie sich die Kunden gegenseitig beschimpften und stritten.

Nun wurde es richtig spannend. Zwei Herren schrien sich gegenseitig an. Einer von ihnen hatte wohl versucht, sich den Einkaufswagen samt PC des Anderen in einem unbeobachteten Moment anzueignen. Nun schubsten sie sich gegenseitig. „Sollen wir den Streit nicht schlichten?“ fragte ich beunruhigt. „Das regeln die schon untereinander, wenn wir uns da einmischen, sind wir nur in der Schusslinie“ gab mir Herr Reuther zu bedenken.

„Er wird wohl Recht haben, hat er doch jahrzehntelange Erfahrung im Einzelhandel“, dachte ich.

Die kommenden Wochen bis Weihnachten waren sehr strapaziös. Durch die hohen Abverkäufe musste auch viel mehr Ware bestellt, nachgefüllt und wiederum abkassiert werden.

Jeden Tag mussten nun vor Ladenöffnung zahllose Paletten mit Ware in die Regale geräumt werden. Herr Reuther packte kräftig mit an. Zuallererst schaltete er aber immer sein Kofferradio ein. Bayern 1 lief, der Lieblingsradiosender von Herrn Reuther. „Mit Musik lässt sich besser arbeiten“ meinte er und warf mir die Kartons von der Palette zu, damit ich diese schneller einräumen konnte. „Nun muss es schnell gehen“ rief er und warf mir mit großer Geschwindigkeit die Waren zu. Just in dem Moment, als ich einen Karton auf einen hohen Stapel schlichten wollte, hüpfte eine Maus aus dem Karton. Erst sprang sie auf meine Schulter, dann auf den Boden. Ich schrie vor Schreck laut auf. Herr Reuther aber erschrak nicht, er hüpfte mit seinen großen Schuhen wie wild auf dem Boden herum und es gelang ihm, die Maus zu zertreten, bevor sie sich irgendwo verstecken konnte. „In der kalten Jahreszeit suchen die sich ein warmes Versteck, aber nicht in meinem Laden“ erklärte er mir und grinste dabei. Ich wusste nicht, was mich mehr erschreckt hatte – der Sprung auf meine Schulter oder dass die Maus vor meinen Augen zerquetscht wurde und dabei noch einmal kurz laut quietschte.

3 Fliegender Wechsel

Nun dauerte es nicht mehr lange bis Weihnachten. Ich hatte mich inzwischen an die Abläufe in dieser Filiale gewöhnt. Mehrmals in der Woche kam Herr Vino vorbei.

Er sah sich in seinen Filialen regelmäßig um, ob genügend Waren vorhanden waren, auch Sauberkeit und Ordnung, richtige Preisauszeichnung und Frische und Haltbarkeit empfindlicher Artikel kontrollierte er. Da es zu diesem Zeitpunkt weder PC noch Faxgerät gab, überbrachte er auch Neuigkeiten aus der Zentrale. Bei dringenden Anliegen rief er am Telefon an. Nun war er wieder einmal in der Filiale und wollte mich im Büro sprechen. Ich eilte dorthin. Er begrüßte mich kurz, dann teilte er mir ohne Umschweife sein Anliegen mit. „In zwei Filialen in den Nachbarlandkreisen gibt es aufgrund von kranken Mitarbeitern Personal-engpässe. Ich habe den zuständigen Filialleitern dort Ihre vorübergehende Mithilfe versprochen. Ab Übermorgen bitte ich Sie daher, sich in der Filiale in K. zu melden, um dort ein paar Tage zu arbeiten“.

Ohne Widerrede willigte ich ein und half dort aus. Leider wurde meine Hoffnung dort nicht erfüllt, neue Erfahrungen zu sammeln. Allenfalls lernte ich dort neue Kunden an der Kasse kennen, denn dort saß ich den ganzen Tag. Auch in der anderen Filiale, in der ich aushalf, kassierte ich ausschließlich. Wenigstens saß ich während meiner Pause nicht allein im Aufenthaltsraum und konnte mich etwas mit den anderen Kassiererinnen unterhalten. Auch eine Auszubildende wurde in dieser Filiale beschäftigt. Zu dieser Zeit ein Novum.

Nach Geschäftsschluss zog ich meine Jacke an und ging zu meinem Auto. Die Wegstrecke war zum Glück auch nicht weiter als bisher. Als ich in meine linke Jackentasche griff, um den Autoschlüssel herauszuholen, hielt ich plötzlich nebst meinem Schlüssel einen kleinen Zettel in der Hand. Ich sah auf ihn und entdeckte eine Telefonnummer und einen weiblichen Vornamen darauf.

Vermutlich hatte ich bei der durchaus attraktiven Auszubildenden einen guten Eindruck hinterlassen.

Oder war das etwa ein Test, ob ich mich an die goldene Regel von Herrn Thomas halten würde, kein Techtelmechtel mit Mitarbeiterinnen einzugehen? Ich erfuhr bereits zuvor von sogenannten Ehrlichkeitstests: Ein scheinbar herrenloser Geldschein wurde abends nach Ladenschluss als Köder in den Gang gelegt. Oder in der Kasse, die zu Arbeitsbeginn gezählt werden musste, befand sich zu viel Geld. Würde derjenige das Geld einfach einstecken oder aber den Fund melden?

Da ich nun ebenfalls befürchtete, getestet zu werden, beschloss ich, nicht anzurufen und auch ähnliche Flirtversuche von anderen durchaus attraktiven Kolleginnen konnten mir nichts anhaben. Ich wollte unter keinen Umständen riskieren, den Job wegen solcher Geschichten zu verlieren. Vermutlich hielten mich einige der hübschen Kolleginnen für arrogant oder dachten, ich könne mit Frauen nichts anfangen.

Mir kam des Öfteren zu Ohren, dass Kollegen sich nicht an diese Spielregel hielten. Manche haben sogar auf diese Weise ihren Partner fürs Leben gefunden. Bei den anderen Mitarbeitern der betreffenden Filialen kam das oft nicht so gut an. Meist war es ja so, dass es der Filialleiter war, der mit einer seiner Kassiererinnen eine Beziehung einging. Da er über die Anzahl der Arbeitsstunden, die freien Tage und auch Samstage entscheiden konnte, gab es schnell Neid. „Die wird immer bevorzugt und hat es besser“ wurde dann getuschelt. Nach Bekanntwerden solch einer Beziehung wurde meist die Dame in eine andere Filiale versetzt oder ihr wurde nahegelegt, gar zu kündigen. Bei der Konkurrenz sollte sie aber auch nicht anfangen. Wie würde es denn aussehen, wenn er hier Filialleiter ist und sie bei der Konkurrenz kassiert. Ich musste mir sogar angewöhnen, nicht bei Lidl, Norma, Netto und Co. einzukaufen, denn dies missfiel den „hohen Herren“ ebenso. Mir wurde sogar nahegelegt, mich nicht auf einen netten Plausch mit Kunden einzulassen. Schließlich hätten sich andere Kunden dadurch benachteiligt fühlen können. Von der vertrödelten Zeit hierbei gar nicht zu sprechen. Im Allgemeinen sah es die Führungsriege generell nicht gern, wenn innerhalb des Teams Freundschaften entstanden und sich Mitarbeiter privat trafen. Befürchtete man hierbei, die Mitarbeiter könnten einen Betriebsrat gründen?

„Bloß nicht unangenehm auffallen“, dachte ich mir und verhielt mich ganz nach den Erwartungen und den ungeschriebenen Gesetzen der Branche. Zu sehr hatte ich mich nach wenigen Monaten bereits daran gewöhnt, viel Geld zu verdienen. Finanziell war mir jetzt vieles möglich geworden. Markenkleidung, Flugreisen oder einfach Geld ansparen für größere Anschaffungen, all das war nun kein Problem mehr.

Ich wechselte noch einige Male zu den Filialen mit den Personalengpässen. Obwohl diese nur ca. 30 Kilometer zueinander entfernt lagen, gab es doch einige Unterschiede wie etwa beim Kundenverhalten zu beobachten: In der größeren Stadt machten einige Kunden auf mich den Eindruck, etwas arrogant und unnahbar zu sein. In den kleineren Städten nahm ich die Kunden als eher herzlich und bodenständig war. Aber auch das Dialekt war für mich oft unverständlich, obwohl ich selbst ein Franke bin. „Wou is'n die gutt Butt?“ wurde ich von einer älteren Dame an der Kasse gefragt. „Die gutt Butt?“ wiederholte sie, weil ich sie fragend ansah. Ein anderer Kunde übersetzte ihr Kauderwelsch: „Die meint die Butter“ und zwinkerte mir dabei zu. An einer unbesetzten Kasse lag irgendein Stück Stoff. Vermutlich hatte dieses seltsame Etwas ein Kunde verloren. Eine andere, ebenfalls ältere Dame zeigte darauf und fragte: „Des Maichala möcht ich mich kaff“. Es war ein Kopftuch und obwohl es ganz offensichtlich ein Fundstück war, wollte sie es mir abkaufen. Es lag dort bereits seit geraumer Zeit herum und ich ließ mich schließlich von ihr dazu überreden, es ihr zu verkaufen. Der Filialleiter bemerkte dies wohl und sprach mich am Abend darauf an: „Sie haben ja richtiges Verkaufstalent“ und lachte laut. Ihm gefiel das wohl auch noch, dass ich das Fundstück verhökerte.

Einem Kunden empfahl ich, er möge sich doch bitte eine andere Packung von den Cherrytomaten nehmen, da eine der Tomaten zerquetscht sei. Er antwortete beschwichtigend: „Na deswegen muss man doch nicht die ganze Packung wegschmeißen, die sind so günstig, ich nehme die trotzdem mit“. So eine Reaktion erlebte ich nur im ländlichen Raum. War dieses vollkommen gegensätzliche Verhalten darin begründet, dass auf dem Land die Lebensmittel noch eher wertgeschätzt wurden?

Im Laufe der Zeit trat ich gegenüber den vielen mir zuvor völlig fremden Menschen, denen ich bei meiner Arbeit begegnete, wesentlich selbstsicherer auf. Von meiner Art her verhielt ich mich zuvor eher schüchtern und zurückhaltend. Der Job tat mir wirklich gut. Konnte ich mir am Anfang nicht vorstellen, an der Kasse zu arbeiten, wollte ich nun meinen alten Bürojob nicht mehr zurück. Dort war ich in meiner Ausbildung oft tagelang allein in der Registratur damit beschäftigt, Ordner mit Schriftstücken zu befüllen.

Herr Vino lud mich einmal wieder zu einem Gespräch ein. „Ich habe nur Gutes über Ihre Arbeit in den Filialen gehört“ lobte er mich. Dann fuhr er fort: „Herr Hirsch hat mich gebeten, Sie ihm für seinen Bereich zu überlassen, er benötigt für die anstehenden Ostertage eine Aushilfe“. Hatte sich nun womöglich herumgesprochen, dass ich meine Arbeit zufriedenstellend erledigen würde? Herr Reuther gab mir zum Abschied noch ein paar Worte mit auf den Weg: „Sie werden es schaffen bei uns in der Firma, strengen Sie sich weiterhin an. Ich möchte nicht hören, dass es irgendwann mal über sie heißt: Der ist nicht mehr dabei. Wer bei uns die ersten zehn Jahre übersteht, bleibt bis zur Rente hier!“. Er wünschte mir noch alles Gute für die Zukunft, dann war es Zeit, adieu zu sagen. Der Abschied fiel mir schwer, denn mir hatte es bei Herrn Reuther sehr gut gefallen. Er wirkte vielleicht auf den ein oder anderen etwas schrullig, verfügte jedoch über viel Erfahrung und war auch gern bereit, einem an seinen Weisheiten teilhaben zu lassen.

Ich erinnere mich noch an eine kuriose Anekdote: Es gab in seiner Filiale ein Regal, welches sich in einem Nebenraum befand. Alle Mitarbeiter durften dort Werbeartikel zurücklegen, um diese zu einem späteren Zeitpunkt kaufen zu können. Das Regal war total überfüllt mit zahlreichen Artikeln, die es zum Teil schon seit längerem nicht mehr im Verkaufsraum gab. Ein von Herrn Reuther kunstvoll mit der Hand geschriebenes Schild mahnte: „Am Samstag muss das Regal leer sein“. Es hielt sich nur niemand daran, dieser Samstag lag wohl entweder in ferner Zukunft oder in einer fernen Vergangenheit. Er war einer der wenigen, die noch die Kunst des Preisschildbeschriftens per Hand erlernt hatten, wie er mir einmal in einer ruhigen Minute verriet.

In der neuen Filiale wurde ich ebenfalls sehr freundlich von den Mitarbeitern und dem dortigen Filialleiter empfangen. Herr Hirsch war nicht anwesend. Ich wunderte mich immer noch sehr, warum er mich nun doch in seinem Bezirk haben mochte. Nicht einmal zehn Monate zuvor wollte er mich noch entlassen. Ich befürchtete sehr, er könne sich bald erneut hierzu entscheiden.

Auch in dieser Filiale konnte ich alle von meiner Arbeitsleistung überzeugen. Ich bekam vom Leiter dort ein dickes Lob für meine ungewöhnlich hohe Geschwindigkeit beim Kassieren und auch die Bestellung dort glückte mir gut. Kaum hatte ich mich innerhalb weniger Wochen an diese Filiale gewöhnt, sollte ich nun zu einer anderen Filiale in seinem Bezirk wechseln. „Die Filiale dort hat ein sehr kleines Lager, wenn sie dort zurechtkommen, gelingt Ihnen das überall“ merkte Herr Hirsch an, als er mir mitteilte, mich dorthin zu versetzen.

Er sollte Recht behalten. Der Verkaufsraum war ja noch durchschnittlich groß, das Lager jedoch hatte lediglich die Größe einer schmalen Gasse. Eine echte Herausforderung bei jeder Bestellung. Paletten durften nur bestellt werden, wenn sie innerhalb kürzester Zeit auch in den Laden passten. Herr Wauer, der Filialleiter dort, dirigierte den LKW-Fahrer, wohin welche Palette bei der Anlieferung gestellt werden soll: „Diese brauchen wir nachher – gleich damit in den Verkaufsraum neben das Toilettenpapier, der Saft hat bis morgen Zeit, da kann eine Palette im Lager davor gefahren werden, die gemischten Paletten auch gleich zum Einräumen in den Verkauf“.

Ich bekam von ihm die Anweisung, alle leeren Kartonagen mit einem „Pappewagen“ aufzusammeln. Dieser Wagen bestand einfach