Katastrophe mit Nachhall - Ayla Richter - E-Book

Katastrophe mit Nachhall E-Book

Ayla Richter

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Beschreibung

Die Katastrophe, der Tod meines Mannes, war der Wendepunkt in meinem Leben. Denn erst verwitwet wagte ich einen Blick über den Zaun. Und tatsächlich war dort das Gras grüner, die Wiese enthielt lebenswichtige Kräuter und bunte Blumen. Da wollte ich hin, nur wie? Ich hatte Zäune überwinden nicht gelernt. Versuch und Irrtum, Feldforschung, Kampf mit mir selbst, ein nie aufgeben führten mich zum Erfolg, auf die andere Seite. Und die Wiese hält, was sie versprach. Da hatten sich doch der Witwentröster, das Datingportal, die Aktfotos und und und gelohnt. Meine autobiographischen Geschichten sind wie ein gutes Parfum mit Kopf-, Herz- und Basisnote. Riech doch einfach mal rein!

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meine Freundinnen, die mich so lange drängten, meine Geschichten aufzuschreiben, bis ich es tat.

Eine Umarmung für meine Wegbegleiter/-innen. Ohne Euch wäre ich nicht so schnell so weit gekommen, letztendlich zu mir selbst.

Danke!

Inhalt

Vorwort

Dieses Buch hatte in meiner Vorstellung sehr lange den Titel „Der Witwentröster“, denn mit der gleichnamigen Kurzgeschichte und dem Mann dahinter fing vieles an. Aber es kam anders, wie so häufig im Leben.

Im Juni 2019 war ich gerade aus einer Klinik am Chiemsee entlassen (Depressionen nach plötzlicher Erlangung des Witwenstatus), als ich mich entschloss, an dem Schreibwettbewerb „Grassauer Deichselbohrer“ mit dem Thema „Nähe“ teilzunehmen. Eigentlich hatte ich den Flyer mit der Ausschreibung zunächst für meine Freundin, die Autorin, mitgenommen, aber dann wollte ich es selbst wissen. Schließlich hatte ich von einigen Freundinnen zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach gehört: „Du erzählst so gut, schreib deine Geschichten doch auf!“ Zu dem Zweck hatte ich tatsächlich auch schon das eine und andere Notizbuch geschenkt bekommen.

Und so entstand dann die Kurzgeschichte „Der Witwentröster“, die die verschiedenen Erlebnisse meiner damals jüngeren Vergangenheit zusammenfasste. Ich meisterte mit Hilfe der Autorin die Schwierigkeiten bei der Erstellung einer „Normseite“ und und und. Einmal angefangen, konnte ich mit dem Schreiben von Kurzgeschichten nicht mehr aufhören, es passierte in meinem Leben ja auch so viel und manche Episode wurde im „Witwentröster“ ja auch nur sehr verkürzt dargestellt. Ich fand die Mitwirkenden, die Geschichten, hatten mehr Raum verdient. So ist es bis heute. Seit etwas mehr als einem Jahr schreibe ich jetzt wöchentlich mindestens einen Blogbeitrag auf meiner eigenen Webseite, aber das geht absolut zu Lasten des Schreibens von Kurzgeschichten. Sehr bedauerlich, aber auch mein Tag hat nur 1440 Minuten und das ist manchmal eindeutig zu wenig.

Zurück zum Nichttitel „Der Witwentröster“: Dieser Titel, mein Wunschtitel, ist doch wirklich schon vergeben, wie ich bei Recherchen im Vorfeld der Bucherstellung feststellen musste! Ein Mann veröffentlichte „seine“ Memoiren unter diesem Titel, so ein Mist!

Also muss ein neuer Titel her, ein griffiger, absolut nichts sagender, aber einer, der trotzdem Assoziationen weckt. Ich finde „Ayla 4711“ ist prädestiniert dafür. Wer von der mittelalten Generation kennt nicht noch das Eau de Toilette 4711 aus Köln? Ich kann mich noch sehr gut an die Werbung in meiner Jugend erinnern: „Die Idee zum Muttertag! Mutter ist die Beste. Sag es ihr mit Herz, mit 4711“. Nur die Form der Verpackung variierte von Jahr zu Jahr. Meine arme Mutter! Heute habe ich rückblickend Mitleid, aber damals? Doch hat sie sich scheinbar jedes Jahr aufs Neue gefreut. 4711 – welche Assoziationen weckt dieser Begriff wirklich beim Lesenden? Frisch, blumig, traditionell, altbacken, miefig, erfrischend? Ich habe keine Ahnung, muss ich? Ayla, ja, für viele ein typisch türkischer Name. Ich bin grau, früher war ich blond, norddeutscher Herkunft, also gar nichts bis nichts gemein mit türkisch. Ayla, so heißt die blonde Heldin meines Lieblingsromans aus Teeniezeiten. „Ayla und der Clan des Bären.“ Eine junge Frau, die in unwirtlicher Umgebung um das Überleben kämpft, viele Abenteuer besteht und generell macht, was sie für richtig hält. Sie sagt nie „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder „Das machen Frauen nicht“. Erst handeln und dann vielleicht nachdenken. Ayla ist irgendwie mein Vorbild, ich fühlte und fühle mich heute auch noch oft missverstanden, eingeengt, gemessen an den Konventionen anderer. Ich mache, was ich für richtig halte, meistens. Und bin oft vom Erfolg überrascht. Diese Woche zeigt mein Spruchkalender den Spruch “Ich frage mich nie, was ich mir dabei gedacht habe. Das fragen immer die anderen“. Passt!

Ayla 4711, mein Username im Datingportal, welche Überraschung. Der Name ist Programm, irgendwie. Wie eine Wundertüte. Also schütten wir sie aus!

Und dann kam hinsichtlich des Titels doch alles ganz anders. Willkommen in meinem Leben!

Ayla persönlich

Wer bin ich?

Ich bin Ayla, so weit so gut. Mein Name entspricht mir finde ich. Kurz und prägnant, ohne viel Tamtam, klar, gradlinig, einprägsam. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.

Geboren 1962, also heute im Juli 2019, im besten Mittelalter, auch wenn ich mich deutlich jünger fühle. Das Älteste von vier Geschwistern, alles Mädels und dabei hatte sich mein Vater doch wenigstens als viertes Kind einen Jungen gewünscht. So bin ich Tochter und älteste Schwester.

Mehr als einmal für meine Schwestern auch Ersatzmutter gewesen. Das war nicht immer einfach und prägt mich bis heute. Viel Verantwortung tragend auf viel zu schmalen Schultern, trotzdem die Last all die Jahre gut und sicher gestemmt, kein Einknicken oder Zusammenbrechen, das kam erst deutlich später. In meinem Elternhaus immer zu kurz gekommen.

Verheiratet gewesen, mein Mann verstarb im Februar 2018, unerwartet und plötzlich. Und doch wieder nicht, denn alle Anzeichen dafür hatte er jahrelang ignoriert. Witwe! Was für ein Wort. Das sind normalerweise doch nur alte Frauen.

Mutter eines Sohnes der auswärts lebt und sich noch im Studium befindet, nach dem Tod seines Vaters wirtschaftlich unabhängig, klar, aber doch immer Kind bleibend. Nur eins? Oder zum Glück nur eins? Lange Zeit konnte ich mich hinsichtlich des Sprachgebrauchs nicht entscheiden, auch heute noch fällt mir der Satz „Zum Glück nur eins“ schwer. Ich wollte mehr Kinder, es hat nicht sollen sein und jetzt ist es definitiv zu spät! „Wer weiß, wofür es gut ist“, tröstet leider auch nicht immer. Da gibt es dann doch den einen unerfüllbaren Wunsch: Mehrfachmutter.

Schwimmbadblond, je nach Geschmack gut aussehend, gebräunt. Das Schwimmen im Bad hinterlässt seine Spuren auf der Haut. Mit dem Gewicht hadernd, unter 80 kg sollten es schon sein, aber ohne Diät sehr schwierig. Nicht unmöglich, das nicht, aber notwendig? Nein, ich denke nicht.

Groß, 176 cm ohne Absatz. Intelligent, redegewandt, oh ja. Ein solides Halbwissen verwaltend, großzügig, mit schwarzem Humor ausgestattet, neugierig, mutig, abenteuerlustig, frauenpolitisch interessiert und vieles mehr. Ich bin wie ich bin und doch wäre ich an einigen Stellen gerne ganz anders!

Wohlhabend, mehr Aktiva als Passiva, Vollzeit arbeitend. Eine gute Partie, wie es früher hieß.

Freundin bin ich auch, wenn das als hilfreiche Eigenschaft bei der Selbstbeschreibung zählt? Ich denke schon, denn Freundschaften sind wichtig. Freundschaften wollen und sollen gepflegt werden. In diesem Sinne bin ich eine „Kümmerin“. Bin ich eine gute Freundin? Was unterscheidet die verschiedenen Arten der Freundschaft „normal, gut, sehr gut“ voneinander? Ich weiß es nicht, da endet die Selbstwahrnehmung dann doch ganz schnell.

Weggefährtin bin ich auch, ich denke da an die Mitpatienten und Mitpatientinnen in der Klinik am Chiemsee am Anfang des Jahres. Zumindest teilweise sind wir die sechs Wochen unserer Genesung gemeinsam gegangen. Weggefährten halt. Mir gefällt dieser Begriff.

Oder die länger andauernden Kontakte mit einigen Herren vom Datingportal. Auch mit denen bin ich einen Teil meines Lebens gemeinsam gegangen. Das muss dann wohl umgekehrt, in jenen Momenten in denen wir Zeit zusammen verbrachten, für sie ebenso gewesen sein. Auch wenn das nur durch Buchstabentausch in einer virtuellen Welt geschah.

Reiseleiterin, wenn ich Ausflüge für Kolleginnen und Freundinnen organisiere. Das macht mir Spaß, darin bin ich gut. Vor allen Dingen, seitdem nicht mehr alles perfekt sein muss, seitdem mir tatsächlich 100 % genügen.

Wenn ich in meinem Beruf arbeite oder auch nur so tue, bin ich auch Kollegin. Mal heiß geliebt, mal tief gehasst, mal gleichgültig betrachtet, mein Wissen großzügig teilend, Geschichten erzählend, jedenfalls wenn ich gut drauf bin. Mich für meine Kollegen einsetzend, auch ohne Auftrag.

Von meinen „Kunden“ werde ich respektiert. „Kunde“ ist ein unmögliches Wort für die Steuerpflichtigen, wie es eigentlich heißt. Und deren Steuerberater. Da ich ihr Bestes will und zwar “ihr Geld“, ist die Herstellung eines Konsens oder gar einer „Win-win-Situation“ doch recht schwierig und manchmal auch einfach unmöglich.

Sportlerin, wenn 1000 Meter schwimmen im Sommer zur Definition des Begriffs reichen. Mit Begeisterung, aber ohne Stil. Ab und zu „Hausfrauengymnastik“ besser als nichts. Zählt die Teilnahme am Betriebssport dazu?

Sozial engagiert, schon seit Jahren organisiere ich die Hilfsaktion “Weihnachten im Schuhkarton“ im jeweiligen Tätigkeitsfinanzamt. Und das mit großem Erfolg. Aber auch hier gilt wie im wahren Leben: Nur gemeinsam sind wir stark und erfolgreich.

Ist Anführerin ein Begriff? So wie Hirtin? Hirtin ohne Tiere geht nicht, außer gerade arbeitslos gemeldet. Gleiches müsste für Anführerin gelten. Ich führe gerne oder ist das nur eine andere Form der Reiseleitung? Wer weiß?

Seitdem ich Witwe bin, lebe ich alleine. Ab und zu fühle ich mich einsam, aber meine neu gewonnene Freiheit gebe ich ohne Not nicht für Zweisamkeit und Kompromisse auf!

Es gibt viele Facetten meines „Ichs“, alles meins, gut so. So viele Eigenschaften und Talente, eine Aufzählung lang und langweilig? Oder doch in der Fremdwahrnehmung eher kurz und kurzweilig? Will ich das so genau wissen?

Ich bin mit mir zufrieden, meistens wenigstens. Manchmal, wenn ich eine schwere Situation gemeistert habe, auch sehr stolz auf mich selbst, ohne dass gleich die Fenster aufgerissen werden müssen, weil Eigenlob angeblich stinkt. Vielleicht bin ich auch einfach nur gut im Selbstmarketing?

Wer auch immer ich bin, ich bin vielseitig und vielschichtig!

Bis dass der Tod Euch scheidet

Sonntagmorgen in Weisbrunn, die Vögel zwitschern, ich höre einen „meiner“ Spechte klopfen, es regnet, ein Wetter passend für eine Retrospektive, einem Blick zurück, zurück zu einem Leben, welches mich letztendlich bis hierhin führte. Einem Leben, das voll Friede, Freude, Eierkuchen begann und so tragisch endete vor 3 Jahren plus x Monaten.

Ich lernte meinen Mann in Flensburg kennen, Studentenwohnheim „Zur Exe“, 1984, so lange ist das schon her, fast 2/3 meines Lebens, was für eine unglaublich lange Zeitspanne! Ich kam, auch daran erinnere ich mich noch genau, von einem Besuch einer Verhandlung des Finanzgerichts Hamburg, meiner Ausbildung geschuldet, um meine Freundin „Ellenlang“ zu besuchen. Da ich vor der verabredeten Zeit dort ankam, war sie nicht dort und „Er“ öffnete mir die Tür. Wow, den Mitbewohner kannte ich noch nicht, sah interessant aus, im Laufe des Wochenendes trafen wir uns mehrfach in der Gemeinschaftsküche, und ja, er war auch interessiert.

Irgendwann besuchte ich dann nicht mehr meine Freundin, sondern ihn, der tatsächlich einen Namen hatte: Klaus Peter.

1990 zog ich dann mit diesem Mann zusammen, die Fernbeziehung hatte ein Ende. In Großsolt verbrachten wir fast fünf glückliche Jahre, eigenes Heim, das Leben der nahen „Großstadt“ Flensburg genießend, mit dem Wohnmobil umherreisend, alles passte, bis auf eines: Wir waren nicht verheiratet, kinderlos, meine Verwandtschaft nervte und war da nicht etwas mit dem Verheiratetenzuschlag und dem Splittingtarif? Hochzeitstermin auf den 31.12.1993 gelegt, dann haben in 25 Jahren auch alle Zeit, keine Ausrede nicht zur Silberhochzeit zu erscheinen, sehr langfristige Planung, tja, so war das damals. Die kirchliche Hochzeit sollte im folgenden Sommer nachgeholt werden, ausgefallen, wie so vieles.

Mein Mann war in Sennfeld aufgewachsen, waschechter Franke, er wollte zurück in seine Heimat, das wusste ich von Beginn an, dachte mir aber nichts dabei, warum auch? Die Urlaube dort unten waren immer ganz nett, dass ich die meisten Menschen nicht verstand, hm, die Speisekarte sehr fleischlastig war, es weder Lakritze noch „echtes“ Schwarzbrot gab, von Kluntje Kandis ganz zu schweigen, geschenkt. Das wird schon, bekomme ich hin.

Der Traum meines Mannes ging in Erfüllung. Er bekam im Mai 1994 seine Wunscharbeits-stelle in der aufzubauenden Papierfabrik Palm, wie lange hatte er mir davon vorgeschwärmt, da wollte er hin! Also landeten wir aufgrund einer Klausel seines Arbeitsvertrags am Ende in Weisbrunn, das einzige akzeptable Haus, das es damals zu kaufen gab, stand dort. Ich hatte das Haus vor Vertragsunterzeichnung nicht einmal gesehen: „Vertrau mir!“. Und ich tat es! Mein Arbeitsplatzwechsel war nicht ganz so einfach, aber im April 1995 hatte ich es geschafft: Beamtin im Freistaat Bayern, yeah! Aller Anfang ist schwer?! Ja, allein schon die Begrüßung durch den damaligen Vorsteher, ja, so hießen die damals tatsächlich noch, im Finanzamt Bamberg machte mir klar: Ich bin nicht mehr im frauenfördernden Schleswig-Holstein! Schluck, wie hierarchisch war das denn hier?

Und das war erst der Anfang! Wer kennt das Buch „Nicht ohne meine Tochter?“ Ob Wahrheit oder Fiktion, aber genauso erging es mir, langsam, aber sicher! Mein Mann veränderte sich, kaum zurück in seiner Heimat! Plötzlich war ihm mein Verhalten peinlich, seine Arbeit als Ingenieur mehr wert als meine. Manches ging auch sehr subtil vonstatten, aber die Veränderung war da, es wurde plötzlich überlegt, was die Nachbarn sagen könnten, etwas, was uns im Norden nicht die Bohne interessiert hatte, und und und. Bald fühlte ich mich wie in einem Korsett, welches immer enger wurde. Enger wurde es auf jeden Fall als im September 1996 unser Sohn geboren wurde. Zwei Jahre war ich ans Dorf gefesselt, keine Freunde oder Verwandte in der Nähe, vieles fremd, kein eigenes Geld mehr verdienend, ein schreiender Säugling, trotz anderem Elternteil alleinerziehende Mutter. Dazu, wie selbstverständlich, Haushalt und Garten managen, mag sein, dass andere Frauen darin Erfüllung finden, ich nicht! Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich nicht studieren brauchen, so einfach ist das! Wie war ich froh, als ich nach zwei Jahren wieder Teilzeit arbeiten konnte, nachdem ich mit viel Mühe eine passende Tagesmutter gefunden hatte, später dann einen Kindergarten, erste Freundinnen sich einstellten. Nein, Freundschaften ergeben sich nicht von selbst, da muss frau schon etwas dazu tun! Schulzeit eines Kindes, welches nicht der Norm entspricht, sehr häufig gemobbt wird, wie anstrengend ist das denn? Und der Vater?

Abgetaucht?! Später wurde es etwas besser, da gab es sogar Vater und Sohn Urlaube in den Herbstferien, immerhin eine ganze Woche lang kein Betreuungsdruck bei der Mutter. So etwas wirkt sich auf die Ehegattenbeziehung aus, ohne Zweifel, und verständlicherweise nicht positiv.

So ging die Zeit dahin, Gewöhnung ans Hamsterrad, kein Gucken nach rechts und links, Akzeptanz des Istzustandes als „normal“, auch wenn schon seit Jahren sehr deutlich war, dass diese Ehe keinen von uns beiden glücklich machte, Scheidung für meinen Mann ein „No-Go“ war, was er auch mit allen Mitteln verdeutlichte. Midlife-Crisis oder handfeste Depression, egal was es war, es machte das Leben für alle Beteiligten schwer, jahrelang. Arztbesuche trotz massiver Herzbeschwerden? Nein, danke, er doch nicht.

Ja, und so kam es, wie es fast schon zwangsläufig kommen musste: Tod durch Herzinfarkt für meinen Mann und für meinen Sohn und mich ein besseres Leben.

Bis dass der Tod uns scheidet, ja, traurig, aber wahr und kein Einzelschicksal!

Das Wohnmobil

Das Wohnmobil steht an der Straße, wie immer. Es bewegt sich nicht, wie auch, sein Fahrer ist schließlich gestorben. Herzinfarkt nach Schneeschippen, der Klassiker, wie ich später von allen Seiten höre. Der Fahrer war mein Mann.

Jedes Mal, wenn ich im Haus die Treppe im Flur rauf oder runter gehe, scheint das Wohnmobil mich durch die Fenster anzuschauen. Es wartet. Anfangs ist der Anblick beruhigend, eine Konstante in meinem Leben, welches gerade in tausend Teile zersprungen ist. Irgendwann steht es nur noch herum und ist Erinnerung, Vorwurf, Mahnung, Verkehrsberuhigung und vieles mehr.

Die Zeit vergeht, Tage, Wochen, dann Monate. Und plötzlich spüre ich, dass es weg muss. Ich ertrage den Anblick des Wohnmobils nicht mehr! Die ständige Erinnerung an meinen Mann und seinen großen Traum: Genau dieses Wohnmobil! Der Anblick ist belastend, steht für all das, was jetzt in meinem Leben zu räumen und zu richten ist! Weg damit, sofort, am besten gestern! Ausräumen, Mann, wie viel ging da rein! Aber nach einem Tag ist es geschafft.

Der erste Händler, der das Wohnmobil besichtigt, will es geschenkt haben, diesen Eindruck vermittelt er zumindest. Ausnutzen einer vermeintlichen Notlage nennt man das wohl, aber nicht mit mir! Ich kenne den Wert, zumindest einigermaßen. Das Optimum muss es nicht bringen, ein Verkauf an einen Wiederverkäufer, sprich Händler, ist in Ordnung, dafür nehme ich auch einen Abschlag in Kauf. Aber keinen Verkauf um des Verkaufens willen!

Ich schalte eine Anzeige im Internet. Mühsam die Erstellung, die Eingabe all der Details, aber notwendig. Die Anzeige ist noch gar nicht richtig freigeschaltet, schon der erste Anruf. Ein Händler ist dran, gebrochenes Deutsch, aber der klare Wille, das Wohnmobil kaufen zu wollen, erste Kaufverhandlungen am Telefon. Der Preis sinkt, einverstanden, Hauptsache verkaufen, möglichst schnell, noch liegt der Preis deutlich über der eigenen Mindest- und Schmerzgrenze! Es ist Samstagmittag, am Dienstag könne er kommen, sagt der Händler. Okay, ich vertraue ihm und stelle die Anzeige offline. Keine zehn Minuten hat das Ganze gedauert.

Sollte ein Verkauf wirklich so einfach sein?

Der Dienstag kommt und ich fahre zum Bahnhof um den Händler abzuholen, denn Taxen müssen in unserer Gegend vorbestellt werden. Zudem steht das Wohnmobil inzwischen in Bahnhofsnähe, Zuhause wollte ich den Händler nicht haben.

Ich erkenne den Händler sofort, die roten Nummernschilder für die Überführung schauen aus der mitgebrachten Tasche.

Sinnloses Geplapper auf der kurzen Autofahrt zum Wohnmobil, Smalltalk, was sonst mit einem Fremden. Dann befangene Stille.

Das Wohnmobil wird auf Herz und Nieren geprüft, kleinere Wehwehchen sind vorhanden, aber im Großen und Ganzen besteht es den Gesundheitstest. Probefahrt, Nachverhandlungen beim Preis, hm, nicht unerwartet, nicht wirklich mein Metier. Der Händler will es kaufen, ich will es los werden, er ist deutlich besser im Verhandeln, routinierter, das ist sein Alltagsgeschäft. Mein Widerstand schmilzt dahin.

Interessant wird es beim Ausfüllen des Kaufvertrags, beim Austausch der Personalien. Ich hatte ihn auf mein Alter plus fünf Jahre geschätzt, er mich auf sein Alter. In Wirklichkeit ist er fünf Jahre jünger als ich. Was sagt mir das über mein Aussehen? Trauer scheint mir gut zu stehen, schwarz macht bekanntlich schlank. Aber dieser kurze Austausch von Höflichkeiten tut mir gut. Ein Stück Normalität in einer schweren Zeit. Der Mann ist mir sympathisch.

Am Ende verlasse ich fluchtartig und tränenblind das Wohnmobil, ohne Blick zurück, ohne Abschied, es geht nicht mehr. So unhöflich bin ich sonst nicht. Daher wünsche ich etwas später, als ich wieder klar denken kann, per Mail eine gute Heimreise.

Das ist der Anfang eines knapp eineinhalb Jahre andauernden, teilweise recht intensiven Kontakts.

Letztendlich hat der Händler den vollen Preis für das Wohnmobil bezahlt, den Restbetrag nur in anderer Währung.

Das war der beste Verkauf meines Lebens!

Wie geil ist das denn?

Dieser Satz geht mir schon seit Tagen nicht aus dem Kopf. Auch nicht nachts, vor allem nicht nachts. „Schlaflos in Seattle“, ja.

Zu diesem Satz gehört für mich eine Werbung aus vergangenen Zeiten. Wofür geworben wurde, weiß ich nicht mehr. Aber die Situation ist folgende: Zwei Männer treffen sich nach längerer Zeit wieder und der eine zeigt Fotos: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Frau“ Okay, die Frau ist vielleicht auch nur von mir hinzugefügt. Der andere lässt sich nicht lumpen und präsentiert ebenfalls Fotos: „Meine Villa, mein Sportwagen, meine Jacht,“ und ja, folgerichtig müsste hier vielleicht jetzt kommen: „...meine Mätresse“. Aber wie bereits geschrieben, den Zusatz mit den Frauen bilde ich mir bestimmt nur ein.

Lange Zeit habe ich nicht verstanden, mit welchem Stolz und Pathos Männer ihre Besitztümer miteinander vergleichen. Vielleicht eine Abwandlung von „Welcher ist länger?“. Verstehe ich immer noch nicht so richtig, den Vergleich und den Wettbewerb der dahinter steht. Aber den Stolz auf das „Eigene“, nein, nicht das Jodeldiplom von Frau Hoppenstedt alias Evelyn Hamann, kann ich nachvollziehen. Denn mein Haus ist inzwischen grün, mein Auto hat mein Logo auf der Motorhaube, meine Website hat ein Alleinstellungsmerkmal. Allein das Possessivpronomen „meins“. Das hat eindeutig was, und zwar Bedeutung!

Früher hieß es „bei uns zu Hause“, „unser“. Und jetzt ist es „meins“! Was für ein Unterschied. Ich kannte „meins“ nicht wirklich. Natürlich hatte ich meine Kleidung, meine Bücher, aber „meins“ so in richtig großen Dingen, das hatte ich nicht. Ich besaß immer nur Teile von etwas. Heute habe ich meine Männer, Hannes und Kurt, im Garten stehen. Da ist es wieder, das Wort „meins“. Ich kann mich gar nicht satt sehen und hören an dem Wort. „Meins“ kann berauschend sein, „mein“ Erfolg bei den Personalratswahlen, „meine“ Geschichten und „meine“ Leserschaft. Alles meins! Was für Raum dieses Wort einnimmt. Während meiner gesamten Ehe hatte ich zwar „ein Zimmer für mich allein“ (Virginia Woolf), wörtlich genommen, aber dieses knapp 10 qm große, oder besser, kleine Zimmer war alles was ich an „meins“ hatte. Klein, bedrückend, vollgestellt, überladen. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich Jahrzehnte mit so wenig Raum auskommen konnte, wie eng das alles war. Nicht das wir keinen Platz gehabt hätten, sondern weil mir kein Raum gelassen wurde. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Ich bin inzwischen süchtig nach Raum und „meins“! Ich brauche Platz, mein Schlafzimmer ist ein Beispiel dafür: leer, nein, natürlich nicht, denn sonst wäre es kein Schlafzimmer, aber mit Bett, Nachttisch, Teppich und Stehlampe sowie, purer Luxus, großem Ölbild an der Wand, eher karg eingerichtet. Sehr viel leerer Raum um mich herum. Und trotzdem kann ich manches Mal nachts nicht schlafen, weil mich der Rest des Hauses noch einengt.

Frauen und Besitz bzw. Frauen und Eigentum, im Sinne von Vermögen, so lange gibt es diese Beziehung zwischen den Beiden noch nicht, wenn wir auf die Durchschnittsfrau der letzten Jahrhunderte schauen. Wie war denn in diesen Zeiten die Verteilung von Vermögen zwischen Mann und Frau? Bevor ich hier thematisch tiefer einsteige, mache ich es mir leicht und weise einfach nur auf folgendes hin: 1958, erst oder leider, je nach Sichtweise, trat in Deutschland das Gesetz über Gleichberechtigung von Mann und Frau in Kraft und der Mann hatte zumindest nicht mehr in allen Eheangelegenheiten das letzte Wort. Denn bis dahin verwaltete er das, von der Frau mit in die Ehe gebrachte, Vermögen einschließlich Zinsen oder einem eventuellen Gehalt der Ehefrau. Erst ab diesem Jahr waren Frauen berechtigt ein eigenes Konto zu führen, und das ist gerade mal 63 Jahre her, weniger als ein normales Frauenleben! Und, wenn ich schon dabei bin, noch im Jahr 1977 durfte eine Ehefrau in Westdeutschland nur dann berufstätig sein, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Das bedeutete, der Ehemann „prüfte“ die Vereinbarkeit und hatte die Berechtigung, das Arbeitsverhältnis der Ehefrau zu kündigen, auch gegen deren erklärten Willen und Widerspruch!

Wenn ich mir dies wieder so ins Bewusstsein rufe, dann weiß ich „meins“ noch deutlich mehr zu schätzen!

Mein Haus, mein Auto, mein Raum, meine Webseite! Ja, so muss es sein und deshalb lautet die Antwort auf die Frage zu Beginn dieses Beitrags: Total geil!

Die Kurschatten

Ich war in der Klinik, stationär. Richtig akut krank, keine Reha. Was Psychosomatisches halt, kein Wunder nach dem letzten Jahr. Pünktlich zum ersten Todestag meines verstorbenen Mannes. Als wäre das alleine nicht schon genug, kam noch Ärger mit den Handwerkern, mein aus allen Nähten platzendes Haus aufgrund der Leidenschaft meines Mannes alles zu horten, die Überforderung bei der Arbeit, der missmutige und sehr laute Zimmerkollege, echte gesundheitliche Probleme und die Entwicklung eines Tics dazu. Hier war ich nun! Diese Klinik am Chiemsee sollte für die nächsten sechs Wochen mein Zuhause werden, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Frühstück ab 6.45 Uhr im Speisesaal, da saß ich nun am ersten Morgen, schaute mich um und sah so gut wie niemanden. Am Nebentisch ein Mann, großgewachsen, nett aussehend, okay. Und ansonsten gähnende Leere. Wo blieben sie, die Mitpatienten und Mitpatientinnen?

Später sah ich den Herrn bei der Tanztherapie wieder, er schien sehr nett zu sein, einfach mal abgecheckt. Noch später einen Blick auf das Namensschild am Tisch geworfen, Datenschutz sieht anders aus! Prof. Dr., nach persönlicher Bekanntschaft kam noch ein Dipl. Ing hinzu, fast schon wie adelig.

Irgendwann wechselten wir die ersten Worte, wir waren bei den Mahlzeiten immer recht zeitig da, während unsere Tischnachbarn sich verspäteten oder einfach von Pünktlichkeit nichts hielten. Ich hörte ihm gerne zu, dem Prof. Dr. Dipl. Ing, der freiwillig wegen eines drohenden Burnouts hier war. Arbeitet in einer Behörde, gut, in Leitungsfunktion, während ich ein kleines Licht, eine Befehlsempfängerin bin, aber immerhin eine Gemeinsamkeit. Denn kennst Du eine Behörde, sind Dir die Strukturen anderer Behörden nicht fremd.

Wir trafen uns abends und er stellte mir den Graphiker vor, Depressionen, aber was bedeutet schon so eine Diagnose? Nicht mehr oder weniger als eine Schublade, die gerade frei ist…

Was sagt das über den Menschen aus? Die nächsten Wochen waren wir zu dritt unterwegs, ein „Dreamteam“ und verbrachten sehr viel freie Zeit zusammen, ich und meine Kurschatten. Ja, so nannte ich sie. Mir machte es Spaß die teilweise schockierten Blicke der anderen, ob Ärzte und Therapeuten oder Mitpatienten, zu sehen, wann immer ich diesen Begriff gebrauchte. Es waren keine Kurschatten im klassischen Sinne, kein Sex! Ich hatte den Begriff extra vorher gegoogelt und der Duden gab mir recht: Im platonischen Sinn kann der Begriff „Kurschatten“ auch gebraucht werden, wird selten genutzt, ist aber möglich!