Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Unternehmerin Käte Ahlmann, geb. Braun (1890-1963), war Inhaberin und Leiterin mehrerer, auch von ihr selbst gegründeter Firmen. Das Hauptobjekt ihres Besitzes stellte die traditionsreiche Ahlmann-Carlshütte in Büdelsdorf bei Rendsburg dar, der erste große Industriebetrieb in Schleswig-Holstein, der seit 1827 die Wirtschaftsstruktur einer weiten Region dominierte. Die geschäftsführende Gesellschafterin lenkte das Werk in eine bedeutende Aufwärtsentwicklung, bei der neue Fabrikationszweige bewährte Produkte ergänzten und einen weltweiten Absatzmarkt hatten. Unter ihren vielen persönlichen Engagements und Initiativen, die Käte Ahlmann weit über die Grenzen ihres Landes bekannt machten, ragt Gründung und Präsidentschaft der "Vereinigung von Unternehmerinnen" heraus und die damit verbundene Vorstandstätigkeit im internationalen Verband "Les Femmes Chefs d`Entreprise Mondiale". Käte Ahlmann war neben anderen Ehrungen Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes und Ehrenbürgerin von Büdelsdorf. Ihr beständiger Einsatz für soziale und kulturelle Anliegen erfuhr dabei besondere Würdigung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 960
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Felicitas Glade
Eine Biographie
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, insbesondere der Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, sowie der fotomechanischen Wiedergabe und Übersetzung, vorbehalten.
eISBN 978-3-529-09233-6
© 2. Auflage 2011
Wachholtz Verlag, Kiel Hamburg
www.wachholtz-verlag.de
Annäherung
Käte Braun 1890–1913
Julius Ahlmann 1880–1913
Siebzehn Ehejahre 1914–1931
Machtübernahme 1931–1941
In bewegter Zeit 1941–1947
Herrschaft 1947–1963
Nachwort
Karte
Stammtafeln
Abkürzungen
Anmerkungen
Quellen
Bildnachweis
Register
„Unser Geist ist ein Fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Unter dieser Inschrift ruht Käte Ahlmann mit ihrem Mann und zwei Kindern auf dem Büdelsdorfer Friedhof. Die Worte sind ein Zitat aus den Gesprächen Goethes mit Eckermann.1 Grabinschriften nehmen Bezug auf die Verstorbenen, sind Kennzeichnungen und lassen Deutungen zu. Goethes Gedanken, in denen er den Geist des Menschen für unzerstörbar erklärt, vermitteln an dieser Stätte Annäherungen an eine ungewöhnliche Frau.
Die Unternehmerin Käte Ahlmann geborene Braun (1890-1963) war Inhaberin und Leiterin mehrerer, auch von ihr selbst gegründeter Firmen. Das Hauptobjekt ihres Besitzes stellte die traditionsreiche Ahlmann-Carlshütte in Büdelsdorf bei Rendsburg dar, der erste große Industriebetrieb in Schleswig-Holstein, der seit 1827 die Wirtschaftsstruktur einer weiten Region dominierte. Die geschäftsführende Gesellschafterin lenkte das Werk in eine bedeutende Aufwärtsentwicklung, bei der neue Fabrikationszweige bewährte Produkte ergänzten und einen weltweiten Absatzmarkt hatten.
Unter ihren vielen persönlichen Engagements und Initiativen, die Käte Ahlmann weit über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt machten, ragt Gründung und Präsidentschaft der „Vereinigung von Unternehmerinnen“ heraus und die damit verbundene Vorstandstätigkeit im internationalen Verband „Femmes Chefs d`Entreprises Mondiales“. Käte Ahlmann war neben anderen Ehrungen Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes und Ehrenbürgerin von Büdelsdorf. Ihr beständiger Einsatz für soziale und kulturelle Anliegen erfuhr dabei besondere Würdigung.
Diese Fülle herausragender Leistungen und Verdienste ist aber dennoch keine schlüssige Erklärung für den großen Nimbus, der die Person Käte Ahlmann noch immer umgibt. Sie wird als Herrscherin geschildert, als eine überdimensionale Gestalt, die alles überragte, und die sich durch ihr imposantes Format vor dem Hintergrund ihres engen wie auch des weiter gespannten Umfeldes umso deutlicher abhob.
Tatsächlich besaß Käte Ahlmann Macht und Einfluss über Tausende von Menschen, die sich in Abhängigkeit von ihr befanden. Allein aufgrund ihres wirtschaftlichen Potentials konnte sie politische Entscheidungen beeinflussen, Gestaltungen vornehmen und Entwicklungen steuern, und das nicht nur in ihrer unmittelbaren Region, in der sie die Zügel straff in Händen hielt. Der Status an der Spitze der sozialen Pyramide beruhte auch auf ihrem Zuschnitt weltläufigen höheren Bürgertums und der Zugehörigkeit zu einer der wichtigsten Unternehmerfamilien des Landes Schleswig-Holstein.
Doch die Herrschaft Käte Ahlmanns basierte nicht nur auf ihrer Substanz im materiellen Bereich, wiewohl dieser Aspekt natürlich große Bedeutung besaß, sondern hatte komplexere Zusammenhänge. Ausschlaggebend für ihre überlegende Machtposition war das von ihr ausgehende Charisma souveräner Autorität.2 Sie setzte diese Ausstrahlung ganz bewusst ein und erhob innerhalb ihres Wirkungskreises in eigenem Selbstverständnis unbedingten Anspruch auf Fügsamkeit und Gehorsam. Gleichzeitig sorgte Käte Ahlmann für das Wohl der vielen Menschen, die unter ihrer Verantwortung standen, nahm teil an dem Geschehen in den Familien und festigte durch zahlreiche Stränge die Bindungen an die Carlshütte, die zu ihrer Zeit allein sie verkörperte.
„Moder Ahlmann“ hieß sie bei ihren einfacheren Betriebsangehörigen, die untereinander Plattdeutsch redeten. Die Führungsspitze des Unternehmens sprach von ihr wesentlich distanzierter als „Gnädige Frau“. Dazwischen liegen Welten, die Käte Ahlmann aber leicht überbrücken konnte. Überhaupt entsteht der Eindruck einer gewissen Vielfältigkeit ihrer Person, wenn es um Benennungen und Namen geht, die zentral die Identität des Menschen kennzeichnen.3
Von frühester Kindheit an war sie „Käte“ und bestand auf der Schreibweise des Namens ohne „h“. Die Eltern hatten ihr den Rufnamen „Catharine“ gegeben,4 der von seiner Trägerin jedoch so gut wie nie benutzt wurde. Wie groß der innere Abstand zu ihrem eigentlichen Namen mit der Zeit geworden war, zeigt sich an der Unterschrift auf Dokumenten und Beurkundungen aus den späteren Jahren. Ihr Namenszug steht dort ausschließlich mit einem „K“ geschrieben: „Katharine Ahlmann“.
Einen weiteren Namen gab sie sich selbst. Im Geschäftsleben hieß sie „Frau Julius Ahlmann“. Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1931 hatte sich Käte Ahlmann entschlossen, das Werk in seinem Sinn fortzuführen, um es später den Söhnen übergeben zu können, die dann in direkter Linie als dritte Generation die Carlshütte leiten würden. Ihr Schwiegervater Johannes Ahlmann war schon Direktor des Unternehmens gewesen, von dem die Familie die Aktienmehrheit besaß. Mit dem Führen des vollständigen Namens ihres Mannes machte seine Witwe demonstrativ deutlich, woher sie das Anrecht bezog, von nun an selbst in der Leitung des Betriebes mitzuwirken. Der Name „Frau Julius Ahlmann“ war Programm, er war ihr „nom de guerre“.
Natürlich hatte Käte Ahlmann eine kämpferische Natur. Ohne Mut, Angriffskraft und Durchsetzungsvermögen, und alle diese Eigenschaften in reichlichem Maß, wäre sie nie in ihre Machtposition gekommen. Dass Männer sie bei ihrem Aufstieg zu diesen Höhen in entscheidenden Phasen unterstützten, nahm sie zwar gerne an, war auch dankbar, wies ihnen jedoch nachgeordnete Plätze zu. Bemerkenswert ist, dass die 1937 erfolgte Umwandlung, mit der Käte Ahlmann die Carlshütte in ihren Besitz brachte, sowie ihre dann einsetzende autokratische Herrschaft in einer Zeit stattfanden, in der die politische Ideologie den Frauen nur untergeordnete, passive Rollen zubilligte.
Doch für Käte Ahlmann galt diese Doktrin nicht, vielmehr war sie Handelnde und nutzte geschickt die sich ihr bietenden Möglichkeiten. Diese pragmatische Einstellung hatte sie auch zum Nationalsozialismus und zeigte sich durchaus angepasst an die staatlichen Verhältnisse. Allerdings verfügte sie als Leiterin eines großen Industrieunternehmens, das zudem ab 1939 Rüstungsbetrieb war, kaum über Bewegungsspielraum. Der kriegsbedingte Einsatz von Zwangsarbeitern ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Ahlmann-Carlshütte.
Die schwierige Phase nach Kriegsende, als Internierung drohte, Demontage und Sozialisierung, das Entnazifizierungsverfahren fast zum Schauprozess wurde, überwand Käte Ahlmann mit einer erstaunlichen Energieleistung, aus der ihr neue Kräfte zuwuchsen. Wieder verstand sie es, wirtschaftliche und politische Möglichkeiten der Zeitumstände zu nutzen. Durch die Gründung mehrerer Firmen weitete sich das Unternehmen in die Nähe eines Konzerns aus. Auf diesem Höhepunkt erlitt Käte Ahlmann durch den Unfalltod ihres ältesten Sohnes einen Schicksalsschlag, der andere hätte zerbrechen lassen. Sie ließ drei Monate später das 125-jährige Jubiläum der Carlshütte mit einer Großveranstaltung feiern. Die Geburt eines Enkels, fünf Tage zuvor, der nach dem Vater den Namen Hans-Julius erhielt, erschien als ein staunenswertes Geschenk. Und es öffneten sich neue Perspektiven.
Eine davon war die Gründung der Vereinigung von Unternehmerinnen (VvU) im Jahr 1954. Käte Ahlmann, obwohl selbst autark, sah die Notwendigkeit, den Witwen oder Erbinnen, die nach dem Tod der Ehemänner oder Väter ohne Vorbereitung größere Firmen übernahmen, Möglichkeiten zu Kontakten, Erfahrungsaustausch und Fortbildung zu schaffen. Was sie anfangs mehr als Pflicht auf sich nahm, eine wichtige aber belastende Aufgabe, entwickelte sich bald zu einem Arbeitsgebiet, das ihr viel Freude gab, die Bereicherung um tiefe Freundschaften und große, auch internationale Anerkennung als Grande Dame der deutschen Unternehmerinnen.
Auf der Carlshütte führte sie ein kultiviertes Haus, umgeben von einem Stab von Vertrauten und Angestellten. Käte Ahlmann brauchte Menschen um sich, die in enger Beziehung um sie als Mittelpunkt kreisten. Freunde und Familienangehörige zentrierten sich in unterschiedlicher Entfernung ebenfalls auf diese Hauptperson. In direkter Nähe wirkte der Einfluss naturgemäß besonders stark, sicher vor allem emotional bedingt. Wer Anstalten machte, die Umlaufbahn zu verlassen oder sich vielleicht sogar ihr entgegen zu stellen, musste mit Repressalien rechnen. Käte Ahlmann hatte einen sehr harten Kern und nahm kompromisslos radikale Einschnitte vor.
Haus und Garten Käte Ahlmanns
Sie war gelernte Gärtnerin, ein zu ihrer Zeit anerkannter Berufsweg für eine sogenannte „höhere Tochter“. Die mit einer Prüfung abschließende Ausbildung an der Gartenbaufachschule in Leutesdorf am Rhein hatte umfassende Kenntnisse vermittelt, die Käte Ahlmann auf dem eigenen weitläufigen Grundstück mit großem Engagement in die Praxis umsetzte. Ihr Fachwissen gab sie ebenso gerne weiter wie die geernteten Früchte.
Gartenarbeit ist von hohem Rang. In der Bibel wird gesagt, dass Gott einen Garten in Eden pflanzte und den Menschen hineinsetzte, ihn zu bebauen und zu bewahren.5 Ihm vertraut Gott seine Schöpfung an, die Natur, die geordnet und gestaltet werden soll. Der Gärtner ist demnach im allerhöchsten Auftrag tätig, ihm ist Verantwortung und Macht übertragen. Der Garten muss gepflegt und bearbeitet werden. Im eigenen Ermessen liegt es, was und wo gepflanzt wird. Dann sind die Gewächse unter Kontrolle zu halten, damit sie nicht wild wuchern und anderen Luft und Wachstum nehmen. Zurückschnitte werden nötig oder gegebenenfalls das Ausreißen des Störenden. Schließlich will der Gärtner seine eigenen Vorstellungen von Ordnung, Nutzen und Schönheit durchsetzen.6
Wie tief Käte Ahlmann gedanklich mit dieser Welt verbunden war, lassen Worte des Dichters Friedrich Wilhelm Weber erkennen, die für sie in einer schwierigen Zeit ihres Lebens sehr wichtig und stärkend waren,7 und die zu einer weiteren Annäherung führen:
„Freiheit sei der Zweck des Zwanges,
Wie man eine Rebe bindet,
Daß sie, statt im Staub zu kriechen,
Froh sich in die Lüfte windet.“
Zu ihrer Geburtsstadt, die im ersten Drittel ihres Lebens ihre Heimat war, besaß Käte Ahlmann eine tief eingeprägte, unverkennbare Verbundenheit. Selbst nach fünfzig Jahren im Norden Deutschlands sprach sie noch immer mit leichtem Anklang der Kölner Mundart. Käte Ahlmann war stolz darauf, aus der uralten Rheinmetropole zu stammen, die zur Römerzeit schon Stadt war, seit Beginn des Mittelalters das berühmte „Heilige Köln“ und von jeher der größte Handelsplatz in Westdeutschland mit Verbindungen zu den Zentren Europas. Die einst reichsfreie Stadt, auf deren zusätzliche geistige Bedeutung die frühe Gründung der Universität im Jahr 1388 verweist, stand auch auf kulturellem Gebiet an führender Stelle. Kunst gehörte zum Alltag. Wahrscheinlich bezogen die Kölner aus diesen reichen Traditionen das gelassene Selbstbewusstsein, das ihnen ebenso zugeschrieben wurde wie ein gewisser Fatalismus und zuzeiten eine ungebremste Fröhlichkeit.1 Alle diese Wesenszüge waren auch Käte Ahlmann zu eigen.
Als sie am 5. Dezember 1890 zur Welt kam, befand sich Köln in einer enormen Aufschwungphase, deren Anfang eigentlich bis 1794 zurück reichte, als Franzosen die Stadt besetzten. Ihre Herrschaft dauerte zwanzig Jahre und brachte neue Rechte und Freiheiten für die Bürger, öffnete Raum für Handel, Wirtschaft und die beginnende Industrialisierung. 1815 wurde Köln preußisch und ein Teil der Rheinprovinz.2 Zwar fanden sich die damals fast ausschließlich katholischen Einwohner mit der Eingliederung in den protestantischen Staat anfangs nur schwer ab, spürten dann jedoch auch die Vorteile. Neben der sich immer mehr beschleunigenden Wirtschaftsentwicklung, bei der das neue Verkehrsmittel Eisenbahn eine große Rolle spielte, war es vor allem die 1842 durch König Friedrich Wilhelm IV. eingeleitete Vollendung des Kölner Doms, die Ressentiments abbauen half.3
Bis 1881 schnürte die gewaltige mittelalterliche Stadtmauer Köln ein, während andere Großstädte wie Wien oder Paris sich der lästigen Wälle schon längst entledigt hatten. Die enge Innenstadt war restlos übervölkert und der gesamte Verkehr musste die schmalen Tordurchlässe benutzen. Vor den Mauern gab es inzwischen zahlreiche Industrieanlagen in wachsenden Vororten, die wegen dieser Behinderungen nur schwer erreicht werden konnten. Mit Sprengung und Abriss der alten Mauer bekam Köln Luft. Es entstand die Neustadt und an Stelle der Befestigungsanlagen umspannten nun die „Ringe“ das erweiterte Köln, Prachtboulevards mit abwechslungsreichen Grünanlagen, an denen sich die wohlhabenden Bürger niederließen.4 In dieser vornehmen Wohngegend, parallel zum Kaiser-Wilhelm-Ring, lag die ruhige Von-Werth-Straße, in der das Geburtshaus von Käte Ahlmann stand.
Mit einer weitgreifenden Eingemeindung hauptsächlich linksrheinischer Vororte, aber auch von Gebieten rechts des Stroms, vergrößerte sich im Jahr 1888 das Areal der Kölner Stadt um das Elffache.5 Bei dieser Gelegenheit wurde auch der kleine Ort Braunsfeld integriert, benannt nach dem Großvater väterlicherseits von Käte Ahlmann. Er lag an der alten Heerstraße nach Westen, auf der die deutschen Könige zur Krönung nach Aachen gezogen waren. Die Gegend war sehr ländlich und noch wenig bebaut. Der Grund dafür bestand vor allem in der Nähe des großen Zentralfriedhofs Melaten, weswegen größere Industrieansiedlungen untersagt blieben. Außerdem gehörte das Gebiet zum Rayon der Festung Köln, auf dem wegen des freien Schussfeldes keine größeren festen Gebäude stehen durften.6 Trotzdem wurde das Gelände von Braunsfeld, nach dem heutigen Stand eine Fläche von 1,66 Quadratkilometern, durch ein wirtschaftliches Unternehmen aufgeschlossen. 1862 hatte Ferdinand Leopold Braun dort auf eigenem Land eine Ziegelei gegründet und Werkswohnungen für seine Arbeiter errichtet.7
Obwohl im Zusammenhang mit der Benennung der kleinen Siedlung später stets der Volksmund als Quelle genannt wurde, hat die Namensgebung einen anderen Sachverhalt. Braun selbst stellte schon im Frühjahr 1864 beim zuständigen Bürgermeister in der Gemeinde Efferen den Antrag auf die offizielle Bezeichnung „Braunsfeld“. Sein Ansprechpartner wies in der warmen Befürwortung den Landrat darauf hin, dass in der Siedlung schon zehn Häuser bewohnt seien, sechs weitere vor der Fertigstellung ständen und außerdem an einer Dampfmühle gebaut werde. Die Genehmigung erfolgte am 27. April 1864. Der Bürgermeister merkte noch an, dass nun eine Ortstafel zu beschaffen sei.8 Der Antragsteller, „Kaufmann Ferdinand Braun von Cöln“, war 59 Jahre alt, als er sich auf diese Weise selbstbewusst noch zu Lebzeiten einen bleibenden Namen setzte.
Dabei hatte der Sohn eines Aachener Bäckers laut familiärer Überlieferung nur Pferd und Sattel besessen, als er um 1830 nach Köln kam. Wie erhofft, machte der junge Mann dort in kurzer Zeit tatsächlich sein Glück, indem er 1835 die acht Jahre jüngere Maria Theresia Nakatenus heiratete. Ihr Vater Antonius Nakatenus besaß eine große Fuhrhalterei dicht am Kölner Dom und bediente die Postlinie nach Koblenz, was die Vorhaltung von Wagen und Gespannen sowie die Verpflegung der Reisenden bedeutete.9 Im katholischen Köln hatte der Name Nakatenus seit langem einen guten Klang. Das „Himmlisch Palmgärtlein“ von Wilhelm Nakatenus, ein erbauliches Gebetbuch, war seit dem 17. Jahrhundert in immer neuen Auflagen erschienen. Der jesuitische Priester und Schriftsteller hatte außerdem als Hofprediger beim Kölner Kurfürsten Maximilian Heinrich von Bayern gewirkt und dort in hohem Ansehen gestanden.10
Blick auf Köln 1911. Druck nach einem Gemälde von E.H. Compton
Als sein Schwiegervater Antonius Nakatenus im Jahr 1840 starb, wusste Ferdinand Braun, dass mit dem Aufkommen der Eisenbahnen die Postkutschenzeit endgültig vorbei war und er sich nach anderen Erwerbsmöglichkeiten umsehen musste. Das gelang ihm mit großem Erfolg. Seine unternehmerischen Qualitäten stellte er durch die Koppelung von Gewerbezweigen unter Beweis, die ineinander griffen. Das Fuhrgeschäft behielt Braun bei, verkaufte aber das große Anwesen am Dom, das später zum Hotel „Belgischer Hof“ wurde, zog in den Westen der Stadt und investierte die Mittel aus dem Nakatenus-Erbe in den Kauf von Land und den Aufbau von Ziegeleien. Da der Transport der Produktion in eigener Regie erfolgte, vergrößerte sich der Gewinn. Die Phase der geschäftlichen Umorientierung war sehr kurz. Bereits seit 1841 firmierte Ferdinand Braun als „Fuhrunternehmer und Ziegelfabrikant“, dann zusätzlich auch als „Sandgrubenbesitzer“.11
Köln erlebte Ende der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts durch das rapide Wachstum der Bevölkerung einen enormen Bauboom, da Wohnraum geschaffen werden musste. Wegen des durch die Festungsmauer begrenzten Platzes schossen die Grundstückspreise ebenso in die Höhe wie die Zahl der mehrstöckigen Häuser zunahm.12 Baumaterial war also sehr gefragt und die Ziegelherstellung ein lukratives Geschäft, zumal es große Vorkommen des dafür notwendigen Lehms direkt vor den Toren der Stadt gab. Während dieser Hochkonjunktur im Baugewerbe reihte sich dort eine Ziegelei an die andere.13 Es herrschte daher großer Bedarf an Facharbeitern. Braun löste das Problem, indem er sie auf damals schon lange übliche Unternehmerpraxis an sich band, allerdings auf generöse Art: Braun stellte seinen Arbeitern nicht nur Werkswohnungen zur Verfügung, sondern schenkte ihnen die kleinen Häuser.14
Ferdinand Braun selbst lebte seit 1844 mit seiner wachsenden Familie in einem stattlichen dreigeschossigen Gebäude in der Benesisstraße, in kurzer Entfernung zum gewaltigen mittelalterlichen Hahnentor, dem westlichen Zugang zur Stadt Köln. Nach dem Passieren der schmalen Durchfahrt gelangte er auf die Aachener Straße, um zu seinen ausgedehnten Liegenschaften nach Braunsfeld und bei Müngersdorf zu fahren. Das war sicherlich der ausschlaggebende Grund für die Wohnsitzwahl gewesen. Unmittelbar in der Nähe der Benesisstraße lag St. Aposteln. In einer der großen romanischen Kirchen Kölns konnten Ferdinand Braun und seine Frau Maria Theresia auf namentlich gekennzeichnetem Gestühl Platz nehmen, was den gesellschaftlichen Rang des Ehepaares kennzeichnete. Mit seinem katholischen Glauben war es Ferdinand Braun aber zweifellos ernst. Er gehörte im Rang eines Meisters einer geistlichen Bruderschaft an, die sich der Wohltätigkeit verschrieben hatte.15 Dass seine Erben dann in Braunsfeld das Grundstück für den Bau der am 30. Dezember 1906 geweihten St. Joseph-Kirche schenkten, war mit Sicherheit in seinem Sinn. In dieser Gemeinde wirkte übrigens von 1924 bis 1937 der spätere Kölner Kardinal Dr. Josef Frings als Pfarrer.16
Ferdinand Braun
Der erfolgreiche Geschäftsmann Ferdinand Braun war in der Erinnerung seiner Familienangehörigen ein sehr fröhlicher Mensch, der viel sang. Er besaß ausgeprägte musikalische Neigungen, ging mindestens zweimal in der Woche in die Oper oder besuchte Konzerte und konnte anschließend ganze Arien und Passagen aus dem Gedächtnis nachsingen. Auch das Theater schäzte Braun sehr. Allerdings gehörte die Pflege kultureller Interessen zu den gesellschaftlichen Attributen der Kölner Unternehmer in jener Zeit der Frühindustrialisierung.17 Seinen Status machte Ferdinand Braun auch durch seine äußere Erscheinung deutlich. Noch im hohen Alter fiel er durch gepflegte, modische Kleidung auf, die ihm sehr wichtig war. Seine Frau Maria Theresia, als tüchtige Hauswirtschafterin, liebevolle Mutter und gute Katholikin geschildert, verblasste neben dieser vitalen, lebensfrohen Persönlichkeit. Sie hatte zwar Mutterwitz, doch ausgeprägter waren ihr weiches Gemüt und tiefes Mitempfinden für den Kummer anderer Menschen.18
Im Haus in der Benesisstraße 4 wuchsen fünf Geschwister heran. Von den drei Töchtern heiratete nur Charlotte, die Frau von Theodor Hewel wurde, dem Inhaber einer Holzgroßhandlung in Köln und einer Sägerei in Bayern. Die beiden Schwestern Helene und Katharine blieben ledig. Der älteste Sohn Heinrich Braun wurde Kaufmann, trat in das Ziegeleiunternehmen seines Vaters Ferdinand ein und war später langjährig als Direktor des Rheinischen Ziegelei-Syndikats tätig. Der zweite Sohn des Ehepaares Maria Theresia und Ferdinand Braun war am 6. November 1849 zur Welt gekommen und hatte den Rufnamen Josef erhalten, dazu Anton und Ferdinand als weitere Vornamen.19 Das Leben Josef Brauns ist von seinen Töchtern in liebevollen Darstellungen geschildert worden, die Fakten einer bemerkenswerten Laufbahn ergänzten.
Wahrscheinlich ging es auf den Wunsch der Mutter zurück, ebenso wohl auf den Einfluss ihres Bruders, der als Oberlandesgerichtsrat tätig war und sich viel mit dem Jungen beschäftigte, dass Josef Braun die akademische Laufbahn einschlagen und wie sein Onkel Jurist werden sollte.20 Die geistigen Anlagen besaß er zweifellos. Ohne Probleme wechselte der Zehnjährige 1860 von der Elementarschule auf das anspruchsvolle Apostelngymnasium, das er glatt absolvierte. Dicht an der Pfarrkirche gelegen, waren beides katholische Lehranstalten, die drei Jahrzehnte später auch Konrad Adenauer und seine Brüder durchliefen.21 Das humanistische Gymnasium schuf nicht nur die Voraussetzung zum Universitätsstudium, seine Schüler hoben sich auch durch ihren hohen sozialen Status weit von der Masse ab. Als Josef Braun im Herbst 1868 die Reifeprüfung ablegte, gehörte er damit zur gebildeten Elite des Kölner Bürgertums. Am 24. Oktober 1868 schrieb sich der fast Zwanzigjährige an der nahen Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn als Student der Rechtswissenschaft in das Immatrikulationsregister ein. Nach damals üblicher Praxis, mehrfach die Universität zu wechseln und damit den Gesichtskreis zu erweitern,22 verbrachte Josef Braun das folgende Sommersemester im romantischen Heidelberg und ging dann für den Winter in die preußische Hauptstadt Berlin. Im Sommer 1870 befand er sich in den Hörsälen der Universität München, als am 19. Juli der Krieg mit Frankreich ausbrach.23
Josef Braun eilte sofort zu den Fahnen und trat als Einjährig-Freiwilliger in das Rheinische Kürassier-Regiment No. 8 ein, das in Deutz auf dem rechten Flussufer gegenüber Köln in Garnison stand. Die Kavallerie war die angesehenste Waffengattung in der preußischen Armee und der wohlhabende Ferdinand Braun sorgte dafür, dass sein Sohn das beste verfügbare Pferd erhielt. Nach kurzer Ausbildung rückte Josef Braun im Oktober 1870 ins Feld. Sein Regiment gehörte zu den vor der Festung Metz stehenden Belagerungstruppen. In seinem Lebenslauf, den er vor der Referendarsprüfung einreichte, schrieb der Rechtskandidat: „…war es mir dann vergönnt, an dem bald darauf beginnenden Feldzuge im nördlichen Frankreich Theil zu nehmen und auch an den blutigen Tagen von Amiens, Quessieux, Bapaume und St. Quentin.“24
Maria Theresa Braun geb. Nakatenus
Ohne Kriegsverletzungen und wohlbehalten kehrte Josef Braun erst zwei Monate nach Friedensschluss im Juli 1871 aus Frankreich zurück. Er war inzwischen Unteroffizier. In den folgenden Jahren nahm er periodisch an mehrwöchigen Übungen bei den Deutzer Kürassieren teil, erreichte den Rang eines Premier-Lieutenants der Reserve und erhielt im März 1884 auf eigenen Wunsch den Abschied, da er sich nun ausschließlich Beruf und Familie widmen wollte. Seinem ehemaligen Regiment blieb Josef Braun verbunden. Am 4. Januar 1896 feierte er mit Offizierskameraden den 25. Jahrestag ihrer Reiterattacke von Sapignies. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Gruppenaufnahme gemacht, die ihn mit bemerkenswert schlanker Gestalt im Kreis wohlbeleibter Herren zeigt.25
Anfang November 1871 nahm Josef Braun sein unterbrochenes Jurastudium an der Berliner Universität wieder auf und kehrte dann für das letzte Semester an die Universität Bonn zurück. Dort bestand er im Herbst 1872 die Referendarsprüfung mit „gut“, die gleiche Note erreichte er bei der Großen Juristischen Staatsprüfung im Frühjahr 1877.26 Während des langen Vorbereitungsdienstes bei verschiedenen Gerichten sowie Kanzleien von Notaren und Rechtsanwälten war der Kölner nicht aus seiner Heimatstadt herausgekommen, das sollte sich für den Assessor ändern. Schon Mitte Mai 1877 schickte ihn das Justizministerium in Berlin tief in den Süden, zur Vertretung des Staatsanwalts beim Kreisgericht in Hechingen am Fuß der Burg Hohenzollern. Und bereits Anfang September ging es dann in den Osten nach Bromberg, wieder an die dortige Staatsanwaltschaft.27 Diese sechs Monate in Westpreußen mit Besuchen auf großen Gütern und Schlittschuhlaufen auf zugefrorenen Flüssen blieben Josef Braun als glückliche Zeit in Erinnerung.28
Nach anderthalb Jahren Aushilfstätigkeit beim Landgericht Köln erhielt der Gerichtsassessor Braun schließlich die Ernennung zum Amtsrichter und die Zuweisung ab 1. Oktober 1879 an das Amtsgericht in Trarbach an der Mosel, das zum Bezirk des Oberlandesgerichts in Koblenz gehörte. Es war seine erste feste und besoldete Anstellung, und er betrat nicht nur in dieser Beziehung Neuland. Selbst nach der Eingliederung der Rheinprovinz in den preußischen Staat hatten dort auf der Ebene der unteren Gerichtsbarkeit weiter Friedensrichter amtiert, die keine Volljuristen zu sein brauchten. Diese Rechtsordnung war nach der Besetzung durch die Franzosen im Jahr 1798 eingeführt worden und bestehen geblieben,29 bis durch das Gerichtsverfassungsgesetz vom 27. Januar 1877 eine einheitliche Regelung für das neue Deutsche Reich erfolgte. Der knapp 30-jährige Josef Braun war daher der erste Amtsrichter überhaupt in Trarbach.
Josef Braun als Offizier
Der Beginn gestaltete sich etwas schwierig. Denn obwohl sich die Stadt verpflichtet hatte, einen Neubau fristgerecht zu erstellen, brachten es Verzögerungen mit sich, dass Braun seine Dienstgeschäfte im ersten Jahr in einem Zimmer des Trarbacher Rathauses erledigen musste. Immerhin führte er sein Amt „in befriedigender Weise“, wie sein Vorgesetzter in Koblenz dem Oberlandesgerichtspräsidenten in Köln berichtete.30 Trotzdem war er an seinem Wirkungsort nicht zufrieden. Vielleicht hatten sich in Zusammenhang mit dem Provisorium örtliche Komplikationen ergeben, denn schon nach einem Jahr Tätigkeit stellte der neue Amtsrichter das erste Versetzungsgesuch, dem mehrere weitere in kurzen Abständen folgten. Das letzte in dieser Kette reichte er Anfang September 1882 ein.31 Doch dann lag Josef Braun plötzlich nichts mehr an einer Ortsveränderung. Er hatte die 18-jährige Aline Langguth kennen gelernt.
Der Name Langguth war ein Begriff, weit über die Grenzen des engen Moseltales hinaus. Carl Wilhelm Langguth, der Vater von Aline, zählte zu den bedeutendsten Weingroßhändlern der Region mit einem weit gespannten Absatzmarkt, besaß Weinberge, Häuser und das große Gut Niederreidenbacher Hof an der Nahe. Der sehr vermögende Mann nahm auch Einfluss auf das politische Leben und bemühte sich besonders um Verbesserungen der Infrastruktur für die abgelegene Region. Darin zeigte er sich ebenso versiert und erfolgreich wie bei seinen geschäftlichen Unternehmungen. Die Eisenbahnanbindung der Region hatte lebenswichtige Bedeutung, denn nur durch den Anschluss an das Netz des Schienenverkehrs vermochten Weinhandel und Weinbau an der Mittelmosel gegenüber anderen Gebieten wettbewerbsfähig zu sein.32 Der natürliche Transportweg Fluss war im Winter zugefroren und sonst behinderten Sandbänke und Untiefen die Schifffahrt. Die Bahnlinie Koblenz–Trier führte jedoch an Traben und Trarbach vorbei, damals noch zwei Orte, die erst 1904 zur Doppelstadt vereinigt wurden. Langguth erreichte im Bund mit Gleichgesinnten, dass schon 1883 ein Zubringer in Betrieb genommen werden konnte, die „Moselwein-Bahn“.33
Das Haus Langguth am Trabener Moselufer
Seine Charaktereigenschaften, weitsichtiges Handeln, Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen, vererbte Carl Wilhelm Langguth an etliche seiner vielen Nachkommen. Unzweifelhaft waren sie bei der Enkelin Käte Ahlmann vorhanden, die sich an den Großvater mütterlicherseits als alternden, aber noch sehr machtvollen Patriarchen gut erinnern konnte und ihn in einem kurzen, anschaulichen Porträt aus ihrer Kindersicht beschrieben hat. Doch nicht nur sie empfand das Bedürfnis, Eindrücke von dieser auch äußerlich großformatigen Persönlichkeit festzuhalten. Aufzeichnungen verschiedener Familienangehöriger brachten Carl Wilhelm Langguth einen in den folgenden Generationen anhaltenden Nachruhm.34
Der erste Langguth an der Mosel, der Jurist Johann Matthias (1639-1707), war in Trarbach am Sitz der Hinteren Grafschaft Sponheim als Verwaltungsbeamter mit dem Titel Kammerrat tätig gewesen.35 Das kleine Territorium hatte sich im 14. Jahrhundert erfolgreich gegen die Eingliederungsbestrebungen des mächtigen Trierer Erzbischofs Balduin von Luxemburg behauptet. Nach dem Aussterben der Sponheimer Grafen ging das Gebiet 1437 an Baden und Pfalz-Zweibrücken als Erben, die es bis 1776 gemeinschaftlich verwalten ließen.36 Kurfürst Friedrich der Fromme von Pfalz-Simmern, der nach den Grundsätzen des Augsburger Religionsfriedens von 1555 – „cuius regio, eius religio“ – als Landesherr über die Konfession seiner Untertanen bestimmen konnte, führte im Jahr 1557 die Reformation in der Hinteren Grafschaft Sponheim ein. An der Mittelmosel entstand damit eine evangelische Enklave, umschlossen von den großen, bis an den Rhein reichenden katholischen Ländereien des Erzstiftes Trier.37
Die Ausübung der Religion erfuhr durch die Zeitläufte manche Einschränkungen. Im Dreißigjährigen Krieg etwa untersagten die spanischen Besetzer von 1629 bis 1632 den Lutheranern die Abhaltung von Gottesdiensten in der Trarbacher Kirche, die ausschließlich katholischen Messen vorbehalten blieb.38 Was sonst noch unter der Herrschaft der fremden Soldateska in der kleinen Stadt an der Mosel geschah, unterschied sich vermutlich nur örtlich von den Schrecken und Gräueln, die der thüringische Pfarrer Johannes Langguth während dieses Krieges erlebte und niederschrieb, eine „ergreifende Schilderung von Leiden und Armut“, wie der Herausgeber der Handschrift befand.39 Der Verfasser dieser sehr realistischen Autobiografie war ein Onkel von Johann Matthias Langguth.
Der gräfliche Kammerrat erlebte dann in Trarbach als unmittelbarer Augenzeuge, wie ab 1687 auf dem gegenüber liegenden Gipfel oberhalb von Traben die gewaltige Festung „Mont Royal“ errichtet wurde.40 Der französische König Ludwig XIV. wollte mit dieser von dem berühmten Sébastien le Prestre de Vauban gebauten Anlage das mittlere Rheinland strategisch beherrschen. Allerdings musste die Festung aufgrund der Bestimmungen des Friedens von Rijswijk schon 1698 dem Erdboden gleich gemacht werden.41 Mehr sichtbare Überreste gab es vom alten Sitz der Sponheimer Grafen, der „Grevenburg“ in Trarbach. Unterhalb der malerischen Ruine, in der Schottstraße, betrieb der Urenkel des Kammerrats, Franz Wilhelm Langguth, eine 1789 von ihm als gerade Zwanzigjährigem gegründete Weinhandelsfirma, der ein Kolonialwarengeschäft angeschlossen war.
Im Weinhandel hatte sich schon sein Vater Franz Adolph betätigt und war in diesen Angelegenheiten unterwegs gewesen, als er im April 1775 bei einem Unfall in der Mosel ertrank.42 Der Sohn hatte von Anfang an mit äußeren Schwierigkeiten zu kämpfen, die vorwiegend in Kriegen bestanden und fremder Besetzung. 1794 geriet das Moseltal für zwanzig Jahre wieder unter französische Herrschaft, bis es durch die Neuordnung auf dem Wiener Kongress preußisch wurde. Am 15. Mai 1815 leisteten die Trarbacher Bürger den Huldigungseid auf König Friedrich Wilhelm III.43 Drei Monate vorher war Franz Wilhelm Langguth und seiner Frau Juliane Maria, beide immerhin schon 47 Jahre alt, am 20. Februar ein Nachkömmling geboren worden, der Sohn Carl Wilhelm.
Carl Wilhelm Langguth
Während der Vater bald darauf kränkelte, übernahm die als sehr tatkräftig und willensstark geschilderte Mutter die Führung des Geschäfts und der Familie Langguth. Die geistig rege, lebhafte und energische Frau sorgte dafür, dass der Sohn die Trarbacher Lateinschule besuchte und regelte für ihn die Lehre bei ihrem Schwiegersohn Justus Wilhelm Garkoch in Frankfurt am Main, Inhaber einer großen Kolonialwarenfirma, der mit ihrer ältesten Tochter Eleonore verheiratet war. Auch den anschließenden Militärdienst in Saarbrücken verbrachte Carl Wilhelm Langguth unter schwesterlichen Fittichen. Dort lebte inzwischen die jüngere Johanna als Ehefrau des Rechnungsrates Doll.44
Für sein weiteres Leben ganz entscheidende Erfahrungen und Kenntnisse nahm der junge Mann von der Mosel in der großen Handelsstadt Antwerpen auf, wo er einige Jahre in der Firma W. Born & Co. tätig war, einem der führenden Kaffee-Importhäuser am Ort. In späteren Jahren sprach Carl Wilhelm Langguth oft davon, wie sich durch den Aufenthalt in dieser weltläufigen Metropole mit den Verbindungen nach Übersee seine kaufmännischen Fähigkeiten entwickelt und sein Wissenshorizont erweitert hätten. Das Erlebnis Antwerpen war für ihn auch so bedeutsam, weil es das einzige dieser Art blieb. Ende 1839 starb sein Vater, und der einzige Sohn ging nach Trarbach zurück, um in die Firma in der Schottstraße einzutreten.
Die Mutter gab wohl erst allmählich die Zügel aus der Hand, und es blieb daher Zeit zum Eingewöhnen, freundschaftliche Beziehungen sowie Geselligkeit zu pflegen und in Verbindung damit das Geschäft um andere Zweige auszuweiten. Ideen und Unternehmungen Carl Wilhelm Langguths erschienen vielversprechend, so dass von befreundeter Seite beträchtliches Kapital investiert wurde, doch nicht alles verlief nach Plan. So schlug beispielsweise der Versuch fehl, mit einem Dampfschiff den Verkehr auf der Mosel aufzunehmen. Zu den enttäuschten Aktionären gehörte auch Langguth. Seine Heiratspläne richteten sich deshalb auf eine gute Partie, die ihm dann die Schwester Johanna vermittelte und die ihn zum vermögenden Mann machte.45
Magdalene Jacoby, bei der Hochzeit am 7. September 1847 im 22. Lebensjahr, war die einzige Tochter des sehr begüterten Peter Jacoby aus Kirn an der Nahe. Er stammte aus einer Landwirtschaft und Weinbau treibenden Familie in Meckenbach, einem unweit davon gelegenen Ort. Als Witwer hatte Jacoby im Mai 1825 in zweiter Ehe Johannetta Wilhelmine Andres geheiratet und noch im Verlauf des Jahres den ehemals fürstlich Salmschen Amtssitz, die „Kellerei“, in Kirn erworben sowie Ende Dezember 1825 den Niederreidenbacher Hof.46 Oberhalb der Nahe auf einem Felskopf gelegen, hatte der Adelssitz eine wechselvolle Geschichte gehabt. Seit dem 13. Jahrhundert war das große Gut durch die Hände vieler Familien gegangen. Unter Peter Jacoby als Eigentümer wurden die Baulichkeiten erheblich erweitert. Es entstanden an der Schauseite zum Fluss das Herrenhaus, Wohngebäude, dazu Stallungen und Wirtschaftsanlagen sowie eine Mühle und eine Branntweinbrennerei. Vor allem die letztgenannten Einrichtungen brachten gute Erträge.47
Magdalene Langguth hing sehr an ihrem Vater, der sich von seinem einzigen Kind wohl auch nicht trennen konnte. Peter Jacoby hatte seine Frau Johannetta im Jahr vor der Hochzeit der Tochter verloren. Wahrscheinlich gab es aber auch andere Gründe, weshalb die junge Frau es vorzog, noch für längere Zeit in der vertrauten Kirner Umgebung zu bleiben. Dort kamen in den ersten fünf Jahren ihrer Ehe fünf Kinder zur Welt. Carl Wilhelm Langguth ritt zu Pferde von Trarbach über den Hunsrück, um nach seiner wachsenden Familie zu sehen. Mit zwei Todesfällen, der kleinen Tochter Johanna im Januar und ihres Vaters Peter Jacoby nur einen Monat darauf, brachte das Jahr 1853 einen tragischen Einschnitt. Zugleich bedeutete es für Magdalene Langguth die endgültige Übersiedlung an die Mosel. Immerhin wohnte sie dort nicht unter einem Dach mit ihrer Schwiegermutter, die weiter in der Schottstraße bestimmte. Außerdem kam als Beistand ihre resolute Cousine Johanna Doll mit, die ein dauerhaftes Mitglied im Langguthschen Hausstand wurde, eine Ergänzung zu der als still, sanft und von großer Herzensgüte erinnerten Mutter von schließlich zehn Kindern, von denen aber nur sechs das Erwachsenenalter erreichten.49 Mit dem Tod von Peter Jacoby war das große Vermögen seiner Tochter Magdalene und damit ihrem Mann Carl Wilhelm Langguth zugefallen, zumindest war er rechtlich befugt, es zu verwalten,50 und seine Frau schien ihm völlig freie Hand gegeben zu haben. Die zur Verfügung stehenden Gelder vergrößerten sich noch erheblich, als die 1860 in Betrieb genommene Nahebahn gebaut wurde und die Trassenführung die geerbten Ländereien durchschnitt. Neben durchaus schlüssigen Investitionen, wie etwa dem Erwerb von Weinbergen und weiteren Immobilien sowie der Modernisierung des landwirtschaftlichen Betriebes auf dem Niederreidenbacher Hof, nutzte Carl Wilhelm Langguth die reichlich vorhandenen Mittel auch dazu, um sich einen Traum zu erfüllen, den er wohl seit den Antwerpener Jugendtagen gehegt hatte. Laut familiärer Überlieferung kaufte er zwei Schiffe, um einen Warenhandel zwischen Holland oder Belgien und der nordafrikanischen Küste zu betreiben.
Im Jahr 1857 zerstörte ein verheerender Brand den Stadtkern von Trarbach nahezu vollständig. Carl Wilhelm Langguth erwarb nun in Traben ein direkt am Moselufer liegendes großes, geräumiges Wohnhaus und den dazu gehörenden Grundbesitz auf der gegenüber liegenden Seite der Riesbacher Straße, wo er seine Kellerei und die Geschäftsräume errichtete.51 In diesem Haus in Traben wurden dem Ehepaar Langguth am 1.März 1864 als letzte Kinder die Töchter Aline und Ida geboren. Es waren sehr unterschiedliche Zwillingsmädchen, die eine ganz dunkel, die andere blond mit blauen Augen.52
Die Mutter Magdalene, die vier Kinder früh verloren hatte, war um die Zwillinge natürlich sehr besorgt und ließ sogar einen Facharzt aus Frankfurt am Main kommen, um die beiden Mädchen zu begutachten und Ratschläge für die bestmögliche Betreuung zu geben. Der Mediziner empfahl viel Sonnenlicht, und so wurden die Babys, je nach Tageszeit, von einem Fenster zum anderen getragen. Neben der Mutter kümmerte sich „Tante Hannchen“ Doll mit viel Liebe um die Kleinen. Besonders Aline hing sehr an ihr, die dem „hässlichen jungen Entlein“ eine Zukunft als stolzer Schwan prophezeite, was Auftreten und Haltung der erwachsenen Frau dann durchaus bestätigten. Die Zwillinge wuchsen unbelastet auf. Aline zeigte früh gute musikalische Anlagen, zur großen Freude ihres Vaters, von dem sie diese Begabung geerbt hatte. Von Kindheit an war sie sehr pflichtbewusst, ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester Ida, die alles viel leichter nahm, vielleicht weil ihr wegen des hübschen Aussehens mehr nachgesehen wurde. Außerdem profitierte Ida von der Gewissenhaftigkeit Alines. Schon während der Trabener Dorfschulzeit machte die eine Schwester für beide die schriftlichen Hausaufgaben, indessen die andere ruhig schlief. Jedenfalls war das die Darstellung der aktiven Hälfte des Zwillingspaares.
Aline Langguth
Auf die Erziehung seiner Kinder legte Carl Wilhelm Langguth großen Wert. Die Söhne schickte er, nachdem sie die Lehrzeit bei ihm im Geschäft absolviert hatten, nach eigenem Vorbild ins Ausland. Franz, der Älteste, ging nach Bordeaux, der Weine wegen, und Richard blieb sogar mehrere Jahre in England, erst in Liverpool und anschließend in London. Am 15. Januar 1880, im Alter von fast 65 Jahren, schloss der Vater mit den beiden Söhnen einen Vertrag, in dem er ihnen die unter der Firma „Franz Wilhelm Langguth“ geführte Weinhandlung zum 30. Juni 1879 rückwirkend übertrug.53 Er selbst widmete sich dann nur noch der Verwaltung seines Vermögens und dem Niederreidenbacher Hof.
Eine gute Ausbildung seiner Töchter war dem Vater ebenfalls sehr wichtig. Schließlich sollten sie gemäß seinem Status als wohlhabender und einflussreicher Mann entsprechende Ehen schließen. Sie kamen daher in Pensionate und Höhere Töchterschulen, die eine gute Allgemeinbildung vermittelten: fremdsprachliche Grundlagen, das Wissenswerte über die Führung einer Hauswirtschaft der gehobenen Stände, gute Umgangsformen und sicheres Auftreten, sowie Kenntnisse in Kunst, Musik und feinen Handarbeiten.54 Während eine der älteren Schwestern sogar nach Brüssel gehen durfte, wurden Aline und Ida nach der Konfirmation im Höheren Töchterinstitut von Mathilde Krebs in der Krögerstraße in Frankfurt am Main untergebracht.55 Auch dort erwies sich Aline als die arbeitsame und pflichtbewusste Zwillingsschwester.
Im Anschluss an die Schule verlebten die Mädchen eine sorglose Zeit. Sie gingen zu Tanzveranstaltungen, spielten Theater, besuchten Gesangsaufführungen und Konzerte, liefen Schlittschuh auf den überschwemmten Wiesen, machten Ausflüge und fuhren zu Gesellschaften bei den Verwandten in Saarbrücken. Aline war inzwischen zu einer auffallenden Erscheinung herangewachsen, gepaart mit sprühendem Temperament. Natürlich fing sie die sofortige Aufmerksamkeit des Amtsrichters Josef Braun ein, als er dieses junge Geschöpf zum ersten Mal sah. Die Begegnung fand nach der Überlieferung an der „Ponte“ statt, der Moselfähre zwischen Traben und Trarbach. Erst 1898/99 wurde nach dem Plan des bekannten Jugendstil-Architekten Bruno Möhring, dessen Bauten dann die Stadt Traben-Trarbach prägten, eine Brücke mit imposantem Torbau errichtet.56
Zwischen dem vierzehn Jahre älteren, schon etwas würdevollen Mann und dem jungen Mädchen entwickelte sich in kurzer Zeit eine tiefe Liebe und es stand für beide schon Anfang Januar 1883 fest, dass sie das Leben miteinander teilen wollten. Doch es gab massiven Widerstand gegen dieses Vorhaben. Der entschiedene Protestant Carl Wilhelm Langguth wollte es nicht dulden, dass seine Tochter einen Katholiken heiratete. Ferdinand Braun in Köln erwies sich trotz seiner Einbindung in die Laienbruderschaft als wesentlich toleranter, vielleicht war diese Einstellung aber auf die Milde seiner fast achtzig Jahre zurückzuführen. Weitere Hindernisse sah Langguth im unterschiedlichen Lebensalter, sicher aber im Beamtenstatus von Josef Braun, der von ihm mit „Hungerleider“ gleichgesetzt wurde.57 Den gut situierten Kölner Hintergrund nahm er wohl absichtlich nicht zur Kenntnis. Immerhin untersagte der Vater nicht gänzlich die Verbindung, sondern legte dem Paar eine einjährige Prüfungszeit auf, in dem es sich privat nicht begegnen durfte.
Abgesehen davon, dass sich die beiden in den zwei kleinen, überschaubaren Orten Traben und Trarbach, die jeweils um die 1.700 Einwohner hatten,58 bei öffentlichen und gesellschaftlichen Veranstaltungen trotzdem sahen, wenn auch keiner mit dem anderen sprechen konnte, und sie wegen der allgemein bekannten Anweisung des alten Langguth eigentlich immer unter Beobachtung standen, fanden die heimlich Verlobten Mittel und Wege, in engem Kontakt zu bleiben. Aus ihren „Brautbriefen“, veröffentlicht von einem Enkel des Paares, gehen zwar die vielen Schwierigkeiten, Enttäuschungen, Ärgernisse und Ängste hervor, letztlich aber vor allem die Botschaft, dass Liebe eben doch alles besiegen und auch das harte Herz eines autoritären Vaters erweichen kann. Noch vor Ablauf der Jahresfrist gab Carl Wilhelm Langguth nach. Allerdings kapitulierte er zu seinen Bedingungen. Die Verlobungsanzeige ließ er ohne das Wissen des Brautpaares Ende Oktober 1883 in die „Trarbacher Zeitung“ setzen.59
Nach diesen Erfahrungen hielt es Josef Braun für geboten, sein Eheleben in größerer räumlicher Distanz zum Einflussbereich seines zukünftigen Schwiegervaters zu beginnen. Sein Glück hielt an, denn das Gesuch um eine frei gewordene Stelle beim Amtsgericht in Köln hatte dieses Mal Erfolg und brachte die Zusage mit dem Antrittstermin am 1. März 1884.60 Eine geräumige Wohnung wurde am neuen Hohenzollernring gefunden, an dem noch die letzten Pflasterungsarbeiten stattfanden, und Aline stellte nach eingehender Besichtigung die Zimmereinrichtung zusammen. Die zu erwartenden Hochzeitsgeschenke, wie etwa ein Kronleuchter von den Schwestern, wurden in die Planungen mit einbezogen. Sie bekam als Mitgift außer den Sachwerten noch 30.000 Mark. Im Vergleich dazu bezog der Bräutigam als Amtsrichter ein Jahresgehalt von genau 3.300 Mark, das sich in den nächsten drei Jahren auch nicht erhöhen sollte.61 Inzwischen hatte Josef Braun den erforderlichen Heiratskonsens von seinem Vorgesetzten erhalten, um dessen Genehmigung er einkommen musste, und am 17. April 1884 fand in Traben die Trauung statt.
Nach der Rückkehr von der dreiwöchigen Hochzeitsreise, die nach Italien geführt hatte, nahm Amtsrichter Braun seine Dienstgeschäfte am 12. Mai wieder auf, wie er ordnungsgemäß seinem Vorgesetzten meldete. Seine junge Frau hatte anfangs Probleme, sich in die neuen Lebensumstände einzufinden. Anscheinend war daheim verabsäumt worden, sie mit dem alltäglichen Kochen vertraut zu machen. Nun bemühte sie sich, ihrem älteren Hausmädchen über die Schulter zu sehen. Auch die Einteilung des Haushaltsgeldes fiel ihr zuerst schwer, und da das Wort vom „Beamtenelend“ haften geblieben war, wagte sie nicht, ihren Mann um mehr zu bitten. Gegen Monatsende ging Aline Braun viel spazieren, damit sie nicht zu Hause war, wenn Rechnungen kamen. Um die Grundversorgung brauchte sie sich keine Gedanken zu machen, denn jeden Tag traf ein Paket von der Mutter aus Traben ein.62
Magdalene Langguth hatte schon lange an einer schweren Herzkrankheit gelitten. Sie starb in Traben am selben Tag, am 6. Januar 1886, an dem in Köln ihre Tochter Aline das erste Kind bekam. Es war ein Mädchen, das den Namen der Verstorbenen erhielt. Um die Wöchnerin zu schonen, wurde ihr der Tod der Mutter verschwiegen und Josef Braun las auf Rat des Arztes eine Woche lang fingierte Briefe vor, die eine Krankheit vorspiegelten, bis sich die Täuschung nicht mehr aufrecht erhalten ließ. Es war der erste große Schmerz für die 22-jährige. Aber das Jahr 1886 brachte noch mehr Prüfungen. Nur einen Monat später, am 11. Februar, starb Maria Theresia Braun im Alter von 73 Jahren. Ihren jüngsten Sohn belasteten diese zwei kurz aufeinander folgenden Todesfälle derart, dass er aus diesem Grund um einen zweiwöchigen Urlaub bat. Die seelischen Erschütterungen waren anscheinend sehr tief gehend.63
Nur wenige Wochen danach, Ende März 1886, erkrankte Josef Braun lebensgefährlich an einer Hirnhautentzündung, damals Genickstarre genannt. Es stand sehr kritisch um ihn. Seine Kölner Familie sandte einen Priester, um ihn mit der Letzten Ölung zu versehen, doch der Schwerkranke besaß noch soviel Kraft, ihn mit energischen Worten aus dem Zimmer zu weisen. Bis zur vollständigen Genesung dauerte es dann aber noch ein halbes Jahr.64 Ein weiteres tragisches Ereignis für die junge Familie bedeutete der Tod des einjährigen Töchterchens Ida, die sehr zart gewesen war und kurz vor der Geburt des dritten Kindes von Aline und Josef Braun starb. Luise kam am 13. September 1888 zur Welt. Sie wurde schon im eigenen Haus in der Von-Werth-Straße 31 geboren.
Das Schönste an dem schmalen, vier Stockwerke hohen Haus, dicht in die Reihe der Nachbargebäude gefügt, war wohl die Lage. Aus den großen Fenster ging der Blick auf die nahe Kirche St. Gereon mit ihrem grandiosen Kuppelbau aus der Spätantike, hinter der etwas versetzt die markanten Türme des Doms aufragten. Es handelte sich um eine gute und ruhige Wohngegend an den Ringen, wenige Schritte vom Stadtgarten entfernt, und dann war es auch nicht weit zu den Gerichtsgebäuden am Appellhofplatz, wie überhaupt die Kölner Innenstadt von der Von-Werth-Straße aus leicht zu Fuß erreicht werden konnte. Bequemer ging es allerdings mit der städtischen Pferdebahn, die ein dichtes Verkehrsnetz hatte.65 Hinter dem Haus befand sich ein kleiner ummauerter Garten mit Laube, Springbrunnen, Schaukel und einem Sandkasten für die heranwachsenden Töchter.66
Es waren insgesamt vier. Nach Magdalene und Luise kam am 5. Dezember 1890 „Catharine Aline“ dazu, immer nur „Käte“ genannt. Die Hebamme versuchte, wegen der Ankunft einer vierten Tochter statt des sehnlich erhofften Sohnes die Mutter zu trösten: „Diesmal braucht es Ihnen nicht leid zu tun, Frau Rat, denn es ist ein hübsches Dingelchen!“67 Ein erneuter, dann aber letzter Versuch brachte drei Jahre später das gleiche Ergebnis. „Linu“, eigentlich „Aline“, beschloss mit ihrer Ankunft am 18. Dezember 1893 den Töchterreigen im Haus Braun und vervollständigte das Kleeblatt. Josef Braun war sehr stolz auf seine Mädchen. Die Mutter warf ihnen das „Nur-Tochter-Sein“ zwar manchmal vor, doch nur im Zuge von temperamentvollen Auseinandersetzungen. Ansonsten wussten sich die Vier von ihr sehr warmherzig geliebt.
Das schmale, hochgeschossige Elternhaus von Käte Ahlmann in der Kölner Von-Werth-Straße
Ferdinand Braun hatte noch das erste Jahr seiner Enkelin Käte miterlebt, die ihm als junge Frau dann so ähnlich sehen sollte. Er starb am 5. Januar 1892 im 88. Lebensjahr, „gestärkt durch die Heilmittel der Katholischen Kirche“, wie es in der Traueranzeige hieß.68 Der leidtragende Sohn Josef Braun hatte als „Landgerichtsrat“ unterzeichnet, wozu er am ersten Tag des neuen Jahres befördert worden war. Sein Gehalt stieg damit auf jährlich 4.800 Mark, doch darauf war er durch das Erbe seines Vaters nicht mehr angewiesen. In einer dienstlichen Bewertung durch den Kölner Landgerichtspräsidenten im Jahr 1894 wurde Josef Braun als „vermögend“ eingestuft. Gleichzeitig bescheinigte ihm der Vorgesetzte sehr gute Befähigung, umfassende Kenntnisse und musterhaften Fleiß. Er arbeite ebenso schnell und gewandt wie gründlich und sei daher für eine Stelle am Oberlandesgericht Köln „vorzüglich geeignet“. Die Ernennung erfolgte zum 1. März 1895.69
An seinem Wirkungsort, dem 1893 neu errichteten Justizgebäude am Appellhofplatz, traf Josef Braun auf den Kanzleirat Johann Konrad Adenauer, der erster Gerichtsschreiber am Oberlandesgericht war, die höchste Position, die ein Beamter im Mittleren Justizdienst erreichen konnte. Er galt als überaus pflichtgetreu und gewissenhaft.70 Sein jüngster Sohn Konrad hatte um diese Zeit gerade das Jurastudium aufgenommen. Fast genau fünfzig Jahre danach, im März 1947, bat die Tochter Josef Brauns, unterschriftlich als „Frau Julius Ahlmann“, den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Theodor Steltzer um eine freundliche Empfehlung an Herrn Adenauer auf dem bevorstehenden Treffen der beiden führenden CDU-Politiker. Sein Vater sei ein geschätzter Mitarbeiter ihres Vaters gewesen.71
Die ersten Jahre Josef Brauns am Kölner Oberlandesgericht waren überschattet von häufigen Krankheiten. Ihm machte vor allem ein nervöses Magenleiden zu schaffen, das fachärztliche Behandlung und wiederholt Kuraufenthalte notwendig werden ließ. Die Symptome traten meistens im Herbst auf, kurz nach den langen Gerichtsferien. Vielleicht mutete sich Braun dann wieder zuviel Arbeit zu, denn außer seiner dienstlichen Tätigkeit am höchsten Gericht der Rheinprovinz fungierte er noch als Geschäftsführer der „Erben F. Braun GmbH.“, an der auch seine Geschwister und deren Kinder Anteile hielten. Die Gesellschaft erschloss zusammen mit der Kommune die Ländereien im Stadtteil Braunsfeld und baute dort mehrere große Häuser. Das alles kostete Josef Braun viel Zeit und Kraft. Ab 1901 schien sich seine Gesundheit aber zu stabilisieren.72
Wahrscheinlich war dem Fünfzigjährigen wegen seiner beruflichen und privaten Doppelbelastung auch der häusliche Trubel manchmal zu anstrengend. Vier quirlige kleine Mädchen, eine temperamentvolle und energische, sehr vitale junge Frau und drei Hausmädchen stellten eine geballte und lautstarke Weiblichkeit dar. Zwar verfügte Josef Braun in der ersten Etage über ein Arbeitszimmer, in dem er an einem Stehpult schrieb, und alle im Haus waren währenddessen zur Ruhe verpflichtet, auch Aline Braun bemühte sich, ihren Mann nicht zu stören, doch ganz ließen sich Geräusche bei der lebhaften Kinderschar nicht vermeiden. Gerade in Abwesenheit der Mutter kam es oft zu ohrenbetäubenden Turbulenzen, die der sanfte und nachsichtige Vater nur mit Mühe dämpfen konnte.73
Zwischen der Ältesten und der Jüngsten gab es einen Abstand von nur sieben Jahren und natürlich Konkurrenz untereinander und um die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern. Während Magdalene stets vorbildlich gewissenhaft und brav war, hatte sich Käte als „mittleres Kind“ vor allem gegenüber der zwei Jahre älteren, intelligenten und auch körperlich starken Luise zu behaupten.74 Das gelang ihr nicht nur bei Handgreiflichkeiten im Kinderzimmer, wenn sie einen Stuhl als Waffe gegen ihre kräftige Schwester einsetzte. Der Beiname „Kröte“ kam sicher nicht von ungefähr. Die kleine Linu, zärtlich „Alinula“ genannt, war der Liebling aller. Besondere Zuwendung, die das ganze Leben anhielt, erfuhr sie von ihrer nächst älteren Schwester. Käte las der Kleinen jeden Tag ein Märchen vor, wenn sie aus der Schule zurückkam.75
Die Töchter von Aline und Josef Braun wurden evangelisch getauft und erzogen. Bei der katholischen Verwandtschaft in Köln hießen sie, nur zum Teil scherzhaft gemeint, die „Ketzerkinder“. Doch bis auf eine Ausnahme, Helene Braun, die aus diesem Grund sogar die Nichten enterbte, herrschte in der Familie gegenseitige Toleranz in Glaubensfragen und Rücksichtnahme. So reichte Aline Braun bei der gemeinsamen Feier am Weihnachtsabend als festliches Essen stets Fisch. Für den großen Personenkreis kam ein voluminöser Kabeljau auf die Tafel. Nach Mitternacht, dem offiziellen Ende der adventlichen Fastenzeit, in der Katholiken Fleisch untersagt war, gab es dann, ebenfalls der familiären Tradition gemäß, Platten mit Schinkenbrötchen.76
Jahrhunderte hatten Protestanten in Köln keine Gottesdienste feiern dürfen, wenngleich es in der Stadt „heimliche Gemeinden“ gab. Erst unter französischer Herrschaft wurde dieses Verbot außer Kraft gesetzt und 1802 erhielten die Evangelischen ihre erste Kirche, die aus dem 14. Jahrhundert stammende, vorher dem aufgelösten Orden gehörende Antoniterkirche in der Schildergasse.77 1827 gründete die evangelische Gemeinde Köln, zu der sich erst im Jahr zuvor Lutheraner und Reformierte zusammen geschlossen hatten und die nun zweitausend Mitglieder umfasste, eine Mädchenschule, die auf dem Antoniterpfarrhof untergebracht wurde. Die Töchter sollten dort eine über die Volksschule hinaus gehende Bildung erhalten und „im Geist des lauteren Evangeliums“ erzogen werden, wie Philipp Beck, Leiter der Schule von 1876 bis 1910, in einem seiner Jahresberichte schrieb.78
Die evangelische Töchterschule in der Antoniterstraße hatte einen sehr guten Ruf und wurde auch von Schülerinnen katholischen und jüdischen Glaubens besucht. Sie nahm die Kinder mit sechs Jahren auf und führte über zehn Klassen. Nach einer Übersicht aus dem Jahr 1902 besuchten die „Beck’sche Schule“, wie sie nach dem Direktor allgemein hieß, insgesamt 572 Mädchen, die in achtzehn Klassen von zwanzig Lehrerinnen und einem Lehrer unterrichtet wurden.79 Beck legte großen Wert auf die Pflege der Fremdsprachen, Französisch und Englisch, doch auch sonst erhielten die Schülerinnen ein solides Wissen. Festigkeit und Strenge sollten sie zur steten Arbeitsamkeit führen, die nach der Auffassung von Direktor Beck die beste Garantie für Lebensfreude und wahres Glück bieten würde.80
Diese Grundsätze teilte Aline Braun in konsequenter Überzeugung. Käte Ahlmann hielt ihre Mutter in schulischen Angelegenheiten für „fast zu streng“. Wenn die Töchter einen Tadel erhielten, wagten sie kaum, nach Hause zu gehen. Was die Mädchen dort erwartete, davon hatten sogar schon die Lehrerinnen gehört: „Mit Mutter Braun ist nicht gut Kirschen zu essen“. Manchmal erließen sie aus Mitleid den Tadel, doch Käte und Luise bekamen mehrere Male das häusliche Donnerwetter zu spüren und die folgenden, nicht weniger gefürchteten Maßregelungen.81 Die Schularbeiten wurden von den Töchtern sowieso unter sorgfältiger Aufsicht der Mutter nach Tisch im Kinderzimmer gemacht. Das war die einzige Stunde am Tag, in der Aline Braun etwas ruhte.
„Als Hausfrau gab es gewiß niemanden, der froher und energischer schaffen und anspannen konnte. Und damals war noch viel verbaut in dem engen, hohen Köln. Die Centralheizung war ein Problem für sich, mit Reinigen und allem. Das Röhrensystem, die Waschküche, der Weinkeller mit den abzuziehenden Fässchen Wein, die Flaschenspülerei, das entsetzliche Spannen von Gardinen in leeren Räumen, die überhohen Fenster, die hohen Leitern beim Hausputz, das ständige Bewegen des vielen Weizenmehls in der Bodenkammer, das der Großvater Langguth schicken ließ, die Lamperien für Delfter Porzellan, die Polstermöbel überall, es war viel schwierigere Haushaltung als heutzutage“, beschrieb Käte Ahlmann fünfzig Jahre später ihr arbeitsintensives Elternhaus und die Mühe, die ihre Mutter damit hatte.82 Allerdings bezweifelte die Tochter, selbst unendlich arbeitsam, die Richtigkeit des rigorosen mütterlichen Leistungsprinzips. Danach sollte jeder täglich bis an das Ende seiner Kräfte gehen. Und ein weibliches Wesen müsse sich schämen, wenn Weihnachten nicht Arme und Beine vor Überanstrengung schmerzten.
Auf dem Schulweg hatten kleine Mädchen wie Käte einen Hut zu tragen
Trotz des dreiköpfigen Personals war es für Aline Braun selbstverständlich, die Töchter von Kindheit an in die hauswirtschaftlichen Arbeiten einzubinden, ganz in Gegensatz zu ihrer eigenen Jugend. Bei den Mädchen duldete sie kein Stillsitzen ohne „ernsthafte“ Beschäftigungen, wie etwa Nähen und Handarbeiten. Selbst vorangegangene Anstrengungen galten nicht als mildernde Umstände, für die ausnahmsweise eine Ruhepause bewilligt worden wäre. Nicht gerade erfreut reagierten die Töchter, wenn sie die Mutter zum Einkaufen in die Stadt begleiten sollten. Aline Braun prüfte in mehreren Geschäften, die meistens weit auseinanderlagen, mit großer Sorgfalt Qualität und Preise, bevor sie sich zum Kauf entschied. Wenn den Mädchen diese Prozedur zuviel wurde, erhielten sie wegen ihres Jammerns einen scharfen Verweis. Schließlich sollten sie für das Leben „gestählt“ werden.
Körperliche Ertüchtigung geschah aber nicht nur schnellen Schritts auf dem harten Pflaster der Kölner Innenstadt. Abgesehen vom Turnunterricht, auf den allerdings in der „Beck’schen Schule“ nicht viel Wert gelegt wurde,83 übten sich die Mädchen Braun in verschiedenen Sportarten. Es ist wahrscheinlich, dass der Vater, der in den warmen Sommerwochen frühmorgens vor dem Dienst ein Bad im Rhein nahm, die lebenslange Vorliebe der Tochter Käte für das Schwimmen prägte. Lange Spaziergänge durch den Stadtgarten und bis in das weit entfernte Braunsfeld gehörten zum festen Familienprogramm. Radfahren konnte auch Aline Braun, und natürlich war es in diesen Jahren unerlässlich, dass die „höheren Töchter“ Tennis spielten, indes weniger der sportlichen Betätigung wegen, sondern aus Gründen der Geselligkeit. Magdalene lernte in diesen Zirkeln ihren späteren Mann kennen.84
Die Mädchen Linu, Käte, Luise, Magdalene (v. l.)
Allein das Beispiel der Eltern vermittelte dagegen eine weitere, von den Töchtern der gehobenen Schichten als unerlässlich erwartete Fertigkeit.85 Freude an der Musik hatten alle vier Mädchen als Anlage von beiden Seiten mitbekommen. Aline Braun setzte sich gern zwischenzeitlich an den Flügel und drückte in ihren Interpretationen ihre tiefe Gefühlswelt aus. Häufig spielte sie auch mit ihrem Mann an freien Abenden ein Duo. Josef Braun hatte vom Vater die Musikalität geerbt und besaß eine ausgezeichnete Geige, die er sehr gut beherrschte. Dieses wertvolle Instrument wurde nach der Grundausbildung am Klavier, die für alle obligatorisch war, dann Käte im Sinn einer Auszeichnung anvertraut.86 Sie und Luise erhielten später zusätzlich noch Gesangsunterricht, während die jüngste Tochter Linu wohl über die größte musikalische Begabung verfügte.
Dieses Haus voller Talente wurde natürlich von der Mutter sorgsam gefördert. Es entsprach Aline Brauns Wesen, dass sie für den ideellen Zweck einiges in Kauf nahm. Obwohl der Unterricht überwiegend bei Musiklehrern stattfand, war das notwendige tägliche Üben in den unterschiedlichen Stadien der Fingerfertigkeit, häufig gleichzeitig auf Flügel, Klavier und Violine, und die sich wiederholenden gesanglichen Modulationen zweifellos etwas belastend.87 Einen Ausgleich für die oftmals quälenden Dissonanzen boten aber die ansprechenden Vorträge schon der kindlichen Töchter bei den Hauskonzerten in der Von-Werth-Straße, die Aline Braun mit Stolz erfüllten.
Das geneigte Publikum bei diesen Anlässen bestand aus Angehörigen der Kölner Familie und des Freundeskreises, doch Gäste von auswärts waren ebenfalls häufig anwesend. Die Verbindungen zur Mosel blieben sehr eng und die Geschwister nahmen gerne die Gelegenheit wahr, beim Verwandtenbesuch in Köln die Einkaufsmöglichkeiten der Großstadt zu nutzen und ebenso die vielfältigen kulturellen Angebote,88 zudem das Haus von Schwester und Schwager für diese Vorhaben sehr bequem lag. Andererseits fuhr Aline Braun oft nach Traben, um bei dem alten und hinfälliger werdenden Vater zu sein. Sie nahm zu diesen Aufenthalten auch ihre kleinen Töchter mit, die auf diese Weise lernten, wie Käte Ahlmann schrieb, das Moseltal ganz als Heimat zu empfinden.89 Damit untrennbar in Gedanken und Gefühl verbunden war eine Stätte, die sie noch mehr liebten.
Für die vier Mädchen aus der Großstadt Köln war der Niederreidenbacher Hof des Großvaters Langguth über der Nahe ein einzigartiges Kindheitsparadies. Alle hingen sie mit den Herzen noch nach Jahrzehnten daran und hielten die Erinnerungen an die dort verlebte glückliche Zeit in Aufzeichnungen fest, vielleicht weil dieses Paradies zusammen mit der Kindheit für sie dann unwiederbringlich verloren ging. In jedem Jahr hatten die Töchter Braun die fünf langen Wochen der Schulferien in einer wunderschönen ländlichen Umgebung verbracht. Bei jeder entstand durch dieses Erleben eine tiefe Naturverbundenheit, die sich in ihrer praktischen Ausprägung am stärksten bei den jüngsten Schwestern zeigte.
Der Aufbruch von Köln und die Fahrt waren abenteuerlich, denn außer mehreren großen, tagelang gepackten Schließkörben wurden Fahrräder mitgenommen, Herbarien, der Käfig mit den Kanarienvögeln und die von Käte sorgsam gehütete Violine. Nach mehrfachem Umsteigen war dann die Bahnstation Fischbach erreicht, wo Wagen und Pferde vom Hof für das letzte Stück der Reise warteten. Die Ankunft war gleichzeitig eine Heimkehr in das Vertraute. Herzlich begrüßt von den Bewohnern des Hofes mit dem Verwalter an der Spitze, richteten sich die Urlauber in den gewohnten Räumen des „kleinen Herrenhauses“ ein. Die Erwachsenen legten das Korsett städtischer Lebensführung ab und gaben sich einem entspannten, für sie bukolischen Dasein hin, während die Kinder sofort ausschwärmten, um von dem weitläufigen Gelände wieder Besitz zu ergreifen, bekannte Plätze aufzusuchen und Freundschaften mit Tieren zu erneuern.90
Die Aufenthaltsdauer der Familie Braun auf dem Niederreidenbacher Hof wurde von zwei landwirtschaftlichen Eckdaten bestimmt, dem zweiten Heuschnitt, dort „Grummet“ genannt, und der Kartoffelernte im September. Dazwischen lagen völlig unbeschwerte Sommerwochen, die von den Großstadtkindern in vollen Zügen genossen wurden. Wo sie konnten und durften, halfen sie im landwirtschaftlichen Betrieb mit. Käte ging auf die Suche nach Eiern der wild legenden Hühner, dirigierte die Enten zum richtigen Teich und begleitete den alten Hirten, wenn er die Schweine an die Waldränder und auf die Stoppelfelder führte. Die Kinder teilten das rustikale Essen, das den Knechten und Tagelöhnern gereicht wurde, wie sie auch Milch frisch von der Kuh tranken, nachdem sie das Melken gelernt hatten.91
Das über der Nahe liegende Gut Niederreidenbacher Hof war Kindheitsparadies
Im Kuhstall, in dem eine für die damalige Zeit gewaltige Anzahl von sechzig Tieren stand, waren auf Veranlassung von Aline und Josef Braun einige Holzbänke aufgestellt worden. Dort hielt sich die Familie häufig bei Regenwetter auf. Ein wichtiger Grund bestand in der zu dieser Zeit weit verbreiteten Annahme, dass die Luft im Kuhstall der Anfälligkeit gegen Tuberkulose entgegenwirken könne. Ansonsten gab es von der Fütterung bis zum Misten viel zu sehen. Den größten Eindruck machte der riesige Zuchtstier. Doch auch die gesamte Milchproduktion interessierte, bis hin zum Endabnehmer. Käte und Linu kletterten frühmorgens aus den Fenstern, um auf dem klappernden Milchwagen mitzufahren, der die umliegenden Dörfer belieferte.
Die Eltern genossen das ungezwungene Landleben in seiner Ursprünglichkeit. Der Tag begann mit einem späten Frühstück im Freien und die Mittagsruhe wurde auf einem mit Tannen bewachsenen Hügel in Hängematten verbracht. Von dort bot sich ein weiter Blick über das Nahetal. Zum Hof gehörte viel Wald, und Josef Braun ging während seines Aufenthalts gerne auf die Jagd. Allerdings benötigte er darüber hinaus Erholung, einmal im Jahr wohl etwas Abstand zur Familie, die er auf dem Land gut aufgehoben wusste. Für zwei Wochen fuhr Braun, meistens allein, nach Tirol, und machte dort Hochgebirgswanderungen, auf denen er in Berghütten übernachtete. Seine Frau nahm während seiner Abwesenheit die Gelegenheit wahr, mit den Kindern ihre Geschwister und vor allem den Vater in Traben zu besuchen. Die lange Fahrt durch den Idarwald und über den Hunsrück, begleitet von Erzählungen über den berühmten Räuber „Schinderhannes“, der dort um 1800 sein Unwesen getrieben hatte,92 war für die Mädchen aus Köln ein Erlebnis, das ihre Phantasie sehr beschäftigte.
Und dann kamen sie von der Höhe hinab in das Moseltal, wo sie in die große Familie mit einer Vielzahl von Tanten und Onkeln, Vettern und Cousinen eintauchten. Es drehte sich dort alles um Wein. Nicht nur die Brüder Franz und Richard Langguth waren erfolgreich in dem lokalspezifischen Geschäft tätig. Maria, die älteste Schwester von Aline Braun, hatte in die traditionsreiche Weinfamilie Huesgen geheiratet, deren Trabener Jugendstil-Villa als eines der gelungensten Gesamtkunstwerke des Architekten Bruno Möhring gilt.93 Helene wurde die Ehefrau von Louis Richter, eines ebenso wohlhabenden Weingutbesitzers und Weinhändlers aus Mülheim bei Bernkastel-Kues. Allen ging es in diesen Jahren sehr gut. Ein neues Weingesetz erlaubte seit 1892 die Nassverbesserung mit Zucker ohne Nachweis seines Anteils.94 Die gesüßten Moselweine entsprachen der zeitgenössischen Geschmacksrichtung und fanden entsprechenden Absatz.
Ida Langguth, die Zwillingsschwester von Aline Braun, führte nach dem Tod der Mutter dem alten Vater Carl Wilhelm Langguth lange Jahre das Haus. Das übliche Heiratsalter lag längst hinter ihr, ebenso wie einige „unrichtig ausgehende Herzensdinge“, als sie ihren zukünftigen Mann bei der Gründungsfeier des evangelischen Waisenhauses traf, für das ihr Vater einen ansehnlichen Betrag gestiftet hatte.95 Arnold Meyer, drei Jahre älter als Ida, hatte Rang und Namen. Nach Tätigkeiten als Prediger am Schloss zu Wernigerode und in Nervi bei Genua wurde er 1889 von seiner Pfarrstelle in Oberkassel am Rhein als Inspektor an das hoch angesehene Evangelisch-Theologische Stift in Bonn berufen. 1891 promovierte er an der dortigen Universität zum Licentiaten der Theologie und im Jahr darauf folgte seine Habilitation. Sein Hauptforschungsgebiet war Leben und Lehre Jesu. Im April 1896 wurde Arnold Meyer zum Professor für Neues Testament und Praktische Theologie in Bonn ernannt.96
Die Hochzeit seiner 35-jährigen, jüngsten Tochter Ida am 23. Oktober 1899 war das letzte große Fest, das Carl Wilhelm Langguth in seinem Trabener Haus feierte. Zur kirchlichen Trauung hatte er wegen seiner Gebrechlichkeit nicht mitkommen können. Als der alte Patriarch dann, von einem Pfleger geführt, den schönen geschmückten Saal im ersten Stock betrat, breitete sich eine ehrfurchtsvolle Stille aus, die den Anwesenden in Erinnerung blieb. „Unvergesslich ist es mir, wie wir an diesem Tage mit weißen Kleidern und bunten Schärpen am Hochzeitsmahle teilnahmen, wie immer Aufführungen, Gedichte und Lieder wechselten, wie man über die Kinderaufführungen lachte und das Gebahren meiner Vettern.“ Käte Ahlmann hatte diese Eindrücke noch nach über fünfzig Jahren lebhaft im Gedächtnis.97
Carl Wilhelm Langguth war der einzige Großelternteil, den die Kinder Braun bewusst kennen lernten. Sie erlebten den weit über 80-jährigen zwar nur noch mühsam und gebeugt gehend, doch sehr klar und kraftvoll im Geist und in der Ausübung seines Willens. Bis in sein hohes Alter hielt er sich über die Börsenpapiere auf dem Laufenden, gleich wichtig war ihm aber auch die tägliche Information über die jeweiligen Pegelstände der Mosel in Trier und Koblenz.98 Er hatte einen Vorleser, meist einen Kandidaten der Theologie. Carl Wilhelm Langguth war ein großer Bewunderer von Bismarck, schickte ihm Kisten mit Rotwein als Geburtstagspräsente und erhielt Dankesbriefe mit der Anrede: „Hochverehrter lieber Freund“. Die Entlassung des Staatsmannes hatte ihn sehr empört, und er äußerte sich in scharfer, fast prophetischer Weise über Kaiser Wilhelm II.: „Ihr werdet es erleben, dass dieser Mann Euch alle ins Verderben stürzt.“99
